tiefAdjektiv
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
von oben (weit) nach unten reichend, sich weit nach unten erstreckend
a)
Beispiele:
das Meer ist tief
ein tiefer See, Abgrund, Schacht, Graben
nach dem Erdbeben zogen sich tiefe Risse, Spalten durch den Boden
er hatte eine tiefe Furche, Falte zwischen den Brauen
ein tiefes Dekolleté
durch tiefen Schnee (hohen Schnee, in den man einsinkt) waten
durch den tief verschneiten Wald wandern
einer Maßangabe nachgestellt
bezeichnet die Ausdehnung von oben nach unten senkrecht zum Boden
Beispiele:
der Schacht ist 40 Meter tief
ein 10 Meter tiefer Brunnen
b)
von oben (weit) nach unten gerichtet
Beispiele:
ein tiefer Fall, Sturz
eine tiefe Verbeugung machen
der Baum hat tiefe Wurzeln
das Messer war tief ins Fleisch eingedrungen
sich tief bücken
er beugte seinen Kopf, beugte sich tief über das Buch
einen Pfahl tief in den Boden rammen
tief fallen, stürzen, graben, bohren
die Sonne sinkt tiefer
ein tief ausgeschnittenes Kleid
einer Maßangabe nachgestellt oft in Verbindung mit Verben der Bewegung
Beispiele:
er war 20 Meter tief in eine Schlucht gestürzt
als er drei Meter tief gegraben hatte, stieß er auf Grundwasser
c)
(weit) unten befindlich
Beispiele:
tief (unten) im Tal liegt ein Dorf
Familie F wohnt eine Etage tiefer
d)
nicht flach
Beispiele:
eine tiefe Schüssel
ein tiefer Teller (Suppenteller)
e)
übertragen
Beispiele:
der Krieg hat tiefe Wunden geschlagen
dieses Erlebnis hat tiefe Spuren bei ihr hinterlassen
beide trennt eine tiefe Kluft
einen tiefen (großen) Schluck aus dem Glas nehmen
jmd. steckt tief in Schulden (hat viel Schulden)
er steht bei ihm tief in der Kreide (hat bei ihm viel Schulden) umgangssprachlich
er musste tief in den Beutel, die Tasche, das Portemonnaie greifen (viel bezahlen) umgangssprachlich
jmd. hat zu tief ins Glas geguckt (ist angeheitert, hat sich betrunken) umgangssprachlich, scherzhaft
sie hat sich, ihn tief hineingeritten (in eine sehr unangenehme, schwierige Lage gebracht) salopp
sie hatte einen tiefen Griff in die fremde Kasse getan (hatte viel Geld gestohlen) verhüllend
ein tief gefallener, gesunkener (gestrauchelter) Mensch gehoben
stille Wasser sind tief (ruhige Menschen überraschen oft bei näherer Bekanntschaft) sprichwörtlich
2.
von vorn (weit) nach hinten, in den Hintergrund reichend
a)
Beispiele:
ein tiefer Schrank
wie tief ist dieses Regal?
die Bühne, das Zimmer ist sehr tief
tiefe Augenhöhlen
die Höhle erstreckt sich, reicht tief in den Berg hinein
die Wangen der Kranken waren tief eingefallen
einer Maßangabe nachgestellt
bezeichnet die Ausdehnung eines Gegenstandes von vorn nach hinten
Beispiele:
der Schrank ist 60 Zentimeter tief
dieses Regal ist (um) 10 Zentimeter tiefer
b)
weit von vorn nach hinten, in die Mitte, das Innere gerichtet
Beispiele:
vom Gipfel aus kann man tief ins Land hineinblicken
die Expedition drang tief in den Urwald ein, stieß tief in das unerforschte Gebiet vor
sie gingen immer tiefer in den Wald hinein
tief in das Land einschneidende Buchten
c)
weit hinten, im Innern befindlich
Beispiele:
seine Augen liegen tief (in den Höhlen)
der war auch Oberförster, aber tief im Uckermärkischen [WelkGrambauer200]
d)
übertragen
Beispiele:
das lässt tief blicken (ist sehr aufschlussreich)
bald waren sie tief (mitten) im Erzählen
es war tiefe Nacht, im tiefsten Winter, Frieden (mitten in der Nacht, im Winter, Frieden)
er war von Anfang September bis tief in den Oktober hinein krank
diese Tradition reicht bis ins tiefste, bis tief ins Mittelalter zurück
3.
in geringer Höhe befindlich
Gegenwort zu hoch
a)
Beispiele:
die tiefen Zweige eines Baumes
die Wolken, Nebelschwaden hingen tief
die Sonne stand schon tief
heute fliegen die Schwalben sehr tief
das Flugzeug flog, die Lampe hängt, ich sitze zu tief
das Grundstück liegt tiefer als die Straße
unter dem tiefen Himmel donnert die See [WeisenbornMädchen122]
von geringer Höhe
Beispiele:
ein tiefer Sessel, Wasserstand
b)
auf einer Skala, in einer Rangordnung weit unten
Beispiele:
tiefe Temperaturen
dieses Metall hat einen außerordentlich tiefen Schmelzpunkt
sie steht im Rang tief unter ihm
geistig tief stehen
moralisch auf einer tiefen Stufe stehen
ihr Bruder sitzt in derselben Schule zwei Klassen tiefer als sie
4.
sehr stark, sehr groß, intensiv
a)
Beispiele:
eine tiefe Stille, Ruhe, Krise
in tiefen Schlaf sinken
aus tiefer Ohnmacht erwachen
das Klingeln des Weckers riss ihn aus tiefen Träumen
in tiefes Nachdenken versunken sein
etw. übt auf jmdn. einen tiefen Einfluss, eine tiefe Wirkung aus
aus seinem Appell sprach ein tiefer Gerechtigkeitssinn, eine tiefe Menschlichkeit
ein Gefühl tiefster Geborgenheit erfüllt jmdn.
jmdm. etw. unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit anvertrauen
sein Schlaf war tief und erholsam
jmd. versenkt sich tief in sein Studium, eine Arbeit
tief in Gedanken (versunken) sein
tief in etw. verstrickt sein
b)
sehr stark, intensiv empfunden
Beispiele:
eine tiefe Regung, Empfindung
ein tiefes Gefühl
tiefe Freude, Sehnsucht, Niedergeschlagenheit, Unzufriedenheit, Abneigung, Verzweiflung, Verachtung erfüllt jmdn.
er hörte diese Worte mit tiefem Bedauern, tiefer Bewegung, Befriedigung, Bestürzung
ihre Züge spiegelten tiefe Trauer, tiefes Leid
jmd. fühlt tiefe Genugtuung
jmd. spürt ein tiefes Verlangen, Bedürfnis
jmdm. seinen tiefen Dank, seine tiefe Anteilnahme, sein tiefes Beileid aussprechen
ich sage dir das im tiefsten Vertrauen
jmd. ist tief betrübt, verwundert, enttäuscht, aufgewühlt
jmd. ist tief unglücklich
etw. ist tief bedauerlich
er war von der Wichtigkeit seiner Aufgabe tief durchdrungen, überzeugt
etw. beeindruckt, erschreckt, schmerzt jmdn. tief
etw. tief bereuen, bedauern, verabscheuen
jmdn. tief verachten
vom Dichter sehr tief empfundene Verse
jmd. macht ein tief unglückliches Gesicht
daß ich keinen tiefern Wunsch habe als den ... das ganze Leben mit dir zu teilen [RinserMitte193]
auf das Tiefstesehr stark
Beispiele:
jmd. ist auf das Tiefste ergriffen, bestürzt, erschüttert, beunruhigt
c)
von intensiver Färbung
Beispiele:
ein tiefes Schwarz, Blau, Braun
bei dieser Frage errötete, erblasste sie noch tiefer
tief gebräunt von der See zurückkehren
die tiefe Dunkelheit einer Nacht
das Tal lag schon in tiefem Dunkel
jmd. ist in tiefer Trauer, trägt tiefe Trauer (jmd. ist wegen eines Todesfalls ganz in Schwarz gekleidet)
Tiefe Röte übergoß mein Gesicht [JahnnNiederschrift2,353]
5.
gehaltvoll, tiefgründig
Beispiele:
ein tiefes Buch
eine tiefe Problematik, Erkenntnis
tiefe Gedanken, Gespräche
der tiefe Sinn, Gehalt eines Gedichts
in diesem Sprichwort liegt eine tiefe Weisheit, Wahrheit
etw. hat eine tiefere (nicht vordergründige) Bedeutung
nach tieferen Zusammenhängen, Ursachen, Gründen forschen
er sprach tiefe und bedeutungsvolle Worte
denn sie begriff, daß dies alles eine tiefe Bewandtnis haben müßte [WeisenbornMädchen67]
gründlich, nicht oberflächlich im Denken (und Fühlen)
Beispiele:
ein tiefer Denker
sein Vater war ein tiefer Mensch, Kopf
jmd. ist tief veranlagt
jmd. hat ein tiefes Gemüt, ein tief veranlagtes Wesen
6.
tief (ein)atmenviel Luft in der Lunge aufnehmen
Beispiele:
tief Atem, Luft holen
in tiefen Zügen rauchen
tief ausatmen
jmd. seufzt tief auf
Der Feldgraue tat ein paar tiefe Lungenzüge [FalladaWolf1,59]
7.
in der Gefühlswelt vor sich gehend, verborgen
Beispiele:
im tiefsten Herzen, in tiefster Seele dachte sie anders
seine Zweifel, Ängste saßen so tief, dass niemand etwas davon ahnte
etw. trifft jmdn. tief, geht bei jmdm. tief (etw. berührt, erschüttert jmdn. innerlich stark)
in ihrem tiefen Innern war sie überzeugt, es werde auch diesmal [mit den sicheren Geschäften] nichts werden [Feuchtw.Narrenweisheit68]
aus tiefstem Herzen, tiefster Seelesehr stark
Beispiele:
jmdn. aus tiefstem Herzen lieben
etw. aus tiefster Seele bedauern, verabscheuen
etw. erschüttert, erschreckt jmdn. bis ins Tiefste (sehr stark)
8.
infolge niedriger Schwingungszahl dunkel tönend
Gegenwort zu hoch
Beispiele:
jmd. hat eine tiefe Stimme
ein tiefer Sopran
auf dem Klavier einen tiefen Ton anschlagen
zu tief singen
dieser Ton liegt eine Oktave tiefer
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

tief Adj. ‘weit (nach) unten, ausgehöhlt, nicht flach’, übertragen ‘dunkel tönend, gehaltvoll, intensiv’, ahd. tiof (8. Jh.), mhd. tief, tiuf, asächs. diop, mnd. dēp, mnl. nl. diep, aengl. dēop, engl. deep, anord. djūpr, schwed. djup, got. diups ‘tief’ führen auf germ. *deupa-, das sich mit lit. dubùs ‘tief, hohl’, lit. daubà ‘Schlucht’, aslaw. dьbrь ‘Kluft, Schlucht, Tal, Abgrund’, russ. (älter) debr’ (дебрь) ‘Wald, Tal, Schlucht’, air. domain ‘tief’ zu einer Wurzel ie. *dheub-, *dheup- ‘tief, hohl’ stellen läßt. Tiefe f. ‘Ausdehnung nach unten, Abgrund, Intensität, Tiefgründigkeit’, ahd. tiufī (8. Jh.), mhd. (durch Angleichung an das Adj.) tiefe und (lautgerecht) tiufe (woraus Teufe, s. d.), asächs. diupi, mnd. dēpe, mnl. diepe, aengl. dīepe, got. diupei, Abstraktbildung mit dem Suffix germ. -īn- zum Adjektiv. Daneben mit dem Suffix germ. -iþō (*deupiþō) mhd. tiufede, tiefte, mnd. dēpede, dēpte, mnl. diepde, nl. diepte, mengl. depthe, engl. depth, anord. dȳpt, got. diupiþa ‘Tiefe’. vertiefen Vb. ‘tiefer machen, ausheben, intensiv verstärken’, refl. ‘sich intensiv mit etw. beschäftigen’, mhd. vertiefen ‘vertiefen, versenken’; dazu s. auch verteufen unter Teufe. tiefsinnig Adj. ‘tiefgründig, gründlich durchdacht, trübsinnig, schwermütig’ (1. Hälfte 18. Jh.), zuvor in der heute nicht mehr üblichen Bedeutung ‘scharfsinnig, schlau’ (Ende 16. Jh.). Dazu die Rückbildung Tiefsinn m. ‘grüblerisches Nachsinnen, Trübsinn, Schwermütigkeit’ (Mitte 18. Jh., zuvor Tiefsinnigkeit, 1. Hälfte 18. Jh.); vgl. mhd. tiefer sin.
OpenThesaurus (05/2016)

Thesaurus

Synonymgruppe
Synonymgruppe
hintergründig · profund · tiefdenkend · tiefschürfend
Synonymgruppe
lange · lange Zeit · nachhaltig · stark
Synonymgruppe
Antonyme
Assoziationen
DWDS-Beispielextraktor

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Ich dachte, vielleicht liege ich in zwei Jahren zwei Meter tiefer.
Der Spiegel, 07.09.1987
Für kurze Zeit schien ein tiefes Ausruhen ihn zu überkommen.
Schaper, Edzard: Der Henker, Zürich: Artemis 1978 [1940], S. 917
Und in der Art, mit der er den Namen seines Sohnes aussprach, lag ein tiefes Ausruhen.
Klepper, Jochen: Der Vater, Gütersloh: Bertelsmann 1962 [1937], S. 709
Diese Geschichte hat er selbst erlebt - und es ist eine tiefe Geschichte.
Tucholsky, Kurt: Man muß dran glauben . . . In: Kurt Tucholsky, Werke - Briefe - Materialien, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1919]
Verlasse die Welt und fliehe noch tiefer hinein in Gott!
Hauptmann, Gerhart: Der Narr in Christo Emanuel Quint, Berlin: Aufbau-Verl. 1962 [1910], S. 83
DWDS-Wortprofil

Typische Verbindungen
computergeneriert

Bedauern Bedeutung Depression Einblick Einschnitte Graben Kluft Krise Loch Mißtrauen Rezession Risse Schlucht Sinn Spuren Stand Tal Temperaturen Trauer Wunden durchatmen eindringen greifen greifende liegenden rutscht sitzt steckt verwurzelte Überzeugung

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›tief‹.

Wortbildung

mit tief als Erstglied Tiefbau · Tiefbunker · Tiefdecker · Tiefdruck · Tiefebene · Tiefflieger · Tiefflug · Tiefgang · Tiefgarage · Tiefhalte · Tieflader · Tiefland · Tiefpass · Tiefpaß · Tiefpunkt · Tiefschlaf · Tiefschlag · Tiefsee · Tiefsinn · Tiefstand · Tiefstart · Tiefstrahler · Tiefsttemperatur · Tieftemperaturphysik · Tiefwasser · Tiefwurzler · tief beleidigt · tief bohren · tief eingewurzelt · tief gehend · tief gekränkt · tief hängend · tief klingend · tief pflügen · tief reichend · tief stehend · tief tönend · tief verschneit · tief verwurzelt · tiefbeleidigt · tiefblau · tiefbohren · tiefbraun · tiefdunkel · tiefeingewurzelt · tiefernst · tiefgefrieren · tiefgefrostet · tiefgehend · tiefgekränkt · tiefgekühlt · tiefhängend · tiefinner · tiefinnerlich · tiefklingend · tiefkühlen · tiefpflügen · tiefreichend · tiefrot · tiefschwarz · tiefstapeln · tiefstehend · tieftraurig · tieftönend · tiefverehrt · tiefverschneit · tiefverwurzelt
mit tief als Letztglied abgrundtief · bergetief · fußtief · klaftertief · knietief · knöcheltief · metertief · spatentief · untief · zentimetertief · zolltief
Ableitungen von tief Tiefe · vertiefen
formal verwandt mit zutiefst

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