Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Artikel des Tages – Archiv

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[] seine Pappenheimer kennen, Mehrwortausdruck

genau wissen, mit wem man es zu tun hat; sich bewusst sein, was man von bestimmten Menschen (besonders im negativen Sinne) zu erwarten hat

„Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer.“: Mit diesem Satz im Drama „Wallensteins Tod“ machte Schiller das Kürassierregiment des Gottfried Heinrich zu Pappenheim (1594–1632) – berüchtigt für seine Grausamkeit wie für seine Loyalität – unsterblich. Doch anders als im Theaterstück, in dem Wallenstein die sprichwörtliche Treue der Elitetruppe würdigt, wird die Wendung heute abwertend verwendet. Was zur Bedeutungsverschlechterung führte, ist nicht ganz klar: So oblag in Nürnberg den sogenannten Pappenheimern die Reinigung der städtischen Kloake. Wahrscheinlicher ist aber der Einfluss von Wendungen wie „nicht von Pappe“ oder „ein/kein Pappenstiel“, in denen Pappe stets für etwas Wertloses steht.

[] Mumpitz, der

salopp: Unsinn, Blödsinn

Börsengeschäfte waren auch im 19. Jh. nur etwas für Eingeweihte. 1874 erläuterte ein Börsenmakler vor Gericht: Wenn er ein Papier zu einem ganz besonderen Preis anbiete „und [er] zwinke dabei stark mit den Augen“, sei eigentlich ein Scheingeschäft beabsichtigt. Im Börsenjargon war das ein sogenannter „Mumpitz“ (zur Kursmanipulation). In der Bedeutung „Unsinn, Blödsinn“ bürgerte sich die kapitalistische Sprachschöpfung bald außerhalb des Parketts ein. Möglicherweise ließen sich die Makler hier von „Mombotz“ (‚Schreckgespenst‘) oder „Butzenmummel“ und „Mummelputz“ (‚Popanz‘, ‚Vogelscheuche‘) inspirieren.

[] Metronom, das

Musik: früher mechanisches, heute meist elektronisches Gerät, das durch (akustische) Impulse ein konstantes Tempo vorgibt

Seit über 200 Jahren sorgt das Metronom dafür, dass der Musikant nicht aus dem Takt fällt und Orchester ihr Tempo gemäß den Vorgaben des Komponisten zügeln bzw. auf die Tube drücken müssen. Doch obwohl auf Partituren die Auszeichnung „MM“ auf den Erfinder Johann Nepomuk Mälzel verweist, ist der Regensburger Mechaniker, Musiker und Unterhaltungskünstler heute fast vergessen. Zu Lebzeiten war Mälzel dagegen ein A-Promi. Auf gutbesuchten Verkaufsveranstaltungen, die eher Tourneen durch Europa und Amerika glichen, unterhielt er das Publikum mit seinen von ihm konstruierten Musikautomaten, aber auch mit zugekauften Maschinen, wie dem berühmten Schachtürken. Heute vor 250 Jahren wurde das umtriebige Verkaufstalent geboren.

[] Eidechse, die

vierbeiniges, schlankes und flinkes Schuppenkriechtier, das in warmen, trockenen Regionen Eurasiens und in Afrika verbreitet ist

Heute begehen wir den Internationalen Tag der Eidechse (vielleicht mit einem Ausflug in die Natur, um die schönen Tiere zu Gesicht zu bekommen?). Der angehende Etymologe wird im Wort „Eidechse“ eine durch ein zu klärendes Element „Eid-“ determinierte „Echse“ sehen. Doch der Schein trügt: Der Oberbegriff wurde erst 1816 als Kunstwort von Oken aus dem Namen der flinken Tiere abgetrennt. Immerhin weist die althochdeutsche Form „egidehsa“ im Vorderglied womöglich das alte indogermanische Wort für die Schlange, *e/o(n)gʷʰi-, auf. Doch das Hinterglied bleibt dunkel. Offenbar sind die Eidechsen nicht nur im echten Leben, sondern auch in ihrem Namen uns gegenüber besonders scheu.

[] mit der linken Hand, Mehrwortausdruck

ohne Mühe, ohne Anstrengung

Was die Redewendung noch als mit erstaunlicher Leichtigkeit erbrachte Leistung würdigt, war lange Zeit für die Betroffenen ein Problem, wenn es ans Schreiben ging. Spätestens da hörte der Spaß auf, die Bewunderung wich der Stigmatisierung. Lange Zeit wurden linkshändig schreibende Kinder in der Schule regelrecht umerzogen zum Scheiben mit rechts. Daran erinnert der Internationale Tag der Linkshänder, den wir heute feiern, nach zögerlichen Anfängen in den siebziger Jahren nun schon regelmäßig seit 30 Jahren. In Japan wird aus diesem Anlass ein nationales Bowling-Turnier für Linkshänderinnen und Linkshänder ausgerichtet. Da wird wohl manchem der große Wurf mit der linken Hand gelingen, oder?

[] Quagga, das

(seit dem 19. Jahrhundert ausgerottete) südafrikanische Unterart des Steppenzebras mit rotbraunem Rumpf, weißen Beinen und weißem Schwanz sowie dunkel gestreiftem Fell an Kopf, Hals und oberem Rumpf

Noch vor wenigen hundert Jahren galoppierten wilde Quaggas en masse und allerorten durch die Weiten der südafrikanischen Landschaft – Landbau, Feinschmeckertum und Vergnügungsjagden führten im 19. Jh. plötzlich zu ihrer Ausrottung. Leider konnten auch Züchtungen das Überleben der Zebra-Form nicht sichern: Heute vor 139 Jahren verstarb das offiziell letzte lebende Tier im Amsterdamer Artis-Zoo. 23 Quaggas können heute weltweit als museale Präparate bestaunt werden, Tonaufnahmen aber gibt es keine. Immerhin: Ihr Name (ursprüngliche Aussprache [ˈkvaxa]) soll ihren Ruf lautmalerisch imitieren.

[] Gebirgsluft, die

Luft in höheren Gebirgslagen, deren Temperatur mit zunehmender Höhe abnimmt und daher oft als rein und klar wahrgenommen wird

Gebirge: Einst als Sitz der Götter und Geister gefürchtet, heute von gestressten Großstadtmenschen als Sehnsuchtsort aufgesucht, um bei Wander- oder Klettertouren in reiner Gebirgsluft Erholung zu finden. Die Japaner haben dabei Tradition und Moderne elegant verknüpft: Seit 2016 wird jedes Jahr am 11. August der „yama no hi“ – der Tag des Berges – als gesetzlicher Feiertag begangen. Er erinnert an die Berge als natürliches, kulturelles und spirituelles Erbe, das es zu bewahren gilt. Zugleich schließt wohl nicht ganz zufällig das buddhistische Obon-Fest (13.-16. August) an, an dem mit Opfergaben, schwimmenden Laternen und Tänzen der Verstorbenen gedacht wird.

[] klönen, Verb

meist D-Nord, gelegentlich D-Mittelwest, umgangssprachlich: ein ungezwungenes, angenehmes Gespräch führen

Wann haben Sie zuletzt so richtig schön geklönt? Falls Sie eine Antwort darauf haben, kommen Sie wahrscheinlich aus dem Norden Deutschlands. Das Verb „klönen“ verdanken wir ursprünglich dem Niederdeutschen (Platt). Das Niederdeutsche ist kein Dialekt, sondern als eigene Regionalsprache anerkannt und wird daher auch, gemeinsam mit den in Deutschland gesprochenen Minderheitensprachen Dänisch, Friesisch, Sorbisch und Romanes, im Sinne der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen gefördert und geschützt. Eine wichtige Rolle beim Spracherhalt spielen dabei schriftliche Erzeugnisse der Sprache. Ein bekannter niederdeutscher Schriftsteller, Fritz Lau, hat heute seinen 150. Geburtstag.

[] sich verbreiten wie ein Lauffeuer, Mehrwortausdruck

sehr schnell weitererzählt und dadurch (allgemein, in der Öffentlichkeit) bekannt werden; rasch um sich greifen, sich rapide über einen weiteren Umkreis erstrecken

Redewendungen wie diese erscheinen uns transparent, weil wir die einzelnen Wörter zu kennen meinen. In unserem Fall steht das „Lauffeuer“ aber ursprünglich nicht für einen Brand, der sich in Windeseile ausbreitet. Der Ursprung liegt vielmehr im feuerwerksverliebten Barock – und natürlich im Militär: Um Raketen, Böller oder eben auch Minen in schneller Folge zünden zu können, streute man Schießpulver in langen Linien auf die Erde. Einmal entzündet bewegte sich die Flamme in hoher Geschwindigkeit zum Ort der Explosion. Spätestens im 18. Jh. wurde der Ausdruck wie z. B. bei Johann Heinrich Campe übertragen verwendet: „Wie ein Lauffeuer lief indeß das Gerücht von Robinsons Zurükkunft (…) durch die Stadt.“

[] die Katze aus dem Sack lassen, Mehrwortausdruck

eine bisher geheime (negative) Information preisgeben

Sie wurde symbolisch aufgeladen wie kaum ein anderes Tier: die Katze. Positiv im alten Ägypten, wo sie verehrt wurde. Negativ im europäischen Mittelalter. Unter christlichem Vorzeichen wurde sie, vor allem die im schwarzen Fell, als Ausgeburt des Antichristen angesehen und mit schwarzem Zauber in Verbindung gebracht. Noch heute klingt das Ambivalente in der Wahrnehmung dieser Wesen in einigen Redewendungen an: die Katze im Sack kaufen, die Katze aus dem Sack lassen. Kommt da was Erfreuliches oder etwas Unerfreuliches? Man weiß es noch nicht, fürchtet es gleichwohl. Man kann aber auch Katzen einfach nur süüüüüüüüß finden, vor allem heute, am Welttag der Katze.

[] Drehtür, die

aus mehreren, um eine Mittelachse drehbaren Flügeln bestehende Tür

Mindestens wer Kinder hat, weiß um die Faszination von Drehtüren, die – ob nun geschoben oder mit eigenem Motor – durch ihre beständige Rotation Personenflüsse ohne Pause, ohne Knarren und ohne Luftzug leiten können. Am 7. August 1888 erhielt der Erfinder Theophilus Van Kannel in seinem Heimatland USA ein Patent auf die Drehtür, die bald ihren Siegeszug antreten sollte – zwar nicht, wie eigentlich auch gedacht, in Privathäusern, dafür umso mehr in Geschäften, öffentlichen Gebäuden usw., so dass sie auch heute im Zeitalter elektrischer Schiebetüren aus dem Stadtbild nicht wegzudenken ist. Und wie wir alle wissen, kann nur Chuck Norris Drehtüren zuschlagen.

[] Blues, der

durch den typischen Einsatz sogenannter Blue Notes gekennzeichnete Musikrichtung von zumeist getragenem und melancholischem Charakter, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert durch die Verschmelzung afrikanischer, europäischer und karibischer Elemente als Form afroamerikanischer Folklore in den USA entstanden ist

Am heutigen Tag des Blues ein kleiner Blick auf die Wortgeschichte: Der aus dem amerikanischen Englisch übernommene Ausdruck für die Musikrichtung entstand womöglich als Verkürzung der Wendung „blue devils“, womit man vor allem früher eine traurige, melancholische, depressive Stimmung (ursprünglich bösartige, Melancholie verursachende Dämonen) bezeichnete. Denkbar ist aber auch ein direkter Zusammenhang mit dem Adjektiv „blue“ (= traurig, melancholisch, depressiv). Man findet es z. B. in „to feel blue“ (= deprimiert sein) oder auch in „to look blue“ (= deprimiert wirken, aussehen). Wie es zur übertragenen Bedeutung von „blue“, eigentlich ja ‚blau‘, kam, bleibt ein Rätsel: Vermutlich spielt der Begriff auf die ungesunde bläulich-fahle Hautfarbe aufgrund von schlechter Blutzirkulation, Sauerstoffmangel o. Ä. an.

[] grünes Licht geben, Mehrwortausdruck

die Erlaubnis erteilen, etw. zu tun; zustimmen, sich einverstanden erklären

Sie gibt uns grünes Licht dazu, weiterzufahren oder weiterzugehen, seit mehr als hundert Jahren. Die erste elektrische Ampel wurde im US-amerikanischen Cleveland (Ohio) am 5. August 1914 in Betrieb genommen – ein Anlass, heute die Lichtzeichenanlage zu feiern, wie sie im Amtsdeutschen heißt. Das Wort Ampel bezeichnete vor dem Siegeszug dieser technischen Anlagen eine Hängelampe, deren Flämmchen durch Öl genährt wird. Und das bereits seit althochdeutschen Zeiten. Den Sprung von der Lampe (als hängendem Gefäß) zu unserer Lichtzeichenanlage kann man leichter nachvollziehen, wenn man sich vorstellt, dass die Verkehrsampel auch heute noch gelegentlich an einem Mast hängt

[] aus Daffke, Mehrwortausdruck

nur so, bloß zum Spaß; aus Trotz

Bei Nichtberlinerinnen und Nichtberlinern sorgte die Wendung „aus Daffke“ schon immer für fragende Gesichter. Für selbige textete der in den 1920er Jahren populäre Kabarettist Marcellus Schiffer eine ebenso elegante wie sprachhistorisch akkurate Übersetzung: „‚Aus Daffke‘ heißt auf deutsch ‚erst recht‘/ Man tut sehr viel was man nicht möcht' / Aus Daffke / Was man aus Trotz tut und aus Wut / Und was man aus Gemeinheit tut / Heißt 'Daffke'“. Tatsächlich steht hinter dem, was wir als Substantiv interpretieren, im Jiddischen das eher unscheinbare Adverb „dafke(s)“ (= erst recht), das auf hebräisch „davkā“ (= nur so, nicht anders) zurückgeht. Beeinflusst durch die Wendung „aus Trotz“ kam es wohl zum Wortartwechsel (Konversion).

[] schwurbeln, Verb

sich realitätsfern (oft esoterisch), rational nicht oder kaum nachvollziehbar äußern

Das Verb „schwurbeln“ (sowie „Schwurbler“, „Schwurbelei“) hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Verbreitung erfahren. Ursprünglich nur Nebenform des seltenen „schwirbeln“, das selbst eine alte Nebenform von „wirbeln“ ist, drückt es bildlich aus, dass sich jemand seltsam „verdreht“ äußert. Heute wird es besonders für Esoteriker und Verschwörungsgläubige gebraucht, die ihre Ansichten wortreich und faktenarm („Gedächtnis des Wassers“, „Chemtrails“, „Plandemie“), besonders in den sozialen Netzwerken verbreiten. Man kann das Ganze zwar als harmlose Spinnereien abtun, doch können auf dieser Grundlage auch Fehlglauben, Verunsicherung und Misstrauen wachsen.

[] wie aus dem Lehrbuch, Mehrwortausdruck

mustergültig, vorbildlich, beispielgebend

Am 2. August 216 v. Chr. traten bei Cannae in Apulien rund 80 000 römische Legionäre an, um die nur halb so starken karthagischen Fußtruppen des Hannibal zu überrollen. Doch der Karthager erwies sich als überlegener Taktiker: Er ließ sein Zentrum nachgeben und seine überlegene Reiterei die Römer im Rücken angreifen. Von allen Seiten umzingelt, konnte die römische Übermacht nicht mehr zur Entfaltung kommen und wurde nach und nach niedergemacht. Auch wenn Hannibal diesen vollständigen Sieg strategisch nicht ausnutzen konnte und den Krieg verlor, wird seine Taktik bis heute als Vorbild an den Militärakademien gelehrt und beeinflusste auch die moderne Kriegsführung.

[] Räuberpistole, die

umgangssprachlich: im Großen und Ganzen unwahre, in übertreibender Weise dargebotene bzw. ausgeschmückte Geschichte

Weil Otfried Preußler mit seinem Hauptwerk „Krabat“ nicht weiterkam, beschloss er, eine wahre Räuberpistole zu schreiben. Er erfand den Kaffeemühlen stehlenden, mit Pfefferpistole und sieben Messern bewehrten Räuber Hotzenplotz. Gemeinsam mit illustren Figuren wie Kasperl und Seppel, dem bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, der Fee Amaryllis sowie dem schrulligen Wachtmeister Dimpfelmoser erfreut dieser bereits die dritte Kindergeneration. Am 1. August 1962 erschien die Erstausgabe des Kinderbuchklassikers „Räuber Hotzenplotz“. Spoiler: Am Ende gewinnen die Guten.

[] Hundstage, nur im Plural

Zeit vom 23. Juli bis 23. August, in die in Europa häufig die heißesten Tage fallen

Dieser Artikel wurde Ende Juni bei morgendlich angenehmen 20 Grad verfasst. Die Chancen stehen gut – selbst ohne die Klimaerwärmung –, dass es heute, am Tag seiner Veröffentlichung, knackig heiß ist. Denn seit gut einer Woche befinden wir uns in den Hundstagen, in denen man sich meist Abkühlung in Form von Eis, Pool oder Ventilator suchen muss, um nicht zu vergehen. Diese Tage heißen übrigens nicht so, weil man da schwitzt wie ein Hund – die Schweißdrüsen sind bei Hunden auf die Pfotenpolster beschränkt, stattdessen hecheln sie ja –, sie sind benannt nach Sirius, der im alten Rom um diese Zeit im Sternbild Orion aufging und schon damals „canīcula“, Hundsgestirn, genannt wurde.

[] ein Herz und eine Seele, Mehrwortausdruck

einander sehr nahestehend, eng befreundet; sehr gut miteinander harmonierend

Für alle, die dachten, es würde in diesem Artikel des Tages um eine deutsche Fernsehserie aus den 1970ern gehen, und die gleich an ihren Protagonisten Ekel Alfred und seine feindseligen Schimpfereien dachten: Wir müssen Sie enttäuschen; es geht heute um das komplette Gegenteil. Heute vor elf Jahren wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen der Internationale Tag der Freundschaft ins Leben gerufen. Dabei soll nicht nur die harmonische Verbundenheit zwischen Einzelpersonen gefeiert, sondern vor allem um die Versöhnung und Verständigung zwischen ganzen Völkern, Ländern und Kulturen gekämpft werden. Und was soll man sagen?! – Wir haben noch viel zu tun …

[] tigern, Adj.

irgendwohin, zu einem oft weiter entfernten Ziel gehen, marschieren; unruhig, nervös (wie ein Tiger in einem Käfig) hin- und herlaufen

Der Tiger – Auf die Menschen übte Panthera tigris schon immer eine große Faszination aus. Im Mittelhochdeutschen sprach man bewundernd vom „tigertier“. Auch heute verbinden wir mit dem Wort viele Nebenbedeutungen: Aufstrebende Länder bezeichnet man als „Tigerstaaten“. Wenn wir unruhig hin und her wandern, dann ‚panthern‘ wir (Rilke zum Trotz) nicht etwa, sondern „tigern“ durch die Gegend. Und als „getigert“ bezeichnen wir, wenn etwas dem charakteristischen Fellmuster des Gestreiften entspricht. Für den realen Tiger selbst erweist sich der Kontakt zur Menschheit dagegen als Katastrophe. Gerade einmal 4500 Exemplare leben noch in Freiheit. Grund genug heute am „Tag des Tigers“ an die bedrohte Art zu erinnern.

[] Ozeanographie, die

fachsprachlich: Wissenschaft bzw. Lehre von der physikalischen Beschaffenheit der Meere und den physikalischen Vorgängen in ihnen

Jacques Piccard, eigentlich gelernter Ökonom und Historiker, begann nach dem Studium seinem Vater Auguste beim Bau eines Tiefseetauchgeräts zu helfen und fand so seine eigentliche Bestimmung. Mit der „Trieste“ unternahm Jacques zusammen mit Don Walsh am 23. Januar 1960 einen Rekordtauchgang auf den Grund des Challengertiefs (10916 Meter) im Marianengraben. Dort lastete ein Druck von 170000 Tonnen auf der winzigen Trieste. Doch sie hielt stand: Piccard und Walsh tauchten nach achteinhalb Stunden wohlbehalten wieder auf – mit der Erkenntnis, dass auch in diesen tiefsten Tiefen Leben existiert (sie hatten aus ihrer Luke Meerestiere beobachtet). Heute vor 100 Jahren wurde Piccard geboren.

[] Schlafmütze, die

Person, die morgens gerne länger schläft; sichtlich übermüdete bzw. nicht ausgeschlafene Person

Ein kühles Bad im See, morgens um sieben, wer träumte nicht davon! Wer zu lange träumt, könnte in Finnland mit einem solchen, unfreiwilligen Bad „belohnt“ werden. An Unikeonpäivä, einer finnnischen Variante des Siebenschläfertages, werden Schlafmützen unsanft mit Wasser oder im Wasser geweckt. Angeblich möchte man damit verhindern, dass die Opfer den Rest des Jahres verpennen. In Naantali, einem Kurort im warmen Südwesten Finnlands, wird jedes Jahr eine nationale Berühmtheit, besonders solche mit Verdiensten um diesen Ort, durch diesen Brauch geehrt. Pruuust!

[] Griff ins Klo, Mehrwortausdruck

bildlich, salopp: Synonym zu Fehlgriff, Reinfall, Misserfolg, siehe auch Schuss in den Ofen

Treffen wir eine dumme Entscheidung oder misslingt uns etwas, sprechen wir von einem „Griff ins Klo“ – unangenehm genug. Nicht unangenehm, sondern vielmehr katastrophal ging es wohl am 26. Juli 1184 im Erfurter Marienstift zu. Im obersten Stockwerk der Dompropstei hatte sich eine große Gesellschaft, darunter Heinrich VI. mitsamt seinem Gefolge, zu einem Beratungsgespräch versammelt, als plötzlich der marode Boden unter Last der Menschen zusammenbrach. Die Opfer fielen zwei Stockwerke tief in die Toilettengrube, einige von ihnen ertranken in den Ausscheidungen, insgesamt starben 60 Menschen. Dieses mittelalterliche Unglück, der sogenannte Erfurter Latrinensturz, war wohl mehr als nur ein Griff ins Klo.

[] volle Pulle, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: mit voller Energie, Leistung, mit Höchstgeschwindigkeit; mit aller Kraft, ohne Limit, maximal

Das deutsche Bahnsystem wird oft dafür kritisiert, dass es im Mischbetrieb fährt, sich also Fern-, Regional- und Güterzüge die Gleise teilen, während z. B. in Frankreich oder Japan die schnellen Fernzüge oft exklusive Strecken haben, wo sie nicht von langsameren und verspäteten Zügen ausgebremst werden. Doch auch hierzulande gibt es solche dedizierten Schnellfahrstrecken. Die erste solche wurde heute vor 20 Jahren zwischen Köln und Frankfurt (Main) eröffnet und war auch die erste, auf der die ICEs mit 300 km/h richtig Gas geben durften – was allerdings nur der ICE 3 schafft, die anderen ICE-Generationen erreichen technisch nur 230 bis 280 km/h.

[] sein Steckenpferd reiten, Mehrwortausdruck

seine persönlichen Ziele verfolgen, sich nur einem bestimmten Thema widmen; seinem privaten Hobby nachgehen

In deutschen Kinderzimmern fristet das Steckenpferd ein karges Dasein, im Wortschatz ist es quicklebendig. Schuld daran ist ausgerechnet eine englische Publikation – der in der Sturm-und-Drang-Szene gefeierte Roman „Tristram Shandy“. Darin bezieht sich der Erzähler mit dem Ausdruck „hobby-horse“ nicht auf ein Spielzeugpferd, sondern im übertragenen Sinn auf die mit Leidenschaft betriebenen Kriegsspielchen, mit denen Onkel Toby sein Trauma bewältigt. Auch für die deutsche Entsprechung „Steckenpferd“ wurde binnen weniger Jahre die Bedeutung „Leidenschaft, Liebhaberei“ geläufig. „Ertrage jeden Schwachen und lass jedem sein Steckenpferd“, lautete etwa eine Maxime des Adolph Freiherrn von Knigge.

[] Wettergott, der

in einigen Kulturen als Beherrscher des Wetters verehrte Gottheit

In der vorchristlichen Zeit (und darüber hinaus) schienen viele Naturphänomene noch unerklärlich. Besonders beängstigende Wettererscheinungen schrieb man Göttern zu, huldigte ihnen und hoffte darauf, von Katastrophen verschont zu bleiben. Blitz und Donner kontrollierende Wettergötter existierten im Glauben verschiedenster Kulturen, so etwa der germanische Thor und der semitische Hadad. Heute verlassen wir uns auf die Erklärungen der Wissenschaften. Ein Meilenstein ist der 23. Juli 1851, als Kaiser Franz Joseph in Österreich die Errichtung des weltweit ersten staatlichen Wetterdienstes bewilligte, der noch heute als „Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG)“ existiert.

[] Schwa, das

in mittlerer Zungenstellung gesprochener Zentralvokal

Das Schwa ist meist nur Sprachwissenschaftlern ein Begriff, dabei ist es im Deutschen einer der häufigsten Vokale: Zum Beispiel ist jedes scheinbare „e“ in „befangenere“ tatsächlich kein „e“ oder „ä“, sondern der genau in der Mitte des sogenannten Vokalvierecks gesprochene Neutralvokal „ə“. Während er im Deutschen oder Englischen nur unbetont vorkommt, ist er in anderen Sprachen vollwertiger Vokal. Sein merkwürdiger Name stammt aus dem Hebräischen, dort ist das „šěwā’“ (sprich: schəwá) eigentlich nur ein Zeichen zur Lesehilfe, das aber einen solchen Vokal anzeigt und, als kleiner linguistischer Witz, in der ersten Silbe auch enthält.

[] Standseilbahn, die

dem Personen- oder Gütertransport dienende Seilbahn, deren fest miteinander verbundene Wagen durch ein oder mehrere Seile auf Schienen gezogen werden

Wo ein Berg, da auch der Drang, diesen zu besteigen. Um nach dem Anstieg aber nicht in den Seilen zu hängen, hat sich die Menschheit zum Glück Möglichkeiten ersonnen, diesen – nicht nur für Gipfelstürmer – bequemer zu gestalten. Eine Lösung, bei der man nicht in, sondern an den Seilen hängt, ist die Standseilbahn. Die erste Standseilbahn der Schweiz, die am Brienzersee im Kanton Bern gelegene Giessbachbahn, eröffnete am 21. Juli 1879. Vom Besitzer des Grandhotel Giessbach in Auftrag gegeben verband sie das am Berghang befindliche Hotel mit der 90 m tiefer gelegenen Schifflände. Bis heute transportiert sie zuverlässig Erholungssuchende auf das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Hotel.

[] Jazz, der

durch synkopenreiche Rhythmik und Improvisation gekennzeichnete Musikrichtung, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in den USA vorwiegend von afroamerikanischen Musikern geschaffen wurde

Heute vor 100 Jahren, am 20. Juli 1922, wurde Joachim-Ernst Berendt geboren. Er hat in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod im Februar 2000 in vielfältiger Weise die Entwicklungen des Jazz begleitet und gestaltet – ob als Musikredakteur beim SWR, Schallplattenproduzent (beim legendären MPS-Label im Schwarzwald), Organisator von Konzerten und Veranstaltungsreihen, gefragter Sprecher oder als rastloser Autor, der die Entwicklungen des Jazz immer wieder kritisch befragt und in neue Richtungen vorangetrieben hat. Er war national und international hoch geachtet. 1953 erschien erstmals sein „Jazzbuch“, das auch eine erstrangige Quelle für das Vokabular des Jazz in den 1950er Jahren darstellt.

[] Mafia, die

hierarchisch strukturierte, heute weltweit operierende Vereinigung, Gruppierung des organisierten Verbrechens in Sizilien; Cosa Nostra

Als am 19. Juli 1992 der auf die Bekämpfung der Mafia spezialisierte italienische Richter Paolo Borsellino von einer Autobombe getötet wurde, keine zwei Monate nach seinem Kollegen Giovanni Falcone, schien die Cosa Nostra wie schon mehrfach in den 1980ern wieder erfolgreich unbequeme Gegner losgeworden zu sein. Doch dieses Mal hatten sich die Mafiosi verschätzt. Ein Ruck ging durch ganz Italien, statt schwächer wurde die Jagd auf das organisierte Verbrechen und die Verfolgung korrupter Beamter und Politiker immer stärker. In den letzten 30 Jahren wurde so die jahrzehntelang unangefochtene Macht der Mafia entscheidend eingeschränkt.

[] schwarzer Humor, Mehrwortausdruck

Humor, bei welchem gemeinhin ernste Themen wie Krankheit, Verbrechen o. Ä. durch groteske Übertreibung oder verharmlosende Darstellung ins Lächerliche gezogen werden

„Taubenvergiften“ ist vielleicht sein bekanntestes Lied. Durch und durch vergiftet war auch seine Beziehung zum Staat Österreich, dem Land seiner Geburt: „… weil sich die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat“, wies er offizielle Gratulationen zu seinem 75. Geburtstag schroff zurück. Als Verhörspezialist der US-Army verhörte er, ein emigrierter Jude, 1945 Julius Streicher und blickte damit Barbarei und Judenhass in die Augen. Was Wunder, dass da nur der schwarze Humor blieb. Den beherrschte er allerdings virtuos. Heute vor hundert Jahren wurde Georg Kreisler in Wien geboren.

[] merkeln, Verb

sich zu wichtigen, drängenden politischen Angelegenheiten nicht oder nur vage äußern und unangenehme Entscheidungen vermeiden oder hinauszögern

Jeder Lexikograph, der nach Neubildungen im Wortschatz fahndet, kennt das Phänomen: Substantive vermehren sich wie die Heuschrecken, Verben eher wie die Pandabären. Insofern ist es bemerkenswert, dass der typische Regierungsstil von Bundeskanzlerin Angela Merkel Journalisten zur ‚Verbschöpfung‘ inspirierte: „merkeln“. Anfangs (um 2000) nur als dröges Wortspiel in Gebrauch – „das werd ich mir merkeln“ – nahm das Verb spätestens ab 2010 die neue spöttische Bedeutung an. Derartige Ableitungen von Eigennamen (Deonyme) sind gewöhnlich keine Dauergäste im Wortschatz . Ob sich „merkeln“ – immerhin seit über einem Jahrzehnt gut nachweisbar – auf Dauer etablieren wird, muss sich zeigen.

[] Tierwohl, das

gesunde Aufzucht und artgerechte Haltung zum Wohlbefinden von Nutztieren

Alle Jahre (oder Monate) wieder durchzieht ein Skandal um Fleischprodukte die Medien – man erinnere sich an Gammelfleisch im Döner, Pferd in der Lasagne oder, erst im letzten Monat, Separatorenfleisch in der Wurst. Und immer aufs Neue beteuern die Leute, dass sie eigentlich nur Fleisch vom Biobauern um die Ecke beziehen, um darauf im Supermarkt den Aufschnitt für 99 Cent zu wählen. Daher stellt sich die Frage, ob der heute vor 5 Jahren ins Leben gerufene „Tag des guten Fleisches in Deutschland“ (im Übrigen zunächst eine Werbeaktion) die Verbraucher für die Haltungsbedingungen sensibilisiert und so zu einem Umdenken beitragen kann. Den Tieren wäre es in jedem Fall zu gönnen.

[] Dammbruch, der

Kollaps eines Dammes

Wenn wir von einem Dammbruch sprechen, meinen wir das meist übertragen, um mit einem dramatischen sprachlichen Bild eine Grenzüberschreitung zu brandmarken. Nur in den seltensten Fällen müssen wir die wörtliche Bedeutung des Wortes bemühen – zum Glück, denn der Kollaps eines Dammes hat meist katastrophale Folgen. Ein solcher ereignete sich heute vor 40 Jahren, als im Rocky-Mountains-Nationalpark der Lawn-Lake-Staudamm, ein beinahe 80 Jahre alter Erdwall, nach interner Erosion nachgab und sich der Stausee in das darunterliegende Tal ergoss. Drei Camper kamen ums Leben, weitere Opfer blieben dank der Abgelegenheit des Ortes aus.

[] gang und gäbe, Mehrwortausdruck

üblich, gebräuchlich, alltäglich, konventionell; gewohnt, gängig

Konzentriert prüft der Kaufmann in Quentin Massys’ Gemälde „Der Geldwechsler und seine Frau“ (1514) die Geldstücke, prüft Größe, Gewicht und Feingehalt. Nur so kann er sichergehen, dass die Geldstücke auch wirklich „gang und gäbe“, also umlauffähig sind. Die Adjektive „gang“ (= gangbar) und „gäbe“ (= das, was gegeben werden darf) sind längst untergegangen. In der Paarformel blieben sie erhalten – auch deshalb, weil die Wendung früh eine übertragene Bedeutung annahm: So riet 1719 der „Wohlinformierte Poet“: „Die Wörter aus andern Sprachen muß man mäßig und nur diejenigen, so gänge und gebe sind, in Teutschen Versen anwenden.“

[] künstliche Intelligenz, Mehrwortausdruck

Gebiet der Informatik, das menschliche Denkstrukturen und Denkprozesse untersucht und versucht, diese in Computerprogrammen oder Maschinen nachzubilden

Schon im frühen 20. Jahrhundert sinniert Ulrich, Held in Musils „Mann ohne Eigenschaften“, darüber, dass man nun schon Rennpferde als „genial“ bezeichnet (Erster Teil, Kapitel 13). Was hätte er wohl zu genialen Maschinen gesagt? Seit Sommer 1956 wird über die Frage gestritten, ob Maschinen genial sein können oder immer dumme Rechenknechte bleiben, und wo und wie sie den menschlichen Genius überflügeln können. Eine Konferenz am Dartmouth College, New Hampshire, die damals – vor 66 Jahren – stattfand, gilt als Auftakt für diese Forschungsrichtung. Der Ausdruck „artificial intelligence“ wurde im Förderantrag zu diesem Event erstmals verwendet.

[] Zunge, die

muskulöses Organ am Boden der Mundhöhle, das beweglich ist und bei der Aufnahme, beim Schmecken und Schlucken der Nahrung sowie bei der Lautbildung beteiligt ist

Heute vor 60 Jahren wurde Musikgeschichte geschrieben: Sechs junge Musiker treten im Londoner Marquee Club vor etwa 100 Zuschauenden auf und spielen eine Handvoll Coversongs – ob von Buh-Rufen oder Jubel begleitet, das wissen sie heute nicht mehr so genau. Sie nennen sich „The Rollin‘ Stones“, wohl nach dem Vorbild eines Songs von Muddy Waters. Wenige Jahre später schon ist die Truppe eine der wichtigsten Rockbands überhaupt und füllt große Konzertstätten auch außerhalb Englands. Als ruppige Rebellen bekannt, bekommen sie Anfang der 70er-Jahre sogar ihr eigenes freches Logo: die rote Zunge, die noch heute Shirts, Handyhüllen und Unterhosen von Stones-Fans ziert.

[] Blechbüchse, die

umgangssprachlich, scherzhaft: Bezeichnung für ein Fahrzeug aus Metall wie Auto, Flugzeug, Rakete oder Boot

Am 11. Juli 1969 veröffentlichte der noch relativ unbekannte David Bowie ein Lied, das von der Raumfahrt des fiktiven Astronauten Major Tom erzählt. Wie praktisch, muss sich die BBC gedacht haben, als sie wenige Tage später die Übertragung der Mondlandung der Apollo 11 mit „Space Oddity“ unterlegte. Ob die Verantwortlichen das Stück wohl überhaupt ganz angehört hatten? Es endet nämlich damit, dass Major Tom seine Raumkapsel verlässt und verloren durchs All treibt. Bowie, der seine Inspiration für die melancholische Ballade aus dem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ bezog (und keine Mondlandungshymne schaffen wollte), fand die Musikwahl der BBC jedenfalls amüsant.

[] heiß, Adj.

von hoher Temperatur, sehr warm

In der nördlichen Hemisphäre ist der Juli im Mittel der heißeste Monat im Jahr. Besonders in den letzten Jahren sind vielerorts Hitzerekorde gebrochen worden. Und es werden weitere erwartet. Die höchste Temperatur weltweit wurde wohl schon vor über 100 Jahren gemessen. Am 10. Juli 1913 sollen es im kalifornischen Death Valley erstaunliche 56,7 °C im Schatten gewesen sein, wobei darüber gestritten wird, ob es sich eventuell um einen Messfehler gehandelt haben könnte. Unbestritten ist hingegen der Wert von 54,4 °C, der im Juli 2021 (ebenfalls Death Valley) gemessen wurde. Auch an diese Lufttemperatur kommt weltweit keine andere offizielle Messung heran – bisher.

[] überbrücken, Verb

etw. überspannen, über etw. hinweg führen; etw. Trennendes, ein Hindernis oder eine größere Distanz o. Ä. überwinden

Sie gilt als eines der großen und beeindrucken Kulturdenkmäler Europas: Die unter Kaiser Karl IV. errichtete Prager Steinbrücke überspannt mit ihren 16 Bögen die Moldau, verbindet die Prager Altstadt mit der Kleinseite. Zugleich scheint sie zusammen mit den barocken Heiligenfiguren, die sie säumen, und der mittelalterlichen Stadtsilhouette die Jahrhunderte zu überbrücken, erweckt die Prager Geschichte mit ihren Protagonisten von Wallenstein bis Kafka zum Leben. Der Überlieferung nach wurde der Grundstein der Karlsbrücke am 9. Juli 1357 gelegt.

[] Zebrastreifen, der

mit breiten, weißen Streifen markierter Fußgängerübergang

Das Beamtendeutsch hat für den mit dicken Streifen markierten Fußgängerübergang verschiedene Namen: In Deutschland „Fußgängerüberweg“ (früher gar „Dickstrichkette“), in der Schweiz „Fußgängerstreifen“, in Österreich „Schutzweg“. Der Volksmund nennt ihn seit jeher aus offensichtlichen Gründen „Zebrastreifen“. Heute vor 70 Jahren wurden die ersten Streifen in München auf den Boden gemalt, nachdem 1949 eine Konferenz der Vereinten Nationen den Grundstein zu einer international in dieser Form vereinheitlichten Markierung für die sichere Querung von Straßen gelegt hatte. Absoluten Vorrang auf Zebrastreifen hatten Fußgänger anfangs übrigens nicht.

[] Freibad, das

Bad mit Schwimmgelegenheiten und weiteren Anlagen im Freien

Mit dem mittlerweile bundesweiten „Tag des Freibades“ wollte der Förderverein Freibad Tannheim im Jahr 2019 auf die prekäre Situation von Freibädern aufmerksam machen. Aus der finanziellen Vorsorge der Kommunen entlassen, werden viele Freibäder heute von Vereinen getragen, viel ehrenamtliches Engagement ist dabei. Damals wusste man aber noch nicht, dass den Freibädern von ganz anderer Seite Gefahr drohte: Corona. Selbst im entspannten Sommer 2022 bleiben Freibäder zu: Es gibt nicht mehr genügend ausgebildete Bademeister. Da geht auch so manche Kommune (nicht mehr) baden.

[] busseln, Verb

jmdn. oder etw. (mit geschlossenen Lippen) küssen, z. B. zur Begrüßung oder als Zeichen von Zuneigung oder Verehrung

Am heutigen internationalen Tag des Kusses richten wir unseren Blick nach Österreich. Dort (und im angrenzenden Bayern) sagt man statt „küssen“ auch gern „busse(l)n“. Dabei handelt es sich um eine Ableitung des im Oberdeutschen um 1600 gebildeten, lautmalenden Substantivs „Buss“ ‚Kuss‘. Aber nicht nur im Bairisch-Österreichischen findet man eine solche Bildung. So gibt es verwandte Wörter z. B. auch im Litauischen („bučiuoti“ ‚küssen‘), Polnischen („buzia“ ‚Mund, Kuss‘) und Albanischen („buzë“ ‚Lippe, Mund‘). Durch den Sprachvergleich lässt sich somit eine immer wieder lautmalerisch erneuerte Wurzel „*bu(s)-“ ‚Kuss‘ rekonstruieren. Lippe bzw. Mund sind dann die „Küsser“.

[] klonen, Verb

in genetisch identischer Form vermehren

Dolly, das wohl berühmteste Schaf der Welt, wurde am 5. Juli 1996 in Schottland geboren. Wenig später schmückte es die Titelseiten vieler Zeitungen als erstes aus einer reifen Zelle geklontes Säugetier. Ausgangspunkt war das Erbmaterial einer adulten Euterzelle, eingesetzt in eine zuvor entkernte Eizelle. Nach 277 Versuchen gelang dieser sogenannte Kerntransfer. Dolly war die (fast) exakte Kopie eines bereits verstorbenen Schafs – ein Durchbruch in der Entwicklungsbiologie. Die Technik wird noch heute angewendet, etwa zur kommerziellen Tierzucht oder zu medizinischen Zwecken. Das Klonen von Menschen ist in der Praxis bisher nicht gelungen und wird im Großteil der Welt als ethisch nicht vertretbar eingestuft.

[] lossagen, Verb

sich von jmdm., etw. lossagen: seine (engen) Beziehungen zu etw., jmdm. für gelöst erklären

„Wir halten die nachfolgenden Wahrheiten für klar an sich …: daß alle Menschen gleich geboren; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt sind ...“ Inspiriert vom Geist der Aufklärung war die Unabhängigkeitserklärung, mit der sich die nordamerikanischen Kolonien am 4. Juli 1776 vom britischen Empire lossagten, eine Kampfansage an die Monarchien und den Untertanengeist des alten Europas. In den deutschen Fürstentümern allerdings verschliefen die Bürger das weltbewegende Ereignis schlicht und einfach. Übersetzungen waren schwer erhältlich oder wurden kaum beachtet. Erst im Zuge der 1848er Revolution wurde man sich der Bedeutung dieser Erklärung bewusst.

[] Ballon, der

metonymisch: Luftfahrzeug, das von einem mit heißer Luft oder Gas gefüllten Ballon getragen wird

Schneller, höher, weiter – das Leben des amerikanischen Unternehmers Steve Fossett war geprägt von Superlativen und einer nicht zu bändigenden Abenteuerlust. Mehr als 100 Rekorde stellte er im Laufe seines Lebens auf, zu Land, zu Wasser und zu Luft. Einer seiner luftgestützten Rekorde jährt sich heute zum zwanzigsten Mal. Am 19. Juni 2002 brach er nach fünf gescheiterten Versuchen von Australien zu einer Allein-Nonstop-Weltumrundung in einer Rozière, einer Kombination aus Gas- und Heißluftballon, auf. In den Morgenstunden des 3. Juli, knapp 30.000 km und zwei Wochen später, landete er gelassen und zufrieden wieder auf australischem Grund.

[] Maus, die

kleines (oft graues oder braunes) Säugetier mit dünnem, schwach behaartem Schwanz

Mit Mäusen stand er auf vertrautem Fuß, er wusste, was sie am Donnerstag denken, und an jedem anderen Tag: „Wir sitzen und plaudern / von tausend Sachen, / Sachen zum Schaudern, / Sachen zum Lachen. / Und was bekommt die Maus von mir? / Ein Stücklein Wurst, ein Schlücklein Bier.“ Das Sujet seiner Gedichte waren Tiere, vor allem kleine, und sein Publikum kleine Menschen. Seine Kinderbücher sind zu Recht preisgekrönt. Heute vor hundert Jahren wurde Josef Guggenmoos in Irsee im Ostallgäu geboren.

[] die Lacher auf seiner Seite haben, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: durch geistreiches, humorvolles, schlagfertiges Auftreten Gelächter, Beifall hervorrufen, Sympathien gewinnen

Am heutigen Internationalen Witzetag fragen wir uns, was eigentlich einen guten Witz ausmacht. Um die Lacher auf seiner Seite zu haben, braucht man zunächst eine gemeinsame Wissensgrundlage mit seinem Publikum – gemeinsames kulturelles oder sprachliches Wissen beispielsweise. Soll ein Witz dann wirklich zünden, ist vor allem eines essenziell: eine überraschende Pointe. Hier ein Versuch: Was ist weiß, cremig und kann fliegen? – Die Biene Mayo! Na ja, es mag nicht bei allen geklappt haben, schließlich sind Witze auch Geschmackssache. Und oft sind es eher die kleinen, komischen Situationen des Alltags, die uns am meisten überraschen und zum Lachen bringen.

[] Weltalter, das

gehoben: Zeitalter, Epoche, langer Zeitraum

Nicht nur in Film und Kunst, auch in der historischen Realität waren Tjoste, mit scharfen Waffen geführte Schaukämpfe zwischen gepanzerten Rittern, im Mittelalter ein beliebtes Ereignis für die herrschende Klasse. Am 30.06.1559 bereitete ein tragisches Unglück in Frankreich dieser Tradition ein jähes Ende und setzte einen symbolischen Schlussstrich unter die auslaufende Epoche: Der Splitter einer gebrochenen Lanze dringt dem erfolgreichen König Heinrich II. durch den Helm und verletzt ihn tödlich. Ironischerweise sollte mit dem Zweikampf ein Friedensvertrag begangen werden, stattdessen versinkt Frankreich in dynastischem Chaos, und Tjoste werden verboten.

[] Federstrich, der

Strich mit der Schreibfeder, Zeichenfeder

Die spitze Feder war sein Markenzeichen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Mit hauchfeinen Strichen, die Umrisslinien andeuteten oder sich je nach Sujet zum Gespinst auswachsen konnten, spießten die Karikaturen Paul Floras bürgerliche Großmannssucht, militaristische Ehrpusseligkeit und die Lächerlichkeit menschlicher Leidenschaften auf. Ein Kindheitserlebnis erschloss ihm eine heiter-morbide Phantasiewelt des Ewiggestrigen – das Leichenbegräbnis eines k. u. k. Kaiserjägergenerals: „Ich ... sah die Überreste von Alt-Österreich durch eine kahle Kastanienallee, von Raben umkrächzt, unter düsterem Himmel dem Friedhof entgegenwanken.“ Heute vor 100 Jahren wurde der Karikaturist und Grafiker in Tirol geboren.

[] Rasselbande, die

umgangssprachlich, scherzhaft: lärmende, übermütige, zu gemeinsamen Streichen aufgelegte Schar von Kindern

Im thüringischen Blankenburg wurde heute vor 182 Jahren der erste Kindergarten der Welt eröffnet. Sein Gründer Friedrich Fröbel wollte damit nicht einen weiteren Ort zur „Aufbewahrung“ der Kinder schaffen, während die Eltern tagsüber bei der Arbeit waren. Der Kindergarten sollte ein Ort sein, an dem die Kinder sich spielerisch entwickeln können und gehegt werden wie kleine Blumen in einem Garten. Dieses Konzept hat sich mit leichten Variationen weit über Deutschland hinaus verbreitet. Und so können wir sie vielerorts fröhlich toben und lärmen hören, die Rasselbanden dieser Welt.

[] Idolatrie, die

Religion: Verehrung göttlicher oder mit den Göttern verbundener Wesen in bildlichen Darstellungen (als Götzendienst)

Heute beschäftigen wir uns einmal nicht mit der Inhalts-, sondern der Ausdrucksseite des Stichworts: Idolatrie geht auf altgriechisch eídōlon „Abbild“ und latreía „Gottesdienst“ zurück. Aber da fehlt bei der Zusammensetzung doch was. Ebenso ist der „Zauberin“ im Vergleich zum „Zauberer“ eine Silbe abhanden gekommen. Und der „Ismus“ des Narziss ist nur bei Überkorrekten der „Narzissismus“. Dieses aus allen Sprachen und Zeiten bekannte Phänomen, dass man wie in diesen Fällen aus zwei ähnlichen oder gleichen Silben eine macht, hat natürlich einen wissenschaftlichen Namen: Haplologie. Man ist versucht, stattdessen „Haplogie“ zu sagen …

[] Berliner, der

Person, die in Berlin geboren und aufgewachsen ist; Person, die in Berlin wohnt

Das Sprechen fremder Sprachen ist voller Tücken: Amerikaner amüsieren sich, wenn Deutsche am Tee-aitch scheitern. Deutsche wiederum haben ihren Spaß, wenn bei Anglophonen statt eines Ich-Lauts nur ein Ick- oder Isch-Laut herauskommt. Wie ähnlich sich die Phoneminventare beider Sprachen trotz allem sind, zeigen zwei Sätze, die heute vor 59 Jahren fielen. US-Präsident John F. Kennedy ließ sich für seine berühmte, auf Englisch gehaltene Rede in Westberlin auch zwei deutsche Sentenzen in englischen Graphemen transkribieren. Zu lesen war: „Ish bin ein Bearleener“ und „lusd z nach Bearleen comen“. Verständnisprobleme gab es keine, die Worte gingen im Jubel unter.

[] Kunstmärchen, das

von einem bestimmten Autor erfundenes und gestaltetes Märchen (im Gegensatz zum überlieferten Volksmärchen)

„Nun sah Nathanael, wie ein paar blutige Augen auf dem Boden liegend ihn anstarrten.“ Dass in der Epoche der Romantik neben Sehnsucht, Liebe und tiefer Melancholie auch das Unheimliche ein dominierendes Motiv war, wird an E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ deutlich. Manche ordnen sie in die Gattung des Kunstmärchens ein, von denen Hoffmann tatsächlich einige geschrieben hat. Im Gegensatz zum überlieferten Volksmärchen kommen darin Handlung und Figuren vielschichtiger daher, verschwimmen zuweilen die Grenzen von Gut und Böse und wir müssen uns nicht selten auf ein tragisches Ende gefasst machen. Hoffmann ist heute vor 200 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

[] langer Atem, Mehrwortausdruck

große Ausdauer (bei einer Sache, einem Vorhaben o. Ä.); langfristiges, nachhaltiges Handeln

Nur selten gelingt es einem Künstler, einen so breiten Diskurs auszulösen“, stellt der Bundestagsabgeordnete Konrad Weiß in einer eher ungewöhnlichen Bundestagsdebatte fest. Abgestimmt wurde über eine Kunstaktion des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude. In der Tat war das Projekt Verhüllter Reichstag umstritten (292 Ja-Stimmen gegenüber 223 Nein-Stimmen), seine Realisierung, gelinde gesagt, langwierig. Am 24. Juni 1995 – nach über 20 Jahren Überzeugungsarbeit – war es dann so weit: Das Reichstagsgebäude wurde für 14 Tage mit einer Hülle aus Polypropylengewebe dem Blick der Öffentlichkeit entzogen und war doch so sichtbar wie nie.

[] Dame, die

Schach: Königin

Obwohl Schach seit jeher alle Menschen fasziniert, hielt sich lange Zeit die Ansicht, dass Schach eher „was für Männer“ sei. So lässt ein Beitrag aus der Schachspalte einer Leipziger Zeitung vom 8.2.1896 tief in das Geschlechterbild dieser Zeit blicken: „Dem scharfen und anhaltenden Nachdenken abhold, pflegt das schöne Geschlecht nur selten die Reize des Schach[s] zu begreifen und in dem edlen Spiel eine Erholung zu suchen.“ Doch es lag auch Veränderung in der Luft. Nur ein Jahr später fand ab dem 23.6.1897 in England das erste internationale Schachturnier für Damen statt. Überragende Siegerin des Turniers war die Engländerin Mary Rudge, die sich bereits in Schachkreisen einen Namen gemacht hatte. Zuletzt erfuhr das Spiel der Könige (und Damen!) u. a. im Lockdown und durch den Erfolg der Serie „Das Damengambit“ eine Renaissance.

[] Abolitionismus, der

Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien und Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert

Man weiß nur wenig über ihn, und doch steht seine Person für einen historischen Wendepunkt. Als vermutlich Achtjähriger wird er in Westafrika von Sklavenhändlern verschleppt, gerät an den Schotten Charles Stewart, der ihn 20 Jahre später, er heißt jetzt James Somerset, mit nach England nimmt. Dort kommt es 1771/72 nach einem Fluchtversuch zum Prozess gegen ihn. Mit Hilfe von Bürgern, die sich dem Abolitionismus verschrieben haben, klagt Somerset gegen seinen „Besitzer“ und erhält Recht. Der Zustand der Sklaverei sei so abscheulich, so der Richter, dass diese nur durch positives Recht eingeführt werden könne, und da ein solches Gesetz fehle, konstatierte er: „therefore the black must be discharged“.

[] Dackelblick, der

einen treuherzigen Eindruck machender oder machen wollender Blick

Wir neigen dazu, menschliche Gefühle in den Gesichtsausdruck von Tieren hineinzudeuten. Viele Katzen schauen grimmig und können nichts dafür. Viele Hunde, z. B. Dackel, haben das Kindchenschema drauf, der Ausdruck in ihren Augen ist einfach nur „süüüüüüß“. Ist das etwa ein Trick? Eine Studie in der Zeitschrift Plos One weist nach: So ist es wohl. Tiere, die den diesen Blick erzeugenden Mechanismus draufhaben, haben einen Überlebensvorteil – als Schoßhündchen. Heute, am Tag der Dackel, können Sie den Dackelblick vielleicht einmal selbst bei den Liebsten ausprobieren, wenn Sie ihn beherrschen.

[] filtern, Verb

(durch einen Filter gehen lassen und) bestimmte Feststoffe (Schadstoffe, unerwünschte Partikel o. Ä.) aus Flüssigkeiten oder Gasen zurückhalten oder aussondern

„Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern“. Die trockene Beschreibung einer neuartigen Vorrichtung, eingereicht am 20. Juni 1908 beim Kaiserlichen Patentamt zu Berlin, bedeutete für Kaffeetrinker eine kleine Revolution. Denn Melitta Bentz hatte nach mehreren Versuchen mit einem Messingbecher und Löschpapier endlich eine Lösung für bequemen Kaffeegenuss gefunden – ohne Kaffeekrümel zwischen den Zähnen oder lästigen Kaffeegrund im Abfluss. Es war der Startschuss für eine bemerkenswerte und höchst erfolgreiche Unternehmerinnenkarriere im Kaiserreich.

[] Diabolo, das

Spielgerät, das aus einem sanduhrförmigen Körper aus Hartgummi o. Ä. besteht und das mithilfe einer an zwei Handgriffen befestigten Schnur jongliert wird

Der Teufel steckt beim Jonglieren im Detail. Und das nicht nur, weil einige Tricks eine geradezu millimetergenaue Präzision erfordern, die eigentlich nur durch einen Pakt mit dem Teufel zu erklären ist. Aber auch einige Jongliergeräte suggerieren eine Verbindung zur Unterwelt – man denke an den Devilstick oder das Diabolo. Letzteres geht allerdings wie auch der Teufel auf das griechische „διαβάλλειν“ (diabállein) ‚durcheinanderwerfen‘, ‚hinüberwerfen‘ zurück. Mehr Chaosstifter als Höllenfürst also. Dem Jongleur liegt dagegen lat. „ioculātor“ ‚Spaßmacher‘ zugrunde (vgl. auch „Jux“). Verbinden Sie doch also mal das Spaßige mit den Nützlichen und werfen ein paar Bälle (oder Socken, Orangen, …) durcheinander, denn das Jonglieren hat nachgewiesenermaßen eine positive Wirkung auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit.

[] Sushi, das

aus der japanischen Küche stammendes Gericht aus gekochtem, mit Reisessig gesäuertem und erkaltetem Reis und weiteren Zutaten

Aus seltenen oder weiter entfernten Sprachen sind meist nur wenige Wörter in das Deutsche entlehnt worden. Oft beziehen sich diese auf Spezialitäten aus den Küchen der Länder, in denen diese Sprache gesprochen wird. Das ist auch beim Sushi (jap. 寿司 oder すし) der Fall. Dabei handelt es sich ursprünglich nicht um etwas Japanisches und auch nicht um ein Gericht. Zunächst wurde damit eine Konservierungsmethode für Fisch an den Ufern des Flusses Mekong bezeichnet. Erst im 18. Jahrhundert wurde daraus in Edo (heute: Tokio) der Name für ein Gericht. In vermutlich über 1000 Restaurants wird in Deutschland heute Sushi angeboten. Varianten, die ohne Fisch auskommen, nehmen dabei einen immer größeren Raum im reichhaltigen Angebot ein.

[] in flagranti, Mehrwortausdruck

bei der Tat; während der Ausführung einer verbotenen oder verwerflichen Handlung, sodass leugnen zwecklos ist

„Es ist nicht so, wie es aussieht!“ – „Der Tresor war schon offen“ – „Ich dachte, sie wäre du“: Wer auf frischer Tat ertappt wird, gerät in Erklärungsnot, entsprechend dämlich sind oft die Ausreden. Dem Geschädigten hingegen gaben die Rechtsordnungen lange Zeit (in stark abgeschwächter Form bis heute) weitreichende Selbsthilferechte an die Hand. Meist ging es dabei um Ehebruch. In der Antike durfte ein gehörnter Ehemann den Liebhaber (sofern niedrigeren Standes) dann umstandslos umbringen. In dieser Tradition hat sich ausgehend vom Codex Iustitianus auch die Formel des römischen Rechts: „in (crīmine) flagrānti“ (= während des heißen Verbrechens) bis heute im Sprachgebrauch erhalten.

[] abwarten und Tee trinken, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: geduldig sein und zunächst beobachten, wie sich eine Lage entwickelt

Der vom unvergleichlichen Patrick Stewart gespielte Jean-Luc Picard, Kapitän der Enterprise-D in der Serie „Star Trek – Das nächste Jahrhundert“, unterscheidet sich von seinem Haudrauf-Vorgänger James T. Kirk u. a. in seiner ruhigen, überlegten Art. Eine Tasse seines Lieblingsgetränks Earl Grey (heiß) braucht er besonders am 16. Juni 2370 (Sternzeit 47457,1), als Kinder seiner Crew (mit denen er eher wenig am Hut hat) ihm am „Captain-Picard-Tag“ ihre Kunstwerke präsentieren. Trekkies sagten sich vor einigen Jahren, dass man den fiktiven Feiertag auch im wahren Leben feiern kann, „Make it so!“, woran wir uns heute anschließen.

[] Roaminggebühr, die

Informations- und Telekommunikationstechnik: Gebühr, die ein Mobilfunkbetreiber für das Roaming erhebt

Die Urlaubssaison steht wieder ins Haus, und was auf der Packliste der meisten nicht fehlen dürfte, ist das Handy. Doch bei der Nutzung desselben schmolz das Urlaubsbudget bis vor einigen Jahren noch schneller als eine Kugel Eis in der Mittagssonne. Erst am 15. Juni 2017, heute vor fünf Jahren, wurden die Roaminggebühren in den 27 EU-Staaten (plus Liechtenstein, Norwegen und Island) endgültig abgeschafft, nachdem sie davor bereits Jahr für Jahr gesenkt wurden. Frei nach dem Motto „roam like at home“ kann seither ohne schlechtes Gewissen zum Inlandstarif telefoniert, gesimst und gesurft werden. Schauen Sie sich aber trotzdem ab und zu mal die Landschaft am Urlaubsort an!

[] frisches Blut, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: neue (zumeist junge) Kollegen, Mitglieder, Teilnehmer; Nachwuchskräfte in einem Unternehmen, einer Mannschaft o. Ä.

„Frisches Blut“ wird nicht nur in Form von neuen Mitgliedern in Teams oder Vereinen gebraucht, sondern auch im wörtlichen Sinne. Darauf will der heutige Weltblutspendetag aufmerksam machen. Um die Sicherheit der Spendenden als auch der Empfangenden zu gewährleisten, darf nicht jede Person spenden. Beschränkungen können Alter, Gewicht, Medikation, Erkrankungen, aber auch längere Auslandsaufenthalte sein. Eine noch recht junge Neuerung: In Bezug auf das sexuelle Risikoverhalten werden weniger Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht als zuvor, jeder und jede wird zum tatsächlichen Verhalten befragt. Noch vor 2017 durften Männer, die Sex mit Männern haben, unter keinen Umständen spenden.

[] Irisch, das

in Irland beheimatete Sprache aus dem (insel)keltischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie

Das Irisch-Gälische, eine inselkeltische Sprache (nicht zu verwechseln mit dem irischen Englisch), ist offiziell erste Amtssprache der Republik Irland. Faktisch haben sich nur im äußersten Westen der Grünen Insel letzte Sprachgebiete gehalten, nachdem „Gaeilge“ im 19. Jh. durch die Politik der britischen Oberherren von einer Mehrheitssprache an den Rand des Aussterbens gebracht wurde. Doch Irland kämpft weiterhin für die Erhaltung und Wertschätzung seines Symbols der Selbstständigkeit: Am 13. Juni 2005 bewirkte es den Beschluss, Irisch zur vollberechtigten EU-Amtssprache zu machen, was ab 2007 in die Praxis umgesetzt wurde.

[] Olympiagelände, das

Gelände, auf dem sich die für die Austragung der Olympischen Spiele erforderlichen Gebäude und Anlagen befinden

„Der Krieg war zu Ende, und irgendetwas musste ich ja machen“. So beschreibt der Architekt Günter Behnisch den Beginn seines Wirkens. Er gab dem Sport ein sensationelles Dach, auf dem Münchner Olympiagelände, und der bundesdeutschen Demokratie einen würdigen Rahmen, mit dem Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn. Neue Räume für die Bildung und die Religion gestaltete er ebenso. Der Bundesrepublik der Nachkriegszeit gab er ein neues, frisches architektonisches Gesicht. Heute vor 100 Jahren wurde Günter Behnisch in Lockwitz bei Dresden geboren.

[] außerirdisch, Adj.

zu einem Bereich außerhalb des Planeten Erde gehörend, dort vorkommend; von außerhalb des Bereichs des Planeten Erde stammend

„E.T. nach Hause telefonieren“ (orig. „E.T. phone home“) ist der wohl berühmteste ungrammatische Satz der Filmgeschichte. In den US-amerikanischen Kinos wurde er zum ersten Mal am 11. Juni 1982 geäußert – von einem drolligen, liebenswerten Wesen aus dem All, das auf der Erde zurückgelassen wurde. Motive wie Freundschaft, Toleranz, Empathie, Abschied und Heimweh machen Steven Spielbergs Meisterwerk „E.T. – Der Außerirdische” zu einem Klassiker von zeitloser Universalität, der einem auch 40 Jahre später Tränen in die Augen treibt.

[] Enfant terrible, das

bildungssprachlich: jmd., der gegen die geltenden (gesellschaftlichen) Regeln verstößt und dadurch seine Umgebung oft schockiert oder in Verlegenheit bringt

Als „Bürgerschreck“ bezeichnete ihn Schauspielerin Hanna Schygulla einmal in einem Interview. Rainer Werner Fassbinder war Enfant terrible, Antityp – und zugleich bewundertes Allround-Genie der deutschen Film- und Theaterszene. Mit nur 37 Jahren ist der Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor am 10. Juni 1982 gestorben, im Blut ein ganzer Cocktail an Drogen. Doch war er in seiner kurzen Schaffenszeit unfassbar produktiv: Über 40 Filme und Fernsehserien voller Verzweiflung, Sehnsucht und kalter Grausamkeit hat er hinterlassen. Und auch wenn sein Werk – genau wie seine Person – das Publikum gespalten hat, erreichte Fassbinder doch sein großes Ziel: Einzigartigkeit.

[] Wahlrecht, das

Befugnis bzw. gesetzlich festgelegter Anspruch, als wahlberechtigte und als wählbare Person an der Wahl von Körperschaften oder Amtsträgern teilzunehmen

„You’re old enough to kill, but not for votin’“ – Der markante Vers im Protestsong „Eve of Destruction“ (1965) betraf nicht nur die USA: Auch in der Bundesrepublik erreichten junge Menschen mit 18 Jahren die Volljährigkeit, waren geschäftsfähig, konnten eine Familie gründen und Männer wurden zur Bundeswehr eingezogen. Von der Teilhabe an der politischen Willensbildung waren sie bis zum 21. Lebensjahr gleichwohl ausgeschlossen. Ein unhaltbarer Zustand, da waren sich erstaunlicherweise von links bis konservativ die Bundestagsabgeordneten einig: Und so wurde mit der „Änderung des Bundeswahlgesetzes“ heute vor 50 Jahren das Wahlalter auf 18 Jahre gesenkt. Es gab keine Gegenstimme.

[] Vermüllung, die

durch unsachgemäßes Wegwerfen von Abfall verursachte, zunehmende Verunstaltung, Verschmutzung, Belastung von etw.

Seit 2009 wird der heutige 8. Juni als Welttag der Ozeane begangen, in Andenken an den sog. „Erdgipfel“ der Vereinten Nationen 1992 in Rio de Janeiro, der auf die Unabdingbarkeit sauberer Meere wie der gesamten natürlichen Umwelt für das Überleben der Menschheit hinwies. Trotz aller Versuche, die Bewusstheit und das Verantwortungsgefühl für den Schutz der Ozeane zu vermehren, wird deren Zustand nicht nur durch den Klimawandel, sondern durch die fortgesetzte Vermüllung von Jahr zu Jahr schlimmer, gewaltige Müllstrudel besonders aus Plastik strömen um den Globus. Es ist höchste Zeit für die Notbremse, wir alle können etwas tun.

[] Ehe, die

in Deutschland seit 2017: gesetzlich geschlossene dauerhafte, eine Lebensgemeinschaft bildende Verbindung von zwei volljährigen Menschen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts

1989 gilt in Deutschland als Jahr des Mauerfalls. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass im selben Jahr noch eine ganz andere Mauer fiel: Dänemark verabschiedete als erstes Land der Welt die „registreret partnerskab“, mit der Schwule und Lesben ihre Partnerschaft registrieren lassen konnten – ein entscheidender Schritt zur Ehe für alle: Seit dem 7. Juni, heute vor 10 Jahren dürfen gleichgeschlechtliche Paare dort auch ganz traditionell heiraten, die eingetragene Partnerschaft wurde abgeschafft. In Deutschland dauerte es etwas länger: Am 1. Oktober 2017 standen die ersten homosexuellen Paare vor den Standesbeamten.

[] unterirdisch, Adj.

unter der Erdoberfläche gelegen, verlaufend oder stattfindend

Der heutige „Internationale Tag der Höhlen und der unterirdischen Welten“ soll unsere Aufmerksamkeit auf die vom Tageslicht verborgenen Naturphänomene lenken. Karsterscheinungen und unterirdische Höhlensysteme sind Forschungsgegenstände der Speläologie, einem Fachbereich, dem sich weltweit nur wenige hauptberuflich verschrieben haben. Dabei gibt es dort im Verborgenen viele faszinierende Lebewesen zu entdecken: Insbesondere Fische, Insekten und Amphibien, die oft kaum pigmentiert sind und deren Augen sich zurückgebildet haben, leben dauerhaft in der Dunkelheit. Überdurchschnittlicher Geruchs- und Tastsinn, geringe Körpergröße oder ein herabgesetzter Stoffwechsel helfen ihnen dabei, unter diesen harschen Lebensbedingungen zu bestehen.

[] Aggregatzustand, der

Physik, Chemie: Zustandsform eines Stoffes

Die drei klassischen Aggregatzustände – fest, flüssig und gasförmig – kennt wohl jeder, nicht nur aus dem Alltag. Doch unter Extrembedingungen, die teils in der Natur und teils im Labor auftreten, sind noch weitere Zustandsformen möglich. Plasma, das z. B. in der Sonne, in Blitzen und im Nordlicht auftaucht, ist eine davon. Das Bose-Einstein-Kondensat, das Eric Allin Cornell, Wolfgang Ketterle und Carl Edwin Wieman am 05.06.1995 erstmals herstellten und dafür 2001 den Nobelpreis für Physik bekamen, ist ein anderer nicht-klassischer Aggregatzustand. Er entsteht, wenn Atome fast auf den absoluten Nullpunkt heruntergekühlt werden. Sie verlieren dadurch nahezu ihre gesamte Energie, was dazu führt, dass alle Atome dieselben physikalischen Eigenschaften haben und sich wie ein einziges Superatom verhalten.

[] Droschke, die

leichtes, von Pferden gezogenes oder motorisiertes Gefährt, das Einzelpersonen (gegen Bezahlung) befördert

Es war eine kleine Sensation, als am 4. Juni 1928 die Droschke von Gustav Hartmann in Paris einfuhr, denn der Kutscher war in zwei Monaten die über 1000 km aus Berlin angereist. Die Werbeaktion für Pferde- und gegen Kraftfahrzeuge war zwar für Hartmann selbst erfolgreich – Hans Fallada setzte dem „Eisernen Gustav“ 1938 ein Roman-Denkmal –, dennoch sind Droschken schnell aus dem Straßenbild verschwunden. Mit ihnen verblasst auch ihr Name, und das ist bedauerlich: Ist doch „Droschke“, das über das Baltikum aus „drožki (дрожки)“ kam, dem Namen einer leichten Kutsche, eines der wenigen modernen russischen Lehnwörter im Deutschen.

[] Bergfex, der

umgangssprachlich, oft scherzhaft: Person, die gerne und oft klettert, in den Bergen wandert, sich gerne dort aufhält

Am 5. Mai 1810 schrieb Goethe ins Tagebuch: „Fexe werden im Salzburgischen mehr oder weniger imbecille [= schwachsinnige] Menschen genannt.“ Dementsprechend war der „Bergfex“ das alpine Gegenstück zum Dorftrottel. Eine Verunglimpfung, die wohl auch dem Umstand geschuldet war, dass das Hochgebirge bis über das 17. Jh. hinaus als zivilisationsferne, ja schreckliche Welt wahrgenommen wurde, in der zu leben keinem vernunftbegabten Menschen einfallen mochte. Mit beginnender Idealisierung der Bergwelten im 18. und dem im 19. Jh. einsetzenden Touristenansturm erfolgte eine Umwertung der Verbalinjurie. Dem tumben, unter Höhenangst leidenden Flachländer nötigten die schwindelerregenden Kletterkünste einheimischer Bergfexe nun Respekt ab.

[] Zauberwürfel, der

Ausdauer und Geschicklichkeit förderndes Spielzeug in Form eines Würfels, der aus verschiedenfarbigen kleineren Würfeln zusammengesetzt ist, die in drei sowohl horizontal als auch vertikal drehbaren Ebenen angeordnet sind

Klein und unschuldig kommt er daher – ein in Höhe, Breite und Tiefe jeweils in drei Ebenen unterteilter und beweglicher, sechsfarbiger Würfel – doch hat er viele schon auf eine harte Geduldsprobe gestellt: der Zauberwürfel. Erfunden wurde er von dem ungarischen Architektur- und Designprofessor Ernő Rubik, ursprünglich um das räumliche Denkvermögen seiner Studierenden zu verbessern. Seine Karriere als Spielzeug begann eher schleppend, als zu intellektuell und kompliziert für die Allgemeinheit wurde er eingeschätzt. Doch die Spielzeugindustrie sollte sich täuschen, die Nachfrage war enorm. Am 2. Juni 1980, sechs Jahre nach seiner Erfindung, kam der Zauberwürfel auf den deutschen Markt und das Würfelfieber konnte auch hierzulande um sich greifen.

[] Jogging, das

Dauerlauf in langsamem oder mäßigem Tempo als Konditionstraining

Jogging, so nennt man den Dauerlauf heute, geht auf das englische Verb „to jog“ zurück, was Wolfgang Pfeifer in seinem „Etymologischen Wörterbuch“ ganz treffend mit „sich ruckweise bewegen, hoppeln, holpern, mühsam gehen, rütteln“ ins Deutsche überträgt. Am heutigen „Tag des Laufens“ wollen wir all jenen fast sechs Millionen Deutschen einen sportlichen Gruß zurufen, die regelmäßig schnaufend und ächzend über Straßen und Felder, durch Wälder, Wiesen und Auen holpern. Ihr seid nicht allein!

[] Jieper, der

besonders D-Nord: plötzlich erwachende Gier, große Lust (auf etw., nach dem man süchtig ist)

Man raucht nicht – man pafft, qualmt, quarzt, schmaucht oder schmökt zu allen Zeiten und in allen Schichten. Doch immer mehr vor allem junge Menschen können ihren Jieper nach diesem Suchtmittel beherrschen oder sie verfallen ihm erst gar nicht. Bei ihnen ist, so das Bundesgesundheitsministerium, ein deutlicher Rückgang in der Raucherquote (von 27,5 % im Jahr 2001 auf 6,6 % 2018) zu beobachten. So können wir am heutigen Nichtrauchertag die erfreuliche Prognose wagen: In Zukunft wird weniger blauer Dunst unsere Köpfe vernebeln.

[] bilingual, Adj.

Sprachwissenschaft: zweisprachig, zwei Sprachen verwendend

Bon anniversaire! Am 30. Mai 1992 sendete der Kulturkanal ARTE zum ersten Mal in deutsche und französische Haushalte. Das in Europa Einzigartige an dem öffentlich-rechtlichen Kanal mit Sitz in Straßburg? Er sendet bilingual, also in beiden Sprachen. Ziel war und ist es, das französische und das deutsche Publikum an die Kultur des Nachbarn heranzuführen, aber auch den europäischen Zusammenhalt insgesamt zu fördern. Und aus dem bilingualen wird zunehmend ein multilingualer Ansatz, denn inzwischen untertitelt ARTE seine Programminhalte in vier weiteren Sprachen.

[] Keks, der

salopp: Kopf, Gehirn

Auch wenn Kekse heutzutage in aller Munde sind, gibt es das Wort selbst noch gar nicht so lange im Deutschen. Erst Ende des 19. Jh. entlehnte ein Hersteller des trockenen Kleingebäckstücks das Wort aus dem englischen „cake(s)“. Doch haben wir es hier mit demselben Keks wie in der Redewendung „jemandem auf den Keks gehen“ zu tun? Eher nicht. Einer Theorie zufolge prägte die Gaunersprache das Wort Keks, angelehnt an das hebräische גַּג gag („Dach“), das später eine Bedeutungsübertragung zu „Kopf, Verstand“ durchmachte. Einer anderen Theorie zufolge entstammt es der Jugendsprache, die in der Redewendung „jmdm. auf den Geist gehen“ den Geist scherzeshalber durch beliebige Wörter ersetzte (vgl. „jmdm. auf den Zeiger, Wecker gehen“).

[] Brettspiel, das

Spiel, bei dem meist mehrere Personen ein Spielbrett oder einen Spielplan und dazu Spielfiguren, Spielkarten o. Ä. verwenden

Nicht umsonst verbringen Kinder so viel Zeit mit dem Spielen; so können sie sich mit allen Sinnen die Welt erschließen, ihre Gesetzmäßigkeiten verstehen lernen, Grenzen austesten. Auch für Erwachsene noch interessant ist zum Beispiel die Welt der Brettspiele. Wer einmal eingetaucht ist, wird neben Klassikern wie Halma und Monopoly Erstaunliches finden: Bretter, die sich je nach Kampagne immer neu zusammensetzen lassen, 12-seitige Würfel, gruselige Miniaturen zum Bemalen und Anleitungen, die über 100 Seiten lang sind. Das Doofe daran ist, dass man nachher alles wieder zusammenpacken muss. Können wir bitte morgen aufräumen? Heute ist doch Weltspieltag!

[] Bürgerrecht, das

Grundrecht, das allen Staatsbürgern durch die Verfassung garantiert wird

Was macht man, wenn die Obrigkeit Demonstrationen und andere Formen der Insubordination verbietet und unterdrückt? Man feiert stattdessen ein Fest. Desgleichen taten Bürger vor dem Hambacher Schloss. Das Fest begann heute vor 190 Jahren und dauerte 6 Tage. Man forderte Bürgerrechte und schwenkte die revolutionäre Fahne in Schwarz-Rot-Gold, die Presse war durch zahlreiche Blätter und ihre Korrespondenten vertreten. So konnte dieses „Fest“, eine politische Manifestation einer aufstrebenden Schicht, eine Wirkung entfalten, die uns auch heute vielleicht mit etwas Wehmut an diese Zeit des demokratischen Aufbruchs denken lässt.

[] Ätti, der

regional, familiär: Vati, Papa

Am heutigen Feiertag Himmelfahrt (Schweiz/Liechtenstein: Auffahrt) erinnern die Christen an die Rückkehr Jesu in den Himmel, 39 Tage nach der Auferstehung am Ostersonntag. Für viele ist der Feiertag aber zum weltlichen „Vatertag“ geworden, für uns ein Anlass, auf die vielen Koseformen für den Vater hinzuweisen. Denn außer dem „Papa“, der letztlich aus dem Französischen stammt (bisweilen noch „Papá“ ausgesprochen), findet sich gerade im Osten „Vati“, wie „Papi“ mit verniedlichendem -i, oder in der Schweiz „Ätti“, aus dem Lallwort „atta“ (so auch im Gotischen und Hethitischen). Im Sudetenland fand sich gar „Tati“, nach Tschechisch „táta“ oder Mittelhochdeutsch „tate“.

[] Thriller, der

Roman oder Film, der beim Leser oder Zuschauer über den gesamten Handlungsverlauf Spannung und Nervenkitzel hervorruft

Was man in Buch oder Fernsehen Spannendes über Spionage konsumieren kann, verblasst bisweilen gegenüber wahren Agentengeschichten. Eine der spektakulärsten fand heute vor 109 Jahren ihr Ende: Der österreichisch-ungarische Oberst Alfred Redl, eine der wichtigsten Personen des Evidenzbüros, wurde in den Selbstmord gedrängt, nachdem durch bloßen Zufall aufgedeckt worden war, dass er seit Jahren höchste militärische Geheimnisse v. a. an Russland verkauft hatte, um seinen extravaganten Lebensstil zu finanzieren. Bis heute streiten Historiker darüber, welche Bedeutung Redls Verrat für das Desaster der k. k. Armee zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte.

[] Ainu, das

auf Hokkaido, Sachalin und den Kurilen beheimatete, zu keiner bekannten Sprachfamilie gehörende Sprache mit nur noch sehr wenigen Sprechern

Das im Norden Japans gesprochene Ainu gehört zu den Sprachen, die innerhalb kurzer Zeit in der Moderne an den Rand des Aussterbens gebracht wurden. Denn als Hokkaido 1869 Japan einverleibt wurde, begann eine hundertjährige aggressive Assimilationspolitik gegen das gleichnamigen Volk der Ainu. Es blieben nur wenige Dutzend meist Ältere, die dieses mit keiner anderen Sprache sicher verwandte Idiom noch beherrschen. Am 26.04.2019 verabschiedete das japanische Parlament erstmals ein Gesetz, das die Ainu als Ureinwohner Japans anerkennt und die Regierung zum Erhalt ihrer Kultur verpflichtet. Ob dieses Umdenken aber noch rechtzeitig kommt, wird die Zukunft zeigen.

[] Grundgesetz, das

die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, die durch einen Grundrechtekatalog und die wichtigsten Rechtsnormen zur Staatsorganisation die Beziehung zwischen Bürger und Staat sowie die politische Ausrichtung und den Aufbau des Staates grundlegend bestimmt; grundlegende Gesetzmäßigkeit, fundamentaler Zusammenhang in der Natur oder Gesellschaft

Provisorien halten bekanntlich länger: Am 23. Mai 1949 verkündete der Parlamentarische Rat das „Grundgesetz“ für die Bundesrepublik. Gedacht war es als Übergangslösung für eine noch zu erarbeitende Verfassung nach einer Wiedervereinigung Deutschlands. Der Begriff „Grundgesetz“ war zwar einerseits gut gewählt, veranschaulicht er doch, dass es die grundlegenden Normen für alle weiteren Gesetze und nicht zuletzt die Grundrechte umfasst. Andererseits steht der Begriff eben auch für Dauerhaftes. Man denke an die ewigen Grundgesetze der Physik oder das „Kölsche Grundgesetz“ mit seinen ewigen ‚Weisheiten‘, z. B. § 1 „Et es wie et es“.

[] Gothic, der, das oder die

Szene oder Genreform, deren Mitglieder ein gemeinsames Interesse an eher schwermütigen Themenkomplexen wie Tod, Vergänglichkeit, Mystik oder Psychopathologie teilen und deren typisches Erscheinungsbild vor allem durch die Farbe Schwarz geprägt ist

Sie mögen es düster, tragen Schwarz, hören Bauhaus. Diese klischeehafte Beschreibung mag wohl auf die meisten Anhänger der Gothic-Szene zutreffen, wird ihrer Diversität aber nicht gerecht. Jedes Jahr am 22. Mai, am „World Goth Day“, feiern Gothics sich selbst – für das Gemeinschaftsgefühl, mehr Sichtbarkeit und Toleranz. An diesem Tag soll sich alles um die ausgefallene Ästhetik, die meist schwermütige, aber dennoch facettenreiche Musik und die finstere, mystische oder romantische Kunst und Literatur ihrer Subkultur drehen. Weltweit finden dazu verschiedene Veranstaltungen statt, auch bei Sonnenschein.

[] Akademie, die

Vereinigung, Gesellschaft (von Gelehrten) zur Förderung der Forschung und Vertiefung wissenschaftlicher oder künstlerischer Studien

Die Geschichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften reicht zurück bis ins Jahr 1700. Damals wurde sie als Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften gegründet, mit Gottfried Wilhelm Leibniz als ihrem ersten Präsidenten. Nicht nur große Persönlichkeiten wie die Brüder Grimm und Humboldt, Lise Meitner und Albert Einstein, sondern auch die wechselhafte deutsche Geschichte prägen die Akademie über die Jahrhunderte. So, wie wir sie heute kennen, existiert sie seit 1992. Dazu unterzeichneten vor genau 30 Jahren die Länder Berlin und Brandenburg den Staatsvertrag zu ihrer Neukonstituierung als „Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (vormals Preußische Akademie der Wis­senschaften)“.

[] Schwänzeltanz, der

Zoologie: tanzartige Bewegung der Honigbiene, mit der sie Informationen über Richtung, Entfernung und Ergiebigkeit von in größerer Distanz zum Bienenstock befindlichen Nahrungsquellen übermittelt

Der Drang und die Notwendigkeit für Kommunikation ist im Tierreich allgegenwärtig. Für den Menschen ist das Mittel der Wahl für gewöhnlich die Sprache, seien es nun gesprochene, Gebärden- oder Pfeifsprachen. Bienen nutzen ein anderes Medium zur Informationsübertragung: Mithilfe des Schwänzeltanzes (und anderen Tänzen) teilen vom Ausschwärmen zurückgekehrte Bienen ihren Kolleginnen im Stock mit, wo Nahrungsquellen zu finden sind. Der Tanz enthält präzise Informationen zu Entfernung und Richtung der Futterquelle. Am heutigen Weltbienentag gedenken wir nicht nur dieser einzigartigen Kommunikationsform, sondern auch der Rolle, die die Bienen als Bestäuberinnen für die Biodiversität der Erde haben.

[] Luftpostbrief, der

mit dem Flugzeug beförderter Brief

Die Anfänge technologischer Durchbrüche sind oft wenig spektakulär: Heute vor 110 Jahren startete in Heidelberg eine Rumpler-Taube gen Mannheim. Im Gepäck transportierte der federleichte Flieger einen kleinen Postsack. Fast zeitgleich hoben mit gleichem Auftrag ein Jeannine-Eindecker und ein Wright-Doppeldecker ab. Das Ganze war Teil einer PR-Aktion der Deutschen Reichspost, die extra für diesen Tag Luftpostkarten mit eigener Briefmarke herausgebracht hatte. Die Aktion war allerdings so erfolgreich, dass die schwachbrüstigen Flugzeuge nur eine kleine Ladung befördern konnten. Der Löwenanteil der vermeintlichen Luftpostsendungen musste per Bahn transportiert werden.

[] die Latte hoch legen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: an jmdn., etw. hohe Maßstäbe legen (um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder eine bestimmte Erwartung zu erfüllen); hohe Ansprüche, Anforderungen stellen, denen man nur schwer genügen kann

Alle wollten sie hoch hinaus, doch der kalifornische Sportler George Horine legte die Latte höher als alle, die vor ihm kamen. Am 18.05.1912 überquerte er als Erster die Zwei-Meter-Marke im Hochsprung. Dies gelang ihm vor allem durch eine ihm eigene Technik, den Western Roll, die sich durch einen niedrigeren Körperschwerpunkt auszeichnete und zu deutlich besseren Ergebnissen als die bisher verwendeten Hock- oder Schersprünge führte. Der Western Roll hielt sich bis in die 1950er-Jahre, als er zunächst vom Tauchwälzer und dann vom Fosbury Flop abgelöst wurde. Horines Weltrekord hielt ganze zwei Jahre; sonderlich viel Ruhm wurde ihm allerdings nie zuteil, möglicherweise auch deshalb, weil sein Weltrekord im angloamerikanischen Maßsystem nur unrunde 6 Fuß 7 Zoll betrug.

[] Eierschecke, die

aus Sachsen stammender Kuchen (meist aus Rührteig oder Hefeteig) mit einer dicken Schicht gelben Schaums aus Ei, Butter, Zucker und Vanillepudding und oft einer zweiten, weißen Schicht aus Quark, Ei, Zucker und Milch

Man nehme: Butter, Quark, Pudding, Mehl, Zucker – und sagenhafte sechs bis acht Eier. Nicht umsonst nennt man sie „Eierschecke“, ein käsekuchenähnliches Backwerk, das vor allem im sächsischen und thüringischen Raum verbreitet ist. „Schecke“ leitet sich wohl von einem mittelalterlichen Leibrock für Herren ab, der durch einen Taillengürtel optisch dreigeteilt war. Auch die (Dresdner) Eierschecke hat diese Dreiteilung: einen Mürbeteigboden, eine Quarkcremeschicht und eine Masse aus Vanillepudding, Ei, Butter und Zucker. Es gibt aber zig Variationen des Kuchens, die nicht nur wohlschmeckend, sondern auch Gegenstand regionalen Gerangels sind. Über Leidenschaften kann man eben herrlich streiten.

[] Elektrische, die

Straßenbahn, die von elektrischem Strom angetrieben (und nicht von Pferden gezogen) wird

Eigentlich sollte sie als Hochbahn in der Berliner Friedrichstraße verkehren, die erste „elektrische Eisenbahn“, wie ihr Erfinder Werner von Siemens sie nannte. Doch Anwohner klagten erfolgreich dagegen. Sie führten die Gefahren herabtropfenden Schmieröls und herabstürzender Wagen sowie das durch die Verdunkelung der Straße entstehende Ungemach ins Feld. So nahm die erste „Elektrische“ schließlich in Groß-Lichterfelde ihren Probebetrieb auf, heute vor 141 Jahren. Am 14. Februar 1930 wurde der Betrieb eingestellt.

[] Technikmuseum, das

öffentliche Sammlung von Schaustücken, die die Geschichte oder besondere Aspekte der Technik repräsentieren

Museen können mit den verschiedensten Exponaten aufwarten, von immateriell bis riesengroß, und ebenso vielfältig sind die Gebäude, die sie beherbergen. In nur seltenen Fällen ist aber das Gebäudeensemble und Gelände selbst auch gleichzeitig so ein passendes Sammlungsobjekt wie im Fall des Deutschen Technikmuseums Berlin. Diese Institution, die dutzende ältere, teils kriegsgeschädigte Sammlungen zu allen Bereichen der Technologie vereint, wurde 1983 auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Güterbahnhofs eröffnet und umfasst neben einem Neubau u. a. alte Lokschuppen, das Beamtenhaus, die Ladestraße. Gegründet wurde sie heute vor 40 Jahren als „Museum für Verkehr und Technik“.

[] Wandervogel, der

Vogel, der im jahreszeitlichen Rhythmus zwischen Winterquartier und Brutgebiet hin- und herwechselt

Was haben Wanderfreunde und Zugvögel gemeinsam? Beide nehmen für die Suche nach optimalen Bedingungen bisweilen bis zu mehreren tausend Kilometern Weg auf sich. Außerdem besteht für beide heute Grund zur Freude, denn es wird nicht nur der Tag des Wanderns, sondern auch der Weltzugvogeltag begangen. Letzterer widmet sich in diesem Jahr dem Problem der nächtlichen Lichtverschmutzung, die bei Zugvögeln zu Orientierungsschwierigkeiten führt. Auch wenn nicht vollständig geklärt ist, wie die Vögel im Detail navigieren, ist man sich doch einig, dass sie neben dem Erdmagnetfeld und der Sonne auch die Sterne zur Orientierung nutzen. Das Motto des diesjährigen Weltzugvogeltags lautet daher: „Dimmen Sie nachts das Licht für Vögel!“

[] Cocktail, der

(eisgekühltes) Mischgetränk, das in der Regel eine oder mehrere Spirituosen und meist weitere Zutaten wie z. B. Fruchtsäfte enthält, oft mit Früchten garniert

Die englische Leidenschaft für das Pferderennen hat den internationalen Wortschatz um so einige Ausdrücke bereichert, man denke nur an „Jockey“ oder „Doping“. Aber auch der „Cocktail“ soll über ein paar semantische Ecken auf den Pferdesport zurückgehen: Rennpferden mit einem Makel im Stammbaum wurde zum Zeichen ihrer nicht ganz so edlen, gemischtrassigen Herkunft der Schweif gestutzt, der nun an die Schwanzfedern eines Hahns erinnerte. Das „cock-tailed horse“ wurde zum festen Begriff und der Ausdruck „cocktail“ um 1800, anfangs wohl eher abwertend (im Sinne von ‚verwässerter Drink‘), auf das alkoholische Mischgetränk übertragen.

[] Pflegezeit, die

Gesundheitswesen in Deutschland: (befristete) Zeitdauer, während der Arbeitnehmer eine Freistellung von der Arbeit beantragen können, um pflegebedürftige Angehörige in ihrer häuslichen Umgebung zu betreuen

Am heutigen Internationalen Tag der Pflegenden würdigen wir den Einsatz der Menschen, die sich um die 4,1 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland kümmern – auch wenn klar ist, dass es mit Lob und Klatschen nicht getan ist. Neben dem Pflegepersonal in Krankenhäusern, Heimen und im mobilen Dienst sind auch viele Privatpersonen im Pflegeeinsatz. Für die verbesserte „Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf“ gibt es seit 2008 das Pflegezeitgesetz. Wer nahe Angehörige zu Hause pflegt, kann sich bis zu sechs Monate ganz oder zum Teil von der Arbeit freistellen lassen. Zum Ausgleich kann für diese Zeit ein zinsloses staatliches Darlehen beantragt werden.

[] uralt, Adj.

sehr alt

Heute vor 130 Jahren gründete Hugo Asbach in Rüdesheim seine Weinbrennerei, um deutschen Cognac („Weinbrand“) auf den Markt zu bringen. 1905 ließ er sich die Marke „Asbach uralt“ als Warenzeichen eintragen. Da ahnte er sicher nicht, was die Sprachgemeinschaft aus dieser Wortmarke machen würde. Der Ausdruck „Asbach uralt“ wurde zum nicht allzu schmeichelhaften Prädikat für altbekannte Ideen, Witze, Nachrichten usw. Und das Zitat ließ sich sogar weiter verkürzen. Heutzutage ist etwas gelegentlich nur „Asbach“. Sicher nicht im Sinne des unfreiwilligen Namensgebers.

[] Kalendergeschichte, die

Literaturwissenschaft: Form didaktischer, unterhaltender Kurzprosa, die ursprünglich auf die Rückseite von Kalenderblättern gedruckt wurde und sich später zu einem eigenen literarischen Genre entwickelte

Zu den ersten Drucken, mit denen Johannes Gutenberg die Medienwelt revolutionierte, zählte auch eine ausgesprochen erfolgreiche Textsorte: Kalender. Als Volkskalender erreichten sie nahezu alle Schichten und dienten der Bevölkerung mit ihren Anekdoten und Schwänken nicht zuletzt auch der Unterhaltung. Ein Meister, der diese Kalendergeschichten zu literarischen Höhen führte, wurde am 10. Mai 1760 in Basel geboren. Es ist der auch als alemannischer Mundartdichter bekannte Johann Peter Hebel. Eine seiner Schöpfungen kennen Sie bestimmt: „Kannitverstan“, die Geschichte jenes Tuttlinger Handwerksburschen, der in Amsterdam grandios am Niederländischen scheitert.

[] Emanzipationsbewegung, die

politische, gesellschaftliche o. ä. Bewegung, die die Emanzipation einer gesellschaftlichen Gruppe zum Ziel hat

Dass Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie und Gleichberechtigung trotz aller Widrigkeiten am Ende triumphieren, konnte kaum ein Mensch so gut symbolisieren wie Nelson Mandela. Der Freiheitskämpfer, der im Westen noch in den 1980ern als „Terrorist“ bezeichnet wurde, saß wegen seines Engagements gegen das südafrikanische Apartheidregime 27 Jahre in Haft (bis 1990). Nach dem Wahlsieg seines African National Congress in den ersten freien Wahlen 1993 wurde er heute vor 29 Jahren zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt und setzte danach seine Autorität für die Versöhnung zwischen den verfeindeten Gruppen ein.

[] Hotel Mama, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, scherzhaft, besonders in Bezug auf junge Erwachsene: das Elternhaus als Unterkunft mit vielen Annehmlichkeiten, insbesondere der Abnahme der Hausarbeit (traditionell vor allem durch die Mutter)

Wer den Eintritt ins Erwachsenenalter schon länger hinter sich hat und noch bei den Eltern wohnt, bekommt schnell den Stempel des unselbstständigen Nesthockers aufgedrückt, der sich im „Hotel Mama“ vollumfänglich bedienen lässt. Interessant ist, dass letzterer Ausdruck von recht konventionellen Rollenmustern ausgeht (was für eine Rolle spielt Papa eigentlich in diesem Hotel?), obwohl er wahrscheinlich erst seit den 90ern in Gebrauch ist. Und ebenso interessant ist, wie viele gute Gründe es in der Praxis gibt, länger bei den Eltern zu wohnen – ob es der schwierige Wohnungsmarkt ist, Heimatverbundenheit oder eine Hilfsbedürftigkeit der Eltern. Heute ist es für diejenigen, die mit Muttern unter einem Dach wohnen, jedenfalls viel einfacher, ihr das Frühstück ans Bett zu bringen, sie zu drücken und ihr alles Liebe zum Muttertag zu wünschen.

[] Fünfliber, der

umgangssprachlich: Münze im Wert von fünf Franken

Schweizurlauber kennen es: das umgangssprachlich „Fünfliber“ genannte 5-Franken-Stück. Der auf das französische „livre“ (Pfund) zurückgehende Begriff spiegelt auch die numismatische Geschichte der Schweiz wider. Denn dort herrschte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein regelrechtes Münzchaos. Jedem Kanton oder gar jeder Stadt mit Münzrecht stand es frei, eigene Münzen in den verschiedensten Währungen und Nominalwerten zu prägen. Zusätzlich zirkulierten im Handel auch noch ausländische Währungen. Diesem Chaos wurde am 7.5.1850 Einhalt geboten. Das eidgenössische Münzgesetz sprach das alleinige Münzprägerecht dem Bund zu und führte den „Franken“ als Währung ein. Damit war dann auch die Frage geklärt, ob man sich mit dem neuen Münzsystem lieber am süddeutschen Gulden oder dem französischen Franc orientieren sollte.

[] Goldgräberfieber, das

mit Besessenheit betriebene Suche nach Gold (in einem Gebiet, in dem Gold gefunden wird)

Das 19. Jahrhundert war in den USA eine Zeit des Goldrauschs. Während dieser Periode verließen etliche Menschen ihre Heimat, um in vielversprechenden Gegenden nach Edelmetall zu suchen, so auch im heutigen Bundesstaat Colorado. In Schwung kam der „Colorado Gold Rush“, nachdem am 6.5.1859 ein gewisser John H. Gregory dort auf eine der ersten großen Goldadern gestoßen war. In den folgenden Monaten pilgerten tausende Goldsucher zur Fundstelle, um auch ihr Glück zu versuchen. Der Rausch brachte große Veränderung für die Region. Zehntausende Weiße siedelten sich an, Städte wie Denver und Boulder wurden gegründet, die Industrie boomte. Jedoch wurde großen Teilen der indigenen Bevölkerung durch die Vereinnahmung ihrer Gebiete die Lebensgrundlage entzogen.

[] Maifeiertag, der

einer der Feiertage, die in den Mai fallen, z. B. Christi Himmelfahrt, Pfingstsonntag, Pfingstmontag

Der Monat Mai ist überaus reich an Feiertagen. Wenn man von „dem“ Maifeiertag hört, dann denkt man hierzulande meist an den Tag der Arbeit vom vergangenen Sonntag, danach folgen Christi Himmelfahrt oder die Pfingstfeiertage. Über dem Großen Teich ist das anders: Ähnlich wie die Iren in den USA ihren Saint Patrick’s Day begehen, feiern die Mexikaner dort – interessanterweise aber kaum in Mexiko selbst – heute den „Cinco de Mayo“ (schlicht und einfach: 5. Mai). An diesem Tag vor heuer genau 160 Jahren besiegten die mexikanischen Republikaner bei Puebla eine überlegene Expeditionsarmee der Franzosen, die ihnen eine fremde Regierung aufzwingen wollten.

[] Brandbekämpfung, die

das Löschen oder Ersticken von gefährlichen Bränden

Dass die Feuerwehr ausgerechnet zum heutigen Datum international gefeiert wird, hat seinen Grund. Der 4. Mai gilt als Todestag des heiligen Florian von Lorch. Selbst im Funkverkehr findet der Name des spätantiken Märtyrers als Rufname der Feuerwehr Verwendung (z. B. „Florian 21/1 ruft Florian 40/1!“). Aber wie kam Florian zu seiner „Anstellung“? Wenn Heilige zu Schutzpatronen werden, hat dies meist mit ihrem Lebenswandel oder Tod zu tun. Bei Florian ist dies allerdings unklar. Überliefert ist nur eine Tätigkeit als hochrangiger römischer Beamter, der seines christlichen Bekenntnisses wegen wohl um 304 mit einem Mühlstein um den Hals ertränkt wurde. Gleichwohl ist er auf bildlichen Darstellungen häufig als Legionär mit einem Wasserkübel als „Feuerlöschgerät“ zu sehen.

[] Spam, der, das oder die

Gesamtheit der vom Empfänger weder erbetenen noch erwünschten E-Mails; einzelne E-Mail, die versandt wird, obwohl deren Erhalt vom Empfänger weder erbeten wurde noch erwünscht ist

Sie sind ein Fluch der modernen Informationsgesellschaft und vergällen den Blick ins E-Mail-Postfach: Spammails. Doch die erste dokumentierte Spammail nahm einen bescheidenen Anfang. Gary Thuerk, Mitarbeiter der Marketingabteilung einer Computerfirma, wollte nur ein neues Produkt seiner Firma bewerben und schickte daher am 3.5.1978 eine E-Mail an gerade einmal 600 Adressaten (die damals jedoch rund ein Viertel aller Internet- bzw. Arpanetuser ausmachten). Da er allerdings seine eigene E-Mail-Adresse als Absender angegeben hatte, traf ihn der Sturm der Entrüstung postwendend. Doch die Aktion brachte ihm nicht nur Ärger: Nach eigenen Angaben führte sie zu einem Umsatzplus von ca. 12 Millionen Dollar.

[] Überfischung, die

übermäßige Verminderung des Fischbestandes von Gewässern durch extensiven Fischfang mit der Folge, dass nicht ausreichend Fisch nachwachsen kann

Die Bezeichnung „Thunfisch“ ist eine Entlehnung aus dem gleichbedeutenden lat. t(h)unnus, thynnus, das wiederum auf das altgriechische thýnnos (θύννος) zurückgeht; thýnō (θύνω) bedeutet „ich eile“ oder „ich rase“. Aufgrund ihrer Größe und ihrer Geschwindigkeit haben Thunfische nur wenige Fressfeinde. Nichts davon aber hilft gegen die Schleppnetze der Fischer, denn der Fisch ist, da fettreich und schmackhaft, ein bei den Menschen begehrtes Nahrungsmittel. So könnte diese Fischart bald auch ein Opfer der Überfischung werden. Vor dieser Gefahr möchte der 2017 ins Leben gerufene „Welttag des Thunfischs“ am 2. Mai warnen und die Weltgemeinschaft zu einer nachhaltigeren Form des Fischfangs auffordern. Sonst ist „der Schnelle“ unter den Fischen bald verschwunden.

[] prokrastinieren, Verb

etw. (als unangenehm Empfundenes) aufschieben, hinausschieben, sich mit etw. Zeit lassen

Text folgt …

[] Findelkind, das

in hilfloser Lage aufgefundenes, meist ausgesetztes Kind

Ein Findelkind, der verlorene Erbprinz von Baden oder schlicht ein Betrüger – um das Phänomen Kaspar Hauser ranken sich bis heute Gerüchte und Verschwörungstheorien. Auf die Bildfläche trat er 1828 in Nürnberg als etwa 16-jähriger (laut einem Brief, den er bei sich trug, wurde er am 30.4.1812 geboren), verstörter und geistig scheinbar zurückgebliebener Junge. Trotz beschränktem Wortschatz konnte man ihm entlocken, dass er zeit seines Lebens in einem dunklen Raum bei Wasser und Brot gefangen gehalten worden sei. Seine Herkunft blieb jedoch ungeklärt und seine Grabinschrift resümiert treffend: „Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, geheimnisvoll der Tod 1833.“

[] aus der Reihe tanzen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: sich nicht an vereinbarte Regeln, Konventionen o. Ä. halten; die vorgegebene Ordnung, Reihenfolge o. Ä. nicht einhalten; auffallen

Wer ab und zu mal einen Rappel kriegt, in seiner Bude die Musik aufdreht und wild umhertanzt, hat dabei (fast) alle Freiheiten. Bei den meisten offiziellen Tanzformen wie Bühnen-, Schau- und Gesellschaftstanz müssen jedoch bestimmte Regeln eingehalten werden: Sich im Takt zu bewegen, an Schrittfolgen zu halten und möglichst den anderen nicht auf die Füße zu treten gehört dazu. Und beim mittelalterlichen „Reihen“, später auch „Reigen“ genannt, hätte ein Verlassen des Kreises oder der Kette die Tanzunternehmung der Gruppe wohl erheblich gestört. Wer heutzutage im übertragenen Sinne aus der Reihe tanzt, fällt ebenfalls durch unkonventionelles oder regelwidriges Verhalten auf – aber tatsächlich nicht immer negativ.

[] Fisimatenten, nur im Plural

umgangssprachlich, abwertend: von jmdm. ausgehende unnötige, störende, behindernde Schwierigkeiten oder Umständlichkeiten; törichter Unfug

Wenn man zum ersten Mal im Leben von jemandem hört, man solle keine „Fisimatenten“ machen, dann ist das zwar überhaupt nicht freundlich – das exotische, faszinierende Wort aber dürfte sich ins Gedächtnis einprägen und die Frage nach der Herkunft aufkommen lassen. Hartnäckigst hält sich die urbane Legende, der Ausdruck sei eine Verballhornung von „visitez ma tente“ (besuchen Sie mein Zelt), womit napoleonische Besatzungssoldaten in Berlin und anderswo Damen angesprochen hätten. Tatsächlich ist der Ausdruck mehr als 200 Jahre älter und wahrscheinlich eine spöttische Verwendung von „*visae patentes (litterae)“ (ordnungsgemäß geprüfte Patente).

[] Revolution, die

die bestehende politische und soziale Ordnung grundlegend verändernder, oft gewaltsamer Umsturz oder Umwälzungsprozess

Anders als in der Geschichte von David und Goliath muss sich im echten Leben auch die sympathischste Streitmacht meist einem Gegner geschlagen geben, wenn dieser überlegen ist. So geschah dies auch am 27.04.1848, als die aus Frankreich kommende „Deutsche Demokratische Legion“ im Gefecht bei Dossenbach in Südbaden württembergischen Truppen unterlag. Innerhalb einer Woche waren so alle drei motivierten, aber schlecht ausgerüsteten und unerfahrenen Züge der Republikaner von der Reaktion besiegt worden und die erste Phase der Badischen Revolution zu Ende. Im Mai 1849 sollte sie endgültig scheitern.

[] Super-GAU, der

umgangssprachlich: nicht mehr beherrschbarer Störfall in einem Kernkraftwerk, der zur Kontamination der Umwelt führt

Als russische Invasionstruppen am 24. Februar das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks bei Čornobyl' (Tschernobyl) besetzten, kamen bei vielen Erinnerungen an ein einschneidendes Ereignis der 1980er hoch: In der Nacht vom 26. April 1986 ereignete sich bei einer grundlegende Sicherheitsbestimmungen verletzenden Simulation eines Stromausfalls eine Kernschmelze mit Explosion, die hochradioaktives Material in die Atmosphäre brachte, mit Auswirkungen bis nach Westeuropa. Obwohl die Kernkraftwerke in Deutschland schon rein baulich in keinem „größten anzunehmenden Unfall“ dieser Art enden können, führte die Katastrophe letztlich zum deutschen Ausstieg aus der Kernenergie.

[] watscheln, Verb

umgangssprachlich: sich mit nachgezogenen, plumpen Füßen schwerfällig und nach der Seite schwankend fortbewegen

Adrett gekleidet, doch ein tollpatschiger Gang: Am heutigen Weltpinguintag soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie der Klimawandel und die Vermüllung der Meere den Lebensraum der watschelnden Frackträger zunehmend gefährdet. Das Datum des Aktionstags geht vermeintlich darauf zurück, dass Forscher der McMurdo-Station in der Antarktis jedes Jahr auf den Tag genau am 25. April beobachten konnten, wie Adéliepinguine auf ihrer Insel an Land gingen. Sie passierten die Forschungsstation auf dem Weg von ihren Brutstätten auf dem antarktischen Festland ins nördlich gelegene Packeis, wo sie dank der besseren Jagdmöglichkeiten die Wintermonate verbrachten.

[] Versuchskaninchen, das

umgangssprachlich, abwertend: jmd., mit dem man etw. erprobt

Der Tierversuch ist nach wie vor eine Standardmethode in der Erforschung von Arzneimitteln und Chemikalien. An das damit verbundene Tierleid erinnert der heutige Internationale Tag des Versuchstiers. Im Jahr 2020 sind bundesweit rund 1,9 Mio. Tiere für Versuche verwendet und davon ein Drittel getötet worden. Besonders oft herhalten müssen kleine Nager: 2020 sind 70,6 Prozent der Versuchstiere Mäuse gewesen, 3,7 Prozent Kaninchen. Warum es dann ausgerechnet das Versuchskaninchen und nicht die Versuchsmaus oder -ratte als Metapher in den deutschen Wortschatz geschafft hat (erste Belege finden sich schon vor 1900), darüber können wir nur spekulieren. Vielleicht kann man sich mit dem flauschigen Kaninchen besser identifizieren?

[] aufmüpfig, Adj.

umgangssprachlich, leicht scherzhaft: mit Trotz, Widerspruch oder Widerstand reagierend, gegen etw. aufbegehrend

Während die Abspaltung der Südstaaten 1861 einen blutigen Bürgerkrieg auslöste, sorgte eine Sezession in Florida vor genau 40 Jahren für positive Gefühle und Folgen: Im sich hinziehenden Streit um eine den Tourismus behindernde Polizei-Kontrollstelle erklärte sich die Inselkette Key West am 23.04.1982 als „Conch Republic“ für unabhängig, erklärte den USA den Krieg und kapitulierte umgehend mit der Bitte um eine Milliarde Dollar Wiederaufbauhilfe. Der PR-Stunt war erfolgreich, die Kontrollstelle wurde aufgegeben. Als augenzwinkernde Folklore existiert die „Fechterschneckenrepublik“ übrigens bis heute.

[] der blaue Planet, Mehrwortausdruck

der Planet Erde

„Ich sehe die Erde! Ich sehe die Wolken, es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!“ So schwärmte Kosmonaut Juri Gagarin, der als erster Mensch die Erde vom All aus betrachten durfte. Und seitdem das von Apollo 17 aufgenommene Foto die Erdkugel sogar in Vollansicht zeigt, weiß jeder: Unser Planet strahlt in tiefem Blau. Verantwortlich dafür ist das Wasser der Ozeane und die Atmosphäre, aus denen das gebrochene und gestreute Sonnenlicht bläulich zurückstrahlt. Geahnt hatte dies schon der französische Dichter Paul Éluard, der 1929 als poetisch surrealistisches Vexierspiel dichtete: „la terre est bleue comme une orange“ – Die Erde ist blau wie eine Orange.

[] Spielkonsole, die

elektronisches Gerät für Computerspiele, das mobil benutzt oder an den Fernseher angeschlossen wird

Kennen Sie das: Töne, Düfte, Fotos, aber auch alte Spielsachen, die Erinnerungen an „die gute alte Zeit“ wecken? Für einige Menschen dürfte der Gameboy, der heute vor 33 Jahren erstmals verkauft wurde, solche Anflüge der Nostalgie auslösen. Seither hat es viele weitere Generationen des Gameboys und anderer tragbarer Konsolen gegeben: kleiner, leichter, bunter, fortschrittlicher. Doch an dem klobigen Ur-Gameboy von 1989 mit dem grünlichen Display hängen die Herzen. Manche Eltern dürften die in Dauerschleife gespielten 8-Bit-Sounds halb in den Wahnsinn getrieben haben, während ihre Kinder sich stundenlang am selben Level von „Super Mario Land“ versuchten. Was für eine schöne Zeit das doch damals war!

[] Chinesisch, das

jede der in China beheimateten sinitischen Sprachen der sinotibetischen Sprachfamilie, besonders das auf dem Mandarin basierende Hochchinesisch; Standardchinesisch

Um kulturelle Diversität und Mehrsprachigkeit in den Fokus zu rücken, riefen die Vereinten Nationen 2010 für jede ihrer sechs Amtssprachen einen Weltsprachentag ins Leben, so auch den heutigen internationalen Tag der chinesischen Sprache. Und das Chinesische hat auch im Deutschen Spuren hinterlassen. Neben Kulturimporten wie Kungfu, Tai-Chi, Qigong und Feng Shui wurde unser Wortschatz vor allem kulinarisch bereichert: Tofu, Dim Sum, Litschi und Tee entstammen alle dem Hochchinesischen oder einer der anderen chinesischen Sprachen. Umgekehrt haben im 20. Jhd. vorwiegend deutsche Begriffe aus Wissenschaft, Technik und Medizin Einzug in das (Hoch-)Chinesische gefunden.

[] Schnaufer, der

tiefer, kräftiger und deutlich hörbarer Atemzug

Wenig weiß man von John J. McDermott, aber eines ist sicher: Er gewann am 19. April 1897, heute vor 125 Jahren, den ersten Boston-Marathon. Dieser Marathon ist das älteste nichtolympische Event seiner Art. Den letzten Schnaufer auf dieser Strecke machte McDermott nach 2 Stunden und 55 Minuten, mit Blut und Blasen an den Füßen, wie die Chronik zu berichten weiß. Wann McDermott den letzten Schnaufer in seinem Leben tat, ist wie vieles andere über ihn nicht bekannt. Nur eines ist mit Sicherheit überliefert: Es war tatsächlich eine Lungenkrankheit, die ihn zu diesem allerletzten Atemzug zwang.

[] Waschsalon, der

Laden mit Waschmaschinen und elektrischen Wäschetrocknern, die Kunden gegen Bezahlung benutzen können, um ihre Wäsche selbst zu waschen und zu trocknen

Heute vor 88 Jahren ist angeblich im texanischen Fort Worth (oder in Chicago) der erste Waschsalon eröffnet worden – ein Segen für die Leute, die bis dahin viel Zeit und Kraft darauf verwendet hatten, ihre Wäsche von Hand zu waschen. Eine eigene Waschmaschine konnte sich damals kaum jemand leisten. Und da das öffentliche Waschen eine gewisse Zeit in Anspruch nahm, wurde der Waschsalon auch zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und des Innehaltens. Einige Betreiber banden die Wartezeiten geschickt in ihre Geschäftskonzepte ein. So können Sie auch heute noch in manchen Salons einen Kaffee trinken, an der Bar sitzen oder sogar eine Kunstausstellung bewundern, während Sie auf Ihre maschinenreine XXL-Kuscheldecke warten.

[] nicht alle Eier in einen Korb legen, Mehrwortausdruck

Vermögen in mehrere Geldanlagen investieren, breiter streuen (um so Risiken zu minimieren)

Manche Katastrophen sind vorhersehbar. Wo immer in einer Wilhelm-Busch-Bildergeschichte ein Korb voller Eier herumsteht, kann sich der Leser „ausmalen“ was folgt: eine große Sauerei mit jeder Menge Rührei. Was seit über hundert Jahren für Lacher sorgt, gilt bei Börsianern als metaphorisches Beispiel für einen Totalverlust, meist gefolgt von der Mahnung, seine Investments doch besser zu diversifizieren, also seine „Eier“ niemals nur in einen Korb zu legen. Vielleicht lässt sich dies ja auch auf die familiäre Ostereiersuche umwidmen: Verteilt auf viele Verstecke, haben die Sprösslinge mehr Spaß an der Suche nach Schokohase & Co. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein frohes Osterfest.

[] Ostersamstag, der

Religion: Samstag nach Ostern

Vielleicht werden Sie unserer Definition widersprechen: Ostersamstag (bzw. -sonnabend) ist doch heute, der Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag! Umgangssprachlich heißt es zwar tatsächlich so, aber aus Sicht der Kirche, die eine komplexe, ausführliche Einteilung für die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten hat, ist heute der Karsamstag, und der Ostersamstag eben erst in einer Woche, als erster Samstag nach dem Hochfest, vor dem Weißen Sonntag als erstem Oktavtag. Besonders bei Verabredungen mit theologisch bewanderten Menschen ist es daher angeraten, beim „Ostersamstag“ nochmal das kalendarische Datum hinzuzusetzen.

[] auf dem falschen Dampfer sein, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: sich irren, auf einem Irrweg befinden; einer Fehleinschätzung unterliegen

Auf dem sprichwörtlichen falschen Dampfer sitzen wir alle von Zeit zu Zeit. Die kleinen alltäglichen Irrtümer und Fehleinschätzungen gehören zum Leben dazu. Eine der großen und auf tragische Art berühmtesten Fehleinschätzungen der neueren Geschichte hängt mit dem heutigen Jahrestag zusammen. Heute vor 110 Jahren versank der Luxusdampfer „Titanic“ nach dem nächtlichen Zusammenprall mit einem Eisberg im Atlantik. Er riss etwa 1500 Menschen in den Tod, nur rund 700 konnten gerettet werden. Zuvor wurde die Titanic von der Öffentlichkeit noch als unsinkbares Schiff gefeiert und verklärt. Dass sich diese Annahme als Irrtum herausstellte, erschütterte das Vertrauen in den technischen Fortschritt nachhaltig.

[] Maultasche, die

Kochkunst: den italienischen Ravioli ähnelnde, aber deutlich größere Nudelteigtasche, die mit gehacktem Fleisch, Kräutern, Gemüse und anderen Zutaten gefüllt wird und als Suppeneinlage oder mit Beilagen wie Salat, Kartoffelsalat o. Ä. gegessen wird; regionale Spezialität in Schwaben

Obwohl in der Karwoche kein Fleisch gegessen werden durfte, wollte ein Mönch des Maulbronner Klosters vor über 500 Jahren nicht darauf verzichten. Daher versteckte er es vor den Augen Gottes kleingehackt und mit anderen Zutaten vermengt in einer Hülle aus Nudelteig. Er wollte den Herrgott also, salopp ausgedrückt, bescheißen. Ob diese Erzählung über die Entstehung der Maultasche der Wahrheit entspricht, ist nicht geklärt. Dennoch kommen an Gründonnerstag bei vielen Schwaben traditionell die im Schwäbischen auch als „Herrgottsbscheißerle“ bekannten Teigtaschen auf den Tisch – vorzugsweise selbstgemacht.

[] Verstoß, der

Übertretung, Verletzung eines Gesetzes, einer Vorschrift, Bestimmung oder Regel, Vergehen, Fehler

Verstöße gegen Grammatik werden meist mit Hohn und Spott geahndet, manchmal aber auch geadelt, so 1844: Nachdem ein in seiner Ehre gekränkter Bürgermeister geglaubt hatte, König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ermorden zu müssen (er schoss aber daneben), dichtete ein kreativer Flugblattschreiber: „Der verruchte Uebelthäter, Hochverräther, Attentäter“. Er wendete dabei die Wortbildungsregel für das einheimische Substantiv „Tat“ (wird zu „Täter“) schlitzohrig auf das nach französischem Vorbild gebildete Fremdwort „Attentat“ an. Im Französischen existiert das Wort „l'attentat“ weiterhin, den „Attentäter“ dagegen gibt es nur im Deutschen.

[] Kernwaffenverzicht, der

freiwillige Abschaffung, Reduktion oder Nicht-Anschaffung nuklearer Sprengkörper

Nicht erst seit Hiroshima und Nagasaki hatte wissenschaftlicher Fortschritt sehr reale soziale und politische Auswirkungen. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer daher am 5.4.1957 verkündete, die Bundeswehr nuklear bewaffnen zu wollen, regte sich erstmals öffentlicher Protest von Seiten der Wissenschaft. Die Göttinger Achtzehn – eine Gruppe der führenden Atomphysiker des Landes – stellten sich in der am 12.4.1957 veröffentlichten Göttinger Erklärung vehement gegen die nukleare Politik der BRD. Politisch hatten sie damit zunächst keinen Erfolg, doch das hervorgerufene Medienecho führte letztlich zur Gründung der Anti-Atom- und Friedensbewegung.

[] tote Hose, Mehrwortausdruck

langweilige Person, Langweiler, Versager

Der Punk ist in die Jahre gekommen und manch einer der Protagonisten zu Ruhm und Reichtum. Das passt so gar nicht zu einer Richtung, die Lustlosigkeit, „null Bock“ und Versagen als Lebenshaltung zu kultivieren wusste. Eine der frühen, prägenden Gestalten der deutschen Punk-Szene war Campino, Frontmann und Sänger der Gruppe „Die Toten Hosen“ aus Düsseldorf. Die Band gab heute vor vierzig Jahren im Bremer „Schlachthof“ ihr Debüt-Konzert, damals irrtümlich als „Die Toten Hasen“ angekündigt (steckte Joseph Beuys hinter diesem Fehler?). Schon 2001 reichte die eingespielte Kohle, um in einer aufsehenerregenden Aktion den lokalen Fußballverein Fortuna Düsseldorf vor der Insolvenz zu retten.

[] Sicherheitsnadel, die

gebogene Nadel mit einem die Spitze verdeckenden Verschluss, mit der man etw. feststecken, zusammenstecken kann

Niemand erfüllt das Klischee des mittellosen Erfinders besser als der Amerikaner Walter Hunt. Trotz unzähliger Patente konnte er nie Kapital aus seinen Erfindungen schlagen. Ein Erfinder mit Leib und Seele eben und kein Geschäftsmann. So wurde auch seine berühmteste Erfindung, die am 10.4.1849 patentierte Sicherheitsnadel, eher aus einer finanziellen Not heraus geboren. Da er einem Musterzeichner, den er für frühere Patente engagiert hatte, noch 15 Dollar schuldete, verkaufte er die Rechte an der Sicherheitsnadel prompt nach ihrer Patentierung an dessen Firma – für 400 Dollar. Kein kluger Schachzug, denn die Sicherheitsnadel erwirtschaftete dem Unternehmen Gewinne in Millionenhöhe.

[] pikiert, part. Adj.

gekränkt, leicht beleidigt

Aus alt mach neu – Recycling beschränkt sich nicht auf die Welt der Dinge, auch Wörter können bisweilen neu belebt werden. Unabhängig davon, ob Sie sich „pikiert“ fühlen, einen „Piks“ bekommen oder im Skat mit „Pik“ stechen: alle diese ‚spitzigen‘ Begriffe gehen zurück auf „Pike“ (Spieß) bzw. „pikieren“ (stechen), die wiederum aus französisch „piquer“ oder „pique“ übernommen wurden. (Weiteres hier.) Da die Pike als Kriegswaffe im 18. Jh. außer Gebrauch kam, wurde das Wort frei für zivilere Lesarten. Die Entlehnung aus dem Französischen hatte jedoch Folgen. Während der „Pieps“ orthografisch folgerichtig mit „ie“ geschrieben wird, muss der kleine „Piks“ (so auch „piken“) bis heute ohne auskommen.

[] Romani, das

Sprachwissenschaft: Sprache der Roma, die zur indoarischen Unterfamilie des Indogermanischen gehört und in unterschiedlichen Dialekten vorkommt

Heute ist der internationale Tag der Roma, von deren Namen sich die Sammelbezeichnung „Romani“ für die von bis zu sechs Millionen Menschen gesprochenen Varietäten dieser größten ethnischen Minderheit Europas ableitet. Die Sprache hat aber nichts mit dem Rumänischen zu tun, sondern basiert vielmehr auf indoarischen Dialekten, die mit ihren Sprechern vor vielen Jahrhunderten über Vorderasien nach Europa kamen. Wie eine Schatzkiste (für Linguisten) hat die Sprache dabei Lehnwörter aus dem Persischen, Armenischen, Mittelgriechischen und vielen anderen Kontaktsprachen aufgesammelt, aber auch andere Sprachen bereichert, Deutsch z. B. um „Zaster“ und „Kaff“.

[] Biber, der

in Europa und Nordamerika heimische Gattung relativ großer Nagetiere mit braunem Fell, kräftigen Zähnen und plattem Schwanz, die am und im Wasser (in Biberburgen) lebt und sich pflanzlich ernährt

Heute ist der internationale Tag des Bibers. Mit dem Datum wird nicht nur das größte Nagetier Nordamerikas und Europas, sondern gerade auch die am 07.04.1894 geborene US-amerikanische Forscherin Dorothy Richards geehrt, die sich für den Schutz der Biber eingesetzt hat. Denn durch Jagd waren die Bestände einst extrem zurückgegangen. Begehrt waren besonders das Fell, das sog. Bibergeil und nicht zuletzt das Fleisch, das Katholiken auch freitags essen durften. Heute ist der fleißige Dammbauer in Europa geschützt und wieder häufiger anzutreffen, nicht immer zur Freude der Land- und Forstwirte. Man wird sich arrangieren.

[] Ballgefühl, das

Ballsport: Fähigkeit eines Spielers, mittels gut koordinierter Körperbewegungen den Ball beim Spielen kontrollieren zu können

Tischtennis ist nicht nur ein faszinierender Sport, sondern auch ein bewährtes Mittel zur Deeskalation diplomatischer Spannungen. Ein kleiner Blick in die Geschichte: Die Annäherung Chinas an die USA verlief in den 1950er- und 60er-Jahren eher schleppend. Doch dann freundeten sich 1971 während der Tischtennisweltmeisterschaft in Nagoya der Amerikaner Glenn Cowan und der Chinese Zhuang Zedong an. Was mit einer Einladung der amerikanischen Spieler zu Freundschaftsspielen nach China begann, kulminierte im Treffen hochrangiger Politiker, die die Lage entschärfen konnten. Diese als Ping-Pong-Diplomatie in die Geschichte eingegangenen Ereignisse nahm die „International Table Tennis Federation“ 2015 zum Anlass, den heute begangenen Welttischtennistag ins Leben zu rufen.

[] Skulptur, die

körperhaftes, dreidimensionales Bildwerk, das durch Meißeln, Schnitzen, Hauen aus Materialien wie Holz, Marmor, Bronze o. Ä. geschaffen wurde

Heute vor 300 Jahren sichtete ein Matrose einer Flotte der Niederländischen Westindienkompanie Land. Da man gerade Ostern feierte, nannte man das neu entdeckte Eiland folgerichtig „Osterinsel“ – und kam aus dem Staunen nicht heraus, wie der mitreisende Carl Friedrich Behrens in seinem Bericht (1735) beschrieb. Riesige Steinskulpturen zierten die eher karge Insel: „Diese Götzen-Bilder waren alle aus Steinen gehauen, und der Form nach, wie ein Mensch, mit langen Ohren (...) doch alles nach der Kunst gemacht, worüber wir uns nicht wenig verwunderten.“ Bis heute ist diese Bewunderung für die polynesischen Siedler, denen es gelang, dem Fels die tonnenschweren Kunstwerke abzutrotzen, geblieben.

[] Nato, die

militärisch-politisches Bündnis von europäischen und nordamerikanischen Staaten mit dem Ziel der Gewährleistung der eigenen Sicherheit und weltweiter politischer Stabilität

An kaum einer Organisation dürften sich die Geister so scheiden wie am Verteidigungsbündnis North Atlantic Treaty Organization (NATO). Im Kalten Krieg, dessen erste Krisen Anlass für die Gründung waren, galt sie den einen als Garant für Sicherheit vor dem Ostblock, den anderen als imperialistische Bedrohung. Nach 1990 wird sie von den einen als überholt und aggressiv angesehen, von den anderen als wichtiges Element der weltweiten Sicherheitsarchitektur. Am 4. April 1949 wurde der Nordatlantikpakt zur gegenseitigen militärischen Unterstützung von den USA, Kanada und 10 Ländern Westeuropas unterschrieben, heute zählt er 30 Mitglieder.

[] Arschkarte, die

Sport: rote Karte für den Platzverweis in Mannschaftssportarten, besonders im Fußball

Auch in der Fußball-Bundesliga war die Phase der ungesühnten Revanchefouls, der Beleidigungen, der Blutgrätschen und des Trikotziehens abrupt zu Ende, als der Bochumer Schiedsrichter Wilfried Hilker am 3. April 1971 zum ersten Mal in die Gesäßtasche griff und die rote Karte zückte. Die wurde vorher schon international und in unteren Ligen eingesetzt. Es ist eine hübsche, aber nicht sicher belegbare Geschichte, dass auch die Bezeichnung „Arschkarte“ sich ursprünglich auf die Gesäßtasche des Schiedsrichters bezog. Belegbare und verlässliche Informationen zum Wortschatz des Fußballs bieten wir Ihnen übrigens mit unserem Fußballglossar.

[] Prinzessin auf der Erbse, Mehrwortausdruck

abwertend, gelegentlich scherzhaft: (meist weibliche) übermäßig empfindliche, sensible Person

Es ist heutzutage kein Kompliment, wenn einen jemand als Prinzessin auf der Erbse bezeichnet. Eher bedeutet es: Du bist ja eine Mimose! Sei nicht so empfindlich! Der Ausdruck stammt aus dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen, der heute vor 217 Jahren geboren wurde. Im Märchen sucht der heiratswillige Prinz nach seiner Traumfrau – „eine wirkliche Prinzessin“ soll es sein. Schließlich findet und erkennt er sie, und zwar daran, dass sie eine winzige Erbse durch 20 Matratzen und 20 Federbetten hindurch erspüren kann. Ihre große Empfindsamkeit macht sie zur wirklichen Prinzessin. Vielleicht kennen Sie ja auch eine Prinzessin auf der Erbse mit so einer ungewöhnlichen Fähigkeit …

[] Spaßbremse, die

abwertend, scherzhaft: Person oder Institution, die durch Verweis auf problematische Aspekte, Humorlosigkeit oder übertriebenen Ernst anderen die Freude an einer Sache schmälert

Der Bierschnegel ist wieder da! Die gebietsweise als ausgestorben geltende Nacktschneckenart wurde (schon im April 2017) in einer Hamburger Brauerei wiederentdeckt: Das hopfensaftliebende Weichtier hält sich mit Vorliebe in feuchten Wirtshauskellern auf, ist dort wegen zunehmender Hygiene aber immer seltener anzutreffen. April, April? Tja, leider müssen wir Sie enttäuschen: Den bierseligen Bierschnegel (Limacus flavus) gibt es tatsächlich. Ja, ernsthaft! Angesichts grassierender Falschnachrichten haben wir uns entschlossen, am 1. April mal auf die Scherzbremse zu treten. Schließlich kann man auch ohne Fake News Spaß haben.

[] Backup, das oder der

das Schützen von elektronisch gespeicherten Daten durch Kopieren zur Vorbeugung vor eventuellem Verlust

Wenn der stets zu Scherzen aufgelegte Kollege am 1. April aus einem Txt ll Vkl lscht oder wenn eine Schadsoftware ganze Festplatten verschlüsselt, dann ist man der Systemadministratorin dankbar, die rechtzeitig für eine Sicherungskopie gesorgt hat und die die Daten daraus wiederherstellen kann. Um das Bewusstsein für solche nicht seltenen Vorfälle und Missgeschicke zu stärken, hat der IT-Experte Ismail Jadun den „World Backup Day“ ins Leben gerufen. Dies soll keine Werbung sein für entsprechende Werkzeuge und Dienstleistungen, denn im Homeoffice sind vielleicht Sie selbst dafür verantwortlich, dass die Früchte ihrer Arbeit am Ende nicht verloren

[] Fluglärm, der

Lärm von Flugzeugen, Hubschraubern o. Ä. (besonders beim Starten und Landen)

Für einen erholsamen Schlaf in der Nacht und konzentriertes Arbeiten am Tag ist eins unerlässlich: Ruhe. Davon können insbesondere die ein Lied singen, die im Einzugsbereich eines Flughafens leben. Mit dem aufkommenden zivilen Luftverkehr seit Ende der 1950er-Jahre und der Ausdehnung der Städte in Richtung der Flughäfen sahen sich daher mehr und mehr Leute einer erhöhten Lärmbelästigung ausgesetzt. Justitia reagierte darauf mit dem Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm. Das am 30. März 1971 verabschiedete und 2007 novellierte Gesetz definiert verschiedene, mit verschiedenen (Bau-)Verboten und Auflagen versehene, Lärmschutzbereiche.

[] poppig, Adj.

den Pop, die 1960er und 1970er Jahre betreffend; Stil- und Gestaltungselemente der Pop-Art und Popmusik aufweisend; bunt, auffallend, modern

Beflügelt vom Erfolg ihres englischsprachigen Popsongs „She's My Kind of Girl“ in Japan beschlossen Björn Ulvaeus und Benny Andersson, weiterhin auf Popmusik zu setzen. Heute vor 50 Jahren nahmen sie daher mit ihren damaligen Lebensgefährtinnen Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad die Single „People Need Love“ auf, die sie als „Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid“ veröffentlichten. Es sollte jedoch noch zwei Jahre dauern, bis dem schwedischen Quartett 1974 mit „Waterloo“ der internationale Durchbruch gelang. Für die dann unter dem Namen ABBA bekannte Band begann damit eine der erfolgreichsten Karrieren der Musikgeschichte.

[] Propaganda, die

veraltend: systematische Verbreitung eigener politischer, philosophischer und anderer Lehren, Ideen und Meinungen mit dem Ziel der Beeinflussung des öffentlichen Bewusstseins

Leider wieder aktuell: Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Totalitäre Regime setzen Propaganda (ein Ausdruck, der ursprünglich keinen negativen Beigeschmack hatte) aber auch schon im Frieden ein, um sich zu legitimieren und die Gesellschaft nach ihrer Ideologie zu formen. Eines der bekanntesten Einzelbeispiele hierfür ist der inszenierte Dokumentarfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl über den Reichsparteitag der NSDAP 1934, der am 28.03.1935 uraufgeführt wurde. Inhaltlich völlig indiskutabel, ist der künstlerische Wert des Werks nicht zu leugnen, so dass seine Einflüsse noch lange erkennbar waren.

[] Zugangsbeschränkung, die

Beschränkung der Erlaubnis, an einem Ausbildungsgang teilzunehmen, auf eine bestimmte Zahl ausgewählter Personen, meist durch Auswahl der Kandidaten mit den besten Noten

Geplant war er ausdrücklich als „zeitlich begrenzte Notmaßnahme“, doch er erweist sich als erstaunlich langlebig – der Numerus clausus: Am 27. März 1968 präsentierte die Westdeutsche Rektorenkonferenz einen Maßnahmenkatalog, der angesichts der wenigen Studienplätze die Zahl der Bewerber begrenzen sollte (deshalb auch lat. numerus clausus = ‚beschränkte Anzahl‘). Bei den Studenten stieß dies in der aufgeheizten Stimmung des Jahres 1968 auf wenig Gegenliebe. Im Grunde aber bedeutete der NC eine Vereinheitlichung, da bis dahin jede Fakultät ihre Plätze nach eigenen Kriterien vergeben hatte, was bundesweit einen wirren Flickenteppich an Regelungen zeitigte.

[] Indie, das oder der

Firma, die sich der massenhaften Kommerzialisierung widersetzt und unabhängig vom allgemeinen Zeitgeist unkonventionelle (künstlerische) Produkte für Personen mit einem besonderen Anspruch oder Geschmack vertreibt, besonders im Bereich Musik und Film

Seit 2013 wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz am heutigen Tag der „Independent Book Day“ begangen. Die Initiative eines kleinen Hamburger Verlags zielt darauf, die Aufmerksamkeit für die Produkte kleiner Verlage zu wecken, die ansonsten in der Masse der prominenteren Publikationen untergehen würden. Vielleicht können wir den diesjährigen Gedenktag dazu nutzen, einen Blick in die Programme der 26 ukrainischen Verlage zu werfen, die auch in diesen schwierigen Zeiten ihrem Geschäft nachgehen, die Bevölkerung mit unabhängigen Informationen und schöner Literatur zu versorgen. Vielleicht finden Sie ja eine Gelegenheit, die Arbeit dieser Verlage zu unterstützen. Oder Sie erwerben das Buch einer ukrainischen Autorin, das in einem Kleinverlag hierzulande erscheint. Dann gewinnen beide.

[] US-Dollar, der

nationale Währung der USA

Dass der mächtige US-Dollar etymologisch seine Heimat im beschaulichen Erzgebirge hat, merkt man ihm heute nicht mehr an. Tatsächlich aber prägten die böhmischen Grafen Schlick 1519 in Joachimsthal eine Silbermünze, die im Wert dem rheinischen Goldgulden entsprach: den Joachimst(h)aler. Ohne es beabsichtigt zu haben, schufen sie mit dem bald nur noch T(h)aler genannten Zahlungsmittel eine neue Währungseinheit, die sich schnell zur Leitwährung im Deutschen Reich entwickelte. Selbst in den Niederlanden, in Dänemark oder England akzeptierte man den „daler“. Wobei im Englischen ab 1600 die Schreibung zu „Dollar“ mutierte. Ein Wort, mit dem die nordamerikanischen Siedler zunächst den spanischen Peso, später ihre eigene Währung bezeichneten.

[] Durchblick, der

freie Sicht zwischen zwei Gegenständen oder durch einen transparenten Gegenstand hindurch

Vor der Einführung der Windschutzscheibe blies den frühen Autofahrern der Wind (und alles, was dieser so mit sich führte) noch ungehindert um die Nase. Trotz der schützenden Wirkung waren aber nicht alle begeistert von dieser Neuerung. Denn die eigentlich durchsichtige Scheibe wurde durch Staub- und Schmutzablagerungen schnell „undurchsichtig“; der Durchblick bei Regen nahezu unmöglich. Diesen „Übelstand“ beseitigte Heinrich von Preußen, begeisterter Automobilist und Bruder von Kaiser Wilhelm II., mit Erfindergeist. Am 24.03.1908 wurde ihm das Patent für „Aus einem nach Art eines Freiträgers ausladenden Abstreichlineal bestehenden Scheibenreiniger für die vordere Schutzscheibe eines Kraftfahrzeugs“ bewilligt. Zu Deutsch: ein manuell betriebener Scheibenwischer.

[] Stein des Anstoßes, Mehrwortausdruck

Ursache eines Ärgernisses, des Missfallens; Anlass für (wiederkehrende) Diskussionen, Auseinandersetzungen o. Ä.

Bekanntermaßen sind es am Ende Kleinigkeiten, die ein Fass endgültig zum Überlaufen bringen. In diesem historischen Fall war gewissermaßen ein alter Hut Stein des Anstoßes: Karl III., seit 1759 König von Spanien, wollte sein Reich mit Hilfe eines Ministers modernisieren. Da viele dieser Ambitionen Steuererhöhungen zur Folge hatten, wuchs der Unmut. Dass der Minister dann auch noch den traditionellen „sombrero rodondo“ (den breitkrempigen Hut) und die „carpa larga“ (den langen Umhang) bei Strafe verbot, löste am 23. März 1766 den „Madrider Hutaufstand“ aus. 50.000 erboste Bürger verprügelten Polizisten, demolierten Paläste und jagten den verhassten Minister ins Exil.

[] Kopf und Kragen riskieren, Mehrwortausdruck

sein Leben, seine Existenz gefährden; ein hohes Risiko eingehen, etw. Gefährliches tun

Wer „Kopf und Kragen“ riskierte, setzte damals wie heute sein Leben, seine Existenz aufs Spiel. Dass der „Kragen“ dabei nicht für das Kleidungsstück steht, sondern für den Hals, kann man an verwandten Wendungen (z. B. „einer Gans den Kragen umdrehen“) erkennen. Allerdings handelt es sich nicht um eine Bedeutungsübertragung vom Kleidungsstück auf den Körperteil – es ist genau umgekehrt. Im Mittelhochdeutschen meinte man mit „krage“ vielmehr: Hals, Kehle, Schlund und Nacken. So wie es noch in einer frommen Leichenpredigt im 16. Jh. zu hören war: „Die beste Kost jag durch den Kragn/ Mit Bier und Wein stets fül dein Magn“, was natürlich abschreckend gemeint war.

[] Vers, der

metrisch, rhythmisch gestaltetes, oft gereimtes sprachliches Gebilde in gebundener Rede, das meist eine Zeile in einem Gedicht, einer Strophe, in einem Drama oder Epos bildet

Der Hexameter gilt als der Griechen trefflichstes Versmaß.
Ein Pentameter drauf trifft auch den guten Geschmack.
Doch ein Binnenreim darf auch mal sein,
Und ein Limerick ist immer schick:
Ein trauriger Elch aus Finnland,
den hielt es nicht länger im Inland.
Er zog in die Welt,
doch das ward ihm vergällt.
Jetzt hängt sein Geweih an ’ner Pinnwand.

Ob Sie den heutigen Welttag der Poesie in deren höchsten Höhen oder tiefsten Tiefen verbringen, wir wünschen Ihnen damit den ungebrochenen Spaß, den diese Form der Sprache uns allen seit Urzeiten bereitet!

[] besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach, Mehrwortausdruck

sprichwörtlich: es ist manchmal klüger, sich mit etwas Geringerem zufriedenzugeben, als schwer oder nicht Erreichbares zu erhoffen, anzustreben

Heute ist der Welttag des Sperlings, wie der Spatz auch genannt wird. Im oben zitierten Mehrwortausdruck ist der hellbraune Mini-Dinosaurier Stellvertreter für eine Sache, die zwar gering, aber besser als nichts (bzw. eine reine Wunschvorstellung) ist – bestimmt auch, weil er als genügsamer Kulturfolger fast überall in großen Mengen zu finden ist. Dieser Umstand hat ihm aber nicht nur Glück gebracht: die Sperlinge wurden zu Unrecht als Schädlinge verschrien, so dass ihnen sogar mehrfach der Krieg erklärt wurde – mit verhängnisvollen Folgen: Ohne die fleißigen Räuber kam es im Folgejahr stets zu Insektenplagen.

[] Gebärdensprache, die

aus körperlichen Zeichen, besonders Gestik und Mimik, bestehende menschliche Sprache mit definierter Grammatik und Lexik, die besonders von Schwerhörigen und Gehörlosen verwendet wird

Gehörlose hatten es früher noch schwerer – bis weit über die 1980er Jahre hinaus versuchte man sie mehr schlecht als recht an die lautsprachliche Mehrheitsgesellschaft anzupassen. Einen großen Schritt stellte das 2002 verabschiedete Behindertengeichstellungsgesetz dar, das die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erstmals als eigenständige Sprache anerkannte. Als wesentlicher Teil der Gehörlosenkultur und -geschichte hat die Deutsche Gebärdensprache nicht nur eine identitätsstiftende Wirkung, sondern sorgt auch für eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft. Heute vor einem Jahr wurde der DGS eine besondere Ehre zuteil: Sie wurde in das Immaterielle UNESCO-Kulturerbe in Deutschland aufgenommen.

[] den Seinen gibts der Herr im Schlaf, Mehrwortausdruck

scherzhaft: es gibt Menschen, die Erfolg haben, ohne sich dafür anstrengen zu müssen

Ob von Pädagogen, die sich über schlummernde Schüler mokieren, oder Neidhammeln, die über vermeintlich faule Menschen lästern – wenige Bibelsprüche wurden so lustvoll zweckentfremdet wie der berühmte Vers aus Psalm 127. Doch seine tatsächliche Intention bleibt rätselhaft. Als eines der 15 sogenannten Aufstiegslieder steht der Psalm für die Hinwendung zu Gott, ohne dessen Beistand alle Mühen vergeblich sind. Doch ist tatsächlich gemeint, dass Gott im Schlaf alles schenkt? Ein Psalmenkenner übersetzte ganz anders: „Ganz gewiss gibt er seinen Geliebten guten Schlaf.“ Ein solcher sei unseren Lesern am heutigen Weltschlaftag herzlich gegönnt.

[] Kleeblatt, das

meist aus drei, selten aus vier Teilen bestehendes Blatt des Klees; beliebtes Motiv in der Heraldik und als Marken- oder Firmenzeichen

Er brachte das komplizierte Problem der Dreieinigkeit von Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist so elegant auf den Punkt wie kein Zweiter: der irische Missionar St. Patrick – so zumindest will es die Legende: Ein Druide machte sich einst auf einer Clanversammlung über die heilige Dreifaltigkeit lustig und zeichnete diese als dreiköpfiges Monster. Patrick präsentierte stattdessen ein Kleeblatt, gewann so den Disput und die Iren für das Christentum. Das Kleeblatt gilt seither nicht nur als inoffizielles Nationalsymbol Irlands, auch das englische „shamrock“ (= Kleeblatt) geht auf irisch „seamrog“ zurück und natürlich steht es heute am Sankt-Patricks-Tag im Mittelpunkt.

[] Breitensport, der

von Menschen aller Altersgruppen in der Freizeit zur Förderung der Gesundheit, der körperlichen Leistungsfähigkeit o. Ä. ausgeübte sportliche Betätigung

Sie führen Ihren Hund auf schmalem Waldweg aus. Von hinten nähert sich Ihnen jemand mit hartem Schritt und schnaufend wie eine Dampflokomotive. Kurz darauf zieht ein schwitzendes und Aerosol-sprühendes Wesen an Ihnen vorbei. Ärgern Sie sich nicht, sondern freuen Sie sich über dieses späte Produkt einer „Bewegung“ (im Sinn des Wortes), die der deutsche Sportbund am 16. März 1970 ins Leben rief. Es galt, der wirtschaftswunderlich verfetteten Bevölkerung der BRD die gesundheitsfördernde Wirkung des Breitensports wieder nahezubringen. Der Aktion wurde ein Motto gegeben, das aus heutiger Sicht vielleicht etwas infantil und anbiedernd wirken mag: Trimm Dich – durch Sport!

[] Pate, der

Oberhaupt einer im Stil einer Familie geführten Organisation, besonders einer Mafia-Organisation

Über die Mafia, den Inbegriff des organisierten Verbrechens, gibt es nicht nur zahlreiche, sondern auch zahlreiche richtig gute Filme. Primus inter Pares ist aber zweifelsohne ein Film, der heute vor fünfzig Jahren in den USA uraufgeführt wurde: „Der Pate“, gespickt mit Stars (wie Marlon Brando) oder solchen, die es werden sollten (wie Al Pacino), war ebenso ein kommerzieller wie künstlerischer Erfolg. Bis heute wird er in Hommagen und Parodien zitiert. Der auf dem Buch Mario Puzos beruhende Film Francis Ford Coppolas sah zwei Fortsetzungen (mit Vor- und späterer Geschichte) und prägte unsere Vorstellung von der Mafia wie kein zweiter.

[] Pi mal Daumen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, scherzhaft ungefähr, schätzungsweise; auf der Basis von Erfahrungs- oder näherungsweise ermittelten Zahlenwerten (grob geschätzt)

Nichts verspricht so viel Präzision, wie die bis dato 62,8 Billionen bekannten Nachkommastellen von Pi. Dem gegenüber steht in der Wendung „Pi mal Daumen“ eine denkbar ungenaue Größe. Aber ganz so unnütz ist der Daumen in Schätzfragen doch nicht, zumindest beim sogenannten Daumensprung: Bei dieser Faustregel zur Bestimmung der Distanz zu einem Objekt, peilt man ein Objekt zunächst mit einem Auge über den Daumen an. Man wechselt dann auf das andere Auge und der Daumen springt scheinbar nach rechts oder links. Aufgrund des Strahlensatzes und den Verhältnissen des menschlichen Körpers ergibt diese Distanz multipliziert mit 10 näherungsweise die Distanz zum Objekt.

[] Planetarium, das

System aus speziellen Projektoren, das den Sternenhimmel bzw. die Bewegung von Planeten, Sternen und anderen astronomischen Erscheinungen auf das Innere einer Kuppel projiziert

Sie zeigen uns die weiteste Ferne und vergegenwärtigen so, welch winziger Punkt im Kosmos die Erde ist: Planetarien. Am heutigen zweiten Märzsonntag werden sie weltweit mit einem internationalen Tag für ihre Forschungs- und Bildungsarbeit, die auch in den Zeiten computeranimierter Kosmos-Modelle weitergeht, geehrt. Doch es gibt heute noch ein weiteres astronomisches Ereignis zu feiern: Am 13.03.1781 wurde, völlig unerwartet, als erster nicht schon seit der Antike bekannter Planet Uranus entdeckt – von keinem Geringeren als Wilhelm Herschel, der ihn mit seinem selbst konstruierten Teleskop aufspürte.

[] Hyperlink, der

in der grafischen Darstellung auf einem Display oder einem Bildschirm meist optisch hervorgehobene, anklickbare Verknüpfung4 eines Textteiles oder grafischen Elementes mit einem anderen Text oder einer Mediendatei

Im Frühjahr 1945 publizierte der US-amerikanische Ingenieur Vannevar Bush in der Zeitschrift „Atlantic Monthly“ den Entwurf für eine universelle Wissensmaschine. Memex hieß dieser virtuelle Vorläufer des World Wide Web. Etwa 40 Jahre später griff der britische Physiker Tim Berners-Lee die Idee auf. Anders als Bush konnte er für die Realisierung seines Plans auf eine Schar miteinander vernetzter Rechner zurückgreifen. Die dort gespeicherten Dokumente sollten durch Hyperlinks leichter für die Forschung zugänglich gemacht werden. Am 12. März 1989 stellt er das Konzept an der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf vor. Heute ist die Wikipedia eine der reinsten Ausprägungen dieser Idee.

[] Kolumne, die

kurzer, stets von einem bestimmten Journalisten oder prominenten Autor verfasster und regelmäßig an einer bestimmten Stelle einer Zeitung oder Zeitschrift erscheinender Meinungsbeitrag

Kolumnen sind für viele Zeitungs- und Magazinleser ein wichtiger Grund, sich für dieses oder jenes Druckwerk (heutzutage natürlich auch in elektronischer Form) zu entscheiden, stehen sie doch für eine Kontinuität nicht nur in der Struktur der Ausgabe, sondern durch ihre namhaften Autoren auch in Thematik und Qualität. Als erster Zeitungskolumnist der Welt gilt der Brite John Hill, der ab dem 11. März 1751 für die „London Advertiser and Literary Gazette“ schrieb. Er war eigentlich Apotheker, aber auch tätig als Belletrist, bedeutender Botaniker und gar Mediziner, der als Erster den Zusammenhang von Tabakkonsum und Krebs beschrieb.

[] Rede und Antwort stehen, Mehrwortausdruck

sich jmds. Fragen stellen und sie vollständig beantworten; die eigene Position, Meinung erläutern und verteidigen; Rechenschaft ablegen, sich rechtfertigen, verantworten

Ein altes Rechtssprichwort besagt: „Eines Mannes Rede sei keines Mannes Rede, man soll sie billig hören beede“ oder in vornehmem Juristenlatein: „audiatur et altera pars“ (auch der andere Teil soll gehört werden). Das Gericht als Ursprungsort dieser Wendungen verweist darauf, dass mit „Rede“ keine beliebige Äußerung gemeint war, sondern eben die Klage oder Anklage vor dem Kadi. Wohingegen man unter der „Antwort“ die Gegenrede oder Verteidigung verstand. Damit wird auch der ursprüngliche Sinn von „Rede und Antwort stehen“ durchsichtig. Heute wird die Wendung allgemein für „Rechenschaft ablegen“ verwendet, im Mittelalter bedeutete sie: „sich einem Prozess stellen“.

[] dritte Zähne, Mehrwortausdruck

meist herausnehmbare Zahnprothese

Bei einem Streifzug durch die Geschichte der Zahnheilkunde überkommt einen angesichts der schauerlichen Schicksale einiger Patienten unwillkürlich der Drang, sofort zu Zahnbürste und Zahnseide zu greifen. Lücken im Gebiss versuchte man wahlweise mit Zahnersatz aus Holz, Elfenbein, Knochen, Edelmetallen oder „freiwillig“ gespendeten Menschenzähnen zu füllen. Seit Ende des 18. Jh. läuteten Porzellangebisse einen Wandel in der Prothetik ein. In diese Phase fällt auch ein am 9. März 1822 in New York bewilligtes Patent zur verbesserten Konstruktion von Zahnersatz von Charles M. Graham. Ob dies das Leid der Zahnkranken mindern konnte, ist jedoch unklar, denn ein Brand im Patentamt vernichtete alle Dokumente außer einer Liste der in diesem Jahr bewilligten Patente.

[] per Anhalter, Mehrwortausdruck

als unentgeltlich in einem Personen- oder Lastkraftwagen mitgenommener Mitfahrer

Science-Fiction war lange meist in zwei Ausprägungen zu finden: Als von außen kommende Apokalypse wie in „Krieg der Welten“ oder als positiver Zukunftsentwurf wie in „Star Trek“. Was man auf BBC Radio 4 am 8. März 1978 aber zu hören bekam, war ganz anders: Mit der ersten Folge des Hörspiels „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ (dt. „Per Anhalter durch die Galaxis“) eröffnete der Autor Douglas Adams ein Universum voller Absurditäten und humorvoller Parodien auf allzu Menschliches, erzähltechnisch in einen fiktiven Reiseführer eingebettet. Die erfolgreiche Romanversion zeitigte mehrere Fortsetzungen.

[] Morgestraich, der

in der Schweizer, besonders der Basler Fasnacht: Karnevalsumzug am frühen Morgen mit lautstarker Trommelmusik durch meist nur von mitgeführten Laternen beleuchtete Straßen

Nach Aschermittwoch können Karnevalisten ihre Kostüme in der Regel für ein Jahr einmotten. Nicht so aber in einigen Ecken in der Schweiz, denn dort geht der Spaß erst am Montag darauf so richtig los. Vor allem die Basler Fasnacht wartet mit einem ganz besonderen Brauch auf: Um Punkt 4 Uhr morgens werden mit dem Morgestraich die „drey scheenschte Dääg“ (drei schönsten Tage) eingeleitet. In einer stockdunklen Stadt – dafür sorgen die Stadtwerke – setzen sich auf das Kommando „Morgestraich, vorwärts, marsch!“ die verschiedenen Fasnachtsgruppen in Bewegung. Das einzige Licht stammt dann von den riesigen, mit gesellschaftskritischen Sujets versehenen Laternen der „Cliquen“. Musikalisch untermalt wird das Spektakel von Piccoloflöten und Trommeln.

[] Tiefkühlpizza, die

vorgebackene und tiefgefrorene Pizza, die vom Käufer noch fertiggebacken werden muss

Fällt das Stichwort Tiefkühlkost, werden viele zunächst an Tiefkühlpizza denken. Ihren Anfang nahm die Technik des Schockgefrierens auf einer Forschungsreise des Biologen Clarence Birdseye nach Labrador. Dort wurde er Zeuge davon, wie der frisch gefangene Fisch der Einheimischen bei −45 °C sofort gefror und – im Gegensatz zu den ihm bekannten Konservierungsmethoden durch Kältetechnik – auch nach der Zubereitung noch frisch schmeckte. Birdseye erkannte, dass das A und O wohl das schnelle Gefrieren durch besonders tiefe Temperaturen sei. Er entwickelte daraufhin den Plattenfroster und bot am 6.3.1930 in ausgewählten Supermärkten in Springfield, Massachusetts erstmals seine Tiefkühlkost zum Verkauf an.

[] grüne Fee, Mehrwortausdruck

aus Wermut, Anis, Fenchel und weiteren Kräutern hergestelltes, stark alkoholisches Getränk (das meist mit Wasser verdünnt genossen wird)

In Paris galt es um 1860 als chic, sich zur grünen Stunde am frühen Abend im Café zu treffen und dort in Gemeinschaft, um einen Wasserspender herum sitzend, der grünen Fee, dem Absinth, zu huldigen. Noch heute, genauer: heute wieder, kann man, wenn man der Spur des Zuckerwassers in der grünen Flüssigkeit aufmerksam folgt, in Meditation geraten über die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die diese ursprünglich in der Medizin verwendeten Droge seit ihrem Aufkommen im 18. Jahrhundert hervorgerufen hat. Lange Zeit moralisch verteufelt und verboten, darf die grüne Fee nun überall in der westlichen Welt wieder an den Tisch gebeten werden – in den USA seit genau 15 Jahren wieder: am 5. März 2007 wurde dort das Verbot des Absinth-Konsums aufgehoben.

[] Schulgrammatik, die

für den Schulunterricht verfasste, didaktisch vereinfachte Beschreibung der Strukturen und Elemente einer Sprache; didaktische Grammatik

Heute wird in den USA der „National Grammar Day“ begangen. Das Stichwort „Grammatik“ dürfte je nach Bildungsbiografie unterschiedliche Assoziationen wecken: Während die einen schaudernd auf Deklinationstabellen des Lateinischen oder den Dschungel des französischen Konjunktivs zurückblicken, denken besonders Linguisten an den Zauber eines ineinandergreifenden komplexen Regelwerks, durch das Wörter erst in eine Ordnung kommen. In solch hohen Sphären schwebten die Initiatoren des Feiertags nicht, der „Society for the Promotion of Good Grammar“ geht es nur darum, dass die Menschen „ordentlich“ im Sinne der Schulgrammatik sprechen.

[] Suffragette, die

historisch: Vertreterin der Bewegung für die Rechte, besonders das Stimmrecht der Frau, in England und Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die sogenannte Suffragettenparade (nach engl. suffrage = Wahl-, Stimmrecht) vom 3. März 1913 war wenig spektakulär. Sie wurde dennoch gleichermaßen zum Skandal und historischen Wendepunkt: Denn die 8000 Frauen, die mit Fahnen und Transparenten auf den Straßen Washingtons demonstrierten, wurden von einem gewalttätigen Mob angegriffen. Die Polizei sah tatenlos zu. Der Mehrheit allerdings wurde mit diesem Ereignis klar, dass die Zeit überreif war. Schon seit Mitte des 19. Jh. hatten sich Frauenverbände für die Gleichberechtigung engagiert. Erfolg hatten sie erst 1920, als der 19. Verfassungszusatz endgültig festlegte, dass niemandem wegen seines Geschlechts das Wahlrecht verweigert werden darf.

[] Kletterturm, der

schmale, hohe Anlage, an der das sportliche Klettern geübt werden kann

Das Publikum, das die Testvorführung von „King Kong“ zu sehen bekam, war so geschockt, dass einige der „echt“ wirkenden Stop-Motion-Animationen herausgeschnitten wurden. Bis heute gilt der Film auch wegen seiner genial in Szene gesetzten Miniaturmodelle als Meilenstein der Tricktechnik. An den Kinokassen spielte die Mutter aller Trashfilme nach seiner Premiere am 2. März 1933 Rekordsummen ein. Im kollektiven Gedächtnis blieb der Film aber auch, weil Kong für den Showdown das Empire State Building als Kletterturm „missbrauchte“ und der Blockbuster mit einer knackigen Schlusssentenz abschloss: „No, it wasn't the airplanes. It was beauty killed the beast“.

[] Nationalpark, der

meist ausgedehntes, staatlich ausgewiesenes und verwaltetes Schutzgebiet, das umfangreiche Naturräume mitsamt den vorkommenden Arten und Ökosystemen langfristig schützen (sowie für Zwecke der Forschung, Bildung, Besichtigung zur Verfügung stehen) soll

Europa hatte Burgen und Schlösser, die von seiner reichhaltigen Geschichte zeugten. Die noch jungen Vereinigten Staaten hatten nichts dergleichen. Dies änderte sich, als Präsident Ulysses S. Grant Wind von einer Expedition bekam, die Ferdinand Vandeveer Hayden, begleitet von 34 anderen Abenteurern, durch ein schwer zugängliches Gebiet der Rocky Mountains rund um den Fluss Yellowstone unternahm. Schwer beeindruckt von den Tagebucheinträgen, Fotos, Bildern und Karten, die Hayden mitbrachte, erließ der Präsident ein Gesetz, das das Yellowstone-Gebiet vor der zunehmenden Ausbeutung der Natur im Zuge der Industrialisierung schützen sollte. Die Unterzeichnung des Gesetzes am 1. März 1872 macht den Yellowstone-Nationalpark zum ältesten Nationalpark der Welt.

[] Nationalepos, das

(Helden-)‍Epos, das für eine Nation von besonderer Wichtigkeit ist

Das 19. Jahrhundert war die Zeit des Nationalismus und damit der Nationalepen. Während in Deutschland (Nibelungenlied) oder Indien (Mahābhārata und Rāmāyaṇa) bestehende Dichtungen zu solchen erklärt wurden, schufen andere ihre neu: So beschrieb Adam Mickiewicz 1834 in „Pan Tadeusz“ aktuelle polnische Ereignisse. 1835 erschien im damals russischen Finnland die Erstfassung des „Kalevala“, das hingegen auf alten Volksmythen beruhte und großen Einfluss auf die Herausbildung der finnischen Identität ausübte. Der 28.02., an dem Elias Lönnrot sein Vorwort unterzeichnete, wird in Finnland bis heute als Kalevala-Tag begangen.

[] von altem Schrot und Korn, Mehrwortausdruck

aufrichtig, rechtschaffen, anständig; pflichtbewusst, fleißig

Die große Inflation von 1923 liegt fast 100 Jahre zurück – ihr Schrecken hallt bis heute nach. Eine andere, historische Geldentwertung hat selbst noch nach 400 Jahren ihre Spuren im Wortschatz hinterlassen, und zwar in der Wendung „von altem Schrot und Korn“: Im 16. und 17. Jh. hofften chronisch klamme Landesherren, ihre Finanzmisere durch die Ausgabe von Münzen mit geringerem Edelmetallgehalt beheben zu können und stolperten, da der Geldwert damals dem Metallwert entsprach, in eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise. Als man den Irrtum schließlich einsah, wurden wieder Münzen nach „altem (auch: echtem) Schrot und Korn geprägt. „Schrot“ bezog sich dabei auf das Rau- bzw. Gesamtgewicht und „Korn“ auf den Feingehalt der Münze.

[] stilbildend, Adj.

einen neuen Stil (in der Kunst, Architektur, Musik, im Design o. Ä.) prägend, verbreitend

Die schauerliche Geschichte eines somnambulen Mörders in fantastisch-bizarren Bildern: Am 26. Februar 1920 sahen die Zuschauer im Berliner Marmorhaus etwas Bahnbrechendes – darüber war sich die Presse nach der Premiere des Stummfilms „Das Cabinet des Dr. Caligari“ einig. Mit verzerrten Perspektiven, starken Kontrasten, beunruhigenden Schattenspielen und grotesk anmutenden Protagonisten wurde eine albtraumhafte Atmosphäre geschaffen, die den filmischen Expressionismus begründen und damit die Filmgeschichte nachhaltig prägen sollte. Ob Horror- oder fantastischer Film, Film noir oder Psychothriller: Der Einfluss des Meisterwerks von Robert Wiene auf diese Genres ist unbestreitbar.

[] Solidarität, die

auf das Wissen um gemeinsame Interessen und Ziele oder das Zusammengehörigkeitsgefühl sich gründendes Zusammenhalten von Personen oder Personengruppen und ihr Eintreten füreinander sowie die darauf beruhende gegenseitige Unterstützung

Es herrscht Krieg in der Ukraine. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat den gestrigen Tag als Datum bezeichnet, das als schwarzer Tag in die Geschichte Europas und die gesamte zivilisierte Welt eingehe. In ihrer Rede fiel auch ein Begriff, der mit Sicherheit bald an Bedeutung gewinnen wird: Solidarität. Solidarität mit den Menschen, die Krieg und Zerstörung ausgesetzt sind.

[] Inklusion, die

Soziologie, Pädagogik: gleichberechtigte (und selbstbestimmte) Teilhabe aller (insbesondere von Menschen mit Behinderungen, von Einwanderern o. Ä.) am gesellschaftlichen Leben, am gemeinsamen Schulunterricht o. Ä. (durch Schaffung entsprechender institutioneller und alltagspraktischer Voraussetzungen)

Das von der UNO-Generalversammlung verabschiedete und am 24.2.2009 von Deutschland ratifizierte „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ konkretisierte erstmals die universellen Menschenrechte hinsichtlich der besonderen Lebenssituationen von Menschen mit Behinderungen. Ein wichtiger Teil davon: Zugang zu inklusiver Bildung. Doch genau an diesem Punkt entzündete sich Kritik – nicht an der Sache selbst, sondern an der deutschen Übersetzung. Während im englischen Original ein „inclusive education system“ gefordert wird, ist im Deutschen nur von einem „integrativen Bildungssystem“ die Rede (vgl. Integration). Betroffene und Vertreter veröffentlichten daraufhin eine „Schattenübersetzung“.

[] Christenverfolgung, die

juristische, gesellschaftliche oder persönliche Diskriminierung, Bedrohung, Bestrafung oder Vernichtung von Personen oder Gemeinschaften wegen deren christlichen Glaubens

Gegenüber fremden Kulten, Religionen und Gottheiten nahm das Römische Reich eine erstaunlich tolerante Haltung ein. Im Monotheismus des Christentums allerdings sahen viele Kaiser eine Bedrohung ihrer göttlichen Legitimationsbasis. Eine Gefahr, der sie durch Verbote, Verfolgungen und Hinrichtungen zu begegnen suchten. Der letzte Anlauf, die Ausbreitung endgültig zu stoppen, setzte mit dem Edikt ein, das Diokletian und seine Mitkaiser am 23. Februar 301 erließen. Trotz der folgenden zahllosen Gräueltaten erreichten die Imperatoren jedoch das genaue Gegenteil. Die Kirche ging gestärkt hervor und mit der sogenannten Mailänder Vereinbarung von 313 endeten die staatlichen Nachstellungen.

[] Schnapszahl, die

umgangssprachlich, scherzhaft: Zahl (besonders ein kalendarisches Datum), die aus mehreren aufeinanderfolgenden gleichen oder gespiegelten Ziffern(gruppen) besteht

Warum man die Abfolge gleicher Ziffern oder gespiegelter Ziffernfolgen genau „Schnapszahl“ nennt, ist nicht ganz klar: Doppeltes Sehen nach Alkoholgenuss? Trinkspiele? Jedenfalls bietet der heutige 22.02.2022 (lang) bzw. 22.2.22 (kurz) ein wirklich selten schönes Beispiel für diese besonders gut zu memorierenden Zahlen. Und da manche Leute ja Schwierigkeiten mit dem Merken von Daten haben, herrscht heute vermutlich Hochbetrieb in den Standesämtern, da viele Paare für sich einen Hochzeitstag mit einem so besonderen Datum ergattern wollen, das man nicht so leicht vergessen kann.

[] Artensterben, das

das Aussterben bzw. Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten (als natürlicher oder von Menschen verursachter bzw. beschleunigter Prozess)

Der Karolinasittich, Exemplar einer geselligen Papageienart, hockte gerne mit Artgenossen eng beieinander. „Ich habe Äste gesehen, die so dicht von ihnen bedeckt waren, wie es nur möglich war“, schrieb der Vogelkundler James Audubon 1827. Das machte es Jägern leicht, ganze Schwärme zu erlegen und das Tier Anfang des letzten Jahrhunderts als „Schädling“ erfolgreich auszurotten. Das letzte zahme Exemplar starb heute vor 103 Jahren in einem Zoo in Cincinnati. Einer von zahlreichen Beiträgen zum immer bedrohlicher werdenden, von Menschen verursachten Artensterben.

[] Vulkan, der

oft kegelförmige geologische Struktur (Berg, Hügel o. Ä.) mit einem Krater, Spalten oder Bruchstellen, durch den bzw. durch die in Zeiten vulkanischer Aktivität Magma sowie andere feste und gasförmige Stoffe aus dem Erdinneren an die Oberfläche treten

Bereits seit der Antike versuchen Wissenschaftler die furchteinflößenden, vermeintlich gottgegebenen Vulkane und ihre Ausbrüche zu studieren und zu verstehen. Die bis dato einzigartige Gelegenheit, den gesamten Lebenszyklus eines Vulkans zu beobachten, bot sich Vulkanologen in Mexiko ab dem 20.2.1943. Der Bauer Dionisio Pulido war gerade dabei, sein Maisfeld für den Frühling vorzubereiten, als sich mitten im Feld eine Spalte auftat, aus der schwefeliger Rauch austrat: die Geburtsstunde des Vulkans Paricutín. Nach einem Tag war der Schlackenkegel bereits 10 Meter hoch, nach einer Woche maß der Vulkan 100–150 m und neun Jahre später, nach dem letzten Ausbruch, sogar 424 m.

[] Paradigmenwechsel, der

Ablösung eines Paradigmas durch ein neues; Änderung der grundsätzlichen Denkrichtung

Sein Name steht für ein Weltbild und zugleich für eine radikale Wende im Denken: Nikolaus Kopernikus. Mit seinem Werk „De revolutionibus orbium coelestium“, erschienen 1543, im Jahr seines Todes, verbannte der am 19. Februar 1473 geborene Arzt, Mathematiker und Domherr die Erde aus dem Zentrum des Alls. Nur noch als fünfter Planet (von der Sphäre der Fixsterne aus gezählt) umkreiste sie das neue Zentrum, die Sonne. Kopernikus’ astronomisches Modell war allerdings abstrakt mathematisch konzipiert und war von eher geringer Aussagekraft. Denn er ging von idealen kreisförmigen Umlaufbahnen aus. Erst Johannes Kepler vollendete die kopernikanische Wende, indem er die elliptische Form der Planetenbahnen beschrieb.

[] eine Schraube locker haben, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: (anscheinend) nicht ganz bei Verstand sein, leicht verrückt sein

Die Sprache bedient sich oft der Metaphern für eine verloren gegangene Ordnung, um seltsame Personen zu beschreiben: Jemand ist „ver-rückt“ oder hat „eine Schraube locker“. Dass diese sprachlichen Bilder ihre Grundlage in der realen Welt haben, zeigt ein Ereignis vom 18.02.1976: Ein einzelner defekter Bolzen brachte einen kompletten Stahlrohrgittermast bei Magdeburg zum Einsturz. Der 350 Meter hohe „SL-3“ hatte zuvor seit 1968 zur Ausstrahlung von Radio Wolga, dem Rundfunksender für die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, gedient. Hier sorgte die lockere Schraube für mehr als nur Kopfschütteln: Der Mast wurde nie wieder aufgebaut.

[] jmdn., etw. auf den Hund bringen, Mehrwortausdruck

zugrunde richten; zerstören, ruinieren

Das Römische Reich ist lange perdu, seine Einflüsse sind dagegen bis heute präsent. Doch wer oder was für den Untergang verantwortlich ist, darüber streiten sich Gelehrte bis heute. Über 200 denkbare „Schuldige“ (Blei im Trinkwasser, Vulkanausbrüche, Steuerhinterzieher) wurden in der jahrhundertelangen Debatte schon ins Feld geführt. Eine Debatte, die auch mit seinem Namen verknüpft ist: Edward Gibbon. Der britische Historiker veröffentlichte heute vor 246 Jahren den ersten von 6 Bänden zur „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“. Besonders skandalös für seine Zeit: Der erklärte Anhänger der Aufklärung machte für den Niedergang Roms auch das Christentum verantwortlich.

[] Lebenspartnerschaft, die

juristisch der herkömmlichen Ehe ähnliche Beziehung zwischen zwei Partnern desselben Geschlechts

Seit fünf Jahren ist die Zivilehe für alle Zweierbeziehungen unabhängig vom Geschlecht geöffnet. Aus dieser Sicht ist das frühere „Lebenspartnerschaftsgesetz“ nurmehr eine Episode mit bürokratisch langem Namen, doch vor gut zwanzig Jahren war es eine Zeitenwende: Nach langem Kampf schwul-lesbischer Aktivisten um eine Form der rechtlichen Anerkennung ihrer Beziehungen wurde durch diese von Rot-Grün durchgesetzte Rechtsform erstmals eine offiziell weitgehend der Ehe gleichgestellte Gemeinschaft für Homosexuelle in Deutschland ermöglicht. Am 16.02.2001 unterzeichnete Bundespräsident Rau das Gesetz, bald darauf gab es die ersten Trauungen.

[] sich einen Namen machen, Mehrwortausdruck

bekannt werden; sich auf einem Gebiet, in einer Branche einen (guten) Ruf, Anerkennung verschaffen

Manchmal liegt ein gewisses Talent in der Familie. So auch bei den Brontës: Alle vier Geschwister wandten sich schon früh der Schriftstellerei zu. Da sie einen Großteil ihrer Kindheit in einem abgeschiedenen Pfarrhaus in West Yorkshire verbrachten, blieb ihnen nur die Flucht in Fantasiewelten. Auch wenn die frühen gemeinsamen Werke eher mäßigen Erfolg hatten, hörten Charlotte, Emily und Anne Brontë nicht auf zu schreiben. Und nachdem sich ihre Wege im frühen Erwachsenenalter trennten, machten sie sich in der Literaturszene mit ihren Solowerken einen Namen. Ihren Zeitgenossen waren sie allerdings nur als Currer, Ellis und Acton Bell bekannt, denn aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, veröffentlichten sie zeitlebens unter männlichen Pseudonymen.

[] weitab vom Schuss, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: sehr abgelegen, außerhalb vom Zentrum eines Geschehens

1977 wurde die Raumsonde Voyager 1 auf eine lange Reise geschickt. Missionsziele waren u. a. die Erforschung der äußeren Planeten und des daran anschließenden interstellaren Raumes. Nachdem der erste Teil der Mission erfüllt war und die Kamera der Sonde aus Energiespargründen abgeschaltet werden sollte, regte der Astronom Carl Sagan an, noch eine letzte Fotoserie aufzunehmen. Neben dem sechs Planeten abbildenden „Familienporträt“ erreichte aber vor allem ein Foto großes Aufsehen: Das Bild unserer Erde, aufgenommen am 14.2.1990 aus sechs Milliarden Kilometern Entfernung. Die Erde ist darauf kaum mehr als ein blasser blauer Punkt, weswegen das Bild als „Pale Blue Dot“ in die Geschichte einging.

[] Klarname, der

tatsächlicher Name einer Person, durch den sie identifiziert werden kann

Das Ändern des eigenen Namens hat, zum Beispiel als Künstler-Pseudonym, eine lange Tradition. Der neue Name kann der Verwirrung des Publikums dienen – man denke etwa an die vielen Pseudonyme von Kurt Tucholsky – oder auch dem eigenen Schutz vor Nachstellungen. In diese Richtung geht ein Urteil des Bundesgerichtshofs, dem zufolge Facebook die Verwendung von Pseudonymen zulassen muss, wenn der Klarname sicher hinterlegt ist. In den USA wird der Trend zum Pseudonym am 13. Februar mit dem „Ändere-deinen-Namen“-Tag gewürdigt.

[] Selektion, die

Biologie: (natürliche) evolutionäre Auslese bzw. das Überleben der am besten an das jeweilige Lebensumfeld angepassten Individuen als Grundlage der Weiterentwicklung von Arten und der Entwicklung der Lebensvielfalt

„Im Salon konkurriert es mit dem neuesten Roman und im Studierzimmer beunruhigt es gleicherweise Wissenschaftler, Ethiker und Theologen“, so ein anonymer Rezensent über Charles Darwins bahnbrechendes Werk. Denn dieser erklärte die biologische Vielfalt und – besonders verstörend – den Menschen selbst als Ergebnis eines langen, auf Selektion beruhenden Entwicklungsprozesses. Was wütende Gegner als „Wissenschaftsmärchen“ abtaten, veränderte unser Weltbild und öffnete ein Fenster in unsere evolutionäre Vergangenheit: Wie jedes Jahr am 12. Februar feiert die Wissenschaftsgemeinde den Geburtstag des Revolutionärs (wider Willen) als den „Darwin-Day“.

[] Wissenschaftszeitschrift, die

Zeitschrift, in der Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen bzw. die überwiegend wissenschaftliche Themen (für ein breiteres Publikum) präsentiert

​​Dass die dem Namen nach unteilbaren Atome regelrecht „zerplatzen“ können, war bis ins 20. Jh. undenkbar. Daher waren die Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann auch am Ende ihres Lateins, als sie Uranatome mit Neutronen beschossen und Bariumatome vorfanden. Da Barium etwa halb so schwer wie Uran ist, musste es durch eine Kernspaltung entstanden sein. Hahn bat daher seine langjährige Kollegin, die Physikerin Lise Meitner, um Rat. Meitner deutete die Ergebnisse richtig und veröffentlichte zusammen mit ihrem Neffen Otto Frisch am 11.2.1939 die physikalische Erklärung der Kernspaltung in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“. Der Nobelpreis für diese bahnbrechende Erkenntnis blieb ihr jedoch verwehrt.

[] jmdn. an der Nase herumführen, Mehrwortausdruck

jmdn. täuschen, irreführen, hereinlegen; jmdm. etw. vormachen

Sie war der Stolz der britischen Marine: Die 1906 in Dienst gestellte HMS Dreadnought („Fürchtenichts“) deklassierte alle bisherigen Linienschiffe und wurde Namensgeber für eine ganze Klasse von Großkampfschiffen. Klar, dass man am 07.02.1910 der Bitte einer Delegation abessinischer (äthiopischer) Adliger stattgab, das Schlachtschiff zu besichtigen. Doch die fünf mit militärischen Ehren empfangenen vermeintlichen Royals erwiesen sich als verkleidete Mitglieder der pazifistischen Künstlervereinigung Bloomsbury Group, darunter die junge Virginia Woolf. Die blamierte Marine strebte eine Bestrafung an, es fand sich aber kein Paragraf für den Streich.

[] Minimalismus, der

Stilrichtung und Formenrepertoire in bildender Kunst und Musik, die durch Reduktion und Konzentration auf klare, einfache Grundstrukturen und serielle Wiederholungen charakterisiert sind

„Da, da, da!“ (Trio, 9.2.1982)

[] Bildersturm, der

soziale Bewegung oder Aktion (besonders in der Reformationszeit), die mit der (systematischen) Zerstörung religiöser Bilder und Skulpturen die bildliche Darstellung von Göttern, Heiligen o. Ä. sowie die Bilderverehrung bekämpft

Er fühlt sich bestimmt einsam, der heilige Laurentius, der heute im Basler Museum steht. Denn die bunt gefasste, spätgotische Holzskulptur ist vermutlich das einzige hölzerne Bildwerk, das den Basler Bildersturm von 1529 überstanden hat. Es war ein Aufstand, der sich vom 8. zum 9. Februar während der Fastnachtsfeierlichkeiten spontan entwickelte: Über 200, meist junge Männer, verärgert über die zögerliche Einführung der Reformation, stürmten die Kirchen. Sie zerhackten, zerbrachen, zerschnitten und köpften, was sie an sakralem Bildwerk vorfanden und waren dabei so gründlich, dass am Ende nichts mehr zu retten war. Was an Holz übrigblieb, wurde auf dem Münsterplatz aufgeschichtet und öffentlich verbrannt.

[] an etw. Anstoß nehmen, Mehrwortausdruck

etw. beanstanden, missbilligen; empört auf etw. reagieren

Jahrelang hatte Gustave Flaubert unbeachtet von der Öffentlichkeit für die Schublade geschrieben, doch als er 1856 eines seiner Werke als Serie in „La Revue de Paris“ veröffentlichte, schlug dieses gleich heftig ein: „Madame Bovary“ moralisierte, lobte oder verteufelte nicht, sondern beschrieb mit neutralem Realismus die Geschichte einer Ehefrau, die an ihren Affären und Geheimnissen zerbricht. Während der Roman heute als Weltliteratur gilt, wurden Flaubert und die Zeitschrift von Moralisten vor Gericht gezerrt, wegen „Verherrlichung des Ehebruchs“. Der Freispruch am 07.02.1857 bedeutete gute Werbung für das Buch, das auch kommerziell erfolgreich wurde.

[] Runder Tisch, Mehrwortausdruck

Zusammenkunft von gleichberechtigten Gesprächspartnern bzw. Gesprächsparteien mit dem Ziel, sich zu einem (strittigen) Thema auszutauschen bzw. einen Konsens zu erzielen

Weder Kriegsrecht, noch Kampagnen noch Repressionen der kommunistischen Führung unter General Jaruzelski hatten etwas genutzt: Nach einem ganzen Jahrzehnt des Widerstands erreichte die polnische Opposition, die sich in der freien (und die meiste Zeit illegalen) Gewerkschaft Solidarność (Solidarität) mit ihrer „Galionsfigur“ Lech Wałęsa sammelte, Unerhörtes im Ostblock: Gespräche mit der Regierung auf gleicher Augenhöhe. Am „Runden Tisch“, zu dem man zuerst am 06.02.1989 zusammenkam, rang die Opposition den Machthabern nichts weniger als einen Systemwandel ab. Am 04.06.1989 fanden die ersten teilweise freien Wahlen statt.

[] Zeitzeichen, das

Zeitangabe durch Morsezeichen, besonders beim Rundfunk

Spätestens mit dem Aufkommen des internationalen Schienenverkehrs zum Ende des 19. Jh. wurde auch der Ruf nach einer einheitlichen Weltzeit laut. Für lange Zeit erfüllte die 1884 eingeführte „Greenwich Mean Time“ diese Funktion. Auf Anraten des Astronomen Sir Frank Watson Dyson sollte auch die britische Rundfunkanstalt BBC ihren Teil zur Verbreitung der Weltzeit beitragen. Die Idee: ein zu jeder vollen Stunde ausgestrahltes Tonsignal aus sechs Tönen, wobei der sechste Ton den Beginn der neuen Stunde markierte. Die Hörer konnten so ihre Uhren nach dem Signal stellen. Am 5.2.1924 wurde das erste Zeitzeichen ausgestrahlt.

[] Königreich, das

Staat mit einer monarchischen Regierungsform, an dessen Spitze ein König oder eine Königin steht

„Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für’n Pferd!“, legt Shakespeare dem englischen König Richard III. in seiner Beschreibung des Kampfes gegen Heinrich Tudor in dem Mund, nachdem sein Schlachtross getroffen war. Tatsächlich fand Richard 1485 in der Schlacht von Bosworth gegen seinen Rivalen den Tod – und die langen Rosenkriege ihr Ende. Aber die Episode mit dem Pferd ist wohl genauso Hinzudichtung wie zahlreiche andere Berichte, die Richard als grausamen Gewaltherrscher darstellen. Heute vor neun Jahren konnte überraschend die Wiederauffindung von Richards Gebeinen in Leicester bekannt gegeben werden.

[] Ärztin, die

Berufsbezeichnung: weibliche Person, die auf Grundlage einer medizinischen Approbation beruflich mit der Prävention, Diagnose und Therapie von Krankheiten beschäftigt ist

Obwohl Frauen zu allen Zeiten in Heilberufen tätig waren, blieb der Beruf der akademisch ausgebildeten Ärztin ihnen über Jahrhunderte versperrt. Und wenn, dann waren es Frauen in besonders privilegierten Positionen wie die Arzttochter Dorothea von Erxleben (*1715), die auf Intervention Friedrichs des Großen in Medizin promovieren konnte und in Deutschland bis ins späte 19. Jh. die Ausnahme blieb. In Amerika erlangte Elizabeth Blackwell (1821–1910) als erste Frau 1849 den Universitätsabschluss in Medizin. An ihrem Geburtstag, dem 3. Februar, feiern die USA den „National Women Physicians Day“, an dem die Bedeutung weiblicher Ärzte im Gesundheitswesen hervorgehoben wird.

[] Bewusstseinsstrom, der

metonymisch, Literaturwissenschaft: Erzähltechnik, bei der die scheinbar ungeordnete Folge der Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergegeben wird

Auch die ganz großen Schriftsteller haderten gelegentlich mit ihrem eigenen Perfektionismus. Der irische Autor James Joyce schrieb bereits viele Jahre an seinem Monumentalwerk „Ulysses“, ein Ende war nicht in Sicht. Doch dann fasste er einen ehrgeizigen Plan: An seinem 40. Geburtstag, dem 2.2.1922, sollte das Werk erscheinen – der Plan ging auf. Die Handlung des Romans ist auf den ersten Blick unspektakulär, beschrieben wird der Alltag dreier Menschen an einem einzelnen Tag in Dublin. Doch der Teufel steckt im Detail. Nicht nur die äußeren Geschehnisse werden auf knapp 1000 Seiten minutiös geschildert, sondern auch die ungefilterten Gedankengänge der Protagonisten. Die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, mit seinen wilden Assoziationssprüngen und Missachtung von Grammatik und Satzbauregeln, brachte seine Leserschaft jedoch an ihre Grenzen.

[] Entschleunigung, die

gezielte Verlangsamung einer (sich bisher ständig beschleunigenden) Entwicklung, einer Tätigkeit o. Ä.

Otto Julius Bierbaum, Journalist, Satiriker, Schriftsteller – er starb heute vor 112 Jahren –, unternahm 1902 auf Einladung eines Verlages eine denkwürdige Autoreise: In einem roten Phaeton der Adlerwerke wurde er mit seiner Frau von einem Fahrer als erster motorisierter Italientourist über die Alpen kutschiert. Die Reise mit dem nicht eben üppig motorisierten Cabriolet (1 Zylinder, 8 PS) war zur Freude Bierbaums eine eher gemütliche Angelegenheit: „Reisen sage ich, nicht rasen. ... Wir wollen mit dem modernsten aller Fahrzeuge auf altmodische Weise reisen“. Nachlesen lässt sich die vergnügliche Fahrt übrigens in „Eine empfindsame Reise im Automobil“.

[] schwul, Adj.

von Männern: (sexuelle) Neigung zum eigenen Geschlecht empfindend (und selbstbewusst im Verhalten zeigend), homosexuell

Der heute vor 50 Jahren erstmals im Fernsehen ausgestrahlte Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim beleuchtete die schwule Subkultur der frühen 70er-Jahre und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus. Obwohl Paragraph 175 drei Jahre zuvor entschärft worden war, herrschte in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer ein homophobes Klima. Zwar reagierten auch viele Schwule mit Empörung auf den Film, aber die abschließende Botschaft – „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“ – zeigte Wirkung. Von Praunheims Appell an die eigene Community, öffentlich zu sein und solidarisch mit anderen für eine bessere Zukunft zu kämpfen, führte zur Gründung zahlreicher Homosexuelleninitiativen und damit zum Beginn der modernen Lesben- und Schwulenbewegung im deutschsprachigen Raum.

[] Massenhysterie, die

in großen Menschenansammlungen oder in großen Bevölkerungsgruppen auftretende, durch einen äußeren Anlass hervorgerufene starke Erregung

Eine geradezu lachhaft harmlos anmutende Epidemie nahm am 30. Januar vor 60 Jahren in Tanganjika (heute zu Tansania gehörend) ihren Anfang. Es gab keine Todesfälle. Doch für die fast ausschließlich weiblichen und jungen Betroffenen dürfte sie wohl schmerzhaft gewesen sein. Es gab mehrere Wellen, die an verschiedenen Orten zu Schulschließungen führten. Dieses Ereignis ist unter dem Namen Tanganjika-Lachepidemie bekannt geworden. In Ermangelung anderer erkennbarer Ursachen wird dieses Phänomen heute als Massenhysterie eingestuft. Wenn Sie das zum Lachen reizt, dann tun Sie dies bitte nicht in Gesellschaft. Wir haben Sie gewarnt.

[] Verbrennungsmotor, der

Technik: Kraftmaschine, bei der durch Verbrennung eines Kraftstoff-Luft-Gemisches im Inneren eines Brennraums mechanische Antriebskraft erzeugt wird

Heute feiert das erste Auto im modernen Sinn seinen 136. Geburtstag: Am 29.01.1886 meldete der Ingenieur Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent an. Die offene, dreirädrige Motorkutsche mit ca. 0,75 PS markiert den Beginn des motorisierten Individualverkehrs. Gerade dieser ist nach Jahrzehnten kritikloser Bewunderung in (West-)Deutschland nun einem tiefgreifenden Wandel unterworfen, sodass sich die Frage stellt, ob zumindest im Land seines Erfinders das fossil betriebene Verbrennungsmotor-Kraftfahrzeug sein 150. Jubiläum feiern wird. Die Ironie der Geschichte: Benz hatte eigentlich zuerst an eine Art Bus gedacht, also eher an den ÖPNV.

[] umsatteln, Verb

umgangssprachlich: ein anderes Studium beginnen, einen anderen Beruf ergreifen

Augen auf bei der Berufswahl: Als Rechtsanwalt war Heinrich Spoerl, obwohl promoviert, eine glatte Fehlbesetzung: In unpassenden Momenten wurde er von „drolligen Einfällen“ geplagt, sodass sich einmal bei einem Plädoyer Richter, Beisitzer und Publikum vor Lachen bogen. Wie so viele abtrünnige Jünger der Justitia verlegte sich Spoerl daraufhin aufs Schreiben. Und ausgerechnet der Plot für ein abgelehntes Drehbuch brachte den Durchbruch. Die Romanfassung, besonders aber die Verfilmung der „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann – ihre Premiere war heute vor 78 Jahren – sind bis heute Kult. Und wenn es wieder heißt, „Nur ein wönziger Schlock“, weiß jeder Bescheid.

[] Einbruch, der

unerlaubtes, oftmals gewaltsames Eindringen in eine Örtlichkeit (Wohnung, Gebäude, befriedetes Gelände o. ä.), meist mit dem Ziel, Gegenstände zu entwenden oder Informationen zu erlangen

Eigentlich verfügten sie über genau die Soft Skills, die in jeder Leistungsgesellschaft nachgefragt sind: Sie waren smart, innovativ, unerschrocken, durchsetzungsstark. Doch die Brüder Franz und Erich Sass, die in der Weimarer Republik zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten, waren leider auch notorisch kriminell. Das Knacken von Geldschränken war ihre Spezialität, wofür sie erstmals Schneidbrenner einsetzen. Ihr größter Coup war der Einbruch in den Tresorraum der Berliner Discontobank. Über einen Tunnel brachen sie am 27. Januar 1919 durch den Betonmantel und räumten 181 Schließfächer aus. Von der Beute von geschätzt zweieinhalb Millionen Reichsmark fehlt bis heute jede Spur.

[] Knall auf Fall, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, verstärkend: (sehr) plötzlich, (völlig) überraschend

An und für sich sollte es das nicht geben, dass angespülte Walkadaver unter dem Druck der inneren Fäulnisgase explodieren – das Gas sollte vielmehr langsam entweichen. Dennoch passierte genau das am 26.01.2004 auf Taiwan. Ein verendeter Pottwal platzte ausgerechnet beim Transport durch die Innenstadt von Tainan und besudelte Schaulustige und Häuser. Im lange als urbane Legende angesehenen, aber tatsächlich dokumentierten Fall, ebenfalls eines Pottwals in Oregon (USA), hatte man hingegen mit TNT nachgeholfen – mangels besserer (oder eher: guter) Ideen, den Kadaver zu beseitigen. Hier wie da kam zum Glück kein Mensch zu Schaden.

[] Lebensmittelmarke, die

Marke einer Lebensmittelkarte, die in Zeiten wirtschaftlicher Not mit Rationierung von Lebensmitteln zum Bezug einer bestimmten Menge von Lebensmitteln berechtigt; als Teil der staatlichen Unterstützung für Bedürftige ausgegebene Marke, die zum Bezug bestimmter Lebensmittel berechtigt

Als im August 1914 die Heere der europäischen Länder in den Ersten Weltkrieg zogen, glaubte man überall an einen kurzen (und natürlich siegreichen) Feldzug. Es kam anders, was besonders das nun von Importen abgeschnittene Deutschland traf. Schon ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn, am 21.01.1915, musste Brot rationiert werden, andere Lebensmittel und Konsumgüter folgten. Die auf Bezugskarten zusammengefassten Lebensmittelmarken, durch die die Abgabe kontrolliert wurde, wurden für lange Zeit immer wieder zum ungeliebten wie notwendigen Alltagsbegleiter. Zuletzt konnten sie 1958 in der DDR abgeschafft werden.

[] Nugget, das oder der

Klumpen, Klümpchen natürlichen, unbearbeiteten Goldes

„Gold – Gold war die Losung (...) Gold! Kein anderes Gespräch, kein anderer Gedanke war möglich.“ Am 24. Januar 1848 stieß der Arbeiter James W. Marshall in Kalifornien auf das Edelmetall und trat damit den „gold rush“ los. Mitten unter den Glücksrittern: der Schriftsteller Friedrich Gerstäcker. Der Abenteurer versorgte seine Leser im biedermeierlichen Deutschland nicht nur mit spannenden Geschichten, sondern auch mit exotischen Wörtern wie „Claim“, „Digger“ und eben „Nugget“ – „ein mit dem Gold gefundenes Wort, das noch in keinem Wörterbuch steht“. Auf diesen Begriff stieß er allerdings nicht in Amerika, sondern in Australien, wo er erstmals aufkam.

[] Zuckerschlecken, das

umgangssprachlich: Situation oder Tätigkeit, die angenehm, vergnüglich, einfach oder leicht zu bewältigen ist

Bis zum frühen 19. Jh. war das Süßen von Tee und Kaffee wahrlich kein Zuckerschlecken. Zucker lag damals nur in der Form von teils meterhohen, steinharten Zuckerhüten vor, aus denen mit Zuckerhämmern und anderem Spezialwerkzeug handliche Stücke herausgebrochen wurden. Der Österreicher Jacob Christoph Rad – zu diesem Zeitpunkt Leiter einer Zuckerfabrik – sah Verbesserungspotenzial. Auf Anraten seiner Frau Juliana schritt er zur Tat und erfand innerhalb weniger Monate die Würfelzuckerpresse. Am 23. Januar 1843 erhielt er für seine Erfindung ein fünfjähriges Patent. Mangels ausreichender Werbung konnten sich die Zuckerl mit 1,2–1,5 cm Kantenlänge zunächst nur schleppend durchsetzen.

[] Kulturbanause, der

abwertend: Person, die kulturelle Werke, Leistungen oder Veranstaltungen nicht zu würdigen weiß

Als am 22. Januar 1934 Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in Leningrad uraufgeführt wurde, entwickelte sie sich bei Publikum und Kritik zu einem überwältigenden Erfolg. Das änderte sich zwei Jahre später schlagartig, als Stalin eine Aufführung besuchte und wortlos verließ. Am 28. Januar 1936 erschien ein vernichtender Verriss, wohl aus der Feder des Diktators selbst, in der Prawda. Für Schostakowitsch bedeutete dieser nicht nur einen Karriereknick, sondern auch Gefahr für Leib und Leben. Der Liquidierung gerade noch entgangen, musste der Komponist über viele Jahre bedeutungslose, aber der Führung gefällige Werke verfassen.

[] Kochsendung, die

im Fernsehen, Internet oder Radio übertragene Sendung, in der Themen rund um das Zubereiten von Speisen behandelt oder bestimmte Gerichte zubereitet werden

Wer Kochshows für eine neumodische Erscheinung hält, liegt damit falsch. Wem bei diesem Wort noch Clemens Wilmenrod einfällt, ist vermutlich auch schon etwas älter. Aber auch dieser deutsche Fernsehkoch ist nicht der Erfinder des Kochens vor der Kamera. Bereits am 21. Januar 1937, also heute vor 85 Jahren, ließ der Koch Marcel Boulestin ein größeres Publikum im Abendprogramm der BBC in seine Töpfe und Pfannen schauen. Auf dem Programm stand der erste Teil eines Fünf-Gänge-Menüs: ein Omelett. Bei dieser „Cook’s night out“ fiel die Wahl des Senders auf einen Franzosen, sicher nicht ohne Grund.

[] Basketball, der oder das

meist in der Halle betriebenes Ballspiel, bei dem zwei Mannschaften nach bestimmten Regeln versuchen, einen Ball mit der Hand in den jeweils gegnerischen, in 3,05 Meter Höhe angebrachten Korb zu befördern

Die rauen Winter Neuenglands stellten die hauptsächlich Freiluftsport betreibenden Studenten vor ein Problem. Der kanadische Pädagoge James Naismith wurde daher damit beauftragt, einen wintertauglichen Hallensport zu entwickeln. Er ließ kurzerhand an zwei gegenüberliegenden Emporen der Sporthalle in 3,05 m Höhe Pfirsichkörbe anbringen, die ihm der Hausmeister zur Verfügung stellte. Ziel war es, einen Ball in den gegnerischen Korb zu befördern. Die Regeln des neuen Spiels – die sich kaum von den heutigen Regeln unterscheiden – veröffentlichte er in der Schulzeitung. Das erste offizielle Basketballspiel fand dann am 20.01.1892 an der YMCA Training School in Massachusetts statt.

[] ein Schelm, wer Böses dabei denkt, Mehrwortausdruck

ironisch: Ausspruch (oft begleitet von einem Augenzwinkern), der darauf hinweisen soll, dass ein scheinbar unbedenklicher Vorgang oder Vorfall nicht grundlos stattgefunden hat

Eine Medaille bekommt man um den Hals, einen Orden an die Brust, eine Krone aufs Haupt – nur in England kann man sich ein Ehrenzeichen auch ans Knie binden: Gestiftet wurde der „Most Noble Order of the Garter“, der Hosenbandorden, am 19. Januar 1348 von König Edward III. Angeblich soll sich der galante Herrscher das verlorene Strumpfband seiner Geliebten, um selbige vor peinlicher Bloßstellung zu bewahren, mit den Worten „Honi soit qui mal y pense“, selbst ans Bein gebunden haben. Tatsächlich bekräftigte der Monarch mit diesem, auf das französische Ritterideal der Courtoisie anspielenden Akt auch seinen Anspruch auf den französischen Thron.

[] Aufputschmittel, das

stark anregendes Mittel; zur Leistungssteigerung eingenommene Substanz

Als der Chemiker Lazăr Edeleanu am 18.01.1887 im Rahmen seiner Doktorarbeit in Berlin erstmals alpha-Methylphenethylamin, später Amphetamin genannt, synthetisierte, war das, ebenso wie dessen Derivat Methamphetamin 1893, zunächst nichts weiter als eine fachgeschichtliche Fußnote – berühmt wurde der Rumäne später durch ein Entschwefelungsverfahren. Erst 40 Jahre später begann man, die physiologischen Wirkungen dieser Aufputschmittel zu verstehen und zu nutzen – erst als Mittel gegen Appetit und Müdigkeit (und zwar in rauen Mengen), danach zunehmend als verbotene Droge, bekannt bis heute als „Speed“.

[] geteilte Freude ist doppelte Freude, Mehrwortausdruck

sprichwörtlich: wer andere an der eigenen Freude, an glücklichen Erfahrungen teilhaben lässt, kann sie umso mehr genießen

Die Illusion der „Zersägten Jungfrau“ gibt es in unzähligen Variationen: mit Kreis- oder Kettensäge, mit Kasten oder ohne. Die erste öffentliche Vorführung des Tricks erfolgte am 17.1.1921 in London. Der unter seinem Bühnennamen bekannte P. T. Selbit begeisterte das der älteren Zaubertricks überdrüssige (Fach-)Publikum mit seiner Innovation. Erstmals kam auch eine weibliche Assistentin zum Einsatz, was bisher aufgrund der voluminösen Kleidermode dieser Zeit undenkbar war. Der Trick verbreitete sich daraufhin wie ein Lauffeuer in der ganzen Welt. Sehr zu Selbits Leidwesen, denn der amerikanische Zauberer Horace Goldin patentierte den Trick umgehend. Selbit selbst geriet in Vergessenheit.

[] Lauschangriff, der

die als Angriff verstandene Aktion, bei der jmd. heimlich belauscht, abgehört, ausspioniert wird; bewilligte, von Polizei oder Nachrichtendienst durchgeführte heimliche Überwachungsmaßnahme

Was im Juristendeutsch präzise, aber oft euphemistisch formuliert wird, bringt der Volksmund pointiert und dabei selten wertneutral auf den Punkt. So wurde der im Grundgesetz (in Art. 13) neu eingefügte Absatz 3 zur „akustischen Wohnraumüberwachung“, der heute vor 24 Jahren die Abstimmung im Bundestag passierte, in der Öffentlichkeit und im Parlament – sehr zum Ärger von Ministerium und Kriminalpolizei – nur noch unter dem Label „Großer Lauschangriff“ diskutiert. Tatsächlich erklärte das Bundesverfassungsgericht 2004 zahlreiche Ausführungsbestimmungen für verfassungswidrig. Die Korrekturen ließen die jährlich erteilten Genehmigungen auf eine Handvoll zusammenschrumpfen.

[] verschachern, Verb

abwertend: etw. unter Feilschen, auf unehrenhafte Weise verkaufen, um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen

Von Schiller in „Kabale und Liebe“ angeprangert, bis heute als beispielloser Akt der Unmenschlichkeit verdammt und dabei im feudalen Europa des 18. Jh. bitterer Alltag: König George III. hatte Geld, brauchte aber zur Bekämpfung der Rebellion in Amerika Soldaten. Die wiederum hatte sein Onkel, Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, in seinem durchmilitarisierten Kleinstaat zur Genüge. Dafür war er ständig klamm. Am 15. Januar 1776 „verlieh“ der Landgraf 12.000 Hessen für den Krieg in der Fremde. Die Einnahmen flossen unter anderem in den Bau von Schloss Wilhelmshöhe, allerdings auch in einen Fonds zur Versorgung der Invaliden und Hinterbliebenen.

[] Wimmelbild, das

meist gemaltes Bild mit einer Fülle von Details und oft gleichzeitig ablaufenden Geschehnissen, die sich erst bei konzentrierter Betrachtung erschließen

Ein Blick vom Riesenrad auf das geschäftige Treiben voll unendlicher Details auf dem Rummel – das war für den jungen Alfons „Ali“ Mitgutsch ein Schlüsselerlebnis. Ab 1968 veröffentlichte der Grafiker ganz auf Texte verzichtende Kinderbücher mit prallvollen Bildern, gespickt mit interessanten, oft augenzwinkernden, aber dennoch alltäglichen Szenen, die ihre Betrachter auf der ganzen Welt nicht nur amüsiert, sondern auch zum Ausdenken und Weiterspinnen von Geschichten inspiriert haben. Am 10. Januar starb der Vater der Wimmelbücher in seiner Geburtsstadt München.

[] Polemik, die

wissenschaftlicher Meinungsstreit, der meist publizistisch ausgetragen wird, literarische Fehde

Der Inhalt von Fachvorträgen bleibt meist auf den Kreis der Wissenschaftler beschränkt. Was aber der Assyriologe Friedrich Delitzsch am 13.01.1902 unter dem suggestiven Titel „Babel und Bibel“ zu sagen hatte, schlug große Wellen bis hin zu Kaiser Wilhelm II. Den immer weiter erschlossenen Quellen aus dem Zweistromland aus vorbiblischer Zeit sei zu entnehmen, dass die Religion des Alten Testaments nichts als ein Epigone der assyrisch-babylonischen Hochkultur sei. Theologen reagierten entsetzt, Antisemiten nutzten den „Babel-Bibel-Streit“ als Instrument für ihre politische Agenda. Die Polemiken liefen erst mit dem Weltkrieg aus.

[] Clan, der

häufig scherzhaft: (Groß-)‍Familie

Als der US-Sender ABC am 12.01.1981 die erste Folge von „Dynasty“ (in Deutschland: „Der Denver-Clan“) ausstrahlte, ging damit eine Seifenoper an den Start, die das Konkurrenzprodukt „Dallas“ von CBS übertreffen sollte: Mehr Budget, mehr Luxus, mehr Intrigen, mehr Wirrungen und Zufälle. Die dick aufgetragene Geschichte um die Konkurrenz zweier Familien aus dem Erdölgeschäft wurde zunächst zu einem gewaltigen Erfolg und machte u. a. Joan Collins zum Star, endete dennoch nach langjährigem Niedergang 1989 – zwei Jahre vor der Konkurrenz aus Texas.

[] Großschanze, die

Sprungschanze, bei der die Entfernung zwischen Schanzentisch und dem Ende des Landebereichs zwischen 110 und 184 Meter beträgt

Ob nun 22 Leute einem Ball hinterherlaufen oder Rennwagen stundenlang ohrenbetäubend im Kreis fahren: Sport weckt entweder keine oder eben sehr große Emotionen. Die weiten Flüge der Skispringer machen dagegen auf jedermann Eindruck. Als Höhepunkt der Skisprungsaison hat sich die Vierschanzentournee auf den Großschanzen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen (Deutschland), Innsbruck und Bischofshofen (Österreich) bald nach ihrem Beginn 1953 etabliert. Am 11.01.1953 wurde ihr erster Gesamtsieger, der legendäre Josef Bradl, gekürt.

[] jmdm. die Flötentöne beibringen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: bei jmdm. durch scharfen Tadel, Drohungen oder Gewalt ein bestimmtes, gewünschtes Verhalten erzwingen; (resolut) erzieherisch wirken, eingreifen

Kuriose Gedenk- und Festtage gibt es wie Sand am Meer, doch der seit 2007 jährlich am 10. Januar begangene Internationale Tag der Blockflöte weckt bei einigen unschöne Kindheitserinnerungen. Die eher schrillen Töne, die diesem „Einsteigerinstrument“ in der musikalischen Früherziehung entlockt werden, werden dem Potential der Blockflöte aber bei Weitem nicht gerecht. Die Vielseitigkeit zeigt sich schon an den Dimensionen der Blockflötenfamilie. Von der winzigen Garkleinblockflöte bis zur mehrere Meter großen Subkontrabassblockflöte lässt sich der Tonumfang eines ganzen Orchesters abdecken.

[] Touchscreen, der

Bildschirm (oft als Teil von Smartphones, Tablets o. Ä.), der durch Berühren mit den Fingern oder einem speziellen Stift bedient wird

Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten – was einem mit teils drohendem, teils scherzhaftem Unterton mitgeteilt wird, wenn man den empfindlichen Putti aus Porzellan zu nahe kommt – in der Nähe eines Smartphones ist das nicht nur gewollt, sondern notwendig. Was einst auf dem Schreibtisch mit der Maus gesteuert wurde, dazu verwenden wir heute unsere Finger – egal, wie grob und fettig diese sind, der Touchscreen nimmt es gelassen hin. Heute vor 14 Jahren, am 9. Januar 2007, stellte Steve Jobs in San Francisco das erste iPhone mit Touchscreen vor. Kann sich noch jemand an die Handys mit Kleinst-Tastatur und Pfeiltasten erinnern?

[] auf die Füße fallen, Mehrwortausdruck

zum Problem werden, schaden

Sein Tod zählt zu den skurrilen Fußnoten der Musikgeschichte: Der Ausnahmemusiker Jean-Baptiste Lully war aufgrund seines halbseidenen Lebenswandels bei König Ludwig XIV. in Ungnade gefallen und ließ nun, um dessen Gunst wiederzuerlangen, am 8. Januar 1687 in seinem Namen sein großes Te Deum erklingen – auf eigene Kosten. Der Preis war weitaus höher als gedacht: Während des Konzerts verletzte er sich mit dem schweren Taktstock einen Zeh – die eigentlich leichte Verletzung entzündete sich schwer und der sich verstärkende Wundbrand führte wenige Wochen später zu Lullys vorzeitigem Tod.

[] Schieflage, die

Lage, Orientierung oder Ausrichtung im dreidimensionalen Raum, die nicht parallel oder im Winkel von 90 Grad zu einer anderen Linie (besonders der Senkrechten und der Waagrechten) ist

Als die reiche Handelsstadt Pisa im 12. Jahrhundert ihren Domplatz (im Volksmund auch „Platz der Wunder“ genannt) mit marmornen Prachtgebäuden bebaute, konnte man nicht wissen, dass der architektonisch bahnbrechende Campanile (freistehende Glockenturm) an der Stelle einer verlandeten Bucht errichtet wurde. Die bald einsetzende Neigung führte zu langen Bauunterbrechungen und einer Höhe von schließlich nur 54 statt 100 Metern. Nachdem der durch dieses Unglück inzwischen weltberühmte Turm sich immer stärker neigte, musste er am 07.01.1990 für Besucher gesperrt und bis 2001 aufwändig wieder etwas aufgerichtet werden.

[] Heilige Drei Könige, Mehrwortausdruck

Sterndeuter oder Wahrsager, die laut der christlichen Weihnachtsgeschichte Jesus kurz nach seiner Geburt besucht und ihm als König der Juden gehuldigt haben

Die Anbetungsszene der Heiligen Drei Könige gehört zu den zentralen, liebevoll inszenierten Motiven der Weihnachtsgeschichte. Dabei schweigt sich das Matthäusevangelium über deren Zahl, Namen oder Hautfarbe aus. Beschrieben werden sie nur als Magier (später übersetzt als Sterndeuter oder Weise) aus dem Morgenland. Es waren die explizit erwähnten Gaben Weihrauch, Myrrhe und Gold, die die Phantasie der Gläubigen anregten: Aus dem hohen Wert der Geschenke glaubte man auf die königliche Herkunft, aus deren Anzahl auf drei Personen schließen zu können. Im 6. Jahrhundert erhielten die Weisen schließlich auch ihre Namen, zunächst Thaddadia, Melchior und Balytora.

[] Sankt-Nimmerleinstag, der

scherzhaft: nicht näher benannter, höchstwahrscheinlich nie eintretender Zeitpunkt

„Warten auf Godot“, der Titel des wohl bekanntesten Bühnenstücks des irisch-französischen Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett, ist zum scherzhaften geflügelten Wort für endloses Warten geworden. Dabei sollte man das Drama um zwei vergeblich wartende Landstreicher, das am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt wurde, nicht als bloße Absurdität lesen, sondern als Allegorie einer Gesellschaft, die sich weigert angesichts von Unrecht Verantwortung zu übernehmen. Im französischen Original ist dies durch Anspielungen auf das Schicksal von Juden im von den Nazis besetzten Frankreich sogar noch deutlicher als in der deutschen Fassung.

[] Identitätsdiebstahl, der

betrügerische, missbräuchliche Nutzung der personenbezogenen Daten eines anderen Menschen (besonders im Internet)

Was Ian Fleming 1964 als persönliche Widmung in sein neuestes Buch schrieb, kam einer, wenn auch harmlosen, Selbstbezichtigung gleich: „Dem echten James Bond vom Dieb seiner Identität“. Fleming war in den 1950er Jahren über der Lektüre von Vogelbüchern auf den Autorennamen James Bond gestoßen, dessen schmuckloser und männlicher Klang ihm für seinen neuen Helden passend erschien. Der Ornithologe Bond begeisterte sich allerdings weniger für Martinis, sondern war kulinarisch interessiert: Jeden Vogel, den er beschrieb, soll er auch auf dem Teller gehabt haben. Am 4. Januar 1900 wurde der Vogelkundler geboren.

[] Blockchain, die

über ein Netzwerk verteilte, mehrfach identisch gespeicherte Datenbank, die dazu dient, geschäftliche o. ä. Transaktionen fälschungssicher zu erfassen, indem die Datensätze (Blöcke) der einzelnen Transaktionen mittels kryptografischer Prüfsummen verkettet sind

Gibt es in unserer säkularisierten Welt noch so etwas wie eine Schöpfung? Kann es wirklich, in dieser besten aller Welten, in der alles vorhanden und zuhanden ist, noch etwas gänzlich Neues geben? Ja, es kann. Und es begab sich am 3. Januar 2009, dass ein heute noch unbekanntes Wesen, das sich selber den Namen Satoshi Nakamoto gab, den Genesisblock schuf, den Block 0 der Blockchain, und ihm dem Wert von 50 Bitcoin zusprach. Es war die Geburt der Kryptowährung, der bis heute populärsten und wertvollsten Anwendung der Blockchain-Technologie. Und Sakamoto sprach: Es werde Geld, und es ward Geld.

[] Depperltest, der

mundartlich, spöttisch, D-Südost (Altbayern): Begutachtung einer Person, um festzustellen, ob sie dafür geeignet ist, ein Kraftfahrzeug zu fahren

Was dem Christen das Buch des Lebens ist, in dem alle Verfehlungen vermerkt sind, ist dem Autofahrer die Verkehrssünderkartei in Flensburg. Das Fahreignungsregister, das heute vor 64 Jahren seine Arbeit aufnahm (bis 2014 als „Verkehrszentralregister“), dokumentiert Verfehlungen in Form von Punkten – seit 2021 wird beispielsweise die Teilnahme an einem illegalen Autorennen mit drei Punkten angekreidet. Verkehrssündern droht am Ende zwar nicht das Fegefeuer, wohl aber mit 8 und mehr Punkten der Entzug der Fahrerlaubnis und im Anschluss die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), im Volksmund respektlos Idioten- oder weiter südlich Depperltest genannt.

[] den Hintern hochkriegen, Mehrwortausdruck

sich zu einer körperlichen Aktivität motivieren, antreiben, um etwas zu erreichen

Ein frohes neues Jahr! Silvester mag durch Corona schon zum zweiten Mal etwas weniger wild ausgefallen sein als üblich (in jedem Fall war es dank Böllerverbot ruhiger!), aber nach den vielen Süßigkeiten der Adventszeit und den für die meisten Leute freien Tagen zwischen den Jahren dürfte heute doch eine überdurchschnittliche Trägheit vorherrschen. Wir hindern Sie natürlich nicht am Ausruhen nach der kurzen Nacht, bitte denken Sie aber daran: Ein neues Jahr ist auch eine gute Gelegenheit, Dinge (endlich) in Angriff zu nehmen. Wir wünschen viel Energie und Erfolg dabei.

[] Schneeballschlacht, die

durch gegenseitiges Bewerfen mit Schneebällen (aus einer Deckung heraus) geführte spielerische Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehr Personen oder Gruppen

Was jeder Grundschüler weiß, haben jüngst Schweizer Wissenschaftler bewiesen: Die Aggregation (vulgo: das Zusammenpappen) von Schneekristallen funktioniert bei den für feuchten Schnee günstigen Temperaturen um null Grad am besten. Bei tieferen Kältegraden wird der Schnee mangels Feuchte pulvriger, der Zusammenhalt sinkt. Gleichwohl hatten die Menschen auch in kühleren Perioden, z. B. während der Kleinen Eiszeit (1300–1900), offenbar großen Spaß an Schneeballschlachten. So sehr, dass es der Stadtverwaltung von Amsterdam offenbar zu viel wurde. Am 31.12.1472 soll der Rat der Stadt das Werfen mit Schneebällen untersagt haben.

[] Datumsgrenze, die

im Pazifik zwischen Nord- und Südpol ungefähr dem 180. Längengrad folgende Linie, bei deren Überschreitung im Datum ein Unterschied von einem Tag auftritt

Was geschah am 30.12.2011 auf dem Inselstaat Samoa? Gar nichts, denn den Tag hat es nie gegeben. Durch Samoas Nähe zu der ungefähr entlang des 180. Längengrades verlaufenden Datumsgrenze entschied man sich aus wirtschaftlichen Gründen „die Seiten zu wechseln“. Handelskontakte in Neuseeland, Australien und Asien waren (zuungunsten des früheren Handelspartners Amerika) immer wichtiger geworden, doch da ein Freitag auf Samoa schon ein Samstag in Australasien war, ein Montag aber noch ein Sonntag, war der Handel nur an drei Tagen in der Woche möglich. Gegen den Sprung in die Zukunft entschied sich Amerikanisch-Samoa, das als Außengebiet der USA auf der östlichen Seite der Datumsgrenze verblieb.

[] Waschtag, der

Tag, an dem üblicherweise die Wäsche gewaschen wird

Sie haben in den letzten Tagen Wäsche gewaschen? Diese gar draußen aufgehängt? Das ist ganz schlecht, ja, es könnte für Ihre Nächsten lebensgefährlich werden. In einigen Gegenden Deutschlands fürchtet man großes Unglück, sollten sich Gott Odin und sein achtbeiniges Pferd Sleipnir auf der Wilden Jagd in einer Raunacht in der Wäscheleine verfangen. Das wäre eine unsanfte Landung für Odin und bedeutete, so geht die Sage, für den Übeltäter den Tod eines Verwandten.

[] Dichterling, der

abwertend: Verfasser schlechter Verse, Versemacher

Bei der Frage nach dem besten Dichter in englischer Sprache mag nicht jeder unumwunden mit William Shakespeare antworten, bei der Frage nach dem schlechtesten Verseschmied wird man aber fast nur einen Namen hören: William McGonagall (1825–1902). Der fragwürdige Ruf brachte dem Exzentriker zwar nicht die Anerkennung seiner Zeitgenossen, aber immerhin doch eine Art begrenzten Nachruhms. Sein wohl noch bestes Gedicht widmete er dem Einsturz der Brücke am Tay am 28.12.1879, das sich aus verständlichen Gründen hierzulande nicht gegen Fontanes geniale Bearbeitung des Stoffs durchsetzen konnte.

[] Raunacht, die

eine der zwölf Nächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag, in denen dem Volksglauben nach eine besondere Verbindung zur Geisterwelt herrscht und unter anderem Wohnungen und Ställe ausgeräuchert werden, um böse Geister zu vertreiben

Vielen Menschen, die noch die alten Bräuche (und die alte Rechtschreibung) kennen, wird eher die Schreibung „Rauhnächte“ bzw. die ältere Form „Rauchnächte“ geläufig sein. Aber was gab diesen gefürchteten, von Geistern, Hexen und Wiedergängern beherrschten Nächten eigentlich ihren Namen? Möglicherweise bezieht sich die Bezeichnung auf die rau(ch)en (= haarigen) Felle, mit denen die bösen Dämonen bekleidet waren, vielleicht aber auch auf den üppig gegen sie eingesetzten Weihrauch. Genaues weiß man leider nicht.

[] Stephanstag, der

Festtag zum Gedenken an den heiligen Stephanus (26. Dezember)

Heuer fällt der Zweite Weihnachtstag auf einen Sonntag und ist im Katholizismus daher das Fest der Heiligen Familie. In anderen Jahren wird heute aber eigentlich des Heiligen Stephanus gedacht, und das sogar ökumenisch in den ansonsten ja „heiligenscheuen“ lutherischen sowie in den orthodoxen Kirchen, denn Stephanus war der „Erzmärtyrer“ des jungen Christentums, der erste, der um das Jahr 40 wegen seines Glaubens an Jesus gesteinigt wurde. Mehrere Gebräuche in katholischen Gegenden, z. B. das „Stephanus-Steinigen“, bei dem man einen Stein in der Tasche mitführt, nehmen noch heute darauf Bezug.

[] Weihnachtsgans, die

im Ofen gebratene Gans, die meist mit Zutaten wie Äpfeln, Maronen, Backpflaumen und Zwiebeln gefüllt ist und mit Beilagen wie Rotkohl, Klößen sowie einer Bratensoße traditionell zum Weihnachtsfest serviert wird

Für viele gehört die sprichwörtliche Gans mit Rotkraut zu Weihnachten wie die Kugeln an den Christbaum. Wer aber in älteren Texten stöbert, stellt erstaunt fest, dass die klassische Weihnachtsgans so traditionell gar nicht ist, häufiger belegt ist sie erst seit Ende des 19. Jh. Tatsächlich fand der große Gänseschmaus früher an St. Martin statt. Denn Martini war im agrarisch geprägten Deutschland Zahltag: Knechte und Mägde erhielten ihren Lohn, fällige Abgaben an den Grundherrn mussten (oft in Form von Naturalien) geleistet werden. Das führte dazu, dass reichlich Geflügel am Markt war, das gegessen werden „wollte“. Aber wie schon Corvinus 1715 im Frauenzimmerlexikon schrieb: „Martini schmecken sie am besten … wiewohl sie auch zur andern Zeit nicht zu verwerffen, absonderlich wenn sie in der Küche recht zubereitet werden“.

[] früher war mehr Lametta, Mehrwortausdruck

in der (erinnerten) Vergangenheit war alles prachtvoller, beeindruckender, schöner

War früher wirklich mehr Lametta? Zeitlos komisch ist der Spruch, mit dem sich der quengelnde Opa Hoppenstedt alias Vicco von Bülow einen festen Platz im phraseologischen Wortschatz des Deutschen ergatterte, wohl auch deshalb, weil Loriots Figur in uns allen steckt. Psychologen sprechen hier vom „Reminiszenzhöcker“. Die Erfahrungen in der Zeit des Erwachsenwerdens werden in der persönlichen Entwicklung als besonders intensiv erlebt und in späteren Lebensjahren oft nostalgisch, verklärend erinnert. Im Kontrast dazu kann die Gegenwart bisweilen tatsächlich etwas blass aussehen. Ein bisschen Nostalgie schadet allerdings nicht: Menschen die sich öfter mal einen Blick zurück erlauben, gelten als ausgeglichener und zufriedener. In diesem Sinne wünschen wir allen unseren Lesern ein hoffentlich schönes, zufriedenes Weihnachtsfest.

[] Rauschgold, das

sehr dünn ausgewalztes und flachgeschlagenes, gebeiztes Messingblech mit knittriger, glänzender Optik, die Blattgold ähnelt

Der Spruch „es ist nicht alles Gold, was glänzt“ lässt sich durchaus auch auf die Wortbildung beziehen: Nicht alle Wörter, die „-gold“ als Element haben, verweisen tatsächlich auch auf das Edelmetall. Man denke nur an Katzen-, Rot-, Muschel-, Musiv- und nicht zuletzt an das weihnachtliche Rauschgold. Aus diesem Goldimitat schufen geschäftstüchtige Nürnberger Ende des 18. Jh. den berühmten Rauschgoldengel mit dem typischen kunstvoll gefältelten Gewand. Im Export war der Weihnachtsartikel ausgesprochen erfolgreich. Ästheten wie Johann Caspar Lavater oder Freiherr von Knigge rümpften über diesen „vernürnbergerten“ hässlichen, altmodischen Tand allerdings die Nase. Seiner Beliebtheit konnte das wenig anhaben.

[] Fun Fact, der

Tatsache bzw. Sachverhalt meist belangloser Art, deren Erwähnung Überraschung, Heiterkeit o. Ä. bei der Zuhörerschaft, Zuschauerschaft oder Leserschaft auslöst

Wo wurde wohl der erste Bergsteigerverband der Welt gegründet? In der Schweiz? Österreich? Italien? Frankreich? Einer anderen Alpennation? Weit gefehlt, denn – Fun Fact! – der erste Verband seiner Art wurde am 22.12.1857 in London gegründet. Der „Alpine Club“ verstand sich als höchst exklusiver Gentlemen’s Club (Frauen wurden erst 1974 zugelassen) und verschrieb sich der Fortentwicklung des Alpinismus, in dessen goldenes Zeitalter die Gründung des Vereins fiel. Neben der Erstbesteigung verschiedener bedeutender Gipfel in den Westalpen standen in den Anfangstagen auch wissenschaftliche Untersuchungen im Hochgebirge auf der Tagesordnung.

[] harte Nuss, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: eine schwer zu bewältigende, oft unangenehme, komplizierte Aufgabe

Der gebürtige Brite und Redakteur Arthur Wynne wollte sich etwas ganz Besonderes für die Weihnachtsausgabe der „New York World“ ausdenken. Angelehnt an die bis in die Antike zurückgehenden magischen Quadrate ersann er ein diamantförmiges Denkspiel mit leeren Kästchen in die, gegebenen Hinweisen entsprechend, Wörter eingetragen werden sollten. Das „Wortkreuz“, das wenige Wochen später aufgrund eines typografischen Fehlers zum „Kreuzwort“ wurde, war das erste Kreuzworträtsel der Welt und erschien am 21.12.1913. Mit seinem Rätsel traf Wynne den Zeitgeist: die Absatzzahlen seiner Zeitung stiegen rasant an und weltweit brach ein regelrechtes Rätselfieber aus.

[] schneeweiß, Adj.

weiß wie Schnee, von besonders reinem Weiß

„Und bald … bekam sie ein Töchterlein, so weiß wie der Schnee, so roth wie das Blut, und so schwarz wie Ebenholz, und darum ward es das Sneewittchen genannt.“ Das Märchen von S(ch)neewittchen (ndt. Snee ‚Schnee‘, witt ‚weiß‘), das am 20. Dezember 1812 in der Erstausgabe* der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm erschien, zieht Jung und Alt bis heute in seinen Bann. Damals fand sich neben dem Titel noch eine Übersetzung ins Hochdeutsche. Später verzichteten die Grimms auf den eingeklammerten Titel Schneeweißchen – vermutlich, um Verwechslungen zu vermeiden.

[] Porajmos, der

vom nationalsozialistischen Deutschen Reich in seinem Machtbereich begangener systematischer Völkermord an den Sinti und Roma

Während sich der hebräische Eigenbegriff „Schoah“ für den nazistischen Völkermord an den europäischen Juden in den letzten 35 Jahren allgemein verbreitet hat, ist das Romani-Wort „Por(r)ajmos“ (wörtlich „Verschlingen“) kaum bekannt. Ebenso stiefmütterlich wurde lange das Gedenken an die Tatsache behandelt, dass Hitlerdeutschland auch die Auslöschung aller so genannten „Zigeuner“ beschlossen und eine sechsstellige Menge Menschen umgebracht hatte. Erst 2012 wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin-Mitte eingeweiht. Der 19. Dezember gilt als Gedenktag an jenen Völkermord.

[] Filmfabrik, die

Ensemble von Studios, in denen Kino- und Fernsehfilme in großem Maßstab (industriell) produziert werden

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ ist zwar eindeutig eine Übertreibung Heraklits, doch auf die legendäre, noch heute existierende Ufa trifft genau das überraschenderweise zu: Als die „Universum-Film Aktiengesellschaft“ am 18.12.1917 als Zusammenschluss privater Filmproduzenten gegründet wurde, verfügte sie nicht nur über geheimes Startkapital des Kriegsministeriums, sondern sollte auch inhaltlich die Nachfolge des im Januar zur Bündelung filmpropagandistischer Maßnahmen gegründeten „Bild- und Filmamts“ antreten. Kaum ein Jahr später war der Krieg allerdings vorbei, die Ufa wurde 1921 privatisiert und zur deutschen Traumfabrik.

[] Kultserie, die

Folge filmischer Episoden (im Fernsehen, auf Streamingportalen o. Ä.), die von den Fans verehrt oder gefeiert wird

Wenn fünf gelbhäutige, vierfingrige Wesen und ein Sofa am Ende des Tages zusammenfinden, dann ist es für alle Anhänger der Kultserie „Die Simpsons“ fast eine religiöse Pflicht, den eigenen Feierabend auf der Couch vor dem Fernseher und vielleicht mit einem (Duff-)Bier einzuläuten. In mittlerweile über 700 Folgen in 33 Staffeln nehmen Matt Groening und seine Kollegen eine mittelmäßige amerikanische Mittelstandsfamile in einer durchschnittlichen Kleinstadt irgendwo in Amerika aufs Korn und lassen uns an ihrem manchmal gar nicht so mittelmäßigen Tun und Treiben teilhaben. Die Pilotfolge zu dieser weltweit erfolgreichsten Sitcom mit dem Titel „The Simpsons Christmas Special“ (deutscher Titel: Es weihnachtet schwer) wurde in den USA am 17. Dezember 1989 ausgestrahlt.

[] Klunker, der, die

umgangssprachlich, leicht abwertend: glitzernder, teurer Brillant, Diamant, Schmuckstein; besonders auffälliges (protziges) Schmuckstück

„Klunker“ gehört zu den wunderschönen lautmalerischen Wörtern, mit denen man hübsch despektierlich (vielleicht auch neidisch bewundernd?) über besonders auffällige oder teure Edelsteine, besonders Diamanten, lästern kann. Die leicht abwertende Tendenz verraten schon die typischen begleitenden Adjektive (Kollokationen): Wir kennen den fetten, teuren oder protzigen Klunker, von einem filigranen oder gar zierlichen Klunker hört man dagegen eher selten. Diese Lesart ist so dominant geworden, dass die ursprünglichen Bedeutungskonzepte (‚Gehänge, Troddel, Quaste; Kügelchen‘) in den Hintergrund getreten sind. Dafür, dass selbst schwere Klunker heutzutage nicht mehr unbedingt Löcher ins Portemonnaie reißen müssen, hat übrigens er gesorgt: Am 16. Dezember 1954 produzierte der Chemiker Tracy Hall mit Hilfe einer Hochdruckpresse erstmals synthetische Diamanten.

[] Ohrwurm, der

Musikstück mit einer eingängigen, einprägsamen Melodie, das einem Hörer für einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt

Als Wham! (George Michael und Andrew Ridgeley) im Dezember 1984 ihre Gelegenheitskomposition „Last Christmas“ veröffentlichten, hätte sich wohl niemand träumen lassen, welchen Einfluss diese Verbindung aus Weihnachts- und Liebeslied (wahrlich keine Bereiche, in denen es an Konkurrenz mangelt) noch nach Jahrzehnten auf die Pop- und Alltagskultur ausübt – manche scherzen gar, es sei dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen. Dem ubiquitären Ohrwurm in der Vorweihnachtszeit zu entgehen, ist nicht einfach, weshalb genau dies für manche zum Sport geworden ist: Wer nicht bis zum 24.12. durchhält, landet in „Whamhalla“.

[] Christstollen, der

traditionell für die Advents- und Weihnachtszeit hergestellter, länglich-ovaler Hefekuchen von fester Beschaffenheit und aus gehaltvollem Teig, meist mit Rosinen, Mandeln, sowie Zitronat und Gewürzen wie Kardamom, Zimt o. Ä.

So gut mundet der Christstollen bei E.T.A. Hoffmann: „Schritt vor Schritt ging Herr Peregrinus Tyß nach Hause (...) mit verklärtem Blick einen Bissen des Butterstollen Restes nach dem andern auf die Lippe nehmend, als genöße er himmlisches Manna.“ Warum aber scheint Butter beim Stollen überhaupt einer Erwähnung wert? Der Stollen war nicht immer das leckere Backwerk, ursprünglich muss er bescheiden geschmeckt haben. War er doch eine Fastenspeise, für die nur Wasser, Mehl und (traniges) Öl zugelassen, Butter dagegen verboten war. Erst 1491 genehmigte Papst Innonzenz VIII. im sogenannten Butterbrief, „da das verwendete Rübsenoehl der Menschen Natur zuwider und ungesund“ sei, die Verwendung der begehrten Zutat. Weitere mundende Informationen finden Sie übrigens in unserem Blog.

[] Julklapp, der

Synonym zu Wichteln; weihnachtlicher Brauch, bei dem ein unbekannter Schenker (nach lautem Klopfen) ein Geschenk in einem Päckchen durch ein offenes Fenster ins Haus oder durch die Tür in ein Zimmer wirft

Viele sind derzeit mit der Suche nach einem passenden Wichtelgeschenk beschäftigt. Im Norden Deutschlands hat der Brauch des Wichtelns aber einen anderen Namen: „Julklapp“. Das Wort kommt aus dem Schwedischen und bezeichnet dort einfach nur ein Weihnachtsgeschenk. Das Wort, das sich aus ‚jul‘ ‚Weihnachten’ und klappa ‚klopfen‘ zusammensetzt, geht auf den Brauch zurück, dass Weihnachtsgeschenke nach lautem Klopfen einfach durchs Fenster oder die Tür geworfen wurden. Beiden Arten der Geschenkübergabe gemein ist, dass der Schenker normalerweise anonym bleibt. Falls Sie noch auf der Suche nach einem (Wichtel-)Geschenk sind und etwas selbstgemachtes verschenken wollen, werden Sie vielleicht hier fündig.

[] Luftkissenfahrzeug, das

meist Wasser- oder Amphibienfahrzeug, selten auch Landfahrzeug, das auf einer Schicht verdichteter Luft über Wasser oder Boden gleitet

„Mein Luftkissenfahrzeug ist voller Aale.“ Wann dieses weltweite „Problem“ erstmals auftrat, ist unbekannt, gehen erste Überlegungen, eine tragende Luftschicht zwischen Fahrzeug und Untergrund für eine reibungslose Fortbewegung zu nutzen, doch schon auf das 19. Jahrhundert und erste praktische Tests auf den Ersten Weltkrieg zurück. Bekannt ist aber, dass das erste Patent für einen wirklich praxistauglichen Entwurf am 12.12.1955 von dem Briten Christopher Cockerell angemeldet wurde. Er nannte ihn „Hover Craft“, ein Name, der sich in vielen Sprachen festgesetzt hat – allerdings nicht im Deutschen.

[] Impfpflicht, die

meist durch Androhung von Sanktionen durchgesetzte Anordnung, sich oder die Personen bzw. Tiere, für die man verantwortlich ist, impfen zu lassen

Ob Pocken- oder Coronaimpfung, die Falschbehauptungen der Impfgegner ähneln sich auf erstaunliche Weise: 1874 polemisierte ein gewisser Carl Roth gegen eine von der Reichsregierung geplante Impfpflicht und forderte, den „Impf-Hokuspokus mit allem Zubehör aus unserem Deutschen Reich hinaus[zu]werfen“. Pocken betrachtete er als harmlos (sofern keine Erkältungskrankheit hinzuträte), als deren Ursache vermutete er lediglich Angst und Panikmache. Roth verschwieg dabei, dass der nur wenige Jahre zurückliegenden Epidemie in Deutschland 175.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Und so wurde nach heftigen Reichstagsdebatten eine allgemeine Impfpflicht verabschiedet. Es sollte aber Jahrzehnte dauern, bis der Widerstand abflaute. Auch weil sich die Impfkampagne am Ende als erfolgreich erwies.

[] Fingerabdruck, der

übertragen: anhand bestimmter Merkmale erkennbare Beteiligung einer Person oder Personengruppe an einem Ereignis, einer Entwicklung

Der Physiker Klaus Hasselmann hat bereits 1993 auf den Klimawandel, konkret auf den Einfluss von CO₂-Emissionen auf die Erderwärmung hingewiesen. In einer aufsehenerregenden Arbeit konnte er mittels mathematischer Verfahren Phänomene des Klimawandels mit 95%iger Sicherheit dem Einfluss der Menschheit zuordnen, also zeigen, dass die Erderwärmung nicht mit natürlichen Klimaschwankungen modellierbar und damit erklärbar ist. Er fand in den Daten den menschlichen Fingerabdruck. Dafür wurde er mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Die Feier, die eigentlich heute in Stockholm hätte stattfinden sollen, fand coronabedingt bereits am 7. Dezember in den Heimatländern der Laureaten, für Klaus Hasselmann im Berliner Harnack-Haus, der Tagungsstätte der Max-Planck-Gesellschaft, statt.

[] Lingua franca, die

Verkehrssprache eines größeren mehrsprachigen Raums

In der sprachwissenschaftlichen Forschung ist die Wendung „English as a lingua franca (ELF)“ ein gebräuchlicher Ausdruck, bildungssprachlich nennt man so jede weit verbreitete Verkehrssprache. Ursprünglich war aber DIE Lingua franca eine ganz bestimmte Sprache, nämlich ein einfaches Pidgin, das seit dem Mittelalter im Mittelmeerraum gesprochen wurde und v. a. auf romanischen (damals „fränkisch“ genannten) Elementen basierte. Da sie nie als Muttersprache erworben wurde, ging sie im 19. Jahrhundert bis auf den Namen fast spurlos verloren, verdrängt von den Nationalsprachen.

[] Land der tausend Seen, Mehrwortausdruck

Finnland

Geboren wurde Jean Sibelius am 8. Dezember 1865 in eine Familie der schwedischen Minderheit seines Landes. Zeit seines Lebens war er ein unruhiger Geist, der immer wieder in den (musikalischen) Hauptstädten Europas auftauchte. Er war mehrfach in Berlin, wo er auch die ihm zur Verfügung gestellten Mittel für eine Reise nach Italien durchbrachte. Er studierte Medizin, war u. a. als Militärarzt tätig und fand doch die Zeit zum Komponieren. Zu einer nationalen Pressefeier 1899 steuerte er eine symphonische Dichtung bei, aus der später die Finlandia entstand. Noch heute gilt sie als heimliche Nationalhymne des Landes. Die Finnen ehren und lieben den 1957 verstorbenen Komponisten dafür.

[] Transformationsgrammatik, die

Grammatiktheorie, die die Regeln zur Umwandlung von Sätzen in andere mit gleichem semantischem Gehalt erforscht und über die verschiedenen möglichen Oberflächenstrukturen zu einer Tiefenstruktur vorzudringen sucht

„Colorless green ideas sleep furiously“ ist vielleicht sein bekanntester Satz. An diesem Beispiel zeigte er, dass ein Satz grammatisch korrekt („wohlgeformt“), aber ohne erschließbare Bedeutung sein kann. Er verwendete dieses Beispiel in seiner frühen Arbeit „Syntactic Structures“ (1957), mit der er die „generative Transformationsgrammatik“ begründete. Seitdem kennen Studierende der Linguistik die Begriffe Tiefenstruktur, Oberflächenstruktur und Transformation. Auch als „Zoon politikon“ trat er immer wieder für gesellschaftliche Transformationen ein. Am 7. Dezember 1928 wurde der herausragende Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky geboren.

[] Klaubauf, der

Brauch, bei dem als Klaubaufe verkleidete Personen in den Tagen um den 6. Dezember durch die Straßen ziehen und versuchen, Passanten zu Boden zu werfen

Das teure, eben erworbene Porzellan mal kurz nach Hause tragen? In den Abendstunden um den 6. Dezember ist das – zumindest in bestimmten Regionen Österreichs – keine gute Idee. Denn darauf haben die „Klaubaufe“ (auch: „Kleibeife“) nur gewartet. Woher dieser in Teilen Ost- und Südtirols ebenso beliebte wie umstrittene Brauch des „Klaubauflaufens“ stammt, weiß keiner so genau. Interessant sind auch die Versuche, die Herkunft dieser eigentümlichen Ausdrücke zu erklären. Nähere Informationen finden Sie in unserem Blogartikel.

[] Lichterfest, das

Fest, bei dem Lichter das wichtigste Element sind

Gerade in der dunklen Jahreszeit sind Kerzen und andere Lichtquellen nicht nur praktisch, sondern auch psychologisch wichtig. Und wenn man Hell versus Dunkel als Symbole des Guten, der Wahrheit gegenüber dem Bösen, Falschen denkt, dann verwundert nicht, dass Lichterfeste auch religiös verankert sind. So wird im Hinduismus im Oktober oder November Diwali gefeiert. Näher liegt uns aber das im November oder Dezember gefeierte jüdische Lichterfest Chanukka, an dem ein Leuchter mit acht Lämpchen eine zentrale Rolle spielt und dessen achter und letzter Tag in diesem Jahr auf den heutigen Tag fällt.

[] Weihnachtsgeld, das

Geld, das zu Weihnachten zusätzlich zum Lohn oder Gehalt ausgezahlt wird

„Ja, Herr Gerichtshof, jeder Mensch muß doch een paar Jroschen Weihnachtsgeld haben“. Mit dieser treuherzigen Begründung, abgedruckt in der Weihnachtsausgabe des „Vorwärts“ von 1902, versuchte ein des Diebstahls Beschuldigter beim Berliner Landgericht einen kleinen weihnachtlichen Strafnachlass herauszukitzeln – natürlich erfolglos. Sprachgeschichtlich ist die Aussage jedoch interessant: Denn in diesem Zeitraum tritt der Ausdruck „Weihnachtsgeld“ im Geschriebenen zunehmend häufiger auf und beginnt, den bis dahin vor allem in Beamtenkreisen üblichen Ausdruck „Weihnachtsremuneration“ (zu lat. „remuneratio“ = Vergütung) abzulösen. In Deutschland ist das Wort nahezu vergessen, in Österreich ist es bis heute geläufig.

[] daddeln, Verb

am Spielautomaten spielen; auf der Spielkonsole, dem Computer, Smartphone o. Ä. spielen

Dank ihr konnte man wahlweise mit putzigen Drachen durch fremde Welten segeln, in Arenakämpfen und Höhlenlabyrinthen literweise Pixelblut vergießen oder in virtuellen Häuserschluchten reihenweise Autos zu Schrott fahren: Die Playstation 1 von Sony, deren Verkauf am 3. Dezember 1994 startete, setzte in jeder Hinsicht Maßstäbe: Sie war nicht nur jahrelang die meistverkaufte Spielekonsole. Die Ausgabe der Spiele auf CD-ROMs gab den Entwicklerstudios viele Freiheiten, sodass viele Spieler von stimmungsvollen Soundtracks und aufwendigen Filmsequenzen begleitet in flüssigen (noch etwas polygonhaften) 3D-Welten daddeln durften.

[] auf stur schalten, Mehrwortausdruck

unnachgiebig, starrsinnig, dickköpfig werden; hartnäckig bei seiner Meinung, seinem Standpunkt bleiben, auf seiner Position verharren

Grundgesetz, Artikel 12: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ Im frühmodernen partikularen Deutschland des Jahres 1717 herrschten andere Sitten, wie auch Johann Sebastian Bach erfahren musste. Als Herzog Ernst von Weimar ihn bei der Beförderung überging, ihm die Ration an Notenblättern kürzte und auch sonst die kalte Schulter zeigte, unterschrieb Bach kurzerhand einen Vertrag bei Fürst Leopold von Köthen. Für diese Insubordination und für seine Unnachgiebigkeit, die Urteilsbegründung spricht von „Halsstarrigkeit“, landete Bach im Gefängnis. Vier Wochen später, am 2. Dezember kam er auf die Fürsprache Augusts des Starken frei.

[] Fließband, das

Technik: mechanisch vorwärtsbewegtes Band, das bei arbeitsteiliger Fließfertigung oder Montage von Industrieprodukten die einzelnen Werkstücke nacheinander an die Arbeitsplätze der unterschiedlichen Arbeitsgänge befördert

Das „Modell T“ von Ford, auch bekannt als Blechliesel, war bereits bei seiner Markteinführung 1908 ein Hit. Doch Henry Ford gab sich damit nicht zufrieden. Inspiriert von den Fertigungsprozessen in Schlachthöfen präsentierte er am 1. Dezember 1913 das Ergebnis seiner Optimierungsbestrebungen: automatisch angetriebene Fließbänder. Infolgedessen reduzierte sich die Produktionszeit des Modells T von 12,5 Stunden auf 93 Minuten, der Preis wurde von 850 $ auf 370 $ gesenkt, was die Blechliesel plötzlich für jedermann erschwinglich machte. Auch wenn Ford das Fließband nicht erfunden hat – er war der erste, der es konsequent in der Automobilproduktion einsetzte.

[] Männergesundheit, die

Wohlbefinden, Abwesenheit von Krankheiten (besonders typischen Männerkrankheiten) bei Angehörigen des männlichen Geschlechts

Diese Sache hat einen Bart, obwohl sie noch gar nicht so alt ist. Seit 2003 geht es einer wachsenden, von Australien ausgehenden Bewegung namens „Movember“ darum, auf Probleme der körperlichen wie geistigen Männergesundheit hinzuweisen. Das Wort „Movember“ ist ein Kofferwort aus „Moustache“ (Schnurrbart) und „November“. Als sichtbares Zeichen ihrer Solidarität mit dem Anliegen dieser Initiative sollen Männer den ganzen November auf das Rasieren bestimmter Gesichtsregionen verzichten. Mehr dazu hier. Und ab morgen darf dann wieder der Rasierer ran.

[] Kurbel, die

rechtwinklig an einer Welle befestigter, meist mit einem Handgriff versehener, länglicher Körper, der als einarmiger Hebel wirkt und zum Erzeugen von Drehbewegungen dient

Wie bei vielen anderen seiner Patenten – man denke an die Glühbirne – gebührt Thomas Alva Edison auch beim sogenannten Phonographen nicht das Verdienst, ein solches Gerät als erster konzipiert oder gebaut zu haben. Vielmehr brachte er es zur Marktreife. So stellte er am 29.11.1877 diesen mit einer Handkurbel betriebenen Apparat vor, mit dem man Töne zuerst auf Stanniol-, später Wachswalzen aufzeichnen und wiedergeben konnte. Letztlich wurden der Phonograph und seine Abarten von dem zehn Jahre später erfundenen Grammophon, dessen Schallplatten robuster und leicht zu vervielfältigen waren, verdrängt.

[] Adventssonntag, der

einer der vier Sonntage im Advent

„... Und wenn die fünfte Kerze brennt, dann hast du Weihnachten verpennt.“ Vier Adventssonntage erscheinen uns heute selbstverständlich. Der mittelalterliche Klerus nahm es trotz einer entsprechenden Entscheidung Papst Gregors aus dem 7. Jh. damit aber nicht allzu genau. Das musste zu seinem großen Ärger auch Kaiser Konrad II. feststellen, als er im Jahr 1038 erfuhr, dass ausgerechnet sein Onkel, der Straßburger Bischof Wilhelm Just, den ersten Advent bereits am 26. November beging, womit er bis Weihnachten auf fünf Adventssonntage kam. Konrad berief zur Klärung zwar eigens eine Synode ein. Eine endgültige Klarstellung erfolgte aber erst 1570 im Konzil zu Trient, über ein halbes Jahrtausend nach dem Straßburger Adventsstreit.

[] Algorithmus, der

Anweisung, Verfahren zur Lösung eines (mathematischen, informationstechnischen) Problems durch schrittweise Bearbeitung, Umformung von Zeichenreihen; Rechenverfahren nach einem bestimmten Schema

Als Ada Lovelace auf einem Ball den Mathematiker Charles Babbage traf, der sie einlud, die von ihm erfundene „Differenzmaschine“ anzusehen, war sie hellauf begeistert. Die Maschine konnte selbstständig addieren und subtrahieren, doch Ada war klar, dass die Möglichkeiten damit noch lange nicht erschöpft waren. Sie träumte davon, dass eine solche Maschine eines Tages sogar Musik abspielen könnte, und ersann so die Idee eines modernen Computers. 1845 legte sie den ersten Algorithmus zur maschinellen Berechnung der Bernoulli-Zahlen vor und wird daher von vielen als erste Computerprogrammiererin der Welt gefeiert. Am 27.11.1852 starb sie im Alter von 36 Jahren an Gebärmutterhalskrebs.

[] kunterbunt, Adjektiv

umgangssprachlich: sehr bunt

Die Geschichten um Pippi Langstrumpf sind aus den Kinderzimmern dieser Welt nicht wegzudenken. Doch eigentlich wollte Astrid Lindgren nie Schriftstellerin werden. Erst als ihre Tochter mit einer Lungenentzündung im Bett lag, begann sie ihr Geschichten von einem furchtlosen und bärenstarken Mädchen zu erzählen, das allein in der „Villa Kunterbunt“ hauste und allerhand Abenteuer erlebte. Ihre Tochter konnte davon nicht genug bekommen und dachte sich auch den Namen der Titelheldin aus. Die Geschichten wurden schließlich doch zu Papier gebracht, wenn auch erst drei Jahre später, als Lindgren selbst mit einem verknacksten Fuß das Bett hüten musste. Am 26.11.1945 erschien ihr erstes Buch.

[] nomen est omen, Mehrwortausdruck

bildungssprachlich: schon die Bezeichnung, der Name deuten auf etw. hin

Da der Dieselkraftstoff nach dem Erfinder des Dieselmotors, Rudolf Diesel, benannt ist, scheint es nur naheliegend, dass auch das Wort „Benzin“ nach dessen Zeitgenossen Carl Benz geprägt wurde. Schließlich war Benz kein Geringerer als der Erfinder des ersten funktionierenden Automobils mit Verbrennungsmotor. Doch der Schein trügt. Denn schon bevor Benz am 25.11.1844 als Karl Friedrich Michael Vaillant in Mühlburg (heute Karlsruhe) zur Welt kam, hatte man die heute als „Benzol“ bekannte Verbindung ebenfalls als „Benzin“ bezeichnet. Beide Wörter gehen auf den Namen des Benzoe zurück, das wiederum arabischen Ursprungs ist.

[] Überbleibsel, das

kleiner Rest, Überrest (von etw. Zerfallenem oder aus vergangener Zeit)

Des einen Leid, des anderen Freud: Vor rund 3,2 Millionen Jahren stürzte ein weiblicher Australopithecus afarensis (im heutigen Afar-Dreieck in Äthiopien) aus 13 bis 14 Metern von einem Baum und starb. Sedimente eines nahegelegenen Sees überdeckten den Körper. Ein großer Teil der Knochen überdauerte die Zeitläufte in der Erde, bis schließlich der Anthropologe Donald Johanson am 24. November 1974 das Skelett freilegte. Endgültig zum Star wurde das Fossil „Lucy“, als Wissenschaftler anhand von Kniegelenk und Becken herausfanden, dass die grazile Australopithecus-Dame uns ähnlicher war, als das schimpansengroße Gehirn vermuten ließ – sie ging bereits vollständig aufrecht.

[] Teilhabe, die

das Beteiligtsein an etw., Teilnahme, Partizipation; aktive Teilnahme von Menschen am politischen, kulturellen und sozialen Leben

Unter den Vertriebenen, den heimatlosen Zwangsarbeitern, die nach Ende des 2. Weltkriegs in Auffanglagern lebten, waren sie die Ärmsten der Armen: geistig behinderte Kinder, oft versteckt, vernachlässigt. Ihre „Hilflosigkeit und Verlassenheit“ erschütterten den UNO-Beauftragten für Displaced Persons, den Niederländer Tom Mutters, so sehr, dass er in Marburg am 23. November 1958 gemeinsam mit Eltern und Fachleuten den Verein „Lebenshilfe für das behinderte Kind“ (heute nur: „Lebenshilfe“) gründete. Früh entstand dabei das Konzept der Inklusion: Hilfen und Förderung sollten eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen.

[] Sandmännchen, das

volkstümliche kleine Gestalt, die angeblich den Kindern Sand in die Augen streut, woraufhin sie einschlafen

Neben dem Wettlauf ins All prägte die 1950er- und 60er-Jahre noch ein Wettrennen ganz anderer Art. Fernsehsender aus Ost und West arbeiteten mit Hochdruck an einer Kindersendung, in deren Mittelpunkt die sagenumwobene Gestalt des Sandmanns stehen sollte. In einer Hauruck-Aktion schaffte es die DDR dem Westen ein Schnippchen zu schlagen. Die erste Folge „Unser Sandmännchen“ wurde am 22.11.1959 ausgestrahlt, zwei Wochen vor dem West-Pendant. Doch auch aus der Wiedervereinigung ging das Ost-Sandmännchen als Gewinner hervor. Nachdem das West-Sandmännchen bereits eingestellt worden war und dem Ost-Sandmännchen ein ähnliches Schicksal drohte, brach ein Sturm der Entrüstung los, der dazu führte, dass auch heute noch kein Kind ohne sandigen Abendgruß ins Bettchen muss.

[] sich in die Riemen legen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, übertragen: sich (körperlich) sehr anstrengen; eine Aufgabe, ein Vorhaben o. Ä. sehr engagiert ausführen, erledigen

Wenn sich jemand so richtig in die Riemen gelegt hat, dann Gérard d’Aboville. Heute vor 30 Jahren landete der Franzose mit seinem Ruderboot an der Westküste Amerikas. Hinter ihm lagen 134 Tage pullen mit Schichten von 10 bis 12 Stunden, in denen er ausgehend vom japanischen Chōshi den Pazifik überquerte. Eine Spazierfahrt war es nicht: Schwere Stürme und Kaventsmänner brachten das Boot mehrmals zum Kentern, oft war er wegen der Stürme tagelang in der Kajüte eingeschlossen. „Wenn ich gewusst hätte, was passiert, hätte ich es niemals versucht“, gab er später zu Protokoll. Heute ist Gérard d’Aboville Offizier der Ehrenlegion und sitzt im Pariser Stadtrat.

[] Liederzyklus, der

Zyklus thematisch zusammenhängender Kunstlieder

Nicht jede Oper wurde vom Künstler „Oper“ genannt (so sei Wagners Parsifal ein „Bühnenweihfestspiel“), und nicht jede Sinfonie auch „Sinfonie“. Den Fluch der Zahl 9 fürchtend – da für Beethoven und Bruckner die jeweils neunte Sinfonie auch die letzte war –, nannte Gustav Mahler sein auf die achte Sinfonie folgendes „Lied von der Erde“, das heute vor 110 Jahren in München uraufgeführt wurde, einfach „sinfonischer Liederzyklus“. Ironischerweise erlebte Mahler aber die Uraufführung der Sinfonie nicht mehr, auch seine (dann auch offiziell) Neunte und die unvollendete Zehnte erschienen erst postum.

[] nach Adam Riese, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, scherzhaft: mathematisch, rechnerisch; wenn die Rechenregeln korrekt befolgt wurden

Mathe ist langweilig? Mitnichten! Das dachte sich auch Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher, dessen „Mathematikum“ am 19.11.2002 in Gießen seine Pforten öffnete. Mathematik zum Anfassen, so die Devise des ersten mathematischen Mitmachmuseums der Welt. Seine Ursprünge hatte das Museum 1993 in Beutelspachers Seminaren, in denen er seine Studenten geometrische Modelle bauen und die zugrundeliegende Mathematik erklären ließ. Diese Modelle ernteten so viel Zuspruch, dass sie als Wanderausstellung sogar einmal um die Welt reisten, bevor Teile davon ihren permanenten Platz im Mathematikum fanden. Dort lässt sich die Mathematik mittlerweile an mehr als 170 Exponaten spielerisch begreifen.

[] Versöhnung, die

friedvolle Beilegung von Streitigkeiten oder Zerwürfnissen; entgegenkommende Verständigung mit Gegnern oder Feinden

Heute würde man die Einladung deutscher katholischer Bischöfe zu einer Jubiläumsfeier der Kirche in Polen nicht zur Kenntnis nehmen, doch 1965 war sie eine Sensation. Zwanzig Jahre lang war nach dem schrecklichen Wüten der Nazis in Polen an Versöhnung mit (West-)Deutschland nicht zu denken, die BRD war darüber hinaus offiziell Systemfeind. Seinerzeit war das Sendschreiben in Polen besonders wegen der geradezu unerhörten Wendung „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ hochgradig umstritten, heute ist klar, dass dies der erste Schritt für die – noch laufende – Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen war.

[] fei, Partikel

drückt die mit einer Äußerung verbundenen Gefühle des Sprechers aus

Das Deutsche ist besonders reich an den so genannten Abtönungspartikeln (z. B. „bloß“, „ja“, „doch“, „halt“), die die Haltung des Sprechers zur getätigten Aussage ausdrücken und die besonders für Lerner des Deutschen schwer zu fassen sind. Doch auch deutsche Muttersprachler können ins Schleudern geraten, wenn sie auf regionale Ausdrücke wie das berühmte „fei“ stoßen. Zu Unrecht wird es nur den Franken zugeschrieben, zu Unrecht wird es nur als „Verstärkung“ dargestellt, zu Unrecht wird es als Dialektform von „fein“ erklärt. Wie ist es also richtig? Da müssen Sie fei schon den ganzen Artikel lesen!

[] Fallrückzieher, der

Fußball: Spielzug, bei dem ein Spieler sich rückwärts fallen lässt und den Ball über den eigenen Körper hinter sich schießt (meist, um so ein Tor zu erzielen)

Kopfbälle werden im Fußball zunehmend kritisch gesehen, werden sie doch mit neurodegenerativen Prozessen in Verbindung gebracht. Wie wäre es stattdessen mit dieser Variante, die die luftige Ballannahme vom Kopf auf die Füße stellt? An einem 16. November schoss der deutsche Nationalspieler Klaus Fischer gegen die Schweiz das Tor des Jahrzehnts. Die viel zu hoch hereinkommende (per Kopfball nicht verwertbare) Flanke von Teamkollege Rüdiger Abramczik zimmerte Fischer mit chirurgischer Präzision per Fallrückzieher ins Toreck. Ein Lichtblick und willkommene Ablenkung für das deutsche Publikum in einem düsteren, von Terroranschlägen und Katastrophen überschatteten Jahr 1977.

[] Indizierung, die

Politik: Platzierung auf einem Index verbotener oder nur eingeschränkt (meist nur für Erwachsene) zugelassener Werke

Das Verbot „häretischer“ oder auf andere Weise mit der christlichen Lehre unvereinbarer Schriften hatte schon eine lange Tradition, als 1559 als Reaktion auf Buchdruck und Reformation der einheitliche Index librorum prohibitorum („Verzeichnis verbotener Bücher“) erschien. Werke aus dieser immer wieder überarbeiteten Liste zu lesen galt für Katholiken als Sünde. Das Zweite Vatikanische Konzil brachte in diesem Bereich eine Modernisierung, sodass die Indizierung ab 1965 stufenweise eingestellt wurde. Mit dem Erlass vom 15.11.1966 über die Aufhebung von Strafen für verbotene Bücher war der „Index“ endgültig Geschichte.

[] Gesundheitsministerin, die

in verschiedenen Staaten und (Bundes-)‍Ländern: Leiterin eines für Gesundheitsfragen zuständigen Ministeriums

Als heute vor 60 Jahren Dr. Elisabeth Schwarzhaupt Bundesgesundheitsministerin wurde, regte sich großer Widerstand, auch von Kanzler Konrad Adenauer. Warum? Sie war eine Frau. So erfolgte ihre Berufung überhaupt erst infolge eines Sit-ins ihrer CDU-Kolleginnen. Das für das „Fräulein Schwarzhaupt“ oder die „Frau Minister“ vielleicht noch am ehesten „angemessene“ Familienministerium wollte man ihr aber auch nicht anvertrauen, denn sie war unverheiratet. Als Notlösung schuf man das Ministerium für Gesundheitswesen, das man als nicht sonderlich wichtig ansah. Schwarzhaupt bewies jedoch das Gegenteil und leistete während ihrer Amtszeit wichtige Pionierarbeit. Sie setzte sich für Umwelt- und Gesundheitsschutz ein und ebnete den Weg für ihre vielen Nachfolgerinnen. Denn nach ihr gab es nie wieder ein Kabinett ohne Frauen.

[] Abenteuerfahrt, die

erlebnisreiche, meist mit einem Transportmittel absolvierte Reise (häufig in ein fremdes Land, eine unbekannte Umgebung)

Ob Gilgamesch-Epos, höfischer Ritterroman oder Herr der Ringe: die Heldenreise zählt mit zu den ältesten literarischen Gattungen. Ein Meister dieser Form war der heute vor 171 Jahren geborene Robert Lewis Stevenson, Autor des Welterfolgs „Die Schatzinsel“. Weniger bekannt ist, dass der an Tuberkulose Leidende mit 40 seine eigene Abenteuerfahrt antrat: Er reiste in die Südsee, um, wie ein Biograf behauptet, einen legendären vergrabenen Schatz zu suchen, den er auch gefunden haben soll. Sicher ist jedenfalls, dass er auf Samoa einen Schatz anderer Art fand, einen neuen Lebensmittelpunkt. Anders als die Helden im Epos ist er nie in seine Heimat zurückgekehrt.

[] Tanzverbot, das

Gesetz oder Verordnung, wonach an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten öffentliche Tanzveranstaltungen, Sportveranstaltungen o. Ä. untersagt werden, z. B. aus Rücksicht auf religiöse Feiertage

Ein Tanzverbot aus Infektionsschutzgründen haben wir unlängst hinter uns gelassen. Im oberbayerischen Wolfersdorf schrieb ein solches Verbot aus anderen Gründen Geschichte. Denn am 12.11.1780 hatten sich einige Burschen „erfrechet in der hiesigen Wirtstafern unanständig und ärgerlich zu tanzen und die Füße mit den der Weibsbilder ihrigen durcheinander zu schlingen. Diese Tanzart wird unter dem Bauernvolk das zwyfach Danzen genannt.“ Dieser Zwiefache war ob seiner vermeintlichen Frivolität verboten und so erhielten die Burschen eine Geldbuße von 240 Pfennig. Schlecht für sie, gut für (Musik-)Historiker, denn das Bagatelldelikt fand Einzug in ein Gerichtsprotokoll – die erste schriftliche Erwähnung des Zwiefachen überhaupt.

[] olle Kamelle, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, meist abwertend: altbekanntes Thema, immer wiederkehrendes Motiv

Auch wenn’s in der fünften Jahreszeit auf Rosenmontagszügen „Kamelle, Kamelle!“ schallt: Unter die 150 Tonnen Wurfmaterial, die so ein Rosenmontagszug unters Volk bringt, mischen sich Schokoriegel, Mäusespeck, Chipstüten, aber immer seltener die klassischen Karamellbonbons – und „olle Kamellen“ schon mal gar nicht. Die Wendung bezog sich im Norddeutschen ursprünglich auf „alte, nicht mehr duftende und damit wertlose Kamillen(blüten)“. („Dat sünd olle Kamellen – de rükt nich mehr.“) Der Mundartdichter Fritz Reuter titulierte mit „Olle Kamellen“ selbstironisch seine autobiografisch gefärbten Erzählungen, in denen er das Niederdeutsche zu literarischer Hochform führte.

[] Klick, der, das

Phonetik: Laut, der durch Schnalzen vor allem mit der Zunge gebildet wird

Miriam Makeba verschaffte dem Xhosa mit seinen charakteristischen Klicklauten in ihrem Hit Pata Pata 1967 erstmals weltweit Gehör. Die Südafrikanerin lebte zu dieser Zeit, vom Apartheidsregime aus ihrem Heimatland vertrieben, in den USA, wo sie später aber wegen einer Heirat mit einem Black-Panther-Aktivisten ebenfalls diskriminiert wurde. 1990 konnte sie endlich in ein freies Südafrika zurückkehren. Auch danach spielte sie noch auf Benefizkonzerten zugunsten Verfolgter. Heute vor dreizehn Jahren starb die auch „Mama Africa“ genannte Sängerin, direkt nachdem sie noch auf der Bühne gestanden hatte.

[] Gedenktag, der

Tag, an dem etw. (oft ein historisches Ereignis) öffentlich gewürdigt wird, sich die Öffentlichkeit an etw. erinnert

Der 9. November wird oft hochtrabend als „Schicksalstag der Deutschen“ tituliert. In der Wendung steckt viel hohles Pathos, aber eben auch historische Substanz: Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Republik aus. Gewissermaßen als Replik auf dieses verhasste Datum inszenierte Hitler 1923 in München den Putsch gegen die Demokratie und 15 Jahre später das Pogrom gegen die deutschen Juden, gegen ihre Geschäfte und Synagogen. Über ein halbes Jahrhundert später besiegelte der Fall der Mauer 1989 das Ende der SED-Herrschaft. Ein „Schicksalstag“ ist der 9. November sicher nicht, er wäre wohl aber ein würdiger Gedenktag, der wie kaum ein anderer die wechselvolle jüngere Demokratiegeschichte des Landes spiegelt.

[] Durchblick, der

Blick, Ausblick zwischen oder durch etw. hindurch

Eher zufällig entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen am 8. November 1895 in seinem Labor die später nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Aufgrund des ihm unbekannten Charakters dieser Strahlen nannte er sie zunächst X-Strahlen. Knapp zwei Monate später erschien schon seine erste Veröffentlichung zu diesen neuen Strahlen, wenige Tage zuvor war es ihm gelungen, ein Bild aufzunehmen, das die durchleuchtete, beringte Hand seiner Frau zeigte. Nicht nur für die medizinische Diagnostik war diese Entdeckung revolutionär, zumal Röntgen darauf verzichtete, das Verfahren zum Patent anzumelden. 1901 wurde er für seine Leistungen mit dem ersten Physik-Nobelpreis überhaupt geehrt.

[] unter jmds. Fuchtel stehen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: sich unter jmds. strenger, unbegrenzter Kontrolle oder Gewaltherrschaft befinden; unter jmds. (oft weiblicher) Dominanz sein; jmdm. ausgeliefert sein

Die preußische Armee war nach Abschluss der großen Heeresreform 1814 eine andere, eine modernere Armee. Wirklich? Heinrich Heine hatte im „Wintermärchen“ bekanntlich seine Zweifel: „Sie stelzen noch immer so steif herum, / So kerzengrade geschniegelt / Als hätten sie verschluckt den Stock / Womit man sie einst geprügelt.“ Heines Pointe: Tatsächlich trügen sie jetzt die „Fuchtel“ in ihrem Innern. Die Fuchtel war ursprünglich die Bezeichnung für den Degen, mit dem man einerseits fuchtelte (also focht), den die Offiziere andererseits (vor der Reform) auch dazu nutzten, um mit der flachen Seite ihre Soldaten zu schlagen. Entsprechend bedeutet „unter der Fuchtel stehen“ also eigentlich ‚unter strenger militärischer Zucht stehen‘.

[] dem Tod von der Schippe springen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: eine tödliche Gefahr, Erkrankung lebend überstehen; knapp überleben

Obwohl der am 6. November 1814 geborene Adolphe Sax zum Klarinettisten ausgebildet wurde, folgte er der Familientradition und wurde ein besonders produktiver Instrumentenbauer. Das von ihm erfundene Saxofon hätte es jedoch beinahe nie gegeben. Böse Zungen behaupten gar, das Universum habe das Saxofon verhindern wollen, denn als Kind sprang Sax dem Tod mehr als nur einmal von der Schippe. Er stürzte eine Treppe hinab, er verschluckte eine Stecknadel, trank versehentlich Vitriol, ertrank fast in einem Fluss – um nur einige seiner Unfälle zu nennen. Anerkennung blieb ihm zeitlebens verwehrt – den Durchbruch schaffte das Saxofon leider erst Jahrzehnte nach seinem Tod.

[] Bretonisch, das

ursprünglich aus Großbritannien stammende, in Nordwestfrankreich gesprochene Sprache aus dem britannisch-keltischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie

Ganz Gallien ist vom Keltischen zum Lateinischen (bzw. Französischen) übergegangen. Ganz Gallien? Jein! Denn das in der nordwestfranzösischen Bretagne gesprochene Keltisch wurde erst im Frühmittelalter von Bevölkerungsgruppen, die vor den einströmenden Angelsachsen aus Großbritannien flohen, in die Heimat der unbeugsamen Gallier um Asterix getragen. Am 05.11.1499 erschien mit dem bretonisch-französisch-lateinischen „Catholicon“ des Priesters Jehan Lagadeuc das erste Wörterbuch dieser Minderheitensprache, deren Sprecherzahl sich im 20. Jahrhundert unter dem Druck des Französischen leider stark verringert hat.

[] Registrierkasse, die

(in Ladengeschäften, Gastronomiebetrieben o. Ä. genutztes) Gerät zur (automatischen) Erfassung, Berechnung und Anzeige des für Waren oder Dienstleistungen zu zahlenden Preises, das außerdem Belege erstellt sowie meist über ein Bargeldfach für Einnahmen und Wechselgeld verfügt

Fragt man nach einem Geräusch, das typischerweise mit Geld assoziiert wird, stehen die Chancen gut, dass das Klingeln einer Registrierkasse beim Öffnen der Geldschublade genannt wird. Tatsächlich hatte schon die am 04.11.1879 von James Ritty in Dayton (Ohio) zum Patent angemeldete weltweit erste komplexe Kasse eine Klingel genau dieser Art. Warum der Saloonbesitzer, der eigentlich kein Ingenieur war und seine Kassenfirma schon 1884 verkaufte – es gibt sie bis heute als Großunternehmen – einen solchen Apparat konstruierte, hatte profane Gründe: Er wollte die Diebstähle durch seine Angestellten verringern.

[] Organspendeausweis, der

Dokument, auf dem der Inhaber eine persönliche Erklärung abgibt, ob und in welcher Form er im Todesfall Organe, auch Organ- oder Gewebeteile, für eine Organtransplantation zur Verfügung stellt

Man kann ihn herunterladen und ausdrucken, als App auf seinem Handy installieren oder ganz klassisch aus einer Broschüre heraustrennen und ausfüllen: den Organspendeausweis. Und die Bereitschaft zur Organspende wächst, aber sie wird eben auch immer dringlicher. 2020 warteten über 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan, aber nur 3.000 post mortem gespendete Organe wurden verpflanzt. Anders als andere Länder, in denen eine Widerspruchslösung gilt, setzt Deutschland (bislang) auf Freiwilligkeit – einer langen Tradition folgend: Heute vor 50 Jahren stellte die Hamburger Gesundheitsbehörde den ersten Organspendeausweis in Deutschland aus.

[] Verunglimpfung, die

Herabwürdigung, Schmähung, Verleumdung

Die Legende war schon für Zeitgenossen schier unwiderstehlich: Hier der geniale, allen überlegene Mozart, dort der italienischstämmige, minderbegabte, aber gut vernetzte Neidhammel Antonio Salieri, welcher das jugendliche Genie durch Intrigen und andere finstere Machenschaften ins Grab bringt. Nichts davon ist wahr, dennoch lebt die Legende: Heute vor 42 Jahren hatte das Theaterstück „Amadeus“ des Briten Peter Shaffer Premiere, der das böse Gerücht in einen spannenden, später erfolgreich verfilmten Plot verwandelte. Ob auf die fiktionale Verunglimpfung dereinst eine ebenso erfolgreiche fiktionale Rehabilitierung folgen wird, darf bezweifelt werden.

[] Diwan, der

veraltend: niedriges, gepolstertes Ruhebett

Die Ghasele (Liebeslyrik) des großen Poeten Hafis wurden schon früh in einer Gedichtsammlung, einem sogenannten „dīwān“, gesammelt. Der Ausdruck kam über die Rezeption durch Goethe direkt aus dem Persischen ins Deutsche. Schon vorher war das Wort aber in seiner Bedeutung „Schreibzimmer“ ins Türkische und von dort als „(osmanischer) Staatsrat“ zu uns gekommen. Und da in offiziellen osmanischen Empfangszimmern gerne niedrige Sofas standen, nahm das Wort auf dem Umweg über das Französische noch diese dritte, schnell dominierende Lesart an. Drei Wege, drei völlig verschiedene Bedeutungen. Das ist fast schon poetisch.

[] Wumms haben, Mehrwortausdruck

Energie, Durchschlagskraft haben

Am heutigen Tag wurde 1929 in Neapel Carlo Pedersoli geboren. Sie kennen ihn nicht? Er war olympischer Schwimmer, Wasserballspieler, Musiker, Politiker und Gründer einer Fluglinie. Es klingelt immer noch nicht? Aber als Schauspieler kennt ihn in Deutschland jeder: Nach einigen ernsten Italowestern spielte er, meist mit seinem Kollegen Mario Girotti (alias Terence Hill), unter seinem Künstlernamen Bud Spencer (nach Budweiser-Bier und Spencer Tracy) in zahlreichen Komödien den mürrischen, aber gutherzigen Haudrauf mit richtig Wumms in den Fäusten. Das Duo wurde durch die kongeniale Synchronisation von Rainer Brandt in Deutschland zum Kult.

[] Massenhysterie, die

in großen Menschenansammlungen oder in großen Bevölkerungsgruppen auftretende, durch einen äußeren Anlass hervorgerufene starke Erregung

Der „Krieg der Welten“, das bekannteste Werk des Science-Fiction-Autors H.G. Wells von 1898, war eigentlich als bittere Satire auf die britische Kolonialpolitik konzipiert. Doch die spannende Geschichte von den empathielosen Marswesen, die sich mit überlegener Feuerkraft anschicken, die Menschheit auszulöschen, entfaltete am 30. November 1938 erneut ihre Wirkung. Der junge Orson Welles tarnte den Klassiker als vermeintlich echte, durch Einspielung von Musiktiteln und dramatischen O-Tönen äußerst glaubhaft wirkende Radioreportage. Dass das clever gemachte Hörspiel eine Massenhysterie auslöste, ist allerdings übertrieben.

[] unbeugsam, Adj.

sich keinem fremden Willen beugend, nicht zum Nachgeben zu zwingen

„Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein!“ Wer kennt sie nicht, die Geschichten um die unbeugsamen Gallier Asterix und Obelix und ihre Versuche, ihr Dorf vor Eindringlingen zu schützen. Aus der Feder von Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo hatte „Asterix der Gallier“ am 29.10.1959 seinen allerersten Auftritt im französischen Comic-Magazin Pilote. Der Rest ist Geschichte. Weltweit knapp 400 Millionen verkaufte Exemplare. Übersetzungen in über 100 Sprachen und Dialekte. Auch an ihrem heutigen 62. Geburtstag (und beim mittlerweile 39. Album) scheint von Altersbeschwerden noch keine Spur.

[] Souveränität, die

Macht und Recht, frei nach eigenem Ermessen zu entscheiden, ohne dabei das Recht anderer zu verletzen; Recht eines Volkes im Hinblick auf die ihm zustehende Staatsgewalt, Ausübung der Macht des Volkes innerhalb eines Staates

Nachdem der britische Seefahrer James Cook im Jahre 1769 neuseeländischen Boden betrat, folgte ein nicht-abreißender Strom an europäischen Händlern und Siedlern. Deren zucht- und zügelloses Gebaren war den einheimischen Māori ein Dorn im Auge, und so ersuchten sie schließlich die britische Regierung um Hilfe. Der Regierungsvertreter James Busby versammelte daraufhin am 28.10.1835 in Waitangi 31 Māori-Häuptlinge, die eine von ihm verfasste Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten. Mit diesem ersten schriftlichen Dokument des Landes wurden die „Vereinigten Stämme von Neuseeland“ zu einem unabhängigen Staat erklärt, dessen Hoheitsgewalt allein den Stammesoberhäuptern obliegt.

[] Aluhut, der

meist spöttisch, häufig bildlich: aus mehreren Lagen Aluminiumfolie geformte Kopfbedeckung, die angeblich die Gesundheit oder Gedanken ihres Trägers vor schädlichen Einflüssen schützen soll

Gedacht war sie ursprünglich nur als Abdichtung von Ballonnähten. Doch bald löste sie als Verpackungsmaterial besonders für Lebensmittel das gesundheitlich bedenkliche (aus Zinn) hergestellte Stanniolpapier ab. Dass einmal Alufolie zum Antennen-Hütchen geformt die Häupter von Verschwörungsideologen und Esoterikern vor vermeintlich schädlichen Strahlungen, Regierungseinflüsterungen oder Schlimmerem abschirmen sollte, hätte sich Heinrich Alfred Gautschi (1871-1955) wohl kaum träumen lassen. Am 27.10.1910 meldete der Schweizer Industrielle das Patent zur industriellen Massenproduktion von Alufolie an.

[] abknallen, Verb

salopp, abwertend: ein Lebewesen skrupellos niederschießen

Nervenaufreibende Showdowns zwischen Sheriffs und Gesetzlosen gehören zu den Standardsituationen in Westernfilmen, die nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben müssen. Eine filmreife Schießerei gab es allerdings heute vor 140 Jahren in – nomen est omen – Tombstone (Arizona), zwischen 4 Cowboys der Clanton/McLaury-Bande und 4 ebenfalls halbseidenen Marshalls um die Brüder Earp und Doc Holliday. Am O. K. Corral fielen, nachdem die Cowboys sich nicht gesetzeskonform entwaffnen lassen wollten, in nur 30 Sekunden 30 Schüsse. Die Bilanz: 3 Tote, 3 Verletzte. Eine offizielle Untersuchung des Vorfalls sprach Wyatt Earp und Holliday vom Mordvorwurf frei.

[] Betriebsnudel, die

umgangssprachlich, meist spöttisch, meist abwertend: (im Übermaß) nach außen gerichteter, kontaktfreudiger, geselliger, unterhaltsamer oder Unterhaltung suchender Mensch

Heute ist Weltnudeltag. Da dieser Thementag 1995 von der Pasta-Industrie mit durchsichtigem Motiv ausgerufen wurde, wollen wir hier nicht das Hartweizenprodukt feiern, sondern alle Menschen, die sich als Nudeln bezeichnen lassen wollen oder müssen. Bereits Andreas Schmeller kennt in seinem Bayerischem Wörterbuch von 1827 die Verwendung von „Nudel“ für eine Frau „wenn sie mit viel elastisch-weichem Fleische ausgestattet ist“. Heutige Nudeln, bekannt als Ulknudeln oder Betriebsnudeln, müssen aber weder weiblich noch dick sein. Angespielt wird meist auf einen besonders heiteren, extrovertierten oder betriebsamen Charakter. Eine Portion schwäbische oder italienische Nudeln wird eine solche Person aber sicher nicht ausschlagen.

[] Leseratte, die

umgangssprachlich, scherzhaft: jmd., der gern und viel liest

Die Abende werden länger und die gemütliche Jahreszeit beginnt. Leseratten kommen derzeit voll auf ihre Kosten. Etwas unglücklich könnten diese über die der Ratte zugeschriebenen Eigenschaften sein. Dessen ungeachtet ist sowohl die „Spezies“ als auch das Wort „Leseratte“ weit verbreitet. Entsprechende Bezeichnungen gibt es in vielen Einzelsprachen. Noch polyglotter ist nur der „Bücherwurm“. Man findet ihn im Englischen, Russischen, Hebräischen, Japanischen und selbst im Chinesischen. In den nordgermanischen Sprachen stellt man sich dagegen ein „Lesepferd“ vor. Ihnen allen ist der unstillbare Hunger nach Büchern gemein. Am heutigen Tag der Bibliotheken wird der Bibliophilen liebster Ort geehrt.

[] Ampel, die

der Verkehrsregelung dienende, mit mindestens zwei, meist drei (rot, gelb, grün) verschiedenfarbigen Lichtsignalen ausgestattete Anlage; Koalition aus SPD, FDP und Grünen

Ampel: Dieser volkstümliche Ausdruck für die amtlicherseits als „Lichtzeichenanlage“ bezeichnete Vorrichtung geht auf eine Bedeutungsübertragung aus den 1920er Jahren zurück, als der Verkehrsturm auf dem Potsdamer Platz erstmals Ordnung in das Berliner Verkehrschaos brachte. Ursprünglich hatte die Ampel (aus lat. „ampulla“ ‚kleines Fläschchen‘), aufgehängt als Ewiges Licht, ihren Ort in Synagogen und Kirchen. Später bezog man sich wie z. B. Rilke allgemein auf hängende Lichtquellen: „Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin (…) Und blasse Ampeln schwanken her und hin.“ Die weltweit erste – mit Gas betriebene – Verkehrsampel nahm übrigens 1868 in London ihre Arbeit auf. Sie soll nach kurzer Zeit explodiert sein.

[] Pony, das

Pferd einer sehr kleinen Rasse von höchstens 148 cm Schulterhöhe und meist stämmigem Wuchs

Einen Brief quer durch die USA schicken – in nur 10 Tagen! Eine revolutionäre Entwicklung, dauerte der Postversand um 1850 doch ein bis zwei Monate. Möglich machte es der sogenannte Pony-Express. Am 3. April 1860 begann eine Stafette furchtloser junger Männer, Briefe entlang der mehr als 3000 km langen Strecke zwischen Kalifornien und Missouri zuzustellen – hoch zu Ross, den widrigen Wetterverhältnissen und feindlichen Überfällen trotzend. Allem Pioniergeist zum Trotz schienen die Gründer jedoch aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Denn bereits 18 Monate später wurde der Pony-Express eingestellt. Zwei Tage, nachdem das erste transkontinentale Telegramm per Telegraf verschickt wurde.

[] Kabuff, das

umgangssprachlich: kleiner Raum meist ohne Fenster in einem Haus oder einer Wohnung, in dem Gegenstände aufbewahrt werden

Fast jeder hat doch diese eine Schublade, wo alles, was nirgendwo sonst unterkommt, zu finden ist. Viele Hausbesitzer haben sogar einen entsprechenden kleinen Raum - oft fensterlos und etwas muffig. Darum heißt er oft „Kabuff“. Woher kommt eigentlich diese merkwürdig klingende Wort? Nicht alles über seine Form- und Bedeutungsgeschichte ist klar, aber es scheint tatsächlich zu „Kombüse“ zu gehören: Die Rumpelkammer und die Schiffsküche, die auf mittelniederdeutsch „kabūs(e)“ (Bretterverschlag, kleine Hütte) zurückgeht, teilen also die Vorstellung des engen Raums. Mit der Zeit wurden andere Wörter eingekreuzt, so dass sie heute äußerlich nicht mehr viel gemein haben.

[] schmunzeln, Verb

stillvergnügt, heiter, belustigt, wohlgefällig (vor sich hin) lächeln

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum jemand „schmutzig lachen“ kann? Zwar vermag kaum ein Adjektiv diese Form des hämischen, gemeinen Lachens besser zu illustrieren, aber doch bleibt die bildhafte Vorstellung dahinter rätselhaft. Das Wort „schmunzeln“ ist hier der Schlüssel. Es handelt sich um eine Iterativbildung (eine Verbform, die auf eine dauerhafte, sich wiederholende Handlung hinweist) zum untergegangen Wort „schmunzen, schmutzen“ (lächeln). Tatsächlich gab es auch die tautologische Zusammensetzung „schmunzlachen“ bzw. „schmutzlachen“ die später volksetymologisch in dem bekannten Sinn umgedeutet wurde.

[] Sorbisch, das

in der Lausitz beheimatete Sprache aus dem westslawischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie

Durch die Teilnahme des SSW an der Bundestagswahl hat unlängst die dänische Minderheit viel Beachtung bekommen. Es gibt aber noch eine zweite autochthone Minderheit in Deutschland: die Sorben in Brandenburg und Sachsen. Ihre Sprachen Niedersorbisch um Cottbus und Obersorbisch um Bautzen sind die letzten Überbleibsel des früher überall zwischen Elbe und Oder gesprochenen Slawisch. Da aber auch sie unter starkem Assimilationsdruck durch das Deutsche stehen, wurde heute vor 30 Jahren die Stiftung für das sorbische Volk zur „Sicherung und Entwicklung der sorbischen Sprache, Kultur und Traditionen“ ins Leben gerufen.

[] Albino, der

Tier ohne Pigmente in Haut, Haar und Augen, so dass es ganz hell ist

Die Geschichte des verhängnisvollen Kampfes von Kapitän Ahab gegen den weißen Pottwal Moby Dick, der ihm und seinem Schiff zum Verhängnis wird, gehört heute zu den bekanntesten Sujets der Weltliteratur. Dabei war dem heute vor 170 Jahren in London erschienenen Buch, in dem Herman Melville die wahre Geschichte des Albino-Wals „Mocha Dick“ verarbeitete, auf Jahrzehnte kein Erfolg beschieden: Die religionskritischen Überlegungen des Autors (besonders durch die Figur Queequegs) kamen besonders im frömmelnden Amerika des 19. Jahrhunderts schlecht an. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Roman wiederentdeckt.

[] Anstich, der

das Anstechen eines Bierfasses, Weinfasses, die Anzapfung

2G oder 3G plus Abstandspflicht? – Nein, „so a bissl Wiesn geht ned“, und damit fällt pandemiebedingt auch 2021 das Oktoberfest aus. Angefangen hatte alles am 17. Oktober 1810, als man anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig I. auf der Theresienwiese erstmals ein zünftiges Volksfest veranstaltete. Den ersten öffentlichen Fassanstich durch einen Politiker gab es dann 140 Jahre später durch den Münchener Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Bis heute gilt er als schlechtester „Anstecher“. Benötigt hat er um die 19 Schläge. Stilbildend war allerdings sein über die Grenzen Bayerns sprichwörtlich gewordener Ausruf: „Ozapft is!“

[] Bergkraxler, der

mundartlich, umgangssprachlich, oft spöttisch: Person, die gerne in den Bergen wandert oder auf Berge klettert

Es war der krönende Abschluss eines ambitionierten Plans: Heute vor 35 Jahren stand Bergfex Reinhold Messner auf dem Gipfel des Lhotse. Der Nachbarberg des Mount Everest gehört mit seinen 8516 m zum exklusiven, vierzehn Mitglieder zählenden „Klub der 8000er“, die Messner als erster Mensch sämtlich bezwungen hat. Seine vielfach bewunderten Pioniertaten im Bergsteigen fanden viele, seiner Meinung nach allzu viele Nachahmer. Und so fühlt sich (Achttausender oder nicht) auch der eine oder andere Flachlandtiroler zum Bergkraxler berufen, der es vielleicht besser beim Wattwandern belassen hätte.

[] Verzug, der

Verzögerung, Rückstand in der Ausführung, Durchführung von etw., in der Erfüllung einer Verpflichtung

Ob Elbphilharmonie, BER oder Stuttgart 21 – große Bauprojekte wollen im Deutschland des 21. Jahrhunderts einfach nicht fristgerecht fertig werden. Aber lassen wir trotz Unkenrufen über das Ende der deutschen Ingenieurskunst doch einmal die Kirche im Dorf, oder besser gesagt den Dom in Köln: Letzterer brauchte um ein Vielfaches länger. Von der Grundsteinlegung 1248 dauerte es ganze 632 Jahre bis zur Fertigstellung, wobei die Arbeiten von 1528 bis 1823 ganz ruhten. 1842 endlich setzte man sich die Fertigstellung als „nationale Aufgabe“ zum Ziel, und am 15.10.1880 wurde das Wahrzeichen der Stadt dann feierlich übergeben.

[] Kuscheltier, das

Spielzeugtier aus Samt, Plüsch oder ähnlichem kuscheligen Stoff

Ein Teddy „von sehr geringem Verstand“, aber einem großen Herz für seine (plüsch-)tierischen und menschlichen Freunde, das ist Pu der Bär (engl. Winnie-the-Pooh), den der britische Autor Alan Alexander Milne zusammen mit dem menschlichen Hauptdarsteller, seinem Sohn Christopher Robin, in amüsanten, aber erzähltechnisch durchaus anspruchsvollen Geschichten verewigt hat. Am 14.10.1926 erschien das Kinderbuch in London und wurde auf Anhieb ein Erfolg. Ein Nachfolgeband und zahlreichen Übersetzungen und Adaptionen ließen nicht lange auf sich warten.

[] Hauskatze, die

domestizierte bzw. als Heimtier gehaltene (weibliche) Kleinkatze

Immer mal wieder und vor allem angesichts knapper Gemeindekassen wird der Ruf nach einer Katzensteuer laut. Hundebesitzer begrüßen sie aus Gründen der Gleichbehandlung, Vogelfreunde fordern sie, da die mehr als 15 Millionen Katzen in Deutschland über 50 Millionen tote Vögel und gar einige bedrohte Arten auf dem Gewissen hätten. Das vom Krieg gebeutelte Dresden ergriff am 13.10.1916 Maßnahmen gegen die „unerwünschten Mitesser“ und erhob fortan 5 Mark pro Jahr für die erste Katze, 10 Mark für die zweite und für jede weitere 15 Mark. Die Katzensteuer war jedoch von kurzer Dauer, da man unterschätzt hatte, welchen Beitrag die Katzen zur Schädlingsbekämpfung leisteten.

[] Ei des Kolumbus, Mehrwortausdruck

verblüffend einfache und effektive Lösung für ein (vermeintlich) kompliziertes Problem

Als Christoph Kolumbus am 12.10.1492 auf den heutigen Bahamas an Land ging, sorgte er für einiges an Furore. Nicht alle waren jedoch von seiner Entdeckung der Neuen Welt beeindruckt. Einer Legende zufolge soll Kolumbus nach seiner Rückkehr bei einem feierlichen Bankett vorgehalten worden sein, dass die Entdeckung Amerikas doch gar nichts Besonderes gewesen sei. Leicht gekränkt forderte Kolumbus die Gäste daraufhin auf, ein Ei so auf die Spitze zu stellen, dass es stehen blieb. Wie erwartet, gelang es niemandem. Die einfache Lösung für das scheinbar unlösbare Problem demonstrierte Kolumbus, indem er ein Ei nahm und es leicht auf den Tisch schlug.

[] 3G, das

Bezeichnung für die drei Merkmale als Voraussetzung, unter denen Personen im zweiten Jahr der Corona-Pandemie gewisse Freiheiten (z. B. Zutritt zu Großveranstaltungen o. Ä.) zustehen, sofern sie jeweils eines der drei Merkmale erfüllen

Um inmitten der laufenden SARS-CoV2-Pandemie die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten und einen weiteren Lockdown zu verhindern, wurde bundesweit die so genannte 3G-Regelung eingeführt: Wer gegen das Virus geimpft, von einer COVID-Erkrankung genesen oder frisch getestet ist, kann sich nun in den Innenräumen öffentlicher oder privater Einrichtungen (in Altersheimen, Krankenhäusern, Schwimmbädern usw.) aufhalten, sofern sich diese nicht auf die ersten beiden G beschränken. Da inzwischen jeder über zwölf Jahren ein Impfangebot erhalten hat, läuft die staatliche Kostenübernahme für die Bürgertests heute aus. Auch das ist Eigenverantwortung.

[] Kapitalverbrechen, das

schweres Verbrechen

Ursprünglich wurden nur mit der Todesstrafe geahndete Delikte wie Mord oder Hochverrat als „Kapitalverbrechen“ bezeichnet, obwohl es gar nicht um Kapital im finanziellen Sinn ging. Das liegt an zwei voneinander unabhängigen Entlehnungen ins Deutsche. Da es um Kopf und Kragen geht, steckt im Kapitalverbrechen lateinisch „capitālis“ in der Grundbedeutung „zum Kopf gehörig“, während „Kapital“ (über das Italienische) aus dessen mittelalterlicher Substantivierung „capitale“ im Sinne von „Wert“ stammt.

[] Lotto, das

Glücksspiel, bei dem mehrere Gewinnzahlen aus einer festgesetzten Zahlenreihe gezogen werden und der Gewinn eines Spielers abhängt von der Anzahl der von ihm gegen einen finanziellen Einsatz vorher richtig vorhergesagten Zahlen

Kaum zu glauben, aber die erste Lotterie war politisch: 1575 schrieb man in Genua die Namen von 90 Ratsherren auf Lose (ital. „il lotto“ ‚das Los‘), von denen schließlich 5 gezogen wurden. Ein cleverer Kaufmann entwickelte das Konzept zum Glücksspiel weiter und bald veranstaltete man in ganz Europa unter der Bezeichnung „Lotto di Genova“ Losziehungen als öffentliche Großevents. Traditionell waren es stets Waisenkinder, die den glücklichen Gewinnern Reichtum bescherten. Heute vor 66 Jahren fand im Hamburger Hotel Mau die erste Lotterie „6 aus 49“ der Bundesrepublik statt. Wieder war es ein Waisenkind, das als Lottofee auftrat.

[] Sondierungsgespräch, das

besonders vor offiziellen Koalitionsverhandlungen: (informelles) Gespräch, das dazu dient, die allgemeine Situation zu besprechen und inhaltliche Gemeinsamkeiten und mögliche Meinungsverschiedenheiten zwischen den Beteiligten auszuloten

Die aktuellen Sondierungsgespräche sind eine schöne Gelegenheit, um an die interessanten Wörter „Sonde“ und „sondieren“ zu erinnern. Das Substantiv, man denke nur an die Mars- oder Magensonde, bezeichnet eher Gegenständliches, wobei ausgerechnet die ursprüngliche nautische Bedeutung ‚Senkblei zu Messung der Meerestiefe‘ (aus frz. „sonde“) nicht mehr geläufig ist. Das Verb wurde bereits früh übertragen verwendet: So listet schon Friedrich Gladov 1727 in seinem A-la-Mode-Lexicon auf: „auf den Zahn fühlen, wie man gesinnet, und was man im Schilde führet, (...) die Staats-Geheimnisse und Anschläge grosser Herren auskundschaften“. Das klingt vertraut.

[] menschenwürdig, Adj.

der Menschenwürde entsprechend, dem Menschen angemessen

Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert, die Globalisierung verläuft in immer schnellerem Tempo, doch erst 2006 wurde ein weltweiter Dachverband der Gewerkschaften zur Vertretung der Arbeitnehmerrechte gegründet. Dabei ist der Kampf gegen Ausbeutung, sei es Kinder- oder Sklavenarbeit, Hungerlöhne, fehlende Arbeitssicherheit oder Umweltverschmutzung heute genauso aktuell wie im Manchesterkapitalismus. Zu Erinnerung daran, dass Arbeit nicht nur bloßes Überleben, sondern gutes Leben ermöglichen soll, wurde 2008 erstmals der auf den heutigen 7. Oktober fallende Welttag für menschenwürdige Arbeit begangen.

[] Herzschrittmacher, der

durch Batterien betriebenes Gerät, das bei schweren Störungen der Herztätigkeit die elektrischen Impulse zur periodischen Reizung der Herzmuskulatur liefert

Herzschrittmacher werden meist mit dem altersbedingt aus dem Takt geratenen Hohlmuskel assoziiert, sie können aber auch die durch einen Unfall beeinträchtigte Herztätigkeit regulieren. So erhielt am 6.10.1961 in Düsseldorf ein verunglückter 19-jähriger Motorradfahrer die erste Herzschrittmacher-Implantation in Deutschland – der Apparat war eine neue Erfindung, die nur drei Jahre vorher erstmals eingesetzt worden war. Dabei hatten selbst seine Erfinder nicht an den Erfolg dieser Technik geglaubt. Der Chirurg Heinz-Joachim Sykosch tat dies gegen den Willen seines Vorgesetzten und rettete so seinem Patienten das Leben.

[] Durchstecherei, die

Verrat, heimliche Weitergabe von vertraulichen Informationen, Interna, Geheimnissen (an die Öffentlichkeit, die Presse o. Ä.)

Das Verb „durchstechen“ hat viele Lesarten, zwei davon sind politisch interessant und haben in der Form „Durchstecherei“ einen eigenen Ausdruck erhalten. Während die eine Bedeutung ‚Betrug im Amt‘ eine schwere Straftat darstellt – sie geht auf eine heute untergegangene Bedeutung des Verbs (‚gemeinschaftlich schmuggeln, betrügen‘) zurück –, ist die zweite weitaus harmloser und wird gerade jetzt während der anstehenden Koalitionsverhandlungen aktuell: Das Durchsickernlassen von eigentlich vertraulichen Informationen. Und wenn wir ehrlich sind, dann freuen wir uns doch auch über diese kleinen Indiskretionen.

[] Kosmosrakete, die

Rakete, die Flügen ins Weltall dient

Der 4. Oktober ist in den Annalen der Raumfahrt besonders prall gefüllt. 1957 flog mit Sputnik 1 der erste künstliche Satellit überhaupt, 1959 startete Lunik 3, die erstmals Bilder von der Rückseite des Mondes zur Erde sandte, 1960 schwenkte mit Courier 1B der erste aktive Nachrichtensatellit in den Orbit ein und 2004 gewann das SpaceShipOne den Ansari-X-Prize, was als Beginn der privaten Raumfahrt gilt. Die Dominanz des Ostblocks in den Anfangstagen der Raumfahrt hat sich auch sprachlich niedergeschlagen: In der DDR erhielten alle möglichen Ausdrücke mit Bezug zum Weltraum das Erstglied „Kosmo(s)-“, so auch das heute „retro“ klingende Wort „Kosmosrakete“.

[] Moschee, die

islamisches Gotteshaus

Heute findet zum 25. Mal der Tag der offenen Moschee in Deutschland statt. Dies ist eine Gelegenheit für Nicht-Muslime, die Moscheen von über tausend Gemeinden zu besuchen und kennenzulernen – und ein Erfolgsmodell, das auch anderswo Nachahmer gefunden hat. Der Name für das muslimische Gebetshaus selbst lautet in fast jedem Land anders: Obwohl alle auf arabisch „masǧid“ (= Ort, wo man sich niederwirft) zurückgehen, haben viele sprachliche Zwischenstationen und volksetymologische Angleichungen zu bizarren Formen geführt. Vor dem französisiertem „Moschee“ (aus „la mosquée“) sagte man im Deutschen auch „meesgitt“ oder „Müschke“.

[] Kröte, die

dem Frosch ähnliches, plumpes Tier mit breitem Kopf, vorquellenden Augen und warziger, Giftstoffe absondernder Haut

Der Mensch ist nicht immer gerecht. Während dem glatthäutigen Frosch positive Eigenschaften zugeschrieben werden (Wetterfrosch, Froschkönig), bezeichnet seine warzige Verwandte, die Kröte, mal einen als dumm, widerwärtig, bösartig angesehenen Menschen, mal Geld (dies aber eher in kleinen Mengen). Und wer eine (dicke, fette) Kröte schlucken muss, macht etwas, was er nicht will (eine praktische Wendung für Koalitionsverhandlungen). Lediglich über Kinder gesagt ist eine Kröte nur zwinkernd, eigentlich liebevoll tadelnd gemeint. Was biologisch eine Kröte ist, darüber sind sich die Fachleute übrigens gar nicht einig.

[] Vegetarier, der

Person, die keine Produkte geschlachteter Tiere (Fleisch, Gelatine, o. Ä.) konsumiert

Leonardo da Vinci, René Descartes und Immanuel Kant hatten eines gemeinsam: Sie aßen nur Pflanzliches. Auch wenn die Idee der fleischlosen Ernährung weit älter ist, zur Breitenbewegung wurde der Vegetarismus erst Mitte des 19. Jahrhunderts in England. Was sich im Deutschen auch am Wort „Vegetarier“ ablesen lässt. Zu Anfang hieß es nämlich „Vegetarianer“ – an die englische Personalendung „-an“ in „vegetarian“ hängte man noch zusätzlich die eigene Endung „-er“ an. Um 1900 mutierten die Vegetarianer endgültig zu Vegetariern und diese feiern mit ihren Geschwistern im Geiste heute den Welt-Vegetarier-Tag.

[] Dragoman, der

(oft einheimischer) Übersetzer oder Dolmetscher

Heute ist der Internationale Tag des Übersetzens. Auch wenn Mehrsprachigkeit weltweit eigentlich ziemlich verbreitet ist, macht die schiere Anzahl verschiedener Sprachen es nötig, zwischen ihnen zu vermitteln – mündlich, schriftlich, neuerdings auch per Computer. Wie uralt dieser Job ist, zeigt ein wundervolles, heute fast vergessenes Wort: Der „Dragoman“, ein Dolmetscher, zugleich oft Fremdenführer im Nahen Osten. Das über das Arabische und viele Zwischenstationen nach Europa gekommene Wort ist womöglich das letzte Überbleibsel der altanatolischen Sprachen: Hethitisch „tarkummāe-“ bedeutet „übersetzen“.

[] Koalition, die

Zweckbündnis zur Erreichung bestimmter gemeinsamer Ziele; Zweckbündnis politischer Parteien o. Ä. mit dem Ziel, eine Mehrheit in einer Volksvertretung (oder einer anderen Vertretungskörperschaft) zu erreichen

Drei Farben: Sie bildeten am Ende des 18. Jahrhunderts das Alleinstellungsmerkmal des revolutionären Frankreichs und waren so Vorbild vieler Nationalflaggen. Drei Farben symbolisieren in gewisser Weise auch den revolutionären Umbruch, der mit dieser Wahl einhergeht: Erstmals seit 1961 wird die neue Bundesregierung wahrscheinlich aus einer Dreierkoalition hervorgehen: Entsprechend farbenfroh sind die (Flaggen-)Bezeichnungen: Deutschland-, Jamaika-, Kenia- und Ampel-Koalition. Wie auch immer der Koalitionspoker ausgehen wird: Politologen verweisen darauf, dass sich Deutschland damit nach Jahren der zweifarbigen Regierungsbildungen der europäischen Normalität angeglichen hat.

[] nach Schema F, Mehrwortausdruck

abwertend: standardmäßig, einfallslos; nach einem vorgegebenen Muster, ohne Besonderheiten zu berücksichtigen

Das „Hand-Lexicon“ der „A la Mode-Sprach“ von Friedrich Gladov von 1727 verdeutscht die noch junge Entlehnung „Schema“ als ‚Vorbild, Figur, Abbildung‘. Im Allgemeinwortschatz war sie kaum geläufig, dafür bei Bürokraten umso beliebter, die ihre Mustervorlagen so bezeichneten und diese mit den Buchstaben des Alphabets nummerierten. Ein solche Vorlage war auch der „Rapport nach Schema F“ der preußischen Armee, eine Vorlage für die tabellarische Auflistung von Truppenstärke und Ausrüstung, welche die Regimentskommandeure an den General einzureichen hatten und ähnlich wie das „0815“ zum Sinnbild bürokratisch-phantasieloser Gleichmacherei wurde.

[] Kater, der

umgangssprachlich: unangenehme Nachwehen eines Rausches, Katzenjammer

Gestern hatten wir die Wahlparty zur Bundestagswahl, heute herrscht Katerstimmung. Bei den einen wegen des (be)rauschenden Fests aus Anlass eines guten Ergebnisses, bei den anderen wegen des schlechten Abschneidens. Und dafür braucht man nicht einmal Alkohol, denn in seiner übertragenen Bedeutung bedeutet „Kater“, ganz ähnlich wie der sinnverwandte „Katzenjammer“ (die beide nichts mit Fellpfoten zu tun haben, sondern auf Katarrh zurückgehen) eine Niedergeschlagenheit, wie man sie aus Enttäuschung über eine Niederlage oder ein verpasstes Ziel empfindet.

[] Wahlparty, die

zwanglose Zusammenkunft, die eine Partei am Abend einer Wahl für ihre Kandidaten und Mitglieder organisiert

Dass die Parteien nach Schließung der Wahllokale Party machen und nicht etwa einen Aprés-Wahlkampf oder eine Urnen-Fete veranstalten, passt aus etymologischer Sicht gut. Denn „Party“ und „Partei“ gehören eng zusammen: Hervorgegangen aus französisch „partie“, bezeichnet „Partei“ im Deutschen allgemein gesprochen eine Interessengruppe. Dagegen stand das ebenfalls aus dieser Quelle entlehnte Wort „Partie“ ursprünglich für eine Gruppe, die sich zu einem gemeinsamen Vergnügen zusammengefunden hat (Jagdpartie), und später für die fröhliche Veranstaltung selbst („mit von der Partie sein“). Im Englischen fand ein ähnlicher Prozess statt, doch die Briten beließen es bei dem einem Wort: „party“.

[] Kannegießer, der

Stammtischpolitiker, politischer Schwätzer

Nächstes Jahr sind es 300 Jahre, dass die Komödie „Der politische Kannegießer“ des norwegisch-dänischen Dichters Ludvig Holberg Premiere feierte. Darin klopft ein Hamburger Zinngießer (seinerzeit wegen der Zinnkannenproduktion „Kannegießer“ genannt) jede Menge politischer Stammtischsprüche. Als er aber von einigen Bürgern vermeintlich zum Bürgermeister gemacht und mit realen Problemen konfrontiert wird, wird er ganz kleinlaut. Aus diesem Stück gingen die Ausdrücke „Kannegießer“, „Kannegießerei“ und „kannegießern“ in die deutsche Sprache ein. Heute sind sie fast vergessen, doch hohler Populismus bleibt leider aktuell.

[] bestricken, Verb

jmdn. bezaubern

Wenn geschickte Menschen ihre Lieben mit Selbstgestricktem bedenken, sind die Ergebnisse oft filigrane Kunstwerke. Sprachhistorisch steht am Anfang allerdings die hinterhältige (Fang-)Schlinge (ahd. „stric“). Entsprechend hatten die abgeleiteten Verben andere Bedeutungen: „stricken“ meinte ‚knoten, schlingen‘ und „bestricken“ gar ‚in Fesseln legen, fangen‘. Mit dem Aufkommen des Strickens im Mittelalter veränderten sich die Bedeutungen, doch im Verb „bestricken“ sind noch beide Lesarten präsent: scherzhaft, salopp im Sinne von ‚mit Gestricktem versorgen‘ und – anknüpfend an „fesseln“ in seiner metaphorischen Bedeutung – ‚faszinieren, bezaubern‘.

[] Paparazzo, der

abwertend: Pressefotograf, der bekannte und berühmte Personen (meist heimlich und gegen deren Willen) in ihrer privaten Umgebung beobachtet und fotografiert

Die frühe Fotografie war Paparazzo-unfreundlich. Sekundenlang mussten die Fotomodelle regungslos verharren: Pikante Schnappschüsse waren auf diese Weise kaum möglich. Das 1887 erfundene Blitzlichtpulver aus Magnesiumpulver führte zudem oft zu unerwünschten Knalleffekten. Abhilfe brachte die am 23. September 1930 patentierte Blitzlichtbirne: Johannes Ostermeier hatte entdeckt, dass sich Magnesium unter einer Sauerstoffatmosphäre durch einen elektrischen Impuls blitzartig entzündete. Fotoreporter konnten so auch nachts auf die Pirsch gehen. Aber auch der Wortschatz wurde um Neuzugänge wie z. B. „Blitzlichtgewitter“ bereichert.

[] Captcha, das oder der

automatisierter Test zur Sicherheitsabfrage bei der Nutzung von Webseiten, der verifizieren soll, dass es sich beim Nutzer um einen Menschen und nicht um einen Softwareroboter (Bot) handelt

„Sind Sie ein Roboter?“ Wenn heute nicht Ihr erster Tag im Internet ist, dann kennen Sie diese Frage zur Genüge. Und die wegen der immer geschickteren Bots immer komplizierter werdenden Aufgaben, die dann folgen, um sicher zu gehen, dass Sie ein Mensch sind. Immerhin ist ihr Name interessant, denn auf den ersten Blick mag „CAPTCHA“ wie eine gewöhnliche Abkürzung („vollautomatisierter öffentlicher Turing-Test zur Unterscheidung von Computern und Menschen“) klingen, tatsächlich ist es zugleich auch ein Homonym zu „to capture“ (fangen). Witz haben wir Menschen den Maschinen also noch voraus.

[] auf leisen Sohlen, Mehrwortausdruck

bezogen auf die Gehweise: geräuschlos, lautlos, unbemerkt von anderen; metonymisch: ohne Aufmerksamkeit zu erregen

„In a hole in the ground there lived a hobbit.“ Dieser berühmte Satz, den der von langweiligen Korrekturarbeiten genervte Philologieprofessor J. R. R. Tolkien auf ein leeres Blatt kritzelte, wuchs sich zu einem Kinderbuch aus. Doch das märchenhafte, am 21. September 1937 erschienene, eher unscheinbare Werk bildete nur die Ouvertüre zu einem gigantischen bis ins Kleinste ausgearbeiteten fantastischen Gesamtkunstwerk. Der geniale Kniff Tolkiens war wohl auch, dass er ausgerechnet seine Hobbits, diese unscheinbaren Spießer und Leisetreter in einer Welt, in der es von kraft- und magiestrotzenden Wesen nur so wimmelte, gegen das ultimative Böse antreten ließ.

[] Weltkindertag, der

zu verschiedenen Daten in den meisten Ländern der Welt begangener Feier- und Ehrentag für Belange und Rechte der Kinder

Gewöhnlich haben Welt-X-Tage ein festes Datum und sollen auf die teilweise absurdesten Dinge aufmerksam machen. Da ist es merkwürdig, dass ausgerechnet der Kindertag, der einer wirklich wichtigen Sache, nämlich der Rechte und Belange von Kindern, gedenkt, an keinem einheitlichen Datum gefeiert wird. So zählt für manche Länder der 20. November als internationaler Tag der Kinderrechte der Vereinten Nationen, für andere hingegen der 1. Juni als Kindertag. Im deutschsprachigen Raum ist es wiederum der heutige 20. September, der in Thüringen sogar Feiertag ist. Das freut dort sicher auch die Erwachsenen.

[] Netiquette, die

Internet: Regeln für gute und respektvolle Umgangsformen im Internet, besonders bei dem Versenden von Nachrichten und in den Internetforen, wonach Höflichkeit, Kürze und Klarheit in der Kommunikation beachtet werden sollten

Emoticons und Emojis sind aus der digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Das erste Emoticon wurde allerdings aus der Not heraus geboren. In Diskussionsforen der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh kam es immer wieder zu Streitigkeiten, da Ironie in Beiträgen regelmäßig nicht erkannt wurde. Am 19.9.1982 um 11:44 Uhr schlug der Informatiker Scott E. Fahlman daher vor, die Zeichenfolge :-) zu verwenden, um scherzhafte Bemerkungen zu kennzeichnen. Der stilisierte, auf der Seite liegende Smiley verbreitete sich daraufhin wie ein Lauffeuer. Laut den 1995 veröffentlichten „Netiquette Guidelines“ gehörte der (sparsame) Gebrauch der Smileys sogar zum guten Ton der E-Mail-Kommunikation.

[] Rosinenbomber, der

historisch, umgangssprachlich: in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg: Flugzeug, mit dem während der Berliner Blockade durch die UdSSR zwischen 1948 und 1949 die Bevölkerung West-Berlins von den Alliierten besonders mit Lebensmitteln, Hilfsmitteln u. Ä. versorgt wurde

Als die sowjetische Besatzungsmacht drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Land- und Wasserwege nach Westberlin blockierte, drohte der Zusammenbruch der Versorgung. Doch Hilfe ließ nicht lange auf sich warten und sie kam von oben. Alliierte Flugzeuge versorgten die abgeriegelte Zone über die Berliner Luftbrücke fast anderthalb Jahre teils im Minutentakt mit Lebensmitteln und Hilfsgütern. Darunter auch Päckchen mit Süßigkeiten und Rosinen, die den kriegsgeplagten Kindern eine Freude bereiten sollten und den „Rosinenbombern“ ihren Namen gaben. Am 18.9.1948 wurden mit 897 Flügen die meisten Flüge an einem Tag durchgeführt.

[] langer Atem, Mehrwortausdruck

große Ausdauer (bei einer Sache, einem Vorhaben o. Ä.)

„Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?“ Gehen wir recht in der Annahme, dass Sie diesen Satz kennen? Falls nicht, geben Sie weiter an jemanden, der vor 1980 geboren wurde. Denn bis 1989 saß halb Deutschland (oder mehr) vor dem Fernseher, wenn eine Folge von „Was bin ich?“ lief, in dem durch Fragen Berufe und die Namen von Prominenten geraten werden mussten und bei erfolglosen Fragen Fünfmarkstücke in ein Sparschwein geworfen wurden. 1955 (!) begonnen und bis zu seinem Tod moderiert hat die Sendung der Journalist Robert Lembke. Heute vor 98 Jahren kam er in München zur Welt.

[] über den Tellerrand blicken, Mehrwortausdruck

andere Erkenntnisse, Erfahrungen, Verfahren o. Ä. über den eigenen (beschränkten) Horizont hinaus miteinbeziehen

Er hat weit, sehr weit über den Tellerrand seiner Reichsgrafschaft Lippe hinausgeblickt: Der heute vor 370 Jahren in Lemgo geborene Arzt Engelbert Kaempfer bereiste den Fernen Osten und hinterließ ebenso faszinierende wie akkurate Beschreibungen zur Topografie, Geschichte und Botanik Japans. Obwohl er heute fast vergessen ist, haben vermutlich auch Sie indirekt mit ihm Bekanntschaft gemacht – jedenfalls, sofern Sie sich über die merkwürdige Schreibung „Ginkgo“ gewundert haben sollten. Sie geht auf einen kuriosen Umschriftfehler Kaempfers zurück: Was eigentlich „Ginkjo“ (heute: „Ginkyo/Ginkio“) hätte heißen sollen, wurde versehentlich zu „Ginkgo“.

[] googeln, Verb

einen Namen oder Begriff mit einer Suchmaschine im Internet suchen

Selbst die Nutzer, die die Seite google.com nur für ihre Internet-Recherchen nutzen, kommen kaum an Google vorbei, denn „googeln“ wurde zum Synonym für diese Tätigkeit schlechthin. Dabei fing der Gigant für Webdienste und Smartphones 1996 klein als reine Suchseite „Backrub“ an und dominierte erst viele Jahre später das Netz. Exakt heute vor vierundzwanzig Jahren bekam „Backrub“ den neuen Namen „Google“, ein Wortspiel mit der Zahl „Googol“, einem Kunstwort, das eine Eins mit hundert Nullen bezeichnet und damit gut die Menge an Informationen im WWW symbolisiert.

[] Tropenwald, der

Botanik: immergrüner Urwald und Ökosystem mit üppiger Vegetation in den regenreichen Gebieten der Tropen

Der große Naturforscher Alexander von Humboldt konnte auf seinen Forschungsreisen aus erster Hand erleben, welche Konsequenzen das menschliche Eingreifen auf bestehende Ökosysteme hat. Bereits zu Beginn des 19. Jh. beschrieb er außerdem, welchen positiven Einfluss die Wälder als Kohlenstoffspeicher auf unser Klima haben. Seinen Geburtstag nahm man daher seit 1989 zum Anlass, jährlich am 14. September den „Tag der Tropenwälder“ zu begehen. Der Aktionstag feiert einerseits den Tropenwald als Refugium einzigartiger Biodiversität und warnt andererseits vor den Auswirkungen, die eine Zerstörung dieser grünen Lunge unseres Planeten hätte.

[] Kartoffelfäule, die

Pilzkrankheit der Kartoffelknolle, bei der sie verfault

Nicht nur Viren und Bakterien, auch Pilze haben den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst. Und bei „Phytophthora infestans“ war dies ganz sicher der Fall. 1845 vernichtete die sogenannte Kartoffel- oder Braunfäule nahezu die gesamte Ernte Irlands. Da die Knolle fast die alleinige Ernährungsgrundlage der Bevölkerung darstellte, waren die Folgen entsetzlich. Unter den gleichgültigen Augen der englischen Obrigkeit verhungerten über eine Million Iren, zwei Millionen wanderten in die Vereinigten Staaten aus, wo sie demografisch und kulturell deutliche Spuren hinterließen.

[] Triell, das

besonders Fernsehen: von drei Personen geführtes Wortgefecht, Streitgespräch von drei Kandidaten, Bewerbern für ein Amt

Da es zu dieser Bundestagswahl eine Kanzlerkandidatin und zwei Kandidaten gibt, treffen diese drei in insgesamt drei so genannten Fernsehtriellen aufeinander und liefern sich Schlagabtäusche, um beim Wahlvolk ihre Tauglichkeit für dieses hohe Amt unter Beweis zu stellen. Bislang kannte man das Triell nur als ein mathematisches Gedankenexperiment, bei dem drei Schützen aufeinandertreffen und sich duellieren. Bestimmt wird in diesem Gedankenspiel die Wahrscheinlichkeit für jeden Schützen, dabei das Leben zu lassen. Hoffen wir, dass die Munition bei den Triellen im Fernsehen ausschließlich aus guten Argumenten besteht.

[] Terroraktion, die

Terrormaßnahme oder Reihe zusammen durchgeführter Terrormaßnahmen

Zum 20. Mal jährt sich heute der idiomatisch gewordene „Elfte September“, englisch „9/11“, an dem 2001 Terroristen der islamistischen Organisation Al-Qaida in einer koordinierten Terroraktion vier Flugzeuge entführten und als Waffen für Selbstmordangriffe benutzten. Die Bilder des kollabierenden World Trade Centers in New York brannten sich ins kulturelle Gedächtnis ein, die geopolitischen Auswirkungen des folgenden sogenannten „Kriegs gegen den Terror“ sind noch heute spürbar, wie der kürzliche Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan gezeigt hat.

[] Evakuierung, die

das vorübergehende Aussiedeln, Wegbringen von Menschen und Tieren aus einem bestimmten Gebiet, Gebäude, Fahrzeug o. Ä. (wegen einer drohenden Gefahr)

In seinem historischen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ beschreibt der österreichische Schriftsteller Franz Werfel, geboren am 10.09.1890 in Prag, die Evakuierung tausender Armenier per Schiff aus feindlicher Belagerung, wie sie sich im Jahr 1915 wirklich ereignet hatte, und schuf damit ein Werk der Hoffnung, das später unter jüdischen Widerstandskämpfern als Allegorie geschätzt war. 1940 wurde das gleiche Szenario auch für Werfel und seine Frau Alma Mahler Realität: Das nach Südfrankreich emigrierte Paar floh vor der Wehrmacht nach Portugal, von wo aus die rettende Überfahrt nach Amerika gelang.

[] in Hülle und Fülle, Mehrwortausdruck

in großer Menge, reichlich; im Überfluss

„Hülle und Fülle“ steht für den Überfluss schlechthin. Schaut man aber genauer hin, wollen die Bestandteile der Wendung nicht recht zusammenpassen. Was hat – abgesehen vom Reim – die „Hülle“ mit der „Fülle“ zu tun? Ein Phrasem wird im Gehirn (meist) als Ganzes abgespeichert. Und seine Bedeutung ist dabei so dominant, dass die Bedeutungen der Einzelwörter gewissermaßen überschrieben werden. Tatsächlich wurde die Wendung ursprünglich anders und eher negativ verwendet. Gemeint waren mit „Hülle“ ‚(nur) die Kleider, die man am Leibe trug‘ und mit „Fülle“ ‚(nur) ein gefüllter Magen‘, also gerade eben das Lebensnotwendige, mehr nicht.

[] Neue Welt, Mehrwortausdruck

die Kontinente Nord- und Südamerika (im Gegensatz zu Europa, Afrika und Asien, den Kontinenten der Alten Welt)

Antonín Dvořák, heute vor 180 Jahren in Böhmen geboren, ist der wohl bekannteste tschechische Komponist der Welt – trotz seines für viele schwer aussprechbaren Nachnamens. Aufbauend auf der Pionierarbeit Bedřich Smetanas führte der Autodidakt eine eigene tschechische musikalische Formensprache, in der sich Klassik, Romantik und Volkslied vereinen, zur Vollendung. Obwohl er erst mit Mitte 30 als Komponist auftrat, hinterließ er ein breites Œvre von sinfonischen Dichtungen, geistlicher Musik, Opern und Sinfonien – seine 9., in Amerika entstandene Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, ist dabei die berühmteste.

[] widerstandsfähig, Adj.

fähig, physischen oder psychischen Belastungen zu widerstehen

Wohl die Mehrzahl der Engländer, die bei ihrer Krönung geboren wurden, haben das Ende ihrer Regierungszeit nicht mehr erlebt. Fast ein halbes Jahrhundert dauerte das Zeitalter Königin Elisabeths I., während dessen sie sich gegenüber Verschwörungen, Mordkomplotten und Angriffen feindlicher Mächte zu behaupten wusste. Ihren schwersten Kampf, bei dessen negativem Ausgang die Weltgeschichte wohl eine andere Wendung genommen hätte, kämpfte sie jedoch für sich allein. 1563 erkrankte sie schwer an Pocken und überlebte mit knapper Not. Geboren wurde die resiliente Monarchin am 7. September 1533.

[] virtuos, Adj.

vollkommen in der Beherrschung einer bestimmten (künstlerischen) Technik, glänzend, meisterhaft

Ob „Radkäppchen und der böse Golf“ (erzählt mit Automarken), „Gehe hin und Meerrettich“ oder das „Hänge-Reh Gista“ (lebt im Kindischen Ozean) – wohl niemand geht mit dem Potenzial, das die deutsche Sprache für Wortwitze bietet, virtuoser um als der Kabarettist und Sänger Willy Astor. Heute feiert das Sprachtalent der anderen Art, das auch mehrere Alben mit selbst komponierter Gitarrenmusik veröffentlicht hat, seinen sechzigsten Geburtstag. Geboren wurde er – unüberhörbar – in München, für dessen FC Bayern er auch die Vereinshymne „Stern des Südens“ verfasst hat.

[] Stille, die

Zustand des Ungestörtseins, äußere, durch keinen Lärm gestörte Ruhe

Die Uraufführung des Stücks 4’33” des amerikanischen Komponisten John Cage löste am 29.8.1952 einen Skandal aus. Die einzige Anweisung in der Partitur lautete nämlich „tacet“, und so sah sich das Publikum mit 4 Minuten und 33 Sekunden vermeintlicher Stille konfrontiert. Laut Cage jedoch ein Missverständnis. Die Aufführung war voller zufälliger Geräusche: dem Pfeifen des Windes, dem Geprassel des Regens auf dem Dach und schließlich auch den Geräuschen des Publikums, als es empört den Saal verließ. Cage, der mit seinen experimentierfreudigen und vom Zufall geprägten Kompositionen das Genre der Neuen Musik nachhaltig prägte, wurde am 5.9.1912 geboren.

[] Generalpause, die

in einem Musikwerk mit mehreren Instrumenten (und Singstimmen) auftretende, meist als starke Zäsur wirkende Pause für alle beteiligten Stimmen

Gelobt – gefördert – gescholten – geachtet. Der am 4. September 1824 geborene Österreicher Anton Bruckner erlebte in seiner Zeit in Linz und später Wien Höhen und Tiefen. Nachdem der virtuose Orgelspieler bis zum Professor und Hoforganisten aufgestiegen war, sah er sich für seine Sinfonien, für die Generalpausen, also komplette Zäsuren im Spiel, charakteristisch sind, scharfer Kritik ausgesetzt. Zwar erlangte er später wieder Anerkennung, doch die eigentliche Bedeutung seines Werks, ohne das die Sinfonien Mahlers, Schostakowitschs oder Sibelius’ nicht denkbar gewesen wären, wurde erst lange nach seinem Tod erfasst.

[] Smörrebröd, das

Kochkunst: mit Butter bestrichene Brotscheibe, die mit unterschiedlichen Zutaten reichlich belegt ist; ursprünglich aus der dänischen Küche

Das bescheidene Butterbrot hat wohl so viele Namen wie Ausprägungen. „Butterbemme“, „Butterschnitte“, „Butterstulle“ sind nur einige der regionalen deutschen Varianten. Doch auch eine Variante unserer nördlichen Nachbarn hat Einzug in unser kulinarisches Vokabular gefunden. Das dänische Nationalgericht „Smörrebröd“ (zu dän. „smør“ ‘Butter’ und „brød“ ‘Brot’) ist bereits seit den späten 1950er-Jahren in aller Munde. Mit dem schlichten deutschen Butterbrot hat es jedoch seit dem Ende des 19. Jhd. nur noch wenig gemein. Geradezu kunstvoll präsentiert sich das Smörrebröd heute mit opulenten, zu geschmackvollen Türmen aufgeschichteten Belägen.

[] Brandkatastrophe, die

Brand, bei dem großer Schaden an Gebäuden, Gegenständen, landwirtschaftlichen Flächen usw. entsteht und viele Menschen schwer verletzt oder getötet werden

Es war nur ein einziges noch glimmendes Herdfeuer, das Thomas Farrinor, Eigentümer einer Bäckerei in der Londoner Puddinglane, in der Nacht zum 2. September 1666 zu löschen vergaß. Eine kleine, nichtige Nachlässigkeit – doch löste sie eine Brandkatastrophe ohnegleichen aus: Über 13.200 Häuser, 400 Straßenzüge und 87 Kirchen wurden Raub der Flammen. Das London, das König Karl II. in den folgenden Jahren errichten ließ, hatte nur noch wenig mit dem mittelalterlichen, engbesetzten Konglomerat aus Holzhäusern mit überhängenden Stockwerken zu tun: Nur noch Stein und Ziegel sollten als Baustoff erlaubt sein.

[] verewigen, Verb

sich, jmdn., etw. unvergesslich, unsterblich machen

Es sind meist die gebrochenen Persönlichkeiten, deren Leben in Kunstwerken ihren Niederschlag finden. Als eine solche kann sicher Zar Boris Godunow gelten, der im 16. Jh. ein Machtvakuum nutzte, um sich selbst auf den Thron zu hieven. Den Verdacht, den wahren Thronfolger Dimitri Iwanowitsch ermordet zu haben, ist er zwar nie losgeworden und zu allem Überdruss tauchte zum Ende seiner vom Pech verfolgten Regentschaft auch noch ein falscher Dimitri auf (worauf ihn der Schlag traf). Dafür haben keine Geringeren als Alexander Puschkin und Modest Mussorgski ihn in ihren Werken als Kunstfigur verewigt. Als der echte Boris am 1. September 1568 gekrönt wurde, konnte er von alldem natürlich nichts ahnen.

[] Salz in der Suppe, Mehrwortausdruck

wichtiger, charakteristischer Bestandteil einer Sache; etwas, das den eigentlichen Reiz einer Sache ausmacht, durch das eine Sache überhaupt erst interessant oder spannend wird

Salz: Der großen Bedeutung dessen, was man heute für ein paar Cent im Supermarkt kaufen kann, sind wir uns heute kaum noch bewusst. Doch lassen immerhin einige Wörter und Wendungen die einstige Bedeutung erahnen: Bei Plinius dem Älteren machte schon ein Körnchen Salz (cum grano salis) den entscheidenden Unterschied, ob ein Gegengift wirksam war. Das „Salär“ war ursprünglich die Entlohnung in Form von Salz. Bei Cicero stand attisches Salz (sal atticus) für einen besonders scharfsinnigen Witz. Und wenn wir vom „Salz in der Suppe“ reden, dann denken wir an etwas Reizvolles und manchmal auch an eine besondere Person, die unser Arbeitsleben bereichert hat.

[] Nobelpreisträger, der

Person oder Organisation, Institution, welcher ein Nobelpreis verliehen wurde

Seine „Untersuchungen über den Zerfall der Elemente und die Chemie der radioaktiven Stoffe“ brachten dem neuseeländischen Physiker Ernest Rutherford 1908 den Nobelpreis für Chemie ein. Der Allgemeinheit bekannt wurde er jedoch eher durch seine zweite Entdeckung: das Rutherfordsche Atommodell. Aus unzähligen Experimenten leitete Rutherford ab, dass in einem Atom, wie bei einem Planetensystem, negativ geladene Elektronen um einen positiven Kern kreisen. Für seine Beiträge zur Wissenschaft wurde das Element der Ordnungszahl 104 nach ihm benannt. Außerdem schmückt sein Konterfei bis heute den neuseeländischen 100-Dollar-Schein. Am 30.8.1871 wurde er geboren.

[] ingeniös, Adj.

gehoben: erfinderisch, geistreich, scharfsinnig

In der Linguistik bezeichnet man sie vornehm als Inflektive oder deverbale Interjektionen. In der knallbunten Welt der Sprechblasenliteratur liest man sie als: grübel!, stöhn!, ächz!, kreisch! Schöpferin der damals neuen Subklasse der Interjektionen war die promovierte Kunsthistorikerin Erika Fuchs. Als Chefredakteurin des Ehapa-Verlages entführte sie mit kreativem und anarchischem Übersetzungsmut ihre jungen und alten Leser in die Parallelwelt Entenhausen und brachte den Deutschen so die Welt der Comics näher. Heute vor 70 Jahren erschien vom Bildungsbürgertum kritisch beäugt das erste Micky-Maus-Heft.

[] verballhornen, Verb

etw., besonders sprachliche Äußerungen, verbessern wollen und dabei aus Unvermögen oder wegen Missverständnisses verschlechtern

Die deutsche Sprache hat es nicht gut gemeint mit jenem Lübecker Drucker Johann Ballhorn dem Jüngeren (* um 1550). Heute steht sein Name für stümperhaftes „Verschlimmbessern“ – leider zu Unrecht: Zwei Juristen des Lübecker Rats hatten das alte Lübische Recht von 1243 „Vbersehen Corrigiret vnd aus alter Sechsischer Sprach in Hochteudsch gebracht“, jedoch nicht ohne sich eigenmächtig ein paar Freiheiten erlaubt zu haben. Da diese wichtige Ausgabe von 1586 anonym erschien, hieß es bald ironisch abwertend: „verbessert nach Ballhorn“. Denn der einzige Name auf dem Titelblatt war jener des unglückseligen Druckers.

[] Ballon, der

Luftfahrzeug, das von einem mit heißer Luft oder Gas gefüllten Ballon getragen wird

Im Jahr 1783 kam es in Frankreich zum Technologie-Wettlauf um Schwebekörper: Während die Brüder Montgolfier auf den Heißluftballon setzten (allerdings irrtümlich dem Rauch die Auftriebskraft zuschrieben), konstruierte der Physiker J. A. C. Charles Ballons mit Wasserstofffüllung. Mit einem solchen schwebte er im Dezember desselben Jahres persönlich empor. Allerdings waren ihm seine Konkurrenten, die bereits im Oktober erfolgreich mit Passagieren abhoben, da schon zuvorgekommen. Der erste unbemannte Jungfernflug seines Wasserstoffballons am 27. August 1783 endete unglücklich: Erschrockene Dorfbewohner zerstörten das vermeintliche Teufelsgerät mit Mistgabeln.

[] Impfpflicht, die

meist durch Androhung von Sanktionen durchgesetzte Anordnung, sich oder die Personen bzw. Tiere, für die man verantwortlich ist, impfen zu lassen

Am 8. April 2021 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Mitgliedsstaaten unter bestimmten Umständen eine Pflicht zur Impfung gegen bestimmte Krankheiten einführen sowie Sanktionen gegen Pflichtverstöße verhängen dürfen. Eine Einschränkung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit sei über ein Infektionsschutzgesetz zulässig – eine Entscheidung für einen guten Zweck: Verordnungen zur Impfung gegen Pocken führten immerhin zur Ausrottung des gefährlichen Virus. Bayern leistete in dieser Sache übrigens Pionierarbeit: Am 26. August 1807 führt es als weltweit erstes Land die Impfpflicht ein.

[] clever, Adj.

mit Intelligenz und Geschick handelnd, die eigenen Fähigkeiten taktisch schlau und gewandt einsetzend; von Intelligenz oder Kreativität zeugend

Im Firmenlogo der ersten US-amerikanischen Detektivagentur prangt (bis heute) das stets wachsame Auge, umrahmt wurde es lange Zeit vom markigen Slogan „We never sleep“ – Wir schlafen nie. Tatsächlich muss man sich Gründer Alan Pinkerton, einen aus Glasgow stammenden Sohn eines Polizisten, als ziemlich ausgeschlafenen Typen vorstellen. Er entwickelte, seiner Zeit voraus, innovative Fahndungsmethoden und konnte so zahlreichen Verbrechern, Zug- und Bankräubern (u. a. der Dalton-Bande) das Handwerk legen, im Amerikanischen Bürgerkrieg baute er mit viel Geschick ein wirksames Spionagenetz auf. Geboren wurde der berühmte Privatdetektiv am 25. August 1819.

[] an etw. zu knabbern haben, Mehrwortausdruck

etw. Belastendes verarbeiten müssen bzw. an dessen Folgen leiden; sich (zwangsläufig) mit Schwierigem auseinandersetzen (müssen)

Bisweilen klaffen bei Redensarten die wörtliche und die übertragene Lesart deutlich auseinander, weil bereits kleinste unterschiedliche Bedeutungsnuancen eines Wortes eine große Wirkung entfalten können: Wer im übertragenen Sinn „an etwas zu knabbern hat“, macht schwere Zeiten durch. Die eher negative, pessimistische Grundhaltung der Wendung verdankt sich „knabbern“ im Sinne von „geräuschvoll (an etwas sehr Hartem) nagen“, etwa wenn sich Mäuse an den Dielen zu schaffen machen. Wer im realen Leben „etwas zu knabbern hat“, sitzt dagegen meist gemütlich vor dem Fernseher und macht sich lust-, aber ebenfalls geräuschvoll an einer Tüte Chips oder mancherlei anderem Knabbergebäck zu schaffen.

[] Hansdampf in allen Gassen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, gelegentlich abwertend: Person, die überall dabei ist, sich auskennt, viele Kontakte hat; Tausendsassa, Universaltalent, Allrounder

Vor über 500 Jahren, damals hieß es noch „Hans in allen Gassen“, bezeichnete man mit der Wendung eher hyperaktiv veranlagte Personen. Bei Johannes Agricola, dem Freund Luthers und Verfasser der ersten gedruckten deutschsprachigen Sprichwortsammlung, fällt das Urteil über diesen Charaktertyp ausgesprochen negativ aus. Seine Symptombeschreibung – vor allem auf die junge Generation bezogen – wirkt eigentümlich vertraut: Motorische Unruhe („Vil auslauffens“), Konzentrationsschwäche („zurstrawte synne“), fehlendes Durchhaltevermögen („nemen vil fur / vnd fallen bald wider davon“).

[] auf Krawall gebürstet, Mehrwortausdruck

Streit suchend, auf Provokation aus

Das 19. Jahrhundert bescherte der deutschen Gemeinsprache so manche politische Vokabel, die längst vergessene lokale Ereignisse bis heute nachwirken lässt: So wie der „Putsch“ um 1840 aus Zürich kam, so haben Unruhen des Bürgertums und Proletariats in Hanau in der Folge der Französischen Revolution von 1830 den regionalen Ausdruck „Krawall“ ins Wörterbuch gehoben. Dessen Herkunft ist nicht ganz klar, vermutlich stammt es aber aus mittellateinisch „charavallium“, das eigentlich den lauten Lärm bei einer Hochzeitsfeier beschreibt (und selbst aus griechisch „karēbaría“ ‚Kopfschmerz‘ stammt).

[] Baby, das

Kosewort: Schätzchen, Liebling

„Nobody puts Baby in a corner“. Die legendäre Drohung, deutsch synchronisiert mit dem etwas flachbrüstigen Postulat „Mein Baby gehört zu mir“, hat sich in der Popkultur verewigt, in Songtexten, in Serientiteln, in Parodien. Ebenso die folgende Szene, in welcher der schnittige, aber mittellose Mambolehrer Johnny Castle (Patrick Swayze) seine Tanz- und Liebespartnerin Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey) ihren bürgerlichen, aber letztendlich wohlmeinenden Eltern zu einer finalen (und fulminanten) Runde „Dirty Dancing“ entführt. Der Film gleichen Namens feierte am 21. August 1987 seine US-Premiere und entwickelte sich zu einem Kinoromanzenklassiker, der seinesgleichen sucht.

[] Tour de Force, Mehrwortausdruck

mit Anstrengung, auch Überforderung verbundene Handlung, Darbietung o. Ä.

Die Expedition, die heute vor 161 Jahren in Melbourne startete, sollte als die am besten ausgerüstete und doch als tragisch gescheiterte in die Geschichte Australiens eingehen. Insgesamt 29 Teilnehmer machten sich unter der Leitung von Robert O’Hara Burke und William John Wills auf, den Kontinent von Süden nach Norden zu durchqueren. Die Hitze, zu schwer bepackte Tiere, eine strapazierte Mannschaft und ein misstrauischer Expeditionsleiter (Burke) mit zweifelhaften Führungsqualitäten brachten den Erfolg der Tour bald ins Wanken: Zwar wurde Neuland erschlossen, ein Erfolg, jedoch starben sieben Teilnehmer, darunter, im Juni 1861, auch Burke und Wills.

[] fackeln, Verb

umgangssprachlich: zögern

Nicht nur in Familien können sich Mitglieder fremd werden. Auch in Wortfamilien kommt dergleichen vor. Wie das Verb „fackeln“ in seiner Bedeutung „zögern“ zum Substantiv „Fackel“ steht, wirkt heute rätselhaft, ist aber erklärbar. Die unruhige, unstete Flamme, mit der Fackeln brennen, begünstigte offenbar die übertragene Bedeutung, die der Lexikograf Adelung so umschrieb: „Sich ohne Noth hin und her bewegen, unnöthige Bewegungen vor einer Handlung machen; in welchem Verstande es im gemeinen Leben noch oft für zaudern gebraucht wird.“ Adelung selbst zog irrtümlicherweise eine Wortverwandtschaft in Zweifel. Zu disparat schienen ihm die Lesarten.

[] spurlos, Adj.

ohne ein Zeichen, eine erkennbare Spur zu hinterlassen

Der zweite englische Besiedlungsversuch Nordamerikas auf der Insel Roanoke vor North Carolina im Jahre 1587 verlief, wie der erste, kaum erfolgreich: Den 150 Männern, Frauen und Kindern gingen schnell die Ressourcen aus. Der Gouverneur John White segelte also, Nachschub versprechend, zurück in die Heimat. Als er nach drei Jahren (viel später als erwartet) zurückkehrte, fehlte von den Kolonisten jede Spur. Lediglich das in einen Baumstamm eingeritzte Wort „Croatoan“ ließ vermuten, dass die Europäer zu einem Indianerstamm im Süden geflohen waren. Croatoan mit blauen Augen berichteten später tatsächlich von Vorfahren, die „aus Büchern sprechen“, die also lesen konnten.

[] Lobby, die

Empfangsbereich, Vestibül in einem öffentlichen Gebäude; gelegentlich abwertend: eine Interessengruppe (Vertreter von Unternehmen, Verbänden oder anderen gesellschaftlichen Gruppen), die durch Beeinflussung von Politikern ihre Interessen auf politischer Ebene durchzusetzen beabsichtigt

„Lobby“ ist ein eigentümlicher Begriff: Bezogen auf die Räumlichkeit verbindet man mit ihm einen gemütlichen Aufenthaltsort, ist dagegen die Interessengruppe gemeint, hat er ein „Geschmäckle“. Verantwortlich dafür ist wohl die verwickelte Etymologie: Am Anfang steht das germanische Wort *laubjō, die Laube, das ins mittelalterliche Latein als „lobia“ (= Wandelgang) und dann als „Lobby“ ins Englische entlehnt wurde. Dort bezeichnete der Ausdruck u. a. die Vorhallen des Parlaments, in denen „Lobbyisten“ versuchten, Einfluss auf Abgeordnete zu nehmen.

[] mythologisieren, Vb.

etwas, jmdn. zu einem Mythos machen, erklären

„Ich singe tief aus dem Bauch heraus, aus den Schuhsohlen“ – zusammen mit Hüftschwung, Haartolle und honigsüßem Lächeln führte seine einzigartige Baritonstimme nicht nur zu einer Erfolgsgeschichte extraordinaire, sondern auch zu einer Mythologisierung, die dem heute vor 44 Jahren jung und unerwartet verstorbenen amerikanischen Sänger und Schauspieler Elvis Aaron Presley ein eigentümliches Nachleben bescherte: Ob voll der Treue oder ganz und gar ironisch gemeint, im Ausspruch „Elvis lebt“ entwickelte sich ein Kult um die mögliche Fiktion seines Todes mit mittlerweile eigenem Unterhaltungswert. Übrigens: Elvis wäre heute 86 Jahre alt.

[] Interpretation, die

Auslegung, Deutung, Erklärung; künstlerische Wiedergabe eines Werkes

Diese „3 Days of Peace & Music“, die am 15. August 1969 in der Kleinstadt Bethel, NY, ihren Anfang nahmen, gelten als Höhepunkt der Hippiebewegung und wurden unter dem Namen „Woodstock“ legendär. Stars wie Janis Joplin, Joan Baez, Ravi Shankar u. v. a. setzten vor geschätzt 400.000 Zuhörern ein musikalisches Zeichen gegen Krieg und Gewalt. So auch Jimi Hendrix, der unter anderem mit seiner legendären Interpretation der amerikanischen Nationalhymne Aufsehen erregte: Die unverkennbare Melodie begleitete er mit Gitarrengeräuschen, die Schüsse, explodierende Bomben und Schreie sterbender Soldaten imitierten – ein Protest gegen die Ereignisse in Vietnam.

[] Auge des Gesetzes, Mehrwortausdruck

ein Polizist; mehrere Angehörige der Polizei

Viele Redewendungen wie eben „Auge des Gesetzes“ verblüffen, forscht man nach, durch ihr hohes Alter. Fast mühelos scheinen die zugrundeliegenden Metaphern oder Metonymien kulturelle und sprachliche Grenzen zu überwinden, wohingegen sich die Bedeutungen bisweilen verändern. Heute steht der Ausdruck eher scherzhaft für die Polizei. Friedrich Schiller münzte ihn im „Lied von der Glocke“ auf den Nachtwächter. Erasmus von Rotterdam dagegen verweist in seinen „Adagia“ auf den griechischen Philosophen Chrysipp (✝ ca. 206 v. Chr.), der mit der Wendung die Justitia beschrieb, die mit starrem, geradeaus gerichtetem Blick ihr gerechtes Urteil fällt.

[] Mauer, die

steinernes Bauwerk in Form einer Wand; umgangssprachlich: als Grenzbefestigung von der DDR-Führung errichtetes und streng gesichertes Bauwerk aus Beton, das den Westteil Berlins umschloss

Sie war das sichtbarste Symbol des Kalten Krieges, Instrument zur ideologischen und machtpolitischen Abgrenzung der beiden Machtblöcke. Den Regierenden in Moskau und Ostberlin erschien sie als letztes Mittel, um die Massenflucht aus der noch jungen DDR zu stoppen. Für die Berliner bedeutete der Mauerbau in der Nacht zum 13. August 1961 einen brutalen Einschnitt, riss Familien auseinander, zerstörte Lebensläufe und kostete bis 1989 mindestens 140 Menschen das Leben. Doch die Lebensdauer des 155 km langen Bauwerks sollte mit gerade 28 Jahren weit kürzer sein, als ihre Schöpfer ahnen konnten.

[] Quagga, das

(seit dem 19. Jahrhundert ausgerottete) südafrikanische Unterart des Steppenzebras mit rotbraunem Rumpf, weißen Beinen und weißem Schwanz sowie dunkel gestreiftem Fell an Kopf, Hals und oberem Rumpf

Noch vor wenigen hundert Jahren galoppierten wilde Quaggas en masse und allerorten durch die Weiten der südafrikanischen Landschaft – Landbau, Feinschmeckertum und Vergnügungsjagden führten im 19. Jh. plötzlich zur ihrer Ausrottung. Leider konnten auch Züchtungen das Überleben der Zebra-Form nicht sichern: Heute vor 138 Jahren verstarb das offiziell letzte lebende Tier im Amsterdamer Artis-Zoo. 23 Quaggas können heute weltweit als museale Präparate bestaunt werden, Tonaufnahmen aber gibt es keine. Immerhin: Ihr Name (ursprüngliche Aussprache = „Qua/x/a“) soll ihren Ruf lautmalerisch imitieren.

[] großer Onkel, Mehrwortausdruck

große Zehe

Sollten Sie den Ausdruck „großer Onkel“ nicht kennen, denken Sie beim ersten Hören wahrscheinlich an Pippi Langstrumpf. Tatsächlich bezeichnet er (bisweilen auch in der Form „dicker Onkel“ oder schlicht „Onkel“) kein fiktives Pferd, sondern einen waschechten Körperteil: die große Zehe. Mit dem Bruder oder Schwager eines Elternteils hat das Wort dabei nichts zu tun, es ist nur volksetymologisch an diesen angepasst: Ursprung des Ausdrucks ist französisch „ongle“ = (Zehen-)Nagel. Übrigens: An der anderen Seite des Fußes sitzt unser „Kleinzeh“, die Glieder dazwischen haben (sieht man von scherzhaften Bezeichnungen wie Zeigezeh(e) oder Ringzeh(e) ab) eigentlich keine Namen.

[] Pfirsich, der

Frucht des Pfirsichbaums

Der Pfirsich hat einiges zu bieten, geschmacklich und etymologisch: Der systematische Anbau der pelzigen Sommerfrucht lässt sich erstmals 2000 v. Chr. in China nachweisen. Der Name „Pfirsich“ aber geht zunächst auf mhd. „pfërsich“ (von „phërsich“) zurück, das sich aus ahd. „phersih, phirsih, persih“ entwickelte. Dies wiederum lässt sich auf lat. „Persicus“ bzw. „mālum Persicum“ (also „Persischer Apfel“) bzw. seinen altgriechischen Vorgänger rückbeziehen. In der Tat Fachchinesisch, aber kein Chinesisch! Tatsächlich verrät der Pfirsich mit seinem Namen Interessantes: Er spiegelt uralte Handelswege wieder. Die Frucht gelangte über Persien nach Europa.

[] Zungenbrecher, der

umgangssprachlich, scherzhaft: sehr schwer auszusprechender Satz, sehr schwer auszusprechendes Wort

„Supercalifragilisticexpialigetisch!“ – Auf der ganzen Welt versuchten Kinder (meist erfolgreich) den unverständlichen, aus Fremdwortaffixen zusammengestückelten Zungenbrecher nachzusprechen. Das vergnügliche Nonsenswort ist untrennbar mit Mary Poppins verbunden, der Nanny, die im gleichnamigen Film von 1964 mit ihrer unverwechselbaren Art (nebst allerlei magischen Tricks) Gelassenheit und Humor in eine dysfunktionale Familie bringt. P. L. Travers, deren Kinderbücher die Vorlage für das Filmmusical bildeten, war mit der musiklastigen und ihrer Meinung nach zu süßlichen Disney-Verfilmung nur teilweise zufrieden. Geboren wurde die geniale Autorin am 9. August 1899.

[] Katzenvideo, das

im Internet abrufbarer, meist von Amateuren erstellter Film, der das Verhalten von Katzen zeigt und dabei oft in unterhaltsamer Weise tierische und menschliche Eigenarten karikiert

Was glauben Sie, wann entstand das erste Katzenvideo? 2005, kurz nach der Gründung eines prominenten Videoportals? Etwas später, mit dem Siegeszug des Meme-Formats? Oder ist das Katzenvideo ein Phänomen des letzten Jahrzehnts? Tatsächlich ganz und gar nicht, zum heutigen Weltkatzentag beglücken wir Sie mit etwas heiter-nutzlosem Partywissen: Das erste Katzenvideo produzierte der Erfinder Thomas Edison vor 127 Jahren! Zu sehen sind zwei im Boxring gegeneinander antretende Felidae, Stars in „Professor Henry Welton’s Cat Circus“ – heute filmt man glücklicherweise tierfreundlicher.

[] Figur, die

(künstlerische) Menschendarstellung, Tierdarstellung; Körperform

Sie ist eine Figur mit Figur, die „Venus von Willendorf“, eine wahre Göttin (so vermuten viele), die der Archäologe Josef Szombathy am 7. August 1908 plötzlich auf Händen trug. Bei Grabungen in Niederösterreich kam die rund 11 cm große Kalksteinplastik ans Tageslicht: Ausgesprochen voluminös ist sie, aufwendig frisiert (oder mit Putz geschmückt), ansonsten splitterfasernackt und 25.000-29.000 Jahre alt. Ein Eiszeitmensch muss sie während des mittleren Jungpaläolithikums, genauer während des Gravettiens, angefertigt haben. Interessanterweise aus ortsfremdem Material, man hatte für sie also gehandelt oder war weit gereist.

[] auf den Leim gehen, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: auf jmdn., etw. hereinfallen; (von jmdm.) durch eine List getäuscht werden

Die Methode ist menschliche Arglist in Reinkultur: Mistelbeeren wurden zerquetscht, der Saft entkernt und abgedampft. Mit dem so gewonnenen klebrigen Leim bestrich man Ruten oder Spindeln. Vögel, die sich arglos daraufsetzten, blieben haften. Diese heimtückische (und bis vor kurzem in Teilen Frankreichs noch halblegale) Methode des Vogelfangs steht heute meist nur noch bildlich fürs Täuschen und Getäuschtwerden: wenn man „jemanden leimt“ bzw. „jemandem auf den Leim geht“. Dass man jemandem auch auf den Leim „kriechen“ kann, liegt möglicherweise daran, dass der Klebstoff auch als Fliegenleim Verwendung fand.

[] falscher Fuffziger, Mehrwortausdruck

abwertend heuchlerische, unaufrichtige Person; Betrüger

Der „Tartuffe“ des Dramatikers Molière war ein Publikumserfolg, traf jedoch zu sehr ins Schwarze: Die titelgebende Figur, ein falscher Fuffziger, verführt ihren verblendeten Gastgeber mit religiöser Heuchelei dazu, sich der eigenen Familie zu entfremden – beinahe mit Erfolg. Die geistliche Elite Frankreichs reagierte empört auf die Komödie, schien ihr doch die Kritik an (machtpolitisch nützlichen) frommen Fassaden zu eindeutig. Erzbischof Péréfixe drohte sogar jedem, der das Stück ansah, las oder gar darin schauspielte, mit Exkommunikation. Eine am 5. August 1667 uraufgeführte zweite Fassung wurde verboten. Erst die viele Monate später fertiggestellte, heute bekannte dritte Fassung erhielt die Freigabe.

[] Hamburger

aus den USA stammendes Fastfood, bestehend aus einem gebratenen oder gegrillten Hacksteak aus Rindfleisch, das mit weiteren Zutaten wie Tomaten, Salat, sauren Gurken, Zwiebeln, Ketchup und Senf belegt ist und in einem weichen Weizenmehlbrötchen gegessen wird

Das Wort „Hamburger“ ist ein schönes Beispiel für das, was Linguisten als Rückentlehnung bezeichnen: Es waren aus oder über Hamburg ausgewanderte Deutsche, die in ihrer neuen Heimat USA das „Hamburger Rundstück“, ein in ein halbiertes Brötchen eingelegtes Bratenstück, als „Hamburger Steak“ einführten. Die landesweit beliebte, bald nur noch als „Hamburger“ bezeichnete Hacksteak-Semmel wurde im 19. Jh. zum Eckstein amerikanischer Fast-Food-Kultur und fand so schließlich (als Wort phonetisch und als Sache kulinarisch leicht verändert) ihren Weg zurück nach Deutschland: 1971 eröffnete der erste Burger-Bräter (mit dem „Mc“ im Namen) in Deutschland – allerdings in München, nicht in Hamburg.

[] Stecknadel, die

Nadel mit kleinem rundem Kopf zum Feststecken

Noch dem erwachsenen Jacob Grimm schien es, als läge die Zeit des Lesenlernens gerade eine Woche zurück, als sei alles Weitere dazwischen nur ein Traum gewesen. Die Intensität der Erinnerung hing vielleicht auch mit der eigentümlichen Lehrmethode seiner Tante Charlotte Grimm zusammen, die mit einer Stecknadel auf die Buchstaben zu zeigen pflegte. Die Fibel war am Ende „regelrecht zerstochen“. Die geliebte Muhme führte Jacob und Wilhelm in die Welt der Bücher ein und legte damit den ersten Keim für die außerordentliche Karriere der beiden. Am 3. August 1735 wurde sie in Hanau geboren.

[] Popstar, der

übertragen: prominente und populäre, meist für einen bestimmten Bereich besonders bedeutende Person von allgemeinem Interesse

Er war einer der ersten Popstars des 20. Jh.: Enrico Caruso, Operntenor extraordinaire, der mit seiner goldenen Stimme zu viel mehr Gold kam, als es die ärmlichen Verhältnisse seiner neapolitanischen Kindheit versprachen. In Italien begann seine Karriere, der internationale Durchbruch gelang ihm 30-jährig an der Metropolitan Opera in New York. Talent hatte er nicht nur als Tenor, sondern auch als Schelm: Seine Bühnenkollegen kämpften dann und wann mit zugenähten Kostümärmeln oder mit Wasser, das aus frisch aufgesetzten Hüten schwappte. Beliebt war er nichtsdestotrotz: Als er heute vor genau 100 Jahren starb, trauerte die ganze Welt.

[] Schwur, der

feierliche Beteuerung der Wahrheit; feierliche Bekräftigung eines Versprechens; Gelöbnis

„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, / In keiner Not uns trennen und Gefahr“. Der legendäre, in Chroniken überlieferte, von Schiller in packende Verse gegossene Rütlischwur ist der Gründungsmythos der Schweiz. Der Wortlaut des Dokuments, das diese Eidgenossenschaft erstmals schriftlich beurkundet, liest sich dann doch etwas trockener: Darin schließen sich die Menschen der Talschaften von Schwyz, Uri und Unterwalden „im Hinblick auf Arglist und Gewalt der Zeit“ zum besseren Schutz (erneut) zusammen. Der 1. August (1291), auf den der Bundesbrief datiert, ist Schweizer Bundesfeiertag.

[] Aperitif, der

appetitanregendes, meist alkoholisches Getränk

Ob Anisschnaps, Rosé oder leichtes Bier: Das dem Abendessen vorausgehende, appetitanregende (meist alkoholische) Getränk mit Namen Aperitif ist im deutschsprachigen Raum mittlerweile durchaus „en vogue“, wenn auch noch nicht alltäglich. Doch das Wort lässt sich hier bereits für das 16. Jh. nachweisen. So bei Paracelsus, dem berühmten Alchimisten – auch bei ihm ist der Aperitif öffnend (lat. aperīre = öffnen), jedoch in weniger gemütlicher Form: Das Wort benennt ein Raum schaffendes, „Unreinigkeiten“ abführendes Heilmittel. Offenbar ein wirksames: Im 19. Jh. wird daraus immerhin die viel geliebte (zunächst französische) Trinktradition.

[] Spritztour, die

umgangssprachlich: kurze Reise, kleine Vergnügungsfahrt

Um dem grauen Universitätsalltag zu entkommen, unternahmen Studierende des 19. Jh. gern Ausfahrten ins Umland, für die sich bald der Ausdruck „Spritztour“ einbürgerte. Die Wortschöpfung knüpfte vermutlich an „spritzen“ in der älteren übertragenen Bedeutung ‚schnell flüchten‘ an und wurde bald in der Alltagssprache populär. Heute vor 50 Jahren fand übrigens eine besondere (außeruniversitäre) Spritztour statt: Apollo 15 hatte bei der Mondlandung ein Mondauto im Gepäck. Gemessen an irdischen Maßstäben erlaubte es den Astronauten bei einer Höchstgeschwindigkeit von 13 km/h allerdings nur bescheidene Spritztouren in die nähere Umgebung.

[] Erzähler, der

jmd., der etw. in schriftlicher Form erzählt; Verfasser erzählender Dichtung

Das Island des 13. Jahrhunderts war geprägt von inneren Konflikten und blutigen Fehden zwischen den oligarchischen Stammeshäuptlingen der Insel. Die politische Instabilität machte sich der norwegische König Håkon IV. zunutze, spielte Häuptlinge taktisch gegeneinander aus und erlangte so mehr und mehr Macht, bis er Island schließlich in das norwegische Königreich eingliedern konnte. Detaillierte Schilderungen dieser ereignisreichen Zeit verdanken wir dem am 29. Juli 1214 geborenen Sturla Þórðarson, der als Geschichtsschreiber, Gesetzessprecher und Skalde am norwegischen Hof zu einem der einflussreichsten Männer Islands wurde.

[] citius, altius, fortius, Mehrwortausdruck

schneller, höher, stärker

Citius, altius, fortius = schneller, höher, stärker – das Motto der Olympischen Spiele seit 1924 (satzungsmäßig seit 1949). Es klingt antiker als es ist: Vorgeschlagen wurde es 1894 von Pierre de Coubertin, einem Mitbegründer des Internationalen Olympischen Komitees, der es von seinem Freund, dem Dominikanerpater und Pädagogen Henri Didon, auslieh. Jener hatte mit diesem lateinischen Ausdruck zuvor ein regionales Schulsportfest aufgepeppt. Das Komitee ließ sich überzeugen. Übrigens: Das Motto wurde jüngst philanthropisch erweitert: Citius, altius, fortius – communiter (Schneller, höher, stärker – gemeinsam) heißt es nun etwas weniger kämpferisch.

[] Ente, die

umgangssprachlich: Kosename Citroën 2CV

Lieb Kind hat viele Namen – dass einer der ersten „de lelijke eend“, das hässliche Entlein, sein sollte, tat ihm nicht ganz Unrecht, ein schöner Schwan ist nämlich nie aus ihm geworden. Dafür eine „tortoise“ (Schildkröte) bei den Briten, gleich zwei Pferde („deux chevaux“) bei den Franzosen, entsprechend „Döschwo“ bei den Schweizern und nicht zuletzt „el coche rana“ (das Froschgefährt) bei den Argentiniern. Die „Ente“ wurde zum konsumkritischen Studenten- und Kultwagen, schon weil man sie sich leisten konnte. Aber alles Gute hat ein Ende: Am 27. Juli 1990 lief im portugiesischen Mangualde der letzte Citroën 2CV vom Band.

[] Scharlatan, der

jemand, der Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet vortäuscht, Schwindler

Manche Orte haben einfach Pech. Ein Scherz fällt vom Himmel, verbreitet sich – und schon ist die Reputation dahin. Bielefeld z. B. kann wahrlich ein Liedchen davon singen. Was die Einwohner des italienischen Städtchens Cerreto getan haben, wissen wir nicht, ihr Name (Cerretano) aber stand irgendwann recht unerquicklich für „Quacksalber, Marktschreier“. Gekreuzt mit „ciarlare“ (schwatzen) wurde daraus „ciarlatano“, das über französisch „charlatan“ unseren „Scharlatan“ ergab. Jener entwickelte sich im Lauf der Zeit zum wahrlich vertrauensunwürdigen Zeitgenossen. Die Cerretani scheinen es der Welt (und der Sprachgeschichte) nicht übel zu nehmen.

[] Leibchen, das

besonders früher: dem Korsett ähnliches, aber weniger steifes Unterwäschestück für Frauen (und Mädchen) mit stützender und formender Wirkung

Jahrhundertelang zwängten sich Frauen in eine Art Gefängnis aus Stoff. Beim Leibchen war der Name Programm: Die Bezeichnung ist wohl an das französische „corselet“ angelehnt, das wörtlich ‚kleiner Körper‘ bedeutet. Man kann froh sein, dass das Kleidungsstück in seiner alten Form inzwischen aus unserem Alltag verschwunden ist: Das Tragen von steifen Leibchen oder noch steiferen Korsetts führt zwar zur herbeigesehnten Wespentaille, durch die enge Schnürung leider aber auch zu allerhand Organschäden. Nach Monaten des Lockdowns und der Loungewear kann man nur hoffen, dass das unbequeme antike Leibchen nicht unerwartet wieder in Mode kommt.

[] Traum meiner schlaflosen Nächte, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: starker Wunsch, sehnliche Hoffnung

Dies war der Traum einer ziemlich schläfrigen Nacht, nämlich der vom 23. auf den 24. Juli 1895. Verschlafen und verträumt wurde sie von Sigmund Freud und dies ist es, was er in ihr erlebte: Irma, eine von ihm im realen Leben erfolglos analysierte Patientin, wurde im Traum von seinem Freund und (ihm gegenüber sehr kritischen) Kollegen Otto falsch behandelt. Der Traum-Sigmund erkannte Ottos Fehler, schuf also eine Realität, in der er seinen Ärger über die an seinen Methoden geäußerte Kritik jenem Freund als schwarzen Peter zuschieben konnte. In seiner Abhandlung „Die Traumdeutung“ interpretiert der Psychoanalytiker diesen Traum als Spiegel seiner Wunschvorstellung.

[] streitsüchtig, Adj.

abwertend: oft Streit mit anderen provozierend oder suchend und nicht bereit, Frieden zu halten

Heutzutage legen Streithansel mit Bagatellklagen ganze Amtsgerichte lahm. Früher konnte, wer dem Ritterstand angehörte, seinen Wahn zum Beruf machen, galt doch die Fehde mit Feuer und Schwert als anerkannte Möglichkeit, seinem „Recht“ Geltung zu verschaffen. Ein solcher „Musterknabe“ war sicherlich Götz von Berlichingen, den weder der Verlust seiner Hand noch Acht und Bann von seinen zahlreichen Streitigkeiten abhalten konnten. Goethe machte den konfliktfreudigen Adeligen als Helden seines bekannten Sturm-und-Drang-Dramas unsterblich. Der echte Berlichingen starb aber doch, am 23. Juli 1562 – erstaunlicherweise im Bett.

[] feixen, Vb.

salopp, abwertend: breit, grinsend lachen

Manche Wörter haben eine sehr abwegige Geschichte hinter sich, ganz sicher das Verb „feixen“, das wir heute mit aller Unschuld dann und wann im Alltag benutzen. Wieder einmal verdanken wir dieses schadenfrohe Wort der Studentensprache des 19. Jh.: „feixen“ ist eine Verbalableitung von „Feix“ (einfältiger Kerl, Stubenhocker), dies wiederum entstand unter Ergänzung einer zur Bildung von Personenbezeichnungen (vor allem auch in der Studentensprache) gar nicht seltenen Lautverbindung /ks/ aus einem älteren „Feits“ (Neuling), welches wiederum abgeleitet ist von „Feist“, einer verstaubten Bezeichnung für einen satten Furz. Nun denn …

[] Medienwirkungsforschung, die

Forschungszweig, der sich mit dem Einfluss der Medien auf den einzelnen Konsumenten oder die gesamte Gesellschaft befasst

Dass jemand „irgendwas mit Medien“ macht, ist mittlerweile eine bärtige Floskel. Allerdings – heute würde eine Persönlichkeit ihren 110. Geburtstag feiern, die das tatsächlich früh schon von sich behaupten konnte: Der Kanadier Marshall McLuhan begründete und prägte im 20. Jahrhundert die Medientheorie. Er wandte das Wissen aus dem klassischen Trivium auf die Moderne an, untersuchte als Pionier die Popkultur und schuf viele medientheoretische Grundlagenwerke. Ihm verdanken wir auch die geflügelten Begriffe „Globales Dorf“ und „Gutenberg-Galaxis“. Er hätte sicher am Zeitalter des Internets seine Freude gehabt.

[] Lavastrom, der

aus einem Vulkan oder Rissen in der Erdkruste heraustretende, geschmolzene, glühend heiße Gesteinsmasse (Lava), die sich fließend vom Austrittsort wegbewegt

Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche: Um ein Gefühl der Kontrolle gegenüber Naturkatastrophen zu erlangen, haben die Menschen seit jeher Zuflucht in der Religion gesucht, so auch in Island am 20. Juli 1783. Als der bereits 42 Tage andauernde Ausbruch des Laki-Kraters drohte, das Dörfchen Kirkjubæjarklaustur samt Kirche zu zerstören, schritt Pfarrer Jón Steingrímsson zur Tat, versammelte seine Gemeinde (wie er dachte, zum letzten Mal) in der Kirche und trotze den Naturgewalten mit seiner berühmt gewordenen „Feuerpredigt“. Offenbar mit Erfolg. Noch während seiner Predigt versiegte der Lavastrom und verschonte die Kirche.

[] Patriarchat, das

Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist

„Die Geschichte der Menschheit ist eine Folge von wiederholten Ungerechtigkeiten und Übergriffen vonseiten des Mannes gegenüber der Frau, mit der klaren Absicht, eine absolute Tyrannei über sie zu errichten“, so die „Declaration of Rights and Sentiment“, das Manifest einer der ersten Frauenrechtskonventionen in der Geschichte: der Seneca Falls Convention, die am 19. und 20. Juli 1848 im Staat New York stattfand. 300 Teilnehmende (nicht nur Frauen) debattierten über die Rolle der Frau und ihre Unmündigkeit in einer patriarchalisch dominierten Gesellschaft. Für viele gilt dieses Treffen als Beginn der Frauenrechtsbewegung in Amerika.

[] schwarzer Tag, Mehrwortausdruck

Unglückstag; Tag eines großen Verlusts, einer schlimmen Offenbarung, Enttäuschung, Niederlage o. Ä.; ein Tag, an dem alles misslingt

Wenn in kurzer Frist mal so richtig viel schiefläuft, haben wir einen „schwarzen Tag“. Was viele nicht wissen: Das geflügelte Wort verweist auf ein weit zurückliegendes historisches Ereignis. An diesem „dies ater“, wie die Römer ihn nannten – vielleicht am 18. Juli 387 v. Chr. – erlitt ein römisches Heer in der Schlacht an der Allia eine vernichtende Niederlage gegen die Kelten. Eine tröstliche Botschaft geht von dieser Katastrophe allerdings ebenfalls aus. Auch nach einem schwarzen Tag muss nicht aller Tage Abend sein. Ein paar hundert Jahre später drehten die Römer bekanntermaßen den Spieß um.

[] Zahn der Zeit, Mehrwortausdruck

die verändernde, zerstörende Wirkung der Zeit, wenn Alterung und Verfall an Mensch oder Material (ungehindert) voranschreiten

„I've got him!“ (Ich habe ihn!) rief die Archäologin und Paläoanthropologin Mary Leakey am 17. Juli 1959 ihrem erkrankt im Camp zurückgebliebenen Ehemann zu. Gerade hatte sie an einer Grabungsstelle in der tansanischen Olduvai-Schlucht ein Stück Knochen entdeckt, das sich später als Kieferstück mit zwei darin fixierten (auffällig großen) Zähnen herausstellen sollte. Weitere Fragmente fügten sich zum Schädel von „Zinj“, dem „Olduvai Hominid number 5“ (OH 5) zusammen: dem in Folge ersten wissenschaftlich beschriebenen Exemplar der Gattung Paranthropus boisei, die vor etwa zwei Millionen Jahren in Ostafrika (altarab. „Zinj“ = Ostafrika) vorkam.

[] Pomade, die

wohlriechende Fettsalbe für kosmetische Zwecke, besonders zur Haarpflege

Heutzutage gibt es für haarpflegebewusste Zeitgenossen zahlreiche Befestigungsalternativen, die klassische Pomade ist im 21. Jh. eher ein Nischenprodukt. Wer früher seiner Tolle Halt geben wollte, griff jedoch zu jener Fettsalbe mit dem französisch klingenden Namen. Tatsächlich geht die französische „pommade“ aber auf einen italienischen Vorgänger, auf die „pomata“, zurück, eine bereits um 1600 nachweisbare Mixtur aus tierischem Fett und Apfelessenz. Der letzten Zutat (ital. „pomo“ = Apfel), die der olfaktorischen Aufwertung diente, verdankt die Pomade ihren Namen. Vor allem in der Stummfilmzeit galt sie als ausgesprochen anziehend – nicht nur für Fruchtfliegen.

[] etw. aufs Brot geschmiert bekommen, Mehrwortausdruck

von jmdm. wiederholt an eine persönliche Schwäche, an ein Versagen erinnert werden; eine negative Rückmeldung erhalten; Vorwürfe, Vorhaltungen gemacht bekommen

Der Brühwürfel, die Kondensmilch, das Baguette: Viele der kleineren und größeren Innovationen, die bis heute unsere Ernährung prägen, fallen ins 19. Jh. So reichte auch der Chemiker Hippolyte Mège-Mouriès am 15. Juli 1869 ein Patent für einen neuartigen Butterersatz aus Milch, Wasser, Rinderfett und Kuheuter ein. „La margerine“, wie er diesen nannte, wurde zunächst französischen Soldaten aufs Brot geschmiert und sollte sie, wenn schon nicht bei Laune, so doch bei Kräften halten. Während Deutschland und Frankreich auf einen Krieg zusteuerten, überwand die Kunstbutter Grenzen, selbst der Name fand Eingang ins Deutsche.

[] MP3, die

Verfahren für die verlustbehaftete Komprimierung von Audiodaten, besonders Musik; Format für die Speicherung dieser Daten; Audiodatei mit durch MP3 komprimierten Daten

Vor der flächendeckenden Verbreitung von DSL war man für den Internetzugang meist auf langsame Modems angewiesen. Mit denen war der Transfer von Musik-CDs praktisch unmöglich. Das änderte sich (sehr zum Leid der Musikindustrie) durch Anwendung einer Komprimierungsmethode, die die für Menschen unhörbaren 85 % der Audiosignale herausfilterte und so die Dateien stark verkleinerte. Am 14.07.1995 wurde die (später als Bezeichnung verselbstständigte) Dateiendung mp3 für diesen Standard festgelegt. Auch wenn bald teils bessere und patentfreie Alternativen auf den Markt kamen, konnten sie die MP3 nie vom Thron stoßen.

[] zwischen Baum und Borke, Mehrwortausdruck

in einer verzwickten oder ausweglosen Lage bzw. einem unangenehm vagen Zwischenzustand gefangen; zwiegespalten, zerrieben zwischen widerstreitenden Interessen

Er lebte ein Leben in Widersprüchen: Aufgewachsen als Sohn eines illiteraten Tagelöhners wurde er zum einflussreichsten Naturdichter Großbritanniens. Er hasste Grammatik und Orthografie und konnte doch den Überlebenskampf eines Dachses in einem formvollendeten Gedicht verewigen. Er, der stets königstreu und konservativ blieb, musste miterleben, wie die ländliche Idylle zerbrach, Wälder gerodet, Gemeindeland aufgelöst und die Bewohner in die Armenhäuser getrieben wurden – Konflikte, an denen er am Ende seelisch zerbrach. Geboren wurde John Clare, „the Northamptonshire peasant poet“, am 13. Juli 1793.

[] alternativ, Adj.

im Gegensatz zu einer etablierten Norm, Technik oder Vorgehensweise stehend, handelnd; sich von den hergebrachten oder etablierten Gesellschafts- und Lebensentwürfen kritisch abgrenzend

„Ich möchte am See in der Stille wohnen, wo mir nur das Rauschen des Windes im Röhricht erklingt (...) Meine Freunde fragen mich, was ich dort treiben werde? Werde ich nicht genug damit zu tun haben, die Jahreszeiten zu beobachten?“ Fünf Jahre lebte Henry David Thoreau am kleinen Teich Walden. Das Leben im Rhythmus der Natur veränderte sein Leben, das Buch, das er darüber verfasste, die Welt. Mit seinen Ideen von naturnahem Leben und zivilem Ungehorsam gegen Krieg und Unterdrückung beeinflusste er die 68er ebenso wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Geboren wurde er am 12. Juli 1817.

[] Finale, das

Musik: Schlusssatz einer mehrsätzigen Komposition; Sport: Endspiel bzw. abschließender Wettkampf um den Sieg in einer Meisterschaft, einem Pokalwettbewerb o. Ä.

„Wir mögen uns an Geschwister und Freunde anlehnen ..., so ist doch immer das Final[e], daß der Mensch auf sich zurückgewiesen wird“, sinnierte einst Geheimrat Goethe. „Finale“ verstand er hier übertragen im Sinne von „das Ende vom Lied“. In Form und Bedeutung aus dem Italienischen stammend, war (und ist) „Finale“ eigentlich ein Musik-Terminus und bezeichnet das (furiose und dramaturgisch effektvolle) Schlussstück großer Orchesterwerke. Das sportliche „Finale“ ist dagegen eine im 20. Jh. übernommene Lehnbedeutung aus dem Englischen. Eines haben die beiden „Finale“ in jedem Fall gemeinsam: Beide klingen hier und da mit „Pauken und Trompeten“ aus.

[] Kaleidoskop, das

zu Musterentwürfen und als Kinderspielzeug dienendes optisches Gerät, das aus einem Rohr besteht, in dem zwischen zwei Glasscheiben bunte Glasstückchen liegen, die sich beim Drehen des Rohres zu farbigen, durch Winkelspiegel vervielfachten Ornamenten und Figuren ordnen

Das Prinzip erfunden hat der Mann hinter dem Patent, der schottische Physiker Sir David Brewster, nicht, Effekte durch multiple Spiegelung waren bereits in der Antike bekannt, in einer solch komplexen Form hat es ein sie abbildendes Instrument aber noch nicht gegeben: Um ein „neues optisches Gerät namens ‚Kaleidoskop‘ zum Betrachten und Erschaffen schöner Formen und Muster, das allen bildenden Künsten zunutze sein wird“ sollte es im Patentbrief Nr. 4136 gehen. Tatsächlich neu war der Name: Brewster kombinierte griech. καλός (kalos), „schön“, εἶδος (eidos), „die Form“ und σκοπέω (skopeō), „sehen“, „betrachten“ zum Wort Kaleidsokop: „Das Betrachten schöner Formen.“

[] übersinnlich, Adj.

scheinbar über das sinnlich Erfahrbare hinausgehend, übernatürlich

Atemberaubende Landschaften, geheimnisvolle Gemäuer und Ruinen, Liebe, Verrat, Gewalt, Intrigen, scheinbar übersinnliche Ereignisse und … Leichen hinter schwarzen Vorhängen: Ann Radcliffe schuf in ihren Schauerromanen Welten, in denen Empfindsamkeit, Seelenterror und Läuterung miteinander konkurrieren. Ihre zunächst oft hilflosen Protagonistinnen erarbeiten sich durch das Erleben von Schrecken und Enttäuschung sowohl emotionale Unabhängigkeit als auch die Fähigkeit zum Widerstand gegen (patriarchalische) Gewalt und Unterdrückung. Viele betrachten Radcliffe daher als „Mutter“ eines literarischen Feminismus. Heute vor 257 Jahren kam sie zur Welt.

[] schwedische Gardinen, Mehrwortausdruck

Gitterstäbe einer Gefängniszelle, Gefängniszelle; Gefängnis

Als Königstochter wurde der heute vor 400 Jahren geborenen Leonora Christina Ulfeldt eine vielseitige Bildung zuteil, ebenso wie – neunjährig – die Verlobung mit dem späteren Reichskanzler Corfitz Ulfeldt. Die Ehe verlief erstaunlich glücklich und kinderreich, wurde aber auf die Probe gestellt, als Leonora ob der vermeintlichen Beteiligung an den politischen Intrigen ihres Mannes für 22 Jahre im „Blauen Turm“ hinter dänische schwedische Gardinen geriet. Zum Zeitvertreib begann sie, ihre Autobiografie zu schreiben: Jammers Minde – Erinnerung an das Elend – (über das entbehrungsreiche Kerkerleben) verschaffte ihr einen festen Platz im literarischen Gedächtnis Dänemarks.

[] Überzahl, die

sehr große Zahl

Heute vor 60 Jahren erschien im französischen Verlag Éditions Gallimard das Buch mit der wahrscheinlich längsten Lesezeit in der Geschichte der Literatur. Es vollständig zu rezipieren würde, so eine Schätzung, rund 95 Millionen Jahre dauern. Empirisch belegen lässt sich das wohl nicht. Das außergewöhnliche Werk des Dichters Raymond Queneau trägt den Titel „Cent Mille Milliards de Poèmes“ (Hunderttausend Milliarden Gedichte) und beinhaltet genau dies: 10 Sonette, deren einzelne (jeweils individuell umklappbare) Verse sich mit denen aller anderen 9 Sonette kombinieren lassen – zu 100.000.000.000.000 möglichen neuen Sonett-Varianten. 1984 wurde eine deutsche Nachdichtung veröffentlicht.

[] Luftikus, der

umgangssprachlich, scherzhaft: leichtsinniger Mensch

„Es ist bezeichnend für den (...) Betrieb des damaligen lateinischen Sprachstudiums, daß sich die Burschen eine Anzahl von Endsilben und Flexionen der alten Sprachen zu eigen machten. Ein toller (...) Geschmack hatte seinen Spaß daran, deutsche Wortstämme mit lateinischen und vereinzelt auch griechischen Flittern zu behängen“, so der Leipziger Literaturwissenschaftler Rudolf Wustmann über ein typisches Phänomen in der Studentensprache des 18. und 19. Jh., dessen Effekte noch heute im deutschen Wortschatz „herumflittern“: So im Falle „Luftikus“ (luftig + latinisierende Endung), ein Ausdruck, den wir wohl der Kreativität eines eben solchen verdanken.

[] Bikini, der

zweiteiliger knapper Badeanzug für Damen

Endlich erlauben Impfquote und niedrige Inzidenzzahlen in diesem Sommer ein vorsichtiges Verreisen, z. B. an einheimische Meeres- und Seenstrände, für deren Frequentierung ein Kleidungsstück eine besondere Rolle spielt: der Bikini. Auch etymologisch handelt es sich hierbei um ein bombastisches Ding, nicht wirklich im positiven Sinne: Der vom Modeschöpfer Louis Réard kreierte (und heute vor 75 Jahren in Paris vorgestellte) moderne Zweiteiler wurde nach dem Bikini-Atoll benannt, an dem kurz zuvor Atomwaffentests veranstaltet worden waren. Offenbar ging er für seine Schöpfung von einem ähnlich gewaltigen Effekt aus.

[] Whisky, der

aus Getreidemaische durch Destillation gewonnenes und im Holzfass gereiftes alkoholisches Getränk

Whisky ist vielen heilig, vor allem den Inselbewohnern, denen wir dieses aromatische Wässerchen verdanken. Seine Entstehungsgeschichte ist nicht geklärt, Etymologen vermuten in ihm aber auch eine gewisse Heiligkeit: Das Wort Whisky, ist eine Anglisierung und Verkürzung des älteren schottisch-gälischen „uisge beatha“ (Lebenswasser), wahrscheinlich dem kontinentalen „aqua vitae“ (für destillierten Alkohol) entlehnt. Jenes entstand in Klöstern und diente zunächst medizinischen Zwecken. Spätestens seit dem 15. Jh. aber ist ein „weltlicher Gebrauch“ nachweisbar. Sein heutiges, durch Reifung in Holzfässern generiertes, charakteristisches Aroma trägt er seit dem 18. Jh.

[] sonntäglich, Adj.

dem Sonntag entsprechend; jeden Sonntag wiederkehrend

Zwar ist Samstag, dennoch ist dieser Tag ausgesprochen sonntäglich. Warum? Heute vor 1700 Jahren wurde der Sonntag zum offiziellen, verpflichtenden Feier- und Ruhetag. Konstantin der Große entschied 321, dass „alle Richter und Einwohner der Städte, auch die Arbeiter aller Künste, (...) am ehrwürdigen ‚Tag der Sonne‘ ruhen“ sollen. Lediglich dringend notwendige landwirtschaftliche Tätigkeiten waren erlaubt. Differenziertere Regeln zur Sonntagsruhe entstanden im Laufe des Mittelalters: Zum Schutz des Seelenheils der Gläubigen rief die Kirche zur Teilnahme am Gottesdienst und zum gewissenhaften Verzicht auf Sonntagsfrevel (verhinderbare Arbeit) auf.

[] erkühnen, Vb.

gehoben: etw. Gefährliches kühn wagen

Sie brach alle Rekorde: 1922 flog sie höher als je eine Frau zuvor, überquerte 1928 als erste weibliche Person nonstop den Atlantik, brach 1932 mit einer Distanz von 3939 km den Langstreckenrekord für Frauen und erhielt als erste Frau einen Pilotenschein der Fédération Aéronautique Internationale (FAI). Kurz vor ihrem 40. Geburtstag brach Amelia Earhart auf, um als erster Mensch die Erde am Äquator zu umrunden. Am 2. Juli 1937 startete sie von Neuguinea aus zum letzten Abschnitt ihres bis dahin erfolgreichen Flugs. Das Ziel, als Zwischenstopp: die Howlandinsel im Pazifik. Dort sollte sie nie ankommen. Bis heute weiß man nicht, was genau ihr wo widerfahren ist.

[] Postleitzahl, die

nach einem einheitlichen System festgelegte, meist mehrstellige Zahl, die auf Postsendungen vor dem Bestimmungsort angegeben werden muss

5300 Bonn 1, 1000 Berlin 19 oder gar 6500 Mainz 500 (für das ZDF) ... In alten Zeiten schlug man sich mit vierstelligen Postleitzahlen plus Zusatznummer herum. Nach der Wiedervereinigung sogar mit doppelten PLZ: DDR und BRD nutzten sehr ähnliche Systeme, und damit trugen z. B. Stralsund und Kiel auf einmal die gleiche Nummer (2300). Sie wurden mit den Buchstaben O(st) und W(est), O-2300 und W-2300, notdürftig unterschieden. Die am 1. Juli 1993 eingeführten, noch heute gültigen fünfstelligen Postleitzahlen schufen endlich Abhilfe: Sie bestehen aus zwei Leitregion-Ziffern und drei Leitbereichs-Ziffern, sind so eindeutig zuordenbar und ermöglichten damals eine effizientere Automatisierung.

[] jmdm. ein Rätsel bleiben, Mehrwortausdruck

etw., jmd. bleibt jmdm. ein Rätsel, für jmdn. auf Dauer unbegreiflich, unverständlich, unerklärbar, nicht nachvollziehbar sein

Der 30. Juni 1908 (greg.), ein Tag rätselhafter Ereignisse: Gegen 7:15 Uhr nahm man im sibirischen Gouvernement Jenisseisk immense Explosionen wahr. Bäume bis in etwa 30 km Entfernung wurden entwurzelt, noch etwa 500 km entfernt war ein gleißender Feuerschein sichtbar und noch im 5000 km entfernten Potsdam wurde eine Druckwelle gemessen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis sich eine erste Expedition zum Epizentrum des Ereignisses aufmachen konnte. Die Ergebnisse der Expedition waren jedoch nicht eindeutig. Auch folgende Wissenschaftlergenerationen haben die mysteriöse Tunguska-Explosion nicht zweifellos erklären können.

[] Menschenbildung, die

bildungssprachlich: Entfaltung und Prägung der geistig-seelischen Anlagen des Menschen durch umfassende Erziehung, Charakterformung und Bildung (nach humanistischen Idealen)

Pädagogisch wertvoll sollte das Kinderbuch „Robinson der Jüngere“ nach dem Willen seines Schöpfers Joachim Heinrich Campe werden. Es sollte „die in uns allen schlummernde physische und moralische Menschenkraft“ wecken, aber eben auch „unterhaltend und anziehend“ sein. Das eigentlich Charmante aber war: Campe bettete die Erzählung in einen Dialog ein, in dem zuhörende Kinder den vorlesenden Vater mit Fragen und Kommentaren löchern: Beide Parteien eignen sich die Geschichte gewissermaßen interaktiv an. Indem Campe in diesem frühen deutschen Kinderbuch eine nicht autoritäre Vorlesekultur feierte, erzog er nebenbei die Eltern gleich mit. Geboren wurde der Pädagoge und Aufklärer am 29. Juni 1746.

[] Urlaub, der

arbeitsfreie, dienstfreie Zeit (von Angestellten oder Beschäftigten), die der Erholung dient; Reise, Fahrt, die während eines Urlaubs unternommen wird

Die ersten Bundesländer haben den Sommerurlaub bereits eingeläutet. Doch was hat es mit dem Urlaub sprachgeschichtlich auf sich? Im Althochdeutschen wurde mit dem Wort „urloub“ zunächst allgemein eine Erlaubnis bezeichnet. Eine erste Bedeutungsverengung fand dann im Mittelhochdeutschen statt. Jemand, der bei einem Höherstehenden um „urloup“ bat, hoffte auf die Erlaubnis, fortgehen, z. B. kurzzeitig den Hof verlassen zu dürfen. Unbezahlt, versteht sich. Letzteres hat sich glücklicherweise für viele geändert. Jedoch: Aus aktuellem Anlass bleibt uns die Erlaubnis, alle Länder der Welt zu bereisen, noch eine Weile verwehrt – machen wir das Beste daraus.

[] Parodie, die

bildungssprachlich: komisch-satirische Nachahmung oder Umbildung eines (berühmten, bekannten) meist künstlerischen, oft literarischen Werkes oder des Stils eines (berühmten) Künstlers

„Airplane!“ lautet schlicht und einfach der Originaltitel der satirischen Komödie des Regietrios Jim Abrahams/David Zucker/Jerry Zucker, in dem 1980 die Flugzeug-Katastrophenfilme der vergangenen Jahrzehnte (wie „Airport“) mit albernem, derben und absurden, aber immer lustigem und zeitlosem Humor auf die Schippe genommen wurden. Die Persiflage, die heute vor einundvierzig Jahren Vorpremiere feierte, wurde ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum, auch in Deutschland, trotz des hiesigen, an Körperverletzung grenzenden Verleihtitels „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“.

[] Zauberlehrling, der

jmd., der bei einem Magier die Kunst des Zauberns erlernt, Gehilfe eines Zauberers

Es ist zwar überhaupt nicht unüblich, aber in diesem Fall doch unglaublich: Am 26. Juni 1997 erschien im britischen Verlag Bloomsbury ein neues Kinderbuch mit einer Auflage von mickrigen 500 Exemplaren – davon gingen 300 direkt an Büchereien. Verfasst wurde das Buch über einen jungen Zauberlehrling von einer Person namens J.K. Rowling. Dass es sich dabei um eine Autorin (Femininum) handelte, wurde zunächst verschwiegen: Der Verleger hielt „Harry Potter und der Stein der Weisen“ für eine typische Jungsgeschichte – und Jungs, so seine Überzeugung, lesen lieber Bücher von männlichen Autoren. Tatsächlich, auch zu seinem Glück, strafte ihn die Wirklichkeit Lügen.

[] vertändeln, Verb

Ballsport: (wegen leichtfertigen, unbedachten und unentschlossenen Spiels) die Kontrolle über das Spielgerät verlieren bzw. einen begonnenen Spielzug nicht erfolgreich abschließen

Was Wort „Tand“ steht für etwas Wertloses, für leeres Geschwätz. Doch hat der Ausdruck auch eine spielerische Seite: So war der berühmte „Nürnberger Tand“, der „durch alle Land“ ging, in erster Linie Spielzeug. Entsprechend stand die Ableitung „tändeln“ seit dem 15. Jh. für ‚spielen, flirten, die Zeit totschlagen‘. Mit dem Präfix „ver-“ erhielt das Verb analog zu „vergeuden“ dann aber eine negative Konnotation, wenngleich (besonders im Fußball) ein Augenzwinkern blieb: Ein Stürmer, der im Strafraum selbstverliebt dribbelnd den Ball vertändelt, zahlt zwar nicht auf das Torkonto ein, sorgt aber immerhin für beste Unterhaltung.

[] fliegende Untertasse, Mehrwortausdruck

Science-Fiction, umgangssprachlich, gelegentlich scherzhaft: außerirdisches Raumschiff, das in der Vorstellung der Ufologie und der Science-Fiction Ähnlichkeit mit einem leicht gewölbten Teller aufweist

„Flying saucer“ bzw. „fliegende Untertasse“ ist ein uns allen vertrauter, höchst bildlicher, wenn auch nicht gerade raffinierter Ausdruck, der sich trotzdem sowohl im Englischen als auch im Deutschen, besonders aber in der Popkultur hat durchsetzen können. Entstanden ist er aufgrund eines Missverständnisses: Der amerikanische Geschäftsmann und Hobby-Pilot Kenneth Arnold beobachtete am 24. Juni 1947 nahe des Mount Rainier in Washington neun unidentifizierbare Flugobjekte, deren Flugverhalten er mit denen von Tellern verglich, wenn man sie über Wasser springen ließ. Die Presse legte ihm daraufhin, zu seinem Leidwesen, die „fliegenden Untertassen“ in den Mund.

[] Turnier, das

Veranstaltung, auf der in bestimmten Sportdisziplinen, Sportarten aus einer großen Teilnehmerzahl meist in mehreren einzelnen Wettkämpfen der Sieger ermittelt wird; ritterliches Kampfspiel im Mittelalter, in dem mit meist stumpfen Waffen zu Pferd nach festen Regeln die Kampftüchtigkeit erprobt wurde

turnieren und leisieren / mit schenkeln sambelieren / rehte und nâch ritterlîchem site / hie bankete er sich ofte mite.“ (≈ Turniere kämpfen, freihändig, das Pferd mit den Schenkeln antreibend, gekonnt nach Art der Ritter, so tummelte er sich oft und gern). Gottfrieds Tristan, Adonis und Tausendsassa, ist auch ein Meister des Turniers, eine Form des Wettkampfs, die wie ihr Name vom französischen Nachbarn stammt: Aus afrz. tornoi(i)er, torni(i)er „sich drehen“, dann auch „kämpfen“ wurde mhd. turnei oder turnoi für „Kampfspiel“, bei dem Mann und Ross in der Tat mutig umeinander kreisten. Heute benennt Turnier jede Art sportlicher Wettkämpfe, auch weniger abgedrehte.

[] Schlachtenbummler, der

Anhänger einer Sportmannschaft, der diese als Tourist zu einem auswärtigen Spiel begleitet hat

Fans, die mit ihrer Nationalmannschaft mitreisen (und im Gastland nicht immer angenehm auf sich aufmerksam machen), werden noch gelegentlich als „Schlachtenbummler“ bezeichnet. Ein Wort, das, wie sich im DWDS-Korpus belegen lässt, zunehmend seltener zu lesen ist. Man wird es nicht vermissen, denn es hat eine dunkle Seite. Seit Kriege im Spätabsolutismus fern der Metropolen ausgefochten wurden, fanden sich zunehmend Schaulustige, heute würde man sagen Gaffer, ein, die unmittelbar nach beendeten Kampfhandlungen über die Schlachtfelder wandelten – so auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Man nannte sie sarkastisch „Schlachtenbummler“.

[] Sonnenwende, die

Zeitpunkt im Verlauf eines Sonnenjahres, an dem die Sonne ihre höchste bzw. tiefste Mittagshöhe über dem Horizont erreicht

Am 21. Juni um 05:32 Uhr MESZ ereignet sich in diesem Jahr die Sommersonnenwende: der Moment, an dem zwischen dem Himmelsäquator, also dem in den Weltraum projizierten Erdäquator, und der Ekliptik, der scheinbaren Sonnenbahn auf der Himmelskugel (scheinbar, da sich eigentlich ja die Erde um die Sonne dreht) der größtmögliche Winkelabstand besteht. Die Sonne steht auf der Nordhalbkugel an ihrem Wendepunkt. Mit diesem Ereignis einher geht der längste Tag und die kürzeste Nacht im Jahr, es markiert zudem vielerorts den Beginn des kalendarischen Sommers. In manchen Kulturen wurden (und werden) Sonnenwenden religiös oder rituell begleitet.

[] toller Hecht, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, oft scherzhaft: Mann, der aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten, seines draufgängerischen Verhaltens und der von ihm erzielten Erfolge Bewunderung genießt

Auf den Leinwänden der 1930er und 1940er Jahre brillierte er als toller Hecht, schwang Lasso und Degen, nahm als König der Vagabunden von den Reichen und gab den Armen, kämpfte für Freiheit und Gerechtigkeit, eroberte Länder und Meere und stahl so mancher holden Maid ihr lichterloh entbranntes Herz. Auch Errol Flynns „echtes“ Leben begann abenteuerlich: Am 20. Juni 1909 in Tasmanien geboren, wurde er schon früh zum Hasardeur, verließ die Schule, verdingte sich als Gigolo, Goldgräber, Wilderer und Bootsmann, bis er als Mittzwanziger Hollywood eroberte. Dort verfiel er, immer noch Abenteurer, mit der Zeit so manchem schweren Laster.

[] Lückenbüßer, der

jmd., der für einen anderen eingesprungen ist, den man lieber genommen hätte

Wer ungewollt für jemanden einspringt, muss ausbaden, was die Nachlässigkeit anderer verschuldet hat. Den wunderschönen, diesen Umstand verbalisierenden Ausdruck „Lückenbüßer“ verdanken wir übrigens Luther. Der bezog sich in seiner Bibelübersetzung mit dem Wort allerdings auf den Wiederaufbau der Stadtmauern Jerusalems: „Da aber Saneballat und Tobia ... höreten, daß die Mauern zu Jerusalem zugemacht waren, und daß sie die Lücken angefangen hatten zu büßen, wurden sie sehr zornig.“ (Luther 1545, Nehemia 4,7 bzw. 4,1). Das Verb „büßen“ wird hier in seiner alten Bedeutung ‚füllen‘, ‚ausbessern‘ gebraucht. Der Lückenbüßer war also eher ein Lückenfüller.

[] in Schweiß gebadet, Mehrwortausdruck

nass geschwitzt

Bisher war es nur warm, seit gestern ist richtig Sommer. Wie das Duo 2raumwohnung singt: „36 Grad, und es wird noch heißer“. Zum Glück besitzen wir Millionen Schweißdrüsen, die uns über Verdunstung effizient abkühlen. Bei den Wörtern „Schweiß“ und „schwitzen“ allerdings wird es den Sprachhistorikern selbst an den kältesten Wintertagen warm ums Herz, denn diese alten Erbwörter auf Basis der urindogermanischen Wurzel „*su̯ei̯d-“ ‚in Schweiß ausbrechen‘ haben klare Entsprechungen in Ost (altindisch „svid-“ ‚schwitzen‘), in West (kymrisch „chwŷs“), Nord (lettisch „sviedri“) und Süd (altgriechisch „hidrṓs“) – alle ‚Schweiß‘.

[] harmonisieren, Verb

etw. miteinander in Einklang bringen, aufeinander abstimmen

„Thal“ oder „Tal“, „confisciren“ oder „konfiszieren“, „Litteratur“ oder „Literatur“? „Nicht zwei Lehrer derselben Schule und nicht zwei Korrektoren derselben Offizin waren in allen Stücken über die Rechtschreibung einig“ – Dieser Stoßseufzer Konrad Dudens beschreibt treffend die Lage der deutschen Rechtschreibung zum Ende des 19. Jh. Abhilfe schuf erst die II. Orthographische Konferenz, die heute vor 120 Jahren begann und nur drei Tage dauerte. Tatsächlich wäre die Verabschiedung des Regelwerks ohne die vorausschauenden und klugen Vorarbeiten von Duden und anderen, wie Rudolf von Raumer, nicht möglich gewesen.

[] Techtelmechtel, das

nicht ernsthafte Liebesbeziehung, Flirt, Liebelei

Als der Schwarze Tod im Frühjahr 1348 auch Florenz heimsucht, fliehen zehn Stadtbewohner gemeinsam auf ein Landgut, um dort der drohenden Gefahr zu entgehen. Zehn Tage bleiben sie, zehn Geschichten erzählen sie sich, und zwar Tag für Tag. Diesem fiktiven Arrangement entspringen die 100 legendären, teils sehr eindeutig zweideutigen Novellen des Dekameron: Sie handeln von Bauern und Königen, von Jungfrauen und Bösewichten, von Freundschaften, Geschäften, Intrigen … und Techtelmechteln. Giovanni Boccaccio, ihr Autor und Sammler, kam heute vor 708 Jahren zur Welt.

[] Faulpelz, der

umgangssprachlich träger, fauler Mensch

Menschen sind verschieden: Die einen lieben den Alltagstrubel, können gar nicht aktiv genug sein, die anderen wünschen sich stets die Füße hoch. Wahrscheinlich stecken in jedem von uns sowohl Macher als auch Faulpelz. Dies gilt jedoch nicht für fleißige Etymologen: Die haben den Faulpelz nämlich bereits für das 13. Jh. belegen können. Damals benannte man damit in der Schweiz interessanterweise keine in warme, weiche Felle gehüllten, gemütlich ruhenden Müßiggänger, sondern Menschen, die vor Trägheit bereits eine Schimmelschicht, einen Pelz angelegt haben. Wird man, dann und wann Faulpelz seiend, dieses Bild je wieder vergessen können?

[] Irrwisch, der

Irrlicht; lebhafter, unruhiger Mensch

Der Irrwisch gehört zu den etymologisch rätselhaften Fällen, beschreibt das Wort doch einerseits den „unruhigen, sprunghaften Menschen“, steht andererseits in seiner ursprünglichen Bedeutung auch für das „Irrlicht“. Was aber hat das „-wisch“ mit dem „-licht“ gemeinsam? Der Lexikograph Adelung vermutete, in Irrwisch habe „dieses Wort [Wisch] noch seine erste onomatopöietische[sic!] Bedeutung, von der leichten und zischenden Bewegung“. Tatsächlich war der „Wisch“ aber (zugrunde liegt möglicherweise germanisch *wiska) ein aus Stroh (oder biegsamen Ruten) gedrehtes Büschel, das als Flurzeichen und dann auch als Fackel Verwendung fand.

[] Augenweide, die

etwas oder jmd., bei dessen Anblick man Wohlgefallen, Freude, Vergnügen empfindet

Die Minne zwischen Kriemhild und Siegfried war bereits entbrannt, jedoch: So mancher Jüngling warf immer noch ein hoffnungsvolles Auge auf die edle Dame – und zwar ganz wörtlich: „si was da zougenweide / vil manigem rechen geborn“ (≈ Sie galt vielen Recken als unvergleichliche Augenweide). Glich die Geliebte im Nibelungenlied wohl einer blühenden Wiese, an der man sich nicht sattsehen konnte? Ja und nein: Tatsächlich steckt im mittelhochdeutschen „weide“ nicht nur der Ort, an dem sich Lebendiges labsalt, sondern auch die Labsal, die Speise selbst. Im Ausdruck „Augenweide“ (vergleichbar mit „Augenschmaus“) hat sich diese Bedeutung erhalten.

[] Goalie, der

besonders A, CH, gelegentlich D-Südost: vor dem Tor bzw. auf der Torlinie agierender Spieler, dessen Aufgabe es ist, das Spielgerät abzuwehren oder abzufangen; Synonym zu Torhüter, Torwart

Was den einen der Torwart ist, ist den anderen (besonders im deutschsprachigen Süden) der Goalie: Und für viele ist er der wichtigste Spieler auf dem Platz. Überraschenderweise war dieser jedoch nicht von Anfang an Teil der Mannschaft. Die englische Football Association führte erst 1871 die Spielposition des Torwarts ein. Damals noch frei nach dem Motto „der Erschöpfteste geht ins Tor“. Den hoch spezialisierten Anforderungen an den Mann (oder die Frau) im Goal wird das schon lange nicht mehr gerecht. Für das heutige zweite Spiel der Europameisterschaft wünschen wir den beiden antretenden Mannschaften, der Schweiz und Wales, viel Glück.

[] Anstoß, der

Fußball: Beginn eines Spieles; erster Stoß, Schuss durch einen Spieler

Heute Abend wird im römischen Stadio Olimpico die erste paneuropäische Fußball-Europameisterschaft in der Geschichte angepfiffen, ein Jahr später als geplant, aber immerhin vor 16.000 Zuschauern. Damit ist jeder vierte Platz im Stadion besetzt. Fans dürfen endlich wieder live mitfiebern, nach einem Jahr Pandemie eine fast utopische Vorstellung. Utopie steckt auch in der Idee des Paneuropäischen: Nicht ein einzelnes Land ist diesmal Gastgeber; die Ecken und Elfmeter werden vielmehr an elf verschiedenen Austragungsorten – zwischen Sevilla und Bukarest – geschossen. Die Botschaft: Europa hält zusammen. Im ersten Spiel treffen die Nationalmannschaften Italiens und der Türkei aufeinander.

[] Forschungseinrichtung, die

Institution, die sich der Untersuchung wissenschaftlicher Fragestellungen widmet

Der Name CERN wird in den Medien meist verknüpft mit dem 2008 in Betrieb gegangenen LHC („Large Hadron Collider“), dem mit über 26 km Umfang größten Teilchenbeschleuniger der Welt, an dem 2012 der sensationelle Nachweis des Higgs-Bosons gelang. Dabei blickt die „Europäische Organisation für Kernforschung“ („CERN“ = „Conseil européen pour la recherche nucléaire“, deren Gründungskomitee) mit 23 Mitgliedsstaaten und Sitz in der Schweiz auf eine lange Geschichte mit bahnbrechenden Erfolgen in der Grundlagenforschung zur Kernphysik zurück. Am heutigen Tag im Jahr 1955 wurde sie gegründet.

[] Bashing, das

abwertend: heftiger verbaler Angriff, herabwürdigende, unsachliche Kritik

Selten kam ein Herrscher im Urteil der Nachwelt so schlecht weg wie Kaiser Claudius Caesar Augustus Germanicus, den man heute vor allem unter seinem Beinamen Nero kennt. Als wahnhaftes, entartetes Monster, so beschrieben ihn missgünstige Historiker. Seine tatsächlich begangenen Untaten wie die Ermordung der Mutter schmückten sie phantasievoll aus oder dichteten wie im Fall der Brandstiftung Roms weitere hinzu. Auch wenn Nero im Lichte moderner Forschung etwas besser wegkommt, die historische Realität hinter dem Gestrüpp antiker Legenden und Halbwahrheiten lässt sich nur schwer rekonstruieren. Am 9. (oder 11.) Juni 68 erdolchte er sich mit Hilfe treuer Sklaven.

[] unvermutet, Adj.

unerwartet, plötzlich, nicht vorauszusehen

Dieses historisch zwar belegte, aber dennoch rätselhafte Ereignis traf Bischof Higbald von Lindisfarne und seine Brüder ganz und gar unvermutet. Indes – die etwa 100 Jahre später entstandene Angelsächsische Chronik beschreibt mehrere dunkle Omen, die die Schrecken des 8. Juni 793 bereits vorausdeuteten: Wirbelwinde, Feuerdrachen und eine Hungersnot kamen den wütenden Wikingern zuvor, die an jenem Sommertag auf der northumbrischen Insel an Land gingen, das Kloster plünderten, die Mönche verschleppten, versklavten oder töteten. Zwar war dieser Überfall auf Lindisfarne nicht wirklich der erste auf den britischen Inseln, dennoch markiert er den Beginn der Wikingerzeit.

[] Brezel, die

leichtes, weißes, oft süßes Gebäck, bei dem die beiden Enden einer dünnen Teigrolle so miteinander verschlungen sind, dass das Ganze an eine Acht erinnert

Kann ein kunstvoll geformtes, schmackhaftes Gebäck etwas mit brachialer Gewalt gemein haben? Nichts natürlich, außer die Wortherkunft. Während „brachial“ als „handgreiflich“ recht durchsichtig auf das lateinische Wort für „Arm“, „bracchium“, zurückgeht, hat die „Brezel“ einen verschlungenen Weg mit einigen Seitengassen (nämlich die oberdeutschen Nebenformen wie „Bretzel, Breze, Preze, Brezen“) hinter sich, die alle auf das gleiche Bild der verschränkten Arme zurückgehen. Am bekanntesten (und, mit Verlaub, leckersten) dürfte die dicke bayrische Laugenbrezn mit Salz sein.

[] rivalisieren, Vb.

mit jmdm., etw. um den Vorrang (auf einem bestimmten Gebiet, bei einer Person) kämpfen

Sie waren gleich alt, stammten beide aus Norditalien, hatten dort zeitgleich ihre Karrieren begonnen und in jungen Jahren erfolgreich kooperiert. Nun, etwa 1500 km von der Heimat entfernt, wurden sie zu „Rival Queens“ auf den Bühnen Londons. Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni, Sopranistinnen höchsten Rangs und auf einmal Parallel-Primadonnen, spalteten das Publikum: Fans der einen schmähten die andere. Am 6. Juni 1727 eskalierte die Situation: Bononcinis Astianatte musste abgebrochen werden, weil die Zuschauer das Stück geradezu „verzischten“. Entgegen der Legende wurden die Sängerinnen selbst aber nicht handgreiflich.

[] Zuckerbrot und Peitsche, Mehrwortausdruck

Wechsel aus Milde und Strenge; sowohl belohnende als auch bestrafende Maßnahmen, die ein bestimmtes Verhalten bewirken sollen

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Für die Verwaltung seines Königreichs Sizilien benötigte der Staufer Friedrich II. hochgebildete Beamte – Personal, das im hochmittelalterlichen Europa dünn gesät war. So gründete er aus eigenem Antrieb und ohne päpstlichen Segen eine eigene staatliche Hochschule. Scholaren umgarnte er mit Vergünstigungen und verlockenden Karriereaussichten. Einen Haken hatte die Sache allerdings: Den Studenten war der Wechsel an eine andere Universität bei Strafe verboten. Am 5. Juni 1224 wurde (der Überlieferung nach) die Universität Neapel Federico II gegründet. Sie zählt heute zu den größten Hochschulen Italiens.

[] Impfung, die

Verabreichen oder Injizieren eines Impfstoffes, um Immunität gegen eine Krankheit zu erzeugen

Lady Mary Wortley Montagu (1689–1762) bewahrte im nördlichen Europa des 18. Jh. Unzählige vor den oft tödlichen oder entstellenden Pocken. Denn sie führte eine Methode ein, die sie im Mittelmeerraum kennengelernt hatte: In einen kleinen Hautschnitt wurde Lymphflüssigkeit eines Pockenkranken eingebracht, was eine Erkrankung mit deutlich milderem Verlauf auslöste. „To engraft“ (= aufpropfen) nannte Montagu das Verfahren, als Fachwort setzte sich das vornehmer klingende „inoculate“ (= (in)okulieren) durch. Beide Ausdrücke beziehen sich auf die Gehölzveredelung. Übersetzt ins Deutsche wurde daraus gleichbedeutend „impfen“.

[] Fahrrad fahren, Vb.

sich (im Straßenverkehr) mithilfe eines Fahrrads fortbewegen; Fahrrad fahren, um sich sportlich zu betätigen (auch als Ausdauersport auf stationären, multifunktionalen Geräten)

Im französischen „vélo“ hat er sich noch erhalten, der schnelle (lat. velox) Fuß (lat. pes), das „vélocipède“, verschaffte sich im Deutschen als „Veloziped“ zumindest kurzzeitig Raum. Die Bestrebungen des ausgehenden 19. Jh., Fremdwörter zu „verdeutschen“, führten aber schnell zur Findung sprachpuristischer Alternativen: Hermann Dunger brachte zunächst das „Reitrad“ hervor, durchsetzen konnte sich aber der Vorschlag des Deutschen Radfahrer-Bunds, dessen Mitglieder seit 1884 mit dem „Fahrrad“ die Welt erkunden. Die Schweizer blieben übrigens frankophil, sie fahren immer noch Velo. Heute ist Weltfahrradtag.

[] beschönigen, Vb.

etw. Negatives in einem besseren Licht erscheinen lassen

So viel Versöhnliches im Kriege sah man selten: Der Festungskommandant der niederländischen Stadt Breda übergibt – es ist der 2. Juni 1625 – mit demütiger Geste den Schlüssel der Stadt dem siegreichen spanischen Feldherrn Ambrosio Spínola. Der hat aus Respekt den Hut gezogen und legt dem Gegner tröstend die Hand auf die Schulter. In seinem berühmten Gemälde „Die Übergabe von Breda“ malt Diego Velázquez in propagandistischer Überhöhung das Bild eines vermeintlich zivilisierten, gezähmten, heroischen Krieges. Doch auch wenn Breda anders als Magdeburg der Zerstörung tatsächlich entging, mit der grausamen Realität des Dreißigjährigen Krieges hat die Darstellung wenig zu tun.

[] Videotext, der

Informationen (z. B. programmbezogene Mitteilungen, Nachrichten), die von Fernsehgeräten mit entsprechender Ausstattung auf Abruf auf dem Bildschirm dargestellt werden können

Nachrichten, Sportergebnisse, das Wetter von morgen – heute schaut man mal kurz im Internet nach. In uralten Zeiten (ante World Wide Web) konnte aber auch ein anderes Gerät jederzeit Auskunft geben: der Fernseher. Am 1. Juni 1980 begannen ARD und ZDF mit der bundesweiten Ausstrahlung des Videotextes. Systematisch auf die Seiten 100–899 verteilt, konnte jede Seite 25 Zeilen à 40 Zeichen in acht verschiedenen Farben darstellen. Der Videotext (oder auch Teletext) wurde zum unverwüstlichen Informationslieferanten: Trotz seines etwas archaisch anmutenden, pixeligen Charmes erfreut er sich heute immer noch großer Beliebtheit.

[] gigantisch, Adj.

riesenhaft, gewaltig

Titanen, Giganten, Olympier: Wenn es um Größe geht, muss oft die griechische Mythologie herhalten – im Fall der Titanic nicht ganz zu Unrecht. Das nebst seiner Schwester, der Olympic, zumindest für kurze Zeit größte Schiff der Welt war auch unübertroffen darin, was Investitionen in Sicherheit und modernen Komfort betraf. Der Stapellauf des gigantischen Dampfers, heute vor 110 Jahren, zog 100.000 Schaulustige an. Die vielen Superlative trugen sicherlich mit dazu bei, dass die Nachricht vom Untergang des als unsinkbar geltenden Schiffs ein internationales Echo fand, das bis heute nachhallt.

[] Mittel zum Zweck, Mehrwortausdruck

eine Sache oder Person, die (nur) als Werkzeug oder Methode gebraucht wird, um ein bestimmtes (eigennütziges) Ziel zu erreichen

Was am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen geschah, wurde als Mythos bald schon Mittel zum Zweck: Der pro-englische Bischof Pierre Cauchon ließ eine 19-jährige Frau öffentlich als Ketzerin verbrennen. Die Gerichtete: Jeanne d’Arc, Nationalheldin der Franzosen im Hundertjährigen Krieg. Als von Gott auserwählte, den fremden Besatzern mutig entgegentretende, patriotische und (stets betont) jungfräuliche Kriegerin wurde sie auch in den folgenden Jahrhunderten noch von vielen (teilweise oppositionellen) Parteien des politischen Spektrums instrumentalisiert. Seit 1920 ist sie eine Heilige und Schutzpatronin Frankreichs (sowie, man staune, der Telegrafie und des Rundfunks).

[] Pensum, das

in einer bestimmten Zeit zu erledigende Arbeit, Aufgabe; in einer bestimmten Zeit zu bewältigender Lehrstoff

Die Pendelwaage hat – man denke an Justitia – die Menschen zu allen Zeiten zum Denken angeregt. Entsprechend wurde das Wiegen sprachlich auch im übertragenen Sinn gebraucht: Im Lateinischen (wie im Deutschen) wurde aus „pendere“ (= (ab)wiegen) „pensare“ (= abwägen). Das darauf zurückgehende Substantiv „pensum“ bezogen die Römer zunächst auf die gewogene Rohwolle, die Sklaven zu verspinnen hatten, dann metonymisch auf das „Tagwerk, die Aufgabe“. In dieser Lesart führt ein barockes Wörterbuch das Wort schließlich ins Deutsche ein, definiert als „vorgegebene oder vorgenommene Lection oder ander Stück Arbeit, it. (= auch) was einem zu thun gebühret oder oblieget.“

[] mit vereinten Kräften, Mehrwortausdruck

in einer gemeinsamen (körperlichen, finanziellen, strategischen o. Ä.) Anstrengung; gemeinsam

Peter Benenson, The Observer, 28. Mai 1961: „Schlagen Sie an jedem beliebigen Tag die Zeitung auf: Sie werden einen Bericht über jemanden finden, der irgendwo in der Welt wegen seiner politischen Meinung oder seiner Religion inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet wurde. (...) Leser fühlen lähmende Machtlosigkeit. Doch übersetzte man dieses Gefühl in vereintes Handeln, könnte sich etwas Großes bewegen.“ Diese vor 60 Jahren veröffentlichten Zeilen eines britischen Anwalts gelten als Gründungsmoment von Amnesty International. Tatsächlich hat sich Benensons Vision erfüllt: Heute kämpfen mehr als 10 Mio. Unterstützer weltweit für die Wahrung der Menschenrechte jedes Einzelnen.

[] Heidenrespekt, der

umgangssprachlich: sehr großer, meist mit Angst verbundener Respekt

Ausgerechnet beim Bau eines Hospizes stieß ein Arbeiter in Tournai am 27. Mai 1653 auf ein ganz besonderes Grab. Darin: reich verzierte Waffen, wertvoller Schmuck, antike Münzen und etwa 300 Bienen aus Gold. Ein Siegelring mit Inschrift ermöglichte es, das Grab eindeutig dem ersten historisch nachweisbaren Merowinger, König Childerich I. († um 482), zuzuordnen. Mehr als 300 Jahre nach dem Erstfund wurde bei weiteren Grabungen im Umfeld der Fundstelle ein erstaunliche 21 Tiere umfassendes Pferdeopfer entdeckt: Childerich war offenbar höchst respektiert und – der pagane Ritus legt es nahe – (noch) ein Heide. Sein Sohn ließ sich später taufen.

[] Silhouette, die

Umriss, äußere Grenzlinie; Umriss eines Gegenstandes, Körpers, der sich dunkel vom hellen Hintergrund abhebt; Schattenbild, Schattenriss

Das hätte sich der ob seiner Austeritätspolitik unbeliebte, nach wenigen Monaten entlassene französische Finanzminister Étienne de Silhouette (1709–1767) kaum träumen lassen: Sein verhasster Name wurde allgemein auf alles Nicht-zu-Ende-Gebrachte bezogen – darunter auch auf die nur Umrisse einer Person darstellenden Schattenbilder. Ausgerechnet diese, in der Freundschaftskultur des 19. Jahrhunderts hoch geschätzten Silhouetten entwickelten sich zur Kunstform. Silhouetteure, wie der am 26. Mai 1757 geborene Johann Friedrich Anthing, legten umfangreiche Sammlungen mit Schattenrissen bekannter Persönlichkeiten an.

[] Deadline, die

letzter (Ablieferungs-)‍Termin (für Zeitungsartikel); Redaktions-, Anzeigenschluss; äußerste Grenze, Linie, die (aus moralischen, wirtschaftlichen o. ä. Gründen) nicht überschritten werden darf

Heute, zum Towel Day, erinnern wir an Douglas Adams’ Philosophie der Deadline, mit der er seinen Fans und der Menschheit an sich ein wenig mehr Leichtigkeit des Seins verschaffte: „Ich liebe Deadlines“, sagte er, „ich mag das zischende Geräusch, das sie machen, wenn sie vorbeifliegen!“ Ursprünglich hatte die „dead line“ mit der Leichtigkeit des Seins nur wenig zu tun, ebenso mit Redaktionsschlüssen: Der Kommandant eines berüchtigten Gefängnisses in Georgia zog in den 1860er Jahren eine solche wahre „Todeslinie“ (im wörtlichen Sinne) um das von ihm bewachte Gebäude. Diese Deadline zu überschreiten hatte (existenzieller als bei einer heutigen) fatale Konsequenzen.

[] Pfingstmontag, der

Montag des Pfingstfestes, zweiter Pfingstfeiertag

Neben Weihnachten und Ostern ist Pfingsten eines der wichtigsten Feste des Christentums. Am Pfingstsonntag, dem 50. Tag nach der Auferstehung Jesu, feiern Gläubige die „Herabkunft des Heiligen Geistes“ – damit endet offiziell die Osterzeit. Was aber hat es mit dem Pfingstmontag auf sich? Tatsächlich ist der zweite Tag schlicht eine Verlängerung des Hochfestes, mit der seine Bedeutung für alle Christen untermauert wird. Er gilt entsprechend als „Tag der Ökumene“. Auch Nicht- und Andersgläubige haben etwas davon: Der Pfingstmontag ist ein durch das Grundgesetz geschützter „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“.

[] Funke im Pulverfass, Mehrwortausdruck

Auslöser, der in einer angespannten Situation einen Konflikt, einen Krieg o. Ä. endgültig zum Ausbruch bringt; Ereignis, das vorhandene Unzufriedenheit in offenen Protest umschlagen lässt

Noch heute können Besucher des Prager Hradschins mit Schaudern das Fenster sehen, aus dem am 23. Mai 1618 die wütenden Vertreter der böhmischen Stände, welche sich „unangemeldet, gar keck und mit großer Importunität“ Zutritt verschafft hatten, zwei kaiserliche Statthalter nebst Sekretär in den 17 Meter tiefen Burggraben warfen. Zur großen Verblüffung aller Beteiligen überlebten die „Defenestrierten“. Die mit großer Wahrscheinlichkeit im Voraus geplante Aktion war eine demonstrative Kriegserklärung an den Kaiser in Wien – der berühmte Funke im Pulverfass, der die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges auslöste.

[] zwei Gesichter haben, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: zwei (völlig) verschiedene Erscheinungsbilder haben; zwei widersprüchliche Eigenschaften, Charakterzüge, Qualitäten aufweisen

Die zwei Gesichter des Arthur Conan Doyle faszinieren und irritieren Biographen bis heute: Einerseits erschuf er mit der Figur des Sherlock Holmes den Prototyp des kalten, nüchternen Denkers, der seine Fälle methodisch und mit trockener Logik löst. Andererseits hatte Doyle einen geradezu manischen Hang zum Okkulten: In Séancen versuchte er, Kontakt zu seinem verstorbenen Sohn aufzunehmen. Einem Geschwisterpaar, das mit dilettantisch manipulierten Fotografien die Existenz von Elfen beweisen wollten, verschaffte er eine landesweite Öffentlichkeit. Am 22. Mai 1859 wurde der Fan des Übersinnlichen in Edinburgh geboren.

[] Kupferstich, der

graphisches Blatt mit einem Abdruck von einer Kupferplatte, in die ein Bild oder eine Zeichnung eingeritzt ist

Am Tag nach dem gestern geschilderten Ereignis feierte Albrecht Dürer, der dieses so kunstvoll verewigt hatte, seinen 44. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits erfolgreich selbstständig, betrieb eine Werkstatt in Nürnberg und widmete sich vorwiegend dem Kupferstich und dem Zeichnen von Vorlagen für Holzschnitte. Dürer hatte früh das Marktpotenzial dieser Techniken erkannt: Originalgrafiken ließen sich in großer Menge reproduzieren, preiswert, u. a. über den Buchhandel, absetzen und schnell weiträumig verbreiten. Seiner Hinwendung zu diesen Verfahren verdanken wir ihre technische Weiterentwicklung und ihre Manifestation als eigene Kunstform.

[] Imagination, die

Einbildung, (irrige) Vorstellung; (künstlerische) Einbildungskraft

Der schwergewichtige Vierbeiner, der am 20. Mai 1515 portugiesischen Boden betrat, war das erste in Europa sichtbare lebende Exemplar seiner Art seit mehr als 1000 Jahren. Als königliches Geschenk hatte es die erst kürzlich entdeckte Indien-Seeroute passiert und erregte nun auf dem ganzen Kontinent größtes Aufsehen. Der Nürnberger Albrecht Dürer sah seine Chance: Zwei Briefe und eine Skizze dienten ihm als Vorlage für einen der berühmtesten Holzschnitte der Geschichte. Sein „Rhinocerus“, mit „ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot“ und „von dicken Schalen vberlegt“ galt, trotz seiner imaginären Anatomie, jahrhundertelang als getreuliche Abbildung eines Panzernashorns.

[] hanebüchen, Adj.

salopp, abwertend: grob, unerhört

Die Hainbuche ist aus unseren Gartenanlagen, Parks und Vorgärten nicht wegzudenken: Akkurat zu geometrischen Formen gestutzt, formiert sie Hecken, Labyrinthe und Laubengänge. Sprachlich allerdings steht sie für das genaue Gegenteil: „hanebüchen“, ein Wort, das auf die ältere adjektivische Ableitung „hanbuchen“ (= aus Hainbuchenholz) zurückgeht. In früheren Zeiten dominierte die Hainbuche besonders in landwirtschaftlich intensiv genutzten Wäldern. Das häufige Abernten von Laub u. Ästen (Schneitelwirtschaft) bewirkte einen knorrigen, verwilderten, ungezähmt anmutenden Wuchs, der zur heutigen Bedeutung von „hanebüchen“ inspirierte.

[] Tölpel, der

abwertend: ungeschickter, unbeholfener, einfältiger Mensch

Was haben der Tölpel und der Bösewicht gemeinsam? Etymologisch einiges, beide haben ihren Ursprung nämlich in einer aus heutiger Sicht ganz und gar zweifelhaften sozialen Etikettierung, zumindest im europäischen Vergleich. Der deutsche Tölpel geht aus dem mittelhochdeutschen „törpel, dörpel“ bzw. „törper, dörper“ hervor, dem „auf dem Dorf lebenden, rohen, nicht höfisch gebildeten Menschen“, der über Umwege aus dem altfranz. („vilain“) zu uns kam (abgeleitet von mittellat. „villanus“ = „Bauer“). Jener zunächst ebenfalls schlicht „Rohe“ wurde mit der Zeit zum Schurken (frz., engl. „villain“, span. „villano“, port. „vilão“).

[] Hotspot, der

Geologie, Astronomie: besonders heißer Bereich des Erdmantels, an dem Magma aus dem Erdinneren aufsteigt und der sich deshalb häufig durch erhöhte vulkanische Aktivität auszeichnet

Dass Island ein vulkanischer Hotspot ist, zeigt sich gerade recht spektakulär in der seit März anhaltenden Eruption um das Fagradalsfjalls-Bergmassiv. Nicht immer sind es aber, wie hier, im Magma gelöste Gase, die zu einem Ausbruch führen: Am 17. Mai 1724 bahnte sich im Norden Islands eine Magmakammer den Weg zu einem Grundwasserreservoir. Das Zusammentreffen von Magma und Wasser verursachte eine spektakuläre phreatomagmatische Explosion, die einen Krater von 320 m Durchmesser hinterließ. Jener „Víti-Krater“, wörtlich Höllenkrater, erhielt seinen Namen, weil die Isländer damals glaubten, die Hölle öffne sich vor ihren Augen.

[] Schallplatte, die

runde Scheibe aus Kunststoff mit einer spiralförmigen Rille, die die akustische Aufzeichnung enthält

Ob „Walkman“, „Streaming“ oder „CD“, die Terminologie des Musikhörens ist englisch. Dass man hier so oft auf das angelsächsische Idiom zurückgreift, liegt daran, dass sich viele Entwicklungen und Erfindungen im englischsprachigen Raum ereigneten. Als der ebenso erfindungsreiche wie umtriebige Deutsche Emil Berliner 1887 ein – im Unterschied zum zehn Jahre zuvor patentierten Phonograph Edisons – massentaugliches Abspielgerät samt Tonträger vorstellte, geschah dies zwar auch in den USA, die Scheiben aus Hartgummi (später Schellack, noch später Vinyl) konnte er aber trotzdem in seiner Muttersprache treffend benennen: Schallplatte.

[] Madrigal, das

im 16. und 17. Jahrhundert: vier- oder mehrstimmiges weltliches Lied mit reichen tonmalerischen Klangeffekten

„L’oratione sia padrona del armonia e non serva.“ (Das Wort sei der Meister der Harmonie, nicht ihr Diener.) – Monteverdis berühmter Leitsatz markiert den Übergang von einer musikalischen Epoche zur nächsten: von der Renaissance, in der die Gleichwertigkeit aller Stimmen und die Harmonie im Mittelpunkt stehen, zum Barock, in dem man sich mehr und mehr dem Text, dem Affekt und seinem musikalischen Ausdruck zuwendet. Monteverdis neun Madrigalbücher machen diesen Wechsel (vom polyphonen zum monodischen Stil) so eindeutig erlebbar wie kaum eine andere Werksammlung. Am 15. Mai 1567 (sein Geburtsdatum ist nicht bekannt) wurde der Komponist in Cremona getauft.

[] Großkotz, der

salopp, abwertend: Prahler, Angeber

Die Selbstdarsteller und Angeber: Im (digitalen) Leben haben sie dann und wann Erfolg, der Wortschatz dagegen hält (und hielt) wenig Schmeichelhaftes bereit. Heute nennt man sie Poser, Wichtigtuer oder Profilneurotiker. Der alte Grimm kennt noch den Stiegelhüpfer, Fratzhans, Schwabbelhauer oder Eisenfresser. Wenige Bezeichnungen erscheinen allerdings so derbe wie „Großkotz“. Dabei ist die Anlehnung an das Sichübergeben nur volksetymologisch. Der Ursprung liegt in der jiddischen Bezeichnung „kozin“ für einen reichen Menschen. Nichtsdestotrotz steht auch im Jiddischen der „großkozen“ für den Großkotz.

[] dalli, Adverb

salopp: schnell

„Jetzt aber dalli!“ – Das Adverb „dalli“ steht besonders in der Reduplikation „dalli, dalli“ für die pure Ungeduld: „Spute dich gefälligst!“ Entlehnt wurde es aus dem polnischen „dalej“ (= vorwärts, weiter) und ist seit ungefähr 1800 im Deutschen geläufig. Dass man aus der eigentlich rüden Aufforderung auch Honig saugen konnte, bewies mit dem ihm eigenen Gespür für Sprache Hans Rosenthal. „Dalli Dalli“ brachte die Idee seiner Sendung, in der Prominentenpaare unter Zeitdruck Aufgaben lösen mussten, genial auf den Punkt. Heute vor 50 Jahren wurde sie erstmals ausgestrahlt.

[] adaptiv, Adj.

fähig, sich an Veränderungen der äußeren Bedingungen anzupassen; sich an Veränderungen anpassend

Man vermutete, dass das „grüne Land“ weit im Norden von vom Glauben abgefallenen Wikingern besiedelt war. Also stach der norwegische Pfarrer Hans Egede heute vor genau 300 Jahren in See, um dieses sagenhafte Grönland zu finden und zu missionieren. Tatsächlich begegneten ihm dort keine Nordmänner: Er traf Inuit, deren Sprache er lernte und für die er christliche Texte übersetzte – mit Talent zur Adaptation: Die Inuit buken nicht, also ließ er sie den Herrgott statt um „unser tägliches Brot“ um „unseren täglichen Seehund“ bitten. Kulturhistorisch eine nette Anekdote, jedoch: Viele Grönländer sehen in Egede heute vor allem einen Kolonialisten.

[] eine Schraube locker haben, Mehrwortausdruck

(anscheinend) nicht ganz bei Verstand sein, leicht verrückt sein; sich auffällig, eigenartig, nicht konform verhalten

Wer vor dem 11. Mai 1892 eine Schraube locker hatte, war nicht ganz verloren. Das an diesem Tag ausgestellte Patent des findigen Schweden Johan Petter Johansson machte es demjenigen von nun an aber viel leichter, jede beliebige lockere Schraube an beinahe jedem beliebigen Ort wieder zu fixieren – mit einem Werkzeug, das es in sich hatte: Der umgangssprachlich auch als „Engländer“ bezeichnete Schraubenschlüssel konnte mithilfe einer sogenannten Rändelschraube stufenlos verstellt und so für das Drehen aller vier-, sechs- oder achtkantigen Schraubenköpfe bzw. -muttern angepasst werden. Übrigens: Johansson war unermüdlich, mehr als 100 Patente gehen auf ihn zurück.

[] Spießbürger, der

abwertend: im Denken und Urteilen unselbstständiger, engstirniger, sich oft am Konventionellen orientierender Mensch, Spießer

Heute halten sich die Pflichten eines Stadtbürgers eher in Grenzen. In Mittelalter und früher Neuzeit war dies anders: Ob Brand- oder Feindbekämpfung – jeder musste mit anpacken: „EJner Bürgerschafft in jeder Festung/ gebühret zu vorderst ab/ daß sie sich mit guten Rüstungen/ Spiessen/ langen Rohrn (...) stättig gefaßt (= ausgerüstet) machen“, heißt es im Soldatenspiegel von 1605. Mit fortschreitender Militärtechnik hatte der Spieß allerdings ausgedient und bestenfalls repräsentative Bedeutung. Aus dem einstmals geachteten Spießbürger wurde der ob seiner Rückständigkeit und Biederkeit verachtete Kleinbürger, der Spießer eben.

[] Widerstand, der

das Sichentgegenstellen, Sichwidersetzen, die Gegenwehr; Widerstandsbewegung

„Sag nicht, es ist für's Vaterland!“ Sophie Scholl kann sich mit dem Gedanken an Krieg und die damit einhergehende Lebensgefahr, in die sich Mensch und Mensch tagtäglich bringen müssen, nicht abfinden. Ihr humanistisch geprägtes Weltbild, ihr Glaube an Freiheit, an Gerechtigkeit und den Wert jedes Einzelnen drängen sie ebenso in den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime wie Berichte ihrer Soldatenfreunde von erschütternden, unfassbar unmenschlichen Kriegserlebnissen. Ihr eigener Krieg (gegen die NS-Diktatur) ist ein friedlicher. Ihre Waffen: Tinte, Papier und bemerkenswerte Zivilcourage. Heute vor genau 100 Jahren kam sie zur Welt.

[] Impfkampagne, die

zeitlich begrenzte, groß angelegte Aktion für die Impfung einer großen Zahl an Menschen oder Tieren

Im Augenblick nimmt das Impfen gegen COVID-19 immer mehr an Fahrt auf, doch viele Menschen sind noch skeptisch. Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte: Die Pocken sind heute nur noch den Älteren bekannt, dabei hatte das Virus die Menschheit über Jahrtausende gequält. Obwohl eine Impfung bereits seit 1766 (als erste überhaupt) bekannt war, dauerte es noch 200 Jahre, bis eine weltweite Impfpflicht eingeführt wurde. Die Kampagne war erfolgreich: 1975 trat der letzte Pockenfall außerhalb von Laboren auf, heute vor 41 Jahren konnten die Ausrottung der Pocken und somit das Ende der Impfungen ausgerufen werden.

[] Gleichheit, die

Zustand eines ausgewogenen Gleichgewichts, der Gerechtigkeit, des Gleichseins; (aufgrund bestimmter Maßnahmen oder Verhältnisse geschaffene) Übereinstimmung in der Lage von Personen oder der Beschaffenheit von etw.

„Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Eine Frau stellt dir diese Frage (...).“ Selbstbewusste erste Zeilen eines revolutionären Dokuments, das dem zum Manifest gewordenen Prinzip der „égalité“ (Gleichheit) mehr denn je zu entsprechen suchte und doch, so zumindest einige Historiker, über zwei Jahrhunderte kaum Beachtung fand. Olympe de Gouges „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ aus dem Jahre 1791 war eine Reaktion auf die zwei Jahre zuvor in Paris verabschiedete Menschenrechtserklärung, die ausschließlich dem „mündigen“ (entsprechend männlichen) Bürger galt. De Gouges hingegen propagierte die fundamentale rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau.

[] Hygiene, die

Wissenschaft bzw. Lehre von der Gesunderhaltung des Einzelnen und der Allgemeinheit, der Vorbeugung gegen Infektionen, andere Krankheiten und Gesundheitsschäden und der Schaffung eines der Gesundheit förderlichen Umfeldes

Was hält eine Bevölkerung gesund? Zwischen 1871 und 1881 betrug die statistische Lebenserwartung eines Neugeborenen in Deutschland nur 35,6 (Jungen) und 38,5 (Mädchen) Jahre. Seither wuchs das Bewusstsein dafür, wie sehr bessere Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Seuchenschutz und besonders die Aufklärung der Menschen zur Gesunderhaltung beitragen konnten. Sichtbarer Ausdruck dieser Entwicklung war die erste große Internationale Hygieneausstellung in Dresden. Sie öffnete am 6. Mai 1911 ihre Pforten, 5,2 Millionen Menschen besuchten die Ausstellung. Heute kann ein Neugeborenes im Schnitt 79 bzw. 83 Jahre alt werden.

[] weit vom Schuss, Mehrwortausdruck

weit entfernt von einem Brennpunkt, einer Gefahrenzone; sehr abgelegen, außerhalb vom Zentrum eines Geschehens

Nach St. Helena, der kleinen, 1850 km vor Angola gelegenen Atlantikinsel, verirren sich nur wenige Touristen. Und doch hat sie in der Weltgeschichte ihren festen Platz. War doch ihr berühmtester (wenn auch unfreiwilliger) Gast der gefürchtete, 1815 dorthin verbannte Napoleon Bonaparte. Hier, weitab vom Weltgeschehen, residierte der einstige Kaiser der Franzosen nur noch über einen Hofstaat en miniature – und verfiel, als er 1818 erfuhr, dass keine Chance auf Rückkehr bestand, in tiefe Depression. Napoleon starb am 5. Mai 1821 an Magenkrebs, möglicherweise auch an Langeweile. Dass er vergiftet worden sein soll, ist Legende.

[] Enzyklopädie, die

(gedrucktes, auf einem elektronischen Medium oder im Internet publiziertes) umfassendes Nachschlagewerk, in dem Begriffe aller (oder ausgewählter) Wissensgebiete in alphabetischer oder systematischer Ordnung dargestellt und erklärt werden

Als Friedrich Arnold Brockhaus 1796 mit zwei Partnern einen Importhandel für englische Manufakturwaren aufzog, hätte wohl niemand gedacht, dass sein Name einst fest mit dem Begriff Bildungsbürgertum verknüpft sein würde. Doch nachdem er 1805 auf das Verlagsgeschäft umgesattelt hatte (bei ihm erschien das Werk des damals noch unbekannten Schopenhauer), erwarb er 1808 die Rechte an einem noch unvollendeten „Conversationslexicon“, dessen Potential er erkannte und in der Folge nutzte. Geboren war die berühmte Brockhaus-Enzyklopädie. Brockhaus wurde am heutigen Tag im Jahr 1772 in Dortmund geboren.

[] der Rest ist Schweigen, Mehrwortausdruck

keine weiteren Informationen zu einem Thema; der weitere Tathergang bleibt unbekannt; über eine Niederlage, über Unangenehmes, Kompromittierendes wird nicht geredet

„He was not of an age, but for all time!“ (Er war kein Mensch seiner Zeit, sondern der Ewigkeit), so Ben Johnson im Vorwort zur First Folio, der ersten Gesamtausgabe der Dramen Shakespeares, die sechs Jahre nach dessen ungeklärtem Tod am 3. Mai 1616 (greg.) erschien. Tatsächlich lässt sich das Werk des Dichters wie kaum ein anderes aktualisieren: Die Kulissen seiner Stücke mögen historisch verortet sein, verhandelt wird aber stets das ewig Menschliche. Auch ewig Sprachliches ist auf Shakespeares Erfindergeist zurückzuführen: Mehr als 1700 im Englischen alltägliche Wörter und Wendungen werden ihm zugeschrieben. Einige haben es sogar ins Deutsche geschafft.

[] auf dem Kerbholz haben, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: eine, mehrere Straftaten begangen, etw. Unrechtes getan haben; einen, mehrere Einträge im Strafregister haben

Sein Name steht für die wohl erstaunlichste Resozialisierung des 19. Jahrhunderts. Als Karl May am 2. Mai 1874 nach vier Jahren Zuchthaus in die Freiheit entlassen wird, hat er eine langjährige Karriere als Kleinkrimineller und Hochstapler hinter sich. Er ist 32 Jahre alt und im wilhelminischen Deutschland ohne Chance auf ein geordnetes Leben. Und doch gelingt ihm mit viel Phantasie und einer ungeheuren Produktivität als Schriftsteller das Unmögliche. Kriminell wird er nie wieder. Die Vergangenheit holt ihn im Alter gleichwohl ein. Als die Öffentlichkeit von seinen „Jugendsünden“ erfährt, wird er als „geborener Verbrecher“ diffamiert.

[] Fehldruck, der

fehlerhafter Druck eines Buchs, einer Briefmarke, Banknote o. Ä. (als Rarität für Sammler von Bedeutung)

Es war ein folgenreicher „Zahlendreher“: Am 1. Mai, heute vor 170 Jahren, gab das Großherzogtum Baden erstmals Briefmarken heraus. Denkwürdig wurde das Ereignis aber wegen einer Panne: So war für Marken zu 9 Kreuzern rosafarbenes Papier vorgesehen. Ein Drucker las allerdings die 9 auf der Druckplatte als 6 und legte versehentlich die dafür vorgesehenen grünen Bogen ein. Einige der Fehldrucke gelangten in den Verkehr. Aus der grünen 9-Kreuzer-Marke (etwa im Wert von anderthalb Laib Brot) sollte die teuerste deutsche Briefmarke werden, die auf Auktionen zuletzt über 1,2 Millionen Euro erzielte.

[] Sandwich, das oder der

Zwischenmahlzeit aus typischerweise zwei mit Butter o. Ä. bestrichenen Scheiben (Kasten)‍weißbrot, die mit unterschiedlichen Zutaten wie Wurst, Käse, Ei, Salat o. Ä. belegt und zusammengeklappt werden

Eigentlich sah es nicht so aus, als wäre John Montagu, dem 4. Earl of Sandwich, ein ruhmreicher Abgang beschieden: Er war unbeliebt, galt als illoyal, spielsüchtig und der Korruption zugeneigt, was er im Rahmen seiner verschiedenen Ministerposten beharrlich unter Beweis stellte. Jedoch: Ein im wahrsten Sinne des Wortes legendärer Akt erhielt ihn und seinen Namen für immer der Nachwelt. Am Cribbage-Tisch soll er sich, vom Spielrausch besessen, über Tage hinweg von zwischen zwei Brotscheiben eingeklemmtem Rindfleisch ernährt haben. Die handliche Zwischenmahlzeit überzeugte, der Name Sandwich steht heute an jedem Kühlregal – und in jedem Wörterbuch.

[] warten, Vb.

an einem Ort, in einem Zustand, in einer Situation kürzere oder längere Zeit bleiben in der Annahme, im Hinblick darauf, dass etw. eintreten wird, was diese Situation ändert, beendet

Wenn von der ersten Jahrtausendwende an jemand auf der Warte wartend wartete, dann tat diese Person zwar drei verschiedene Dinge (auf einem Wehrturm stehen, mit einer Gefahr rechnen und ausharren), eigentlich aber war sie sprachlich gesehen nur mit einem beschäftigt: In ahd. „warten“ steckt nämlich ursprünglich das „Spähen“, das „Ausschauhalten“ und das „sich Sorgen“, die Warte wurde zu diesem Zweck errichtet. „Warten“ im Sinne von „ausharren“, erst seit etwa 1000 n. Chr. belegt, scheint daraus entstanden zu sein: Man richtete begehrende Blicke auf etwas, das man in Zukunft zu besitzen, zu erreichen hoffte – eine Geduldsprobe, die eine Bedeutungserweiterung auslöste. Heutzutage kann man regelmäßig gespannt auf diese Warte warten.

[] verschroben, Adj.

absonderlich, seltsam, schrullig, wunderlich

Lesen ist gefährlich. 1794 glaubte ein Theologe junge Leute vor der Lesesucht warnen zu müssen: „Wie mancher gute Kopf ist verloren, die schönen Anlagen verschroben ... der Werth des Jünglings ist dahin.“ Für Gemüts- oder Geisteszustände, die nicht mehr der Norm zu entsprechen scheinen, finden sich bildkräftige Partizipien. Wir sind „verstimmt“, „verstiegen“, „überspannt“. Woher aber kommt „verschroben“? Genau genommen wären wir eigentlich „verschraubt“. Doch im Niederdeutschen hat sich für das Verb „schrauben“ im Partizip die starke Flexionsform (mit entsprechendem Vokalwechsel) durchgesetzt, und diese wanderte im 18. Jh. in die hochdeutsche Literatursprache ein.

[] Nachruhm, der

Ruhm, den jmd., etw. bei der Nachwelt genießt

Anerkennung oder Bekanntheit erlangen manche Leute erst nach dem Tod. So auch Fernão de Magalhães, besser bekannt als Ferdinand Magellan. Der Portugiese in spanischen Diensten starb heute vor 500 Jahren beim Versuch der gewaltsamen Inbesitznahme der Philippinen. Seine Flotte war 1519 gestartet, um eine östliche Route zu den Gewürzinseln zu finden. Drei Jahre später erreichte sie – kläglich dezimiert – nach einer eigentlich unbeabsichtigten ersten historisch belegten Weltumseglung, den spanischen Heimathafen. Magellan – eher Geschäftsmann als Entdecker – gilt heute als ihr genialer Initiator. Bei seinen Zeitgenossen war er dagegen umstritten.

[] stoisch, Adj.

nicht aus der Ruhe zu bringen, beherrscht, ohne sichtliche Gefühlsreaktion; die Lehre der Stoa betreffend, auf ihr beruhend

Eine Pockenpandemie entvölkerte ganze Landstriche, Einfälle fremder Völker bedrohten das Reich: Die Regentschaft des römischen Kaisers Marc Aurel befand sich im ständigen Krisenmodus. Dem widrigen Schicksal wusste er einen nüchternen, von selbstloser Pflichterfüllung geprägten Regierungsstil entgegenzusetzen. Ein (später oft propagandistisch missbrauchtes) Ethos, der ihm in den Augen der Mit- und Nachwelt Respekt und Verehrung eintrug. Seine der Stoa verpflichteten „Selbstbetrachtungen“, die ihm als Richtschnur für sein Denken und Handeln dienten, zählen zur Weltliteratur. Der 26. April 121 ist sein Geburtstag.

[] Photosynthese, die

Aufbau organischer Verbindungen aus einfacheren Stoffen unter Mitwirkung von Licht

Bäume entziehen der Atmosphäre durch Photosynthese Kohlenstoffdioxid. Sie nutzen den Kohlenstoff zum Holzaufbau, geben den Sauerstoff aber wieder ab. Zersetzt sich das Holz nun oder wird es verbrannt, verbinden sich Kohlenstoff und Sauerstoff erneut zu CO₂. Wälder, vor allem große tropische, wirken also als wahre Kohlenstoffdioxid-Speicher und helfen als solche dabei, das Weltklima zu stabilisieren. Werden sie zerstört, bleibt weniger CO₂ gebunden. Die Folge: zunehmende Erderwärmung. Am heutigen Tag des Baumes, der seit 69 Jahren in Deutschland am 25. April begangen wird, soll an die Schutzwürdigkeit von Bäumen und Wäldern erinnert werden.

[] meistern, Vb.

etwas gut bewältigen, einer Sache Herr werden, etwas meisterhaft beherrschen

Der Meister meistert im Deutschen bereits seit dem frühen Mittelalter, die deutsche Betonung des ursprünglichen lateinischen Lehnworts „mágister“ (Vorsteher, Leiter, Lehrmeister, Lehrer) führte zum Verlust des inneren g, die Form „maistar“, „meistar“ entstand alternativ und wurde semantisch aufgefächert, bezeichnete nun u. a. auch den Baumeister und den Künstler. Interessanterweise lässt sich bereits um 1000 n. Chr. die feminine Form „Meisterin“ (ahd. meistarinna) nachweisen: Die Wortgeschichte gibt also preis, dass sich Frauen zumindest in einigen Bereichen schon im Mittelalter beruflich vorkämpfen konnten.

[] Revolution, die

grundlegende Veränderung, tiefgreifender Wandel bestehender Verhältnisse auf dem Gebiet der Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Kultur, Moral, des Denkens o. Ä., besonders durch Einführung von etwas Neuem

Die Erfindung des Buches ist ein Geschenk der Antike an die Menschheit: Die vermeintlich simple Idee, einen flexiblen Beschreibstoff zu falten, in Lagen miteinander zu verbinden und durch einen Einband zu schützen, war revolutionär. Nie zuvor gab es einen Informationsspeicher, der vergleichbar große Mengen an Daten vorhalten konnte, der (anders als die Schriftrolle) einen direkten Zugriff auf jede Informationseinheit bot und (anders als die Tontafel) leicht transportabel war. Das Buch hat die Religionen, die Wissenschaft, ja die Menschheitsgeschichte geprägt wie kein anderes Medium. Heute ist der Welttag des Buches.

[] Menschenkind, das

vertraulich: Mensch

Er gilt als einer der bedeutendsten englischen Romane überhaupt: „Tom Jones – Die Geschichte eines Findelkindes“ entstand (und spielt) im mittleren 18. Jh. und liest sich als humanistisch-humoristischer Kommentar auf Politik und Gesellschaft seiner Zeit. Im Zentrum steht die Titelfigur Tom Jones, ein freundlicher Wildfang, dessen nonkonforme Zeugung und Geburt einem nonkonformen, dennoch von Allzumenschlichem geprägten Lebensweg vorausgehen. Begleitet werden Protagonist und Leser von einem höchst präsenten Erzähler, dessen polemisch-ironische Zunge dem Roman seinen besonderen Reiz verleihen. Sein Autor, Henry Fielding, kam am 22. April 1707 zur Welt.

[] Wolfskind, das

Kind, das während seiner frühen Entwicklungsphase ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwuchs, in der Wildnis von Wölfen und anderen Tieren aufgezogen wurde und deshalb ein von der Norm menschlichen Zusammenlebens abweichendes Sozialverhalten und kognitives Leistungsvermögen aufweist

Ihre Zeugung: erzwungen und stürmisch. Ihre Geburt: begleitet von Intrige, gefolgt von Aussetzung. Die fürstlichen Zwillinge hatten einen schweren Start. Jedoch: Rettung kam von unerwarteter Seite. Eine Wölfin erkannte die Not der hilflosen Säuglinge, adoptierte und nährte sie – so die Legende. Den Wolfskindern Romulus und Remus gelang später die Rache am intriganten Amulius. Zur Belohnung durften sie eine Stadt gründen, gerieten jedoch über die Namensgebung in Streit. Am Ende erschlug Romulus seinen Bruder und wurde zum Urvater der heutigen Hauptstadt Italiens. Ihr Gründungsdatum legten römische Gelehrte auf den 21. April 753 v. Chr. fest.

[] Traumziel, das

Ziel, das jmd. sich erträumt, wohin es jmdn. zieht, Sehnsuchtsort; sehnlichst angestrebtes, erwünschtes Ziel

Für den jungen in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsenen Franzosen René Caillié (*1799) war Lesen, besonders von Reiseberichten, weit mehr als Flucht aus trostlosen Lebensverhältnissen: Sein Sehnsuchtsort war Timbuktu, jene sagenumwobene Stadt in Mali, von der kein Europäer je lebend zurückgekehrt war. Dass Caillié dieses Ziel als Forschungsreisender unter größten Gefahren am Ende schließlich erreichte, zeugt von Entschlossenheit und unbedingter Hingabe. Timbuktu selbst war eine Enttäuschung. Die Stadt hatte, als René Caillié sie am 20. April 1828 erreichte, ihre goldenen Zeiten längst hinter sich.

[] Meeresleuchten, das

nächtliches Leuchten des Meerwassers, das durch Phosphoreszieren kleiner Lebewesen hervorgerufen wird

Es ist ein seltenes und seltsames Phänomen, das nächtliche Leuchten des Meeres: Blau und grün schimmert das Wasser auf Wellenkämmen, jeder Schritt, jeder geworfene Stein entfacht ein Feuerwerk, die sonst schwarze See scheint Saphire zu verschenken. Vor etwa 190 Jahren bewies der Humboldtfreund und Begründer der Mikrobiologie Christian Gottfried Ehrenberg, dass in Momenten wie diesen nicht das Wasser selbst leuchtet, sondern darin lebende Mikroorganismen, die bei Berührung abwehrende Lichtsignale aussenden. Ehrenbergs Nachkommen erforschen dieses faszinierende Phänomen noch in der Gegenwart. Er selbst feierte heute seinen 226. Geburtstag.

[] aufrecht, Adj.

hochgerichtet, gerade

Einer der bedeutendsten Dickschädel der Menschheitsgeschichte erblickte am 18. April 1947 (zum zweiten Mal) das Licht der Welt. Der Name des Individuums: Mrs. Ples. Ihr gelang es seither, mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten. Unter anderem deshalb, weil Frau Plesianthropus (die möglicherweise doch ein Mann war), bereits vor mehr als 2 Mio. Jahren verstorben ist. Ihr Schädel wird als der vollständigste je gefundene eines Australopithecus africanus bewertet. In der Nähe ausgegrabene Hüft- und Oberschenkelknochen, möglicherweise ihre, belegten das bis dahin Ungeglaubte: Ihre Art beherrschte, trotz des geringen Gehirnvolumens, bereits den aufrechten Gang.

[] Bazooka, die

tragbares Gerät zum Abschießen von Raketen kleinen Kalibers, das meist von zwei Personen bedient wird und hauptsächlich der Panzerabwehr dient; bildlich, übertrieben: (finanzpolitische) Maßnahme, die unter erheblichem Mitteleinsatz einen messbaren Effekt erzielen, eine (Finanz- oder Wirtschafts-)Krise abwenden soll

Ob „Papiertaschentuch“ oder „Lippenfettstift“ – im Alltag verwenden wir für diese Begriffe meist gewisse Markennamen, die sich als Gattungsnamen durchgesetzt haben. Einen ähnlich „durchschlagenden“ Erfolg hatte die 1942 in den USA eingeführte, leicht zu bedienende Panzerabwehrhandwaffe „Bazooka“, so benannt nach der äußeren Ähnlichkeit mit einem weit weniger bekannten Blechblasinstrument. In Deutschland kennt man sie als „Panzerfaust“ (übrigens ebenfalls ein Markenname). Seit der Finanzkrise trat eine friedlichere Bedeutung hinzu: Wenn heute Finanzminister die Bazooka auspacken, reißen sie schlimmstenfalls Löcher in die Staatshaushalte.

[] polyglott, Adjektiv

viele Sprachen sprechend

Sir Peter Ustinov war Weltbürger durch und durch: Der Brite russischer, französischer, deutscher, schweizerischer, italienischer und äthiopischer Herkunft beherrschte schon als Kind viele Sprachen. So wie er zwischen Idiomen wechseln konnte, so mühelos tauschte er im späteren Leben die Rollen: Als Hollywoodstar gab er den Nero, als Sonderbotschafter der UNESCO engagierte er sich für Kinder und kämpfte als Aphoristiker für die Komik. Auf die Frage, was für ihn die Hölle ausmache, meinte er: „italienische Pünktlichkeit, deutscher Humor und englischer Wein“. Heute vor 100 Jahren wurde das Multitalent geboren.

[] frivol, Adj.

Vernunft und Gewissen verletzend, leichtfertig; Sitte und Moral verletzend

„Ach, was muss man oft von bösen / Kindern hören oder lesen!“ Besonders oft von den beiden bösen Buben Max und Moritz, denn ihre Übeltaten füllen eins der meistverkauften und -übersetzten Kinderbücher aller Zeiten. An der satirischen Bildergeschichte schieden sich nach ihrer Veröffentlichung vor knapp 150 Jahren aber zunächst die Geister: Zwar schoss die Auflagenzahl bald in die Höhe, Pädagogen kritisierten die Geschichte jedoch als frivol und jugendgefährdend. Die steirische Schulbehörde verbot sogar noch um 1930 ihren Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren. Ihr Schöpfer Wilhelm Busch kam am 15. April 1832 zur Welt.

[] Jalousie, die

Schutz des Fensters, der aus schmalen, dünnen Holzbrettchen besteht, die an den Seiten durch Schnüre miteinander verbunden sind und dadurch verstellt, hochgezogen oder heruntergelassen werden können

Die Nonchalance, mit der Sprachpuristen bei ihren Fremdwortverdeutschungen über Bedeutungsdifferenzierungen hinweggehen, tritt selten so unverblümt zutage, wie bei dem, was Eduard Engel (1851–1938) in seinem „Entwelschungs“-Wörterbuch über die Jalousie schrieb: „Man hatte schon im 17. u. 18. J. Fensterläden in Deutschland (...); das Suchen nach genaueren Bezeichnungen ist müßig (...) Oder ist J[alousie] etwa ‚genauer‘ als Laden?“ Heute vor 209 Jahren reichte der Pariser Tischler Cochot das Patent für die Jalousie mit verstellbaren Lamellen ein. Und, ja: Die Bezeichnung ist tatsächlich präziser als „Laden“.

[] unerhört, Adj.

(abwertend) empörend, schändlich, unverschämt; noch nie dagewesen, einmalig in seiner Besonderheit; (übertrieben) ungeheuer, gewaltig, groß, unglaublich

Er gilt als Avantgardist. Sowohl das Hör- als auch das Musiziererlebnis seiner „Messe de Nostre Dame“ muss die Gläubigen seinerzeit zugleich schockiert und entzückt haben: Rhythmisch höchst komplex, vierstimmig, oft dissonant und als Zyklus komponiert war diese Messe – in allen Wortsinnen – unerhört. Die Kirche war nicht begeistert, Papst Johannes XXII. hatte Werke dieser Art (Ars Nova) in einer Bulle sogar verboten. Das Enfant terrible: Guillaume de Machaut, französischer Musiker, Dichter und Domherr in Reims. Er starb in ungewöhnlich hohem Alter am 13. April 1377, der Legende nach soll das Meisterwerk bei einer Totenmesse für ihn aufgeführt worden sein.

[] Seife, die

aus Alkalisalzen höherer Fettsäuren bestehender Stoff, der in fester, flüssiger oder pastenartiger Form besonders zur Körperpflege und für die Reinigung von Textilien verwendet wird

Die Seife ist momentan (hoffentlich) in aller Hände. Bei den Germanen allerdings ging es mit ihr um Haut und Haare: Plinius zufolge wurde Seife aus Talg, Asche und Pflanzensäften nämlich weniger zur Körperpflege als zum rituellen Rotfärben des Schopfes vor Kampfhandlungen eingesetzt. Ägypter und Sumerer nutzten Seife als Heilmittel auf Wunden. Erst die Römer entdeckten ihre reinigende Wirkung. Die Bezeichnung „sapo“ für jene Naturkosmetik haben sie aber (vermutlich) aus dem Norden mitgenommen: Das Wort gilt als lateinischer Germanismus. Seife in ihrer heutigen, wohlriechenden Form verdanken wir übrigens den Arabern des 7. Jh.

[] tote Hose, die

umgangssprachlich: Mangel an Aktivität, Abwechslung oder Unterhaltung; nichts (mehr) los

Am 11. April 1954 war tote Hose, weltweit. Naja, nicht ganz: Immerhin wird in Kassel eine Schmalspurbahn stillgelegt, ein amerikanischer Wrestler kommt zur Welt, am Broadway feiert ein Musical Premiere. Diese nennenswerten Ereignisse eingerechnet identifizierte das Computerprogramm „True Knowledge“ des Briten William Tunstall-Pedoe 2010 auf der Basis von 300 Fakten und mithilfe komplexer Algorithmen jenen 11. April als den langweiligsten Tag des 20. Jahrhunderts. Eisenbahnfans, Kampfsportenthusiasten und Freunde des schmissigen Bühnenhits sehen das sicher anders.

[] Geschwister, das

Kinder derselben Eltern; Geschwisterteil

Heute ist Tag der Geschwister. Auch wenn es immer mehr Leute gibt, die aufgrund von Ein-Kind-Familien diese Erfahrung nicht machen, so war es bis vor Kurzem so üblich wie prägend, mit anderen Kindern derselben Eltern zusammen aufzuwachsen. So spannend wie diese Erfahrung ist auch die Herkunft des Wortes: Die Kollektivbildung nach dem Muster „Berg → Gebirge“ (= Gesamtheit der Berge) bezeichnete ursprünglich nur die anderen Schwestern (es gab ja auch die „Gebrüder“), seit der Neuzeit aber alle Geschlechter.

[] scharwenzeln, Vb.

umgangssprachlich, abwertend: sich übereifrig, unterwürfig um jmdn. bemühen, liebedienern

Wären Wörter Puppen und wären Umdeutungen und volksetymologische Umgestaltungen Nadel und Faden, dann wäre wohl kaum eine Wortpuppe derart zusammengestückelt wie „scharwenzeln“ (auch: „scharwänzeln“, „scherwenzeln“). Denn: Darin steckt die Form der tschechische Bezeichnung für den Herzbuben (červenc), der (immerhin auch) tschechische Name „Wenzel“, die Bedeutung von deutsch „schwänzeln“ und landschaftlich lässt französisch „cher“ (lieb) seinen Gruß ausrichten. So wird aus dem harmlosen Spielen der Karten der abwertende Name für allzu dienstbeflissenes Umschmeicheln.

[] Färöisch, das

auf der Inselgruppe der Färöer beheimatete Sprache aus dem nordgermanischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie

Trotz ihrer nur etwa 50.000 Einwohner konnte sich bedingt durch die besondere geografische Situation der Färöer eine höchst diverse Dialektlandschaft entwickeln. Frühe Versuche, die Dialekte in einer gemeinsamen Schriftsprache zu vereinen, scheiterten. Erst die Bemühungen des Theologen und Philologen Venceslaus Ulricus Hammershaimbs konnten sowohl die Fachwelt als auch die Färinger überzeugen: Eine auf etymologischen Prinzipien beruhende und an das Altnordische angelehnte Schriftsprache sollte nicht nur für die Färinger, sondern auch für Sprecher verwandter Sprachen leichter verständlich sein. Der Sprachpionier verstarb am 8. April 1909.

[] blauer Brief, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: förmliches Schreiben, das eine Mahnung oder Information über drohende Maßnahmen enthält

Lump, Haderlump, Fötzel, Lappen: Die Eigenart des Deutschen, verachtete Charaktere mit der Bezeichnung für Stoffabfälle, also etwas vermeintlich Wertlosem, zu bezeichnen, mutet seltsam an. Denn eigentlich spielten Textilreste bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, bildeten sie doch den begehrten Rohstoff für die Papierherstellung. Waren allerdings zu viel Militäruniformen unter den Lumpen, färbte sich das Papier blau. Diese wenig attraktive und daher billigere Variante fand daher besonders in Amtsstuben Verwendung und wurde oft in Form der sprichwörtlichen blauen Briefe verschickt.

[] vergöttern, Vb.

jemanden abgöttisch lieben, schwärmerisch verehren, bewundern

Ob diese Begegnung Fiktion ist oder Wirklichkeit, wird die Geschichte wohl nie preisgeben. Es spielt auch keine Rolle, denn die (literarische) Bedeutung eben jener Begegnung ist eine absolut reale: Am 6. April des Jahres 1327 traf der italienische Dichter Francesco Petrarca in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon erstmals die junge Laura (möglicherweise Laura de Sade), die sich zum femininen Idealbild und zur Projektionsfigur eines der erfolg- und einflussreichsten Gedichtzyklen aller Zeiten entwickeln sollte. Petrarcas „Canzoniere“ beeinflusste zahlreiche Poeten (Ronsard, Shakespeare, Schlegel etc.) von der Renaissance bis zur Moderne.

[] Ei des Kolumbus, das

verblüffend einfache und effektive Lösung für ein (vermeintlich) kompliziertes Problem

Als Kolumbus 1493 auf die Vorhaltung, die Entdeckung Amerikas sei nichts Besonderes (jeder hätte ja die Idee haben können, nach Westen zu segeln), die Zuhörer aufforderte, ein Ei senkrecht auf den Tisch zu stellen, was natürlich keinem gelang, schlug er das Ei so heftig auf die Tischplatte, dass es unten zerbrach und stand. So überliefert es uns Girolamo Benzonis „Historia del Mondo Nouvo“ (1565). Möglicherweise hat dieser jedoch bei Giorgio Vasari „geklaut“, der Gleiches über Brunelleschi berichtet. Dieser wollte mit dem „Eierbeweis“ allerdings die Statik der von ihm geplanten Kuppel des Mailänder Doms demonstrieren.

[] Osterfeuer, das

ein offenes Feuer, das am Karsamstag, vorzugsweise in der Nacht, im Freien entzündet wird

In vielen deutschsprachigen Regionen ist es Brauch, in der Osternacht aus Reisig, Grüngut (und dem ein oder anderen Restweihnachtsbaum) ein Feuer zu entfachen. Vermeintlich heidnischen Ursprungs war das Osterfeuer der Kirche zunächst unbekannt, wurde im Jahr 751 als unchristlich geächtet und verboten, dann schließlich zum Symbol für Jesus als Licht der Welt umgedeutet. Eine besonders spektakuläre Form dieses Brauchtums findet sich u. a. in Ostwestfalen. Ein bis zu 300 kg schweres, mit Stroh gefülltes brennendes Osterrad wird einen Hang hinuntergerollt, die eingeschlagene Bahn als Jahresomen ausgedeutet.

[] Pessach, das

im März oder April von den Juden gefeiertes achttägiges Fest, das an den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten erinnert

Christliche Feiertage fielen, anders als das Manna, nicht vom Himmel, und so beruht unser Ostern auf dem jüdischen Pessachfest. An acht Tagen wird hier die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert. Das hebräische „pesaḥ“ (aramäisch „pasḥa“, daher griechisch „páscha“ und unser „Passa(h)“) bedeutet „Auslassen“, denn als zehnte und entscheidende Plage Gottes, die den Auszug aus Ägypten ermöglichen sollte, suchte der Engel des Todes das Land heim und nahm jeden Erstgeborenen mit sich – ausgelassen wurden nur die mit einem bestimmten Blutmal markierten Häuser der Israeliten.

[] Stille, die

Zustand des Ungestörtseins, äußere, durch keinen Lärm gestörte Ruhe

Der Karfreitag ist in Deutschland ein stiller Tag: In vielen Bundesländern müssen – in „normalen“ Jahren – alle Nachtvögel ihrem Tanzbein 24 Stunden lang Ruhe gönnen, sportliche Wettkämpfe sind untersagt und Musik darf nur aufgeführt werden, wenn sie zum Anlass passt. Auch Cineasten müssen auf zu Tollkühnes verzichten: Filme mit dem Freigabezusatz NF (nicht feiertagsfrei) dürfen nur im eigenen Wohnzimmer laufen. Wenigstens in dieser Hinsicht macht es uns die COVID-19-Pandemie etwas leichter: Partys, Wettkämpfe und Kinobesuche sind tabu, der Tag in der Tat vergleichsweise still. Wir hoffen, nicht mehr allzu lange.

[] Humor, der

gelassene Heiterkeit, die den Menschen befähigt, in schweren Situationen eigene und fremde Schwächen zu belächeln und den Mut zu bewahren

Beim Humor zeigt sich die Etymologie von ihrer bestgelaunten Seite: Das Wort ist nämlich eine dreifache Entlehnung. Ursprünglich abgeleitet von lat. „ūmor“ (Feuchtigkeit) bezeichnet es in der antiken und mittelalterlichen Medizin die vermeintlichen vier Grundsäfte des Körpers, die die vier Temperamente bestimmen. Entsprechend wurde „Humor“ im Deutschen im Sinne von „Laune, Stimmung“ verwendet, während das englische „humour“ zunehmend für eine „heitere literarische Gattung“ stand. Ab etwa 1730 wurde dies als Lehnbedeutung ins Deutsche übernommen – die Endbetonung des Wortes jedoch stammt von den Franzosen („humeur“).

[] auftürmen, Vb.

etw. turmartig aufbauen; wie ein Turm aufragen

„(Er) spricht die Fantasie an, er ist etwas Unerwartetes, etwas Fantastisches, das unserer Kleinheit schmeichelt“, so die erstaunte Presse über das bei seiner Eröffnung am 31. März 1889 höchste Gebäude der Welt. Das Lob kam unerwartet, bereits vor Baubeginn hatte das Projekt nämlich energische Proteste ausgelöst: Künstler sahen in ihm eine Verkennung des „französischen Geschmacks“, ein Mathematiker hatte schon den Einsturz des schlicht zu schweren Konstrukts vorausberechnet, die „wirklich tragische Straßenlaterne“ (Léon Bloy), der Eiffelturm, wurde jedoch bald zum alles andere als tragischen, zum vielgeliebten Wahrzeichen der Stadt Paris.

[] für einen Apfel und ein Ei, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich: sehr preiswert; für einen äußerst geringen (nicht angemessenen) Geldbetrag

Aus Sicht der russischen Regierung war es eigentlich ein gutes Geschäft: Die russische Kolonie Alaska war weit entfernt, ihre überjagten Tierbestände versprachen keinen Profit mehr, gegen die verfeindeten Engländer ließ sie sich nicht verteidigen und in der Staatskasse herrschte nach dem Krimkrieg Ebbe. Als der Außenminister der damals noch befreundeten Vereinigten Staaten, William H. Seward, den Ankauf vorschlug, zierte sich der Zar nicht lange. Am 30. März 1867 einigte man sich auf einen Preis von 7,2 Millionen Dollar. Knapp 5 Dollar pro Quadratkilometer – aus heutiger Sicht ein echtes Schnäppchen.

[] Stau, der

durch Absperrung bewirkter Stillstand und das Ansteigen von etw. Fließendem, Strömendem, besonders von Wasser

An den Niagarafällen, wahrscheinlich den bekanntesten Wasserfällen der Welt, fällt der Ontariosee 57 m in die Tiefe. Die „American Falls“ haben eine Kantenlänge von 260 m, die „Horseshoe Falls“, durch die die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft, sogar eine von 670 m. Tagsüber stürzen an diesen mindestens 2832 m³/s Wasser in die Tiefe, unfassbare Mengen. Dennoch schaffte es in der Nacht des 29. März 1848 eine Eisscholle auf dem Eriesee, die Wassermassen für 30 bis 40 Stunden aufzuhalten: Für fast zwei Tage waren die Niagarafälle trockengelegt, Wasserräder hielten an, mehrere Mühlen und Fabriken mussten kurzzeitig die Produktion stoppen.

[] erpressen, Vb.

jmdn. durch Drohungen oder Gewalt zwingen, etw. herauszugeben

Die Wikinger – sie waren ausgekochte Geschäftsleute, skrupellose Krieger, dabei polyglott und hochmodern. Für die Klöster und Städte in Küstennähe waren sie eine ständige Bedrohung. Mit ihren Drachenbooten konnten sie aber auch über die Flüsse tief ins Binnenland vorstoßen. In der Osternacht am 28. März 845 mussten dies die Pariser leidvoll erfahren, als der Wikingerführer Reginheri mit wohl einigen Dutzend Schiffen vor der Stadt erschien. König Karl dem Kahlen blieb nichts anderes übrig, als zu zahlen, wollte er Schlimmeres verhüten. Mit über 2,5 Tonnen Silber sollen die Wikinger abgezogen sein.

[] vermaledeit, Adj.

verflucht, verwünscht

Eigentlich hatten die Mönche der Abtei Charroux, so die Legende, die Kreuzreliquie, ein Geschenk Karls des Großen, schlicht vor den Normannen retten wollen, als sie sie dem Grafen Vulgrin I. zur Aufbewahrung in Angoulême übergaben. Nun erhob sein Sohn Alduin I. den Holzsplitter zum siegbringenden Symbol im Kampf gegen die gerade in Aquitanien wütenden Wikinger – und rückte ihn nicht mehr heraus. Eine fatale Entscheidung: Ihn befiel ein Krankheitsfluch, seine Gefolgsleute verwandelten sich in menschenfressende „Wölfe“. Erst die demütige Rückgabe beendete die Vermaledeiung. Am 27. März 916 verstarb er dann (vergleichsweise) friedlich.

[] in weiser Voraussicht, Mehrwortausdruck

in der vorausschauenden und umsichtigen Annahme, dass etwas in Zukunft erforderlich sein wird

Was mittelalterliche Städte von neuzeitlich angelegten Planquartieren unterscheidet, sind die verwinkelten, engen Gassen, die von ungeregeltem Wachstum zeugen. Doch es gibt ein bemerkenswertes Gegenbeispiel: die unter Kaiser Karl IV. angelegte Prager Neustadt. Deren Konzeption verrät erstaunliche Weitsicht. Grundstücke, Straßenführung, Marktplätze, selbst Preise – alles wurde im Vorhinein geplant und festgelegt. Glanzstücke waren die außergewöhnlich breiten Straßen und der Rossmarkt (heute Wenzelsplatz), mit seinen 60 x 750 m bis heute der größte Stadtplatz Europas. Am 26. März 1348 legte Karl den Grundstein.

[] Broterwerb, der

Arbeit, die nicht aus innerer Neigung, sondern wegen der Verdienstmöglichkeiten ausgeführt wird

Das ätherisch anmutende Jugendbildnis Friedrichs von Hardenberg, alias Novalis, verleitet zur Vermutung, er sei nicht von dieser Welt, seine irdische Tätigkeit nur ein Brotberuf gewesen. Das Gegenteil ist der Fall: Hardenberg war leidenschaftlicher Geologe mit solider naturwissenschaftlicher Ausbildung. Als Salinenassessor betrieb er die Erschließung von Braunkohlelagerstätten (Kohle wurde für die Salzgewinnung benötigt) und er war an der geologischen Exploration Kursachsens beteiligt. Sein früher Tod am 25. März 1801 setzte nicht nur der Karriere des Romantikers, sondern auch der des Montanwissenschaftlers ein vorschnelles Ende.

[] bahnbrechend, Adj.

epochemachend, umwälzend

Was haben Madame de Pompadour, Franz Kafka und Nelson Mandela gemeinsam? Sie alle erkrankten an Tuberkulose. Weltweit infizieren sich immer noch etwa 10 Millionen Menschen pro Jahr mit dieser vor allem über Aerosole übertragenen Infektionskrankheit. Eine Gefahr für Leib und Leben wurde sie im zunehmend dichter besiedelten Europa bereits vor mehreren hundert Jahren. Noch im 19. Jh. fiel ihr im Deutschen Reich ein Siebtel der Bevölkerung zum Opfer. Die Rettung kam am 24. März 1882: Robert Koch verkündet die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers – dieser wurde endlich erforsch- und bekämpfbar. 1905 erhielt Koch dafür den Nobelpreis für Medizin.

[] okay, Adverb

jawohl; es ist recht; verstanden

Dieser englische Zweisilber ist ein Wort der Superlative: Er ist nicht nur in so viele Sprachen auf der Welt gelangt wie kein anderer (nur wenige widerstehen ihm wie die Griechen mit ihrem εντάξει, dt.: in Ordnung), es existieren auch viele verschiedene Schreibweisen – OK, O.K., Ok, ok, o.k. – und zahlreiche Erklärungsversuche über seine Herkunft. Während viele davon urbane Legenden sind, ist eine inzwischen weitgehend anerkannt: Der „okaye“ Ursprung liegt in einer dem damaligen Zeitgeist entsprechend scherzhaft-inkorrekten Abkürzung für „all correct“, die mit der Boston Morning Post vom 23. März 1839 ihren Siegeszug begann.

[] resilient, Adj.

fähig, Belastungen und negativen Einflüssen zu widerstehen und sich von negativen Ereignissen wie schweren Erkrankungen, Katastrophen, Schicksalsschlägen o. Ä. wieder zu erholen

„O Haupt voll Blut und Wunden“, „Geh aus mein Herz und suche Freud“, „Nun ruhen alle Wälder“: Als einer der wenigen Barockdichter hat der am 22. März (greg.) 1607 geborene Paul Gerhardt über Volks- und Kirchenlieder Eingang ins kollektive Bewusstsein gefunden. Das Trauma des Dreißigjährigen Krieges versuchte er durch radikale Hinwendung zu tiefer Frömmigkeit und eine emotional gefärbte Naturerfahrung zu heilen. Tatsächlich schlug seine Poesie (obwohl er dies selbst nicht beabsichtigte) Brücken, ist sie doch bei Katholiken wie Protestanten gleichermaßen beliebt.

[] Namensgeber, der

Person, Lebewesen oder Sache, die der Benennung von jmdm. oder etw. zugrunde liegt

Wurde die Blockflöte von Olaf Block erfunden? Der Kontrabass von Arcangelo Contra? Das Marimbaphon von Rita Marimba? Natürlich nicht, die Vorstellung scheint albern, jedoch: Tatsächlich trägt ein sehr wohlklingendes Solo- und Orchesterinstrument – es ist noch keine 200 Jahre alt – den Namen seines Erfinders: Am 21. März 1846 meldete der Belgier Adolph Sax in Frankreich ein neues Holzblasinstrument zum Patent an. Das Saxofon, klanglich in etwa zwischen Klarinette und Oboe, erlebte erst nach dem Tod seines Schöpfers, mit dem Aufkommen des Jazz im 20. Jh., seinen Siegeszug. Zum Einsatz kam und kommt es aber in allen möglichen Musikstilen.

[] Deus ex Machina, der

bildungssprachlich: unerwarteter, im richtigen Moment auftauchender Helfer in einer Notlage; überraschende, unerwartete Lösung einer Schwierigkeit

Schon die alten Griechen wussten: Der Mensch kann sich aus so manchem Schlamassel befreien, aber manchmal wird es zu viel, dann kann ihn nur die Hand Gottes noch retten. Üblicherweise erschien nicht nur die Hand, sondern der ganze Gott, in unterschiedlicher Form und Gestalt, von einem Kran angehoben über den Köpfen der tragisch Gebeutelten und brachte Ordnung ins Chaos – zumindest auf der Bühne: der Deus ex Machina, ein antiker Special Effect. Heute kommt er kaum noch zum Einsatz, der Ausdruck selbst aber hat sich bildungssprachlich gehalten: Er bezeichnet Helfer in der Not, z. B. wunderbare Kollegen, die einem immer wieder aus der Patsche helfen.

[] Linde, die

Laubbaum mit weit ausladender Krone, herzförmigen Blättern und gelblichen, süß duftenden, nektarreichen Blüten, der ein hohes Alter erreichen kann und gern zur Anlage von Alleen angepflanzt wird

„Under der linden“ ereignete sich in der höfischen Literatur gar manch verbotene Liebe, so im berühmten Minnelied Walthers. Eneas und Dido schmusen erstmals (so die Illustration der Berliner Handschrift) unter einem Lindenbaum, Tristan und Isoldes „Minnegrotte“ wird von Linden flankiert. Im Gegensatz dazu sorgte im Nibelungenlied ein Lindenblatt für Siegfrieds Verwundbarkeit, unter einem Lindenbaum wird er von Hagen getötet. Die Tilia ist in mittelalterlichen Texten höchst präsent und höchst symbolträchtig: Mit ihren herzförmigen Blättern und ihrem betörenden Duft machte sie, ganz natürlich, auf sich aufmerksam, wurde Treffpunkt, Schauplatz und Hüterin großer Geheimnisse.

[] Daumenkino, das

kleiner Block aus Zetteln mit Bildern, die beim raschen Aufblättern (mithilfe des über die seitliche Kante des Blocks geführten Daumens) einen Bewegungsablauf (wie beim Zeichentrickfilm) ergeben

Heute vor 153 Jahren meldete der britische Drucker John Barnes Linnet das Patent für das Daumenkino an. Man sollte meinen, im Computerzeitalter habe sich das Prinzip überlebt. Tatsächlich aber hat die schnelle Abfolge von Bildern, die beim Betrachter die Illusion einer Bewegung erzeugt und den Figuren auf dem Papier Leben einzuhauchen scheint, wenig von ihrer Faszination eingebüßt. Was sich nicht zuletzt auch an ihren digitalen Nachfolgern, den animierten Gifs, zeigt. Natürlich gibt es auf YouTube zahlreiche Anleitungen, wie man sich – ganz analog – ein Daumenkino selbst herstellen kann.

[] Sehnsucht, die

inniges, schmerzliches Verlangen, Herbeiwünschen

Gelbsucht, Wassersucht, Eifersucht: Verbindungen mit „-sucht“ verheißen selten Gutes. Denn Sucht –verwandt mit „siech“ – steht ursprünglich für Krankheit. Die „Sehnsucht“ aber, also das eigentlich krankhafte Sehnen, wurde schon früh in der galanten Poesie des Barock als schmerzliches Liebesverlangen aufgewertet: „So kan ich länger doch nicht schweigen / Mein hertze nimmt die sehnsucht ein / Es wil sich fast zum tode neigen / Und länger nicht mehr meine seyn.“ Seinen Charme hat sich das altertümliche Wort bis heute bewahrt, selbst im Englischen ist es unter der Bedeutung „wistful longing“ bekannt.

[] Grundriss, der

kurzgefasstes Lehrbuch über ein bestimmtes Gebiet

Man könnte ihn einen Universalgelehrten der Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft nennen: Kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert fasste Karl Brugmann, der von 1887 bis zu seinem Tod 1919 in Leipzig wirkte, das in hundert Jahren moderner europäischer Linguistik gesammelte Wissen über die indogermanischen Sprachen zusammen. Sein „Grundriß der vergleichenden Grammatik“ ist allerdings kein kurzgefasstes Lehrbuch, sondern ein Referenzwerk, das schon aufgrund seiner stupenden Materialfülle bis heute genutzt wird. Am 16. März 1849 kam er in Wiesbaden zur Welt.

[] Tücke, die

boshafte Handlung, hinterhältiger Anschlag

Es sind meist die Sieger, die Geschichte schreiben: Er habe sich in Notwehr verteidigt. Eine andere Entschuldigung lautet, er habe Verwandte gerächt. Tatsächlich handelte der gotische Heerführer Theoderich aus purer Heimtücke: Nach langen, verlustreichen Kämpfen hatte er 493 mit seinem Gegner Odoaker, dem faktischen Herrscher Roms, Frieden geschlossen und den einstigen Kriegsgegner zum Bankett eingeladen. Und Odoaker, der dem Eid Theoderichs vertraute, lief ahnungslos in die Falle. Als er am 15. März den Lauretum-Palast in Ravenna betrat, wurde er von Theoderich eigenhändig mit dem Schwert ermordet.

[] huckepack, Adv.

jemanden, etw. auf dem Rücken tragen

Die Lorscher Chronik enthält eine eigentümliche Sage: Eginhard, ein junger Gelehrter, und Emma, Tochter Karls des Großen, verabschieden sich nach einem nächtlichen Liebesabenteuer. Damit der Bursche im frisch gefallenen Schnee keine Spuren hinterlässt, entschließt sich Emma, ihn kurzerhand huckepack über den Hof zu tragen. Die beiden werden entdeckt, doch Karl lässt Milde walten und erlaubt ihre Heirat. Historische Belege für diese Mär gibt es so zwar keine, immerhin aber ist Eginhard (Einhard) eine reale Persönlichkeit: Der Hofbiograf verfasste mit der Vita Karoli Magni eine der meistüberlieferten Schriften des Mittelalters. Heute ist sein Todestag.

[] Arbeitseifer, der

ernstes Bemühen, seine Arbeit die Erwartungen übertreffend zu verrichten

Das Hoheitszeichen der Bundeswehr, die Inneneinrichtung vieler Schlösser, Porzellanvasen, Denkmäler und nicht zuletzt die vielen das Stadtbild Berlins prägenden Gebäude (Neue Wache, Altes Museum, Friedrichswerdersche Kirche und viele andere): Es gibt nur wenige öffentliche Bereiche, in denen sich Karl Friedrich Schinkel nicht verewigt hat. Das Arbeitspensum des preußischen Architekten, Baumeisters, Malers und Designers erscheint uns heute unglaublich. Vor 240 Jahren wurde er geboren.

[] Schnelltest, der

Prüfverfahren, das einen geringen Zeitaufwand erfordert und meist schon nach kurzer Zeit ein Ergebnis liefert

Tests zur schnellen Diagnose sind keine moderne Erfindung: Wohl über zwei Jahrtausende war das Uringlas ständiger Begleiter des Arztes, der anhand von Farbe, Konsistenz und Geschmack des Körpersafts auf Krankheiten schloss. Mit dem Aufkommen präziserer und unkomplizierter Analysemethoden konnten schließlich auch Patienten selbst ihre Gesundheit im Blick behalten. Und mit der Bedrohung durch Aids kam der Gedanke auf, dass Selbsttests, die ein schnelles Ergebnis liefern, auch dabei helfen könnten, eine Epidemie einzudämmen. Seit Beginn dieser Woche sollen die Mini-Labore dazu beitragen, dem Corona-Virus die Stirn zu bieten.

[] Tsunami, der oder die

überwiegend durch Seebeben oder heftige Winde ausgelöste, sich mit hoher Geschwindigkeit ausbreitende Welle, die sich in Küstennähe zu einer hohen Flutwelle auftürmt und in küstennahen Landstreifen starke Zerstörungen verursachen kann

Am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit bebte die Erde. Nichts Ungewöhnliches in diesem Teil der Welt – man lebt und baut entsprechend. Auf die Gewalt der Ereignisse heute vor 10 Jahren war man aber doch nicht vorbereitet: 9,1 Mw auf der Momenten-Magnituden-Skala maß das Tōhoku-Erdbeben, es gilt als das stärkste in Japan je aufgezeichnete. Der folgende Tsunami überflutete über 500 km² Küste, führte zu katastrophalen Unfällen in mehreren Atomkraftwerken und sorgte für unermessliche menschliche Verluste. In Otsuchi wurde eine Telefonzelle zum Trostspender für Angehörige: Mit dem darin befindlichen „Kaze no Denwa“, dem Windtelefon, können diese mit den Verstorbenen kommunizieren.

[] lange Leitung, Mehrwortausdruck

umgangssprachlich, abwertend: Begriffsstutzigkeit, Langsamkeit beim Denken

„Eine Schraube locker haben“, „unterbelichtet sein“, „etw. nicht auf dem Schirm haben“: Wenn kognitive Defizite mehr oder (meistens) weniger einfühlsam thematisiert werden, bedient man sich häufig technischer Metaphern. Auch die „lange Leitung“ aus den Anfangstagen des Telefonnetzes gehört dazu, waren doch schwächelnde Signale, abbrechende Kontakte bei Ferngesprächen die Regel. Die erste Leitung, mit der der Siegeszug des Fernsprechers begann, war allerdings kurz: Heute vor 145 Jahren bestellte Alexander Graham Bell seinen Assistenten erstmalig per Telefon zu sich. Er befand sich in einem Nebenzimmer.

[] verhohnepiepeln, Verb

jmdn. oder etw. durch höhnische, provozierende Übertreibung verspotten, ins Lächerliche ziehen; jmdn. auf den Arm nehmen, veralbern

Manche Wörter sprechen einfach durch ihren Klang für sich. „Verhohnepi(e)peln“ ist so ein Ausdruck, in dem der Spott schon mitschwingt. Denn neben dem „ver-“, wie in allen Wörtern dieses Feldes (vgl. „veralbern“), und dem amüsanten „piepeln“ scheint auch der „Hohn“ schon eingeflochten zu sein. Tatsächlich liegt dem Wort aber eine volksetymologische Umdeutung aus dem frühneuhochdeutschen „hohlhippe(l)n“ zugrunde, das mit Spott erst einmal nichts zu tun hat: Denn eine „hohle Hippe“ ist eigentlich eine eingerollte, hohle Waffel, wie sie von fahrenden Händlern verkauft wurde. Wie diese „Hohlhipper“ letztendlich zu Lästerern wurden, ist leider unklar.

[] erfinderisch, Adj.

um eine geschickte Lösung nie verlegen, einfallsreich

Die Not macht erfinderisch: „Wenn sich niemand sonst anschickt, eine Geschirrspülmaschine zu entwickeln, dann tu ich's eben selbst!“, so der Legende nach die Amerikanerin Josephine Cochrane, deren erstes kommerziell erfolgreiches Gerät bereits Ende des 19. Jh. jeden Privathaushalt hätte revolutionieren können – hätte nur jeder Zugang zu fließendem Warmwasser gehabt. Hotel- und Restaurantbesitzer waren immerhin begeistert von diesem Kessel, in dem in Drahtkörben aufgeschichtetes Geschirr durch Drehung gleichmäßig mit Lauge benetzt und so vor teurem Malheur geschützt gereinigt werden konnte. Die Erfinderin kam am 8. März 1839 zur Welt.

[] balbieren, Vb.

veraltend: jmdn. rasieren, jmdm. den Bart scheren

Das altertümlich anmutende Wort „Barbier“ (aus dem altfranzösischen „barbier“) erfreut sich unter dem Einfluss der Hipster-Kultur wieder zunehmender Beliebtheit. Im früheren Sprachgebrauch existierten neben volkssprachlichen Bezeichnungen wie „Bartputzer“ oder „Bartscherer“ auch die Variante mit l: „Balbierer“. Doch während diese unterging, blieb das entsprechende Verb „balbieren“ in der Bedeutung „betrügen, übervorteilen“ erhalten, aktuell fast nur noch in der Wendung „über den Löffel balbieren“. Gemeint war ursprünglich, dass der Barbier dem Kunden einen Löffel in den Mund schob, um eingefallene Wangen für die Rasur zu straffen.

[] Vokuhila, die oder der

Frisur mit kurzgeschnittenen, mitunter anrasierten Haaren am vorderen Teil des Kopfs und deutlich längeren Haaren am Hinterkopf

Vo-rne ku-rz, hi-nten la-ng: Vo-ku-hi-la, die Hit-Frisur der 1980er, erlebt derzeit ein ungeplantes Comeback. Denn wer im Dezember mit einer bereits in die Wochen gekommenen Kurzhaarfrisur in den Winter-Lockdown schlitterte, zeigt sich jetzt gezwungenermaßen nostalgisch – naja, nicht ganz, aber fast. Ein Glück, die Rettung naht! Immerhin ist man mit dieser Frisur in bester Gesellschaft: Einst schmückten sich auch David Bowie, Rudi Völler, Nena u. v. a. mit ihr. Ob die Pandemie wohl auch den Varianten „Vokuhila-Oliba“ (+ Oberlippenbart) und „Vokuhila-Mischna“ (+ mit Schnauzbart) eine Renaissance bescherte?

[] Perücke, die

künstlicher Haarersatz, Kappe mit echtem oder künstlichem Haar, die über den Kopf gezogen wird

Zur Ehren des französischen Kriegsschiffs „Belle Poule“ erschien im Jahre 1778 eine aufsehenerregende Frisur auf einem Versailler Hofball: ein Turm aus Haar, in Wellen gelegt, auf vielerlei Weise geölt, gepudert und beduftet, darauf reitend das Modell der siegreichen Fregatte, gewissermaßen eine hölzerne Perücke. Ein Triumph, so jubelte die unbekannte Trägerin in einem Brief, sei diese Coiffure gewesen ... wenn ihr beim Aufputzen auch allerlei Tierchen, fliegende und rennende, entflohen waren. Immerhin, die Königin selbst ließ sich nach ihr erkundigen.

[] mit Haut und Haaren, Mehrwortausdruck

bezogen auf den Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit: vollkommen, gänzlich; mit allem, was dazugehört

Wenn man jemanden piesackt, peinliche Fragen stellt oder einen Denkzettel verpasst, bedient man sich unbewusst mittelalterlicher Rechtsformeln: „piesacken“ hieß nämlich: mit dem Ochsenziemer auspeitschen. Die „peinlichen Fragen“ erfolgten unter der Folter und der „Denkzettel“ war die öffentlich angeschlagene Vorladung vor Gericht. Gleiches gilt für die wegen ihrer Alliteration beliebten Wendung „mit Haut und Haar“. Was heute harmlos im Sinne von „ganz und gar“ verwendet wird, war ursprünglich eine entehrende Leibstrafe: Wer „an Haut und Haar(en) bestraft“ wurde, der wurde ausgepeitscht und kahlgeschoren.

[] Friseursalon, der

Laden, in dem ein Friseur oder eine Friseurin den Kunden die Haare schneidet, frisiert

Fast immer, wenn Haut und Haar im Mittelpunkt stehen, dominiert (man denke an Façonschnitt, Ombré-Färbung, Cremes) noch das gallische Idiom. Indes hat so manche Entlehnung im Deutschen ihr Eigenleben entwickelt: Was man hierzulande als Friseursalon kennt, ist in Frankreich der „salon de coiffure“. Denn eigentlich war der Friseur, abgeleitet von „friser“ (= kräuseln), zu barocken Zeiten der Künstler extraordinaire, der mit Stäben und Scheren feine Löckchen in Barockperücken drehte und den Damen die Haare kunstvoll toupierte, während der gemeine Barbier gesellschaftlich auf der gleichen Stufe mit Henkern und Abdeckern stand.

[] Kurzweil, die

Zeitvertreib, angenehme Unterhaltung, Scherz

Von Kollegen wie Anton Webern und Arnold Schönberg wurde sein Werk – wohl als zu kurzweilig – geringgeschätzt, die Öffentlichkeit allerdings war hingerissen – nicht nur in Deutschland, wo Kurt Weills Karriere begann, auch an Orten des Exils, an denen er nach Hitlers Machtergreifung lebte und komponierte. Und zu Recht, seine Musik scheint ein Spiegel wechselnder Welten zu sein. „Darum kann Deutschland Weill als Deutschen, Frankreich ihn als Franzosen, Amerika ihn als Amerikaner und ich ihn als Schwarzen ausgeben“, so der Dichter und Librettist Langston Hughes, mit dem Weill in den 1940ern am Broadway zusammenarbeitete. Heute vor 121 Jahren kam der Komponist zur Welt.

[] schweben, Vb.

sich ohne festen Halt frei in dem umgebenden Medium halten; von einer bestimmten Stelle herabhängen

Sie gilt nicht nur als Wahrzeichen der Stadt, sondern auch als Paradebeispiel für Pioniergeist und Ingenieurwesen: Die Wuppertaler Schwebebahn, deren erstes Teilstück heute vor 120 Jahren eröffnet wurde. Dabei war ihr Konzept mehr aus der Not geboren: Das enge Tal der Wupper, um das sich die damals noch unabhängigen Städte Vohwinkel, Elberfeld und Barmen schmiegten, bot keinen Platz für eine traditionelle Eisenbahn, Hochbahnen waren damals auch noch nicht erprobt. Das „einschienige Hängebahn-System“ löste das Problem, indem es einfach auf 10 von 13 Kilometern über dem Fluss selbst fuhr (und heute noch fährt).

[] Silberblick, der

scherzhaft: leicht schielender Blick

Heute erinnert die Bezeichnung Silberblick an die eher traurige Tradition, körperliche Gebrechen mit charakterlichen Defiziten gleichzusetzen. Dabei bezog sich „Silberblick“ ursprünglich auf das Ausschmelzen von Silber aus Bleiglanz, wie Heinrich Samter im 19. Jh. anschaulich beschrieb: „Das letzte sich bildende Häutchen [aus Bleioxid] ist schon so dünn, daß die Oberfläche in allen Regenbogenfarben schillert und beim Zerreißen das weiße Silber durchblicken läßt, welchen Augenblick man den ‚Silberblick‘ ... nennt.“ In der Poesie stand Silberblick daher auch für den Hoffnungsschimmer, den magischen Augenblick.

[] der Rote Planet, Mehrwortausdruck

der Planet Mars (Die Bezeichnung referiert auf die dominierende Oberflächenfarbe des Planeten.)

Der Rote Planet hat stets auch fiktionale Phantasien befördert. Anlass genug, einmal an den Pionier der deutschen Science Fiction, Kurd Laßwitz (1848–1910), zu erinnern. Anders als H.G. Wells zeichnete er in seinem Roman „Auf zwei Planeten“ die Kultur der „Martianer“ als utopischen Gegenentwurf zu der von Kriegen und Ungerechtigkeit gebeutelten irdischen Zivilisation. Laßwitz war Optimist: Als reale Vorlage für den Romanhelden und Wanderer zwischen den Welten wählte er den befreundeten Pazifisten Adolf Schmidt, den ebenfalls ein planetares Friedensprojekt umtrieb: Er war Pionier der Weltsprache Esperanto.

[] Reliquie, die

von einem Heiligen oder Religionsstifter erhaltenes Überbleibsel, besonders von seinem Körper, seiner Kleidung oder seinen Gebrauchsgegenständen

Mit dem Kreuz Christi, das Helena (†330), die Mutter Konstantins des Großen, in Jerusalem „fand“, fing alles an. Ob nun Brosamen vom letzten Abendmahl, die Gebeine der Heiligen Drei Könige, Stroh von der Krippe Jesu: Ein Strom von Reliquien (sich wunderbarerweise vermehrend) flutete das mittelalterliche Europa – für viele ein lohnendes Geschäft. Dabei hatte Kaiser Theodosius bereits 386 den Reliquienhandel streng untersagt. Ein Verbot, das kirchenrechtlich bis heute Bestand hat. Gehalten hat sich daran kaum jemand. Übrigens: Die Schädelkalotte eben jener (nun ebenfalls heiligen) Helena kann man in Trier bewundern.

[] fermentieren, Vb.

etwas durch Einwirkung, Zusatz von Enzymen, Bakterien, Hefen oder Pilzen chemisch umwandeln, wobei Gase, Säuren oder Alkohol entstehen, und auf diesem Wege Lebens- und Genussmittel veredeln, genießbar, haltbar machen

Im 16. Jh. nutzte man dieses Verfahren der Umwandlung nicht nur für die Zubereitung von Nahrungs- und Genussmitteln, Alchimisten fermentierten auch Steine. So will es zumindest die Überlieferung. Auf den Teller kamen derart behandelte Brocken jedoch nicht: Franciscus Epimetheus und Hieronymus Reusner, von ihnen stammt der Erstbeleg, lieferten vielmehr ein Rezept zur Herstellung des „Stein(s) der Weysen“. Mit ihm konnten angeblich Metalle veredelt und Krankheiten geheilt werden. Zwar ist das Fermentieren heute weniger zauberhaft, ein gutes Sauerkraut aber macht immer noch groß und stark.

[] Genese, die

Entstehung, Entwicklung

„Im Salon konkurriert es mit dem neuesten Roman und im Studierzimmer beunruhigt es gleicherweise Wissenschaftler, Ethiker und Theologen“, so ein anonymer Rezensent über Darwins Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“, in dem er die bahnbrechende Vermutung äußerte, die Geschichte des Menschen habe in Afrika ihren Ursprung genommen. Zudem seien unsere intellektuellen Fähigkeiten das Resultat eines langen, auf Selektion beruhenden Entwicklungsprozesses. Was wütende Gegner als „Wissenschaftsmärchen“ abtaten, wurde zum Bestseller. Heute vor 150 Jahren ist das Werk erschienen.

[] Stegreif, der

Improvisation

Wenn man improvisiert, muss man die Gelegenheit da ergreifen, wo man gerade steht. So etwa denken viele, wenn sie die Wendung „aus dem Stehgreif“ hören oder aussprechen. Doch tatsächlich ist diese stimmig klingende Herleitung – ebenso wie die (häufige) Schreibung mit -h- – schlicht falsch. Es ist der Steg-Reif, der „Steig-Ring“, der hier Pate stand: Denn wer könnte wohl mit mehr Spontaneität reagieren als ein Reiter, der mit den Füßen noch fest im Steigbügel (wie wir heute sagen) steht. Während die wörtliche Ursprungsbedeutung verschwunden ist, hat sich die übertragene Bedeutung inzwischen selbständig gemacht.

[] Poesie, die

Dichtung, besonders Dichtung in Versen

„Amerika hat zwei Zugnummern: die Wolkenkratzer und Edna St. Vincent Millays Poesie“, so der Brite Thomas Hardy. Wie Amanda Gorman vor einigen Wochen, betrat 120 Jahre zuvor eine blutjunge, höchst begabte Poetin die amerikanische Bühne. Mit ihrem mehr als 200 Verse langen, als Meisterwerk gefeierten Gedicht „Renascence“ erreichte sie zum Entsetzen sogar der Gewinner in einem Wettbewerb nur den vierten Platz. Der dadurch ausgelöste Skandal verschaffte der gerade 20-Jährigen immerhin weltweite Aufmerksamkeit. Gut 10 Jahre später überbot sie dies mit Wumms: Sie gewann als erste Frau den Pulitzer-Preis. Am 22. Februar 1892 kam sie zur Welt.

[] Friedensbewegung, die

soziale Bewegung, die vorrangig für das friedliche Zusammenleben der Menschen eintritt, sich gegen Krieg und militärische Auslandseinsätze als Mittel der Politik sowie gegen Aufrüstung und die Rüstungsindustrie richtet

Zwei Interpretationen lieferte uns sein Schöpfer, der Künstler und Pazifist Gerald Holtom, selbst. Eine technische: Die Linien des Emblems symbolisieren zwei Buchstaben aus dem Winkelalphabet, nämlich N (für „nuclear“ = nuklear) und D (für „disarmament“ = Abrüstung). Und eine bildliche: Sie repräsentieren einen trauernden, resignierten Menschen mit herabhängenden Armen. Im umgebenden Kreis stecke die ganze Welt. Die ganze Welt hat sein Peace-Zeichen, ursprünglich ein Protestsymbol gegen den drohenden atomaren Krieg, mittlerweile angenommen und für verschiedene Formen der Friedensbekundung eingesetzt.

[] Schelm, der

zu Scherz, Neckerei, lustigen und mutwilligen Streichen aufgelegter Mensch, Schalk, Spaßvogel

Der Bedeutungswandel mancher Wörter kann verblüffen: Heute steht der „Schelm“ für den harmlosen Spaßmacher, wird gar als Kosewort gebraucht. Doch bis in die Frühe Neuzeit hinein gibt es kaum eine verfemte Person, die nicht „Schelm“ geschimpft wurde: Das Wort bedeutete zunächst Kadaver, später – bezogen auf den Menschen – Aussätziger, Dieb, Verbrecher, Verräter, ja sogar Teufel. Bis in die Rechtsliteratur gelangte das Wort: Ein fahnenflüchtiger Söldner wurde einem Prozessformular des 17. Jh. zufolge als „Eydt vnd Ehrnvergessener/ ehrloser/ verzweiffelter Schelm/ Dieb vnd Bößwicht“ abgeurteilt.

[] Novum, das

etwas noch nicht Dagewesenes

„Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf“, Marie Juchacz formulierte diese Worte nicht erstaunt oder dankbar, sondern kämpferisch, in der Tat als Gleiche. Gerade einmal zwei Monate zuvor, am 30. November 1918, waren 82 % der wahlberechtigten Frauen erstmals an deutsche Wahlurnen getreten. Immerhin 37 weibliche Abgeordnete, unter ihnen auch die Sozialreformerin und Frauenrechtlerin Juchacz, zogen infolgedessen in das Weimarer Parlament ein. Heute vor 102 Jahren hielt sie dort jene historische Rede.

[] ausbuhen

umgangssprachlich: durch Buhrufe sein Missfallen an jmdm., etw. bekunden

Die Interjektion „buh!“, die gleichermaßen zum (spaßhaften) Erschrecken wie zur Missfallenskundgebung eingesetzt werden kann, scheint es zumindest in letzterer Funktion noch nicht lange zu geben. In Europa wurde vielmehr gezischt, wie Ludwig Börne in seinen „Briefen“ anschaulich berichtet: Als an einem Pariser Theater ein Mime in der Rolle des britischen Napoleon-Bewachers Hudson Low auftrat, „wurde er ausgezischt mit einer Bosheit, mit einer Erbitterung, als wäre er der wahre Lowe und nicht ein armer unschuldiger Schauspieler“. In Deutschland wird spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts „vornehm“ ausgebuht, zischen gilt als verpönt.

[] Ketzer, der

Religion, abwertend: jmd., der einen von der katholischen Lehre abweichenden Glauben vertritt, Häretiker

Sein Denken war zu groß für seine Zeit. Der 1548 in Süditalien geborene Giordano Bruno verstieß so ziemlich gegen jede gängige Gewissheit: Dem christlichen Lehrsatz vom Weltenende mit Gottesgericht setzte er die Vorstellung von der Unendlichkeit des Alls (ohne Jüngstes Gericht) entgegen. Aristoteles lehnte er ab, für die Gelehrtenzünfte seiner Zeit hatte er nur Spott übrig. Auf der vergeblichen Suche nach einer geistigen Heimat reiste der intellektuell Unbehauste durch Europa und kehrte am Ende resigniert nach Venedig zurück, wo er verraten, nach Rom ausgeliefert und am 17. Februar 1600 als Ketzer verbrannt wurde

[] quick, Adjektiv

landschaftlich: munter, lebhaft, schnell

In so vielen Entlehnungen erscheint heute das englische Adjektiv „quick“, dass man bei einer Wendung wie „quicker Geist“ an einen Anglizismus denken mag. Doch es gab auch schon immer ein deutsches „quick“ mit der Bedeutung „munter, schnell“, das, wie sein Geschwisterwort „keck“, ursprünglich „lebendig“ bedeutete. Es ist noch in einigen Wörtern wie „Quecksilber“, „Quecke“ oder „erquicken“ versteckt, auch wenn Letzteres, wie „quick“ selbst, sich seit Langem immer geringerer Beliebtheit erfreut. Vielleicht kann ihm sein englischer Vetter ja neues Leben einhauchen?

[] Rosenmontag, der

Montag vor Fastnacht

Wirklich feiern können Karnevalisten dieses Jahr nur in kleinster familiärer Runde, uns soll das aber nicht davon abhalten, einer Kölner Legende die Ehre zu erweisen, die am heutigen Rosenmontag 120 Jahre alt geworden wäre. Zugegeben, der Name Jupp Schmitz (oder schlicht „Dä Schnäuzer“) wird außerhalb des Rheinlands nur wenigen etwas sagen. Kölner Freunde des „Fastelovend“ aber haben dem Sänger sogar ein Denkmal gesetzt. Denn mit seinen kölschen Nachkriegsliedern wie „Wer soll das bezahlen“ oder „Ich fahr mit meiner Lisa zum schiefen Turm von Pisa“ machte er ihnen mit viel Humor und Augenzwinkern ein Identifikationsangebot.

[] Minne, die

historisch: höfischer Ritterdienst für eine verehrte, meist verheiratete Frau im Mittelalter

Am Valentinstag von der Minne zu erzählen scheint kühn, denn die höfische Liebe ist, so die traditionelle Auffassung, eine unerfüllte. Das im Mittelalter allgegenwärtige, im 16. Jh. als anstößig abgetane und heute nur noch ironisch genutzte Wort Minne aber hat tatsächlich viel mehr zu bieten. Der „Lexer“ listet immerhin Belege für mehr als ein Dutzend verschiedener Lesarten, darunter die religiöse und die Elternliebe, die Freundschaft, das Wohlgefällige, Angenehme und natürlich auch die (ganz und gar erfüllte) sinnliche Liebe. Tatsächliche gibt es jene (gar nicht so selten) auch in der höfischen Literatur.

[] Romantik, die

(...) Strömung, die in der gesamten europäischen Literatur und Kunst besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschte, die das Volkstümliche und Nationale, aber auch das Gefühlsmäßige, Irrationale, Transzendente betonte

Viel hat er nicht hinterlassen: Das Wenige, was er bis zu seinem frühen Tod – er starb, keine 25 Jahre alt, am 13. Februar 1798 – zu Papier bringen konnte, hat sein Schulfreund Ludwig Tieck herausgegeben und ergänzt. Gleichwohl traf Wilhelm Heinrich Wackenroder mit seinen „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ den Nerv einer Generation. Denn hinter dem vermeintlich christlichen Erbauungstext standen kunsttheoretische Überlegungen, die Kunst und Naturerfahrung ins Religiöse erhoben. Das Werk gilt als Startschuss der Frühromantik.

[] Glücksritter, der

abwertend: jmd., der sich in seinem Handeln verantwortungslos auf sein Glück verlässt

„Stadt im Sturm erobert ... ob 6000 Mann darinnen todt geschlagen, die ganze Statt geblündert / ein gueten theil der Statt abgebrandt.“ Die knappe Autobiografie des Söldners Sebastian Schertlin präsentiert in ihrer Nüchternheit eine erschreckende Inventur des frühmodernen Krieges. Dabei war Schertlin alles andere als ein tumber Landsknecht. Vielmehr verkörperte der studierte Magister Artium einen neuartigen Typus des Kriegsunternehmers, der sich unter höchstem Risiko effektiv und rücksichtslos bereicherte. Worte des Bedauerns oder Mitleids sucht man vergebens. Geboren wurde der Glücksritter am 12. Februar 1496.

[] Besserwisser, der

jemand, der immer alles besser zu wissen glaubt

Besserwisser und Querköpfe, sie sind selten beliebt, doch manchmal darf man sie einfach nicht unterschätzen. So auch den Böhmer Josef Ressel, der als Marineforstintendant in Triest seinen frustrierten Vorgesetzten gern unaufgefordert Ratschläge erteilte – er hatte ein Händchen für Hammer und Zange, weniger für Diplomatie. Seine wahrlich weltbewegende Erfindung eines „einer Schraube ohne Ende gleichenden Rades, welches (...) zum Fortziehen der Schiffe (...) als Triebrad anwendbar sey“, erhielt daher am 11. Februar 1827 zwar ein Privilegium (Patent), Finanziers für diese erste anwendungsreife Schiffsschraube zu finden, das gelang ihm aber nicht.

[] Schnee, der

flockiger oder körniger fester Niederschlag aus Eiskristallen, der als dichte weiße Decke den Erdboden und alles, was darauf ist, verhüllt

Einer liebevoll gepflegten, leider falschen Legende zufolge verfügen die Inuit über 40 Wörter für Schnee. Nun: Abgesehen davon, dass es die eine Inuitsprache nicht gibt, gehören diese überdies zu den agglutinierenden Sprachen, die durch Anfügung (Affigierung) ganze Phrasen zu einem Ausdruck verdichten können. Aus wenigen Grundwörtern für Schnee können so unendlich viele Ausdrücke gebildet werden. Das Deutsche kommt mit dem Mittel der Komposition ebenfalls auf eine erkleckliche Anzahl: Schließlich gibt es unter anderem den Alt- oder Neuschnee, den Pulver-, Firn- oder Pappschnee oder besonders malerisch: den Blut- und den Büßerschnee.

[] Teufelswerk, das

angebliches Werk des Teufels

So wie derzeit in Mitteleuropa fiel auch in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 1855 in der englischen Grafschaft Devon ungewöhnlich viel Schnee. Entsprechend bot sich Frühaufstehern ein ungewöhnlicher Anblick – in zweierlei Hinsicht: Auf 161 km Weglänge erspähten die „Devonen“ nämlich die Spuren eines Dämonen: gebrochen hufeisenförmige Fußabdrücke, die schnurgerade durch Gärten und Wälder, sogar über Dächer und durch Heuschober führten. Ob es sich wirklich um die Fußspuren des Teufels handelte? Wohl eher nicht. Jener wanderfreudige Beelzebub war wahrscheinlich nichts anderes als eine ziemlich unschuldige, ziemlich hungrige Waldmaus.

[] Melancholie, die

Schwermut, Trübsinn, Traurigkeit

Für die antike Medizin war Melancholie mehr als Schwermut, vielmehr eine Gemütskrankheit, vergleichbar mit dem, was wir heute als Depression bezeichnen. Robert Burton, ein um die Wende zum 17. Jahrhundert lebender englischer Gelehrter, litt unter dieser Melancholie – und er schrieb über sie: Über 1000 Autoritäten von Hippocrates bis Paracelsus konsultierte er, trug ihre Beschreibungen, Theorien, Therapievorschläge in seinem Mammutwerk: „Anatomy of Melancholy“ zusammen. Er gilt als einer der Ersten, die sich systematisch dem Thema Depression widmeten. Geboren wurde er am 8. Februar 1577.

[] die Lacher auf seiner Seite haben, Mehrwortausdruck

durch geistreiches, humorvolles, schlagfertiges Auftreten Gelächter, Beifall hervorrufen, Sympathien gewinnen

Sie sind typisch für seinen spitzzüngigen, farbenfrohen Stil: von der Handlung abgekoppelte, scheinbar willkürlich eingestreute Kommentare des Erzählers, die als satirische Seitenhiebe auf Mensch und Zeitalter fungieren. Mit ihnen hat der Viktorianer Charles Dickens, wenn er beispielsweise beiläufig erwähnt, dass sich das Gewissen „in den meisten Fällen (...) doch als ein durchaus elastisches, erstaunlich flexibles Objekt“ erweist, eben nicht nur die Gemüter, sondern auch die Lacher auf seiner Seite. Heute vor 209 Jahren kam der Autor zur Welt.

[] Charakterkopf, der

Kopf von ausgeprägter Form und mit ausdrucksvollen Gesichtszügen

Es ist einfach ansteckend, dem etwas feisten Herrn dabei zuzusehen, wie er mit weit aufgerissenem Mund zum Gähnen ansetzt. Und doch wird sich bei diesem kein Lüftchen regen. Denn der Mann ist aus Metall – eine meisterhafte Porträtbüste, geschaffen von Franz Xaver Messerschmidt, dem wohl merkwürdigsten Bildhauer des Rokokos. Der anfangs erfolgreiche Künstler lebte nach einer Intrige zurückgezogen und arbeitete ebenso verlacht wie bewundert fast nur noch an seinen Charakterköpfen, denen er die absonderlichsten Grimassen verlieh. Am 6. Februar 1736 wurde er geboren.

[] Börsencrash, der

deutlicher Kurseinbruch an einer Wertpapierbörse

Spekulationen mit Aktien, Rohstoffen oder Lebensmitteln sind keine Auswüchse des Neoliberalismus. Die erste spektakulär geplatzte Spekulationsblase findet sich um den Jahreswechsel 1636/37, als in den Niederlanden der Markt für die erst wenige Jahrzehnte zuvor eingeführten und schnell populär gewordenen Tulpen zusammenbrach: Nachdem einzelne „vielversprechende“ Tulpenzwiebeln den Gegenwert von Villen erreicht hatten, wollte am 5. Februar niemand mehr die überzogenen Preise bezahlen. Sie fielen um 95 %. Die Deutung der Marktmechanismen und der Psychologie hinter diesen Vorgängen beschäftigt die Ökonomen bis heute.

[] Wendepunkt, der

Punkt, an dem sich etw. in die entgegengesetzte Richtung wendet

Nach Kriegsende 1918 wurde das Undenkbare Realität: Revolutionsräte hatten die Macht ergriffen, der Kaiser hatte abgedankt und Reichskanzler Max von Baden ernannte einen Sozialdemokraten – Friedrich Ebert – zum Reichspräsidenten. Damit erreichte die Karriere des Gewerkschafters, der sich als konstruktiver Realpolitiker Anerkennung erworben hatte, ihren Höhepunkt. Die Kürze seiner Amtszeit, der Hass und die Häme, die ihm von der Linken und Rechten entgegenschlugen, waren auch symptomatisch für die prekäre Lage der jungen Republik. Geboren wurde Ebert am 4. Februar, ironischerweise im Jahr der Reichsgründung 1871.

[] Ingenium, das

höchste schöpferische Begabung, Genie; hochbegabter, genialer Mensch

Bereits 1820, im ersten Jahr seiner bemerkenswert produktiven Karriere als Musiker und Komponist, verfasste er knapp 60 Werke: Lieder, Sonaten, Stücke für Orgel und ein kleines dramatisches Stück. Etwa gleichzeitig begann er öffentlich aufzutreten, brillierte als Pianist, Altist und bald auch als Dirigent. Vier Jahre später entstand sein erstes großes Orchesterwerk, die Sinfonie Nr. 1 in c-Moll, deren Kreation ihn immerhin einen ganzen Monat lang umtrieb. Felix Mendelssohn Bartholdy, der heute vor 212 Jahren zur Welt kam, war, als er diese vollendete, gerade einmal zarte 15 Jahre alt.

[] Lügen haben kurze Beine, Mehrwortausdruck

sprichwörtlich: Unwahrheiten bleiben nicht lange unentdeckt

„Die lügen hat kurze füsze und kurze flügel“, heißt es in Johannes Riemers satirischer Schrift „Die Politische Colica“ (1680). Gleichwohl war es damals wie heute schwierig, einem Lügner auf die Spur zu kommen. Noch bis ins 12. Jh. hatte man daher auch das sogenannte „Gottesurteil“ für die Wahrheitsfindung bemüht – in Form (meist sowohl für Lügende als auch für Aufrichtige) fataler Wasser- oder Feuerproben. Im 13. Jh. setzte sich endgültig eine weltliche, faktenbasierte Gerichtsbarkeit durch. Neue Fakten schuf vor gut 85 Jahren dann der Amerikaner Leonarde Keeler: Er testete den ersten Lügendetektor.

[] Faszikel, der

Heft, Teil einer Fortsetzungsreihe, Lieferung

Die Erarbeitung eines umfangreichen Wörterbuchs kann manchmal etwas länger dauern als geplant. Als am 1. Februar 1884 die erste Lieferung (die Aufteilung in Faszikel sollte die Finanzierung sicherstellen) des später als „Oxford English Dictionary“ bekannt gewordenen größten englischen Wörterbuchs erschien, hoffte man noch, es in 10 Jahren abschließen zu können. Es wurden 44. Dies alles war nur möglich geworden, weil 1879, gut 20 fruchtlose Jahre nach Ausruf des Projekts, mit James Murray ein energischer Herausgeber berufen worden war, der das OED 36 Jahre leiten sollte. Gerade erscheint die 3. Auflage.

[] Doppelleben, das

jmd. führt ein Doppelleben: jmd. lebt in zwei Lebensstilen, die miteinander unvereinbar sind

1792 erschien – anonym – ein Traktat über das Todesurteil gegen eine Kindsmörderin. Hinterfragt wurden darin nicht nur Beweisführung und Todesstrafe, der Autor äußerte sich auch kritisch über den Halsrichter, dem er „Eiseskälte“ vorwarf, wo doch „vom Leben eines menschlichen Geschöpfes die Rede“ war. Das Kuriose: Richter und anonymer Autor waren ein und dieselbe Person – Theodor Gottlieb von Hippel, hochdekorierter preußischer Polizeidirektor, zugleich Verfasser zahlreicher sozialkritischer Schriften, in denen er sich unter anderem für die Gleichberechtigung der Frauen einsetzte. Am 31. Januar 1741 wurde er geboren.

[] Rettungsboot, das

auf die Seenot- und Wasserrettung spezialisiertes kleineres Wasserfahrzeug; kleineres Wasserfahrzeug, das an Bord größerer Schiffe mitgeführt und im Notfall zu Wasser gelassen wird, um Passagieren und Besatzung Schutz zu bieten und ihr Überleben zu sichern

Stabilität, Tempo, Reichweite und Unsinkbarkeit – vier notwendige Konstruktionseigenschaften, die Mensch und Vehikel gegen fast unermessliche Naturkräfte wappnen sollen. Für immerhin 705 Passagiere der RMS Titanic war es Glück im Unglück, dass ein englischer Schiffszimmermann mit dem sprechenden Namen Henry Greathead gut 120 Jahre zuvor, am 30. Januar 1790, auf dem Fluss Tyne einen Prototyp erfolgreich getestet hatte. Dieses „Original“ (tatsächlich der Taufname) war zwar nicht das erste je gebaute, aber immerhin das erste weitreichend eingesetzte (sogar exportierte) Rettungsboot in Europa.

[] latschen, Verb

salopp: (schleppend, nachlässig, ohne Haltung) gehen

Über die Herkunft des Verbs latschen wusste der Lexikograph Johann Christoph Adelung wenig zu berichten, naserümpfend rechnete er es den „niedrigen Sprecharten“ zu. Fasziniert hat ihn das Wort dennoch: „Es scheinet eine Onomatopöie (= Schallwort) zu seyn“, für die „Art des Ganges, da man aus Nachlässigkeit die Füße im Gehen nicht aufhebet, sondern mit denselben auf dem Boden hinstreicht.“ Tatsächlich ist das Wort, vielleicht auch wegen dieser Klangqualitäten, bis heute beliebt: Man denke an die Quadratlatschen, an den Lulatsch oder an lätschig. Und wenn es heißt „du siehst aus wie der Tod auf Latschen“, bleibt kein Auge trocken.

[] klotzen, Vb.

hart arbeiten, schuften; sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben, in großem Maßstab ans Werk gehen

Die meisten von uns haben schon im Kindesalter hart geklotzt: Häuser, Flugzeuge, Schiffe gebaut, Grundrisse entworfen, Städte geplant. Das Hilfsmittel der Wahl dafür: ein 1949 erstmals verkaufter stapelbarer, farbiger Kunststoffquader mit Noppen auf der Ober- und (zunächst) einem Hohlraum an der Unterseite. Dieser noch recht instabile „Klotz“ wurde etwa 10 Jahre später grundlegend perfektioniert. Kleine, festigende Röhrchen auf der Unterseite ermöglichten nun (und ermöglichen seither) kleinen Architekten gigantische Kreationen. LEGOs neuartiges Kupplungsprinzip wurde am 28. Januar 1958 zum Patent angemeldet.

[] Gelegenheit, die

günstiges Zusammentreffen von Umständen, durch die eine Möglichkeit, der geeignete Augenblick oder die Veranlassung für eine bestimmte Handlung gegeben ist, Chance

Eine „Gelegenheit“ kann ebenso kostbar wie unwiederbringlich sein. Das zeigen auch die typischen Kollokationen: Es gibt die ungeahnte, die seltene und natürlich auch die verpasste Gelegenheit. Eine doppelt verpasste Gelegenheit bot 1521 der Reichstag zu Worms, als Martin Luther gegen Zusicherung freien Geleits Kaiser Karl V. seine Thesen vortrug. Karl hatte sein Urteil bekanntermaßen bereits gefällt und vergab die Chance auf eine gütliche Einigung. Die Möglichkeit, Luther an Ort u. Stelle auszuschalten, nahm er aber eingedenk seiner Zusage nicht wahr. Am 27. Januar vor 500 Jahren wurde jener verhängnisvolle Reichstag eröffnet.

[] blechen, Verb

salopp: Geld bezahlen

„Wer auf die lippen küßt, muß zwanzig thaler blechen“, heißt es in den vermischten Gedichten des schlesischen Dichters Daniel Stoppe aus dem Jahre 1735. Seine Preisliste fürs Knutschen liefert, ebenso unromantisch, einen der frühesten Belege für die Lesart „zahlen“ von „blechen“, die sich Anfang des 18. Jh. in der Studentensprache etablierte. Das Blech (von germ. *blek- ‚glänzen‘) bezeichnete ursprünglich vor allem dünne Scheiben sehr wertvollen Metalls, vor allem aus Gold- oder Kupfer. Ahd. „bleh“ ist daher auch die ‚geprägte kleinere Goldmünze‘.

[] Waschsalon, der

Laden mit Waschmaschinen und elektrischen Wäschetrocknern, die Kunden gegen Bezahlung benutzen können, um ihre Wäsche selbst zu waschen und zu trocknen

Geschwächt von Syphilis starb heute vor 74 Jahren, kurz nach seinem 48. Geburtstag, Al Capone, einer der berühmtesten Gangster aller Zeiten. Nicht nur der natürliche Tod ist für den Boss der Unterwelt, der in der Zwischenkriegszeit mit Glücksspiel und Alkoholschmuggel Millionen machte, ungewöhnlich, sondern auch der Grund seiner Festnahme und Verurteilung 1931: nicht etwa Morde oder organisierte Kriminalität, sondern Steuerhinterziehung. Er hatte sein illegales Geld u. a. in Waschsalons investiert, um es zu legalisieren. Der Legende nach stammt daher auch der Ausdruck „Geldwäsche“.

[] heiter, Adjektiv

vergnüglich, erheiternd, froh stimmend

Seine Gedichte beginnen fast immer mit unbestimmtem Artikel und dem Substantiv „Mensch“. Sie sind das Markenzeichen Eugen Roths, der in heiter-melancholischen Versen Kalenderweisheiten und Redewendungen elegant gegen den Strich bürstete: Erzählungen vom Alltagsmenschen, der erkennen muss, dass auch Trübsal blasen gelernt sein will, während ein anderer voller Zorn bemerkt, „Dass keine Rose ohne Dorn. / Doch muss ihn noch viel mehr erbosen, / Dass sehr viel Dornen ohne Rosen.“ Der Poet, der, von der Kritik geschmäht, seinen festen Platz im deutschen Dichterhimmel innehat, wurde am 24. Januar 1895 geboren.

[] meerwärts, Adverb

vom Land in Richtung auf das Meer

Er wollte seinen Forschungsobjekten nicht auf dem Seziertisch oder am Aquarium begegnen, sondern als „Fisch unter Fischen“, amphibisch, in ihrem eigenen Lebensraum. Der heute vor 101 Jahren in Wien geborene Hans Hass, Dokumentarfilmer, Pionier der Unterwasserfotografie und in späteren Jahren engagierter Umweltschützer, baute 1938 eine erste wasserdichte Kameraummantelung und begann damit, die damals noch unbekannte, atemberaubende Unterwasserwelt zu erforschen und zu dokumentieren. Sein erster Film „Pirsch unter Wasser“ feierte 1942 in Berlin seine Premiere.

[] Schimpf, der

Beleidigung, Demütigung, Schmach

„... mit sô frömden sachen könder wol gemachen, daz ich sîner schimphe müeze lachen“, heißt es in einem der Frauenlieder, die in „Des Minnesangs Frühling“ dem Dichter Reinmar zugeordnet werden. Äußert das weibliche Ich hier dem Liebhaber gegenüber Schadenfreude? Interessanterweise nein! „Schimpf“ hat seit dem Mittelalter nämlich einen bemerkenswerten semantischen Wandel durchgemacht und nimmt erst im 16. Jh. fest die Bedeutung „Demütigung, Schmach“ an. Zuvor verbarg sich hinter dem „Schimpf“ vor allem der „Scherz“. Die Dame in Reinmars Lied träumt also, in positiver Erwartung, von einem Schelm im Bett, nicht von einem Beschämten.

[] Dystopie, die

Film, Kunst, Literatur: Darstellung einer möglichen, düsteren Zukunft, die nicht wünschenswert oder erstrebenswert ist

Eric Blair schrieb über das Elend der englischen Arbeitslosen, kämpfte in Spanien gegen den Faschismus und wäre fast Stalins Säuberungen zum Opfer gefallen. Am Ende seines Lebens verarbeitete er die bitteren Einsichten und erlittenen Entbehrungen in einem Roman, der zu den einflussreichsten der Literaturgeschichte zählt. Darin sezierte er hellsichtig die Mechanismen einer totalitären Diktatur. So wie man den Namen Thomas Morus mit der Utopie verbindet, so steht Blairs Pseudonym George Orwell für das Gegenmodell, sein Roman „1984“ wurde zum Inbegriff der Dystopie. Er starb am 21. Januar 1950.

[] Inauguration, die

gehoben: (feierliche) Einsetzung, Einführung in ein Amt

Feierliche Reden, Pauken, Trompeten, Musikinstrumente und eine „Salve aus Canonen und Mousqueten dabey“. So stellte sich der Barockautor Julius Bernhard von Rohr (1688–1742) eine zünftige Inauguration (hier: die festliche Einweihung eines Herrscherstandbilds) vor. Die sakrale Konnotation des Wortes kommt dabei nicht von ungefähr. Sie wurzelt in einer antiken vorchristlichen Zeremonie: Anlässlich wichtiger Staatsakte befragten Auguren aus dem Vogelflug die göttlichen Vorzeichen. Die heidnischen Auguren verschwanden aus der Geschichte, im Wort „Inauguration“ bleiben sie uns aber bis heute erhalten.

[] übertragen, Verb

etw. von einer Form in eine andere umwandeln; etw. übersetzen; etwas als Übertragung senden

„Der hat auch weniger Grips als ein Spatz Fleisch an der Kniescheibe.“ Das kann man von Rainer Brandt nicht behaupten. Der heute vor 85 Jahren geborene Schauspieler, Sprecher und Autor, u. a. die deutsche Stimme von Elvis Presley und Jean-Paul Belmondo, war zu einem Gutteil für den nachhaltigen Erfolg der Komödien mit Bud Spencer und Terence Hill, aber auch mit Louis de Funès und Pierre Richard sowie zahlreicher Serien (ganz besonders „Die 2“) verantwortlich. Sein innovatives und witzreiches „Schnodderdeutsch“ (“Euer Lordschuft!”, „Das Schwein trügt!“) schuf im Vergleich zu den Originalen eine ganz neue Atmosphäre.

[] Proklamation, die

öffentliche (amtliche) Verkündigung, (amtlicher) Aufruf in feierlicher Form

Am 18. Januar 1701 setzte sich Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, in Königsberg die Krone auf und erklärte sich zum König in Preußen. Bismarck hatte genau dieses Ereignis im Blick, als er 1871 den Akt der Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser auf den 18. Januar verlegte. Die festliche Kulisse des Spiegelsaals von Versailles und die Demütigung des besiegten Frankreichs täuschten darüber hinweg, dass es sich bei dem gegründeten Reich formal lediglich um ein Fürstenbündnis handelte, das mit dem ursprünglich ersehnten Verfassungsstaat wenig gemein hatte. Kein einziger Volksvertreter nahm an der Zeremonie teil.

[] Blitzableiter, der

eiserne Stange, die auf dem höchsten Punkt eines Gebäudes angebracht und durch eine Leitung mit der Erde verbunden ist, um Blitze aufzufangen und abzuleiten

Benjamin Franklin, Tausendsassa sondergleichen, beschrieb 1749 in einem Brief an einen Londoner Kollegen seine Beobachtung über die Entladung „elektrifizierter Wolken“ und schlug gleich zwei Experimente vor, um diese zu beweisen: Bei dem ersten sollte ein Drache in einer Gewitterwolke Elektrizität einfangen (bei Freunden des legendären Videospiels „Day of the Tentacle“ wird es nun blitzen), das zweite testete die Ableitbarkeit des „Wolkenfeuers“ über eine an einer Hütte befestigte, hoch aufragende Metallstange. Franklin wurde damit zum Erfinder des Blitzableiters. Heute vor 315 Jahren kam er zur Welt.

[] Auftraggeber, der

Person, Firma oder (öffentliche) Institution, die jmdm. den Auftrag für die Ausführung einer bestimmten Arbeit, Dienstleistung oder Warenlieferung erteilt

Reichsgraf von Walsegg, ein heute vor 258 Jahren geborener österreicher Adliger, war nicht nur reich, er war auch kultiviert. Regelmäßige private Konzerte und Theateraufführungen, bei denen sowohl er selbst als auch Schwester und Gattin brillierten, zeugten davon. Als Letztere erst 20-jährig verstarb, gab er bei einem verarmten jungen Wiener Komponisten mit Namen Mozart im Jahre 1791 ein Requiem in Auftrag, das er ihr zu Ehren (als seine eigene Komposition!) am 14. Dezember 1793 uraufführen lassen wollte. Was er nicht wusste: Mozarts Freunde hatten das Werk bereits Monate zuvor (gerade posthum) bei einem Benefizkonzert auf die Bühne gebracht.

[] entlarven, das wahre (schlechte) Wesen, den wahren (schlechten) Charakter von jmdm., etw. zu erkennen geben, enthüllen

Vermutlich heute vor 49 Jahren gab der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss ein kleines Zeitungsinserat auf, um für einen Kinofilm drei Tage später zu werben. Das klingt nicht erinnerungswürdig. Die Annonce hatte es aber in sich: Sie entlarvte vorzeitig den Mörder im Fernseh-Straßenfeger „Das Halstuch“, dessen letzter Teil mit der sehnsüchtig erwarteten Auflösung genau an diesem Abend laufen sollte. Das Wort „Spoiler“ gab es damals noch nicht, man wählte andere Injurien: Neuss wurde als Vaterlandsverräter diffamiert und erhielt sogar Morddrohungen. Er beteuerte bis an sein Lebensende, den Mörder lediglich erraten zu haben.

[] in der Zwickmühle sein, Mehrwortausdruck

in einer schwierigen oder ausweglosen Lage sein; vor eine Entscheidung gestellt sein, bei der alle Lösungen (gleichermaßen) ungünstig erscheinen

Nicht nur auf dem Mühlebrett, auch im wirklichen Leben ist eine Zwickmühle unangenehm. In einer solchen fand sich 1525 der französische König Franz I. nach der Schlacht von Pavia gegen die Habsburger wieder. Besessen von Ritteridealen hatte sich der Monarch persönlich ins Getümmel gestürzt und war prompt gefangen genommen worden. Der siegreiche Kaiser Karl V. zwang ihn am 14. Januar 1526 zum Frieden von Madrid. Franz fügte sich – wenn auch mit gekreuzten Fingern. Insgeheim hatte er sich notariell beglaubigen lassen, dass die unter Zwang gemachten Zusagen null und nichtig seien.

[] Fidibus, der

gefalteter Papierstreifen oder Holzspan, den man anzündet, um damit Feuer zu machen

„... bringt ihm was er haben muss: / Zeitung, Pfeife, Fidibus“. Mit diesen Versen hat Wilhelm Busch den (sprachlich) älteren Bruder des Grillanzünders unsterblich gemacht. Die Herkunft des amüsanten Latinismus ist allerdings nicht sicher: Studenten sollen im 17. Jh. die Anfangszeile „et ture et fidibus“ (= mit Weihrauch und Saitenspiel) einer Ode von Horaz scherzhaft als „mit Tabaksqualm und Pfeifenanzünder“ übersetzt haben. „Fidibus“ wäre demnach schlicht der Ablativ Plural zu „fidēs“ (Saitenspiel).

[] Impeachment, das

in den USA: (durch das Repräsentantenhaus) gegen einen hohen Staatsbeamten eingeleitetes Verfahren, das eine Anklage wegen Amtsmissbrauchs mit dem Ziel der Amtsenthebung ermöglichen soll

Impeachment ist derzeit ein Begriff mit besonderer Schlagkraft. Nach den jüngsten Ausschreitungen am und im Washingtoner Kapitol droht dem noch amtierenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump – erstmals in der Geschichte der USA – ein zweites Amtsenthebungsverfahren. Sollten alle drei Prozessschritte (Untersuchung und Anklage, Verfahrenseinleitung durch Wahl im Repräsentantenhaus, Anhörung und Verurteilung im Senat) erfolgreich sein, wird er sofort seines Amtes enthoben und könnte (auch nach Ende seiner Regierungszeit) einige oder alle seine Privilegien (Pension bis zum Lebensende, Reisebudget etc.) verlieren.

[] Forschung, die

gründliche, systematische, wissenschaftliche Untersuchung

Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, benannt nach dem bekannten Quantenphysiker und ihrem Ehrenpräsidenten, wurde am 26. Februar 1948 gegründet. Und dennoch feiert sie genau heute eine Art Jubiläum – das einhundertzehnte. 1911 wurde nämlich auf Anregung des Theologen Adolf (von) Harnack die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften als Dachorganisation für Grundlagenforschungsinstitute gegründet. Die dort betriebene Spitzenforschung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg – nur unter neuem Namen – erfolgreich fortgeführt.

[] Jahrhundertwerk, das

etw., das von herausragender Bedeutung ist (und über mehrere Generationen andauern, wirken wird)

„Gaudeamus!“, stolz telegrafierte der Ostberliner Germanist Bernhard Beckmann seinem Göttinger Kollegen Hans Neumann das freudige Ereignis: Am 10. Januar 1961, 17 Uhr, hatte er die Druckerlaubnis für die letzte Lieferung des „Deutschen Wörterbuchs“ erteilt. Damit kam das einst von den Brüdern Grimm begonnene und am Ende von den Akademien der Wissenschaften in Ost-Berlin und Göttingen betreute Mammutprojekt zum (vorläufigen) Abschluss. Sechs bis sieben Bände und eine Bearbeitungszeit von 10 Jahren hatten die Grimms ursprünglich kalkuliert. Am Ende wurden es 16 Bände, die Arbeiten dauerten 123 Jahre.

[] Geschlechterrolle, die

von der Gesellschaft für Mann und Frau unterschiedlich festgelegtes Rollenverhalten

„On ne naît pas femme: on le devient“ (Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es), einer der meistzitierten Sätze aus Simone de Beauvoirs Augenöffner „Das andere Geschlecht“, in dem sie die Rolle der Frau in der Geschichte analysiert, den Unterschied zwischen Konzepten von biologischem und kulturellem Geschlecht etabliert und somit eine Grundlage für die in den 1960er und 1970er Jahren aufkommenden Gender Studies schuf. Das Werk wurde sowohl gefeiert als auch angefeindet, der Vatikan setzte es sogar auf die Liste verbotener Bücher. Heute vor 113 Jahren kam Simone de Beauvoir zur Welt.

[] selig, Adj.

von einem rauschhaften Glücksgefühl erfüllt, überglücklich, wunschlos glücklich; Religion: von allen Übeln des irdischen Lebens auf ewig frei und der himmlischen Wonnen teilhaftig

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum „Seele“ mit zwei, „selig“ aber nur mit einem e geschrieben wird? Wenn ja, geht es Ihnen wie vielen. Dass die beiden Begriffe etymologisch nicht verwandt sind, ist nämlich nicht offensichtlich. Tatsächlich stammt „selig“ von germanisch „*sēlī-“ („gut, gütig, glücklich“) ab (Altgermanisten werden sich an die damit verschwesterte, nur schwer übersetzbare „saelde“ erinnern). Für „Seele“ aber vermutet man u. a. eine Herkunft aus germ. „*saiw(a)lō“ („die vom See Herstammende“), da nach altem Glauben der Germanen die Seelen vor der Geburt und nach dem Tod im Wasser lebten.

[] im Adamskostüm, Mehrwortausdruck

nackt, unbekleidet

Am 7. Januar 1785 überquerten der französische Flugpionier Jean-Pierre Blanchard und der Arzt und „erste fliegende US-Amerikaner“ John Jeffries erstmals mit einem Gasballon den Ärmelkanal. Der Legende nach verlief die Fahrt von Dover nach Calais höchst abenteuerlich: Um einen drohenden Absturz zu vermeiden, mussten die beiden Pioniere allen Ballast aus der Gondel abwerfen und hoch in die Halteseile klettern. Nur noch mit ihren Unterhosen bekleidet erreichten sie, nach aufregenden zwei Stunden und 25 Minuten, das französische Ufer. Dort wurden sie, obwohl beinahe im Adamskostüm, mit Begeisterung empfangen.

[] Dreikönigskuchen, der

meist flacher Kuchen mit regional stark unterschiedlichen Zutaten, der am 6. Januar (Dreikönigstag) serviert wird und in den als Glücksbringer eine kleine Figur, Münze, getrocknete Bohne o. Ä. eingebacken ist

Pieter Brueghel (der Jüngere), Jacob Jordaens, ja selbst der preußische Soldatenkönig: Sie alle haben ihn gemalt: den Bohnenkönig. Jenen „Ultrakurzzeitmonarchen“, der am Dreikönigstag, wenn er eben das „Glück“ hatte, aus seinem Kuchenstück die eingebackene Bohne zu fischen, von einer Feierrunde zur allgemeinen Gaudi unter großem Hallo mit einer Papierkrone gekrönt wurde. Erhob er dann sein Glas, rief der frisch ernannte Hofstaat: „Der König trinkt!“. Der besonders in der Schweiz beliebte „Dreikönigskuchen“ geht auf diesen in der Frühen Neuzeit weit verbreiteten Brauch zurück.

[] verspielen, Vb.

etw. durch eigenes Verschulden verlieren

Auf dem berühmten Porträt Rogier van der Weydens begegnet er uns als junger, gutaussehender Mann. Auch sonst war er als Herrscher „vorzeigbar“: intelligent, durchsetzungsfähig, sprachgewandt. Doch Karl der Kühne, Herzog von Burgund, war eben auch prunksüchtig, brutal und krankhaft ehrgeizig. Er wollte hoch hinaus und verspielte in seinem unablässigen Ruhm- und Eroberungsdrang am Ende alles: Am 5. Januar 1477 verlor er vor Nancy Schlacht und Leben. Sein Tod besiegelte auch das Schicksal Burgunds, dessen sich nun die Habsburger bemächtigten.

[] Identitätsdiebstahl, der

betrügerische, missbräuchliche Nutzung der personenbezogenen Daten eines anderen Menschen (besonders im Internet)

Was Ian Fleming 1964 als persönliche Widmung in sein neuestes Buch schrieb, kam einer, wenn auch harmlosen, Selbstbezichtigung gleich: „Dem echten James Bond vom Dieb seiner Identität“. Fleming war in den 1950er Jahren über der Lektüre von Vogelbüchern auf den Autorennamen James Bond gestoßen, dessen schmuckloser und männlicher Klang ihm für seinen neuen Helden passend erschien. Der Ornithologe Bond begeisterte sich allerdings weniger für Martinis, sondern war kulinarisch interessiert: Jeden Vogel, den er beschrieb, soll er auch auf dem Teller gehabt haben. Am 4. Januar 1900 wurde der Vogelkundler geboren.

[] legendär

erstaunlich, unwahrscheinlich, unglaublich; zu einer Legende geworden

„R-E-S-P-E-C-T / Find out what it means to me“ – legendäre Zeilen aus einem legendären Song. Zwar stammen sie nicht aus Aretha Franklins Feder, ihre legendäre Performance aber machte „Respect“ zu einer Hymne der Civil-Rights-Bewegung. Die „Queen of Soul“ wurde nicht nur für ihren kraftvollen Mezzosopran verehrt, sie galt auch als musikalisch höchst intelligent, als Meisterin der Variation und der Interpretation. Nicht zuletzt dafür wurde sie am 3. Januar 1987, als erste Frau überhaupt, in die Rock and Roll Hall of Fame, die Ruhmeshalle der größten Musiker und Produzenten des Rock ’n’ Roll, aufgenommen.

[] trinkfest, Adj.

viel Alkohol vertragend, ohne betrunken zu werden

Der Morgen nach dem ersten Schlaf im neuen Jahr beginnt für diejenigen, die Silvester gut begossen haben (dieses Mal hoffentlich epidemiebewusst), meistens mit einem Kater. So mancher möchte da dem Alkohol vielleicht ganz abschwören, schließlich ist dies ja auch die Zeit für gute Vorsätze. Vielleicht genau deshalb wählte man 1914 in Schweden den 2. Januar für die Inkraftsetzung einer ganz besonderen Verordnung aus: Den Bürgern wurde der Kauf von Spirituosen auf zwölf Liter je Vierteljahr beschränkt. Das ist allerdings immerhin noch ca. eine Flasche Wodka pro Woche. Skål!

[] Neuanfang, der

erneute Durchführung eines Vorhabens, einer Tätigkeit o. Ä. von Anfang an, meist mit einem anderen als dem bisher verfolgten Plan und unter Aufgabe des bisher Erreichten

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, schrieb Hermann Hesse 1941 nach langer Krankheit. Sein vielzitiertes Gedicht „Stufen“ ruft zum hoffnungsvollen, unermüdlichen Schreiten in die Zukunft auf, eine Zukunft, die uns immer wieder herausfordert, uns jedoch zugleich „Stuf’ um Stufe“ hebt. Nach einem Jahr 2020, randvoll mit teilweise harten Herausforderungen, blicken auch wir nun auf einen neuen Anfang, hoffen auf positive Veränderungen, auf Gesundheit und Gemeinschaft. Wir wünschen unseren Nutzern, vielleicht mehr denn je, ein frohes neues Jahr!

[] Schwein haben, Mehrwortausdruck

(großes) Glück haben

Schweine haben in ihrem Leben im Allgemeinen wenig Glück. Dass das gemeine Hausschwein aber neben Schornsteinfeger und Kleeblatt dennoch als Glückssymbol gilt, gehört zu den Eigentümlichkeiten der Sprach- und Kulturgeschichte. Möglicherweise liegt der Ursprung im Kartenspiel, denn noch heute wird im Schafskopf das Ass umgangssprachlich als „Sau“ bezeichnet. Vielleicht steht das Schwein aber auch für eine gewisse materielle Sicherheit. Eine Familie mit Schwein hatte selbst in magerer Zeit immerhin reichlich zu essen.

[] Stiftung, die

Vermögensmasse, die nach dem Willen desjenigen, der sie zur Verfügung gestellt hat, verwaltet und verwendet wird

88 Cent Jahres(kalt)miete für eine Wohnung – in einer deutschen Großstadt wohlgemerkt – und als Gegenleistung nichts weiter als ein Vaterunser, ein Avemaria und das Glaubensbekenntnis, täglich zu beten für das Seelenheil des Stifters. Die Augsburger Fuggerei ist eine Sozialsiedlung der besonderen Art. Im Jahre 1521 für 15000 Goldgulden von Jacob Fugger, einem der reichsten Männer seiner Zeit, gestiftet, soll sie Augsburger Bürgern und Handwerkern „die es notturftig sein“ eine bezahlbare Unterkunft sichern. Jacob selbst starb vier Jahre später am 30. Dezember 1525.

[] Raunacht, die

eine der zwölf Nächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag, in denen dem Volksglauben nach eine besondere Verbindung zur Geisterwelt herrscht und unter anderem Wohnungen und Ställe ausgeräuchert werden, um böse Geister zu vertreiben

Vielen Menschen, die noch die alten Bräuche (und die alte Rechtschreibung) kennen, wird eher die Schreibung „Rauhnächte“ bzw. die ältere Form „Rauchnächte“ geläufig sein. Aber was gab diesen gefürchteten, von Geistern, Hexen und Wiedergängern beherrschten Nächten eigentlich ihren Namen? Möglicherweise bezieht sich die Bezeichnung auf die rau(ch)en (= haarigen) Felle, mit denen die bösen Dämonen bekleidet waren, vielleicht aber auch auf den üppig gegen sie eingesetzten Weihrauch. Genaues weiß man leider nicht.

[] Kältebus, der

(ehrenamtliches) Hilfsangebot in Form eines (Klein-)‍Busses, der in der kalten Jahreszeit abends bzw. nachts durch eine Stadt fährt und obdachlose Menschen aufsucht, um diese unter anderem mit warmen Getränken und Schlafsäcken zu versorgen oder um sie bei Bedarf in Notunterkünfte zu bringen

Zwar werden die Winter immer wärmer, dennoch sacken die Temperaturen zwischen November und März vielerorts in Deutschland nachts regelmäßig unter die Nullgradgrenze – für Wohnungslose eine lebensgefährliche Situation. In vielen Städten gibt es Notübernachtungen, nicht jeder schafft es aber, eine solche selbstständig zu erreichen. Vor 26 Jahren erlitt ein Mensch in Berlin in dieser Situation den Kältetod. Für die Berliner Stadtmission war dieses tragische Ereignis der Anlass, ihren ersten Kältebus auf den Weg zu bringen. Er, und vergleichbare Gefährte in anderen Städten, haben seither schon vielen Menschen in Not das Leben gerettet.

[] zwischen den Jahren, Mehrwortausdruck

Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr

Der mysteriöse Ausdruck „zwischen den Jahren“ für die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr (bzw. dem Dreikönigstag) lässt sich nicht eindeutig historisch herleiten, aber einige einflussreiche Kalendertraditionen geben mögliche Erklärungen: Die Ägypter beispielsweise begrenzten ihr Jahr auf leichter durch 12 teilbare 360 Tage, zwischen zwei Jahren lag also eine Spanne von 5 Tagen. In vielen Teilen Europa begann bis zur gregorianischen Kalenderreform das Jahr am 6. Januar, es endete traditionell aber bereits an Weihnachten. Erst seit der Festlegung durch Papst Innozenz XII. 1691 ist der 31. Dezember offiziell der letzte Tag des Jahres.

[] Sodbrennen, das

brennendes, vom Magen in die Speiseröhre aufsteigendes Gefühl, das besonders durch überschüssige aufsteigende Magensäure hervorgerufen ist

„Mir brennt der Sod!“ Auch zu Goethes Zeiten (und früher) klagte man nach einem zu üppigen (Weihnachts-)Schmaus über den gastroösophagealen Reflux, vulgo Sodbrennen. Tatsächlich illustriert die volkssprachliche Bezeichnung das Leiden recht anschaulich: Das mit Sud verwandte „Sod“ bedeutet „das Siedende, (Auf-)Wallende“. Gegenmittel gab es selbstredend auch: Schon der Botaniker Leonhart Fuchs riet 1543 in seinem Kräuterbuch, dass die Samen der Zaunwicke „den Sodt und das sauer aufstoßen“ stillen. Barockautor Wolf Helmhard Hohberg gab 1682 den seltsamen Rat, Pfirsichkerne zu essen.

[] vorhersagen, Vb.

über Künftiges etw. aufgrund der Kenntnis von Zusammenhängen oder aufgrund einer Vermutung, Ahnung aussagen, etw. im Voraus ankündigen

Die Beschreibung eines 1682 gesichteten Kometen machte den Astronomen Edmond Halley hellhörig: Sie schien denen älterer aus den Jahren 1607 und 1531 erstaunlich ähnlich zu sein. Zwischen den Sichtungen lagen fast identische Zeitabstände. Sollte es sich hier etwa um ein und dasselbe Himmelsobjekt handeln? Gab es Kometenbahnen und waren diese berechenbar? Halley wagte eine Prognose und verkündete die Wiederkehr des Kometen für das Jahr 1758. Und tatsächlich, am 25. Dezember 1758 erschien jener geschweifte Körper, der daraufhin den Namen „Halleyscher Komet“ erhielt, erneut am Nachthimmel.

[] Weihnachtsgeschichte, die

im Neuen Testament: überlieferte Geschichte von der Geburt Christi

Die Frage, warum die Weihnacht ausgerechnet auf dem 24./25. Dezember liegt, bereitet nach wie vor Kopfzerbrechen, denn es gibt keine klaren biblischen oder historischen Hinweise. Wohl aber eine Vielzahl an Theorien, von denen sich besonders zwei durchgesetzt haben: Die erste (aus dem 3. Jh.) errechnet das Winterdatum aus dem theologisch bestimmten Zeugungsdatum Ende März + 9 Monate. Die zweite erklärt es mit seiner Nähe zu antiken und heidnischen Wintersonnenwendfesten. Ein Wiener Kirchenhistoriker vermutet nun, die Festlegung der Weihnacht auf den 24./25.12. sei eigentlich ein Coup der Bethlehemer Tourismusindustrie im 4. Jh. gewesen.

[] Heiligabend, der

Vortag des Weihnachtsfestes mit traditioneller Bescherung im Familien- oder Freundeskreis

Morgen ist Heiligabend, doch während die Feiernden besonders in protestantischen Gegenden diesen kulinarisch sehr einfach halten – der Klassiker sind Wiener Würstchen und Kartoffelsalat –, wird in anderen Regionen reichlich und festlich aufgetischt. In Polen gibt es wegen der Apostel traditionell gar zwölf Gerichte, darunter Borschtsch, Piroggen, süße Nudeln und Karpfen. Außerdem gibt es am Tisch immer ein Gedeck mehr als Personen mitessen. Heute erklärt man dies mit der Möglichkeit, dass ein Fremder um Herberge bittet, ursprünglich symbolisierte der leere Platz aber die Verstorbenen des vergangenen Jahres.

[] jauchzen, Vb.

jubeln, laut frohlocken, in laute Freude ausbrechen

Die „Sorteo de Navidad“, die spanische Weihnachtslotterie, gilt als die größte der Welt und ist fester Bestandteil der iberischen Wintersaison. Die Ziehung findet seit über 200 Jahren in Madrid statt, seit 1967 wird sie auch live im Fernsehen übertragen. Kaum ein Spanier nimmt nicht an dem Glücksspiel teil, aus gutem Grund: Immerhin eins von 100.000 Losen hat eine Chance, den „Gordo“ zu gewinnen, den mit mehreren Mio. Euro dotierten Hauptpreis. Am besten kauft man übrigens sein Los in Da Sort (auf Katalanisch „Glück“), denn, es mag Zufall sein oder nicht, die hier ausgestellten werden überdurchschnittlich oft zu Trümpfen.

[] Weihnachtsstern, der

der biblischen Überlieferung nach eine Himmelserscheinung, die drei Weisen aus dem Morgenland den Weg nach Bethlehem, dem Geburtsort Jesu Christi, anzeigte

Das Matthäusevangelium beschreibt, wie drei Weise aus dem Morgenland einen Stern aufgehen sahen, ihn als Zeichen des Königs der Juden interpretierten, ihm folgten und so die Geburtsstätte Jesu fanden. Jahrhundertelang hat man versucht, das wahre Himmelsphänomen, das ihnen den Weg wies, zu identifizieren. War es ein Komet, eine Supernova, zwei sich am Firmament berührende Planeten, eine komplexe Sternenkonstellation, gar ein Kugelblitz? Es gibt viele Erklärungsversuche, wissenschaftlich anerkannt ist keiner davon. Was aber bleibt, ist die symbolische Bedeutung für Christen: Der Stern bringt Licht in eine finstere Welt.

[] Troika, die

Dreigespann russischer Art, wobei das mittlere Pferd trabt und die beiden äußeren galoppieren

Das russische Märchen vom Väterchen Frost ist dem der Frau Holle ähnlich: Die gute, von der Stiefmutter verstoßene Schwester kommt warm bekleidet und beschenkt aus dem Winterwald zurück, die böse, unhöfliche Schwester, die sich Gleiches wünscht, wird von Väterchen Frost schwer bestraft. Der märchenhafte Zauberer mit dem Eiszepter wurde 1937 Hauptfigur des „Jolkafests“, des Tannenfests, das die christliche Weihnacht in Russland ersetzen sollte. Seither zieht Дед Мороз (Väterchen Frost) in der Neujahrsnacht mit seiner schönen Enkelin Снегурочка (Schneemädchen) auf einer Troika durch das Land und bringt den Kindern ihre Geschenke.

[] grüne Weihnachten, Mehrwortausdruck

schneefreie Landschaft an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen

Zehn Jahre ist es her, dass ganz Deutschland an Weihnachten mit einer dichten, durchschnittlich 37 Zentimeter dicken Schneedecke überzogen war, womit nebenbei auch der Rekord von 1901 weit übertroffen wurde. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte, besonders seit den 1970er Jahren, sind grüne Weihnachten im Flachland allerdings zur Regel geworden – ein Trend, der sich seit der Jahrtausendwende verstärkt hat. Für Städte wie Hamburg oder Köln liegt die Wahrscheinlichkeit für milde Weihnachtsfeiertage inzwischen bei 80 %. Und dieses Jahr sieht es nicht viel anders aus: Atlantische Tiefs mit milder Luft werden wohl die Feiertage bestimmen.

[] Bescherung, die

Feier an Heiligabend, meist in der Familie oder im Freundeskreis, bei der Geschenke überreicht werden

Auch wenn für die Hindus die schönsten Tage des Jahres, das Diwali-Fest, mit dem die Rückkehr des Gottes Rama in seine Hauptstadt gefeiert wird, schon hinter uns liegen (2020 am 14.11.): Heiligabend ist auch in Indien landesweit ein Feiertag, der von den Christen mit einer feierlichen Mitternachtsmesse begangen wird. Sonst ist aber für uns einiges ungewohnt: Als Weihnachtsbäume müssen Bananenstauden und Mangobäume herhalten und am 1. Weihnachtsfeiertag gibt es eine besondere Bescherung: Dem Familienoberhaupt wird als Zeichen der Anerkennung eine Zitrone überreicht, und der Abend klingt Bollywood-like mit Curry-Gerichten und Tanz aus.

[] Jumper, der

gestricktes, gewirktes oder gehäkeltes, meist langärmliges und über den Kopf zu ziehendes Kleidungsstück für den Oberkörper

Kreischbunte weihnachtliche Motive in schrillen Farbkombinationen auf Jahresend-Pullovern: Was hierzulande (noch) als Geschmacksverirrung gilt, ist anderswo Kult. In den USA und in Großbritannien jedenfalls gehören die ausgesucht hässlichen Weihnachtsstricksachen zum Fest wie die Kugeln an den Christbaum. Und am dritten Freitag im Dezember wird in Büros, Schulen oder auf Partys feierlich der „Ugly Christmas Sweater Day“ begangen. Völlig ungeklärt bleibt dabei allerdings die Frage, ob nun ein Sweater (amerikanisches Englisch) immer auch ein Jumper (britisches Englisch) sein kann. Hierfür hüben wie drüben zwei gleiche Meinungen zu finden, dürfte schwierig sein.

[] Rentier, das

Synonym zu Ren: in den nördlichen Polarregionen lebender Wiederkäuer, Hirsch, dessen männliche und weibliche Vertreter ein Geweih tragen und deren breite Hufe die Fortbewegung auf Schnee und Eis gestatten

Wie kam das Rentier eigentlich vor den weihnachtlichen Schlitten? Ein legendärer Zusammenhang ist nicht bekannt – wahrscheinlich war es der Amerikaner Clement Clarke Moore, der es 1822 in seinem Gedicht „A Visit from St. Nicholas“ erstmals vor Santas Holzgefährt spannte. Und was für eine ausgezeichnete Wahl er damit getroffen hat! Das Rentier ist nämlich eine eierlegende Wollmilchsau: Es hält Temperaturen von bis zu -50 °C aus, es braucht keinen Nachtschlaf, kann auch in der Dämmerung gut sehen, auf bis zu 80 km/h beschleunigen – und es wohnt verkehrsgünstig, denn es teilt seinen Lebensraum, den eisigen Norden, mit seinem Arbeitgeber.

[] Dekoration, die

Ausschmückung, das Ausschmückende, Verzierung, Schmuck

Vielleicht sollten Weihnachtsmuffel als Schocktherapie kurzentschlossen einmal eine (aus Klima- und Gesundheitsgründen virtuelle) Reise nach Australien unternehmen: Dort prangen und blinken Santa Claus, Rudolph das Rentier und alle sonstigen weihnachtlichen Figuren – ebenso wie in unseren Breiten – an Hausfassaden und Laternenmasten. Jedoch ist sonst vieles anders auf der Südhalbkugel: Es herrscht nämlich Hochsommer, das Thermometer erklimmt schon einmal die 40 °C. Weiße Weihnacht gibt es im Süden daher nur am Sandstrand, in Badehose und mit Grillzange. Gewöhnungsbedürftig ist das aber sicherlich nur für Australiens Santa selbst – er muss nämlich auch dort im warmen Fellmantel durch den Kamin rutschen.

[] Weihnachtsgurke, die

aus Glas hergestellter Weihnachtsbaumschmuck in Form einer Gewürzgurke

Es ist Brauch in den USA, kurz vor der Bescherung ein täuschend echtes Gurkenimitat aus Glas im Weihnachtsbaum zu verstecken. Wer diese Weihnachtsgurke zuerst findet, darf das erste Päckchen öffnen oder bekommt sogar eins extra. Nicht nur mutet dieser Brauch bizarr an, seine Herkunft ist auch bis heute nicht eindeutig geklärt. Er sei mit deutschen Einwanderern in die USA gelangt, besagt eine mittlerweile widerlegte Theorie. Nach einer weiteren gedenkt man mit dem Brauch eines weihnachtlichen Akts der Güte: Ein pennsylvanischer Gefängniswärter soll an Heiligabend 1864 einen gefangenen Soldaten mit der Gabe einer Gewürzgurke vor dem Hungertod bewahrt haben.

[] Kerzenlicht, das

von einer oder mehreren brennenden Kerzen ausgehendes Licht; Kerze, Teelicht o. Ä.; Flamme einer Kerze, eines Teelichts o. Ä.

Licht in die dunkle Jahreszeit bringen – diesen Vorsatz haben viele Adventsbräuche. Den, nach julianischem Kalender, dunkelsten Tag des Jahres erhellt das schwedische Luciafest. Die Feierlichkeiten beginnen bereits morgens in der Familie und enden abends in einem Festzug aus weiß gekleideten, Kerzen tragenden, Lucialieder singenden Mädchen (und Jungen). Sie werden von der Lichterkönigin Lucia angeführt, die einen Kerzenkranz auf dem Kopf trägt. Brandschutzbesorgte Menschen dürfen jedoch aufatmen, zur Vermeidung von Unfällen werden heute meist elektrische Kerzen verwendet.

[] Weihnachtsmann, der

vor allem in der Vorstellungswelt von Kindern: Wesen, das zu Weihnachten Geschenke bringt

Welches Kind freut sich nicht auf den Weihnachtsmann? Isländische Kinder können sich auf gleich 13 Weihnachtsmänner freuen. Die Jólasveinar, die Weihnachtsgesellen, kommen Tag für Tag, einer nach dem anderen, vom 12. Dezember bis zum 24. Dezember aus den Bergen zu den Menschen. Doch Vorsicht ist geboten! Ihre Manieren haben die Weihnachtsgesellen wohl von ihrer Mutter, dem Trollweib Grýla, gelernt. In eher lausbübischer Natur vergreifen sie sich gerne an den Habseligkeiten unartiger Menschen, lecken ihnen die Töpfe aus, klauen Kerzen, spähen heimlich durch die Fenster oder knallen mit den Türen.

[] Christstollen, der

traditionell für die Advents- und Weihnachtszeit hergestellter, länglich-ovaler Hefekuchen von fester Beschaffenheit und aus gehaltvollem Teig, meist mit Rosinen, Mandeln, sowie Zitronat und Gewürzen wie Kardamon, Zimt o. Ä.

Der Stollen, die Stolle, der Striezel: Für viele ist das ohnehin an Genüssen reiche Weihnachtsfest ohne diesen gewichtigen und gehaltvollen, süßen Laib aus Hefeteig nicht denkbar. Ursprünglich aus dem Sächsisch-Thüringischen stammend und am Hofe Augusts des Starken begehrt, verleiht der Stollen als „Striezel“ einem der traditionsreichsten Weihnachtsmärkte überhaupt seinen Namen, dem Dresdner Striezelmarkt. Bis heute ist die Stollenbäckerei in der Region volkstümlich geblieben – und der „Dresdner Christstollen“ gehört im wiedervereinigten Deutschland zu den eifersüchtig bewachten, das Weihnachtsfest prägenden Marken.

[] Weihnachtsbaum, der

(manchmal künstlicher) Nadelbaum (meist Fichte, Tanne oder Kiefer), der zum Weihnachtsfest in Räumlichkeiten oder im Freien aufgestellt und mit Weihnachtsschmuck dekoriert wird

Die Tradition, immergrüne Bäume festlich zu schmücken, gab es schon vor Beginn unserer Zeit. Die Römer z. B. ehrten den Sonnengott Mithras auf diese Weise. Zugleich schützten im Norden Europas Tannenzweige vor bösen Geistern im Haus. Der Zusammenhang von geschmücktem Baum und Weihnacht ist aber erst seit dem frühen 16. Jh. in Deutschland belegt. In Goethes Werther erlebt der „aufgepuzte Baum mit Wachslichtern, Zukkerwerk und Aepfeln“ 1774 seinen ersten literarischen Niederschlag; ab dem frühen 19. Jh. eroberte das gezierte Grün zunächst Resteuropa, dann die ganze Welt.

[] Weihnachtspyramide, die

in der Weihnachtszeit aufgestelltes pyramidenförmiges Holzgestell mit Kerzen und einer Scheibe mit Figuren, die sich bei brennenden Kerzen dreht

Sind die Kerzen der Weihnachtspyramide angezündet, glänzen Kinderaugen. Durch die von den Kerzen erwärmte, aufsteigende Luft angetrieben, drehen sich auf einer, zwei, drei oder mehr Etagen des Gestells Figurenensembles, vor allem aus der biblischen Weihnachtsgeschichte oder dem Bergmannsleben. Vor allem Letzteres erinnert an die ursprünglich erzgebirgische Herkunft jener adventlichen Kunstwerke. Mittlerweile stehen (in normalen Jahren) mehr und mehr Pyramiden in wahrlich stattlicher Größe auch auf Weihnachtsmärkten – als Symbol der Sehnsucht nach einer von Hektik und Lärm bedrohten Besinnlichkeit.

[] Wunschzettel, der

Liste der Wünsche, die jmd. auf einen Zettel schreibt (besonders ein Kind für den Geburtstag oder für Weihnachten)

Den Weihnachtsmann gibt es nicht? Aber, aber: Mindestens neun Adressen hat er alleine in Deutschland – u. a. in Himmelpfort, Engelskirchen und St. Nikolaus. Wer seinen Wunschzettel an eine davon schickt, bekommt ziemlich sicher sogar eine Antwort. Im norwegischen Drøbak, gut 50 km südlich von Oslo, steht das Postamt des „Julenisse“ mitten auf dem Marktplatz, in den USA schicken Kinder ihre bunten Briefe an eine Adresse am North Kringle Place in Santa Claus. Nicht den Vogel, sondern das Rentier schießen die Kanadier ab: Ihre Briefe gehen direkt an Santas Heimatadresse am Nordpol – Postleitzahl H0H 0H0.

[] Spekulatius, der

flaches, knuspriges, meist mit Zimt, Nelken und Kardamom gewürztes und mit weihnachtlichen Reliefmotiven versehenes Weihnachtsgebäck aus Mürbeteig

Viele lieben die würzigen oft als Nikoläuse oder andere weihnachtliche Gestalten ausgeformten Spekulatius. So vielfältig wie diese sind auch die Erklärungsansätze für den Ursprung ihres Namens. Möglicherweise wurde die niederländische Bezeichnung „speculatie“ in Anlehnung an das lateinische „speculum“ (= Abbild, Spiegel) zu „speculatius“ umgemodelt. Andere Etymologen verweisen auf eine Tradition am Niederrhein, wo die Mürbeteigkekse am Nikolaustag verschenkt wurden. Damit könnte der ursprüngliche Nikolaus, also der Bischof von Myra, der Namenspate sein: Denn das griechische „epískopos“ (Bischof, eigentlich Aufseher) übersetzt sich ins Lateinische als „speculator“.

[] Nikolaus, der

volkstümliche Gestalt, die nach Nikolaus von Myra, einem Heiligen der katholischen und orthodoxen Kirche, benannt ist und Gutes tut; traditionelles, am 6. Dezember begangenes vorweihnachtliches Fest

Warum legt der Nikolaus eigentlich braven Kindern kleine Geschenke in ihre Stiefel? Dieser Brauch geht auf zwei verschiedene Geschichten zurück. Zum einen auf das biblische „Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ (Mt 25,14–30): Es erzählt von der Belohnung der Braven und Fleißigen. Zum anderen auf die „Legende von der Mitgiftspende“, auf welcher der Bescherungsbrauch basiert: Damit drei Töchter eines verarmten Mannes der Prostitution entkommen konnten, hinterließ Nikolaus von Myra, noch nicht Bischof, aber wohlhabender Erbe, des Nachts drei Goldstücke in ihrem Haus und schenkte ihnen so ihre Unabhängigkeit.

[] Klausjagen, das

ein dem Samichlaus gewidmeter Umzug, der meist in der Nacht zum 6. Dezember in verschiedenen Orten der Schweiz, unter anderem in Küssnacht am Rigi oder in Hallwil, veranstaltet wird

Der Prozess der Zivilisation: Er hat auch vor Nikolausbräuchen nicht haltgemacht: So hat sich in der Schweiz das sogenannte Klausjagen von einem reichlich ungehobelten Brauch – in der Nacht zum 6. Dezember zogen junge Männer pöbelnd und schnorrend durch die Stadt – zu einem zivilisierten, phantasievollen Umzug gewandelt. Die Teilnehmer tragen nun große Mützen aus Karton, deren ausgestanzte, mit buntem Papier beklebte Motive, von innen beleuchtet werden (wie Kirchenfenster). Den Umzüglern auf dem Fuß folgt dann der Samichlaus (Nikolaus), der von mehreren Schmutzlis begleitet wird, die Nüsse, Krapfen und ähnliches Süßgebäck an die Umstehenden verteilen.

[] Julbock, der

in Skandinavien: Gestalt mit einem Ziegenbockkopf und anderen Attributen, oft Stroh und Fell, die früher Weihnachtsgeschenke brachte; Nachbildung dieser Gestalt als Strohfigur oder als Gebäck

In der nordischen Mythologie gilt die Ziege als Symbol der Fruchtbarkeit, der alljährlich zur Wintersonnenwende mit einem Opfer gehuldigt wurde. Kein Wunder, dass es in Skandinavien lange Zeit vor dem Weihnachtsmann ein Ziegenbock war, der die Geschenke brachte. Eine schwedische Kleinstadt zollt dieser ursprünglichen Tradition seit 1966 auf ganz besondere Weise Tribut: Eine 13 Meter hohe Ziege aus Stroh ziert dort den weihnachtlichen Schlossplatz. Doch wie das ehemalige Ziegenopfer überlebt auch der „Gävler Julbock“ nur selten das Weihnachtsfest. Unverfrorene Feuerteufel sorgen meist dafür, dass dem Julbock ein vorzeitiges, loderndes Ende gesetzt wird.

[] Weihnachtslied, das

Lied, das in der Weihnachtszeit gespielt oder gesungen wird und dessen Text meist einen Bezug zu Weihnachten hat

„Syt willekomen, heirre kirst, / want du unser alre herre bis.“ (Nun sei willkommen, Herre Christ, der du unser aller Herr bist), das nach seiner fragmentarischen Erstüberlieferung so genannte Aachener Weihnachtslied gilt als das älteste in deutscher Sprache. Seine Entstehung wird auf das mittlere 14. Jh. datiert. In einer Erfurter Handschrift von 1390 ist es bereits vollständig enthalten. Aachener Chroniken berichten davon, dass dieses Lied während der Christmette, nach dem Vortrag der Weihnachtsgeschichte, ausschließlich von jenen besonders ehrenwerten Bürgern angestimmt wurde, die als Schöffen agierten.

[] Mistelzweig, der

(abgeschnittener) Zweig einer auf Büschen und Bäumen wachsenden, immergrünen und beerentragenden Schmarotzerpflanze

In der Biologie ist sie ein parasitäres Gewächs, in der Mythologie Magie pur: die Mistel. Bei den Germanen meuchelte Odins Sohn Hödur seinen Bruder Balder (ungewollt) mit einem Mistelzweig. Der trojanische Held Aeneas gelangte mit einem solchen in die Unterwelt. Für die keltischen Druiden besaßen Misteln Zauberkräfte. Und im alten Rom erhoffte man sich von Mistelzweigen über dem Türsturz segenbringende Wirkung, woraus sich möglicherweise im Angelsächsischen der Brauch entwickelte, unter dem Mistelzweig Küsse zu tauschen – einen für jede gepflückte Beere. Essen sollte man diese jedoch keinesfalls, denn sie sind giftig.

[] Adventskalender, der

etw., mit dem ab dem 1. Dezember die verbleibenden Tage bis Heiligabend abgezählt werden können (und das für jeden Tag eine Überraschung wie Bilder, Geschichten, Süßigkeiten bereithält)

Dass der Adventskalender im Biedermeier erfunden wurde, ist kein Zufall. In einer Epoche, in der man die Kindheit als eigenen Lebensabschnitt entdeckte, wuchs auch die Bedeutung von Weihnachten als Kinderfest. Um die Vorfreude noch zu steigern, malten protestantische Eltern Kreidestriche für die verbleibenden Tage an die Türen. Katholische Kinder legten täglich Strohhälmchen in die Krippe. 1903 erschien der erste gedruckte Adventskalender. Da die Adventszeit aber einen Zeitraum von 22 bis 28 Tagen umfassen kann, erwies sich für die Verlage der 1. Dezember als Startpunkt als wesentlich praktischer. Schließlich waren diese Kalender auch im Folgejahr wieder gültig.

[] Fernrohr, das

langes, optisches Gerät, das Gegenstände der Ferne vor dem Auge vergrößert und nahe erscheinen lässt

Es war das Jahr 1609, als Galileo Galilei das erste Mal ein Fernrohr auf den Mond richtete. Bis dahin war man auf das bloße Auge angewiesen, und man hielt, Aristoteles folgend, den erdnahen Himmelskörper für eine ebene, ganz und gar glatte Sphäre. Der Blick durch die vergrößernde Linse eröffnete dem Astronom nun Unerwartetes: Er sah unzählige Unebenheiten, Berge, Krater, und er erkannte, dass die dunklen Partien auf dem Mond von der Erde leicht aufgehellt werden. Seine Beobachtungen, die alle bisherigen Vorstellungen zum Einsturz brachten, hielt er in mehreren, beeindruckend detaillierten Federzeichnungen fest.

[] Tatort, der

Ort, an dem die Straftat begangen wurde

Über eintausend Folgen, über hundert Ermittler und über 1500 (stets fachgerecht sezierte) Leichen. Der „Tatort“ ist nicht nur die älteste, sondern auch die meistgesehene Krimireihe des deutschen Fernsehens. Zum Erfolg beigetragen hat nicht nur das Grundkonzept, aktuelle Themen aufzugreifen, der „Tatort“ ist auch ein Stück gelebter Föderalismus. Schließlich trägt jede Sendeanstalt für ihren „Tatort“ (und ihr Ermittlerteam) die alleinige Verantwortung. So blieben die Folgen der Reihe unverwechselbar, doch stets erfrischend abwechslungsreich (Näheres erst nach der Obduktion!). Herzlichen Glückwunsch zum 50.!

[] Hominid, der

Angehöriger einer Ordnung der Primaten, die aus den Gattungen der Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Menschen besteht

Lange Zeit glaubten Anthropologen, die Entwicklung des Menschen hätte in Asien begonnen. Zwar vermutete Darwin bereits anderes, umstimmen konnte die Fachwelt aber erst eine Sendung, die der Anatom Raymond Dart am 28. November 1924 aus einem südafrikanischen Kalkstein­bruch erhielt: darin ein nahezu unbeschädigter versteinerter Kinderschädel, der eindeutig menschliche Merkmale aufwies – das älteste damals bekannte Fossil eines unserer Vorfahren. Dart stellte das als „Kind von Taung“ berühmt gewordene Fossil unter dem neuen Gattungsnamen Australopithecus Africanus der Öffentlichkeit vor.

[] Black Friday, der

letzter Freitag im Monat November, an dem es im Einzelhandel und Onlinehandel sehr viele Werbeaktionen gibt

Sind aus der Vogelperspektive Straßen und Wege plötzlich von Menschenmassen geschwärzt? Sind an diesem Freitag nach dem vierten Donnerstag im November die Geschäfte endlich wieder in den schwarzen Zahlen? Oder haben die Ladenbesitzer am Black Friday schwarze Hände vom Geldzählen? So ganz genau weiß keiner, wie der heutige Tag in den USA zu seinem düsteren Namen kam. Düster geht es an ihm jedoch ganz und gar nicht zu: Viele Amerikaner nehmen sich den Tag zwischen Thanksgiving und dem Wochenende frei und greifen Santa beim Besorgen erster Weihnachtsgeschenke unter die Arme.

[] Mikrokosmos, der

die kleine Welt des Menschen und seiner Umgebung als verkleinertes Abbild des Universums, besonders in der antiken und mittelalterlichen Philosophie

Er begann seine Laufbahn unspektakulär mit dem Lettering, also dem „Befüllen“ von Comic-Sprechblasen. Doch sein eigentliches Talent brach sich bald Bahn: Als Charles M. Schulz vor rund 70 Jahren erstmals seine Bildgeschichten rund um einen sympathischen, aber vom Pech verfolgten Jungen veröffentlichte, erlangten er und seine „Peanuts“ bald Weltruhm. Weil er seinen Mikrokosmos mit unverwechselbaren Charakteren belebte, die ihren Alltag mit beträchtlicher philosophischer Tiefe angehen, sind die Peanuts bis heute beliebt. Am 26. November 1922 wurde ihr genialer Schöpfer geboren.

[] tüfteln, Verb

eine komplizierte Aufgabe mit zäher Ausdauer, Sorgfalt und Genauigkeit zu lösen versuchen

Fässle, Käpsele, Diftla: Für besonders findige Personen hat das Schwäbische so einige Ausdrücke parat. Und Philipp Matthäus Hahn kann sicher als Prototyp des findigen schwäbischen Tüftlers schlechthin gelten. Der heute vor 281 Jahren geborene Hahn studierte zwar Theologie und arbeitete als Pastor, seine lebenslange Faszination aber galt auch der Mechanik: Er konstruierte Uhren, astronomische Geräte, Rechenmaschinen. Die von ihm erfundene Neigungswaage fand sich bis zur Massenproduktion der Digitalwaage in jedem Postamt.

[] Ragtime, der

afroamerikanischer, besonders in der Klaviermusik herausgebildeter Stil, der durch den Gegensatz von synkopierter Melodik und einem streng eingehaltenen, hämmernden Beat in der Bassstimme gekennzeichnet ist; Musik im Rhythmus des Ragtime

„Der ‚Maple Leaf Rag‘ wird mich zum König der Ragtime-Komponisten machen“, soll er prophezeit haben. Zu Recht: Die Notenausgabe dieses kniffligen, rhythmisch „zerrissenen“ (engl. „ragged“) Klavierstücks war bereits sechs Wochen nach ihrer Veröffentlichung 75 000 mal über die Ladentische gegangen. Scott Joplin, der schon als Jugendlicher kunstvoll klimpernd durch texanische und louisianische Kneipen getingelt war, gilt als stilprägend für diese Form. Sicher ist man sich nicht, manche Biografen aber haben den 24. November 1868 als seinen Geburtstag identifiziert.

[] aller Anfang ist schwer, Mehrwortausdruck

wer etw. beginnen, eine neue Aufgabe o. Ä. angehen will, muss oft erst Schwierigkeiten überwinden; die Schwierigkeiten sind meist zu Beginn einer neuen Tätigkeit am größten, später wird es leichter

Die Geburtsstunde der britischen Science-Fiction-Serie „Doctor Who“ stand unter keinem guten Stern. Überschattet vom Attentat auf John F. Kennedy am Tag zuvor, verzeichnete die erste Folge am 23. November 1963 eher magere Einschaltquoten. Ungewiss war die Zukunft der Serie auch, als der Hauptdarsteller erkrankte. Aus der Not wurde jedoch eine Tugend und dem titelgebenden Doktor, als Angehöriger der Alien-Spezies „Timelords“, die Fähigkeit zuteil, sich nach einer tödlichen Verletzung zu regenerieren. In immer wieder neuem Körper reist der Doktor – inzwischen in seiner 13. Inkarnation – nun schon seit 57 Jahren durch Raum und (unsere) Zeit.

[] Brite, der

Einwohner Großbritanniens; jmd., der die britische Staatsbürgerschaft besitzt; jmd., der (ursprünglich) aus Großbritannien stammt

Er sollte sich als „Fourth B“ zu den berühmten „Three Bs“ (Bach, Beethoven, Brahms) hinzugesellen, so der Wunsch seiner ehrgeizigen Mutter, die ihm bereits in Kindesjahren einen musikalischen Frühstart ermöglichte. Tatsächlich erfüllte Benjamin Britten ihren Traum – er wurde zu einem der bedeutendsten britischen Tonkünstler der Moderne, schrieb unzählige Solo-, Chor- und Orchesterwerke, unter anderem – passend zur Jahreszeit – festliche Kleinodien wie die Kantate „Saint Nicolas“ oder die weihnachtliche Liedreihe „A Ceremony of Carols“. Am 22. November 1913 kam der Brite zur Welt.

[] Streich, der

aus Übermut, Mutwillen begangene Handlung, durch die jmd. geneckt, hereingelegt wird, Possen, Schabernack

Der Schädel – 1913 in einer südenglischen Kiesgrube entdeckt – elektrisierte die Wissenschaft: Er besaß eine große Hirnkapazität, zugleich aber einen primitiven Unterkiefer. Passenderweise fand sich an gleicher Stelle ein einem Cricketschläger gleichendes Knochenwerkzeug. Der „Piltdown Man“, Urmensch, Missing Link (und britischer Ahnherr), war geboren. Dabei handelte es sich um einen nicht einmal ernst gemeinten Streich. Einem präparierten mittelalterlichen Schädel hatte man den Unterkiefer eines Orang-Utans mit angefeilten Zähnen beigefügt. Ein Schwindel, der erst 40 Jahre später, am 21. November 1953, aufflog.

[] Wegelagerer, der

historisch: jmd., der an Wegen, Landstraßen jmdm. auflauert, ihn überfällt und beraubt, Strauchdieb

Rheinhessischer Robin Hood, edler Freiheitskämpfer und Charmeur? Hinter der Legendengestalt des Schinderhannes verschwindet bisweilen der historische Johannes Bückler. Zur nationalistischen Verklärung trug bei, dass er im damals französisch verwalteten rechtsrheinischen Gebiet verhaftet und verurteilt wurde. Bei der Bevölkerung war er hingegen als Wegelagerer verhasst. Er zählte gerade einmal 21 Jahre, als er vor Gericht stand, doch konnten ihm über 200 Straftaten, darunter Viehdiebstähle, Raub und Morde nachgewiesen werden. Heute vor 217 Jahren wurde er in Mainz zum Tode verurteilt.

[] stilles Örtchen, das

scherzhaft, verhüllend: Toilette

Heute ist Welttoilettentag, ausgerufen erstmals 2013 von den Vereinten Nationen. Dieser Umstand mag ein wenig albern anmuten, ebenso wie die Existenz einer Welttoilettenorganisation, doch dient beides einem ernsten Zweck: Rund 2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu akzeptablen sanitären Anlagen, mit katastrophalen Folgen für ihre Gesundheit und für die Umwelt. Der heutige Tag soll daher helfen, ein Bewusstsein für dieses Problem und besonders auch für alternative sanitäre Ansätze zu schaffen – überall in der Welt.

[] Butler, der

Diener in einem vornehmen Haushalt, besonders in England

Seine Manieren sind perfekt, sein enzyklopädisches Wissen unermesslich, seine Strategeme unfehlbar: Was James Bond für den britischen Geheimdienst ist, das ist Reginald Jeeves für die Welt der britischen Butler. In über 10 Romanen und 50 Kurzgeschichten des P. G. Woodhouse (und mehreren Fernsehadaptionen) geleitet er den verpeilten Aristokratenspross Bertram Wilberforce Wooster durch dessen gefährlichen Junggesellenalltag, bewahrt ihn vor Heiratskomplotten sinistrer Tanten ebenso wie vor unverzeihlichen Modesünden. Am 18. November 1916 hatte der Manservant in „Jeeves übernimmt das Ruder“ seinen ersten Auftritt.

[] Kranich, der

großer, hochbeiniger Stelzvogel mit langem, walzenförmigem Leib, langem Hals und spitzem, geradem Schnabel

Manche Vögel sind eher unscheinbar, der Kranich hingegen fällt mehrfach auf: Seine beeindruckende Körpergröße, sein bunter Kopf, sein lauter Ruf (noch gut erkennbar in seinem verwandten lateinischen Namen: „grus“) und die Schwärme, in denen er jahreszeitlich zwischen Nord und Süd daherzieht, haben von alters her die Dichter inspiriert. Aber auch einfache Leute waren vom langhalsigen Vogel fasziniert: Nach seinem Namen – bzw. einer älteren Form – benannten sie vom Aussehen her ähnliche Objekte wie Wasserhähne und Hebemaschinen: eben Kräne.

[] Grußkarte, die

Post-, Brief- oder Ansichtskarte in gedruckter oder elektronischer Form, auf der der Absender dem Empfänger (zu einem bestimmten Anlass) Grüße übermittelt

Es ist eine eigentümliche „Grußkarte“, die seit 46 Jahren in Lichtgeschwindigkeit durch den Weltraum rast: die „Arecibo-Botschaft“, benannt nach dem gleichnamigen Observatorium in Puerto Rico. Ausgesandt wurde sie 1974 als binär kodiertes, 1679 Bits umfassendes Radiosignal, bepackt mit mathematischen und chemischen Formeln und Informationen über die Menschheit in Richtung Kugelsternhaufen M13. Ob mögliche Außerirdische diese Nachricht tatsächlich verstehen können, steht allerdings in den Sternen. Ohnehin würde es bis dahin noch etwas dauern: M13 ist 25 000 Lichtjahre von uns entfernt.

[] Volkstrauertag, der

in Deutschland seit 1952: staatlicher, stiller Feiertag zum Gedenken an die Kriegsgefallenen und die Opfer von Gewaltherrschaft

Der Volkstrauertag spiegelt wie kaum ein anderer Gedenktag den Wandel deutscher Erinnerungskultur. Erstmals 1925 in der Weimarer Republik, auf Initiative des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge ins Leben gerufen, galt er den gefallenen deutschen Soldaten, sollte aber, zumindest nach den Worten des Reichstagspräsidenten Paul Löbe, auch für die Abkehr vom Hass stehen. Für Goebbels war er – umbenannt in Heldengedenktag – Teil der Kriegspropaganda. Seit 1952 erinnert er in der Bundesrepublik als stiller Gedenktag an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Die diesjährige Gedenkrede im Bundestag hält Prinz Charles.

[] Punk, der

jmd., der sich mit der Punkbewegung identifiziert bzw. deren typischem Erscheinungsbild entspricht

„Punk“ verbinden viele mit den 1980ern, mit nonkonformistischer Kultur und Frisur. Dabei ist der Begriff zumindest im englischsprachigen Raum keine Errungenschaft der Moderne – er ist eine Reaktion auf sie. Vom Erstbeleg an bis zum frühen 20. Jh. bezeichnete „punk“ zunächst Prostituierte, dann junge Homosexuelle, wurde später vor allem im amerikanischen Gefängnis-Slang adjektivisch für allerlei abwertende Hierarchisierungen genutzt und entwickelte daraus das Potenzial für seine kulturelle Emanzipation: Im späten 20. Jh. machte sich eine urbane Jugend, die sich dem Mainstream nicht mehr verpflichtet fühlte, das Wort „Punk“ zu eigen.

[] nett, Adj.

Gefallen, Sympathie erregend; freundlich, liebenswürdig

Heute, am World Kindness Day, werfen wir einen Blick auf eine zugleich freundliche und saubere Etymologie, das Adjektiv „nett“ kann nämlich auf eine wechselvolle Bedeutungsgeschichte zurückblicken: Aus lat. nitidus für „glänzend, hell, sauber“, entwickelte sich das frz. net für „rein, sauber, höflich“. Über flandrische Kaufleute gelangte es im Sinne von „netto“ im 15. Jh. nach Köln, von wo es sich im deutschen Raum ausbreitete. Erst im 17. Jh. etablierte es sich auch als Charakterisierung höflicher, zuvorkommender Menschen.

[] Sternschnuppe, die

kleiner, schwächerer Meteor

„Die Nacht vom 11. zum 12. November war kühl und ausnehmend schön“, erinnerte sich Alexander von Humboldt, eine perfekte Bühne für das atemberaubende Naturschauspiel, das sich vor seinen Augen entfaltete: „Tausende von Feuerkugeln und Sternschnuppen“ zogen über den Nachthimmel Venezuelas, manche schienen „wie durch Explosionen zu platzen“. Der spektakuläre Leonidenstrom von 1799 markiert einen Wendepunkt im Denken Humboldts, der nun nicht mehr von regionalen atmosphärischen Leuchterscheinungen als Ursache ausging, sondern den Ursprung in „Massen“ vermutete, die „im Weltraume (...) um die Sonne kreisen“.

[] schunkeln, Vb.

aus Vergnügen mit untergehakten Armen im Rhythmus der Musik, bei fröhlichem Gesang sich hin- und herwiegen

Fast überall auf der Welt wird am 11.11. der Gefallenen gedacht, denn genau heute vor 102 Jahren endete um 11 Uhr morgens der Erste Weltkrieg. Nicht so im Westen Deutschlands, hier begeht man an diesem Tag nämlich bereits seit Jahrhunderten einen völlig anderen Anlass: den Beginn des traditionellen Karnevals. Diesmal müssen sich rheinische Narren aber beugen – vor einem Eindringling, der keinen Spaß versteht: Die derzeitige COVID-19-Pandemie macht Polonaisen, Schunkelparaden und Bützchen (Küsschen) mit Königen, Clowns und Krokodilen zu einem bedrohlichen Risiko. Entsprechend gelten ausnahmsweise strenge Regeln.

[] Bildungsfernsehen, das

Kategorie von Fernsehprogrammen, Fernsehfilmen und Sendungen, die Zuschauenden aller Altersklassen fundierte allgemeinbildende und wissenschaftliche Inhalte vermitteln sollen

„I am a very nervous bird, I nearly laid an egg right here on Sesame Street“ (Ich bin ein schreckhafter Vogel, beinahe hätte ich ein Ei gelegt, mitten auf der Sesamstraße) – Big Bird (Bibo), das 2,50 m große, knallgelbe, ornithologisch kaum bestimmbare Federvieh, war der erste der viel geliebten Puppenprotagonisten, den Fans der „Sesamstraße“ bei der Erstausstrahlung am 10. November 1969 in den USA zu Gesicht bekamen. Seither hat er gemeinsam mit Frosch Kermit und Co. die Wohnzimmer der Welt erobert und Kinderköpfe nicht nur mit Zahlen und Buchstaben gefüttert, sondern auch Offenheit, Toleranz und Demokratie vermittelt.

[] Geschichtsschreibung, die

schriftliche Dokumentation, theoretische Systematisierung und Interpretation von historischen Ereignissen oder Entwicklungen

Bis in die Neuzeit galt in fast ganz Europa Latein als einzig wahre Wissenschaftssprache. Nur in Island verhielt es sich anders. Bereits Anfang des 12. Jahrhunderts verfasste ein Historiker namens Ari Þorgilsson das erste Geschichtswerk in seiner Landessprache. Die Íslendingabók, das Buch der Isländer, beginnt mit der Zeit der Landnahme (ca. 870) und endet mit Aris Gegenwart im Jahr 1118. Seine Bemühungen, korrekte Daten und herangezogene Quellen anzugeben, inspirierten seine Landsleute dazu, sich in den Isländersagas literarisch mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ari, der Gelehrte, starb am 9. November 1148.

[] Märchen, das

auf Volksüberlieferungen beruhende, oft auch als literarisches Kunstwerk gestaltete, kurze Erzählung, in der von wunderbaren und phantastischen Begebenheiten berichtet wird; salopp: unwahre, erfundene Geschichte, Lüge

Die Brüder Grimm stilisierten sie zur „ächt hessischen Bauersfrau“, vermarkteten sie als prototypische Märchenerzählerin, die im Kreise ihrer andächtig lauschenden Zuhörer alte, mündlich tradierte deutsche Volksmärchen wiedergibt. Über 40 Beiträge hat Dorothea Viehmann zu den Hausmärchen der Grimms beigesteuert. Tatsächlich aber war die Viehmännin keine einfache, unbelesene Frau aus dem Volk, vielmehr gebildete Tochter eines eingewanderten Hugenotten. Und ihre Geschichten wurzelten in der europäischen schriftlichen wie mündlichen Erzähltradition. Sogar mit Goethe war sie weitläufig verwandt. Heute vor 265 Jahren wurde sie geboren.

[] Demokratie, die

(politisches) Prinzip, das freie Willensbildung und die gleichberechtigte Mitbestimmung jedes Einzelnen einer Gemeinschaft an deren Gestaltung vorsieht; Regierungsform, in der (nominell bzw. im Idealfall) die Herrschaftsausübung (direkt durch Volksabstimmungen o. Ä. oder indirekt durch Wahlen) bei den formal gleichberechtigten Staatsbürgern liegt

Schlagwort, Motto, Prinzip: „Demokratie“ ist ein vielfältiges Wort, das in unzählige Sprachen gelangt ist und eine lange Bedeutungsentwicklung mitgemacht hat: In der ersten „Volksherrschaft“ – so die wörtliche Übersetzung – der Geschichte (im antiken Athen) waren nur rund zehn Prozent der Bevölkerung als Vollbürger demokratisch aktiv, also stimmberechtigt. Heute ist der Begriff weiter gefasst. Er schließt Gleichberechtigung, bürgerliche Freiheiten, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und staatlichen Friedenswillen ein. In der über 2000-jährigen Geschichte ist jedoch auch die Erkenntnis gewachsen, dass jedes demokratisch verfasste Staatswesen auf das Vertrauen seiner Bürger angewiesen ist.

[] Kartenhaus, das

aus Spielkarten errichtetes, hausähnliches Gebilde, das bereits bei einem geringen Luftzug oder bei geringer Erschütterung in sich zusammenfällt

Im 17. Jh. beschreibt Kaspar von Stieler das Bauen von Kartenhäusern noch als Kinderspiel. Bald schon hielten Dichter und Erbauungsschriftsteller selbiges ihren Lesern als Metapher für die Hinfälligkeit menschlichen Strebens vor Augen. Bis heute greifen Journalisten nur zu gerne zu diesem Vergleich, wenn das Gebäude eines (kriminellen) Bauherrn in sich zusammenfällt. Skurrilerweise gibt es derzeit aber auch einen Künstler, der Kartenhäuser baut, erstaunlich stabile obendrein. Am 6. November 1999 errichtete Bryan Berg in Berlin ein Kartenhaus mit 131 „Stockwerken“ und stellte damit einen Guinnessrekord auf.

[] verschwören, Vb.

sich (mit jmdm. gegen etw., jmdn.) verschwören: sich heimlich durch feierlichen Schwur (mit jmdm. gegen etw., jmdn.) zu gemeinsamem Vorgehen verbinden

Es fehlte nicht viel und am 5. November 1605 hätte das größte Attentat der englischen Geschichte stattgefunden. Ganze 1,2 Tonnen Schießpulver, gebunkert im Keller des House of Lords, sollten Westminster in die Luft jagen, König Jakob I., dessen Familie und das gesamte Parlament auslöschen. Doch die Clique um den Offizier Guy Fawkes, die auf diese Weise die Katholikenverfolgung beenden wollte, scheiterte durch Verrat. Bis heute erinnert jedes Jahr ein Feuerwerk an die Pulververschwörung, und das Gedicht „Remember, remember the fifth of November“ kennt in England jedes Kind.

[] Ananas, die

tropische Pflanze mit rosettenartig angeordneten Blättern und Blütenständen, die bei Entstehung der Frucht mit Teilen der Blüte und der Deckblätter zu großen zapfenförmigen Früchten verwachsen; gelbe bis orangefarbene Frucht der Ananas

Fremde Pluralmarkierungen setzen sich oft unbemerkt in der Sprache fest: Wir sprechen von der (oder dem) „Zucchini“, wo „Zucchino“ eigentlich korrekter wäre (verpönt jedoch: die „Zucchinis“). Ähnlich verhält es sich mit der „Ananas“. Als Kolumbus am 4. November 1493 Guadeloupe erreichte, wurden ihm Früchte präsentiert, die entfernt gigantischen Pinienzapfen glichen (deshalb auch englisch „Pineapple“). Die Bezeichnung der Indios lautete hingegen „nana“ oder „anana“ und wurde in viele europäischen Sprachen entlehnt. Allerdings schmuggelten die Portugiesen noch ein Plural-s ans Wortende: „Ananas“.

[] Electoral College, das

im Wahlsystem der Vereinigten Staaten von Amerika: aus 538 gewählten Repräsentanten der Bundesstaaten bestehendes Gremium, das alle vier Jahre den Präsidenten und Vizepräsidenten der USA wählt

In den USA wird der Präsident nicht direkt vom Volk gewählt. Zwar stimmen die Wähler für ihren Kandidaten, doch entsendet jeder Bundesstaat eine bestimmte Anzahl Repräsentanten in das Electoral College, die für den Kandidaten mit den meisten Stimmen in ihrem Staat votieren. Deshalb und aufgrund einer nicht ausgewogenen Verteilung nach Einwohnern kann es passieren, dass der Kandidat mit landesweit weniger Wählerstimmen am Ende doch siegt. So 2016, als Donald Trump 63 Mio. Stimmen erhielt, 2,8 Mio. weniger als Hillary Clinton – im Electoral College waren es dann jedoch 306 gegen 232 Stimmen. Es wird also auch diesmal spannend!

[] Lockdown, der

das Abriegeln; der Schutz eines Bereiches in einer Notfallsituation, zur Gefahrenabwehr; Maßnahme, mit der Personen in einer Gefahrensituation am Betreten oder Verlassen eines Bereichs (z. B. Schule, Altenheim, Geschäft) oder am Ausführen einer Tätigkeit gehindert werden; der bei großflächiger Anwendung dieser Maßnahmen hervorgerufene Zustand, in dem öffentliches Leben und Geschäftstätigkeit weitgehend zum Erliegen kommen

Von heute an gilt als Reaktion auf den alarmierende Anstieg der COVID-19-Fallzahlen ein Lockdown light: Konsequente Schutzmaßnahmen sollen den Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindern. Ein Hochschnellen der Fallzahlen erkennt man im Zusammenhang mit dem „Lockdown“ auch auf sprachlicher Ebene: So liefert z. B. das ZDL-Regionalkorpus (Anmeldung erforderlich) bei der Suche nach Belegstellen für diesen Begriff im Zeitraum von 1993 bis 2019 gerade einmal 14 Treffer, auf 2020 erweitert schießt die Zahl auf unglaubliche 6290 Treffer in die Höhe. Wir alle hoffen, dass 2021 auch diese Kurve wieder abflacht.

[] kündigen, Verb

dem Vertragspartner gegenüber ein Vertragsverhältnis, besonders ein Arbeitsrechtsverhältnis oder Dienstverhältnis, als beendet erklären

Die Welt, so klagte der Prediger Jakob Scheffrich im 17. Jh., ist ein ungastlicher Ort: „Sie kündiget vns die Herberge offt auff/ das wir von einem in den andern Orth ziehen müssen“. Interessant aus heutiger Perspektive: Scheffrich schreibt „aufkündigen“, nicht etwa „kündigen“. Denn jenes Verb wurde damals selten und wenn, dann im Sinne von „verkünden“, verwendet. Adelung nennt es um 1800 veraltet. Seither allerdings hat „kündigen“ die ursprüngliche Bedeutung von „aufkündigen“ übernommen. „Aufgekündigt“ werden heute weniger Miet- oder Arbeitsverträge als Freundschaften, Bündnisse usw.

[] Diesseits, das

das irdische Leben, die irdische Welt

Halloween 2020 wird in der Tat geisterhaft: Dieses Jahr, so der offizielle Rat, sollen Kinder auf „Trick or treat!“-Klingeltouren verzichten. Das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus ist einfach zu hoch. Die Tradition rund um „Süßes oder Saures!“ kommt ursprünglich aus Irland, wanderte über den Atlantik in die USA und setzt sich nun weltweit mehr und mehr gegen andere Traditionen durch (in Deutschland z. B. gegen das 10 Tage später stattfindende Martinssingen). In der Nacht vor Allerheiligen müssen die erwachten Geister der Seligen mit kleinen Gaben besänftigt werden – leider wirkt diese Taktik nicht gegen das Virus.

[] Oktober, der

zehnter Monat des Jahres

„Septem, octo, novem, decem“: Wenn man die lateinischen Zahlen von sieben bis zehn mit den Monatsnamen September bis Dezember vergleicht, erkennt man sofort den Zusammenhang – und wundert sich, dass z. B. im nun ausgehenden zehnten Monat unseres Jahres die Acht steckt. Viele wissen, dass dies auf die Verlegung des Jahresanfangs im römischen Mondkalender vom 1. März auf den 1. Januar zurückgeht. Viele glauben aber zu wissen, dass diese Initiative auf Cäsar zurückging. Tatsächlich fand jene Kalenderreform schon im 2. Jh. v. Chr. statt, Julius (wieder ein Monat!) verdanken wir aber die Monatslängen nach dem Sonnenjahr.

[] Testlauf, der

übertragen: Bewährungsprobe für ein geplantes Vorgehen, Projekt, Ereignis

Es war nicht der erste deutschsprachige Gottesdienst seit Beginn der Reformation, aber es war die erste deutsche Messe nach Luthers Konzept: Am 29. Oktober 1525 wurde sie in der Stadtkirche zu Wittenberg zelebriert, gewissermaßen als Testlauf. Was war neu? Luther stellte neue Lieder in deutscher Sprache vor, der Messablauf war gegenüber dem lateinischen Ritus verändert, einige aus reformatorischer Sicht zweifelhafte liturgische Elemente wurden sogar ganz entfernt. Offenbar überzeugte der Test zunächst: Weihnachten 1525 wurde die Deutsche Messe endgültig eingeführt, die Ordnung 1526 als Schrift herausgegeben.

[] heißer Draht, Mehrwortausdruck

Politik: eine direkte telefonische (oder schriftliche) Kommunikationsverbindung zweier oder mehrerer Staatsregierungen für den Austausch von Informationen in Krisensituationen

28. Oktober 1962: Der russische Regierungschef Nikita Chruschtschow informiert die US-Amerikaner darüber, dass er die in Kuba stationierten Nuklearraketen abziehen werde. Mit knapper Not ist der drohende Atomkrieg gestoppt. Das Außergewöhnliche: Dieses Einlenken verkündete Chruschtschow über Radio Moskau, nicht über diplomatische Kanäle. Diese hatten sich in der schnell eskalierenden Krise als zu träge erwiesen. Die Großmächte kamen überein, nun eine ständige Fernschreiberverbindung, den „Heißen Draht“, zu errichten. Tatsächlich hat dieser dazu beigetragen, Konflikte zumindest einzudämmen.

[] Herbststimmung, die

herbstliche Atmosphäre, verhalten melancholische Stimmungslage vor allem während der dritten Jahreszeit kurz vor dem Ende des jahreszeitlichen Zyklus (auf der Nordhalbkugel)

Erntedank und Allerheiligen, Lebensfreude und Totengedenken. Als Jahreszeit zeigt der Herbst ein widersprüchliches Gesicht und „Herbststimmung“ kann eine ganze Palette von Gefühlen umfassen. Vielleicht widmete Rainer Maria Rilke deshalb der dritten Jahreszeit in seinem „Buch der Bilder“ gleich drei Gedichte. In ihnen fing er diese Widersprüchlichkeit meisterhaft ein: im unruhig Wandernden, der sich jetzt kein Haus mehr baut, in der Erde, die – Herbstblättern gleich – wie aus den Sternen in die Einsamkeit fällt. Vielen sind sowohl die Verse als auch die darin beschriebenen Stimmungen eigentümlich vertraut.

[] Mond, der

besonders am Nachthimmel sichtbarer, das Sonnenlicht reflektierender, natürlicher Erdtrabant

Der natürliche Trabant der Erde nimmt kulturell wie wissenschaftlich eine ganz besondere Stellung ein. Denn der am (Nacht-)Himmel ab- und zunehmende, manchmal gänzlich verschwindende und bisweilen sogar die Sonne bedeckende Körper berührt und fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Sein Anblick inspirierte, über das Weltall nachzudenken und es zu erforschen: Auf keinen anderen Himmelskörper haben Astronauten bisher ihren Fuß gesetzt, und nicht ohne Grund stammen sowohl die Einteilung des Jahres in Monate als auch der Name „Monat“ vom Mond.

[] Grundlagenwerk, das

Handbuch, meist wissenschaftlichen Charakters, welches neue Erkenntnisse in einem Fachgebiet vermittelt und maßgebend ist für dessen weitere Erforschung

Bis heute ist er aktuell geblieben: Noch immer meistern Schulkinder die Klippen der deutschen Orthografie mit seiner Verlängerungsprobe (Pfer-d, weil Pfer-d-e, fä-ll-t, weil fa-ll-en), erlernen mit Begriffen wie Einzahl, Mehrzahl oder Zeitwort die Grammatik. Doch was der Barockgelehrte Justus Georg Schottelius 1663 mit seiner „Ausführlichen Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache“ vorgelegte, war kein Schulbuch, vielmehr ein monumentales Grundlagenwerk des Deutschen. Es umfasst Sprachgeschichte, Grammatik, Orthografie, Redensarten, Reimkunde und ein Wörterbuch. Er starb am 25. Oktober 1676.

[] innig, Adj.

tief empfunden, mit tiefem Gefühl

Es scheint das Ich, das Du, das Einjeder zu sein in den langen Figuren aus Holz oder Bronze, in den großen Händen, den fließenden Konturen, den ausdrucksstarken Gesichtern. Aus Ernst Barlachs Plastiken ist das Mythologisierende, das Heroische ganz und gar herausgemeißelt. Stattdessen erkennt man in den klaren Gestalten das pure Menschliche, erblickt Freude, Leid, Trauer, Sehnsucht. Den Nationalsozialisten war Barlachs Werk zu „undeutsch“, sie diffamierten es als „entartet“ und belegten den Künstler – ein Jahr vor seinem Tod am 24. Oktober 1938 – mit einem Ausstellungsverbot.

[] Kalebasse, die

aus den Früchten des Flaschenkürbisses oder des Kalebassenbaumes hergestelltes bauchiges Gefäß mit langem Hals

Unsere populären Kürbissorten wie Hokkaido, Butternut oder Jack O’Lantern stammen allesamt aus Amerika. Im europäischen Mittelalter war ein anderer Kürbis bedeutsam, geradezu heilig: der Flaschenkürbis. Denn der Vulgata (Jona 4,6–10) zufolge hatte Gott für den Propheten Jona über Nacht eine Kürbispflanze wachsen lassen, „die schatten gab vber sein Heubt“. Die Frucht der Wunderpflanze, die ausgehöhlte, mit Weihwasser gefüllte Kalebasse, gehörte zu den unverwechselbaren Attributen des frommen Pilgers. Tatsächlich aber lag im lateinischen Bibeltext ein Übersetzungsfehler vor: Gemeint war ursprünglich der Rizinusstrauch.

[] Halbgott in Weiß, Mehrwortausdruck

scherzhaft, übertrieben, gelegentlich ironisch: Arzt (im Arbeitskittel)

Das Stethoskop im Kittel, das Skalpell in der Hand, das Herz am rechten Fleck: Deutschlands beliebtester Halbgott in Weiß, Professor Brinkmann, rettete in den 1980ern vor Krankheit und Langeweile. Immerhin wurde seine Schwarzwaldklinik regelmäßig von bis zu 28 Millionen Menschen besucht – die Fernsehserie gehört nämlich, trotz ihrer Überdosis an Kitsch, zu den populärsten des letzten Jahrhunderts. Klausjürgen Wussow mimte den Chefarzt, Sascha Hehn seinen feschen Sohn und Kollegen, Gaby Dohm die Krankenschwester bzw. (spätere) Ärztin und Brinkmann-Gattin. Heute vor 35 Jahren wurde die erste Folge ausgestrahlt.

[] teuflisch, Adj.

(höchst) bösartig, niederträchtig, infam, boshaft; wie der Teufel, wie vom Teufel

Sonntag, 21. Oktober 1638, Widecombe, Dartmoor, Südengland: 300 Gläubige machen sich auf den Weg zum Gottesdienst. Um den Kirchhof St. Pancras tobt ein teuflisches Gewitter, im Gotteshaus jedoch wähnt man sich sicher. Plötzlich brüllt ein gewaltiger Donner auf, ein „Feuerball“ zerreißt das Dach, verletzt 60 Menschen, vier überleben die Katastrophe nicht. Das fatale Ereignis von Widecombe wird von vielen als seltener Kugelblitzeinschlag interpretiert, ein Phänomen, dessen Existenz nicht wirklich gesichert ist. Mancher Widecomber munkelt aber noch heute: Es war kein Blitz, es war der Teufel höchstpersönlich.

[] Grünspan, der

giftiger grüner Überzug auf Gegenständen aus Kupfer oder Messing, der durch die Einwirkung von Essigsäure und Luft entstanden ist, Patina

Anders als (hässlich anzuschauender) Rost verleiht eine Patina aus Grünspan Antiquitäten oder Imitationen derselben eine vornehme Aura des Alten. Auch im Mittelalter war das grünlich schimmernde Kupfersalz der Essigsäure begehrt, da es sich verhältnismäßig preiswert herstellen und als Farbpigment z. B. für Illuminationen verwenden ließ. Gehandelt wurde es unter dem Namen „Viride Hispanicum“, Spanisches Grün, womit auch das „-span“ im Grün-span erklärt wäre. Denn mit dem „Span“ hat das Wort nichts gemein.

[] entlarven, Vb.

das wahre (schlechte) Wesen, den wahren (schlechten) Charakter von jmdm., etw. zu erkennen geben, enthüllen

Die meisten kennen die Geschichten von Lemuel Gulliver, dem leichtgläubigen Seefahrer, der sich zwischen den winzigen, aber gigantisch unfriedlichen Liliputanern behaupten muss, aus ihrer Kindheit. Jonathan Swifts ursprünglich viel umfangreicherer vierteiliger Roman liest sich in der ungekürzten Fassung aber kaum wie eine fantastische Abenteuergeschichte: Vielmehr präsentiert er sich als entlarvende, bissige Gesellschaftssatire, die mit der korrupten europäischen Feudalgesellschaft und der durchdringenden Lasterhaftigkeit des Menschen abrechnet. Swift starb heute vor 275 Jahren.

[] Trendsetter, der

jmd., der (weil man ihn als maßgebend ansieht o. Ä.) etw. Bestimmtes allgemein in Mode bringt, der einen Trend auslöst

Er gilt als der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarock und als wahrer musikalischer Trendsetter. Von Haus aus eigentlich Organist, verfasste Heinrich Schütz vor allem geistliche Vokalmusik in deutscher Sprache – sie entstand für die Gottesdienste am Dresdner Hof, wo er von 1619 an bis ins hohe Alter als Kapellmeister wirkte. Zuvor unternahm er ausgedehnte Reisen nach Italien, wo er sich mit der Praxis des Generalbasses, der Madrigalform und der venezianischen Mehrchörigkeit vertraut machte. All dies etablierte er später auch in Deutschland. Heute vor 435 Jahren kam er zur Welt.

[] Appell, der

Aufruf (an die Öffentlichkeit)

„Politik im Groteskstil, (...) Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Mund hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, (...) Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reichs (...).“ Heute vor genau 90 Jahren hielt Thomas Mann im Berliner Beethoven-Saal seine bedeutende „Deutsche Ansprache“, in der er angesichts des besorgniserregenden politischen Aufstiegs der NSDAP an die Vernunft seiner Landsleute appellierte. Zwar wurde die Rede durch Zwischenrufe einzelner SA-Leute gestört, der überwiegende Teil der Zuhörer reagierte jedoch mit begeistertem Applaus.

[] guter Ton, Mehrwortausdruck

Normen, Regeln für das in einer bestimmten sozialen Umgebung angemessene Verhalten; das diesen Normen, Regeln entsprechende Verhalten

Welches Besteck man in feiner Gesellschaft nutzt oder ob man beim Niesen „Gesundheit“ wünscht – die Antworten auf diese Fragen werden landläufig im „Knigge“ erwartet. Doch Adolph Freiherr Knigge verstand sein zweibändiges Werk „Über den Umgang mit Menschen“ als soziologische Abhandlung: Ihm ging es um einen taktvollen und höflichen Umgang „mit allen Klassen von Menschen“, auch mit Schurken, Trunkenbolden und Frauenzimmern … am Ende sogar mit sich selbst. Erst nach seinem Tod wurde das Werk vom Verlag schrittweise um Benimmregeln erweitert. Am 16. Oktober 1752 wurde der Freiherr geboren.

[] Anklage, die

Beantragung eines Strafverfahrens; Beschuldigung

Als Hauptmann Alfred Dreyfus, der als erster Jude im französischen Generalstab tätig war, am 15. Oktober 1894 bei seinem Vorgesetzten vorstellig wurde, ahnte er nicht, was vor ihm lag: Verhaftung, ein rechtswidriger Militärprozess und lebenslange Verbannung wegen Landesverrats. Der Fall führte zu einer schweren Krise in Frankreich, die beinahe in einen Staatsstreich mündete. Es sollte zwölf Jahre bis zur Rehabilitierung des unschuldigen Dreyfus dauern. Einen der Höhepunkte der Affäre setzte Émile Zola 1898 in einem offenen Brief an den Präsidenten mit dem Titel „J’accuse…!“, in welchem er, ebenfalls anklagend, Dreyfus vehement verteidigte.

[] Wohnmaschine, die

riesiger Wohnblock (in Plattenbauweise) mit normierten Wohnungen (und Einrichtungen des täglichen Bedarfs) zur Unterbringung vieler Menschen

Sie ist 138 Meter lang, 25 Meter breit und 56 Meter hoch, kombinierte bei ihrer Eröffnung am 14. Oktober 1952 auf 18 Etagen 337 Maisonettewohnungen, zahlreiche Geschäfte, eine Wäscherei, ein Hotel und eine Dachterrasse mit Kindergarten, Freilufttheater und Fernblick: Die „Cité radieuse“ in Marseille, die erste fertiggestellte Unité d’Habitation oder „Wohnmaschine“ des Architekten Le Corbusier. Er plante sie als „vertikale Stadt“, die schnell bezahlbaren und dennoch komfortablen Wohnraum bieten sollte. Insgesamt wurden fünf dieser Wohneinheiten fertiggestellt, eine, das „Corbusierhaus“, im Berliner Westend.

[] Gimmick, das

auffallende, attraktive Beigabe zu einem Produkt, einer Dienstleistung, die Aufmerksamkeit oder Kaufinteresse wecken soll (und meist unabhängig vom Produkt oder der Dienstleistung genutzt werden kann)

Wem das Glück der frühen Geburt zuteil wurde, der konnte sich in seiner Kindheit jeden zweiten Monat auf das Yps-Heft freuen, mit seinen charakteristischen Comics, Kleinanzeigen für Kinder und – zweifelsohne das Wichtigste – kleinen beigegebenen Abenteuern, den so genannten Gimmicks. Urzeitkrebse zur Aufzucht, ein Radio zum Selberbauen, eine Maschine für viereckige Eier und vieles mehr. Heute vor 45 Jahren kam die erste Nummer des regelmäßig erscheinenden Heftes heraus, vor zwanzig Jahren die letzte – spätere Exemplare richteten sich an nostalgische Erwachsene, die treuen Leser aus der Glanzzeit.

[] ergötzen, Vb.

gehoben: jmdn. amüsieren, jmdm. Vergnügen bereiten

„Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen, / Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen“, heißt es im „Faust I“. Hat Goethe hier etwa um des Reimes willen ein e anstelle des ö eingeschmuggelt? Nicht ganz: Zwar schrieb man zu seiner Zeit wesentlich häufiger „ergötzen“, aber die Form „ergetzen“ war neben „ergätzen“ durchaus noch geläufig. Der Grund für die volatile Orthografie des seltsamen Wortes lag darin, dass die genaue Herkunft, allen Erklärungsversuchen zum Trotz, lange ein ungelöstes Rätsel blieb. Klar war eigentlich nur, dass das Wort mit dem Götzen nichts zu tun hatte. Mittlerweile kennt man die Antwort.

[] Stimme, die

Meinungsäußerung, Willensbekundung; Willensäußerung des einzelnen bei einer Abstimmung, Wählerstimme

„My voice, our equal future“ (Meine Stimme, unsere gleichberechtigte Zukunft) ist das Motto des diesjährigen Welt-Mädchentags, den die UNICEF vor neun Jahren erstmals ausrief: Mädchen weltweit verschaffen sich Gehör und treten für die Wahrung ihrer Rechte ein – die Hoffnung: eine Zukunft in einer besseren Welt, in der Mädchen und junge Frauen nicht mehr nur an einem 11. Oktober gehört werden, sondern an jedem Tag; eine Welt, in der ihnen der gleiche Respekt, der gleiche Rechtsschutz, die gleiche Stimme und die gleiche Perspektive gewährt werden wie Jungen und jungen Männern.

[] Dackelblick, der

oft spöttisch: einen treuherzigen Eindruck machender oder machen wollender Blick

Ob „Hundefraß“, „hundeelend“ oder der sprichwörtliche „Dackelblick“. Canis lupus familiaris – so der wissenschaftliche Name – ist nicht nur ein treuer Begleiter des Menschen, der sich auf Sofas oder in Parks breitmacht. Er hat es sich auch in unseren Wortschatz gemütlich eingerichtet. Über hundert Komposita mit „Hund“ als Wortbestandteil und unzählige Redewendungen mit „unverzichtbaren“ Lebensweisheiten („Hunde, die bellen ...“) zeigen: Er ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Heute feiern die Freunde des Vierbeiners den Welthundetag.

[] Supernova, die

gewaltige Explosion, mit der ein massereicher Stern am Ende seines Lebenszyklus vernichtet wird, auf der Erde als kurzzeitiges, helles Aufleuchten sichtbar; der explodierende Stern selbst

„(...) ditz allein ⟨ist⟩ gewiß / das er eintweder vns Menschen gar nichts / oder aber solliche hohe wüchtige ding zubedeuten habe / die aller Menschen Sinn vnd vernunfft vbertreffen“, so Johannes Kepler über einen „newen Stern“, der am 9. Oktober 1604 erstmals in Italien beobachtet worden ist. Und in der Tat: Die etwa 20 000 Lichtjahre entfernte Supernova 1604, die kurzzeitig heller schien als der Jupiter und nach etwa einem Jahr wieder vom Himmel verschwand, brachte endgültig den damals etablierten Glauben an die aristotelische Kosmologie ins Wanken: Nach ihr galten sogenannte Fixsterne nämlich als unveränderlich.

[] Dauerwelle, die

durch feuchte Wärme oder chemische Substanzen künstlich hergestellte Wellung des Haares

Mit Locken ist es ein Kreuz: Wer gewelltes Haar hat, will es oft glätten, wer glattes Haar hat, sehnt sich nach Kräuselung. Für beides gibt es inzwischen technische Hilfsmittel. Eines davon verdanken wir dem aus Baden stammenden Londoner Frisör Karl Ludwig Nessler (alias Charles Nestle), der vor 114 Jahren – nach mehrjährigen, teils schmerzhaften Experimenten an seiner Gattin – seiner ehrenwerten Zunft das weltweit erste einsatztaugliche System für eine erfolgreiche Dauerondulation vorstellte. Angeblich sah es zunächst den Einsatz von Kuh-Urin vor.

[] Herbst, der

dritte der vier Jahreszeiten, Zeit der Ernte und des Welkens

Die dritte Jahreszeit gilt nicht umsonst als die bunteste: Blätter glänzen rot und golden, Getreide und Früchte sind reif für die Ernte, das kürzere Tageslicht mahnt zum „Carpe diem!“ Tatsächlich sind Jahreszeit und Redewendung auch etymologisch recht bunt: „Herbst“, englisch „harvest“ (Ernte) – beide aus germanisch „*harƀista-“ (Ernte, Erntezeit) – und lateinisch „carpere“ (pflücken) gehen auf eine gemeinsame Wurzel zurück, die nach Ausweis von hethitisch „karp-“ (aufheben, nehmen, pflücken) erst das Einsammeln, dann das Pflücken und Abschneiden von Früchten bedeutete.

[] Kaffeeklatsch, der

umgangssprachlich, scherzhaft: gemütliches Beisammensein eines kleinen Kreises mit Plauderei bei Kaffee und Kuchen

„Kaffeeklatsch“ ist ein international beliebtes Wort, in Amerika markiert es sogar einen sozialen Wandel. So war im 19. Jh. der in feineren Kreisen Amerikas gepflegte afternoon tea, zu dem man förmlich per Billet einlud, doch eine eher steife Angelegenheit. Der Kaffeeklatsch, der sich ab den 1870er Jahren ausbreitete, leitete da einen gewissen Sinneswandel ein. Denn schon die lautmalerische Eigenschaft des Wortes – eine Benimmbuch-Autorin sprach vom „admirably descriptive sound“ – machte sprachübergreifend spürbar, dass nicht soziale Etikette, sondern der hemmungslose Tratsch im Vordergrund stand.

[] außerordentlich, Adj.

über das Gewöhnliche hinausgehend, hervorstechend, bemerkenswert

Vor 26 Jahren rief die UNESCO den 5. Oktober zum Welttag der Lehrerin und des Lehrers aus, um auf die verantwortungsvolle Aufgabe dieses Berufsstands aufmerksam zu machen und sein Ansehen weltweit zu stärken. In diesem außerordentlichen Jahr steht der Welttag unter dem Motto: „Teachers: Leading in crisis, reimagining the future“ (etwa: Lehrende: Lotsen in der Krise, Zukunftsvisionäre). Tatsächlich haben COVID-19-Pandemie und Lockdown Lehrerinnen und Lehrer weltweit vor immense, bisher unbekannte Herausforderungen gestellt: Jenen begegneten sie mit Mut, Verstand, Kreativität und unglaublicher Resilienz.

[] Grausen, das

starkes Grauen vor etw. Entsetzlichem, unabwendbar Vernichtendem, Entsetzen über etw.

Die Geschichte ist der Albtraum jedes Spinnenphobikers: Ein Heer von haarigen Achtbeinern fällt über eine ländliche Gegend her. Jeder, den sie berühren, stirbt einen grauenvollen Tod. Soziale Konflikte tun ein Übriges, um die Gesellschaft an den Rand der Katastrophe zu bringen, aus der sie nur selbstloser Opfermut rettet. Ob man „Die schwarze Spinne“ nun als frommes Gleichnis, als Sozialstudie oder als Schauergeschichte liest: Mit ihrer raffinierten Rahmenerzählung ist die Novelle ein literarisches Kunstwerk, das lange unterschätzt wurde. Ihr Schöpfer, Jeremias Gotthelf, wurde am 4. Oktober 1797 geboren.

[] Einheit, die

die ein Ganzes bildende Verbundenheit, Unteilbarkeit, Ganzheit

Das Wort „Einheit“ taucht zuerst im 15. Jh. als eine der vielen Möglichkeiten auf, das lateinische „ūnitās“ zu übersetzen. Von Anfang an besitzt es annähernd die heutigen Hauptbedeutungen, „das Einssein“ (als Einheitlichkeit, geschlossenes Ganzes usw.) und „die Einzelgröße, das Element“ (z. B. in den Naturwissenschaften). Zunächst auf die theologisch-philosophische und mathematisch-technische Literatur beschränkt, orientiert sich seine Verwendung seit dem 18. Jh. stärker am Vorbild des französischen „unité“. Auf der heute dominierenden Bedeutung (wie oben nachzulesen) – sie ist seit etwa dem 17. Jh. zu erkennen – basiert auch der Begriff „Tag der Deutschen Einheit“.

[] Präsident, der

Vorsitzender einer (bedeutenden) staatlichen oder nichtstaatlichen Organisation, eines Vereins, einer Institution o. Ä.; Staatsoberhaupt einer Republik

Ursprünglich war der Präsident ausschließlich Leiter eines juristischen Gremiums. Heute sind seine Funktionen ins Vielfache gewachsen: vom Kopf des Verfassungsgerichts über den wichtiger staatlicher oder gesellschaftlicher Einrichtungen bis hin zum Staatsoberhaupt. Dabei weist die Bedeutung des zugrundeliegenden Verbs noch auf weitere wichtige Eigenschaften hin: „praesidēre“ steht auch für „(be)schützen“ und „decken“. Das Amt des Präsidenten war entsprechend von jeher ein zugleich ehrenwertes wie herausforderndes. Wir wünschen dem neuen Präsidenten der BBAW, Christoph Markschies, eine von Erfolgen gekrönte Amtszeit.

[] Stabwechsel, der

bildlich: Übergabe der Amtsgeschäfte durch den bisherigen Amtsinhaber

An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften findet heute ein bedeutender Stabwechsel statt. Zwar nicht im sportlichen, in gewisser Weise aber doch im olympischen Sinne: Nach fünf Jahren höchst tätiger, höchst erfolgreicher Führung gibt unser nun ehemaliger Präsident, der Mathematiker Martin Grötschel, das Amt an seinen Nachfolger, den Theologen und Historiker Christoph Markschies, weiter. Wir bedanken uns bei Herrn Grötschel für seinen unermüdlichen und sehr erfolgreichen Einsatz für die digitale Lexikographie und blicken mit Spannung und Zuversicht auf eine erfolgreiche nächste Etappe.

[] Algorithmus, der

Anweisung, Verfahren zur Lösung eines (mathematischen, informationstechnischen) Problems durch schrittweise Bearbeitung, Umformung von Zeichenreihen; Rechenverfahren nach einem bestimmten Schema

Es gibt Probleme, die man lösen kann, es gibt Probleme, die man nicht lösen kann. Das gilt für Alltagsprobleme, es gilt für wissenschaftliche Probleme, es gilt für die großen Probleme des menschlichen Lebens. Für einen kleinen Teilbereich davon haben die Mathematiker im Lauf der Jahrhunderte automatische Verfahren – Algorithmen – entwickelt. Manche dieser Algorithmen kann man auch auf Alltagsprobleme anwenden, beispielsweise auf die optimale Gestaltung von Reiserouten oder von innerstädtischen Bus- und Bahnnetzen. Algorithmen für die großen Probleme des menschlichen Lebens hat man allerdings bisher noch nicht entdeckt.

[] Wahnbild, das

auf einem Irrglauben beruhende Vorstellung, Fantasie, Wunschbild, Wahnvorstellung

Für ihn war das Gefängnis ein Ort der Resozialisierung. Der verschuldete Edelmann hatte sich als Marinebeamter am Staatseigentum vergriffen und war 1597/1598 schließlich inhaftiert worden. Hier fand der fünfzigjährige Miguel de Cervantes Muße zum Schreiben. Was als kurze Satire geplant war, wuchs zu dickleibiger Weltliteratur heran: Seine Figur des Möchtegernritters Don Quijote, der im Wahn gegen Weinschläuche oder Windmühlen kämpft, ist in Literatur und bildender Kunst unzählige Male aufgegriffen worden, der Name ging sogar in unseren Wortschatz ein. Am 9. Oktober 1547 wurde sein Schöpfer geboren.

[] gemütlich, Adj.

bequem und behaglich

Das althochdeutsche Wort „muot“ war nie semantisch eindeutig. Es spricht von „Kraft des Denkens“, von „Seele“ und „Herz“, von einem „Gemütszustand“ oder „Gefühl“, aber auch von einer „Gesinnung“, „Absicht“ oder „Neigung“. Entsprechend sind z. B. mit „Zumutung“, „vermuten“ oder „Übermut“ Wortbildungen mit unterschiedlichsten Bedeutungsnuancen daraus hervorgegangen. Nach einer wird uns zu Herbstbeginn wieder verstärkt „zumute“ sein: der „Gemütlichkeit“. Seit dem 18. Jh. ist das Adjektiv „gemütlich“ populär geworden, erst als Gegensatz zu „verstandesmäßig“ mit der Bedeutung „was das Gemüt anspricht“, dann mehr und mehr im heutigen Sinne.

[] Winner-takes-all-Prinzip, das

Grundsatz des Wahlrechts in den USA, nach dem in den einzelnen Bundesstaaten die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen über die Nominierung der zur Wahl des US-Präsidenten autorisierten Wahlmänner und Wahlfrauen entscheidet

Am 3. November 2020 wählen US-Bürger/innen ihren neuen Präsidenten. Das indirekte Wahlsystem der USA allerdings gewährleistet nicht immer, dass der Wille der Majorität auch umgesetzt wird. Die Gründe dafür: das Electoral College, die Uneinheitlichkeit des Verhältnisses von Einwohner pro Wahlmann in den verschiedenen Bundesstaaten (während in Wyoming ein Wahlmann auf etwa 188 000 Einwohner kommt, ist es in Kalifornien einer pro rund 677 000) und das Winner-takes-all-Prinzip. In den letzten 200 Jahren erhielten dadurch vier nicht von der Wählermehrheit bestimmte Präsidenten trotzdem das Amt. Zuletzt Donald Trump 2016.

[] Segeltörn, der

Fahrt, Ausflug oder Reise mit einem Segelboot oder einer Segeljacht

Es ging nicht in 80, sondern in 1018 Tagen um die Welt, dennoch war Francis Drakes globaler Segeltörn zwischen 1577 und 1580 ein bemerkenswerter. Historisch: Er war einer der ersten erfolgreichen überhaupt. Wissenschaftlich: Unter anderem wurde die Beschaffenheit der Magellanstraße erkundet. Politisch: England war mit Spanien verfeindet und jenes beherrschte Teile des auf Drakes Route liegenden (und hier und da von jenem schwerst ausgeplünderten) Südamerika. Am 26. September 1580 erreichte der Seefahrer mit Schätzen beladen, aber um 100 Mann ärmer, endlich das heimatliche Plymouth.

[] Kompromiss, der oder das

Verständigung, die durch beiderseitiges Nachgeben in einer strittigen Angelegenheit erreicht wird, beiderseitige Übereinkunft

Der epochale Kompromiss, mit dem König Ferdinand I. und die deutschen Reichsfürsten am 25. September 1555 nach Unruhen und Konfessionskriegen Frieden schufen, ist gemeinhin als Augsburger Religionsfrieden bekannt. In dem außerordentlich komplexen Vertragswerk sicherten die Partner einander nicht nur Gewaltverzicht zu. Die Fürsten erhielten zudem das Recht, in ihren Territorien die Religion selbst zu bestimmen (Ius reformandi). Den Untertanen wurde im Gegenzug immerhin das Recht auf Emigration zugestanden (Ius emigrandi). Der Volksmund brachte dies kurz und knackig auf die Formel: „Wo ich leb, so ich bet“.

[] Isländisch, das

auf Island beheimatete Sprache aus dem nordgermanischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie

Island ist ein zu Recht beliebtes Reiseziel – die komplexe Sprache seiner rund 300 000 Einwohner erweckt jedoch bei Touristen, die auf den Hvannadalshnúkur oder nach Fljótsdalshérað wollen (oder auch nur Sigur Rós hören), großen Respekt. Dabei stellt sich das Isländische, das auf eine über tausendjährige Literaturgeschichte zurückblicken kann, als linguistische Schatztruhe heraus: In ihm konnten sich Formen erhalten, für die man sonst in altgermanische Sprachen blicken muss – nicht zuletzt ein Resultat der seit rund 200 Jahren vorherrschenden starken Tendenz zum sprachlichen Purismus.

[] Notruf, der

telefonischer Anruf, Funkspruch, Signalübermittlung o. Ä. zur Alarmierung der Polizei, Feuerwehr oder einer anderen Rettungsstelle in einer (mit Gefahr für Leib und Leben verbundenen) Notsituation; Telefonnummer, unter der ein Notruf entgegengenommen wird

Wie leider so oft: Es muss erst etwas passieren, damit etwas passiert. 1969 starb der achtjährige Björn Steiger nach einem Unfall, weil es kein effizientes, schnelles System der Notfallhilfe gab. Seine Eltern gründeten daher die Björn Steiger Stiftung, der wir ein zentrales, einheitliches und schnelles Vorgehen bei Notfällen ebenso verdanken wie die Notrufsäulen an Straßen in Zeiten der Prä-Mobilfunk-Ära. Eine der bekanntesten Errungenschaften ist die Einführung der für uns mittlerweile völlig selbstverständlichen Nummern 110 und 112 – heute vor 47 Jahren.

[] Emanzipation, die

Gleichstellung bzw. Erlangung eines Zustandes der (rechtlichen, politischen) Gleichstellung durch Befreiung von Abhängigkeiten

Im Römischen Reich waren mit der „emancipatio“ zwei Rechtsakte verbunden: 1. der Familienvater entließ den Sohn zur Gründung eines Hausstandes aus der väterlichen Gewalt, 2. ein Sklave wird freigelassen. Beide Handlungen entsprechen auch den Facetten des modernen Begriffs „Emanzipation“, der im 19. Jh. zum Motor des Fortschritts wurde – zum einen die Befreiung hin zur Gleichberechtigung (z. B. jüdische Emanzipation, Frauenemanzipation), zum anderen immer noch die Befreiung aus Knechtschaft: Am 22. September 1862 verkündete Abraham Lincoln mit der „Emancipation Proclamation“ die Abschaffung der Sklaverei.

[] Mobiltelefon, das

tragbares (und handliches), ortsunabhängig verwendbares Telefon, das über Funk mit einem Telefonnetz verbunden ist

Es wog nur 800 Gramm, war insgesamt ein Drittel Meter lang, konnte innerhalb von zehn Stunden voll aufladen und bot dann ganze 30 Minuten Sprechzeit. Zugegeben, tragbar mag es gewesen sein, aber handlich war es tatsächlich noch nicht, das erste kommerzielle Mobiltelefon mit Namen DynaTAC 8000X von Motorola. Damals ging es für knapp 4000 USD (dies entspricht heute knapp 10 000 USD) über den Ladentisch und wurde innerhalb eines Jahres weltweit immerhin 300 000 Mal verkauft. Am 21. September 1983 erhielt es von der Federal Communications Commission seine Zulassung.

[] Frucht, die

aus dem Samen und seiner Hülle bestehendes pflanzliches Produkt, besonders Obst, das vorzugsweise der menschlichen Ernährung dient

Sein Leben hat historische Zeitenwenden überdauert, die übliche Lebenserwartung seiner Generation hatte er längst übertroffen. Doch Jacob Grimm arbeitete, veröffentlichte weit bis ins hohe Alter und schrieb, wenn auch zunehmend verbittert, am Deutschen Wörterbuch. Missgünstige Kritiker und eine schwindende Leserschaft nagten an ihm: „… ich könnte schlafen gehen, ohne dass es viel bemerkt würde“. Den Artikel „Froteufel“ konnte er mit 78 noch vollenden, die angefangene „Frucht“ lag auf dem Schreibtisch, als er am 20. September 1863 starb, an einem Infekt, den er sich ausgerechnet auf einer Kur eingefangen hatte.

[] Caucus, der

in einigen US-Bundesstaaten während des Vorwahlkampfs: auf lokaler Ebene stattfindende Versammlung einer Partei, bei der die Teilnehmer über einen Präsidentschaftskandidaten abstimmen oder dessen Unterstützer als Delegierten auf den nationalen Parteitag entsenden

Wie gelangen Fremdwörter in die eigene Sprache? Mal bezeichnen sie ein neues Produkt („Computer“), mal ein neues Konzept („Avantgarde“), mal entspringen sie einer Mode („cool“, „chill“). Es gibt aber auch sogenannte „mots justes“, also Wörter, die eine spezielle Nuance ausdrücken – ohne in der Gebersprache entsprechend genau zu sein (wie „puzzle“: engl. = jede Art Rätsel, dt. = das Legespiel). Ein solcher Fall ist auch der Begriff „Caucus“, eigentlich schlicht für eine politische Beratung, der hierzulande seit Neuestem speziell für die Nominierung der Präsidentschaftskandidaten in den USA verwendet wird.

[] Gerrymandering, das

in Wahlsystemen mit Mehrheitswahlrecht: Zuschnitt der Wahlkreise bzw. Bestimmung der Wahlbezirksgrenzen zugunsten einer politischen Partei oder Gruppierung (unter Berücksichtigung des zu erwartenden Stimmenverhältnisses)

So wie Charles Boycott hinter dem Wort „Boykott“ steht, so steht auch ein Gouverneur von Massachusetts, Elbridge Gerry, (unfreiwillig) für das berüchtigte Gerrymandering. Als 1812 in seinem Staat die Grenzen der Wahlkreise zugunsten seiner Partei neu gezogen wurden, glich manchen der Umriss eines Countys einem drachenartigen Wesen. Findige Journalisten prägten daraufhin das Kofferwort „gerry-mander“ aus „Salamander“ (das mythologische Geschöpf) und dem Namen „Gerry“. Jener hatte die Einteilung eigentlich abgelehnt, das entsprechende Gesetz trägt gleichwohl seine Unterschrift.

[] Feierbiest, das

oft scherzhaft: feierfreudige, zu Hedonismus, ausgelassener Stimmung, zügelloser Fröhlichkeit neigende Person

Das Wort Feierbiest ist erst vor 10 Jahren mit dem denkwürdigen Spruch „Ich bin ein Feierbiest“ ins Deutsche eingewandert; geprägt wurde es durch den niederländischen Fußballtrainer Louis van Gaal. In Zeiten von Corona haben es Feierbiester schwer: Durch Hygiene- und Abstandsregeln gestaltet sich jedwede Organisation von Feiern in öffentlichen Gebäuden zu einem enormen Problem. Umso schöner, dass die BBAW heute für ihren Ende des Monats scheidenden Wissenschaftsdirektor Wolf-Hagen Krauth eine würdige Abschiedsfeier im Leibnizsaal ausrichten kann. Das Team des DWDS dankt ihm ganz herzlich für seinen langjährigen unermüdlichen Einsatz.

[] Zeitungsente, die

falsche Meldung in einer Zeitung

„Umwerfende astronomische Entdeckungen: durch Sir John Herschel am Kap der Guten Hoffnung“ – so titelte Ende August 1835 die New York Sun. Der renommierte Wissenschaftler habe mithilfe eines völlig neuen Teleskops Unglaubliches entdeckt: blühendes, artenreiches Leben auf dem Mond. Von Büffeln und Ziegen sei der Erdtrabant bevölkert, von Einhörnern und höchst entwickelten, anmutigen, geradezu engelhaften Fledermausmenschen – die Sensation machte weltweit Furore und bescherte der Zeitung noch nie erreichte Verkaufszahlen – erst am 16. September desselben Jahres wurde die „große Mondente“ als amüsanter Schwindel aufgelöst.

[] Warnung, die

Hinweis auf etw. jmdm. Drohendes, auf Gefahr für jmdn.

Chroniken sind mehr als nur Anekdötchensammlungen. Auch nach Jahrhunderten können sie den Nachgeborenen als handfeste Warnung dienen: Als 1978 in Österreich eine heftige Diskussion um die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf ausbrach, geriet auch ein historisches Ereignis in den Blickpunkt. Am 15. September 1590 hatte im österreichischen Ried am Riederberg ein Beben der Stärke 6,0 auf der Richterskala Tod und Zerstörung verursacht. Gerade in Zwentendorf wurden die Kirchen „dermassen zerschmettert und zerlittert, das man nit darein darf“. Das Atomkraftwerk ging nie in Betrieb.

[] Indogermanisch, das

nicht direkt belegte, aber aus den Tochtersprachen rekonstruierbare Sprache, die vor mindestens 4.000 Jahren in einem nicht sicher bestimmbaren Gebiet, wahrscheinlich nördlich oder südlich des Kaukasus, gesprochen wurde; Urindogermanisch

Dass die Ähnlichkeiten zwischen Lateinisch, Altgriechisch, Gotisch und dem ins Bewusstsein der europäischen Forscher gerückten altindischen Sanskrit kaum Zufall sein können, war um 1800 bereits eine verbreitete Hypothese. Den ersten wissenschaftlichen Nachweis erbrachte aber 1816 der heute vor 229 Jahren in Mainz geborene Franz Bopp, aber nicht, indem er zufällige Wörter verglich, sondern indem er systematische Entsprechungen bei den Verbendungen aufzeigte. Die so nachgewiesene Sprachfamilie nannten andere „Indogermanisch“, Bopp bevorzugte „Indoeuropäisch“.

[] Faktotum, das

scherzhaft: jmd., der (als Hausangestellter) alle Arbeiten und Besorgungen erledigt und das Vertrauen genießt

Heute gilt „Faktotum“ als Spottausdruck, früher stand das Wort, wie schon die lateinische Herkunft vermuten lässt, in besserem Ruf. Das mittellateinische „fac totum!“ (mach alles!) gehört ähnlich wie „quod libet“ (was gefällt) oder „vade mecum!“ (geh mit mir!) zu einer Reihe ursprünglich satzwertiger Fügungen, die als „Quodlibet“, „Vademekum“ oder eben „Faktotum“ fester Bestandteil des europäischen Wortschatzes geworden sind. Auch Goethe pries seinen verstorbenen Bühnenbildner Mieding als unentbehrliches Faktotum, nach dessen Tod der Dichter „voll Verdruss / Im Fall der Not die Lichter [selber] putzen“, also löschen musste.

[] überwältigend, Adj.

außerordentlich eindrucksvoll, großartig, herrlich

Beinahe hätte sein Hund den fliehenden Hasen erwischt, doch dieser war in einem Erdloch verschwunden. Einem eigentümlichen Erdloch, an dessen Ende der junge Dordogner Marcel Ravidat einen Geheimgang zum nahegelegenen Gutshaus vermutete. Vier Tage später, am 12. September 1940, kehrte der Abenteuerlustige zurück, ließ sich in den Schacht hinab und erblickte Überwältigendes: riesige Auerochsen, Wildpferde, Hirsche, Steinböcke, sogar ein Einhorn. Ravidat hatte die hervorragend erhaltenen, atemberaubenden jungpaläolithischen Höhlenmalereien von Lascaux entdeckt – eine archäologische Sensation.

[] Tube, die

kleines, röhrenförmiges, schmiegsames Behältnis aus zusammendrückbarem Metall oder Kunststoff mit Schraubverschluss für dickflüssige Stoffe

Wie der Tube merkt man vielen ursprünglich englischen Wörtern ihre Herkunft nicht mehr an. So erhielt der amerikanische Maler John G. Rand am 11. September 1841 das Patent auf ein verschließbares Metallrohr zur luftdichten Aufbewahrung von Farbe. Und seine Erfindung, die nebenbei eine Revolution in der Freilichtmalerei auslöste, nannte er schlicht „tube“ (gesprochen: [tju:b]). Auch in Deutschland warben Farbenhersteller bald mit der praktischen „Zinntube“, in Wörterbüchern erscheint sie allerdings erst viel später. Und der „Duden“ von 1905 vermutete gar einen französischen Ursprung.

[] Handlungsreisende, die, der

Problem des Handlungsreisenden (= kombinatorisches Optimierungsproblem, das darin besteht, eine Rundreise durch eine endliche Anzahl von Orten so zu wählen, dass sie möglichst kurz ist und jeder Ort nur einmal besucht wird)

Das Problem des Handlungsreisenden ist nicht nur ein alltägliches, sondern auch ein sehr komplexes mathematisches: Wie lässt sich eine Rundreise mit mehreren Zwischenhalten so planen, dass jeder Ort genau einmal besucht wird und die Reise möglichst kurz ist? Der Mathematiker Martin Grötschel hat sich in seiner wissenschaftlichen Karriere dem Handlungsreisen auf allen Ebenen gestellt. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte er ein Verfahren zur optimalen Berechnung von Reiserouten, seit 2015 ist er Präsident der BBAW und hat – nun selbst als Handlungsreisender – für die Wissenschaft ausgesprochen viel bewegt. Heute feiert er seinen Geburtstag, zu dem wir ihm herzlich gratulieren.

[] gelassen, Adj.

Unangenehmes und Freudiges ruhig und beherrscht aufnehmend

„Gelassen“ zu sein, steht bei Achtsamkeits-Gurus hoch im Kurs. Ob diese sich der eigentümlichen Herkunft des Wortes bewusst sind? „Gelassen“ war ursprünglich ein Partizip zum untergegangenen Verb „gelazen“ („entlassen, verlassen“). Die Mystiker verwendeten es reflexiv im Sinne von „sich Gott ergeben“. Und davon abgeleitet avancierten das Adjektiv und das Substantiv „Gelassenheit“ zu wichtigen Schlüsselbegriffen bei Meister Eckhart, die jedoch später „säkularisiert“ und zum Inbegriff einer beneidenswerten Gemütsverfassung von Menschen wurden, die auch in stressigen Zeiten stets die Ruhe bewahren.

[] Lesekompetenz, die

die Fähigkeit, einen Text zu lesen und seinen Inhalt zu verstehen

Nach wie vor kann, trotz internationaler Anstrengungen, etwa 10 Prozent der jungen Menschen und Erwachsenen weltweit nicht oder nur eingeschränkt lesen und schreiben: Insgesamt etwa 773 Millionen, leider immer noch zwei Drittel davon sind weiblich. In Deutschland sind immerhin 6,2 Prozent der Erwachsenen betroffen. Dabei sind Schreib- und Lesekompetenz Grundvoraussetzung für gesellschaftliche, berufliche und politische Teilhabe. Die UNESCO macht daher bereits seit Mitte der 1960er Jahre an jedem 8. September mit dem Welttag der Alphabetisierung auf diese noch zu meisternde Herausforderung aufmerksam.

[] Griesgram, der

griesgrämiger Mensch

Manchmal erfindet man das Rad eben zweimal, zumindest formal: So gab es schon im Mittelhochdeutschen die Wörter „grisgram“ und „grisgramig“, die uns heute sehr bekannt vorkommen. In ihrer Bedeutung, „zähneknirschen“ oder „zähneknirschend“, abgeleitet vom Verb „grisgram(m)en“, sind die Wortformen zunächst spurlos wieder verschwunden. Erst als das Verb unter dem Einfluss des Adjektivs „gram“ die Bedeutung „mürrisch sein“ angenommen hatte, wurden „Griesgram“ und „griesgrämig“ in der heutigen Lesart neuhochdeutsch noch einmal neu gebildet – das Verb „gramen“ aber verschwand wenig später.

[] Graffito, das

in Stein oder in eine Wand eingeritzte (historische) Inschrift oder figürliche Darstellung

„... um dem Wuste des Städgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen“ begab sich Johann Wolfgang von Goethe im September 1780 nach Ilmenau, wo er in der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn die Nacht verbrachte, genauer die des 6. auf den 7. September. Die Ruhe „vom Wuste“ der Stadt muss ihm gut getan haben, denn sie inspirierte ihn zur Dichtung eines seiner bekanntesten Poeme, „Wandrers Nachtlied“. Er hinterließ es als Bleistiftgraffito an der Holzwand des infolge so getauften „Goethehäuschens“. Leider brannte „das Original“ 1870 ab.

[] phänomenal, Adj.

außergewöhnlich, erstaunlich

Niemand hatte mit dem phänomenalen Erfolg dieses Songs gerechnet. Schon gar nicht sein Schöpfer. Denn „Bohemian Rhapsody“ brach mit allen Standards: Überlänge, Tonartenwechsel, kein Refrain, Mäandern zwischen gegensätzlichen musikalischen Stilen. Unter Queen-Fans und Musikkundigen hob ein Exegese-Sturm an, der sich auch um die Bedeutung des mysteriösen, chaotischen, teilweise nihilistischen Liedtextes drehte. Freddy Mercury selbst hat sich diesbezüglich stets in Schweigen gehüllt – was der Song sagt, solle jeder für sich selbst entscheiden. Heute wäre der Sänger 74 Jahren alt geworden.

[] Keilschrift, die

Schriftsystem mit keilförmigen, meist in Tontafeln gedrückten Zeichen, das für die sumerische Sprache erfunden und von zahlreichen nahöstlichen Kulturen direkt oder als Vorbild für eigene Schriften verwendet wurde

Wetten können zu Herkulestaten motivieren, meist aber nicht für lange Zeit. Nur so ist zu erklären, dass der Göttinger Philologe Georg Friedrich Grotefend am 4. September 1802 erfüllte, was er zuvor kühn versprochen hatte – nach einer kombinatorischen Meisterleistung legte er einem kleinen Expertenkreis eine erste Teilentzifferung der altpersischen Keilschrift vor –, seine Ergebnisse veröffentlichte er aber erst Jahrzehnte später. So fällt das Verdienst um die vollständige Entzifferung Henry Rawlinson zu, ein Erfolg, der auch die Entschlüsselung der früheren, komplexeren Keilschriften ermöglichte.

[] hochschätzen, Vb.

jmdn., etw. sehr schätzen, achten

Lexikographie ist ein internationales Unterfangen – zwar beschreiben wir vom DWDS ausschließlich den deutschen Wortschatz, methodisch aber ist der Austausch mit Kollegen weltweit wissenschaftlich fruchtbar und von größter Bedeutung. Mit Bestürzung haben wir daher erfahren, dass unsere hochgeschätzte Kollegin Tanneke Schoonheim vom benachbarten Instituut voor de Nederlandse Taal, zu der wir sowohl menschlich als auch inhaltlich große Verbundenheit empfunden haben, am 25. August 2020 plötzlich und unerwartet verstorben ist. Wir sind dankbar, dass wir mit ihr zusammenarbeiten durften.

[] im Dunkeln tappen, Mehrwortartikel

im Ungewissen sein, (noch) nichts Genaues wissen; in einer aufzuklärenden Angelegenheit keinen Anhaltspunkt haben

Über lange Zeit war Licht im Dunkeln ein kostbares Gut, das auf die behagliche Welt der Privaträume beschränkt blieb. Und wer des Nachts unterwegs war, lief Gefahr, sich zu verlaufen oder unter die Räuber zu fallen. Aber auch die Polizei tappte bei ihren Versuchen, die nächtlich ausufernde Kriminalität einzudämmen, weitgehend im Dunkeln. Um Abhilfe zu schaffen, ordnete die Stadt Paris am 2. September 1667 die Beleuchtung der Gassen und Plätze an. Anfangs sorgten Funzeln aus Talg für ein eher trübes Licht, im späten 19. Jahrhundert machten Gas und Elektrizität die Nacht zum Tag.

[] gemein, Adj.

gemeinsam; allgemein; abwertend: niederträchtig und übelwollend den Mitmenschen gegenüber; veraltend: einfach, sich nicht über den Durchschnitt erhebend

Gemein, ein Adjektiv mit geradezu widersprüchlichen Bedeutungen, startete seine Reise mit durchaus positiver Konnotation: Das ahd. „gimeini“ übersetzt sich noch ausschließlich freundlich als „gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein“. Doch schon im Mittelhochdeutschen qualifiziert „gemein(e)“ etwas als „gewöhnlich, zur Masse gehörig, niedrig“. Was aber mehreren oder vielen „gemeinsam“ ist, kann nicht „wertvoll“ sein; „gemein“ wird, im 19. Jh. endlich auch „niederträchtig, unanständig“ (gemeiner Schuft). Im Erstglied von Komposita (Gemeinschaft, Gemeinwesen) konnte sich das Affirmative aber über die Jahrhunderte halten.

[] Ehrendoktor, der

Doktortitel, der ehrenhalber, ohne Prüfung, an verdiente Personen verliehen wird

Ihr Leben hätte Stoff für einen dramatischen Roman geboten: Erst wanderte die Britin nach Südafrika aus, wurde vom Vater verstoßen, erlebte das Scheitern ihrer Verlobung, verlor bei einem Schiffsunglück Hab und Gut, später aufgrund politischer Unbequemlichkeiten ihren Job, erlangte am Ende aber doch als erste Frau die Ehrendoktorwürde der Universität Kapstadt – Lucy Lloyd ließ sich nicht unterkriegen: Sie verfasste, erst gemeinsam mit ihrem Schwager, dann solitär, mehrere wissenschaftliche Arbeiten, in denen sie die mündliche Überlieferung der San-Völker ethnologisch dokumentierte. Sie starb heute vor 106 Jahren.

[] steinalt, Adj.

sehr alt; ungewöhnlich alt

Dem Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels sieht man heute eher bang entgegen. Ein deutlich höherer Meeresspiegel vor ca. 500 Millionen Jahren ermöglichte immerhin eine bedeutende Entdeckung in luftiger Höhe: Am 30. August 1909 stieß der Paläontologe Charles Walcott in den kanadischen Rocky Mountains auf Fossilien im Burgess-Schiefer. Die große Zahl hervorragend erhaltener Fossilien unterschiedlichster Organismen, die er dort entdeckte, bietet Forschern heute einen einzigartigen Einblick in das Ökosystem des Kambriums, das viele der Vorläufer unserer heutigen Tiergruppen hervorbrachte.

[] Impuls, der

innerer Drang, Trieb, plötzliche Eingebung

Es war ein für die Musikgeschichte bedeutsames Schlüsselerlebnis: Ein noch pubertierender Charlie Parker versuchte sich während einer Jam-Session im Reno Club, Kansas, an einer komplexen Improvisation, verlor dabei den Überblick über die Akkordfolge und scheiterte kläglich. Der wutschnaubende Schlagzeuger warf ihm daraufhin sein Becken vor die Füße. Anstatt seine Musikerkarriere nun an den Nagel zu hängen, machte sich der 15-Jährige erst recht an die Arbeit, übte und übte, nahm Unterricht in Harmonielehre und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Jazzer aller Zeiten. Heute vor 100 Jahren kam er zur Welt.

[] verballhornen, Vb.

etw., besonders sprachliche Äußerungen, verbessern wollen und dabei aus Unvermögen oder wegen Missverständnisses verschlechtern

Die deutsche Sprache hat es nicht gut gemeint mit jenem Lübecker Drucker Johann Ballhorn dem Jüngeren (* um 1550). Heute steht sein Name für stümperhaftes „Verschlimmbessern“ – leider zu Unrecht: Zwei Juristen des Lübecker Rats hatten das alte Lübische Recht von 1243 „Vbersehen Corrigiret vnd aus alter Sechsischer Sprach in Hochteudsch gebracht“, jedoch nicht ohne sich eigenmächtig ein paar Freiheiten erlaubt zu haben. Da diese wichtige Ausgabe von 1586 anonym erschien, hieß es bald ironisch abwertend: „verbessert nach Ballhorn“. Denn der einzige Name auf dem Titelblatt war jener des unglückseligen Druckers.

[] Synthese, die

Vereinigung mehrerer (selbstständiger) Elemente zu einem (höheren) Ganzen, einer Ganzheit

Georg Wilhelm Friedrich Hegel verstand die Synthese nicht als bloße Aufhebung von Gegensätzen, sondern als prozesshaftes Fortschreiten zu einer höheren Wahrheit. Doch worin sich das Ergebnis dieser Dialektik, das „Wahrwerden des einen Ganzen“, schließlich manifestiert, das haben viele seiner Rezipienten, ob Marx oder Sartre, meist im Widerspruch zu ihrem Vorbild beantwortet. Heute vor 250 Jahren wurde der Philosoph, dessen Nachdenken über Idee, Natur und Geist zu den einflussreichsten philosophischen Leistungen zählt und das die moderne Welt bis heute prägt, in Stuttgart geboren.

[] Wortschöpfer, der

jmd., der ein neues Wort, neue Wörter prägt

Übersetzungen bzw. Teilübersetzungen der Bibel ins Deutsche gab es bereits vor Luther, überliefert sind uns um die 70 Schriften, die älteste bereits aus dem 9. Jh. Ein ganzes halbes Jahrtausend vor alledem aber machte sich ein gotischer Theologe mit Namen Wulfila nicht nur an die erste Übersetzung biblischer Texte in eine germanische Sprache, er gab dem Gotischen zu diesem Zweck sogar eine eigene (auf dem Griechischen basierende) Schrift und neue Wörter. Sein „Atta Unsar“ (Vater Unser) aus dem prachtvollen Codex Argenteus wird immer noch rezitiert, wenn auch nur in Hörsälen. Die evangelische Kirche feiert heute Wulfilas Gedenktag.

[] Federlesen, das

umgangssprachlich: nicht viel Federlesens (mit jmdm., etw.) machen: nicht viele Umstände (mit jmdm., etw.) machen

Ein Leben für das Federvieh: Heute vor 20 Jahren starb Carl Barks. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen hatte der Autodidakt 1935 bei Disney angeheuert und sich während seiner Karriere vom Hilfszeichner zum Comicautor zum wahren Ent(h)usiasten entwickelt. Rund um die tollpatschige Ente Donald Duck schuf er die Parallelwelt Entenhausen (Duckburg), die er mit einem Panoptikum schräger Vögel bevölkerte: Fantastilliardär Dagobert Duck, Schnösel Gustav Gans, Erfinder Daniel Düsentrieb und viele weitere: Bis heute hauchen sie der Comicreihe Leben ein.

[] Schmaus, der

scherzhaft: leckere Mahlzeit, festliches Mahl

„So leben wir im Sauße / In volle[m] Fraß und Schmauße“, heißt es in Johann Beers Oper „Nero“ (1641). Wie kaum ein anderes Wort stand „Schmaus“ für die hemmungs- und reuelose Schlemmerei schlechthin. Das mit „schmuddelig“ (zu ndl. „smodderen“) verwandte, im 17. Jh. unter Studenten aufgekommene Wort war bis ins 19. Jh. außerordentlich populär: Ganze 46! Komposita, vom „Abend-“ über den „Leichen-“ bis zum „Weinschmaus“, listet das „Allgemeine Reimlexikon“ von 1826. In der heutigen, auf Blutfettwerte und Hüftumfang fixierten Gesellschaft geht die Beliebtheit des Wortes „Schmaus“ dagegen deutlich zurück.

[] Kraftmaschine, die

Maschine, die eine in der Natur vorkommende Energieform in eine für den Menschen brauchbare umwandelt

„En Dampfmaschin, wat is en Dampfmaschin?“ Dass der aufgeräumte Pauker Bömmel in der Feuerzangenbowle seine Eleven mit dieser Frage überhaupt hat malträtieren können, verdanken wir nicht zuletzt dem Neuruppiner Bauhandwerker Carl Friedrich Bückling, dem es gelang, die erste deutsche Dampfmaschine nach Watt’scher Bauart für den Bergbau zu konstruieren. Sie wurde am 23. August 1785, zugleich seinem 29. Geburtstag, auf dem König-Friedrich-Schacht im Südharz offiziell in Betrieb genommen und lief gleich so erfolgreich, dass ihr Erbauer dafür den preußischen Ehrenorden erhielt.

[] Zivilschutz, der

Gesamtheit aller Organisationen, Behörden o. Ä., die für Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung während eines Krieges oder bei einer Katastrophe zuständig sind

Auch wenn sie nicht ganz so häufig zu sehen sind wie die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, so kennt doch jeder die typischen blauen Fahrzeuge mit dem Zahnrad als Markenzeichen, in denen das Technische Hilfswerk ausrückt. Während die Organisation faktisch vor allem dem Katastrophenschutz im In- und Ausland dient, war der Hauptbeweggrund für die Gründung des THW – heute vor genau siebzig Jahren – der nicht-militärische Schutz der Zivilbevölkerung. In welcher Einsatzart auch immer: Wir gratulieren und danken den über 80 000 (ganz überwiegend ehrenamtlich tätigen!) Mitarbeiter/innen.

[] aufschrecken, Vb.

übertragen: eine meist unangenehme, neue oder verdrängte Tatsache ins Bewusstsein bringen

„Die Dinge rausholen aus dem Licht, weg aus dem Licht (...) ins Dunkle, das war eigentlich immer mein Traum.“ Christoph Schlingensief, dem ehemaligen Messdiener aus dem Ruhrgebiet, war dabei nichts heilig. Er gilt als Ausnahmekünstler, Alleskönner, als Visionär und Bürgerschreck. Bei seinen sehr medienwirksamen Aktionen nutzte er auch den öffentlichen Raum als Bühne, verband Kunst und Politik, machte sich u.a. mit der Partei Chance 2000 oder dem Projekt „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ zum Sprachrohr der Abgehängten. Er starb heute vor 10 Jahren, kurz vor seinem 50. Geburtstag, an Lungenkrebs.

[] sagbar, Adj.

etw., das man sagen darf, das auszusprechen gestattet ist; etw., das man aussprechen kann, das ausdrückbar ist

„La très-chère était nue, et, connaissant mon coeur, / Elle n’avait gardé que ses bijoux sonores“ (Die Teuerste, ganz nackt war sie, kannte mich zu gut, / Ihren klimpernden Schmuck nämlich hatte sie anbehalten) – „Les Fleurs du Mal“, Charles Baudelaires 100 meisterhafte Gedichte, spielen mit den Grenzen des seinerzeit Sagbaren, thematisieren Liebe, Lust und Tod, das Düster-Urbane, Rausch und Melancholie – zu viel der Tabubrüche. Der Band erregte die Aufmerksamkeit eher unwillkommener Juroren: Am 20. August 1857 wurde Baudelaire wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

[] Brimborium, das

umgangssprachlich: unwesentliches Beiwerk, unnötiges Drum und Dran

Auch wenn Latein in der Neuzeit auf dem Rückzug war: In gemurmelten Gebeten, pompösen Rechtsformeln oder medizinischen Diagnosen war das antike Idiom immer noch lebendig – und bot reichlich Material für (scherzhafte) Verballhornungen. Auch „Brimborium“ gehört in diese Gruppe. Es geht wohl auf „Breviarium“, das Brevier, Gebetbuch der katholischen Geistlichen, zurück. Im Französischen formte man den Ausdruck scherzhaft zu „brimborion“ (Lappalie) um, ein Ausdruck, der Goethe so faszinierte, dass er ihn als „Brimborium“ in seinen „Faust“ übernahm, aber die Bedeutung in ihr Gegenteil verkehrte.

[] Satellitenstaat, der

formal selbstständiger Staat, der von einem anderen Staat (meist von einer Großmacht) abhängig ist

Ein Modellstaat sollte es werden, als Satellitenstaat verschwand das Königreich Westphalen aus der Geschichte. Aus verschiedenen Fürstentümern schuf Napoleon per Dekret am 18. August 1807 dieses Retortengebilde und installierte seinen Bruder Jerôme als König. Auf der Habenseite konnte Westphalen tatsächlich ein modernes Rechtssystem vorweisen, negativ schlugen politische Abhängigkeit und hohe Kriegssteuern zu Buche. Aber Jerôme förderte auch Kunst und Kultur. Und im Staatsrat saß ein vielversprechender junger Mann, der das Salär für seine Editionsvorhaben gut gebrauchen konnte: Jacob Grimm.

[] Heurige, der

österreichisch: junger Wein der letzten Lese

Erblickte man zu Jahresende einen Kiefernzweig an einer österreichischen Privattür, hatte man guten Grund, dort anzuklopfen. Denn hinter einer solchen verkaufte man den „Heurigen“, so war es auch Ende des 18. Jh. schon üblich. Der Görzer Graf Delmetri beschloss, dies zu unterbinden: Nur seinen eigenen Jungwein wollte er zum Ausschank freigeben. Jener Beschluss löste einen Sturm der Entrüstung aus. Wütend wandten sich die Görzer an Kaiser Joseph II., der sich sofort auf ihre Seite schlug: Am 17. August 1784 erließ er eine Zirkularverordnung, die von nun an jedermann den Verkauf des Heurigen offiziell gestattete.

[] Mumpitz, der

salopp: Unsinn, Blödsinn

Börsengeschäfte waren auch im 19. Jh. nur etwas für Eingeweihte. 1874 erläuterte ein Börsenmakler vor Gericht: Wenn er ein Papier zu einem ganz besonderen Preis anbiete „und [er] zwinke dabei stark mit den Augen“, sei eigentlich ein Scheingeschäft beabsichtigt. Im Börsenjargon war das ein sogenannter „Mumpitz“ (zur Kursmanipulation). In der Bedeutung „Unsinn, Blödsinn“ bürgerte sich die kapitalistische Sprachschöpfung bald außerhalb des Parketts ein. Möglicherweise ließen sich die Makler hier von „Mombotz“ (‚Schreckgespenst‘) oder „Butzenmummel“ und Mummelputz (‚Popanz‘, ‚Vogelscheuche‘) inspirieren.

[] luziferisch, Adj.

wie der Teufel Luzifer, teuflisch

Am 15. August 1248 wurde der Grundstein des neuen Doms zu Köln gelegt, doch glaubt man der Legende, war in den Anfangstagen des Baus der Teufel los: Letzterer hatte es nämlich auf die Seele des Baumeisters Gerhard abgesehen. Er verführte den Erdenbürger dazu, diese in einer unwiderstehlichen Wette aufs Spiel zu setzen: Würde der Beelzebub den Bau innerhalb dreier Jahre für ihn abschließen können? Auf den letzten Drücker gelang es Gerhards Gattin, das luziferische Spiel zu torpedieren. Der Teufel verlor. Eine Revanche-Wette aber endete für Gerhard fatal: Diesmal verlor er – und kam auf mysteriöse Weise zu Tode.

[] unverfroren, Adj.

dreist und skrupellos

Am 14. August des Jahres 1040 starb König Duncan tatsächlich nicht am nächtlichen Messerstich, sondern wohl recht konventionell auf dem Schlachtfeld. Shakespeare hatte sich nicht nur in dieser Hinsicht große Freiheiten erlaubt. Der wahre Macbeth war, so Historiker, auch kein Tyrann, sondern ein Friede und Wohlstand wahrender Herrscher. Ein Kniff wurde dem Dramatiker aber besonders übel genommen: Unverfrorenerweise habe er im ersten Akt wahre Zaubersprüche verwendet, dadurch den Zorn der Hexen heraufbeschworen und entsprechend ein ganz schön verfluchtes Stück Weltliteratur geschaffen.

[] auseinanderklamüsern, Vb.

salopp: eine verwickelte Angelegenheit mühselig entwirren, etw. erklären

Bisweilen scheinen veraltete Wörter wegen ihres ansprechenden Klangs zu überdauern. Ein Beispiel ist sicher „auseinanderklamüsern“ mit seiner undurchsichtigen, gleichwohl assoziationsreichen Wortform „klamüsern“. Eigentlich lautete es ursprünglich „kalmäusern“ für ‚grübeln, intensiv studieren‘. „Wer viel kalmeusert, wird verführt“, heißt es etwa in einem Studentenlied. Abgeleitet ist es von „Kalmäuser“, einer Spottbezeichnung für einen Gelehrten oder Stubenhocker, die wiederum mit dem rotwelschen „Kammesierer“ (‚gelehrter Bettler‘ bzw. ‚Bettelstudent‘) verwandt ist.

[] schlängeln, Vb.

sich in einer Schlangenlinie gleitend fortbewegen; jmd. bewegt sich mit großer Wendigkeit, unter geschickter Umgehung aller Hindernisse in einer bestimmten Richtung (zu Fuß) fort, gelangt durch etw. hindurch

Sie habe sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leben geschlängelt, so will es die Überlieferung: Sowohl Plutarch als auch Cassius Dio mutmaßen über suizidale Schmuggeloperationen. Die von Octavian besiegte Kleopatra habe sich eine Schlange liefern lassen, verborgen in Feigenkorb oder Blumenvase, und sich von dieser aus dem Leben beißen lassen. Jedoch: Als man die ägyptische Kaiserin leblos in ihren Gemächern fand, war kein solches Kriechtier auffindbar. Was sich also genau am 12. August des Jahres 30 v. Chr. in den königlichen Gemächern ereignete, bleibt ein Rätsel der Geschichte.

[] Sonnenfinsternis, die

teilweise oder völlige Verfinsterung der Sonne, die dann eintritt, wenn der Mond zwischen Sonne und Erde steht

Eine Sonnenfinsternis gehört zu den spektakulärsten Naturschauspielen. Doch gefährdet jeder direkte Blick die Retina der Augen. Zweifelhafte Tipps, wie man eine Eklipse „ohne verletzung deß Gesichts“ beobachten könne, gab es schon im 17. Jh. So riet der Mathematiker Daniel Schwenter: „man sticht in ein dick Papier mit einer Nadel viel Löchlein/ vnd sihet dadurch.“ Heute gibt es speziell beschichtete Brillen. Für die totale Sonnenfinsternis allerdings, die am 11. August 1999 quer durch Europa zog, erwiesen sich selbige meist als zwecklos. Eine dicke Wolkendecke verhinderte vielerorts den Anblick.

[] trudeln, Vb.

ein Flugzeug bewegt sich beim Absturz oder Kunstflug steil abwärts, wobei es sich um eine Achse dreht, die außerhalb seiner Längsachse liegt, geht sich drehend, ohne gesteuert zu werden, nieder

Er gilt als der erste Mensch im Gleitflug: Otto Lilienthal, ein Pionier und wahrer Visionär. Schon als Pennäler war er Vogelflugexperte, experimentierte mit selbstgebauten Flügeln. Sein „Derwitzer Apparat“, ein Gleiter aus Weidenholz und Leinwand, trug ihn im Jahre 1891 ganze 25 m weit über Land. Die beflügelnde Leidenschaft wurde ihm aber bereits fünf Jahre später zum Verhängnis: Eine thermische Ablösung brachte sein neuestes Fluggerät zum Trudeln. Er stürzte aus 15 m Höhe zu Boden und starb einen Tag später, am 10. August 1896, nur 48 Jahre jung an seinen Verletzungen.

[] spintisieren, Vb.

eigenartige, abwegige Gedanken haben, grübeln

Verschwörungsideologien sind kein neues Phänomen. Immer schon gab es „Berufene“, die sich ohne tieferes Wissen ihre eigenen Theorien zusammenreimten. Für sie prägte der streitbare Arzt Paracelsus zu Beginn des 16. Jhs. das schöne Wort „spintisieren“. Seinen Standeskollegen, die von der antiken Vier-Säfte-Lehre ausgehend wild über das Wesen von Krankheiten spekulierten, warf er vor, es beim „Spintisieren, Phantasieren, Humoralisieren und dergleichen“ zu belassen. Worauf sich die Wortschöpfung aber genau bezieht – auf „spinnen“, wie man heute glaubt, oder auf ital. „spinto“ (= getrieben) –, ist unklar.

[] Witz, der

geschickt, kunstvoll auf eine Überraschung hin formulierter Scherz, Spaß, der Fehler, Schwächen, Absonderlichkeiten von Menschen oder Sachverhalten anprangert, entlarvt, dem Gelächter preisgibt; Gabe, etw. lustig, treffend, schlagfertig und geistreich zu erzählen

„Der Weise ist ohne Humor undenkbar“, heißt es. Tatsächlich haben Witz und Wissen die gleiche Wurzel: Das althochdt. „wizzi“ (Wissen, Verstand), das altengl. „wit(t)“, das gotische „unwiti“ (Unwissenheit) und einige nordische Varianten gehören wie altindisch „vidyā́“ (Wissen, Weisheit, Gelehrsamkeit) zu der indoeuropäischen Wurzel *u̯eid- (erblicken, sehen). Franzosen und Briten brachten vor gut 300 Jahren den „geistreichen Einfall“ („esprit“, „wit“) ins Deutsche, die Wendung zum Scherzhaften war gemeistert. Seit Ende des 19. Jh. gibt es den Witz auch als (zugegeben mal mehr, mal weniger geistreiche) Anekdote.

[] taumeln, Vb.

sich schwankend, torkelnd in einer bestimmten Richtung vorwärtsbewegen

„Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb“, heißt es in seinem Gedicht, das mit dem berühmten Versprechen einer Ofenkachel als Liebespfand beginnt. Joachim Ringelnatz’ Leben scheint dieses Postulat zu bestätigen: Er war mit Talenten gesegnet, aber wehrte sich gegen Geregeltes, er war kreativ und engagiert und taumelte doch immer wieder dem Scheitern entgegen. Sein lyrisches Werk aber mit seinem für ihn typischen grotesk-tiefgründigen Duktus scheint zwischen diesen Brüchen zu gedeihen – und ist heute vielgelesen und vielgeliebt. Am 7. August 1883 kam Ringelnatz zur Welt.

[] Penicillin, das

natürliches, insbesondere von Schimmelpilzen der Gattung Penicillium erzeugtes bzw. biosynthetisch oder teilsynthetisch hergestelltes Antibiotikum, das gegen bestimmte Bakterien (vor allem Staphylokokken und Streptokokken) wirkt

Ein (Un-)Glücksfall ermöglichte Alexander Fleming seine wichtigste Entdeckung: Eine vergessene Bakterienkultur wurde während seines Urlaubs von einem Schimmelpilz angegriffen und zerstört. Fleming, der als Kriegslazarettarzt ausgiebig über Infektionskrankheiten geforscht hatte, erkannte die lebensrettende Bedeutung. Für die Extraktion dieser bakterientötenden Substanz – dem Penicillin – wurde ihm 1945, zusammen mit Ernst Boris Chain und Howard Walter Florey, der Nobelpreis für Medizin verliehen. Am 6. August 1881 kam er zur Welt.

[] Ausreißer, der

jmd., besonders ein Kind, auch ein Tier, das weggelaufen ist

Der „Alte Fritz“ hatte es als junger Fritz nicht leicht, war er doch ein scheinbar weit vom Stamm gefallener Apfel: Sein überaus strenger Vater züchtigte ihn, kontrollierte jeden seiner Schritte und unterband seine aufblühenden musischen Neigungen – den heimlichen Lateinunterricht bestrafte er sogar mit Tritten und Schlägen. Gerade 18-jährig schmiedete der gebeutelte Kronprinz daher erste Fluchtpläne, am 5. August 1730 schritt er zur Tat. Sein Versuch, dem väterlichen Joch zu entkommen, blieb jedoch erfolglos: Friedrich wurde unter Arrest gestellt, sein bester Freund als Mitwisser enthauptet.

[] Siesta, die

Mittagsruhe, Mittagspause

Die Siesta (nach lat. „hora sexta“, gemeint ist die sechste Stunde nach Tagesanbruch), die Ruhe in der Zeit der größten Mittagshitze, ist, wie jeder Tourist weiß, in Spanien heilig. Insofern zählt es wohl zu den miesen militärischen Tricks, dass Prinz Georg von Hessen-Darmstadt als Befehlshaber einer niederländisch-britischen Flotte im Spanischen Erbfolgekrieg den Angriff auf Gibraltar (der Legende nach) auf genau diese Uhrzeit verlegte. (Tatsächlich dauerte die Eroberung mehrere Tage.) Die Folgen der fatalen Siesta beschäftigen Europa bis heute: Seit dem 4. August 1704 ist Gibraltar britisch.

[] schlüsselfertig, Adj.

zum Einzug fertig, bezugsfertig

Das Alte Museum in Berlin zählt zu den bedeutendsten Bauwerken des Klassizismus. Unverkennbar verweisen die monumentalen ionischen Säulen, die Rotunde im Stil des Pantheons auf die bekannten antiken Vorbilder. Zugleich aber lag dem von Schinkel geplanten und Friedrich Wilhelm III. initiierten Bau ein modernes Konzept zugrunde: Dem Humboldt’schen Bildungsideal folgend sollte Kunst nicht mehr in adeligen Privatsammlungen oder Kuriositätenkabinetten verstauben, sondern allen Bürgern zugänglich gemacht werden. Am 3. August 1830 wurde das Museum (das erste der Museumsinsel) seiner Bestimmung übergeben.

[] fabelhaft, Adj.

großartig, ausgezeichnet; überaus groß, umfangreich; veraltet: ins Reich der Fabel gehörend, erdichtet

Vielen ist Oswald von Wolkenstein vor allem als zwinkernder Lockenkopf bekannt, tatsächlich hat sein gesenktes Lid kühne Legenden inspiriert (heute weiß man, dass er an einer angeborenen Ptosis litt). Das Fabulieren um Leben und Werk des Dichters entspricht weit eher der Selbstinszenierung des Ichs in seinen als autobiografisch charakterisierten Liedern: Sie erzählen lyrisch meisterhaft vom Reisen in ferne Länder, von politischen Querelen und von wilden Minneabenteuern. Am 2. August 1445 jedoch sind Oswalds „herz, muet, sin, gedank (...) worden mat“, er verstarb immerhin 68-jährig in Südtirol.

[] Müßiggang, der

Untätigkeit, Nichtstun, Faulheit

„Die ihr die Niedern so verachtet, / Vornehme Müßiggänger! … Wißt, daß Euer Vorzug (= Wohlstand) … auf ihrem Fleiß gegründet ist”. So schimpfte einst Gellert. Müßiggänger haben damals wie heute keinen guten Ruf. Doch bezog sich der Ausdruck, wie das Zitat zeigt, ursprünglich nicht auf den Faulpelz. Verwandt ist „müßig“ mit „müssen“. Und das zugrundeliegende althochdeutsche muoʒan bedeutete nicht „gezwungen sein“, sondern „können, mögen dürfen“ (bzw. „über Besitz, Raum, Zeit Gelegenheit verfügen“). Ein Müßiggänger war also vor allem so begütert, dass er für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten musste.

[] Feierabend, der

Arbeitsschluss, Dienstschluss; Zeit zwischen Arbeitsschluss, Dienstschluss und Nachtruhe

Warum klingt der Feierabend so festlich? Im Englischen beginnt um fünfe schlicht die „home time“ (Heim-Zeit), für die Franzosen startet „la fin de la journée“ (das Tagesende). Was entfacht im Deutschen also das Wortbildungsfeuerwerk, über das sich Deutschlerner nicht genug wundern können? Tatsächlich steht „fîra“ im Althochdeutschen sowohl für das (religiöse) „Fest“ als auch für die „Ruhe“ (im Sinne einer religiös inspirierten Arbeitsunterbrechung). Daraus wurde über mittelhochdeutsch „vîre“, die „Feier“. Im 15. Jh. konnte sich die mittlerweile verlorene Lesart „Ruhe“ im Feierabend noch behaupten.

[] gründen, Vb.

die Grundlage von etw. schaffen, das Fundament von etw. legen

Man hatte schließlich den perfekten Ort für das Zentrum des neuen Kalifats gefunden: Er lag strategisch günstig nur wenige Kilometer von der alten Hauptstadt entfernt, er ermöglichte durch seine Nähe zum Tigris regen Handel und bot für das trockene Klima ungewöhnlich reiche Wasservorkommen – also gab der Abbasidenherrscher al-Mansur am 30. Juli 762 hier die Gründung Bagdads in Auftrag. Die „Stadt des Friedens“, so ihr ursprünglicher Name, erlebte schnell eine Blütezeit, die auch die Errichtung einer der frühesten Wissenschaftsakademien, des „Bayt al-Hikma“ (Haus der Weisheit) ermöglichte.

[] Zwietracht, die

gehoben: Uneinigkeit, Streit

Reformen gehen selten ohne Streit ab. Als 2006 auf der Konferenz der Internationalen Astronomischen Union der Planet Pluto zum Zwergplaneten (dwarf planet) degradiert wurde, war die Empörung groß. So groß, dass ein Astronomenteam, das im Jahr zuvor einen Himmelskörper ähnlicher Größe entdeckt hatte, diesen Eris – nach der griechischen Göttin der Zwietracht – taufte. Der massereichste Vertreter der neuen Klasse zieht fernab irdischen Unfriedens gemächlich seine elliptischen Bahnen. Für einen Umlauf um die Sonne benötigt er 557,55 Jahre. Am 29. Juli 2005 wurde seine Entdeckung bekannt gegeben.

[] Nachruf, der

gesprochene oder geschriebene Würdigung, Gedenkrede für einen unlängst Verstorbenen

Bis zuletzt arbeitete er an seinem Lebenswerk, schickte in Briefform Ergänzungen und Korrekturen für sein mehr als 25 000 Wörter umfassendes, seit 40 Jahren betreutes, nun auch im DWDS digitalisiertes Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Es ist in seiner heutigen Gestalt nicht nur das umfangreichste, sondern auch das aktuellste etymologische Nachschlagewerk der deutschen Sprache. Wolfgang Pfeifer, ein Wissenschaftler durch und durch, ist am 9.7.2020 in seinem 98. Lebensjahr in Berlin verstorben. Ein Nachruf von Wolfgang Klein.

[] Boulevard, der

breite Straße, Ringstraße

„Boulevard“ erscheint uns als typischer Gallizimus wie „Chaussee“ oder „Haute Couture“, tatsächlich aber spielt es mit uns ein etymologisches Ringelreihen, handelt es sich doch um eine Rückentlehnung aus dem Deutschen: Zugrunde liegt das im Mittelhochdeutschen belegte „bolwerc“, das heute etwas angemessener „Bohl-Werk“ geschrieben werden müsste, denn es bezeichnete ein aus Bohlen und Erde errichtetes Schanzwerk sowie eine entsprechende Uferbefestigung. Über das Niederländische gelangte das Wort als Germanismus ins Französische und wurde später auf die ringförmig entlang der Festungsmauern verlaufenden Straßen übertragen.

[] Dachschaden, der

schadhafte Stelle an einem Dach; Beeinträchtigung, Verwirrung des Verstandes

Giacomo Casanova, venezianischer Frauenheld und Tunichtgut, entkam so mancher Bedrängnis: Dem Tod im Kindesalter durch schieren Lebenswillen, der Priesterweihe mit List (er täuschte auf der Kanzel eine Ohnmacht vor), der Armut durch Kreativität (er verdingte sich als Orchestergeiger und Claqueur) und den berüchtigten Bleikammern, dem Gefängnis des Dogenpalasts, in das er am 26. Juli 1755 aus ungeklärten Gründen eingekerkert wurde, mithilfe eines Dachschadens – im wahrsten Sinne des Wortes: Er durchbrach die legendären bleiernen Dachplatten und kletterte unbemerkt nach oben ins Freie.

[] Verlies, das

unterirdischer Kerker, besonders in mittelalterlichen Befestigungsanlagen

In einem mittelalterlichen Kerker kann man sich schon ganz schön verlassen und verloren fühlen. Für Etymologen aber ist er ein Ort der Freude: Denn gegen die Intuition ist man hier sprachgeschichtlich ausschließlich „verloren“, nicht „verlassen“. Der in früheren Zeiten regelmäßige, heute aber nur noch in einzelnen Beispielen (Wagnerianer kennen „kiesen“ zu „Kür“) sichtbare Zusammenhang zwischen r und s (und anderen Lautpaaren, z. B. h und g in „ziehen – zog“) beruht auf einem Lautphänomen, das man seit dem 19. Jahrhundert – auch nicht ganz intuitiv – grammatischen Wechsel nennt.

[] kuscheln, Vb.

sich mit dem Verlangen nach Geborgenheit in etw. schmiegen, an jmdn., etw. anschmiegen

Trotz der Einschränkungen, die ihre Kinderlähmung mit sich brachte, leistete Margarete Steiff Beachtliches: Ihr Talent als Schneiderin ermöglichte die Gründung eines Filzkonfektionswarengeschäfts, das bereits blühte, als es mit einem (noch alles andere als kuscheligen) Nadelkissen „versehentlich“ wahre Erfolgsgeschichte schrieb. Jener Filzelefant wurde nämlich – entgegen seiner Bestimmung – schnell als Spielzeug beliebt: So wurde gewissermaßen das erste Steiff-Tier geboren. Die Unternehmerin selbst wäre heute 173 Jahre alt geworden.

[] bürgernah, Adj.

auf die Probleme und Interessen der Bürger eingehend, diese berücksichtigend

Hornbrille, Nadelstreifenanzug, strenger Haarschnitt: Äußerlich schien Gustav Heinemann in seiner Amtszeit als Bundespräsident (1969-1974) aus der Zeit gefallen. Und doch verkörperte er eine offenere, modernere, liberalere Bundesrepublik. Schon als Justizminister hatte er manch alten Zopf (Strafbarkeit von Homosexualität u. Ehebruch) abgeschnitten. Während die Studentenproteste auf einen Höhepunkt zustrebten, verteidigte er die Notwendigkeit des Demonstrationsrechts und forderte gesellschaftliche und soziale Reformen ein. Er verstand sich als Bürgerpräsident. Am 23. Juli 1899 wurde er geboren.

[] Sternstunde, die

Zeitpunkt, Zeitabschnitt, in dem eine besonders günstige Wendung in einer Angelegenheit erfolgt, sich etw. Entscheidendes, Vorwärtsweisendes ereignet

Erst im März durch ein Weltraumteleskop der NASA entdeckt und schon ein „Star“: Der Komet C/2020 F3, besser bekannt als NEOWISE, ist derzeit mit bloßem Auge am Nachthimmel zu sehen. Und das, obwohl er nur 5 km groß ist. Durch die Hitze der Sonne verdampfen Teile des Kometen und bilden einen imposanten Schweif. Zu beobachten ist er am besten abends, tief am nordwestlichen Himmel. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli durchfliegt er seinen erdnächsten Punkt (103,5 Millionen Kilometer) – eine wahre Sternstunde für Hobbyastronomen, denn das nächste Mal besucht uns der Komet erst wieder in 6700 Jahren.

[] kleiner Mann, Mehrwortartikel

(gedachte) den gesellschaftlichen Durchschnitt verkörpernde Person, die über ein eher geringes Einkommen und wenig Einfluss verfügt

2008 sorgte das Werk eines 1947 verstorbenen deutschen Autors für Aufsehen: „Jeder stirbt für sich allein“, die Geschichte eines Arbeiterehepaars, das auf sich allein gestellt gegen den Nationalsozialismus kämpft, lag erstmals in englischer Übersetzung vor. Es erreichte auf Anhieb Bestsellerrang. Nie schenkte Hans Fallada den Großen seine Aufmerksamkeit, sein Interesse galt stets dem Durchschnittsmenschen, der die Folgen von Wirtschaftskrisen und politischen Unruhen ausbaden muss. Sein bekanntestes Werk: „Kleiner Mann, was nun“ wurde sogar sprichwörtlich. Am 21. Juli 1893 wurde er geboren.

[] Freundschaftsbeweis, der

Handlung oder Sache, die als Ausdruck gegenseitiger Freundschaft zu verstehen ist

Am 20. Juli des Jahres 802 bekam Kaiser Karl der Große großen Besuch – im wahrsten Sinne des Wortes. Ursprünglich stammte der üppige Reisende mit Namen Abul Abbas aus Indien, auf den Weg aber hatte er sich von Bagdad aus gemacht, als Geschenk des Kalifen Harun ar-Raschid. Kaiser Karl war begeistert, denn Abul Abbas war ein riesiger Elefant – ein nördlich der Alpen ungewöhnlicher und mehr als imposanter Anblick. Leider währten Stolz und Freude am neuen Haustier nicht lange: Nur wenige Jahre nach seiner Ankunft starb der Dickhäuter ganz unerwartet nach einer gefährlichen Rheinüberquerung.

[] Frauenpolitikerin, die

entsprechend der Bedeutung von Frauenpolitiker: jmd., der auf die Interessen von Frauen ausgerichtete Politik betreibt

Im Alter von nur 18 Jahren legte Elly Knapp ihr Lehrerexamen ab, dann begann sie, sich politisch für Demokratie und Frauenrechte zu engagieren. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt sie Auftrittsverbot und wechselte in die Werbebranche, wo sie sich als Pionierin erwies: Sie gilt als Schöpferin des Werbejingles. Die sieben Jahre, die Elly (nun) Heuss-Knapp nach dem Krieg bis zu ihrem Tod am 19. Juli 1952 noch blieben, erwiesen sich als politische Blütezeit: Sie engagierte sich im sozialpolitischen Ausschuss für die Schulspeisung und gründete später als erste First Lady der BRD das Müttergenesungswerk.

[] Versöhnung, die

friedvolle Beilegung von Streitigkeiten oder Zerwürfnissen; entgegenkommende Verständigung mit Gegnern oder Feinden

Am 18. Juli feiern die Vereinten Nationen den Nelson-Mandela-Tag (er fällt mit dem Geburtstag des Nobelpreisträgers (18. Juli 1918) zusammen). Die UNO ehrt damit einen Mann, der sich fast sein ganzes Leben hindurch gegen Diskriminierung und für ein Ende des Apartheidregimes in Südafrika eingesetzt hat, zugleich aber als Staatschef die Versöhnung und den konstruktiven Dialog in den Mittelpunkt stellte. Er erinnert auch an einen Menschen, der sich nicht nur für die Würde anderer einsetzte, sondern sich während seiner 27 Jahre währenden Gefängnishaft die innere Würde bewahrte.

[] Löschzug, der

Einheit der Feuerwehr, die aus dem Fahrzeug der Einsatzleitung, mehreren Löschfahrzeugen sowie Gerätewagen und den Feuerwehrleuten besteht

So mancher Kalauer zieht über Chaos oder veraltete Ausrüstung der Freiwilligen Feuerwehr her, dabei könnte das Bild kaum falscher sein: Wenn Ihnen ein Löschzug im Einsatz begegnet, ist dieser mit großer Wahrscheinlichkeit mit Ehrenamtlichen besetzt, denn in weniger als 5 % der deutschen Städte gibt es eine nur mit hauptamtlichen Mitarbeitern besetzte Berufsfeuerwehr. Die „FF“ tragen so in den deutschsprachigen Ländern und in Polen die Hauptlast des breiten Aufgabenspektrums der Feuerwehr. Am 17. Juli 1841 wurden die in Deutschland ersten Freiwilligen im Meißner Rathaus verpflichtet.

[] Serail, das

Palast eines Sultans

Eine Oper voller Zugnummern: Osmins Liebeslied, Konstanzes Schmerzgesang, das Duett auf Bacchus, Osmins hämische Richtplatzarie und sein legendärer finaler Wutgesang – die „Entführung aus dem Serail“, eine Oper über die Befreiung einer jungen Frau aus den Fängen eines Sultans, steht niemals still, durchgehend bleibt sie in höchstem Maße kurzweilig, schafft es aber trotzdem, sowohl emotionale Komplexität als auch Karikatureskes mit Sensibilität und Tiefgang zu vermitteln. Ein noch blutjunger (26-jähriger) Wolfgang Amadeus Mozart brachte sie am 16. Juli 1782 erstmals im Wiener Burgtheater auf die Bühne.

[] Schnappschuss, der

Momentaufnahme

Die Ära der Weltraumerkundung hatte mit der Mondlandung 1969 wohl einen Höhepunkt erreicht. Vier Jahre zuvor hatten es die Amerikaner jedoch bereits geschafft, auf Tuchfühlung mit einem anderen erdnahen Himmelskörper zu gehen: Neben zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen gelang der Raumsonde Mariner 4 am 15. Juli 1965 – nach einer 229-tägigen Reise – nicht nur das erste Foto vom Mars, sondern auch die erste Nahaufnahme eines fremden Planeten überhaupt. Spuren für Leben auf dem Erdnachbarn konnten leider weder damals noch später entdeckt werden. Die Suche geht aber weiter!

[] Grenzverschiebung, die

Änderung im Verlauf einer Grenze, z. B.