Artikel des Tages – Archiv

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[21.09.2020] Mobiltelefon, das

tragbares (und handliches), ortsunabhängig verwendbares Telefon, das über Funk mit einem Telefonnetz verbunden ist

Es wog nur 800 Gramm, war insgesamt ein Drittel Meter lang, konnte innerhalb von zehn Stunden voll aufladen und bot dann ganze 30 Minuten Sprechzeit. Zugegeben, tragbar mag es gewesen sein, aber handlich war es tatsächlich noch nicht, das erste kommerzielle Mobiltelefon mit Namen DynaTAC 8000X von Motorola. Damals ging es für knapp 4000 USD (dies entspricht heute knapp 10 000 USD) über den Ladentisch und wurde innerhalb eines Jahres weltweit immerhin 300 000 Mal verkauft. Am 21. September 1983 erhielt es von der Federal Communications Commission seine Zulassung

[20.09.2020] Frucht, die

aus dem Samen und seiner Hülle bestehendes pflanzliches Produkt, besonders Obst, das vorzugsweise der menschlichen Ernährung dient

Sein Leben hat historische Zeitenwenden überdauert, die übliche Lebenserwartung seiner Generation hatte er längst übertroffen. Doch Jacob Grimm arbeitete, veröffentlichte weit bis ins hohe Alter und schrieb, wenn auch zunehmend verbittert, am Deutschen Wörterbuch. Missgünstige Kritiker und eine schwindende Leserschaft nagten an ihm: „… ich könnte schlafen gehen, ohne dass es viel bemerkt würde“. Den Artikel „Froteufel“ konnte er mit 78 noch vollenden, die angefangene „Frucht“ lag auf dem Schreibtisch, als er am 20. September 1863 starb, an einem Infekt, den er sich ausgerechnet auf einer Kur eingefangen hatte.

[19.09.2020] Caucus, der

in einigen US-Bundesstaaten während des Vorwahlkampfs: auf lokaler Ebene stattfindende Versammlung einer Partei, bei der die Teilnehmer über einen Präsidentschaftskandidaten abstimmen oder dessen Unterstützer als Delegierten auf den nationalen Parteitag entsenden

Wie gelangen Fremdwörter in die eigene Sprache? Mal bezeichnen sie ein neues Produkt („Computer“), mal ein neues Konzept („Avantgarde“), mal entspringen sie einer Mode („cool“, „chill“). Es gibt aber auch sogenannte „mots justes“, also Wörter, die eine spezielle Nuance ausdrücken – ohne in der Gebersprache entsprechend genau zu sein (wie „puzzle“: engl. = jede Art Rätsel, dt. = das Legespiel). Ein solcher Fall ist auch der Begriff „Caucus“, eigentlich schlicht für eine politische Beratung, der hierzulande seit Neuestem speziell für die Nominierung der Präsidentschaftskandidaten in den USA verwendet wird.

[18.09.2020] Gerrymandering, das

in Wahlsystemen mit Mehrheitswahlrecht: Zuschnitt der Wahlkreise bzw. Bestimmung der Wahlbezirksgrenzen zugunsten einer politischen Partei oder Gruppierung (unter Berücksichtigung des zu erwartenden Stimmenverhältnisses)

So wie Charles Boycott hinter dem Wort „Boykott“ steht, so steht auch ein Gouverneur von Massachusetts, Elbridge Gerry, (unfreiwillig) für das berüchtigte Gerrymandering. Als 1812 in seinem Staat die Grenzen der Wahlkreise zugunsten seiner Partei neu gezogen wurden, glich manchen der Umriss eines Countys einem drachenartigen Wesen. Findige Journalisten prägten daraufhin das Kofferwort „gerry-mander“ aus „Salamander“ (das mythologische Geschöpf) und dem Namen „Gerry“. Jener hatte die Einteilung eigentlich abgelehnt, das entsprechende Gesetz trägt gleichwohl seine Unterschrift.

[17.09.2020] Feierbiest, das

oft scherzhaft: feierfreudige, zu Hedonismus, ausgelassener Stimmung, zügelloser Fröhlichkeit neigende Person

Das Wort Feierbiest ist erst vor 10 Jahren mit dem denkwürdigen Spruch „Ich bin ein Feierbiest“ ins Deutsche eingewandert; geprägt wurde es durch den niederländischen Fußballtrainer Louis van Gaal. In Zeiten von Corona haben es Feierbiester schwer: Durch Hygiene- und Abstandsregeln gestaltet sich jedwede Organisation von Feiern in öffentlichen Gebäuden zu einem enormen Problem. Umso schöner, dass die BBAW heute für ihren Ende des Monats scheidenden Wissenschaftsdirektor Wolf-Hagen Krauth eine würdige Abschiedsfeier im Leibnizsaal ausrichten kann. Das Team des DWDS dankt ihm ganz herzlich für seinen langjährigen unermüdlichen Einsatz.

[16.09.2020] Zeitungsente, die

falsche Meldung in einer Zeitung

„Umwerfende astronomische Entdeckungen: durch Sir John Herschel am Kap der Guten Hoffnung“ – so titelte Ende August 1835 die New York Sun. Der renommierte Wissenschaftler habe mithilfe eines völlig neuen Teleskops Unglaubliches entdeckt: blühendes, artenreiches Leben auf dem Mond. Von Büffeln und Ziegen sei der Erdtrabant bevölkert, von Einhörnern und höchst entwickelten, anmutigen, geradezu engelhaften Fledermausmenschen – die Sensation machte weltweit Furore und bescherte der Zeitung noch nie erreichte Verkaufszahlen – erst am 16. September desselben Jahres wurde die „große Mondente“ als amüsanter Schwindel aufgelöst.

[15.09.2020] Warnung, die

Hinweis auf etw. jmdm. Drohendes, auf Gefahr für jmdn.

Chroniken sind mehr als nur Anekdötchensammlungen. Auch nach Jahrhunderten können sie den Nachgeborenen als handfeste Warnung dienen: Als 1978 in Österreich eine heftige Diskussion um die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf ausbrach, geriet auch ein historisches Ereignis in den Blickpunkt. Am 15. September 1590 hatte im österreichischen Ried am Riederberg ein Beben der Stärke 6,0 auf der Richterskala Tod und Zerstörung verursacht. Gerade in Zwentendorf wurden die Kirchen „dermassen zerschmettert und zerlittert, das man nit darein darf“. Das Atomkraftwerk ging nie in Betrieb.

[14.09.2020] Indogermanisch, das

nicht direkt belegte, aber aus den Tochtersprachen rekonstruierbare Sprache, die vor mindestens 4.000 Jahren in einem nicht sicher bestimmbaren Gebiet, wahrscheinlich nördlich oder südlich des Kaukasus, gesprochen wurde; Urindogermanisch

Dass die Ähnlichkeiten zwischen Lateinisch, Altgriechisch, Gotisch und dem ins Bewusstsein der europäischen Forscher gerückten altindischen Sanskrit kaum Zufall sein können, war um 1800 bereits eine verbreitete Hypothese. Den ersten wissenschaftlichen Nachweis erbrachte aber 1816 der heute vor 229 Jahren in Mainz geborene Franz Bopp, aber nicht, indem er zufällige Wörter verglich, sondern indem er systematische Entsprechungen bei den Verbendungen aufzeigte. Die so nachgewiesene Sprachfamilie nannten andere „Indogermanisch“, Bopp bevorzugte „Indoeuropäisch“.

[13.09.2020] Faktotum, das

scherzhaft: jmd., der (als Hausangestellter) alle Arbeiten und Besorgungen erledigt und das Vertrauen genießt

Heute gilt „Faktotum“ als Spottausdruck, früher stand das Wort, wie schon die lateinische Herkunft vermuten lässt, in besserem Ruf. Das mittellateinische „fac totum!“ (mach alles!) gehört ähnlich wie „quod libet“ (was gefällt) oder „vade mecum!“ (geh mit mir!) zu einer Reihe ursprünglich satzwertiger Fügungen, die als „Quodlibet“, „Vademekum“ oder eben „Faktotum“ fester Bestandteil des europäischen Wortschatzes geworden sind. Auch Goethe pries seinen verstorbenen Bühnenbildner Mieding als unentbehrliches Faktotum, nach dessen Tod der Dichter „voll Verdruss / Im Fall der Not die Lichter [selber] putzen“, also löschen musste.

[12.09.2020] überwältigend, Adj.

außerordentlich eindrucksvoll, großartig, herrlich

Beinahe hätte sein Hund den fliehenden Hasen erwischt, doch dieser war in einem Erdloch verschwunden. Einem eigentümlichen Erdloch, an dessen Ende der junge Dordogner Marcel Ravidat einen Geheimgang zum nahegelegenen Gutshaus vermutete. Vier Tage später, am 12. September 1940, kehrte der Abenteuerlustige zurück, ließ sich in den Schacht hinab und erblickte Überwältigendes: riesige Auerochsen, Wildpferde, Hirsche, Steinböcke, sogar ein Einhorn. Ravidat hatte die hervorragend erhaltenen, atemberaubenden jungpaläolithischen Höhlenmalereien von Lascaux entdeckt – eine archäologische Sensation.

[11.09.2020] Tube, die

kleines, röhrenförmiges, schmiegsames Behältnis aus zusammendrückbarem Metall oder Kunststoff mit Schraubverschluss für dickflüssige Stoffe

Wie der Tube merkt man vielen ursprünglich englischen Wörtern ihre Herkunft nicht mehr an. So erhielt der amerikanische Maler John G. Rand am 11. September 1841 das Patent auf ein verschließbares Metallrohr zur luftdichten Aufbewahrung von Farbe. Und seine Erfindung, die nebenbei eine Revolution in der Freilichtmalerei auslöste, nannte er schlicht „tube“ (gesprochen: [tju:b]). Auch in Deutschland warben Farbenhersteller bald mit der praktischen „Zinntube“, in Wörterbüchern erscheint sie allerdings erst viel später. Und der „Duden“ von 1905 vermutete gar einen französischen Ursprung.

[10.09.2020] Handlungsreisende, die, der

Problem des Handlungsreisenden (= kombinatorisches Optimierungsproblem, das darin besteht, eine Rundreise durch eine endliche Anzahl von Orten so zu wählen, dass sie möglichst kurz ist und jeder Ort nur einmal besucht wird)

Das Problem des Handlungsreisenden ist nicht nur ein alltägliches, sondern auch ein sehr komplexes mathematisches: Wie lässt sich eine Rundreise mit mehreren Zwischenhalten so planen, dass jeder Ort genau einmal besucht wird und die Reise möglichst kurz ist? Der Mathematiker Martin Grötschel hat sich in seiner wissenschaftlichen Karriere dem Handlungsreisen auf allen Ebenen gestellt. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte er ein Verfahren zur optimalen Berechnung von Reiserouten, seit 2015 ist er Präsident der BBAW und hat – nun selbst als Handlungsreisender – für die Wissenschaft ausgesprochen viel bewegt. Heute feiert er seinen Geburtstag, zu dem wir ihm herzlich gratulieren.

[09.09.2020] gelassen, Adj.

Unangenehmes und Freudiges ruhig und beherrscht aufnehmend

„Gelassen“ zu sein, steht bei Achtsamkeits-Gurus hoch im Kurs. Ob diese sich der eigentümlichen Herkunft des Wortes bewusst sind? „Gelassen“ war ursprünglich ein Partizip zum untergegangenen Verb „gelazen“ („entlassen, verlassen“). Die Mystiker verwendeten es reflexiv im Sinne von „sich Gott ergeben“. Und davon abgeleitet avancierten das Adjektiv und das Substantiv „Gelassenheit“ zu wichtigen Schlüsselbegriffen bei Meister Eckhart, die jedoch später „säkularisiert“ und zum Inbegriff einer beneidenswerten Gemütsverfassung von Menschen wurden, die auch in stressigen Zeiten stets die Ruhe bewahren.

[08.09.2020] Lesekompetenz, die

die Fähigkeit, einen Text zu lesen und seinen Inhalt zu verstehen

Nach wie vor kann, trotz internationaler Anstrengungen, etwa 10 Prozent der jungen Menschen und Erwachsenen weltweit nicht oder nur eingeschränkt lesen und schreiben: Insgesamt etwa 773 Millionen, leider immer noch zwei Drittel davon sind weiblich. In Deutschland sind immerhin 6,2 Prozent der Erwachsenen betroffen. Dabei sind Schreib- und Lesekompetenz Grundvoraussetzung für gesellschaftliche, berufliche und politische Teilhabe. Die UNESCO macht daher bereits seit Mitte der 1960er Jahre an jedem 8. September mit dem Welttag der Alphabetisierung auf diese noch zu meisternde Herausforderung aufmerksam.

[07.09.2020] Griesgram, der

griesgrämiger Mensch

Manchmal erfindet man das Rad eben zweimal, zumindest formal: So gab es schon im Mittelhochdeutschen die Wörter „grisgram“ und „grisgramig“, die uns heute sehr bekannt vorkommen. In ihrer Bedeutung, „zähneknirschen“ oder „zähneknirschend“, abgeleitet vom Verb „grisgram(m)en“, sind die Wortformen zunächst spurlos wieder verschwunden. Erst als das Verb unter dem Einfluss des Adjektivs „gram“ die Bedeutung „mürrisch sein“ angenommen hatte, wurden „Griesgram“ und „griesgrämig“ in der heutigen Lesart neuhochdeutsch noch einmal neu gebildet – das Verb „gramen“ aber verschwand wenig später.

[06.09.2020] Graffito, das

in Stein oder in eine Wand eingeritzte (historische) Inschrift oder figürliche Darstellung

„... um dem Wuste des Städgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen“ begab sich Johann Wolfgang von Goethe im September 1780 nach Ilmenau, wo er in der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn die Nacht verbrachte, genauer die des 6. auf den 7. September. Die Ruhe „vom Wuste“ der Stadt muss ihm gut getan haben, denn sie inspirierte ihn zur Dichtung eines seiner bekanntesten Poeme, „Wandrers Nachtlied“. Er hinterließ es als Bleistiftgraffito an der Holzwand des infolge so getauften „Goethehäuschens“. Leider brannte „das Original“ 1870 ab.

[05.09.2020] phänomenal, Adj.

außergewöhnlich, erstaunlich

Niemand hatte mit dem phänomenalen Erfolg dieses Songs gerechnet. Schon gar nicht sein Schöpfer. Denn „Bohemian Rhapsody“ brach mit allen Standards: Überlänge, Tonartenwechsel, kein Refrain, Mäandern zwischen gegensätzlichen musikalischen Stilen. Unter Queen-Fans und Musikkundigen hob ein Exegese-Sturm an, der sich auch um die Bedeutung des mysteriösen, chaotischen, teilweise nihilistischen Liedtextes drehte. Freddy Mercury selbst hat sich diesbezüglich stets in Schweigen gehüllt – was der Song sagt, solle jeder für sich selbst entscheiden. Heute wäre der Sänger 74 Jahren alt geworden.

[04.09.2020] Keilschrift, die

Schriftsystem mit keilförmigen, meist in Tontafeln gedrückten Zeichen, das für die sumerische Sprache erfunden und von zahlreichen nahöstlichen Kulturen direkt oder als Vorbild für eigene Schriften verwendet wurde

Wetten können zu Herkulestaten motivieren, meist aber nicht für lange Zeit. Nur so ist zu erklären, dass der Göttinger Philologe Georg Friedrich Grotefend am 4. September 1802 erfüllte, was er zuvor kühn versprochen hatte – nach einer kombinatorischen Meisterleistung legte er einem kleinen Expertenkreis eine erste Teilentzifferung der altpersischen Keilschrift vor –, seine Ergebnisse veröffentlichte er aber erst Jahrzehnte später. So fällt das Verdienst um die vollständige Entzifferung Henry Rawlinson zu, ein Erfolg, der auch die Entschlüsselung der früheren, komplexeren Keilschriften ermöglichte.

[03.09.2020] hochschätzen, Vb.

jmdn., etw. sehr schätzen, achten

Lexikographie ist ein internationales Unterfangen – zwar beschreiben wir vom DWDS ausschließlich den deutschen Wortschatz, methodisch aber ist der Austausch mit Kollegen weltweit wissenschaftlich fruchtbar und von größter Bedeutung. Mit Bestürzung haben wir daher erfahren, dass unsere hochgeschätzte Kollegin Tanneke Schoonheim vom benachbarten Instituut voor de Nederlandse Taal, zu der wir sowohl menschlich als auch inhaltlich große Verbundenheit empfunden haben, am 25. August 2020 plötzlich und unerwartet verstorben ist. Wir sind dankbar, dass wir mit ihr zusammenarbeiten durften.

[02.09.2020] im Dunkeln tappen, Mehrwortartikel

im Ungewissen sein, (noch) nichts Genaues wissen; in einer aufzuklärenden Angelegenheit keinen Anhaltspunkt haben

Über lange Zeit war Licht im Dunkeln ein kostbares Gut, das auf die behagliche Welt der Privaträume beschränkt blieb. Und wer des Nachts unterwegs war, lief Gefahr, sich zu verlaufen oder unter die Räuber zu fallen. Aber auch die Polizei tappte bei ihren Versuchen, die nächtlich ausufernde Kriminalität einzudämmen, weitgehend im Dunkeln. Um Abhilfe zu schaffen, ordnete die Stadt Paris am 2. September 1667 die Beleuchtung der Gassen und Plätze an. Anfangs sorgten Funzeln aus Talg für ein eher trübes Licht, im späten 19. Jahrhundert machten Gas und Elektrizität die Nacht zum Tag.

[01.09.2020] gemein, Adj.

gemeinsam; allgemein; abwertend: niederträchtig und übelwollend den Mitmenschen gegenüber; veraltend: einfach, sich nicht über den Durchschnitt erhebend

Gemein, ein Adjektiv mit geradezu widersprüchlichen Bedeutungen, startete seine Reise mit durchaus positiver Konnotation: Das ahd. „gimeini“ übersetzt sich noch ausschließlich freundlich als „gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein“. Doch schon im Mittelhochdeutschen qualifiziert „gemein(e)“ etwas als „gewöhnlich, zur Masse gehörig, niedrig“. Was aber mehreren oder vielen „gemeinsam“ ist, kann nicht „wertvoll“ sein; „gemein“ wird, im 19. Jh. endlich auch „niederträchtig, unanständig“ (gemeiner Schuft). Im Erstglied von Komposita (Gemeinschaft, Gemeinwesen) konnte sich das Affirmative aber über die Jahrhunderte halten.

[31.08.2020] Ehrendoktor, der

Doktortitel, der ehrenhalber, ohne Prüfung, an verdiente Personen verliehen wird

Ihr Leben hätte Stoff für einen dramatischen Roman geboten: Erst wanderte die Britin nach Südafrika aus, wurde vom Vater verstoßen, erlebte das Scheitern ihrer Verlobung, verlor bei einem Schiffsunglück Hab und Gut, später aufgrund politischer Unbequemlichkeiten ihren Job, erlangte am Ende aber doch als erste Frau die Ehrendoktorwürde der Universität Kapstadt – Lucy Lloyd ließ sich nicht unterkriegen: Sie verfasste, erst gemeinsam mit ihrem Schwager, dann solitär, mehrere wissenschaftliche Arbeiten, in denen sie die mündliche Überlieferung der San-Völker ethnologisch dokumentierte. Sie starb heute vor 106 Jahren.

[30.08.2020] steinalt, Adj.

sehr alt; ungewöhnlich alt

Dem Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels sieht man heute eher bang entgegen. Ein deutlich höherer Meeresspiegel vor ca. 500 Millionen Jahren ermöglichte immerhin eine bedeutende Entdeckung in luftiger Höhe: Am 30. August 1909 stieß der Paläontologe Charles Walcott in den kanadischen Rocky Mountains auf Fossilien im Burgess-Schiefer. Die große Zahl hervorragend erhaltener Fossilien unterschiedlichster Organismen, die er dort entdeckte, bietet Forschern heute einen einzigartigen Einblick in das Ökosystem des Kambriums, das viele der Vorläufer unserer heutigen Tiergruppen hervorbrachte.

[29.08.2020] Impuls, der

innerer Drang, Trieb, plötzliche Eingebung

Es war ein für die Musikgeschichte bedeutsames Schlüsselerlebnis: Ein noch pubertierender Charlie Parker versuchte sich während einer Jam-Session im Reno Club, Kansas, an einer komplexen Improvisation, verlor dabei den Überblick über die Akkordfolge und scheiterte kläglich. Der wutschnaubende Schlagzeuger warf ihm daraufhin sein Becken vor die Füße. Anstatt seine Musikerkarriere nun an den Nagel zu hängen, machte sich der 15-Jährige erst recht an die Arbeit, übte und übte, nahm Unterricht in Harmonielehre und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Jazzer aller Zeiten. Heute vor 100 Jahren kam er zur Welt.

[28.08.2020] verballhornen, Vb.

etw., besonders sprachliche Äußerungen, verbessern wollen und dabei aus Unvermögen oder wegen Missverständnisses verschlechtern

Die deutsche Sprache hat es nicht gut gemeint mit jenem Lübecker Drucker Johann Ballhorn dem Jüngeren (* um 1550). Heute steht sein Name für stümperhaftes „Verschlimmbessern“ – leider zu Unrecht: Zwei Juristen des Lübecker Rats hatten das alte Lübische Recht von 1243 „Vbersehen Corrigiret vnd aus alter Sechsischer Sprach in Hochteudsch gebracht“, jedoch nicht ohne sich eigenmächtig ein paar Freiheiten erlaubt zu haben. Da diese wichtige Ausgabe von 1586 anonym erschien, hieß es bald ironisch abwertend: „verbessert nach Ballhorn“. Denn der einzige Name auf dem Titelblatt war jener des unglückseligen Druckers.

[27.08.2020] Synthese, die

Vereinigung mehrerer (selbstständiger) Elemente zu einem (höheren) Ganzen, einer Ganzheit

Georg Wilhelm Friedrich Hegel verstand die Synthese nicht als bloße Aufhebung von Gegensätzen, sondern als prozesshaftes Fortschreiten zu einer höheren Wahrheit. Doch worin sich das Ergebnis dieser Dialektik, das „Wahrwerden des einen Ganzen“, schließlich manifestiert, das haben viele seiner Rezipienten, ob Marx oder Sartre, meist im Widerspruch zu ihrem Vorbild beantwortet. Heute vor 250 Jahren wurde der Philosoph, dessen Nachdenken über Idee, Natur und Geist zu den einflussreichsten philosophischen Leistungen zählt und das die moderne Welt bis heute prägt, in Stuttgart geboren.

[26.08.2020] Wortschöpfer, der

jmd., der ein neues Wort, neue Wörter prägt

Übersetzungen bzw. Teilübersetzungen der Bibel ins Deutsche gab es bereits vor Luther, überliefert sind uns um die 70 Schriften, die älteste bereits aus dem 9. Jh. Ein ganzes halbes Jahrtausend vor alledem aber machte sich ein gotischer Theologe mit Namen Wulfila nicht nur an die erste Übersetzung biblischer Texte in eine germanische Sprache, er gab dem Gotischen zu diesem Zweck sogar eine eigene (auf dem Griechischen basierende) Schrift und neue Wörter. Sein „Atta Unsar“ (Vater Unser) aus dem prachtvollen Codex Argenteus wird immer noch rezitiert, wenn auch nur in Hörsälen. Die evangelische Kirche feiert heute Wulfilas Gedenktag.

[25.08.2020] Federlesen, das

umgangssprachlich: nicht viel Federlesens (mit jmdm., etw.) machen: nicht viele Umstände (mit jmdm., etw.) machen

Ein Leben für das Federvieh: Heute vor 20 Jahren starb Carl Barks. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen hatte der Autodidakt 1935 bei Disney angeheuert und sich während seiner Karriere vom Hilfszeichner zum Comicautor zum wahren Ent(h)usiasten entwickelt. Rund um die tollpatschige Ente Donald Duck schuf er die Parallelwelt Entenhausen (Duckburg), die er mit einem Panoptikum schräger Vögel bevölkerte: Fantastilliardär Dagobert Duck, Schnösel Gustav Gans, Erfinder Daniel Düsentrieb und viele weitere: Bis heute hauchen sie der Comicreihe Leben ein.

[24.08.2020] Schmaus, der

scherzhaft: leckere Mahlzeit, festliches Mahl

„So leben wir im Sauße / In volle[m] Fraß und Schmauße“, heißt es in Johann Beers Oper „Nero“ (1641). Wie kaum ein anderes Wort stand „Schmaus“ für die hemmungs- und reuelose Schlemmerei schlechthin. Das mit „schmuddelig“ (zu ndl. „smodderen“) verwandte, im 17. Jh. unter Studenten aufgekommene Wort war bis ins 19. Jh. außerordentlich populär: Ganze 46! Komposita, vom „Abend-“ über den „Leichen-“ bis zum „Weinschmaus“, listet das „Allgemeine Reimlexikon“ von 1826. In der heutigen, auf Blutfettwerte und Hüftumfang fixierten Gesellschaft geht die Beliebtheit des Wortes „Schmaus“ dagegen deutlich zurück.

[23.08.2020] Kraftmaschine, die

Maschine, die eine in der Natur vorkommende Energieform in eine für den Menschen brauchbare umwandelt

„En Dampfmaschin, wat is en Dampfmaschin?“ Dass der aufgeräumte Pauker Bömmel in der Feuerzangenbowle seine Eleven mit dieser Frage überhaupt hat malträtieren können, verdanken wir nicht zuletzt dem Neuruppiner Bauhandwerker Carl Friedrich Bückling, dem es gelang, die erste deutsche Dampfmaschine nach Watt’scher Bauart für den Bergbau zu konstruieren. Sie wurde am 23. August 1785, zugleich seinem 29. Geburtstag, auf dem König-Friedrich-Schacht im Südharz offiziell in Betrieb genommen und lief gleich so erfolgreich, dass ihr Erbauer dafür den preußischen Ehrenorden erhielt.

[22.08.2020] Zivilschutz, der

Gesamtheit aller Organisationen, Behörden o. Ä., die für Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung während eines Krieges oder bei einer Katastrophe zuständig sind

Auch wenn sie nicht ganz so häufig zu sehen sind wie die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, so kennt doch jeder die typischen blauen Fahrzeuge mit dem Zahnrad als Markenzeichen, in denen das Technische Hilfswerk ausrückt. Während die Organisation faktisch vor allem dem Katastrophenschutz im In- und Ausland dient, war der Hauptbeweggrund für die Gründung des THW – heute vor genau siebzig Jahren – der nicht-militärische Schutz der Zivilbevölkerung. In welcher Einsatzart auch immer: Wir gratulieren und danken den über 80 000 (ganz überwiegend ehrenamtlich tätigen!) Mitarbeiter/innen.

[21.08.2020] aufschrecken, Vb.

übertragen: eine meist unangenehme, neue oder verdrängte Tatsache ins Bewusstsein bringen

„Die Dinge rausholen aus dem Licht, weg aus dem Licht (...) ins Dunkle, das war eigentlich immer mein Traum.“ Christoph Schlingensief, dem ehemaligen Messdiener aus dem Ruhrgebiet, war dabei nichts heilig. Er gilt als Ausnahmekünstler, Alleskönner, als Visionär und Bürgerschreck. Bei seinen sehr medienwirksamen Aktionen nutzte er auch den öffentlichen Raum als Bühne, verband Kunst und Politik, machte sich u.a. mit der Partei Chance 2000 oder dem Projekt „Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ zum Sprachrohr der Abgehängten. Er starb heute vor 10 Jahren, kurz vor seinem 50. Geburtstag, an Lungenkrebs.

[20.08.2020] sagbar, Adj.

etw., das man sagen darf, das auszusprechen gestattet ist; etw., das man aussprechen kann, das ausdrückbar ist

„La très-chère était nue, et, connaissant mon coeur, / Elle n’avait gardé que ses bijoux sonores“ (Die Teuerste, ganz nackt war sie, kannte mich zu gut, / Ihren klimpernden Schmuck nämlich hatte sie anbehalten) – „Les Fleurs du Mal“, Charles Baudelaires 100 meisterhafte Gedichte, spielen mit den Grenzen des seinerzeit Sagbaren, thematisieren Liebe, Lust und Tod, das Düster-Urbane, Rausch und Melancholie – zu viel der Tabubrüche. Der Band erregte die Aufmerksamkeit eher unwillkommener Juroren: Am 20. August 1857 wurde Baudelaire wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

[19.08.2020] Brimborium, das

umgangssprachlich: unwesentliches Beiwerk, unnötiges Drum und Dran

Auch wenn Latein in der Neuzeit auf dem Rückzug war: In gemurmelten Gebeten, pompösen Rechtsformeln oder medizinischen Diagnosen war das antike Idiom immer noch lebendig – und bot reichlich Material für (scherzhafte) Verballhornungen. Auch „Brimborium“ gehört in diese Gruppe. Es geht wohl auf „Breviarium“, das Brevier, Gebetbuch der katholischen Geistlichen, zurück. Im Französischen formte man den Ausdruck scherzhaft zu „brimborion“ (Lappalie) um, ein Ausdruck, der Goethe so faszinierte, dass er ihn als „Brimborium“ in seinen „Faust“ übernahm, aber die Bedeutung in ihr Gegenteil verkehrte.

[18.08.2020] Satellitenstaat, der

formal selbstständiger Staat, der von einem anderen Staat (meist von einer Großmacht) abhängig ist

Ein Modellstaat sollte es werden, als Satellitenstaat verschwand das Königreich Westphalen aus der Geschichte. Aus verschiedenen Fürstentümern schuf Napoleon per Dekret am 18. August 1807 dieses Retortengebilde und installierte seinen Bruder Jerôme als König. Auf der Habenseite konnte Westphalen tatsächlich ein modernes Rechtssystem vorweisen, negativ schlugen politische Abhängigkeit und hohe Kriegssteuern zu Buche. Aber Jerôme förderte auch Kunst und Kultur. Und im Staatsrat saß ein vielversprechender junger Mann, der das Salär für seine Editionsvorhaben gut gebrauchen konnte: Jacob Grimm.

[17.08.2020] Heurige, der

österreichisch: junger Wein der letzten Lese

Erblickte man zu Jahresende einen Kiefernzweig an einer österreichischen Privattür, hatte man guten Grund, dort anzuklopfen. Denn hinter einer solchen verkaufte man den „Heurigen“, so war es auch Ende des 18. Jh. schon üblich. Der Görzer Graf Delmetri beschloss, dies zu unterbinden: Nur seinen eigenen Jungwein wollte er zum Ausschank freigeben. Jener Beschluss löste einen Sturm der Entrüstung aus. Wütend wandten sich die Görzer an Kaiser Joseph II., der sich sofort auf ihre Seite schlug: Am 17. August 1784 erließ er eine Zirkularverordnung, die von nun an jedermann den Verkauf des Heurigen offiziell gestattete.

[16.08.2020] Mumpitz, der

salopp: Unsinn, Blödsinn

Börsengeschäfte waren auch im 19. Jh. nur etwas für Eingeweihte. 1874 erläuterte ein Börsenmakler vor Gericht: Wenn er ein Papier zu einem ganz besonderen Preis anbiete „und [er] zwinke dabei stark mit den Augen“, sei eigentlich ein Scheingeschäft beabsichtigt. Im Börsenjargon war das ein sogenannter „Mumpitz“ (zur Kursmanipulation). In der Bedeutung „Unsinn, Blödsinn“ bürgerte sich die kapitalistische Sprachschöpfung bald außerhalb des Parketts ein. Möglicherweise ließen sich die Makler hier von „Mombotz“ (‚Schreckgespenst‘) oder „Butzenmummel“ und Mummelputz (‚Popanz‘, ‚Vogelscheuche‘) inspirieren.

[15.08.2020] luziferisch, Adj.

wie der Teufel Luzifer, teuflisch

Am 15. August 1248 wurde der Grundstein des neuen Doms zu Köln gelegt, doch glaubt man der Legende, war in den Anfangstagen des Baus der Teufel los: Letzterer hatte es nämlich auf die Seele des Baumeisters Gerhard abgesehen. Er verführte den Erdenbürger dazu, diese in einer unwiderstehlichen Wette aufs Spiel zu setzen: Würde der Beelzebub den Bau innerhalb dreier Jahre für ihn abschließen können? Auf den letzten Drücker gelang es Gerhards Gattin, das luziferische Spiel zu torpedieren. Der Teufel verlor. Eine Revanche-Wette aber endete für Gerhard fatal: Diesmal verlor er – und kam auf mysteriöse Weise zu Tode.

[14.08.2020] unverfroren, Adj.

dreist und skrupellos

Am 14. August des Jahres 1040 starb König Duncan tatsächlich nicht am nächtlichen Messerstich, sondern wohl recht konventionell auf dem Schlachtfeld. Shakespeare hatte sich nicht nur in dieser Hinsicht große Freiheiten erlaubt. Der wahre Macbeth war, so Historiker, auch kein Tyrann, sondern ein Friede und Wohlstand wahrender Herrscher. Ein Kniff wurde dem Dramatiker aber besonders übel genommen: Unverfrorenerweise habe er im ersten Akt wahre Zaubersprüche verwendet, dadurch den Zorn der Hexen heraufbeschworen und entsprechend ein ganz schön verfluchtes Stück Weltliteratur geschaffen.

[13.08.2020] auseinanderklamüsern, Vb.

salopp: eine verwickelte Angelegenheit mühselig entwirren, etw. erklären

Bisweilen scheinen veraltete Wörter wegen ihres ansprechenden Klangs zu überdauern. Ein Beispiel ist sicher „auseinanderklamüsern“ mit seiner undurchsichtigen, gleichwohl assoziationsreichen Wortform „klamüsern“. Eigentlich lautete es ursprünglich „kalmäusern“ für ‚grübeln, intensiv studieren‘. „Wer viel kalmeusert, wird verführt“, heißt es etwa in einem Studentenlied. Abgeleitet ist es von „Kalmäuser“, einer Spottbezeichnung für einen Gelehrten oder Stubenhocker, die wiederum mit dem rotwelschen „Kammesierer“ (‚gelehrter Bettler‘ bzw. ‚Bettelstudent‘) verwandt ist.

[12.08.2020] schlängeln, Vb.

sich in einer Schlangenlinie gleitend fortbewegen; jmd. bewegt sich mit großer Wendigkeit, unter geschickter Umgehung aller Hindernisse in einer bestimmten Richtung (zu Fuß) fort, gelangt durch etw. hindurch

Sie habe sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Leben geschlängelt, so will es die Überlieferung: Sowohl Plutarch als auch Cassius Dio mutmaßen über suizidale Schmuggeloperationen. Die von Octavian besiegte Kleopatra habe sich eine Schlange liefern lassen, verborgen in Feigenkorb oder Blumenvase, und sich von dieser aus dem Leben beißen lassen. Jedoch: Als man die ägyptische Kaiserin leblos in ihren Gemächern fand, war kein solches Kriechtier auffindbar. Was sich also genau am 12. August des Jahres 30 v. Chr. in den königlichen Gemächern ereignete, bleibt ein Rätsel der Geschichte.

[11.08.2020] Sonnenfinsternis, die

teilweise oder völlige Verfinsterung der Sonne, die dann eintritt, wenn der Mond zwischen Sonne und Erde steht

Eine Sonnenfinsternis gehört zu den spektakulärsten Naturschauspielen. Doch gefährdet jeder direkte Blick die Retina der Augen. Zweifelhafte Tipps, wie man eine Eklipse „ohne verletzung deß Gesichts“ beobachten könne, gab es schon im 17. Jh. So riet der Mathematiker Daniel Schwenter: „man sticht in ein dick Papier mit einer Nadel viel Löchlein/ vnd sihet dadurch.“ Heute gibt es speziell beschichtete Brillen. Für die totale Sonnenfinsternis allerdings, die am 11. August 1999 quer durch Europa zog, erwiesen sich selbige meist als zwecklos. Eine dicke Wolkendecke verhinderte vielerorts den Anblick.

[10.08.2020] trudeln, Vb.

ein Flugzeug bewegt sich beim Absturz oder Kunstflug steil abwärts, wobei es sich um eine Achse dreht, die außerhalb seiner Längsachse liegt, geht sich drehend, ohne gesteuert zu werden, nieder

Er gilt als der erste Mensch im Gleitflug: Otto Lilienthal, ein Pionier und wahrer Visionär. Schon als Pennäler war er Vogelflugexperte, experimentierte mit selbstgebauten Flügeln. Sein „Derwitzer Apparat“, ein Gleiter aus Weidenholz und Leinwand, trug ihn im Jahre 1891 ganze 25 m weit über Land. Die beflügelnde Leidenschaft wurde ihm aber bereits fünf Jahre später zum Verhängnis: Eine thermische Ablösung brachte sein neuestes Fluggerät zum Trudeln. Er stürzte aus 15 m Höhe zu Boden und starb einen Tag später, am 10. August 1896, nur 48 Jahre jung an seinen Verletzungen.

[09.08.2020] spintisieren, Vb.

eigenartige, abwegige Gedanken haben, grübeln

Verschwörungsideologien sind kein neues Phänomen. Immer schon gab es „Berufene“, die sich ohne tieferes Wissen ihre eigenen Theorien zusammenreimten. Für sie prägte der streitbare Arzt Paracelsus zu Beginn des 16. Jhs. das schöne Wort „spintisieren“. Seinen Standeskollegen, die von der antiken Vier-Säfte-Lehre ausgehend wild über das Wesen von Krankheiten spekulierten, warf er vor, es beim „Spintisieren, Phantasieren, Humoralisieren und dergleichen“ zu belassen. Worauf sich die Wortschöpfung aber genau bezieht – auf „spinnen“, wie man heute glaubt, oder auf ital. „spinto“ (= getrieben) –, ist unklar.

[08.08.2020] Witz, der

geschickt, kunstvoll auf eine Überraschung hin formulierter Scherz, Spaß, der Fehler, Schwächen, Absonderlichkeiten von Menschen oder Sachverhalten anprangert, entlarvt, dem Gelächter preisgibt; Gabe, etw. lustig, treffend, schlagfertig und geistreich zu erzählen

„Der Weise ist ohne Humor undenkbar“, heißt es. Tatsächlich haben Witz und Wissen die gleiche Wurzel: Das althochdt. „wizzi“ (Wissen, Verstand), das altengl. „wit(t)“, das gotische „unwiti“ (Unwissenheit) und einige nordische Varianten gehören wie altindisch „vidyā́“ (Wissen, Weisheit, Gelehrsamkeit) zu der indoeuropäischen Wurzel *u̯eid- (erblicken, sehen). Franzosen und Briten brachten vor gut 300 Jahren den „geistreichen Einfall“ („esprit“, „wit“) ins Deutsche, die Wendung zum Scherzhaften war gemeistert. Seit Ende des 19. Jh. gibt es den Witz auch als (zugegeben mal mehr, mal weniger geistreiche) Anekdote.

[07.08.2020] taumeln, Vb.

sich schwankend, torkelnd in einer bestimmten Richtung vorwärtsbewegen

„Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb“, heißt es in seinem Gedicht, das mit dem berühmten Versprechen einer Ofenkachel als Liebespfand beginnt. Joachim Ringelnatz’ Leben scheint dieses Postulat zu bestätigen: Er war mit Talenten gesegnet, aber wehrte sich gegen Geregeltes, er war kreativ und engagiert und taumelte doch immer wieder dem Scheitern entgegen. Sein lyrisches Werk aber mit seinem für ihn typischen grotesk-tiefgründigen Duktus scheint zwischen diesen Brüchen zu gedeihen – und ist heute vielgelesen und vielgeliebt. Am 7. August 1883 kam Ringelnatz zur Welt.

[06.08.2020] Penicillin, das

natürliches, insbesondere von Schimmelpilzen der Gattung Penicillium erzeugtes bzw. biosynthetisch oder teilsynthetisch hergestelltes Antibiotikum, das gegen bestimmte Bakterien (vor allem Staphylokokken und Streptokokken) wirkt

Ein (Un-)Glücksfall ermöglichte Alexander Fleming seine wichtigste Entdeckung: Eine vergessene Bakterienkultur wurde während seines Urlaubs von einem Schimmelpilz angegriffen und zerstört. Fleming, der als Kriegslazarettarzt ausgiebig über Infektionskrankheiten geforscht hatte, erkannte die lebensrettende Bedeutung. Für die Extraktion dieser bakterientötenden Substanz – dem Penicillin – wurde ihm 1945, zusammen mit Ernst Boris Chain und Howard Walter Florey, der Nobelpreis für Medizin verliehen. Am 6. August 1881 kam er zur Welt.

[05.08.2020] Ausreißer, der

jmd., besonders ein Kind, auch ein Tier, das weggelaufen ist

Der „Alte Fritz“ hatte es als junger Fritz nicht leicht, war er doch ein scheinbar weit vom Stamm gefallener Apfel: Sein überaus strenger Vater züchtigte ihn, kontrollierte jeden seiner Schritte und unterband seine aufblühenden musischen Neigungen – den heimlichen Lateinunterricht bestrafte er sogar mit Tritten und Schlägen. Gerade 18-jährig schmiedete der gebeutelte Kronprinz daher erste Fluchtpläne, am 5. August 1730 schritt er zur Tat. Sein Versuch, dem väterlichen Joch zu entkommen, blieb jedoch erfolglos: Friedrich wurde unter Arrest gestellt, sein bester Freund als Mitwisser enthauptet.

[04.08.2020] Siesta, die

Mittagsruhe, Mittagspause

Die Siesta (nach lat. „hora sexta“, gemeint ist die sechste Stunde nach Tagesanbruch), die Ruhe in der Zeit der größten Mittagshitze, ist, wie jeder Tourist weiß, in Spanien heilig. Insofern zählt es wohl zu den miesen militärischen Tricks, dass Prinz Georg von Hessen-Darmstadt als Befehlshaber einer niederländisch-britischen Flotte im Spanischen Erbfolgekrieg den Angriff auf Gibraltar (der Legende nach) auf genau diese Uhrzeit verlegte. (Tatsächlich dauerte die Eroberung mehrere Tage.) Die Folgen der fatalen Siesta beschäftigen Europa bis heute: Seit dem 4. August 1704 ist Gibraltar britisch.

[03.08.2020] schlüsselfertig, Adj.

zum Einzug fertig, bezugsfertig

Das Alte Museum in Berlin zählt zu den bedeutendsten Bauwerken des Klassizismus. Unverkennbar verweisen die monumentalen ionischen Säulen, die Rotunde im Stil des Pantheons auf die bekannten antiken Vorbilder. Zugleich aber lag dem von Schinkel geplanten und Friedrich Wilhelm III. initiierten Bau ein modernes Konzept zugrunde: Dem Humboldt’schen Bildungsideal folgend sollte Kunst nicht mehr in adeligen Privatsammlungen oder Kuriositätenkabinetten verstauben, sondern allen Bürgern zugänglich gemacht werden. Am 3. August 1830 wurde das Museum (das erste der Museumsinsel) seiner Bestimmung übergeben.

[02.08.2020] fabelhaft, Adj.

großartig, ausgezeichnet; überaus groß, umfangreich; veraltet: ins Reich der Fabel gehörend, erdichtet

Vielen ist Oswald von Wolkenstein vor allem als zwinkernder Lockenkopf bekannt, tatsächlich hat sein gesenktes Lid kühne Legenden inspiriert (heute weiß man, dass er an einer angeborenen Ptosis litt). Das Fabulieren um Leben und Werk des Dichters entspricht weit eher der Selbstinszenierung des Ichs in seinen als autobiografisch charakterisierten Liedern: Sie erzählen lyrisch meisterhaft vom Reisen in ferne Länder, von politischen Querelen und von wilden Minneabenteuern. Am 2. August 1445 jedoch sind Oswalds „herz, muet, sin, gedank (...) worden mat“, er verstarb immerhin 68-jährig in Südtirol.

[01.08.2020] Müßiggang, der

Untätigkeit, Nichtstun, Faulheit

„Die ihr die Niedern so verachtet, / Vornehme Müßiggänger! … Wißt, daß Euer Vorzug (= Wohlstand) … auf ihrem Fleiß gegründet ist”. So schimpfte einst Gellert. Müßiggänger haben damals wie heute keinen guten Ruf. Doch bezog sich der Ausdruck, wie das Zitat zeigt, ursprünglich nicht auf den Faulpelz. Verwandt ist „müßig“ mit „müssen“. Und das zugrundeliegende althochdeutsche muoʒan bedeutete nicht „gezwungen sein“, sondern „können, mögen dürfen“ (bzw. „über Besitz, Raum, Zeit Gelegenheit verfügen“). Ein Müßiggänger war also vor allem so begütert, dass er für seinen Lebensunterhalt nicht arbeiten musste.

[31.07.2020] Feierabend, der

Arbeitsschluss, Dienstschluss; Zeit zwischen Arbeitsschluss, Dienstschluss und Nachtruhe

Warum klingt der Feierabend so festlich? Im Englischen beginnt um fünfe schlicht die „home time“ (Heim-Zeit), für die Franzosen startet „la fin de la journée“ (das Tagesende). Was entfacht im Deutschen also das Wortbildungsfeuerwerk, über das sich Deutschlerner nicht genug wundern können? Tatsächlich steht „fîra“ im Althochdeutschen sowohl für das (religiöse) „Fest“ als auch für die „Ruhe“ (im Sinne einer religiös inspirierten Arbeitsunterbrechung). Daraus wurde über mittelhochdeutsch „vîre“, die „Feier“. Im 15. Jh. konnte sich die mittlerweile verlorene Lesart „Ruhe“ im Feierabend noch behaupten.

[30.07.2020] gründen, Vb.

die Grundlage von etw. schaffen, das Fundament von etw. legen

Man hatte schließlich den perfekten Ort für das Zentrum des neuen Kalifats gefunden: Er lag strategisch günstig nur wenige Kilometer von der alten Hauptstadt entfernt, er ermöglichte durch seine Nähe zum Tigris regen Handel und bot für das trockene Klima ungewöhnlich reiche Wasservorkommen – also gab der Abbasidenherrscher al-Mansur am 30. Juli 762 hier die Gründung Bagdads in Auftrag. Die „Stadt des Friedens“, so ihr ursprünglicher Name, erlebte schnell eine Blütezeit, die auch die Errichtung einer der frühesten Wissenschaftsakademien, des „Bayt al-Hikma“ (Haus der Weisheit) ermöglichte.

[29.07.2020] Zwietracht, die

gehoben: Uneinigkeit, Streit

Reformen gehen selten ohne Streit ab. Als 2006 auf der Konferenz der Internationalen Astronomischen Union der Planet Pluto zum Zwergplaneten (dwarf planet) degradiert wurde, war die Empörung groß. So groß, dass ein Astronomenteam, das im Jahr zuvor einen Himmelskörper ähnlicher Größe entdeckt hatte, diesen Eris – nach der griechischen Göttin der Zwietracht – taufte. Der massereichste Vertreter der neuen Klasse zieht fernab irdischen Unfriedens gemächlich seine elliptischen Bahnen. Für einen Umlauf um die Sonne benötigt er 557,55 Jahre. Am 29. Juli 2005 wurde seine Entdeckung bekannt gegeben.

[28.07.2020] Nachruf, der

gesprochene oder geschriebene Würdigung, Gedenkrede für einen unlängst Verstorbenen

Bis zuletzt arbeitete er an seinem Lebenswerk, schickte in Briefform Ergänzungen und Korrekturen für sein mehr als 25 000 Wörter umfassendes, seit 40 Jahren betreutes, nun auch im DWDS digitalisiertes Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Es ist in seiner heutigen Gestalt nicht nur das umfangreichste, sondern auch das aktuellste etymologische Nachschlagewerk der deutschen Sprache. Wolfgang Pfeifer, ein Wissenschaftler durch und durch, ist am 9.7.2020 in seinem 98. Lebensjahr in Berlin verstorben. Ein Nachruf von Wolfgang Klein.

[27.07.2020] Boulevard, der

breite Straße, Ringstraße

„Boulevard“ erscheint uns als typischer Gallizimus wie „Chaussee“ oder „Haute Couture“, tatsächlich aber spielt es mit uns ein etymologisches Ringelreihen, handelt es sich doch um eine Rückentlehnung aus dem Deutschen: Zugrunde liegt das im Mittelhochdeutschen belegte „bolwerc“, das heute etwas angemessener „Bohl-Werk“ geschrieben werden müsste, denn es bezeichnete ein aus Bohlen und Erde errichtetes Schanzwerk sowie eine entsprechende Uferbefestigung. Über das Niederländische gelangte das Wort als Germanismus ins Französische und wurde später auf die ringförmig entlang der Festungsmauern verlaufenden Straßen übertragen.

[26.07.2020] Dachschaden, der

schadhafte Stelle an einem Dach; Beeinträchtigung, Verwirrung des Verstandes

Giacomo Casanova, venezianischer Frauenheld und Tunichtgut, entkam so mancher Bedrängnis: Dem Tod im Kindesalter durch schieren Lebenswillen, der Priesterweihe mit List (er täuschte auf der Kanzel eine Ohnmacht vor), der Armut durch Kreativität (er verdingte sich als Orchestergeiger und Claqueur) und den berüchtigten Bleikammern, dem Gefängnis des Dogenpalasts, in das er am 26. Juli 1755 aus ungeklärten Gründen eingekerkert wurde, mithilfe eines Dachschadens – im wahrsten Sinne des Wortes: Er durchbrach die legendären bleiernen Dachplatten und kletterte unbemerkt nach oben ins Freie.

[25.07.2020] Verlies, das

unterirdischer Kerker, besonders in mittelalterlichen Befestigungsanlagen

In einem mittelalterlichen Kerker kann man sich schon ganz schön verlassen und verloren fühlen. Für Etymologen aber ist er ein Ort der Freude: Denn gegen die Intuition ist man hier sprachgeschichtlich ausschließlich „verloren“, nicht „verlassen“. Der in früheren Zeiten regelmäßige, heute aber nur noch in einzelnen Beispielen (Wagnerianer kennen „kiesen“ zu „Kür“) sichtbare Zusammenhang zwischen r und s (und anderen Lautpaaren, z. B. h und g in „ziehen – zog“) beruht auf einem Lautphänomen, das man seit dem 19. Jahrhundert – auch nicht ganz intuitiv – grammatischen Wechsel nennt.

[24.07.2020] kuscheln, Vb.

sich mit dem Verlangen nach Geborgenheit in etw. schmiegen, an jmdn., etw. anschmiegen

Trotz der Einschränkungen, die ihre Kinderlähmung mit sich brachte, leistete Margarete Steiff Beachtliches: Ihr Talent als Schneiderin ermöglichte die Gründung eines Filzkonfektionswarengeschäfts, das bereits blühte, als es mit einem (noch alles andere als kuscheligen) Nadelkissen „versehentlich“ wahre Erfolgsgeschichte schrieb. Jener Filzelefant wurde nämlich – entgegen seiner Bestimmung – schnell als Spielzeug beliebt: So wurde gewissermaßen das erste Steiff-Tier geboren. Die Unternehmerin selbst wäre heute 173 Jahre alt geworden.

[23.07.2020] bürgernah, Adj.

auf die Probleme und Interessen der Bürger eingehend, diese berücksichtigend

Hornbrille, Nadelstreifenanzug, strenger Haarschnitt: Äußerlich schien Gustav Heinemann in seiner Amtszeit als Bundespräsident (1969-1974) aus der Zeit gefallen. Und doch verkörperte er eine offenere, modernere, liberalere Bundesrepublik. Schon als Justizminister hatte er manch alten Zopf (Strafbarkeit von Homosexualität u. Ehebruch) abgeschnitten. Während die Studentenproteste auf einen Höhepunkt zustrebten, verteidigte er die Notwendigkeit des Demonstrationsrechts und forderte gesellschaftliche und soziale Reformen ein. Er verstand sich als Bürgerpräsident. Am 23. Juli 1899 wurde er geboren.

[22.07.2020] Sternstunde, die

Zeitpunkt, Zeitabschnitt, in dem eine besonders günstige Wendung in einer Angelegenheit erfolgt, sich etw. Entscheidendes, Vorwärtsweisendes ereignet

Erst im März durch ein Weltraumteleskop der NASA entdeckt und schon ein „Star“: Der Komet C/2020 F3, besser bekannt als NEOWISE, ist derzeit mit bloßem Auge am Nachthimmel zu sehen. Und das, obwohl er nur 5 km groß ist. Durch die Hitze der Sonne verdampfen Teile des Kometen und bilden einen imposanten Schweif. Zu beobachten ist er am besten abends, tief am nordwestlichen Himmel. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli durchfliegt er seinen erdnächsten Punkt (103,5 Millionen Kilometer) – eine wahre Sternstunde für Hobbyastronomen, denn das nächste Mal besucht uns der Komet erst wieder in 6700 Jahren.

[21.07.2020] kleiner Mann, Mehrwortartikel

(gedachte) den gesellschaftlichen Durchschnitt verkörpernde Person, die über ein eher geringes Einkommen und wenig Einfluss verfügt

2008 sorgte das Werk eines 1947 verstorbenen deutschen Autors für Aufsehen: „Jeder stirbt für sich allein“, die Geschichte eines Arbeiterehepaars, das auf sich allein gestellt gegen den Nationalsozialismus kämpft, lag erstmals in englischer Übersetzung vor. Es erreichte auf Anhieb Bestsellerrang. Nie schenkte Hans Fallada den Großen seine Aufmerksamkeit, sein Interesse galt stets dem Durchschnittsmenschen, der die Folgen von Wirtschaftskrisen und politischen Unruhen ausbaden muss. Sein bekanntestes Werk: „Kleiner Mann, was nun“ wurde sogar sprichwörtlich. Am 21. Juli 1893 wurde er geboren.

[20.07.2020] Freundschaftsbeweis, der

Handlung oder Sache, die als Ausdruck gegenseitiger Freundschaft zu verstehen ist

Am 20. Juli des Jahres 802 bekam Kaiser Karl der Große großen Besuch – im wahrsten Sinne des Wortes. Ursprünglich stammte der üppige Reisende mit Namen Abul Abbas aus Indien, auf den Weg aber hatte er sich von Bagdad aus gemacht, als Geschenk des Kalifen Harun ar-Raschid. Kaiser Karl war begeistert, denn Abul Abbas war ein riesiger Elefant – ein nördlich der Alpen ungewöhnlicher und mehr als imposanter Anblick. Leider währten Stolz und Freude am neuen Haustier nicht lange: Nur wenige Jahre nach seiner Ankunft starb der Dickhäuter ganz unerwartet nach einer gefährlichen Rheinüberquerung.

[19.07.2020] Frauenpolitikerin, die

entsprechend der Bedeutung von Frauenpolitiker: jmd., der auf die Interessen von Frauen ausgerichtete Politik betreibt

Im Alter von nur 18 Jahren legte Elly Knapp ihr Lehrerexamen ab, dann begann sie, sich politisch für Demokratie und Frauenrechte zu engagieren. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt sie Auftrittsverbot und wechselte in die Werbebranche, wo sie sich als Pionierin erwies: Sie gilt als Schöpferin des Werbejingles. Die sieben Jahre, die Elly (nun) Heuss-Knapp nach dem Krieg bis zu ihrem Tod am 19. Juli 1952 noch blieben, erwiesen sich als politische Blütezeit: Sie engagierte sich im sozialpolitischen Ausschuss für die Schulspeisung und gründete später als erste First Lady der BRD das Müttergenesungswerk.

[18.07.2020] Versöhnung, die

friedvolle Beilegung von Streitigkeiten oder Zerwürfnissen; entgegenkommende Verständigung mit Gegnern oder Feinden

Am 18. Juli feiern die Vereinten Nationen den Nelson-Mandela-Tag (er fällt mit dem Geburtstag des Nobelpreisträgers (18. Juli 1918) zusammen). Die UNO ehrt damit einen Mann, der sich fast sein ganzes Leben hindurch gegen Diskriminierung und für ein Ende des Apartheidregimes in Südafrika eingesetzt hat, zugleich aber als Staatschef die Versöhnung und den konstruktiven Dialog in den Mittelpunkt stellte. Er erinnert auch an einen Menschen, der sich nicht nur für die Würde anderer einsetzte, sondern sich während seiner 27 Jahre währenden Gefängnishaft die innere Würde bewahrte.

[17.07.2020] Löschzug, der

Einheit der Feuerwehr, die aus dem Fahrzeug der Einsatzleitung, mehreren Löschfahrzeugen sowie Gerätewagen und den Feuerwehrleuten besteht

So mancher Kalauer zieht über Chaos oder veraltete Ausrüstung der Freiwilligen Feuerwehr her, dabei könnte das Bild kaum falscher sein: Wenn Ihnen ein Löschzug im Einsatz begegnet, ist dieser mit großer Wahrscheinlichkeit mit Ehrenamtlichen besetzt, denn in weniger als 5 % der deutschen Städte gibt es eine nur mit hauptamtlichen Mitarbeitern besetzte Berufsfeuerwehr. Die „FF“ tragen so in den deutschsprachigen Ländern und in Polen die Hauptlast des breiten Aufgabenspektrums der Feuerwehr. Am 17. Juli 1841 wurden die in Deutschland ersten Freiwilligen im Meißner Rathaus verpflichtet.

[16.07.2020] Serail, das

Palast eines Sultans

Eine Oper voller Zugnummern: Osmins Liebeslied, Konstanzes Schmerzgesang, das Duett auf Bacchus, Osmins hämische Richtplatzarie und sein legendärer finaler Wutgesang – die „Entführung aus dem Serail“, eine Oper über die Befreiung einer jungen Frau aus den Fängen eines Sultans, steht niemals still, durchgehend bleibt sie in höchstem Maße kurzweilig, schafft es aber trotzdem, sowohl emotionale Komplexität als auch Karikatureskes mit Sensibilität und Tiefgang zu vermitteln. Ein noch blutjunger (26-jähriger) Wolfgang Amadeus Mozart brachte sie am 16. Juli 1782 erstmals im Wiener Burgtheater auf die Bühne.

[15.07.2020] Schnappschuss, der

Momentaufnahme

Die Ära der Weltraumerkundung hatte mit der Mondlandung 1969 wohl einen Höhepunkt erreicht. Vier Jahre zuvor hatten es die Amerikaner jedoch bereits geschafft, auf Tuchfühlung mit einem anderen erdnahen Himmelskörper zu gehen: Neben zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen gelang der Raumsonde Mariner 4 am 15. Juli 1965 – nach einer 229-tägigen Reise – nicht nur das erste Foto vom Mars, sondern auch die erste Nahaufnahme eines fremden Planeten überhaupt. Spuren für Leben auf dem Erdnachbarn konnten leider weder damals noch später entdeckt werden. Die Suche geht aber weiter!

[14.07.2020] Grenzverschiebung, die

Änderung im Verlauf einer Grenze, z. B. zwischen zwei Staaten

Sie hat mehr persönliche, gesellschaftliche und intellektuelle Grenzen überwunden als die meisten Menschen ihrer Zeit: Sie studierte als Frau in Oxford, übersetzte arabische Literatur, bereiste als Archäologin, Geografin, Geheimagentin die Wüsten des Nahen Ostens, schloss ähnlich wie T. E. Lawrence Bekanntschaften mit den lokalen Machthabern, war Beraterin von König Faisal I. Gleichwohl ist das Erbe der Gertrude Bell nicht unproblematisch: Viele der konfliktträchtigen Grenzziehungen, aus denen der moderne Irak hervorging, gehen auf ihre Expertise zurück. Am 14. Juli 1868 wurde sie geboren.

[13.07.2020] Badewanne, die

großes, meist längliches Becken, in das sich mindestens eine Person hineinsetzen oder hineinlegen kann, und das, mit meist warmem Wasser befüllt, der Körperreinigung, der Entspannung oder medizinisch-therapeutischen Zwecken dient

„13. Juli 1793. Marie*anne Charlotte Corday an den Bürger Marat. Dass ich sehr unglücklich bin, reicht aus, ein Recht auf Ihr Wohlwollen zu haben.“ So der Brief, den der vom französischen Historienmaler Jacques-Louis David porträtierte, in der Badewanne an einer Stichverletzung sterbende Jean Paul Marat in Händen hält. Das Messer, mit dem jene Charlotte Corday den Jakobiner soeben erdolchte, liegt noch neben dem Zuber. Sie sah in ihm den Urheber aller Gewalt an den Girondisten. Den politisch motivierten Mord bezahlte sie später selbst mit dem Leben.

[12.07.2020] Ungemach, das

gehoben, gelegentlich ironisch: unangenehme, missliche Lage, Leid; negative Entwicklung, Unglück

Manche Wörter sind wie alter Trödel, der völlig aus der Zeit gefallen scheint, und doch ein unerwartetes Comeback erlebt. Auch das vornehme Wörtchen „Ungemach“ – in vielen Wörterbüchern bereits als „veraltet“ abgeschrieben – erfreut sich seit den 1990er Jahren erheblicher Beliebtheit. Faszinierend erscheint bei dem Wort auch auch, dass sich zu den verwandten Wörtern wie „Gemach“ oder „gemächlich“ keine semantische Brücke schlagen lässt. Tatsächlich bedeutete althochdeutsch „gimah“ aber ursprünglich ‚passend, bequem‘ und althochdeutsch „ungimah“ (damals noch Adjektiv) entsprechend ‚unbequem, unpassend‘.

[11.07.2020] abrunden, Vb.

etw. rund, glatt machen; übertragen: etw., sich vervollständigen, vervollkommnen

Sein Vater besaß ein Nudelrestaurant im japanischen Toba, der junge Mikimoto Kōkichi selbst wurde zunächst Gemüsehändler. Das Objekt seiner Träume aber war glänzend weiß, kugelrund, und wahrlich kostbar – er wollte erschaffen, was der Natur nur sehr selten gelang: die absolut perfekte Perle. Im Alter von 30 Jahren gründete er eine Zuchtfarm und begann zu experimentieren – zunächst leider ohne Erfolg. 15 Jahre sollte es dauern, bis er am 11. Juli 1893 einer Auster die erste Zuchtperle der Geschichte entlockte. Absolut rund war diese noch nicht, wenige Jahre später aber erfüllte sich auch dieser Jugendtraum.

[10.07.2020] fordern, Vb.

etw. von jmdm. verlangen

Martin Luthers Anschlag der „95 Thesen“ im Jahre 1517 in Wittenberg hat die Weltgeschichte umgewälzt. Sein Namensvetter Martin Luther King, die Ikone der Bewegung für die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA, griff diese markante Symbolik daher ganz bewusst auf, als er am 10. Juli 1966 seine „48 Thesen“ in Chicago an die Rathaustür nagelte. Darin formulierte er konkrete Forderungen, die über die Gleichheit vor dem Gesetz eine echte Teilhabe der wirtschaftlich benachteiligten Schwarzen am Reichtum des Landes in den Fokus rückten – ein auch heute noch relevantes Thema.

[09.07.2020] Gregorianik, die

liturgischer Gesang meist in lateinischer Sprache, der (vor allem in der römisch-katholischen Kirche) in einer einzigen Stimmlage gesungen und nicht von Musikinstrumenten begleitet wird

Gregor der Große, einer der bedeutendsten Päpste der Geschichte, inspirierte – als topische Legendenfigur des armen Sünders – literarische Schwergewichte wie Hartmann von Aue oder, Jahrhunderte später, Thomas Mann zu narrativen Meisterleistungen. Während des Mittelalters wurde auch ihm eine ganz besondere Meisterleistung zugeschrieben: die „Erfindung“ des Gregorianischen Chorals. Mittlerweile ist sich die Forschung darüber einig, dass Gregor I. nicht der Schöpfer dieser liturgisch-musikalischen Tradition war. Als Namenspatron jedoch tat er ihr Gutes: Er verlieh ihr Autorität, Relevanz und Beständigkeit.

[08.07.2020] Fabel, die

kurze, lehrhafte Tiergeschichte, die sittliche Wahrheiten oder allgemein-menschliche Erfahrungen durch analoge Beispiele aus der Tierwelt veranschaulicht

„Ein Schmeichler lebt von dem, der auf ihn hört. / Die Lehre ist gewiss den Käse wert.“ In der Fabel des Franzosen Jean de La Fontaine, der heute vor 399 Jahren zur Welt kam, ergattert ein schlauer Fuchs mithilfe überschwänglicher Komplimente aus dem Schnabel eines eitlen Raben ein begehrtes Käsestück – der Gerissene wird gegenüber dem Eitlen belohnt. Etwa 100 Jahre später gibt Gotthold Ephraim Lessing dieser Geschichte eine aufklärerische Wendung: Der Käse ist vergiftet, der Rabe erleidet, wie bei La Fontaine, zwar die Marter der Demütigung, der falsche Fuchs aber stirbt an seiner List.

[07.07.2020] Immunabwehr, die

Abwehrmechanismus des Körpers, der im Rahmen des Immunsystems Krankheitserreger bekämpft

Im Rahmen der globalen Corona-Pandemie sind viele bisher im stillen Labor forschende Wissenschaftler zu öffentlichen Figuren geworden, da es auf sie jetzt mehr denn je ankommt: Experten und Expertinnen der Epidemiologie, Virologie und auch Immunologie. Letztere untersuchen, wie das körpereigene Abwehrsystem Krankheitserreger und andere Fremdkörper bekämpft. Sie liefern wichtige Erkenntnisse für den Kampf gegen SARS-CoV2 und zur Heilung der schon an COVID-19 Erkrankten. Die Fachorganisation dieser Wissenschaftler, die Deutsche Gesellschaft für Immunologie, wurde heute vor 53 Jahren in Marburg gegründet.

[06.07.2020] Einteiler, der

einteiliger Badeanzug

Bluse, Rock, Beinkleider: Für Frauen war der Badespaß im Wasser noch um 1900 mit erheblichen Einschränkungen verbunden. Für die am 6. Juli 1887 geborene Australierin Annette Kellerman dagegen bedeutete Schwimmen Befreiung und Lebensinhalt. Als Kind hatte sie der Wassersport vor einem Leben auf Krücken bewahrt, als Erwachsene gewann sie Meisterschaften, schwamm Marathondistanzen in Europas Flüssen, ging rund um den Globus auf Showtournee. Als sie in Amerika einen Prozess wegen unzüchtigen Verhaltens gegen sie gewann – sie trug stets einen eng anliegenden Einteiler –, waren die umständlichen Badekleider nicht nur für sie endgültig passé.

[05.07.2020] konstant, Adj.

unveränderlich, gleichbleibend

Bevor sein Labor von napoleonischen Truppen zerstört wurde, gelang dem französischen Chemiker Joseph Louis Proust ein bedeutender Nachweis: Die Elemente einer chemischen Verbindung liegen immer in festen Massenverhältnissen vor. Mit diesem „Gesetz der konstanten Proportionen“ verhalf er dem Naturforscher John Dalton dazu, das erste Atommodell der Neuzeit zu entwickeln. Dessen Kernaussage: Jeder Stoff besteht aus unteilbaren, kugelförmigen Teilchen – den Atomen – die sich je nach Element in ihrem Volumen und ihrer Masse unterscheiden. Am 5. Juli 1826 starb Proust im Alter von 71 Jahren.

[04.07.2020] foppen, Vb.

jmdn. necken, hänseln, zum Besten haben

Der Tenor Mirosław Lem und der Pianist Piotr Stianek präsentieren einem neugierigen und kulturbeflissenen Publikum ein Stück aus einer Oper des zeitgenössischen Komponisten Sewald Brewske. Darin geht es um einen Wolf und ein Lamm, die auf einer Wiese stehen. Es kommt zu einem Moment der Ekstase, der in einem emotionalen Aufschrei gipfelt: “Hurz!” ... Oper, Kontext und Musiker wurden erst im Nachhinein als Scharade entlarvt, Hape Kerkeling aber schrieb mit diesem Bildungsbürger-Streich, der am 4. Juli 1991 erstmals in einer ARD-Sendung ausgestrahlt worden ist, nachhaltig Fernsehgeschichte.

[03.07.2020] Mausoleum, das

monumentales, prunkvolles Grabmal

Formal war er nur ein Einheimischer, der als Statthalter des mächtigen Perserreichs die kleine Provinz Karien an der südwestanatolischen Küste regierte. Tatsächlich schaffte er es, durch geschicktes Manövrieren zwischen Zentralmacht, aufständischen Satrapen und Griechen eine weitgehend selbstständige Herrschaft zu erhalten und zu erweitern. Er verlegte die Hauptstadt nach Halikarnassos, wo sein nach ihm benanntes Grabmal zu einem der Sieben Weltwunder wurde und in dieser Rolle das einzige „überlebende“ Wort aus dem Karischen in alle Welt trug. Sein Name: mauśoλ, gr. Maússōllos.

[02.07.2020] Ostfränkisch, das

ostoberdeutsche Dialektgruppe, die sich in Unter-, Ober- und Südostfränkisch aufteilt; Alltagssprache im nördlichen Bayern und den angrenzenden Regionen in Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Sachsen

Manchmal ist Sprache Geschmackssache: Über Klang und Ausdruckskraft der einzelnen deutschen Dialekte gibt es sehr verschiedene Meinungen, in der Regel aber findet man seinen eigenen Dialekt ausnehmend schön. Das trifft wohl besonders auf die Franken zu, vielleicht auch, weil es ihnen an eigener Staatlichkeit fehlt. Ganz Unrecht haben sie nicht: In einem Wettbewerb der Deutschen Bahn 2013 wurde Fränkisch (korrekt: Ostfränkisch) zum schönsten deutschen Dialekt gewählt – und deren Startseite „sprach“ einen Tag lang Fränkisch. Wäre Corona nicht, feierte man heute in Bayern den „Tag der Franken“.

[01.07.2020] Schreibmaschine, die

Büromaschine, mit der durch das Niederdrücken von Tasten druckähnliche Schriftstücke und mehrere Durchschläge hergestellt werden

Ebenso wie binnen weniger Jahre das Gerät dem Computer weichen musste, so verschwand (sofern man sich nicht auf Vergangenes bezieht) auch die Bezeichnung „Schreibmaschine“ aus unserem aktiven Wortschatz – verdrängt durch die digitale Revolution. Dabei bedeutete ihr Auftreten seinerzeit ebenfalls eine Umwälzung der Arbeitswelt: Am 1. Juli 1874 kam in den USA mit der Remington No 1 die erste kommerziell erfolgreiche Schreibmaschine auf den Markt. Sie besaß bereits die Tastaturbelegung QWERTY (deutsch: QWERTZ), nach der wir auch heute noch auf unseren Computertastaturen tippen.

[30.06.2020] auslöschen, Vb.

etw. zum Verlöschen bringen, etw. zum Vergehen bringen, beseitigen, tilgen

Am 30. Juni 1520 starb der Aztekenherrscher Moctezuma II. – ob durch Steinwürfe seiner enttäuschten Untertanen oder hinterrücks von Spaniern erdolcht, ist unklar. Zu diesem Zeitpunkt war Moctezuma nach seiner Gefangennahme durch Hernán Cortez ohnehin nur eine bedeutungslose Figur, die sich den Wünschen der Konquistadoren fügen musste. Den Widerstand gegen die Eroberer führten längst andere. Gleichwohl markiert sein Tod die Auslöschung der indigenen Hochkultur: Das Reich wurde zur Kolonie, die Hauptstadt Tenochtitlán zerstört, aus den Überresten des Herrscherpalasts bauten die Eroberer eine christliche Kathedrale.

[29.06.2020] dürsten, Vb.

jmd. hat Durst, jmd. hat heftiges Verlangen, Begierde nach etw.

Im Dezember 1935 stürzte Antoine de Saint-Exupéry mit seinem Flugzeug 200 km vor Kairo ab. Er marschierte fünf Tage dürstend durch die Wüste, bis er endlich auf eine Karawane stieß, die sein Leben rettete. Jenes zutiefst existenzielle Erlebnis ging in die bekannteste seiner Erzählungen, „Der kleine Prinz“, ein, die seit ihrer Veröffentlichung knapp 10 Jahre später über 140 Mio. Mal verkauft und in mehr als 350 Sprachen und Dialekte übersetzt wurde. Sie verhandelt eindringlich und berührend Themen wie Freundschaft, Liebe und Kindheit. Die des Autors begann am 29. Juni 1900 in Lyon.

[28.06.2020] mächtig, Adj.

Macht besitzend, einflussreich; von beträchtlicher Größe, Ausdehnung, umfangreich

Wer dem Namen Heinrich VIII. von England begegnet, denkt wohl zunächst an die korpulente, in Samt und Seide gekleidete Persönlichkeit aus dem berühmten Holbein-Portrait, an einen König, dessen zahlreiche Ehen oft kopflos endeten, und an den Mann, der sich zur „Re-Formation“ seines eigenen Lebensentwurfs von Papst und Kirche löste. In der Rezeption der folgenden Jahrhunderte wurde er durchaus zu Recht vor allem als Mann der Willkür dargestellt. Heinrich war aber auch ein prototypischer Renaissance-Herrscher, der Bildung und Kultur schätzte. Am 28. Juni 1491 kam er zur Welt.

[27.06.2020] madig, Adj.

voller Maden, von Maden zerfressen; jmdn., etw. madig machen: jmdn., etw. schlechtmachen, verunglimpfen

Diese Maden haben (Film-)Geschichte geschrieben. Die Fleischseiten, die 1905 als Proviant an das russische Linienschiff Knjas Potjomkin Tawritscheski geliefert wurden, sie wimmelten von Fliegenlarven. Der daraus zubereitete reichlich unappetitliche Borschtsch löste am 27. Juni eine Meuterei aus, sieben Offiziere, darunter der Kapitän, kamen zu Tode. Obgleich historisch eher unbedeutend, verarbeitete Sergei Eisenstein die Ereignisse zu seinem propagandistischen Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“, der zu Recht zu den besten Filmen aller Zeiten zählt. Natürlich spielten auch die Maden (in Großaufnahme) eine tragende Rolle.

[26.06.2020] Strichcode, der

Artikelkennzeichnung auf Warenverpackungen, Tickets o. Ä., die aus einer Reihe senkrechter, unterschiedlich breiter und in unterschiedlichen Abständen angeordneter schwarzer Striche besteht und mithilfe eines Scanners (2) erfasst und ausgewertet werden kann

Ein kleines Piepsen für die Registrierkasse, ein großer Schritt für den Einzelhandel: Am 26. Juni 1974 wurde in den USA das erste mit einem Strichcode (auch Barcode genannt) versehene Produkt – eine Packung Kaugummi – über einen optischen Scanner in die Kasse eingebucht. Vom Prinzip her schon 25 Jahre zuvor entwickelt und im Laufe der Zeit in vielen Formen und Varianten eingesetzt, bedeuteten die markanten dicken und dünnen Striche auf Verpackungen eine deutliche Rationalisierung und Beschleunigung der Warenwirtschaft, und zwar nicht erst beim Bezahlen an der Kasse.

[25.06.2020] Musketier, der

mit einer Muskete bewaffneter Soldat

„Einer für alle, alle für einen“, so der Pakt, den sich die drei Elite-Recken Athos, Porthos, Aramis und der junge d’Artagnan in Alexandre Dumas’ Roman „Die drei Musketiere“ schwören. Hinter der übermütigen Fiktion stehen historische Figuren, so z. B. Charles de Batz de Castelmore, genannt Comte d’Artagnan, der tatsächlich Mitglied der königlichen Garde war. Dumas erlaubte sich mit ihm aber zahlreiche narrative Freiheiten. Immerhin entsprechen sich erzählter und wahrer Tod: d’Artagnan starb (heute vor knapp 350 Jahren) bei der Belagerung von Maastricht, ausgerechnet durch einen Querschläger aus einer Muskete.

[24.06.2020] Knalleffekt, der

umgangssprachlich: überraschende, verblüffende, oft grobe Wirkung, Pointe

Was ist ein Zyniker? „Ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten.“ Dieser bittere Aphorismus steht zwar in „Des Teufels Wörterbuch“. Geschrieben hat ihn aber nicht der Höllenfürst, vielmehr der Journalist und Schriftsteller Ambrose Bierce. Dessen geniale Geschichte über einen zum Tode Verurteilten, der am Galgen seine Hinrichtung erwartet, die aber nur den kurzen Moment des Falls bis zum Genickbruch umfasst, gilt als Musterbeispiel für eine Horrorgeschichte mit eiskalt servierter Schluss-Pointe. Am 24. Juni 1842 wurde der „lachende Teufel“ geboren.

[23.06.2020] alt wie Methusalem, Mehrwortausdruck

sehr alt, uralt

Wer konnte im 21. Jh. schon von sich behaupten, Zeitgenosse von Charles Darwin gewesen zu sein? Diese Ehre gebührte nur einer: Harriet (über 100 Jahre fälschlicherweise für Harry gehalten) kam 1830 auf der Insel Santa Cruz zur Welt. Der Legende nach wurde die Galapagos-Riesenschildkröte 1835 von Darwin persönlich nach England gebracht. Da ihr das kalte Wetter nicht bekam, zog sie schließlich nach Australien, wo sie den Rest ihres Lebens hibiskusblütenschmausend erst im Botanischen Garten, dann im Australia Zoo nördlich von Brisbane verbrachte. Am 23. Juni 2006 starb sie im biblischen Alter von 176 Jahren.

[22.06.2020] brüderlich, Adj.

zwischen leiblich verwandten Brüdern (herrschend); in der Art eines guten Bruders; kameradschaftlich, einträchtig, solidarisch, demselben Ziel verbunden

Am 22. Juni 1829 stand eine Familienfeier im Zeichen einer ganz anderen Art des Social Distancing: „Morgen, theurer Bruder, ist dein Geburtstag, ich feiere ihn morgen am asiatischen Ural in den Kupfergruben von Gumischewsk. Ich bin ganz gerührt, indem ich diese Zeilen schreibe und wie gern wäre ich morgen bei Euch im Familienkreise.“ Der große Bildungspolitiker, Schriftsteller und Gelehrte Wilhelm von Humboldt musste also an seinem 62sten auf seinen stets forschungsreisenden Bruder Alexander verzichten. Ob die Feier trotzdem rauschend war?

[21.06.2020] Langspielplatte, die

Schallplatte mit langer Spieldauer

Eigentlich verdankt sich die Geburt der LP einem Mangel: Bis in die 1940er Jahre hinein hatten Grammophonnadeln zur Wiedergabe von Sprache oder Musik auf Schellack gekratzt. Doch als Produktion und Vertrieb jenes aus dem Brutsekret der Lackschildlaus gewonnenen Trägermaterials zusammenbrachen, griff man auf einen Kunststoff zurück, der sich im Rundfunk als Tonträger längst bewährt hatte: Polyvinylchlorid, kurz Vinyl. Am 21. Juni 1948 stellte Columbia Records die 30cm-Vinyl-Langspielplatte vor. Anstatt der bis dahin möglichen 4 Minuten bot sie bis zu 25 Minuten Spieldauer pro Seite.

[20.06.2020] Tausendsassa, der

umgangssprachlich, scherzhaft, abwertend: vielseitig begabter, geschickter, tüchtiger, aber oft auch leichtsinniger, unzuverlässiger Mensch, Draufgänger, Teufelskerl

Bei Mörike liest sich's noch ohne Doppel-s: „Sie sind ein Tausendsasa, lieber Mozart!“. Wer dem Ursprung des rätselhaften Substantivs nachspürt, gelangt ins Reich jener Interjektionen, die sich wie hüh!, put, put!, miez, miez! an Tiere richten, wobei „Sasa!“ – wir erkennen es noch in unserem „hop-sasa!“ – ursprünglich (meist) Jagdhunden galt: „Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!“, heißt es etwa in Bürgers Ballade „Leonore“. Und auch die ursprünglich getrennt geschriebene Fügung „tausend sasa!“ war eigentlich ein Ausruf der Überraschung, bis sie sich (mit zusätzlichem s) zum heutigen Ausdruck wandelte.

[19.06.2020] Sage, die

ursprünglich auf mündlicher Überlieferung beruhende Erzählung von historischen oder mythologischen Ereignissen oder Naturvorgängen, die oft mit phantastischen, wunderbaren und übersinnlichen Elementen ausgeschmückt ist, jedoch im Gegensatz zum Märchen an tatsächliche Gegebenheiten anknüpft

Sagen und Märchen begleiten den Menschen schon seit Urzeiten, viel länger, als es schriftliche Überlieferung gibt. Anders als reale Personen und Institutionen sind sie nahezu unvergänglich, können sie doch immer wieder neu erzählt, aufgeführt oder gelesen werden. So wie die griechisch-römischen Sagen, die der heute vor 228 Jahren geborene Pfarrer und Schriftsteller Gustav Schwab in seinen „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ als gekürzte und geglättete Nacherzählungen veröffentlichte – und so für Generationen von Jugendlichen (und natürlich Erwachsenen) zugänglich machte.

[18.06.2020] Mitgeschöpf, das

Lebewesen, mit dem sich der Mensch verbunden fühlt durch einen gemeinsamen Daseinsgrund bzw. durch gemeinsame Existenz in einer Umwelt

Es war eine Geschichte, die den Pfarrer und Dichter Albert Knapp zugleich schockierte und aktiv werden ließ: Auf dem Dach einer benachbarten Kirche hatte sich ein Storchenpaar eingenistet. Eines Morgens fand ein Kollege das Männchen von Kugeln durchlöchert auf dem Kirchplatz vor – das harmlose Tier war grundlos, offenbar aus einer Laune heraus getötet worden. Tierquälereien dieser Art betrachtete Knapp als grausames Vergehen an der Schöpfung; und so gründete er am 17. Juni 1837 den ersten Tierschutzverein in Deutschland. Er starb fast auf den Tag genau 27 Jahre später, am 18. Juni 1864.

[17.06.2020] Monument, das

großes Denkmal

Es war zunächst nur eine Schnapsidee des Politikers und Nordstaatenfreundes Édouard René de Laboulaye im Jahr 1865: ein Denkmal als gemeinsames Werk der Vereinigten Staaten und Frankreich sollte entstehen. Tatsächlich wurde aus der Idee 20 Jahre später Wirklichkeit. Am 17. Juni 1885 lief die „Isère“ im New Yorker Hafen ein, an Bord ein im wahrsten Sinne des Wortes ansehnliches Geschenk: eine in Einzelteile zerlegte Kolossalstatue der Göttin Libertas – als Personifikation der Freiheit im Römischen Reich vor allem von ehemaligen Sklaven verehrt. Heute ist sie eines der berühmtesten Wahrzeichen der Welt.

[16.06.2020] Tracing-App, die

Anwendungsprogramm auf einem Smartphone, das es durch Austausch von Codes (über Kurzstrecken-Funktechnik) mit anderen Smartphones ermöglicht, im Falle einer Ansteckung die Personen zu informieren, die sich in der Nähe des Infizierten aufgehalten haben

Die COVID-19-Pandemie hat unseren Alltag verändert: Überall gelten besondere Vorsichtsmaßnahmen, Menschen arbeiten vermehrt im Homeoffice, tragen in der Öffentlichkeit Mund-Nasen-Schutz ... und auch unser Wortschatz hat sich den schnell wachsenden Herausforderungen gestellt: Neue Wörter halten Einzug in die deutsche Sprache, oft spontane Bildungen oder Entlehnungen aus anderen Sprachen. Ein heute ganz besonders prominentes Beispiel für Neuzugänge dieser Art ist der Begriff „Tracing-App“ – wenn, was das Wort bezeichnet, hält, was es verspricht, können wir es schon bald wieder vergessen.

[15.06.2020] Warnbrief, der

Brief, der auf eine künftige Gefahr bzw. auf eine unerwünschte Entwicklung hinweist oder der eine Drohung enthält

Post für den Reformator: Mit seinen 95 Thesen hatte Martin Luther die Autorität von Papst und Kirche herausgefordert. Darauf antwortete Leo X. genau heute vor 500 Jahren mit seiner Bannandrohung „Exsurge Domini“: Von wilden Tieren ist dort in der pathetischen Einleitung die Rede, die den Weinberg des Herrn zerstörten. Weiter wurden alle Lehrsätze Luthers für häretisch erklärt, er selbst zum Widerruf binnen 60 Tagen aufgefordert. Luther antwortete mit seiner Schrift „Von der Freyheith eines Christenmenschen“. Und am 10. Dezember, nach Ablauf der Frist, warf er die päpstliche Bulle ins Feuer.

[14.06.2020] Durchblick, der

Umgangssprachlich: das Verstehen von Zusammenhängen; Überblick über etw.

Das „Rassenschranken-Problem“ werde, schrieb einst ein Soziologe dem schwarzen Intellektuellen und Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois, „das allergrößte Problem künftiger Zeiten sein, hier und überall auf der Welt“. Du Bois, mit dem er im freundschaftlichen Austausch stand, hatte ihn auf die Lage der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten aufmerksam gemacht. Und als er sich auf seiner Amerikareise in New Orleans selbst ein Bild machte, war er abgestoßen von einem Rassismus, der „soziale Gleichstellung und sozialen Verkehr“ auf Dauer unterband. Der scharfsinnige Beobachter hieß Max Weber, er starb heute vor 100 Jahren.

[13.06.2020] selbstbewusst, Adj.

seiner selbst, seines eigenen Wertes und Könnens bewusst und entsprechend sicher auftretend

Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Irischen Renaissance, einer Bewegung, die sich das Ziel setzte, die kulturelle Identität und das Selbstbewusstsein des seit Jahrhunderten besetzten Landes wiederzufinden und zu stärken. William Butler Yeats verfolgte dieses Ziel als Aktivist, besonders aber als Literat, der nach dem ursprünglich Irischen suchte. 1923 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen, wie es hieß „für seine stets von hoher Eingebung getragenen Dichtungen, die in vollendeter Gestalt das Wesen seines Volkes zum Ausdruck bringen“. Heute vor 155 Jahren kam er nahe Dublin zur Welt.

[12.06.2020] zücken, Vb.

etw. aus etw., besonders aus seiner Tasche, herausnehmen, hervorholen und zum Gebrauch bereithalten

Ein neues Klappmesser wurde angeschafft, eines, mit dem ein Schweizer Soldat sowohl Mittag essen als auch sein Infanteriegewehr zerlegen können sollte. Entsprechend bot diese praktische Erfindung vier kombinierte Werkzeuge: Klinge, Dosenöffner, Schraubenzieher und Ahle. Am 12. Juni 1897 wurde sie unter dem Namen „Schweizer Offiziers- und Sportmesser“ offiziell als Handelsmarke geschützt. Mittlerweile steckt jener Tausendsassa nicht mehr nur in Schweizer Hosentaschen und wird in vielerlei Form produziert. Das größte Modell schaffte es mit sagenhaften 87 Werkzeugen sogar ins Guinness-Buch der Rekorde.

[11.06.2020] Rassismus, der

Theorie, Ideologie, allgemeine Vorstellung von der Höher- oder Geringerwertigkeit bestimmter Gruppen von Menschen aufgrund gewisser körperlich-biologischer oder ethnischer Merkmale

Am 11. Juni 1963 machten sich Vivian Malone und James Hood auf den Weg zur University of Alabama, um dort ihre Einschreibung abzuschließen. An der Pforte des Foster-Hörsaals aber versperrte ihnen Gouverneur George Wallace – von Pressekameras umzingelt – den Weg; er hatte seinen Wählern bei Amtsantritt versprochen, entschieden für „Rassentrennung jetzt und in Zukunft” einzustehen. Erst auf Befehl des Präsidenten J.F. Kennedy höchstpersönlich wich er widerwillig zur Seite und gewährte den beiden afroamerikanischen Studierenden den Zugang.

[10.06.2020] Notruf, der

telefonischer Anruf, Funkspruch, Signalübermittlung o. Ä. zur Alarmierung der Polizei, Feuerwehr oder einer anderen Rettungsstelle in einer (mit Gefahr für Leib und Leben verbundenen) Notsituation

Auch wer vom Morsealphabet sonst nichts weiß, kennt die charakteristische Abfolge · · · − − − · · · (3x kurz, 3x lang, 3x kurz), die für die Buchstaben S-O-S steht und heute für einen international verbreiteten Notruf-Code steht. Es handelt sich, entgegen einer urbanen Legende, aber nicht um eine Abkürzung für die Phrase „save our souls“, sondern um eine Art Alarmton in der Logik des Morsecodes: Die 1904 bei der deutschen Marine und 1908 international eingeführte Folge ist nämlich besonders gut zu hören. Am 10. Juni 1909 ertönte sie erstmals in einem Ernstfall.

[09.06.2020] Sorbisch, das

in der Lausitz beheimatete Sprache aus dem westslawischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie; aufgeteilt in die beiden Standardsprachen Niedersorbisch (Amtssprache in Teilen Brandenburgs um Cottbus) und Obersorbisch (Amtssprache in den östlichen Kreisen Sachsens)

Fast die Hälfte der heute gesprochenen Sprachen ist vom Aussterben bedroht, darunter auch das Sorbische, das insgesamt nur noch über 20.000 aktive Sprecher verfügt. Welch reicher kultureller Schatz hier verloren zu gehen droht, lässt das Werk des sorbischen Autors Jurij Brězan erahnen, das in der reichhaltigen Sagen- und Märchenwelt seiner sprachlichen Heimat wurzelt. Sein Roman um einen nobelpreisgekrönten Humangenetiker in „Krabat oder die Verwandlung der Welt“ ist eine faszinierende Parabel auf das Zusammenwirken von kultureller Identität und modernem Denken. Heute wäre er 104 Jahre alt geworden.

[08.06.2020] ozeanisch, Adjektiv

den Ozean betreffend

Über 70 Prozent der Erdoberfläche ist von Meeren bedeckt, die größten dieser Wasserflächen bilden die fünf Ozeane: Pazifik, Atlantik, Indischer Ozean, Nord- und Südpolarmeer, gigantische Ökosysteme, die durch anthropogenen Einfluss immer stärker in Gefahr geraten. Dabei liefern die Meere tierisches Eiweiß für mehr als eine Milliarde Menschen auf der Erde und sind somit die größte Nahrungsquelle weltweit. Seit 11 Jahren begehen die Vereinten Nationen am 8. Juni den „Welttag der Ozeane“, um Menschen dazu zu motivieren, den Schutz dieser Ökosysteme zu fordern und zu fördern.

[07.06.2020] Rechenkünstler, der

jmd., der verblüffend schnell und hervorragend (größere) Rechnungen (im Kopf) ausführen kann

Vielen bleibt die Welt der Algebra abstrakt und verschlossen, andere gehen im Geist in riesigen Zahlenräumen regelrecht spazieren. Ganz sicher gilt Letzteres für Gottfried Rückle, der einen ausgeprägt visuellen Zahlensinn besaß. Primzahlen bis 1000 kannte er schon als 12-Jähriger und sein auf mentalen „Streifzügen“ gesammeltes Wissen über Potenzen und Logarithmen erlaubte ihm Rechenoperationen im Kopf, über die man in einer Welt, die noch keine digitalen Hilfsmittel kannte, staunte. Folgerichtig trat der promovierte Mathematiker auch als Rechenkünstler in Varietés auf. Am 7. Juni 1879 wurde er geboren.

[06.06.2020] zeitlos, Adj.

nicht der Mode, dem Zeitgeist unterworfen

Er „fuhr auf Besuch für drei Wochen“ ins Sanatorium nach Davos, aber Hans Castorp blieb für ganze sieben Jahre. Zeit (und ihre Wahrnehmung) ist in der isolierten Welt des „Zauberberg“, von dem „keiner wieder zurückgekehrt ist“, ein zwar lineares, aber relatives Phänomen: Für den Protagonisten schleicht sie mal leer und bedeutungslos dahin, mal fliegt sie ereignisreich davon. Erzählerisch wird sie zuerst scheinbar unendlich gedehnt, dann verdichtet und gerafft, bis sie, wie der Roman, im Kugelhagel des Ersten Weltkriegs endet. Thomas Mann, der Schöpfer des Zauberberg, kam am 6. Juni 1875 zur Welt.

[05.06.2020] erzkonservativ, Adj.

oft abwertend: sehr, in hohem Maße konservativ, starr am Hergebrachten, an alten Traditionen festhaltend

Was haben der „Architekt“ und der „Erzhalunke“ gemeinsam? In beiden Wörtern geht das Präfix auf das griechische „archi-“ (= ‚Ober-‘‚ ‚Haupt-‘) zurück. Über lateinisch „arci-“ als „Erz-“ ins Deutsche entlehnt („Erzkanzler“), wurde es bald allgemeiner als verstärkender Zusatz verwendet, wie z. B. beim „Erzkonservativen“. Als Paradebeispiel eines solchen kann der heute vor 249 Jahren geborene Ernst August gelten, der ab 1837 als König von Hannover versuchte, demokratische Errungenschaften zurückzudrehen. Er war es auch, der die berühmten Göttinger Sieben (darunter Jacob u. Wilhelm Grimm) aus dem Land vertrieb.

[04.06.2020] Sketch, der

kurze Szene mit meist witziger Pointierung für Bühne, Kabarett, Funk oder Fernsehen

War es gestern oder vor 138 Jahren, dass der Humorist, Komiker und Stückeschreiber Karl Valentin in München zur Welt kam? Der „Wortzerklauberer“ startete als „Vereinskomiker“, wurde aber, zusammen mit seiner Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt, bald zu einer komischen Größe. Mit seinem Sprach-Anarchismus beeinflusste er Literaten wie Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky. Politisch hielt er sich zwar eher zurück, vor allem während der Nazizeit, aber: Den einen oder anderen Scherz konnte er sich nicht verkneifen: „Wie gut ist es doch, dass der Führer nicht Kräuter heißt, sonst müsste man ihn mit ‘Heil Kräuter’ grüßen.“

[03.06.2020] Willkür, die

Handeln nach ausschließlich subjektivem Ermessen und nach eigenen Interessen unter rücksichtsloser Anwendung der Macht und unter Missachtung der Rechte anderer

Das Wort „Willkür“ hat in seiner Geschichte einen interessanten Bedeutungs- und Konnotationswandel durchgemacht: Im Mhd. war es als Zusammensetzung aus „wille“ und „küre“ mit der Lesart ‘freie Wahl, Entscheidungswille’ meist wertneutral, oft sogar positiv konnotiert („wan er uns (...) geedelt mit der frîen willeküre“, Berth.Reg., Pred., 2, 35). Seit dem 18. Jh. setzt sich aber Schritt für Schritt der, wie es bei den Grimms heißt, „neue gebrauch, meist mit tadelndem sinn“ durch, erkennbar z. B. in Schillers Verschwörung des Bedemar: „Mit der Ehre, dem Leben, dem Vermögen des Volks können die Großen nach Willkür umspringen“.

[02.06.2020] Variation, die

melodische, harmonische oder rhythmische Umbildung, Abwandlung eines Themas

Viele verbinden mit seinem Namen vor allem „Pomp and Circumstance”, dabei ist Edward Elgar viel mehr als ein Komponist patriotischer Rührstücke. Während der Jahre 1899 bis 1920 schrieb er einige der bedeutendsten englischen Orchesterwerke der Spätromantik, darunter seine 14 Nimrod-Variationen und sein farbenreiches, tief melancholisches Cellokonzert in a-Moll, das seither vielen jungen Cellisten zum Durchbruch verhalf. Zwischen den Kriegen als zu altmodisch abgetan erlebt seine Musik seit den 1960ern ein wahres Revival. Der 2. Juni 1857 ist Elgars Geburtstag.

[01.06.2020] Pfingsten

sieben Wochen nach Ostern gelegenes, hohes christliches Fest, das die im Neuen Testament berichtete Ausgießung des Heiligen Geistes über die Jünger Jesu feiert

Pfingsten, das Fest, mit dem Christen die Entsendung des Heiligen Geistes an die Apostel oder auch die Gründung der Kirche selbst verbinden, hat einen sprechenden Namen: Das mhd. „phingesten“ ist ursprünglich ein zum Nominativ erstarrter Dativ Plural aus „vor, ze, an phingesten“, das wiederum auf griech. pentēkostḗ (hēméra), „der 50. Tag“, zurückgeht, da das Fest sieben Wochen nach Ostern liegt. Aufgrund des Wechsels von p zu pf dürfte das Wort vor oder während der Zweiten Lautverschiebung entlehnt worden sein, vermutlich vermittelt durch griechische Kaufleute oder die ostgermanisch-arianische Mission.

[31.05.2020] Tinnitus, der

besonders bei Erkrankungen des Innenohrs subjektiv wahrgenommenes Rauschen, Klingeln oder Pfeifen in den Ohren

Wie wir dank Douglas Adams wissen, ist die lauteste Rockband des Universums „Desaster Area“, der man am besten aus 37 Meilen Entfernung in einem Bunker lauscht. Leider stand unser Planet bislang nicht auf deren Tourenplan, daher bleibt der Rekord für das lauteste Rockkonzert der Erde jener vom 31. Mai 1976, als eine sechsundsiebzigtausend Watt starke Beschallungsanlage die Musik der Band „The Who“ auf unerhörte hundertzwanzig Dezibel brachte. Den Fans klingelten bestimmt die Ohren, manchen von ihnen vielleicht auch dauerhaft, wofür es auch einen entsprechenden medizinischen Fachausdruck gibt.

[30.05.2020] Kleinod, das

kostbares Schmuckstück; übertragen: Kostbarkeit

Wer ein solches Kleinod erbt, kann sich glücklich schätzen (und wäre wohl um einige Rubel reicher): In Anlehnung an den russisch-orthodoxen Brauch, zum Osterfest geschmückte Eier zu verschenken, schuf der Petersburger Juwelier Peter Carl Fabergé, geb. am 30. Mai 1846, in seiner Werkstatt die berühmten Fabergé-Eier, kostbare, fein ziselierte Kunstwerke. Attribute, die im Übrigen auch der ursprünglichen Bedeutung von „klein“ in „Klein-od“ entsprechen. Denn das Adjektiv bezog sich ursprünglich weniger auf die Größe als auf diese Eigenschaft kunstreich gearbeiteter Schmuckstücke.

[29.05.2020] bestätigen, Verb

etw. für richtig erklären; (sich bestätigen) sich bewahrheiten, sich als richtig erweisen

1915 stellte Albert Einstein an der Preußischen Akademie der Wissenschaften die Allgemeine Relativitätstheorie vor. Ihre Kernaussage: Jede Form von Energie, also auch Masse, krümmt Raum und Zeit. Experimentell bestätigt werden sollte dies während einer Sonnenfinsternis. Denn die Verdunklung der Sonne erlaubte es, das Sternenlicht, das der Theorie zufolge in unmittelbarer Sonnennähe durch deren Masse abgelenkt werden musste, zu messen. Sir Arthur Stanley Eddington gelang am 29. Mai 1919 auf der Insel Príncipe schließlich ein Foto, das eine messbare Verschiebung der Sterne zeigte und so Einsteins Theorie bestätigte.

[28.05.2020] wortmächtig, Adj.

in hohem Maße sprach- und wortgewandt

„The black woman's poet laureate“, die Dichterin der schwarzen Frau, Maya Angelou, starb heute vor sechs Jahren und hinterließ ein beeindruckendes Erbe: Sie war Poetin, Schriftstellerin, Journalistin, eine der wichtigsten Figuren in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und seit 1982 auch – obwohl ohne universitären Abschluss – Professorin für American Studies. Sie wusste um die Macht der Worte, wusste sie zu nutzen und sie zu fürchten. „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“, heißt ihre erste Autobiografie. „Er singt von Freiheit“, ist ihre Antwort.

[27.05.2020] Superspreader, der

Person, die mit einem infektiösen Krankheitserreger infiziert ist und durch ihre überdurchschnittlich hohe Anzahl von Sozialkontakten erheblich zu dessen Verbreitung beiträgt

Die irischstämmige Frau, der der Arzt George A. Soper 1907 in New York erstmals begegnete, war gesund, auf der „Höhe ihrer körperlichen und geistigen Kräfte“. Was sie nicht wusste und was Soper erst in mühevoller Detektivarbeit erkannt hatte: Mary Mallon war, ohne jemals selbst daran erkrankt zu sein, mit Typhus infiziert und hatte über ihre Tätigkeit als Köchin nachweislich 53 Personen angesteckt. Bedauernd merkte Soper rückblickend an, dass die Forscher um Robert Koch, der heute vor 110 Jahren starb, längst entdeckt hatten, dass auch symptomfreie Personen als mögliche Überträger in Betracht kommen.

[26.05.2020] weltoffen, Adj.

für alle Welt offen, zugängig; für alles in der Welt aufgeschlossen und interessiert

„Chinesische“ Pavillons in den Gärten, „orientalische“ Mode in den Salons: Die Faszination für fremde Kulturen im Barock, sie war oft bestenfalls oberflächlich. Ihr Interesse dagegen hatte Tiefe: Lady Mary Wortley Montagu lernte als Frau des britischen Botschafters im Osmanischen Reich die Landessprache, schloss Freundschaften und gewann authentische Einblicke in das kulturelle Leben, die sie in ihren Briefen verarbeitete. Ihre Beobachtung der im Mittelmeerraum verbreiteten Immunisierungspraktik gegen die Pocken gehört zu ihren großen Verdiensten. Am 26. Mai 1689 kam die Poetin und Intellektuelle zur Welt.

[25.05.2020] Aerosol, das

gasförmiges Gemisch aus festen und flüssigen

Winzigste Speicheltröpfchen gelangen als sogenannte Aerosole in die Luft und können für eine gewisse Zeit in ihr schweben. Derzeit wird daran geforscht, welches Ansteckungspotential in ihnen steckt bzw. auf welchem Wege sie zu einer Ansteckung mit dem Coronavirus führen können. Im Fokus der Untersuchungen stehen u. a. Chorgesang und gemeinschaftlicher Sport in Innenräumen – beides „atmungsaktive“ Tätigkeiten. Bergen sie besondere Gefahren? Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Forschung hierzu belastbare Aussagen treffen kann.

[24.05.2020] lustwandeln, Verb

scherzhaft: mit innerem Wohlbehagen spazieren gehen

„Meuchelpuffer“ für Pistole, „Jungfernzwinger“ für Nonnenkloster: Mit seinen Wortschöpfungen wollte der Sprachpurist und Barockliterat Philipp von Zesen Fremdwörter aus dem Deutschen ausmerzen, so auch das bereits im Frühneuhochdeutschen belegte „spazieren“ aus italienisch „spaziare“. Erfolg hatte die Neubildung „lustwandeln“ durchaus – wenn auch nicht im Sinne des Erfinders: Die Sprachgemeinschaft nutzt das Wort als eher ironische Bedeutungsdifferenzierung, zur Bezeichnung einer lustbetonten Form des Spazierengehens. Und wann könnte man schöner lustwandeln als heute, am „Europäischen Tag der Parke“.

[23.05.2020] Quetschkommode, die

Ziehharmonika, Akkordeon

Ob nun Heimatluftkompressor, Schifferklavier oder Quetschkommode – im Deutschen haben sich so einige Bezeichnungen für dieses schnell griffbereite, leicht transportable und daher weit verbreitete Begleitinstrument etabliert – einige werden ausschließlich regional verwendet, einige klingen durchaus humoristisch, sogar despektierlich. Der eigentliche Name „Akkordeon“ (oder „Accordeon“), der auf die Spielbarkeit ganzer Akkorde mit einer Taste dieses Instruments referiert, erscheint erstmals im Patentbrief des Erfinders Cyrill Demian – jenes wurde ihm am 23. Mai 1829 in Wien offiziell erteilt.

[22.05.2020] Computerspiel, das

Spiel, das am Computer, an einer Spielekonsole oder auf dem Smartphone gespielt wird

Es war ein ungewöhnliches Computerspiel, das heute vor vierzig Jahren erstmals über die Bildschirme der Konsolen flimmerte: eine gefräßige, knallgelbe Tortengrafik, die sich mit schepperndem „Uaka-Uaka-Uaka“ unzählige Pixelpillen einverleibte und dabei geschickt durch ein Labyrinth gelenkt werden musste, ohne den niedlichen, glubschäugigen Gespenstern zu begegnen. Pac-Man, das lustige und zugleich nervenaufreibende Arcadespiel des japanischen Studios Namco, war nicht nur außerordentlich erfolgreich, es konnte erstmals völlig neue Zielgruppen für das noch junge Medium begeistern.

[21.05.2020] Vielfalt, die

Verschiedenartigkeit, Mannigfaltigkeit

„Culture Counts – Kultur zählt“, vor 19 Jahren rief die UNESCO den „Welttag für kulturelle Entwicklung“ ins Leben, der sich heute jährt. Er soll die Vielfalt und den Dialog zwischen den Kulturen in den Mittelpunkt rücken. Die COVID-19-Pandemie stellt das kulturelle Leben derzeit weltweit vor große Herausforderungen, überall aber finden Menschen Wege, sich diesen zu stellen: Indem sie auf neue, gefahrlose Weise gemeinsam singen und musizieren, indem sie Kultur zur Aufklärung nutzen (wie in Uganda, in Indien und Mexiko), indem sie Kunst imitieren oder ganz neu interpretieren.

[20.05.2020] Meter, der oder das

Maßeinheit der Länge, Basiseinheit im Internationalen Einheitensystem

Unser liebstes Längenmaß war lange Zeit – die Sprache verrät es – unser eigener Körper: So ist etwas „wenige Schritte“ oder ein „paar Fuß“ entfernt, eine Tür ist „eine Handbreit“ offen, eine Stoffbahn „zwei Ellen“ lang. Die Französische Revolution setzte dem ein Ende. Der Nationalkonvent beschloss 1793 eine völlig neue Maßeinheit: den zehnmillionsten Teil des halben vom Nordpol (selbstverständlich über Paris) zum Äquator führenden Meridianbogens – den Meter. Am 20. Mai 1875 wurde dieser Urmeter (mit kleinen Änderungen) von der Internationalen Meterkonvention endgültig als Maßeinheit übernommen.

[19.05.2020] Konservendose, die

Dose aus (innen kunststoffbeschichtetem) Blech oder Weißblech zur (luftdicht abgeschlossenen) Aufbewahrung von pasteurisierten oder sterilisierten Nahrungsmitteln

Als heute vor 175 Jahren die Schiffe von Sir John Franklin in See stachen, um die sog. Nordwestpassage zu finden, war man sich im fortschrittsliebenden viktorianischen England sicher, dass die Besatzung mit ihrer höchst modernen Ausrüstung sicher durch das Packeis des Nordpolarmeeres kommen werde. Drei Jahre später aber waren alle Expeditionsteilnehmer verstorben – möglicherweise unter anderem durch von Proviantkonserven ausgelöste Bleivergiftungen. Die Katastrophe bewirkte bei Arktisforschern ein Umdenken: Roald Amundsen z. B. adaptierte erfolgreich die Überlebenstechniken der dort lebenden Inuit.

[18.05.2020] Häresie, die

von der offiziellen Kirchenmeinung abweichende Lehre; bildungssprachlich: Ketzerei, verdammenswerte Meinung

Zeitgenossen bezeichneten ihn als „ersten Poeten“ und als „Geliebten der Musen“, mit seinen Stücken feierte er in London enorme Erfolge, wie kein anderer beeinflusste er die Literaten seiner Zeit, unter ihnen auch Shakespeare, mit dem er sich heute den Rang des bedeutendsten Poeten der englischen Renaissance teilt. Außerhalb der Theaterszene galt Christopher Marlowe jedoch als umstritten: Er sei ein Atheist, liebäugle mit den Katholiken, wurde gemutmaßt. Am 18. Mai 1593 erhielt er wegen des dringenden Verdachts auf Häresie eine Vorladung vor Gericht, wenige Tage später starb er unter dubiosen Umständen.

[17.05.2020] Grenzgänger, der

jmd., der zwischen mehreren Disziplinen, Bereichen o. Ä. hin- und herwechselt und sich nicht eindeutig zuordnen lässt

Nicht nur dem Renaissance-Schriftsteller Vasari, auch modernen Kunsthistorikern gilt der Florentiner Renaissance-Maler Sandro Botticelli als Wanderer zwischen den Welten: Widmete er sich zu Anfang seiner Karriere ausschließlich religiösen Themen, erschloss er sich inspiriert von humanistischen Gelehrten neue, an antiker Ästhetik geschulte, von der Kirche verpönte mythologische Bildwelten, als deren Höhepunkt das berühmte Gemälde „Die Geburt der Venus“ gilt. Nur um dann wieder die Sixtinische Kapelle mit den Szenen aus dem Leben Jesu zu schmücken. Heute vor 510 Jahren starb der faszinierende Grenzgänger.

[16.05.2020] Dornröschenschlaf, der

langer Schlaf der Märchengestalt Dornröschen; übertragen: lange Zeit der Ruhe, in der jmd., etw. unbeachtet bleibt

„On ne trouve plus de femelle, / Qui dormît si tranquillement.“ (Man findet heute kein Weibsbild mehr, das so geduldig zu ruhen vermag) – der Dichter und Hofbeamte Charles Perrault ließ es sich nicht nehmen, auch ein (scheinbar) so unschuldiges Märchen wie „Dornröschen“ mit einer zweifelhaften Moral abzurunden. „La Belle au bois dormant“ erschien 1697 in seinen berühmten „Feenmärchen für die Jugend“, einer Sammlung alter Volkserzählungen, von denen uns einige sehr bekannt vorkommen dürften. Perrault jedoch starb rund 80 Jahre vor der Geburt des namhaften Hessischen Brüderpaars, am 16. Mai 1703.

[15.05.2020] Sammelsurium, das

umgangssprachlich, abwertend: Mischmasch, Durcheinander

Er verfasste das erste Lexikon, das sich ausschließlich an Frauen richtete. Über den genauen Zweck des „Frauenzimmer-Lexikons“ war sich der Verfasser, der Leipziger Jurist Gottlieb Siegmund Corvinus, allerdings wohl selbst nicht so recht im Klaren: Er überließ es seinen Leserinnen, ob sie das Werk als „nützliches, galantes oder kuriöses“ Werk ansehen wollten. Ob Viten gelehrter Frauen oder Schminktipps, Kochrezepte oder Gesellschaftsspiele: Das bunte Sammelsurium gibt in jedem Fall spannende Einblicke in die Alltagswelt des frühen 18. Jhds. Heute vor 343 Jahren wurde Corvinus geboren.

[14.05.2020] zäh, Adj.

ausdauernd; widerstandsfähig, harten Lebensbedingungen, schweren Belastungen physisch gewachsen; beharrlich, hartnäckig

Man hätte John McDouall Stuart den Abenteurer wohl nicht direkt angesehen: Doch obschon klein und schmächtig von Statur, gehört er dennoch zu den großen Entdeckern Australiens. Mitte des 19. Jhs. wurden, befeuert durch den Hunger nach Land und Bodenschätzen, Handels- und Kommunikationsverbindungen Expeditionen quer durch den Kontinent finanziert. Viele endeten im Desaster. Ihm gelang, woran andere scheiterten: Am 14. Mai 1858 brach er zu seiner ersten Expedition auf. In mehreren Anläufen erreichte er nicht nur sein Ziel, er brachte seine Leute allesamt lebend zurück.

[13.05.2020] Wunder, das

ungewöhnliche, das übliche Maß weit übertreffende Sache, Person, etw., das Überraschung, Staunen hervorruft

Stevland Hardaway Morris kam heute vor 70 Jahren zur Welt. Viel zu früh, weshalb er an einer Retinopathie erkrankte. Das Augenleiden aber konnte den hochbegabten Jungen nicht bremsen: Mit fünf sang er im Knabenchor, mit neun spielte er Klavier, Mundharmonika und Schlagzeug, mit zwölf wurde er bei Motown als „Little Stevie Wonder“ unter Vertrag genommen und landete seinen ersten Hit. Seitdem ist er nicht mehr aufzuhalten. Heute gilt Stevie Wonder als einer der erfolgreichsten und vor allem einflussreichsten Soul-, Funk- und Popmusiker, Produzenten, Songwriter und Multiinstrumentalisten aller Zeiten.

[12.05.2020] Experiment, das

(wissenschaftlicher) Versuch

Er kam heute vor knapp 220 Jahren, am 12. Mai 1803, in Darmstadt zur Welt: Justus von Liebig, Sohn eines Drogisten, der in seines Vaters Werkstatt spielerisch das Fundament seiner späteren Berufung legte. Er wurde der bedeutendste Chemiker seiner Zeit, erfand die Mineraldüngung, begründete den Bereich der Agrochemie, verbesserte grundlegend verschiedene chemische Experiment-Verfahren, forschte an Säuren, entdeckte (zeitgleich mit zwei anderen) das Chloroform und entwickelte, zur Stärkung Kranker und Soldaten, ein Verfahren zur Herstellung von Fleischextrakt.

[11.05.2020] unterhaltsam, Adj.

angenehm die Zeit vertreibend, unterhaltend

Heute jährt sich zum dreihundertsten Mal die Geburt jenes Mannes, dessen Legende in denkwürdiger Weise von seinem tatsächlichen Leben abweicht: Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen führte nach einer durchaus ereignisreichen Militärkarriere ein ruhiges Leben als Gutsherr und geschätzter Privatmann, der seine Tischgesellschaft bestens mit phantasievoll übertriebenen Anekdoten zu unterhalten wusste. Seine Geschichten wurden allerdings gegen seinen Willen (und ohne Tantiemen) mit enormem Publikumserfolg veröffentlicht. Er selbst sah sich als „Lügenbaron“ der Lächerlichkeit preisgegeben.

[10.05.2020] Kandidatur, die

Nominierung für eine Wahl

Ein öffentliches Schulwesen, sexuelle Aufklärung, die Abschaffung von Kinderarbeit und Todesstrafe, Vegetarismus und freie Liebe – man denkt bei Konzepten dieser Art zunächst an die 1968er. Tatsächlich aber wurden sie bereits 100 Jahre zuvor propagiert – von einer in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Persönlichkeit: Victoria Woodhull, Frauenrechtlerin, Journalistin und Verlegerin, kurioserweise praktizierende Wahrsagerin und erste weibliche US-Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte. Am 10. Mai 1872 wurde sie von der Equal Rights Party offiziell für die Wahl nominiert.

[09.05.2020] Gauner, der

abwertend: Mann, der auf betrügerische Art andere zu übervorteilen versucht; Betrüger, Schwindler, Dieb; Spitzbube

Er ging als einer der größten (und gefeiertsten) Halunken aller Zeiten in die Geschichte Englands ein: Thomas Blood, Abenteurer und Tunichtgut sondergleichen. Zwar misslangen ihm die meisten seiner Schandtaten (wie die Einnahme von Dublin Castle oder das Attentat auf den verhassten Herzog Ormond), sein kühnster und abstrusester Coup aber brachte ihm einen royalen Erfolg: Am 9. Mai 1671 machte er sich auf, die Kronjuwelen aus dem Tower of London zu stehlen. Auch dies misslang. König Karl II. aber war von Bloods Dreistigkeit derart beeindruckt, dass er ihn vollständig begnadigte.

[08.05.2020] dankbar, Adj.

von Dank erfüllt

„Das Gefühl der Dankbarkeit ist immerfort vorhanden.“ Für Victor Klemperer, der als Jude nur knapp der Deportation entkommen war, – wie für unzählige Weitere – bedeutete die bedingungslose Kapitulation am 8. Mai 1945 vor allem das Ende der ständigen Todesangst. Das Gefühl der Erleichterung zieht sich von nun an allen Widrigkeiten des Flüchtlingsdaseins zum Trotz durch seine Tagebuchnotizen – in ihnen hatte er seinen Alltag von 1933 bis 1945 festgehalten. Die Nachricht vom Kriegsende erreichte Klemperer allerdings erst am folgenden Tag. Im Ort war die Stromversorgung zusammengebrochen.

[07.05.2020] Exit-Strategie, die

Militär: Strategie für den geordneten Abzug eines Truppenkontingents aus dem Auslandseinsatz; Gesundheitswesen: Strategie zur (stufenweisen) Lockerung bzw. Rücknahme von Maßnahmen, die zur Eindämmung bzw. Bekämpfung von Krankheiten, Epidemien, Pandemien o. Ä. ergriffen worden sind

„Rückzug“ klingt nach Niederlage, Generäle sprechen lieber von „Exit-Strategie“. Die dahinter liegende Problemstellung, sich gezielt aus einer bedrohlichen Lage zurückzuziehen, ist allerdings nicht auf Militärisches beschränkt. Auch Wirtschaftslenker bedienen sich gerne dieses Wortes und in der aktuellen Pandemiediskussion ist ein weiteres Anwendungsfeld hinzugetreten. Doch was forsch als Exit-Strategie gefordert wird, gleicht eher einem langwierigen Balanceakt zwischen der sozial und wirtschaftlich erforderlichen Rücknahme des Lockdowns und dem weiter nötigen Eindämmen der Pandemie.

[06.05.2020] Ausnahmegenehmigung, die

(behördliche) Erlaubnis, von einem Ge- oder Verbot abweichen zu dürfen

Der große intellektuelle Hunger der jungen Quedlinburgerin Dorothea Christiane Erxleben wurde früh genährt: Sie erhielt Lateinunterricht und durchlief eine vom Vater – er war selbst ein Arzt – angeleitete medizinische Ausbildung. Ein Studium aber wurde ihr als Frau verwehrt. Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen: Mit einem Hilferuf an Friedrich den Großen selbst, der ihr tatsächlich eine Ausnahmegenehmigung erteilte, erkämpfte sie ihre Zulassung, legte am 6. Mai 1755 an der Universität Halle erfolgreich die Prüfung ab und erhielt als erste deutsche Frau die medizinische Doktorwürde.

[05.05.2020] Balkonien, Substantiv

der eigene Balkon bzw. die eigene Wohnung als Ort, an dem man unter Verzicht auf (weite) Reisen seinen Urlaub verbringt

Ob als biedermeierliches Refugium von der Welt (wie bei Spitzweg), ob als Präsentierteller bürgerlicher Repräsentationslust wie bei Manet oder gar als verbotener Zugang zur/zum Geliebten (wie in Romeo und Julia): Der Balkon hat seinen Platz in der Kulturgeschichte. Als Urlaubsort entdeckten ihn die Menschen erst spät – paradoxerweise mit dem Anrollen der großen Reisewelle in den 1960er Jahren. Seither ist Balkonien als nerven- und ressourcenschonende Form der Erholung eine feste Größe. Und in Pandemiezeiten wird der Balkon – etwa als halböffentliches Musikzimmer – weiteren kreativen Nutzungen zugeführt.

[04.05.2020] Wortspiel, das

geistreiche, oft witzige Verwendung von gleich oder ähnlich klingenden Wörtern in einem Satz, die oft sehr unterschiedliche Bedeutungen haben, spielerische Wiederholung von Wörtern in unterschiedlichen Zusammenhängen

Heute ist Star-Wars-Tag, ein Datum, an dem die zahlreichen Fans die – je nach Zählung drei bis neun, oder gar elf – Weltraum-Epen in noch höheren Ehren halten als ohnehin. Anders als bei vielen Welt-X-Tagen ist die Wahl des heutigen Datums nicht durch den Tag der Premiere, den Geburtstag von George Lucas oder die Schlacht von Yavin bedingt, sondern durch die phonetische Ähnlichkeit zwischen der Datumsangabe „May the fourth“ und dem legendären Ausspruch „May the force [be with you!]“ im Englischen. Die Macht des Wortwitzes ist stark „bei diesem da“.

[03.05.2020] Schnapszahl, die

umgangssprachlich, scherzhaft: Zahl, die aus zwei oder mehreren aufeinanderfolgenden gleichen Ziffern, Zifferngruppen besteht

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, behauptete ein Schlagersänger, „333, bei Issos Keilerei“, lernte man früher und in der Apokalypse verweist 666 auf das geheimnisvolle Tier. Ob bei Schlagerenthusiasten, Geschichtsinteressierten oder Anhängern der Zahlenmystik: Schnapszahlen sind beliebt. Dabei gibt es das Wort erst seit dem 20. Jh., wohingegen „Schnaps“, das als „le schnaps“, „the schnapps“ oder „шнапс“ in viele Sprachen entlehnt wurde, immerhin seit dem 17. Jh. geläufig ist. Ob Schnapszahl davon herrührt, dass man alkoholisiert doppelt sieht oder in einem Additionsspiel beim Auftreten einer solchen eine Runde schmeißen muss, ist ungeklärt.

[02.05.2020] Poet, der

Dichter, besonders Lyriker

Dichter und Dandy, hochbegabt und narzisstisch: Alfred de Musset war in Frankreich bereits im Alter von 20 Jahren ein gefeierter literarischer Star. Allerdings mit zweifelhaftem Ruf. In Deutschland blieb er erstaunlicherweise relativ unbekannt. Immerhin schafft es sein dramatisches Werk dann und wann auf die Bühnen, so die romantischen Stücke „Lorenzaccio“ (1833/34) oder „Man spielt nicht mit der Liebe“ (1834). Seine Lyrik, die ob ihrer formalen Qualitäten durchaus mehr Beachtung verdient, schaffte es zumindest auf seinen Grabstein. Er starb am 2. Mai 1857 46-jährig an Alkohol und gebrochenem Herzen.

[01.05.2020] systemrelevant, Adj.

entscheidend für die Aufrechterhaltung, den Fortbestand eines bestimmten Systems

Gegen das „System“ zu rebellieren, gehörte in sich revolutionär gebenden Kreisen bisweilen zum guten Ton. Tatsächlich war „System“ bezogen auf gesellschaftliche oder staatliche Strukturen negativ konnotiert. Bis jetzt. Unter dem Eindruck der COVID-19-Pandemie lautet eines der meistgebrauchten Schlüsselwörter dieser Tage „systemrelevant“. In Krisenzeiten wächst die Wertschätzung für diejenigen, die das Herz-Kreislauf-System der Gesellschaft am Leben erhalten, die in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, in der Lebensmittelversorgung arbeiten und sich nicht in die Sicherheit eines Homeoffice zurückziehen können.

[30.04.2020] Hexeneinmaleins, das

Wort- und Zahlenrätsel mit mehrfachem Sinn; magisches Quadrat

„(...) Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex’, / Mach’ Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht: / Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“ (Goethe, Faust I). Gebraut wird, noch nicht ganz zur Walpurgisnacht, ein Verjüngungstrank, dessen kontrafaktische Produktionsformel den gelehrten Protagonisten zutiefst verstört. Mephisto kommentiert mokant: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, / Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Die Nachwelt versuchte tatsächlich, das Gedachte in Goethes rätselhafter Erfindung zu entschlüsseln – mit zweifelhaftem Erfolg.

[29.04.2020] Sammelgebiet, das

Gebiet, auf dem jmd. sich als Sammler betätigt

Dinge zu sammeln ist ein beliebtes Hobby. Davon zeugen zahlreiche Wörter wie „Sammelalbum“, „Sammeleifer“, „Sammelfleiß“, „Sammelleidenschaft“ oder gar „Sammelwut“. Gesammelt werden kann buchstäblich alles, nicht nur Briefmarken, Kronkorken oder Postkarten. Und wahrscheinlich muss man auch einen Hang zum Sammeln haben, um Lexikograph zu werden – denn was ist ein Wörterbuch, wenn nicht ein wissenschaftlich fundiertes „Sammelsurium“ der Wörter einer Sprache? Manche mögen dieses „Sammelgebiet“ so sehr, dass sie über ihre Arbeit hinaus auch privat großartige Sammlungen anlegen.

[28.04.2020] monochrom, Adj.

einfarbig

Im Alter von 18 Jahren habe er, so die Legende, am Strand von Nizza liegend mit dem Finger den tiefblauen Himmel signiert – sein „erstes monochromes Gemälde“. Tatsächlich wurde die Farbe Blau, genauer Ultramarinblau, zu Yves Kleins Signatur – er ließ sie sogar unter der Bezeichnung International Klein Blue (I.K.B.) patentieren. Nach Jahren des Experimentierens gelang es ihm, diese Farbe ohne Verlust ihrer Strahlkraft auf riesige Leinwände zu ziehen und so makellose monochrome Flächen zu schaffen, die den Betrachter an sich ziehen und tief berühren. Heute vor 92 Jahren kam er zur Welt

[27.04.2020] Gesichtsmaske, die

flächig über Mund und Nase zu tragender, atmungsaktiver (teilweise mit Filtern versehener) Schutz zur Verhinderung des Einatmens von Schadstoffen oder Krankheitserregern bzw. zur Verhinderung der Verbreitung von Krankheitserregern (etwa durch Speicheltröpfchen) bei eigener Infektion

Sie sind gerade in bzw. auf aller Munde: Die genannten Mund-Nasen-Schutze und Atemmasken sind wichtige Elemente in der Bekämpfung der aktuellen Coronavirus-Pandemie und bei der Behandlung der COVID-19-Patienten mit schwerem Verlauf. Doch geht hier nur eine von fünf Bedeutungen des Wortes Gesichtsmaske auf, denn dahinter verbergen sich noch: 2. ein Zubehör für Sportler, 3. eines für Verkleidete, 4. ein „Stoff“ für Schönheitsbewusste und 5. die farbigen Antlitze bestimmter Tiere. Das Wort ist so bunt wie manche der selbst genähten Mundschutze (Bedeutung 1), die man nun überall auf der Straße sieht.

[26.04.2020] außerirdisch, Adj.

zu einem Bereich außerhalb des Planeten Erde gehörend, dort vorkommend; von außerhalb des Bereichs des Planeten Erde stammend

Am 26. April 1803 ereignete sich in L’Aigle im Süden der Normandie gegen 13 Uhr etwas Unglaubliches: Es regnete Steine. Mehr als 3000 größere und kleinere Meteoritenbrocken wurden in den Feldern im Umkreis entdeckt, einige steckten 30 cm tief im Boden. Der junge Astronom Jean-Baptiste Biot untersuchte den Fall vor Ort und erstellte einen Bericht. Seine Entdeckungen und die folgende Analyse der Bruchstücke bestätigten, was die französische Akademie der Wissenschaften bis dahin noch nicht anerkannt hatte: Meteoriten – gewissermaßen steinerne Außerirdische – stammen aus dem Weltall.

[25.04.2020] Desinfektionsmittel, das

flüssige chemische Substanz, die (für Haut, Oberflächen, Instrumente, Wasser usw.) als Schutz vor einer Infektion mit Keimen verwendet wird

Antoni van Leeuwenhoek war wohl der erste Mensch, der 1683 mit seinem Mikroskop Bakterien erblickte. Und doch dauerte es lange, bis man den Zusammenhang zwischen unsichtbaren Keimen und Krankheiten erkannte. Es war Ignaz Semmelweis, der um 1840 erstmals Chlorkalk als Desinfektionsmittel für die Hände einsetzte – wirksam, aber hoch aggressiv. Auch wenn heute Substanzen wie Alkohol oder Aldehyde wesentlich haut- und oberflächenverträglicher sind, haben sie auf Dauer ebenfalls schädigende Wirkung auf Organismus und Umwelt. Deshalb bleibt zumindest im Alltag das Händewaschen mit Seife die wirksamste Form der Handhygiene.

[24.04.2020] Spiegelteleskop, das

Fernrohr, bei dem als Objektiv ein Hohlspiegel oder ein zusammengesetztes System von Spiegeln verwendet wird

Es ist 11,6 t schwer, 13,1 m lang und zumindest in Äquatornähe nachts mit dem bloßen Auge zu sehen: das Hubble-Weltraumteleskop. Heute vor genau 30 Jahren wurde es ins All geschickt und liefert seitdem (einige Kinderkrankheiten wurden schnell behoben) spektakuläre Aufnahmen von Planeten, Nebeln und Galaxien – Aufnahmen, die keinem Teleskop von der Erde aus gelingen könnten, da deren Auflösungsvermögen von Molekülen in der Atmosphäre beschränkt wird. Es brachte und bringt das Weltall zu uns auf die Erde und begeistert nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Hobby-Astronomen – und Star-Trek-Fans.

[23.04.2020] Lichtblick, der

Aussicht, auf die man sich freut, Hoffnungsschimmer

Zwischen all den bitterernsten Nachrichtenmeldungen rund um die COVID-19-Pandemie zeigen sich doch immer wieder auch Lichtblicke: Die Johns Hopkins University zählt mittlerweile bereits knapp 700.000 Genesene weltweit, Menschen helfen Menschen, auch klangvoll, wie das Orchester des Radio France oder das Global-Citizen-Projekt One World Together at Home. Menschen zeigen Humor in der Krise, z. B. indem sie kreativ berühmte Kunstwerke nachstellen. Und sie zeigen unglaubliches Durchhaltevermögen, indem sie, wo immer möglich, weiter arbeiten, weiter forschen, weiter heilen, weiter pflegen.

[22.04.2020] legitimieren, Vb.

⟨jmd. legitimiert jmdn.⟩ für legitim erklären

Eine Aschenputtel-Geschichte? Nicht ganz! Zwar stimmt das Setting: Aus dem armen Mädchen wurde die Gefährtin des Königs – der Weg dahin aber war weniger märchenhaft. Ihre außergewöhnliche Schönheit verschaffte der Pariser Kurtisane Jeanne Bécu die Aufmerksamkeit auch bedeutender Höflinge, die sich über sie als Mittlerin Einfluss bei Hofe erhofften. Es gelang: König Ludwig XV. ließ sich bezaubern, ihre Geburtsurkunde wurde „geadelt“, sie selbst mit einem Grafen verheiratet und am 22. April 1769 offiziell als Comtesse du Barry (inoffiziell als Mätresse des Königs) am Hof eingeführt.

[21.04.2020] Kindergarten, der

Tagesstätte für die Betreuung und vorschulische Erziehung der Kinder

Ob „abseiling“, „schadenfreude“, „kaffeeklatsch“ – es gibt durchaus Germanismen, die im Englischen heimisch geworden sind. Mit in diese Reihe gehört auch das in Amerika populäre „kindergarten“. Dass es das Wort in die Neue Welt geschafft hat, haben die Amerikaner der gescheiterten Revolution von 1848 in Deutschland zu verdanken. Denn es war die Frau eines ausgewanderten Revolutionärs, Margarethe Meyer-Schurz, die 1856 in Watertown, Wisconsin, den ersten Kindergarten gründete – nach dem Konzept Friedrich Fröbels, zu dessen Geburtstag die Amerikaner am 21. April den National Kindergarten Day feiern.

[20.04.2020] Spiegelung, die

das Zurückwerfen, Reflektieren bzw. Zurückgeworfenwerden, Reflektiertwerden von Lichtstrahlen (und dadurch das Entstehen eines Abbildes von etw., jmdm. oder störender Reflexe); übertragen: das getreue Darstellen, das getreue (künstlerische) Wiedergeben von jmdm. oder etw.

„Den zwanzigsten Tagh Aprilij sach man zu Stockholm solche Zeichen am Himmel von siben bis ann negen Whr Vormittagh (...)“ – Das Gemälde „Vädersolstavlan“ von 1636, dessen mittlerweile verschollene Urfassung 1535, im Jahr des beschriebenen Ereignisses, entstanden sein muss, enthält nicht nur die älteste bekannte Abbildung Stockholms in Farbe, sondern auch die wahrscheinlich älteste realistische Darstellung einer gar nicht so seltenen himmlischen Haloerscheinung, der „Nebensonne“. Sie entsteht, wenn sich das Sonnenlicht in atmosphärischen Eiskristallen bricht.

[19.04.2020] Wirkung, die

von einer Ursache, einem Verursacher ausgehende Beeinflussung, hervorgebrachte Folgen, erzieltes Ergebnis

Es schien nur eine verschwindend geringe Dosis, die der beim Pharmakonzern Sandoz angestellte Chemiker Albert Hofmann in seinem legendären Selbstversuch am frühen Abend des 19. April 1943 einnahm. Doch die Wirkung des ursprünglich als Kreislaufmittel geplanten Lysergsäurediäthylamid (kurz LSD) setzte 40 min später mit einem Horrortrip ein. Daraufhin tat Hofmann das, was man eigentlich lassen sollte: Er fuhr mit dem Fahrrad nach Hause – 10 km durch eine fremdartige, kaleidoskopartige Welt, in der sich alles aufzulösen schien. Seine berühmte Fahrradfahrt wird in der Popkultur als Bicycle-Day begangen.

[18.04.2020] Karriere, die

(schnelle, erfolgreiche) Laufbahn, berufliches Vorwärtskommen

Plötzlich Kurfürst: Es war ein gewaltiger Karrieresprung für Friedrich VI. (1371–1440), den (finanziell etwas klammen) Burggrafen von Nürnberg, Herr über das kleine Fürstentum Ansbach. Mit diplomatischem Geschick und windigen Winkelzügen hatte er König Sigismund von Ungarn auf den deutschen Thron verholfen. Der zeigte sich erkenntlich und belehnte ihn am 18. April 1417 in Konstanz offiziell sowohl mit der Mark Brandenburg als auch der erblichen Kurwürde. Als Kurfürst Friedrich I. zählte er nun zu den Vornehmsten und Mächtigsten im Reich. Das Ereignis selbst gilt heute als Geburtsstunde des späteren Brandenburg-Preußens.

[17.04.2020] Handhygiene, die

das Reinhalten der Hände durch Waschen (oder Desinfizieren) zum Entfernen von Schmutz und Krankheitserregern

An skurrilen Gesundheitsratschlägen hat es in der Menschheitsgeschichte wohl nie gemangelt. So empfahl ein auf dem Lehrwerk „Regimen sanitatis Salernitanum“ beruhender Merkvers von 1559 das Händewaschen – mit einer seltsamen Begründung: Wasch dein händ / underlass es nicht / Du reinigst dich / und scherrpffst dein gsicht (= verbesserst deine Sehkraft). Hintergrund war ein missverstandener Talmudkommentar. Zwar wuschen sich Rabbiner vor dem Beten tatsächlich die Hände. Sie wollten so aber nur verhindern, dass die Augen mit Salz in Kontakt kamen, das sie zuvor zu sich genommen hatten.

[16.04.2020] Melone, die

runder, steifer Herrenhut

Scheidung der Eltern, Armut, Alkoholtod des Vaters, Wahnsinn der Mutter, Ende der Schulkarriere mit 13 – Charles Spencer „Charlie“ Chaplin, geboren heute vor 131 Jahren, lernte von klein auf, was es bedeutet, ganz unten zu sein. Jedoch zerbrach er nicht an den widrigen Umständen, stattdessen arbeitete er sich hoch, eroberte erst die Theaterbühne, dann die Leinwand. Er wurde zum ersten Weltstar des Stummfilmkinos und brillierte in seiner Paraderolle des ewigen „Tramps“ mit dem charakteristischen Hut.

[15.04.2020] belegen, Vb.

etw. durch ein (schriftliches) Zeugnis beweisen

„A writer of dictionaries, a harmless drudge ...“ (ein Wörterbüchschreiber; ein harmloser Arbeitsesel ...): Diese Definition zum Stichwort „Lexicographer“ (Lexikograph) im „Dictionary of the English Language“ klingt wie ein netter Scherz. Und doch gibt sie den Entstehungsprozess des einflussreichen, am 15. April 1755 in London erschienenen Werkes treffend wieder. In neun Jahren hatte Samuel Johnson eigenhändig ganze 42 773 wichtige englische Begriffe zusammengetragen, sie mit Angaben zu Rechtschreibung, Aussprache und Bedeutung versehen und erstmals auch literarische Zitate als Belege ergänzt.

[14.04.2020] Menschlichkeit, die

der Würde des Menschen entsprechendes Denken und Handeln; Beachtung moralischer Normen, Mindestnormen im Verhalten anderen Menschen gegenüber

Ein Kreuzritter, der eine Jüdin aus den Flammen rettet; ein Mönch, der die Machenschaften seines fanatischen Patriarchen durchkreuzt; ein Sultan, der einen Juden als moralische Autorität respektiert: Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ ist ein Entwurf für eine bessere Welt, in der Menschlichkeit und Toleranz über Glaubenseifer und Fanatismus triumphieren. Als es am 14. April 1783 im Döbbelinschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde, fiel es durch, heute gehört es zum Literaturkanon. Sein Anspruch an uns ist bis heute aktuell geblieben.

[13.04.2020] Ostern, das

ältestes christliches Fest, das die im Neuen Testament berichtete Auferstehung Christi feiert

Um die Etymologie des Wortes ‘Ostern’ wird nach wie vor gestritten: Diese Bezeichnung ist tatsächlich nur im Deutschen und Englischen (‘Easter’) nachgewiesen, anderswo in Europa wird der Name für das christliche Fest vom aramäischen ‘pas’cha’ bzw. dem hebräischen ‘Pessach’ abgeleitet. Für diese Abweichung gibt es mehrere Deutungsmodelle: Einige Linguisten weisen auf ein der germanischen Göttin Eostrae geweihtes vorchristliches Frühlingsfest hin, andere identifizieren in ‘Ostern’ ausschließlich eine Ableitung von ahd. ‘ā̌ustero’ (= Morgenröte), die Tageszeit, an der laut Neuem Testament das Grab Jesu leer aufgefunden wurde.

[12.04.2020] Neozoon, das

Zoologie: ursprünglich in einem bestimmten Gebiet nicht vorkommende Tierart, die meist durch Einfluss des Menschen in dieses Gebiet gelangt und dort ansässig wird

Wachset und mehret euch: Bisweilen scheint der Bibelspruch auch auf Tiere zu passen. Am 12. April 1934 setzte ein Oberförster am hessischen Edersee zwei nordamerikanische Waschbärpaare aus: Für Procyon lotor – unverwechselbar mit seiner Gaunermaske – war die Alte Welt offenbar ein echtes Paradies, der Bestand gedieh. Gegenwärtig räumt er als Kulturfolger des Menschen in Städten allerdings nicht nur Mülltonnen aus, sondern fällt auch als (Oster-)Eierdieb bisweilen unangenehm auf. Ob es sich beim Neozoon Waschbär um eine das ökologische Gleichgewicht störende „bioinvasive“ Art handelt, ist umstritten.

[11.04.2020] Passion, die

Religion: die Leidensgeschichte Christi von seiner Gefangennahme bis zum Kreuzestod und ihre künstlerische Darstellung

Er hatte sich verpflichtet, seine Kirchenmusik „nicht zu lang“ und „nicht opernhafftig“, sondern zur „Andacht aufmunternd“ zu gestalten. Und doch: zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer, eine Besetzung mit Solisten, zwei Chören und zwei Orchestern – Johann Sebastian Bach nahm es bei der Matthäuspassion nicht so genau mit diesen Vorgaben. Er wechselte stattdessen zwischen Dialog- und Handlungsmomenten sowie Erzählpassagen, ergänzte introspektive Choräle und band so die Gläubigen direkt ins Passionsgeschehen ein. Am 11. April 1727 wurde das Werk als Teil der Karfreitagsmesse in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt.

[10.04.2020] Karfreitag, der

Freitag vor Ostern; Tag, an dem der Kreuzigung Christi gedacht wird

Komposita verhalten sich oft wie Zeitkapseln, in denen manch untergegangenes Wort die Zeitläufte überdauert. Das gilt auch für Kar-Freitag. So bedeutete das Substantiv „kar“ im Mittelhochdeutschen ‚Trauer, Wehklage‘ und „karmen“, das zugehörige Verb, ‚trauern, klagen‘. Man findet es noch in frühneuzeitlichen Zeitungstexten wie dem Bericht über die Belagerung Bonns 1588: Am „19. Septembris haben die …[Spanier] gewaltich in die Stadt geschossen … Und ist ein grois geschrei und karmen gewest.“ Im Englischen existiert das Wort weiterhin: „care“ meint hier allerdings ‚Sorge‘, bzw. ‚(für etw., jmdn.) sorgen‘.

[09.04.2020] Fernweh, das

starke Sehnsucht nach der Ferne

Dass das Wort „Fernweh“ zwar fest im deutschen Wortschatz verankert, aber nicht im Grimm’schen Wörterbuch zu finden ist, hat seinen Grund: Diesen prägnanten, nahezu unübersetzbaren Begriff kannten die Brüder Grimm höchstwahrscheinlich noch nicht. Er wird ihrem Zeitgenossen, dem Fürsten von Pückler-Muskau, als Wortneuschöpfung zugeschrieben. Von ihm soll die Aussage stammen, er habe stets eher an Fern- als an Heimweh gelitten. Etabliert hat sich das Wort zunächst nur im Sprachgebrauch der Eliten, der Aufstieg des Massentourismus im 20. Jhd. verhalf ihm aber zu einer steilen Karriere.

[08.04.2020] Epidemiologie, die

Wissenschaft von der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien, zeittypischen Massenerkrankungen und Zivilisationsschäden

Es war eine einfache Maßnahme, aber sie rettete Tausenden das Leben. 1854 entfernte der Arzt John Snow (1813–1858) in der Londoner Broadstreet den Schwengel einer Wasserpumpe. Snow hatte über einen längeren Zeitraum die Fälle von Cholera auf einem Stadtplan festgehalten und erkannt, dass nicht etwa – wie man damals glaubte – verseuchte Luft, sondern das Trinkwasser jenes Brunnes die Ursache der Erkrankungen sein musste. Infolge der Sperrung des Brunnens sank die Zahl der Choleratoten drastisch. Seine räumliche Analyse von Krankheitsfällen gilt heute als Pionierleistung der Epidemiologie.

[07.04.2020] Pandemie, die

sich weit ausbreitende, ganze Landstriche, Länder oder Kontinente erfassende Infektionskrankheit; Epidemie großen Ausmaßes

Als am 7. April 1949 die Weltgesundheitsorganisation WHO als Sonderorganisation der noch jungen Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde, erklärte man die allgemeine Förderung der Gesundheit der Weltbevölkerung zu ihrem zentralen Ziel. Ihre seitdem bekanntesten Aktivitäten stehen im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. So koordiniert die WHO nicht nur im Augenblick die Bemühungen der Eindämmung der Pandemie durch das Coronavirus, sondern hat in der Vergangenheit durch Kampagnen gegen Pocken, Kinderlähmung und Masern unzählige Leben gerettet.

[06.04.2020] Unabhängigkeitsstreben, das

Streben eines Volkes nach staatlicher, politischer, ökonomischer Unabhängigkeit

Schottland und England: Beide Nationen verbindet eine komplizierte Geschichte, die bisweilen an die On-off-Beziehung eines zerstrittenen Paares erinnert. Immerhin war die schottische Unabhängigkeitsbewegung aber auch stets für romantische Dichtungen gut – und für markige Sprüche: „Denn solange auch nur einhundert von uns am Leben bleiben, wird man uns niemals, zu welchen Bedingungen auch immer, unter englische Herrschaft zwingen.“ Das verkündeten 51 schottische Adelige, heute vor 700 Jahren, in der berühmten „Declaration of Arbroath“. Sie gilt als erste Unabhängigkeitserklärung eines Landes.

[05.04.2020] Naturkatastrophe, die

durch Naturgewalten hervorgerufene Katastrophe

Am 5. April 1815 begann mit einer gewaltigen Explosion, gefolgt von einer Serie weiterer Eruptionen, der Ausbruch des Vulkans Tambora. Die Naturkatastrophe verursachte millionenfaches menschliches Leid, hatte Missernten und Hungersnöte zur Folge. Sie hinterließ aber auch kulturelle und politische Spuren: Die Gründung von Sparkassen für die Landbevölkerung, ein Aufschwung in der Agrarwissenschaft sind direkte Antworten auf die Krise. Und nicht zuletzt sorgten die Aerosole in der Atmosphäre für spektakuläre Sonnenuntergänge, die wir noch heute auf den Bildern von William Turner bewundern können.

[04.04.2020] Triage, die

Auswahl durch Sichtung und Prüfung, Einteilung, Kategorisierung von Patienten nach der Dringlichkeit und dem voraussichtlichen Erfolg der Behandlung

Wenn uns das Wort „Triage“ geballt in Medien und Presse begegnet, ist das meist kein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass, weil irgendwo auf der Welt medizinische Ressourcen knapp werden, Patienten in Gruppen vor- und nachrangig zu Behandelnder eingeteilt werden müssen. Ein großes ethisches Problem sowohl für die verantwortlichen Ärztinnen und Ärzte als auch für den Staat, der die entsprechenden Gesetze formuliert. Das Wort selbst, eine Substantivierung des Verbs „trier“ (sortieren, auslesen), wurde in den 1930ern vom französischen Sanitätsdienst geprägt.

[03.04.2020] Puzzle, das

Geduldsspiel, bei dem einzelne unregelmäßige Einzelteile zu einem Ganzen zusammengesetzt werden

Wer sich nicht gerade mit der Geschichte der Kartografie oder des Kupferstichs im England des 18. Jahrhunderts auskennt, dem wird der Name John Spilsbury vermutlich wenig sagen. Und doch ging eine Erfindung des Briten, der am 3. April 1769 starb, wahrscheinlich schon vielfach durch jedermanns Hände: Um Geografie wirklich „greifbar“ zu machen, zersägte Spilsbury, zum erneuten Zusammensetzen, eine auf einer Holzplatte aufgeklebte Weltkarte – damit war das „jigsaw puzzle“ geboren, das „Laubsägen“-Rätsel, das auch heute noch Jung und Alt zu stundenlanger Konzentration motiviert.

[02.04.2020] Heinzelmännchen, das

hilfreicher freundlicher Hausgeist in Gestalt eines Zwerges, der den Menschen heimlich ihre Arbeit erledigt

Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen betraten am 2. April 1963 erstmals die Bühnen der noch recht jungen Fernsehwelt, einen Tag nach Sendebeginn des ZDF, ihrer Heimat. Heimat in vielerlei Hinsicht: Nicht nur laufen, stolpern und springen die sechs winzigen Wesen nach wie vor als Werbetrenner täglich über die von Mainz aus bespielten Mattscheiben, auch ihren Namen verdanken sie der Sendestadt in Rheinland-Pfalz. Zuerst trugen nämlich die unermüdlichen Medienmacher, die wie Heinzelmännchen auf den Sendestart hinarbeiteten, diesen Spitznamen: die Mainzelmännchen.

[01.04.2020] Steinlaus, die

in ganz Deutschland verbreitete winzige Nagetiergattung, deren Unterarten sich von verschiedenen Sorten Gestein ernähren

Seit dem Einsetzen weltweiter Quarantänemaßnahmen nimmt sich die Natur wieder vermehrt ihren Raum. Vor allem in Großstädten kann dies gefährlich werden: Notgedrungen ausbleibende Fassadenschutzmaßnahmen führen vor allem an größeren Amtsgebäuden zu vermehrtem Steinlausbefall. Das vermutlich urgeschichtlich durch Meteoriteneinschlag eingeschleppte, in Fachkreisen „Petrophaga lorioti“ genannte Nagetier aus der Familie der Lapivora ernährt sich von verschiedenen Sorten Gestein und kann bei uneingeschränkter Vermehrung in kürzester Zeit Gebäudeeinstürze verursachen. Humor, so sagt man, sei auf Dauer das einzige Abwehrmittel.

[31.03.2020] Epizentrum, das

über dem Erdbebenherd liegendes Gebiet der Erdoberfläche; übertragen: Punkt, von dem etw. vorrangig ausgeht, an dem sich etw. sehr stark konzentriert

Das Wort Epizentrum erlebt gerade einen traurigen Aufstieg: nicht in seiner ursprünglichen, sondern in seiner übertragenen Bedeutung, konkret als Bezeichnung für die Regionen, von denen sich das Coronavirus derzeit massiv ausbreitet. Einige Seismologen und Geologen beanstanden zwar, dass dieser Wortgebrauch aus fachwissenschaftlicher Sicht inkorrekt ist. Dass sich eine Sprachgemeinschaft Fachausdrücke „aneignet“ und mit einer neuen Bedeutung versieht, ist allerdings eine Form des normalen Sprachwandels, der in bewegten Zeiten wie diesen schon mal Sprünge macht.

[30.03.2020] Nachtstück, das

Kunst: Gemälde, das eine nächtliche oder düstere Szene darstellt, in dem Licht und Schatten eine besondere Wirkung erzielen; Hell-Dunkel-Malerei

Nur selten lässt sich ein Knacks, ein dramatischer Bruch in einem Künstlerleben so klar datieren: 1792 erkrankte der bis dahin erfolgreiche spanische Hofmaler Francisco de Goya schwer und verlor mit Mitte vierzig sein Gehör. Er zog sich ins Private zurück und bemalte die Wände seines Hauses mit den „Schwarzen Gemälden“, düsteren albtraumhaften Visionen. In seinen Radierungen und Stichen beschäftigte er sich mit den Verheerungen des Krieges, den Schattenseiten der Gesellschaft und der menschlichen Seele. Heute vor 276 Jahren wurde die faszinierende Persönlichkeit geboren.

[29.03.2020] Autokino, das

Freiluftkino, in dem man mit dem Auto auf vorgesehenen Stellplätzen steht und von dort aus auf die Leinwand schaut

Die Idee des Autokinos ist ebenso genial wie verrückt – und entsprach ganz und gar den Bedürfnissen der Nachkriegs-Generation in den USA: ein Parkplatz ersetzte den Kinosaal, übliche weite Anfahrtswege spielten keine Rolle mehr, das eigene Auto bot Platz und (vor allem bei der Jugend sehr beliebte) Privatsphäre. Ein Autowarenhändler in Camden, New Jersey eröffnete vor knapp 90 Jahren das erste Autokino der Welt. Das dichter bewohnte, kriegsgebeutelte Europa zog erst später nach: Heute vor genau 60 Jahren flimmerte erstmals nördlich der Alpen, nahe Frankfurt, ein Film über eine Parkplatzleinwand.

[28.03.2020] Vogel, der

warmblütiges, eierlegendes, in der Regel flugfähiges Wirbeltier, dessen vordere Gliedmaßen als Flügel ausgebildet sind, dessen Körper mit Federn bedeckt ist und das einen Schnabel aus Horn hat

Alfred Hitchcocks Horrorfilm „Die Vögel“, der am 28. März 1963 in den US-amerikanischen Kinos anlief, zieht bis heute die Zuschauer in seinen Bann: Er gilt wegen des kühl kalkulierten Spannungsaufbaus seiner Handlung, die sich vom harmlosen Beginn zum düsteren Endzeitszenario steigert, wegen seiner gekonnten Mischung aus (seinerzeit) neuester Tricktechnik und bewährtem Illusionszauber, vor allem aber wegen der großen, niemals aufgelösten Frage, warum sich die Vögel in riesigen Schwärmen über die Bewohner eines malerischen Küstendorfes hermachen, als klassisches Meisterwerk des Horrorkinos.

[27.03.2020] Homeoffice, das

Arbeitsform, bei der ein Arbeitnehmer in der eigenen Wohnung (ausgestattet mit Computer und anderen Geräten) seine Arbeitsleistung erbringt; Arbeitsplatz in der eigenen Wohnung bzw. im eigenen Haus, der mit Computer und anderen für mobiles Arbeiten notwendigen Geräten ausgestattet ist

Was haben die Wörter Discounter, Showmaster und Homeoffice gemeinsam? Sie klingen wie englische Originale, es handelt sich aber um sogenannte Scheinanglizismen. „Discounter“ ist von engl. „discount“ abgeleitet, der „Showmaster“ tatsächlich eine Wortschöpfung des Entertainers Rudi Carrell. Das „Homeoffice“ existiert im Britischen („Home Office“) durchaus, aber vorrangig in völlig anderer Bedeutung: als Bezeichnung für das Innenministerium. Im Deutschen nannte man in den 1990ern zunächst nur das heimische Arbeitszimmer „Home-Office“, erst später auch die Arbeitsform als solche.

[26.03.2020] Guillotine, die

Fallbeil

Als der u. a. um die Pockenimpfung verdiente Arzt und Politiker Joseph-Ignace Guillotin am 26. März 1814 in Paris starb, war der Name des Fallbeils, mit dem seit 1792 im post-monarchistischen Frankreich hingerichtet wurde, fest mit dem seinen verbunden. Dabei hatte er es weder im Prinzip erfunden noch die konkrete Umsetzung zu verantworten. Er hatte sich lediglich dafür eingesetzt, dass das effektive Gerät die bisherigen brutalen Hinrichtungsmethoden – ungeachtet der gesellschaftlichen Stellung des Delinquenten oder der Art des Verbrechens – ersetzte. Seine Familie musste später ihren Namen ändern.

[25.03.2020] Knollennase, die

unförmig dicke Nase, deren Form einer Knolle ähnelt

Asterix und Obelix, die beiden ungleichen gallischen Freunde mit ihren charakteristischen Knollennasen, begannen vor gut 60 Jahren ihren Siegeszug. Das Erfolgsrezept ihrer Schöpfer René Goscinny und Albert Uderzo: Man mische eine historisch erstaunlich informiert dargestellte, aber doch vor allem fantastische Lebenswirklichkeit mit anachronistischen, wunderbar beißenden Seitenhieben auf die moderne Gesellschaft und würze großzügig mit menschlichen Schwächen. Heute danken große und kleine Comicleser vor allem dem Zeichner Uderzo, der gestern im Alter von 92 Jahren nahe Paris verstarb.

[24.03.2020] Kartoffel, die

krautiges Nachtschattengewächs mit unpaarig gefiederten Blättern und weißen oder violetten Blüten, dessen an unterirdischen Sprossen sich bildende stärkereiche Knollen ein wichtiges Nahrungsmittel sind

Die Engländer nannten sie in Verwechslung mit der Süßkartoffel „patata“ (später „potato“), die Italiener bezeichneten sie nach dem Erdtrüffel „tartufolo“, was ins Deutsche über „Tartuffel“ als „Kartoffel“ integriert wurde. Verbreiteter waren hierzulande allerdings „Erdapfel“ oder „Grundbirne“. Obschon ausgesprochen nahrhaft, setzte sich der Anbau der Kartoffelpflanze nur zögerlich durch, vielfach mussten Bauern per Erlass überzeugt werden: So empfahl der Alte Fritz, heute vor 264 Jahren, die „Tartoffeln als ein sehr nützliches und sowohl für Menschen als Vieh auf sehr vielfache Weise dienliches Erd-Gewächse“.

[23.03.2020] Liaison, die

Liebesverhältnis, Verbindung

Als der Briefroman „Les Liaisons Dangereuses“ am 23. März 1782 (zunächst anonym) erscheint, erlebt er sofort einen rasanten Erfolg: Innerhalb kürzester Zeit sind die ersten 2000 Exemplare verkauft, eine zweite Auflage wird sofort gedruckt. Zwar gilt der Roman heute als Meisterwerk, ein Bestseller waren die „Gefährlichen Liebschaften“ jedoch zunächst aus ganz anderen Gründen: Es geht darin um Aufstieg und Ende einer schamlosen Intrigantin und eines hedonistischen Verführers, um Affären und nicht zuletzt um den Verfall des französischen Adels an der Schwelle zur Revolution.

[22.03.2020] Geisterspiel, das

Sport, Jargon: Mannschaftsspiel, das unter Ausschluss der Öffentlichkeit, vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen wird

Das Deutsche liebt offenbar Geister: Ob geisterbleich oder Geisterfürst – das Grimm’sche Wörterbuch listet über 150 entsprechende Komposita. Doch während nach früherem Verständnis Geisterschlösser mit Gespenstern oder Geisterschiffe mit den Seelen Verdammter bevölkert waren, wurde der Ausdruck später auch auf menschenleere Orte übertragen, etwa auf von der Besatzung aufgegebene, herrenlos treibende Schiffe. Und spätestens seit Sportgerichte als Strafe und heute Ordnungsämter als Schutzmaßnahme das Spiel vor leeren Rängen verfügen, gibt es das Geisterspiel. Im Englischen heißt es prosaischer „behind closed doors“.

[21.03.2020] Turteltaube, die

im nördlichen Afrika und in weiten Teilen Europas verbreitete kleine, schlanke, klangvoll gurrende Wildtaube mit zum Teil rötlichem und rostbraunem Gefieder und blaugrauem Rücken

„Denn siehe, der Winter ist vergangen, (...) der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande.“ (Hohelied 2.12) Die Streptopelia turtur, so ihr wissenschaftlicher Name, gilt wahrscheinlich wegen ihres sehnsuchtsvollen Gurrens, der starken Paarbindungen, die sie knüpft, und wegen jener (in dieser Verwendung ersten?) sinnbildlichen Erwähnung im biblischen Hohelied Salomos als Symbol für Frieden, Treue und unerschütterliche Liebe. In Deutschland gehört sie mittlerweile zu den bedrohten Arten – unter anderem deshalb wurde sie zum Vogel des Jahres 2020 gewählt.

[20.03.2020] Krimskrams, der

Kram, Plunder, wertloses Zeug

Krimskrams, Schnickschnack, Kuddelmuddel, Klimbim … Ein ganz bestimmtes Wortbildungsprinzip hat im Deutschen vor allem in der Umgangssprache Karriere gemacht: die Reduplikation. Silben, Wortteile oder Wörter werden, z. B. durch Vokalveränderung oder Reimung, variiert und wiederholt. Was als belanglose Wort- und Lautspielerei daherkommt, hat aber besonders in der gesprochenen Kommunikation durchaus eine Funktion: Reduplikationen können intensivieren, auffordernd wirken, einer Sache Aufmerksamkeit verschaffen (und das eine oder andere Lächeln provozieren).

[19.03.2020] türmen, Vb.

sich turmartig (übereinander) erheben, sich auftürmen, sich eilig entfernen, ausreißen

Ursprünglich war die „Sagrada Família“ vom spanischen Architekten Francisco de Paula del Villar als einfache dreischiffige Kirche geplant. Am 19. März 1882 wurde der Grundstein gelegt, doch bald ging das Projekt an einen seiner Schüler, den jungen Katalanen Antoni Gaudí. Dieser hatte ganz eigene Ideen, änderte die Baupläne und entwarf eine Kirche, wie es keine je gegeben hat: Eine grandiose Kathedrale im katalanischen Modernisme mit 18 Türmen, Schaufassaden, Licht- und Formspielen im Inneren: ein Meisterwerk, das jedoch erst 2026 – 144 Jahre nach Baubeginn – vollendet sein wird.

[18.03.2020] denkwürdig, Adj.

der Erinnerung wert, wichtig

Der 18. März ist für die deutsche Demokratiegeschichte gleich mit drei Ereignissen verbunden: 1793 rief der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent die Mainzer Republik aus und erklärte „allen Zusammenhang mit dem deutschen Kaiser und Reiche für aufgehoben“. 1848 kam es in Berlin zum Ausbruch der Barrikadenkämpfe, und noch im Dezember wurden in der Frankfurter Paulskirche die Grundrechte proklamiert. Und schließlich fanden 1990 nach dem Mauerfall die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR statt. Heute erinnert der Platz des 18. März vor dem Brandenburger Tor an das historische Datum.

[17.03.2020] Generalstreik, der

Form des Arbeitskampfs, bei dem branchenübergreifend ein Großteil der Arbeitnehmer die Arbeit niederlegt, um das wirtschaftliche Leben eines Landes zum Erliegen zu bringen (oft zur Durchsetzung politischer Ziele)

Es war der größte Generalstreik der deutschen Geschichte und zugleich einer der erfolgreichsten. Am 13. März 1920 waren General von Lüttwitz und der ostpreußische Politiker Wolfgang Kapp an der Spitze einer Brigade Freikorpssoldaten unbehelligt ins Berliner Regierungsviertel eingedrungen. Ihr Ziel: der Sturz der jungen Weimarer Republik. Noch am selben Tag riefen Regierungsvertreter und Gewerkschaften zum Generalstreik auf und 12 Millionen Menschen legten die Arbeit nieder. Ob Gas-, Elektrizitätsversorgung, öffentlicher Nahverkehr – nichts ging mehr. Am 17. März gaben die Putschisten auf.

[16.03.2020] Exponentialfunktion, die

Funktion, in der die unabhängige Variable im Exponenten auftritt, in ihrer einfachsten Form f(x) = aˣ, typischerweise wird dabei die Entwicklung einer Messgröße über die Zeit abgebildet.

Manche wähnten sich ihr nach der Schule glücklich entronnen, doch derzeit ist sie allgegenwärtig: die Mathematik. Die Nachrichten wimmeln vor Balken, Diagrammen und Kurven – und eine macht gerade eine ungemütliche Karriere: die Exponentialfunktion. Ohne eingreifende Maßnahmen verläuft eine Pandemie, wie die durch das neuartige Coronavirus ausgelöste, gemäß dieser Funktion: Anfänglich geringe Infektionszahlen verdoppeln sich in festen Zeitabständen und steigen rasant an. Das Gesundheitssystem ist der großen Zahl Infizierter bald nicht mehr gewachsen. Der Appell an die Bevölkerung lautet daher, diese Entwicklung durch umsichtiges Verhalten zu verlangsamen.

[15.03.2020] Kleinverlag, der

Verlag mit meist geringer Wirtschaftskraft, der wenige Werke in geringer Auflagenzahl produziert

Über die Sinnhaftigkeit von Hamsterkäufen in deutschen Supermärkten lässt sich streiten, wovon man hingegen nie genug haben kann, sind Bücher. Die deutschsprachige Literaturszene ist genau dieser Ansicht: Nach Absage der Leipziger Buchmesse, die heute hätte enden sollen, rief sie den Hashtag #bücherhamstern ins Leben, unter dem Leseratten Büchertipps verbreiten können. So sollen vor allem kleine und unabhängige Verlage, die besonders von entsprechenden Umsatzausfällen betroffen sind, unterstützt werden. Im Falle einer bevorstehenden Quarantäne kann so jeder für seine Unterhaltung vorsorgen.

[14.03.2020] Hamsterkauf, der

(bei drohender oder befürchteter Verknappung oder Verteuerung bestimmter Waren des täglichen Bedarfs, besonders von Lebensmitteln, vorgenommener) Einkauf von (weit) über den unmittelbaren Bedarf hinausgehenden Mengen solcher Waren zur Schaffung eines Vorrats

Bis zu 90 kg Nahrung versteckt der Feldhamster in seinem Bau. Zwischen seinen Schneidezähnen und in seinen geräumigen Backentaschen trägt er beachtliche Mengen Samen und Pflanzenteile in seinen Unterschlupf. Sie sichern während der Frostmonate sein Überleben. Ein ähnliches Verhalten ist derzeit bei einer ganz anderen Spezies zu beobachten: Menschen strömen in Supermärkte und Drogerien, um sich mit Blick auf die aktuelle Corona-Pandemie auf eine mögliche Ausgangssperre vorzubereiten. Samen hamstern sie aber keine. Beliebte Hortgüter stattdessen: Dosenravioli und Toilettenpapier.

[13.03.2020] unbeachtet, Adj.

unscheinbar und von der Öffentlichkeit nicht beachtet, unbemerkt

Uranus, der siebte Planet in unserem Sonnensystem, ist wegen seiner im Vergleich zu Mars, Merkur und Co. geringen (scheinbaren) Helligkeit kaum mit bloßem Auge zu erkennen. Entsprechend wussten die Astronomen der Antike noch nichts von seiner Existenz und erste Fernrohrgucker hielten ihn für einen Fixstern. Dass der 14,5 Erdmassen schwere, fast 3 Milliarden km von der Sonne entfernte Eisriese tatsächlich ein Planet ist, entdeckte Wilhelm Herschel am 13. März 1781. Zwar hielt er Uranus im ersten Moment für einen Kometen, bald jedoch konnte er die Wissenschaft von seiner wahren Natur überzeugen.

[12.03.2020] Quarantäne, die

zeitweilige Absonderung und Beobachtung von Personen, Tieren, die im Verdacht stehen, dass sie Infektionskrankheiten einschleppen oder verbreiten könnten, Isolation

Die verheerende Pestepidemie im 14. Jh. hat ihre Spuren nicht nur im historischen Gedächtnis, sondern auch in den Sprachen Europas hinterlassen: Im verzweifelten Bemühen, die Seuche einzudämmen, verfügten Gesundheitskommissionen in Venedig und anderen Städten, dass sich Reisende, die aus Risikogebieten stammten, zunächst 30, später 40 Tage zur Beobachtung (auf Inseln oder Schiffen) abgesondert aufhalten mussten. Aus dem italienischen „quaranta giorni“ (40 Tage) entwickelte sich gesamteuropäisch das Wort Quarantäne (frz.: quarantaine, engl.: quarantine oder poln. kwarantanna).

[11.03.2020] a cappella, Adv.

ohne Begleitung

Heute feiert ein Musiker seinen 70. Geburtstag, den zugleich jeder und niemand kennt: Bobby McFerrin, ein hochbegabter Vokalkünstler, aber auch Komponist, Dirigent und Professor, dessen vielseitiges Talent in seinem Ohrwurm-Hit „Don’t worry, be happy“ nur minimal zur Geltung kommt. Immerhin praktiziert er auch da, was er wie kaum ein anderer kann: als Ein-Mann-Orchester die Bühne erobern. Oft jedoch wird spontan auch sein Publikum zum Instrument. Seine musikalische Früherziehung erhielt McFerrin übrigens als „blinder Passagier“ – unter dem Klavier des Gesang lehrenden Vaters.

[10.03.2020] entlegen, part. Adj.

abgelegen, weit entfernt von allem

Ihren heutigen Namen verdanken die pazifischen Galapagosinseln den charakteristischen Riesenschildkröten (spanisch galápago „Süßwasserschildkröte“). Als Spanier allerdings am 10. März 1535 eher zufällig auf die 13 großen und über 100 kleinen Eilande vulkanischen Ursprungs stießen, nannten sie sie zunächst Islas Encantadas, „verzauberte Inseln“, denn so weit draußen, 1000 Kilometer westlich von Ecuador, hatte niemand Land vermutet. Die Inseln beherbergen eine einmalige Tierwelt und stehen zum allergrößten Teil unter strengem Naturschutz.

[09.03.2020] Hanswurst, der

derb-komische Figur der deutschen Bühne um 1800

Sie steht für die Geburt des deutschen Schauspiels im 18. Jahrhundert schlechthin: Friederike Caroline Neuber (genannt Neuberin), ausgerissen mit 18, um Schauspielerin zu werden, wurde bald selbst Leiterin einer eigenen Theatertruppe. Den damals üblichen Stegreifkomödien mit derbem Witz und zotiger Sprache setzte sie gemeinsam mit Gottsched und später Lessing ein literarisches, bürgerliches Theater im Geist der Aufklärung entgegen. 1737 verbannte sie in einem symbolischen Akt die zentrale Figur im verhassten Possenspiel, den Hanswurst, von der Bühne. Der 9. März 1697 ist ihr Geburtstag.

[08.03.2020] Frauenbewegung, die

Bestrebung, (organisierter) Kampf einer größeren Anzahl von Frauen zur Durchsetzung ihrer Gleichberechtigung

In vielen Ländern der Welt ist der 8. März, der Frauentag, ein gesetzlicher Feiertag – seit 2019 auch in Berlin. Sein Ursprung liegt in der Frauenbewegung des frühen 20. Jhs. Seit den 1970er Jahren tritt auch die UN für die Idee eines Tages ein, an dem die Rechte und der Schutz von Mädchen und Frauen im Mittelpunkt stehen. Für 2020 trägt er das Motto „Ich bin die Generation Gleichstellung: Frauenrechte verwirklichen“ (I am Generation Equality: Realizing Women’s Rights), das an ein 25 Jahre altes UN-Ziel erinnert: Die Gleichstellung der Frau in allen Mitgliedsstaaten bis 2030 erwirken.

[07.03.2020] Versuchsballon, der

umgangssprachlich, übertragen: Handlung, Äußerung, durch die man die Stimmung, Meinung, Reaktion anderer erkunden, prüfen will

Ursprünglich war es nur ein raffinierter Stimmungstest mitten im Kalten Krieg. Mit dem „Klingenden Sonntagsrätsel“ wollte Hans Rosenthal, Unterhaltungschef des RIAS Berlin, herausfinden, wie viele Hörer der DDR dem als feindlich eingestuften West-Sender lauschten. Aus sechs launig präsentierten Musikstücken war ein Lösungswort zu erraten und einzuschicken. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Nach der Erstausstrahlung am 7. März 1965 ging waschkörbeweise Post ein, darunter Tausende Briefe aus dem Osten. Das „Sonntagsrätsel“ gibt es (im Deutschlandfunk Kultur) bis heute.

[06.03.2020] Synkope, die

Musik: rhythmische Verschiebung durch Bindung eines unbetonten Wertes an den folgenden betonten

Chicago ist nicht nur eine der weltweit stärksten Metropolregionen, sondern auch das musikalische Zentrum des Mittleren Westens, Ursprungsort des Chicago Jazz, Geburtsort vieler legendärer Klangkünstler (wie Nat King Cole oder Herbie Hancock) und Wirkungsort vieler der größten Jazzer aller Zeiten (Miles Davis, Ella Fitzgerald, Sonny Rollins u. v. m.). Zunächst aber startete die Stadt am Michigansee relativ klein (und noch „frei von Synkopen“): Bei ihrer Gründung im März 1837 lebten hier nur 6000 Menschen. Der Jazz kam erst mit der „Great Migration“ Anfang des 20. Jhs. aus dem Süden in die Stadt.

[05.03.2020] gewaltig, Adj.

mächtig, imponierend, riesig, sehr stark, sehr groß

Georg Friedrich Händel ist zweifelsohne einer der bedeutendsten Musiker der Geschichte. Sein gewaltiges Werk umfasst 42 Opern, 25 Oratorien und aberhundert weiterer Kompositionen. Dabei war er wohl ein Mann vieler Tonarten, dies lassen zumindest zahlreiche Anekdoten über ihn vermuten: So die über eine widerspenstige Sopranistin, die er vor Wut kopfüber aus dem Fenster hat hängen lassen, oder die über einen frechen Violinisten, den er mit einer Pauke bewarf. Zum Glück werden diese Geschichten heute, 335 Jahre nach seiner Geburt, vom Genie seiner Musik schallend übertönt.

[04.03.2020] verflüchtigen, Vb.

(sich verflüchtigen) umgangssprachlich, scherzhaft: heimlich, unbemerkt weggehen

Geboren am 4. März 1702, gehängt am 16. November 1724. Das kurze Leben des Jack Sheppard hätte anders verlaufen können. Fünf Jahre hatte er unbescholten als Lehrling gearbeitet, als er seine zweite, kaum zwei Jahre währende, dafür aber umso erstaunlichere Karriere als Kleinkrimineller begann. Er stahl, wurde gefasst, verurteilt und entkam doch immer wieder – feilte Gitterstäbe durch, seilte sich mit Bettlaken ab, öffnete Schlösser nach Belieben. Der Dieb avancierte zum Ausbrecherkönig und gefeierten Volkshelden. Als er hingerichtet wurde, sollen 200 000 Londoner auf den Beinen gewesen sein.

[03.03.2020] identifizieren, Vb.

etw., jmdn. erkennen, wiedererkennen, die Identität feststellen

Schubert, Nietzsche und Schopenhauer eint vor allem eines: Sie litten an Syphilis. Die sexuell übertragbare Krankheit, die Haut, Gelenke, Organe und schließlich das Gehirn ihrer bedauernswerten Opfer zerstört, hatte Ende des 15. Jhs. ihren verheerenden Seuchenzug angetreten. Erst am 3. März 1905 gelang Erich Hoffmann und Fritz Schaudinn an der Berliner Charité der Nachweis, dass ein schraubenzieherförmiges Bakterium (Treponema pallidum ssp. palladium) für das Leid verantwortlich war. Eine wirksame Therapie wurde viele Jahre später mit dem Penicillin möglich.

[02.03.2020] Klettermaxe, der

salopp, scherzhaft: lebhaftes Kind, das überall klettern will; Fassadenkletterer

Am 2. März 1933 wurde Kinogeschichte geschrieben: Mit „King Kong“ kam ein Abenteuer- bzw. Horrorfilm in die US-amerikanischen Kinos, der nicht nur das Genre und die Popkultur um ikonische Bilder bereicherte (unvergessen, wie King Kong auf dem Empire State Building gegen Flugzeuge kämpft), sondern auch im Hinblick auf den Einsatz von Filmmusik und Tricktechnik Maßstäbe setzte. In Deutschland war das aufwendig produzierte Drama erst Ende 1933 – nach einer Klage der Produktionsfirma – zu sehen, da die nationalsozialistischen Machthaber ihn als „Angriff auf die Nervenkraft“ verpönten.

[01.03.2020] Patentlösung, die

bestmögliche, glatte, für alle Gelegenheiten passende Lösung eines (schwierigen) Problems

Fabeln wirken zeitlos, weil Tiere als Protagonisten oft allgemeinmenschliche Schwächen widerspiegeln. Die Tiere in Manfred Kybers Märchen sind allerdings sehr modern: So lässt sich ein Krokodil beispielsweise sein Gebiss beim Wüstenpatent Komitee GmbH (Gesellschaft mit besonderer Hinterpfote) als Fleischhackmaschine patentieren – nur um dann zu verhungern, weil es stets die Urkunde in der Schnauze mit sich herumträgt. Während Kybers Märchen heute noch beliebt sind, ist er selbst, der sich für Anthroposophie und Tierschutz engagierte, eher unbekannt geblieben. Der 1. März 1880 ist sein Geburtstag.

[29.02.2020] Schalttag, der

Tag, der alle vier Jahre (als 29. Februar) zusätzlich zu den 365 Tagen eines normalen Jahres eingeschaltet wird, um so immer wieder die Differenz zwischen Kalenderjahr und Sonnenjahr auszugleichen

Wer an einem 29. Februar zur Welt gekommen ist, hat gleichzeitig ein bisschen Pech und ein bisschen Glück: Er kann seinen „wahren“ Geburtstag nur alle vier Jahre feiern, dafür ist das Datum ein echter Hingucker. Warum gibt es solche Schaltjahre überhaupt? Damit Kalenderjahr und tropisches Jahr dauerhaft übereinstimmen, wird jedem durch vier teilbaren Jahr ein Schalttag, ein 29. 2., hinzugefügt. Nur wenn das Jahr durch 100 (nicht aber durch 400) teilbar ist, dauert es die üblichen 365 Tage. Kompliziert, aber es funktioniert: Der Januar bleibt dadurch für immer im Winter, der Juli im Sommer.

[28.02.2020] Virus, das oder der

Biologie, Medizin: sehr kleines, aus Nukleinsäure als Träger der genetischen Information und einer umhüllenden Proteinkapsel bestehendes Element, das meist erst elektronenmikroskopisch sichtbar ist, über keinen eigenen Stoffwechsel verfügt, sich daher nur in lebenden Zellen vermehren kann und bei Lebewesen häufig Krankheiten erregt

Noch sucht die Forschung nach der Herkunft des neuen Coronavirus SARS-CoV-2, das Ende 2019 im chinesischen Wuhan entdeckt wurde und nun die Schlagzeilen beherrscht. Derzeit stehen sowohl das Malaiische Schuppentier als auch ein Vertreter der Hufeisennasen (aus der Ordnung der Fledertiere) als ursprünglicher Überträger im Verdacht. Forschung dieser Art kann die derzeitige Infektionswelle nicht mehr eindämmen, jedoch hilft sie dabei, vergleichbaren Epidemien in Zukunft besser vorzubeugen. Was wir alle für unsere Gesundheit tun können: Hände waschen, auf Hygiene achten, Nachrichten lesen.

[27.02.2020] einschmuggeln, Vb.

etw. Verbotenes heimlich (in ein Land) einführen

Heute vor 141 Jahren wurde als Ergebnis eines Laborunfalls ein weißes Pulver entdeckt. Dieser in Deutschland und fast ganz Europa bald verbotene Stoff war so begehrt, dass sich mafiöse Strukturen bildeten und er Anfang des 20. Jh. massenhaft aus der Schweiz eingeschmuggelt wurde – zum Teil in Heiligenfiguren. Um welche Droge ging es hier? Tatsächlich um keine – bei diesen wirtschaftskriminellen Machenschaften drehte sich alles um den leicht herstellbaren und dadurch preiswerten Süßstoff Saccharin, der eine Bedrohung für die heimische Zuckerrübenindustrie darstellte.

[26.02.2020] Marionette, die

an Fäden oder Drähten geführte Gliederpuppe, mit der im Puppentheater gespielt wird

Als Walter Oehmichen am 26. Februar 1948 sein nach dem Krieg wiederaufgebautes Marionettentheater als „Augsburger Puppenkiste“ eröffnete, hatte eben jene Box aus Holz sogar noch einen praktischen Zweck: Sie sollte den Marionetten als Bühne dienen und für den Transport sowohl der Puppen als auch des Bühnenbilds einsetzbar sein. Doch spätestens seit die Puppenspiele als phantasievolle Fernsehinszenierungen über die Bildschirme flimmern, ist das Behältnis viel mehr: ein echtes Markenzeichen.

[25.02.2020] schlagfertig, Adj.

jmd. ist schlagfertig = jmd. ist nie um eine treffende, oft witzige Antwort verlegen, weiß immer eine passende Antwort

Sprache ändert sich ständig. Bedeutete zum Beispiel „schlagfertig“ zunächst, wie die Bestandteile vermuten lassen, „bereit zum Losschlagen“, charakterisiert es heute viel friedfertigere Menschen, nämlich solche, die mit schnellem Witz und Wortgewandtheit beeindrucken. Im Falle von „schlagen“ haben sich in seiner Wortgeschichte Form und Inhalt recht stark aufgefächert: In „schlug“, „schlüge“, „Schläger“, „Schlacht“ und „Schlegel“ (letztlich gar „Geschlecht“) treffen wir in einer einzigen Wortsippe sowohl verschiedenste Bedeutungen als auch die Hälfte der im Deutschen genutzten Vokale an.

[24.02.2020] Demokratie, die

Regierungsform, in der (nominell bzw. im Idealfall) die Herrschaftsausübung (direkt durch Volksabstimmungen o. Ä. oder indirekt durch Wahlen) bei den formal gleichberechtigten Staatsbürgern liegt

Sonntag, 24. Februar 1793, 7:30 Uhr: In Mainz läuten die Glocken, jedoch nicht zum Gottesdienst, nicht zur Warnung. Vielmehr riefen sie – erstmals auf deutschem Boden – zu freien Wahlen für ein demokratisch verfasstes Parlament auf. Ein Wahlgang mit Schönheitsfehlern, kam er doch unter dem Druck Frankreichs zustande, dessen Revolutionstruppen Mainz besetzt hielten. Gleichwohl schickten auch 126 umliegende Gemeinden ihre Abgeordneten in den Konvent der Mainzer Republik. Preußische Truppen setzten dem demokratischen Frühling wenige Monate später ein gewaltsames Ende.

[23.02.2020] entlasten, Vb.

jmdm. einen Teil der Arbeit, Verantwortung abnehmen

Was heutzutage in vielen Haushalten täglich geschieht, fand noch bis ins letzte Jahrhundert hinein eher selten statt: das Wäschewaschen, ein sehr aufwendiger und strapaziöser Prozess. Wer es sich leisten konnte (und ausreichend Wäsche besaß), wusch daher nur einige Male im Jahr. Weniger solvente Leute schwitzten monatlich am Seifenzuber. Eine tatsächlich für den Haushalt taugliche Waschmaschine entwickelte und beschrieb der Theologe und Forscher Jacob Christian Schäffer bereits im Jahre 1766. Von ihr wurden immerhin um die 60 Stück hergestellt und verkauft.

[22.02.2020] durchwursteln, Vb.

sich mit unzulänglichen Mitteln durchhelfen

Der Legende nach war es der Fehlgriff eines Lehrlings – heute vor 163 Jahren –, der zum unaufhaltsamen Aufstieg der Weißwurst führte: Als dem Moser Sepp, Wirtsmetzger im Münchner Gasthaus „Zum Ewigen Licht“, bei der Herstellung bereits bestellter Bratwürste die Saitlinge ausgingen, schickte er seinen Schüler aus, um Nachschub zu besorgen. Unerfahren wie er war, brachte dieser aber zum Braten ungeeignete Schweinedärme. Der verzweifelte Wirt begab sich also auf ungewohntes Terrain: Er kochte die Würste, statt sie zu braten – und kreierte dabei die heute weltweit beliebte bayrische Spezialität.

[21.02.2020] Muttersprache, die

in der Kindheit meist im Kontakt mit den Eltern (und ohne besonderen Unterricht) erlernte Sprache

Egal, ob man sie Mutter-, Vater- oder Elternsprache oder trocken L1 nennt, jeder Mensch hat mindestens eine Erstsprache, die einen besonderen Platz in seiner Identität einnimmt. Die Muttersprache(n) nutzen zu dürfen ist verbrieftes Menschenrecht und nicht selten Ursache für Konflikte. Nicht von ungefähr war es die Erinnerung an die seinerzeit am 21. Februar 1952 blutig niedergeschlagenen Proteste gegen die Unterdrückung des Bengalischen im heutigen Bangladesch, die die UNESCO als Anlass nahm, seit dem Jahr 2000 jährlich den Internationalen Tag der Muttersprache zu begehen.

[20.02.2020] Krawatte, die

aus Stoff hergestelltes, etwa streifenförmiges, schmückendes Teil bes. der Herrenkleidung, das unter dem Hemdkragen um den Hals gelegt und vorne in der Weise zu einem Knoten gebunden wird, dass das breitere Ende länger herunterhängt

Manche Bräuche kehren immer wieder. Vor über 2000 Jahren feierten die alten Römer die Saturnalien mit heftigen Trinkgelagen, auf denen eine Art Karnevalsprinz (der Saturnalicus princeps) gewählt wurde, sich freie Bürger die Kappe der Sklaven aufsetzten und diese sogar zur Freude aller großzügig bedienten. Heute, zu Beginn der Straßenfastnacht, steht ebenfalls vieles Kopf: Närrinnen stürmen die Rathäuser, übernehmen die Regentschaft, machen sich über Krawattenträger her. Doch Vorsicht! Juristen kennen keinen Spaß: Wer das gute Stück ohne Einwilligung abschneidet, begeht Eigentumsverletzung.

[19.02.2020] Wetterprognose, die

oft auf einen längeren Zeitabschnitt bezogene Wettervoraussage

Im Winter 1854 tobte auf dem Schwarzen Meer nicht nur der Krimkrieg, sondern auch ein schwerer Sturm, der die Flotte der Franzosen komplett versenkte. Dieses Unglück brachte den Astronomen Urbain Le Verrier auf eine Idee: Er ließ sich per Telegramm Daten von Wetterstationen in ganz Europa zusenden, trug diese auf einer Karte ein und erkannte im Gesamtbild die Voraussagbarkeit von Windbewegungen. Man konnte also vor Stürmen warnen – am 19. Februar 1855 präsentierte er diese erstaunliche Erkenntnis in Form der ersten Prognose-Wetterkarte der wissenschaftlichen Öffentlichkeit.

[18.02.2020] Batterie, die

Stromquelle, deren erhöhte Leistung durch die Vereinigung mehrerer, gemeinsam wirkender Stromquellen erzielt wird

Wie kommt die Batterie zu ihrem Namen? Denn eigentlich, man denke an die Geschützbatterie (nach frz. „batterie“), ist der Ausdruck militärischen Ursprungs. Der Grund liegt im Bauprinzip der ersten Urbatterie, der Voltasäule. Für sie werden paarweise Kupfer- und Zinkscheiben, jeweils unterbrochen von einer Elektrolytschicht, aufeinandergesetzt. Ähnlich der erhöhten Kraft mehrerer Geschütze addiert sich auch die elektrische Spannung der in Reihe geschalteten Elemente – gleiches Prinzip, gleicher Name. Ihr Erfinder Alessandro Volta wurde heute vor 275 Jahren geboren.

[17.02.2020] Draisine, die

zweirädriges Fahrzeug, mit dem sich der darauf Sitzende, sich mit den Füßen abstoßend, fortbewegt (Vorläufer des Fahrrads)

Es war eine Verkehrsdiskussion, die seltsam vertraut vorkommt: 1817 beschwerten sich Bürger des Großherzogtums Baden über rücksichtslose Zeitgenossen, die auf neuartigen Gefährten die Gehwege unsicher machten. Die „Rüpel“ waren auf Laufrädern, den Draisinen, unterwegs, mit denen sie erstaunliche Geschwindigkeiten erreichten. Die Obrigkeit reagierte mit Verboten und würgte damit für 50 Jahre eine vielversprechende Entwicklung ab. Immerhin erhielt Freiherr von Drais am 12. Januar das badische und am 17. Februar 1818 sogar das französische Patent auf die Draisine.

[16.02.2020] Larifari, das

umgangssprachlich: Gerede, Geschwätz, Unsinn

Do, re, mi, fa, so, la, si, do – vermutlich aus dem 13. Jh. stammt dieses als Solmisation bezeichnete Verfahren der Benennung von Tonhöhen, die es vor allem Sängern gregorianischer Melodien erleichtern sollte, diese auswendig zu lernen. Die Silben wurden entsprechend der Melodietöne als sinnloser Text aneinandergereiht und gemeinsam mit der Tonfolge – quasi als Wort gewordene Notation – memoriert. Der deutsche Ausdruck „Larifari“, der daran anlehnend sinnloses Gerede benennt, ist eine schon im 18. Jh. gebräuchliche Bildung aus drei dieser Tonbezeichnungen: la, re und fa.

[15.02.2020] Regenwurm, der

im Boden lebender, Feuchtigkeit liebender Ringelwurm, dessen schlanker Körper deutlich in Segmente gegliedert ist

Heute ist der Internationale Tag des Regenwurms. Und kaum ein Tier hat eine solche Ehrung so verdient wie dieser unscheinbare Vertreter der Wenigborster. Regenwürmer, eigentlich eine ganze Familie mit hunderten Einzelarten, sind nämlich zentral für unser Ökosystem, da sie den Boden lockern, belüften und mit fruchtbarem Humus aus zersetztem Pflanzenmaterial anreichern. Die Würmer, von denen bis zu 2000 (!) Individuen auf einem Quadratmeter leben können, sind auch eine wertvolle Nahrungsquelle für Drosseln, Marder, Dachse, Froschlurche und vor allem Maulwürfe.

[14.02.2020] Valentinstag, der

als Tag der Liebenden geltender, in verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen Bräuchen begangener Tag (14. Februar), der in Deutschland vor allem mit Blumengeschenken, kleinen Präsenten, Kartengrüßen o. Ä. verbunden ist

Der Ursprung der weltlichen Valentins-Bräuche ist kaum zu fassen: Einige vermuten ihn im römischen Fest der Lupercalien, andere führen ihn – als Verbindung von Heiligen-Gedenken (Valentin von Rom/von Terni) und romantischer Liebe – auf spätmittelalterliche höfische Traditionen zurück. Spätestens seit der Moderne sind das Schreiben von Liebesbriefen und das Überreichen kleiner Geschenke in der englischen, später auch in der angloamerikanischen Kultur als Valentins-Rituale fest etabliert. Nach Deutschland kamen diese erst in der Nachkriegszeit, als Mitbringsel dort stationierter US-Soldaten.

[13.02.2020] Radio, das

Medium für die drahtlose Verbreitung von Informationen, Nachrichten, Musik o. Ä. mithilfe elektromagnetischer Wellen; Rundfunk‍(sender)

Als der erste Hörfunksender in Deutschland 1923 seinen (zunächst kümmerlichen) Betrieb aufnahm, war sich Rundfunkdirektor Hans Bredow der Potenziale des neuen Mediums wohl bewusst: „Jedes Land wird durch Radio zu einem großen Hörsaal, in dem jeder – arm und reich, jung und alt – das hören kann, was ihm Freude macht oder Vorteil bringt.“ Eine Vision, die Wirklichkeit wurde: Heute lauschen 80 % der Deutschen täglich über drei Stunden Radio oder interessanten Sendungen als Podcast. An diese positiven Aspekte möchte auch die UNESCO erinnern, die an jedem 13. Februar den Weltradiotag begeht.

[12.02.2020] Engel, der

im Judentum, Christentum und Islam: von Gott erschaffenes Geistwesen, das in Menschengestalt und mit Flügeln versehen als Bote zwischen Gott und den Menschen wirkt; übertragen: schöner, gütiger, angenehmer, lieber Mensch

Die Boten Gottes, hebräisch „male'ach“, griechisch „angelos“, lateinisch „angelus“, woraus sich das deutsche Wort „Engel“ ableitet, sind nicht nur in religiösen Gottesreichs- und Jenseitsvorstellungen, sondern auch in der Kunst allgegenwärtig: in der Malerei z. B. als geflügelte Kleinkinder (Raffael, Bouguereau) oder als junge, elegante Gestalten im langen Talar (Rembrandt, Holbein), in der Literatur, vor allem der modernen, in durchaus ambivalenter Form, z. B. in Rilkes Duineser Elegien oder bei Walter Benjamin als „Engel der Geschichte“.

[11.02.2020] Rücktritt, der

das Zurücktreten, die Amtsniederlegung, besonders von Mitgliedern einer Regierung; das Rückgängigmachen eines Rechtsgeschäfts o. Ä. und der daraus folgenden Verpflichtungen

Erneut bestimmt dieses Wort die Schlagzeilen: der „Rücktritt“, ein Ausdruck, der es nicht nur politisch in sich hat. Auch auf der Ebene der Wortbildung erzeugt er Spannung. Denn hier treten zwei Kompositionsglieder gegeneinander in Konkurrenz: Dem „zurück“ im Verb „zurück-treten“ steht das im 16. Jh. aufkommende, kürzere „rück-“ im Substantiv „Rück-tritt“ gegenüber (gleiches gilt für Paare, wie z. B. „zurückfahren“ und „Rückfahrt“). Beide Formen konnten sich im Gegenwartsdeutschen durchsetzen, sind aber in jeweils einer Wortart dominant.

[10.02.2020] Agentenaustausch, der

wechselseitige Übergabe von Personen, die als Agenten oder Agentinnen der jeweiligen Gegenseite (beschuldigt und) festgenommen bzw. in Haft gehalten wurden

Weltberühmte Brücken können imposant sein wie die Golden-Gate-Bridge oder schön wie die Seufzerbrücke. Die Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam ist weder das eine noch das andere, aber sie verkörpert ein Stück lebendiger Geschichte. Ursprünglich von Schinkel als Steinbrücke erbaut und nach ihrer Kriegszerstörung durch eine Stahlbrücke ersetzt, wurde sie im Kalten Krieg für eine sehr spezielle Art des Grenzverkehrs genutzt: den Agentenaustausch. Den Anfang machten am 10. Februar 1962 der sowjetische Spion Rudolf Iwanowitsch Abel und der abgeschossene U2-Pilot Francis Gary Powers.

[09.02.2020] Imperium, das

bildungssprachlich: riesiger Macht-, Herrschaftsbereich

9. Februar 1978: Das Kinospektakel „Krieg der Sterne“ läuft in Deutschland an und das mehrheitlich jugendliche Publikum erlebt eine überwältigende cineastische Achterbahnfahrt, in der Weltraumrebellen im aussichtslos scheinenden Kampf gegen ein dunkles Imperium durch eine wilde Handlung hetzen. Anders als in älteren Science-Fiction-Filmen mit ihrer funkelnden Disco-Ästhetik wirkte das von französischer Comic-Kunst inspirierte, von fremdartigen Wesen bevölkerte Universum mit seinen dreckigen Schauplätzen und betagten Raumschiffen verblüffend glaubwürdig. Bis heute hat das Weltraummärchen wenig von seiner Faszination verloren.

[08.02.2020] Erbse, die

artenreiche Gemüsepflanze aus der Familie der Schmetterlingsblütler mit paarigen, in Ranken auslaufenden Blättern, deren kugelförmige, in Schoten sitzende Samen als Nahrungsmittel verwendet werden

Tausende Erbsenpflanzen erblühten von 1856 bis 1863 im Klostergarten der Abtei in Brünn, doch nicht als Suppeneinlage, sondern als Versuchsobjekte: Der naturwissenschaftlich gebildete Abt Gregor Johann Mendel (1822–1884) stellte mit ihrer Hilfe dank sauberem Handwerk, methodischer Strenge und statistischer Betrachtung die noch heute gültigen Mendelschen Regeln über die Vererbung genetischer Merkmale auf. Am 8. Februar 1865 trug er seine Ergebnisse erstmals vor einem Publikum vor, den allgemeinen Durchbruch seiner Erkenntnisse erlebte er leider nicht mehr.

[07.02.2020] Grübchen, das

kleine Vertiefung in Wange, Kinn oder Ellbogen

„Als Schauspieler braucht man ganz schön viel Glück. Ich hatte solches Glück.“ Ein bescheidenes Statement, denn ohne harte Arbeit, kluges Networking, Mut und Durchhaltevermögen hätte es der Lumpensammlersohn mit dem berühmten Kinn-Grübchen weder an die Universität noch nach Hollywood geschafft. Mit 30 gab er dort sein Filmdebüt, zehn Jahre später brillierte er als Vincent Van Gogh und revoltierte 1960 als Sklave Spartacus gegen die Römer. Für sein legendäres Lebenswerk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Nun ist Kirk Douglas im Alter von 103 Jahren verstorben.

[06.02.2020] Ehe, die

gesetzlich geschlossene dauerhafte, eine Lebensgemeinschaft bildende Verbindung von zwei volljährigen Menschen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts

Das „Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstands und die Eheschließung“ vom 6. Februar 1875 war ein Eckstein bürgerlicher Gesetzgebung in Deutschland – ein Höhepunkt in der Jahrhunderte währenden Entflechtung von Staat und Kirche. War es zuvor der Pfarrer gewesen, der Ehen geschlossen, über Geburt, Heirat oder Tod Buch geführt hatte, so griff nun der Standesbeamte zur Feder und verehelichte Brautleute. Und es war der Staat, der Verheirateten eine Scheidung ermöglichte, die Kirche blieb außen vor, denn: „Eine geistliche Gerichtsbarkeit (…) findet [in Ehestreitigkeiten] nicht statt.“ (§ 76)

[05.02.2020] Lokomotive, die

fahrbare, an Schienen gebundene Kraftmaschine zum Ziehen von Personenwagen und Güterwagen

Es war das ambitionierteste Meisterwerk des Stummfilmstars Buster Keaton und zugleich die größte Enttäuschung: „Der General“, die Komödie um die gleichnamige Lokomotive, die im Amerikanischen Bürgerkrieg von feindlichen Agenten erbeutet und vom sympathisch-waghalsigen Helden zurückerobert wird. Dabei bot der Film eigentlich alles: groteske Slapstickszenen, wilde Verfolgungsjagden und die seinerzeit spektakulärste Szene – den Sturz einer echten Lok in den Abgrund. Beim Publikum stürzte der in Amerika erstmals am 5. Februar 1927 vorgeführte Streifen leider ebenfalls ab.

[04.02.2020] Vorbeugung, die

das vorausschauende Entgegenwirken, die rechtzeitige Vorsorge zur Verhütung von etw., besonders von Krankheiten, Prophylaxe

„I am and I will“ („Ich bin und ich werde“) ist das Motto zum heutigen Weltkrebstag, der jährlich am 4. Februar begangen wird und heute vor 20 Jahren von der Union for International Cancer Control (UICC) ausgerufen wurde. Dieses starke Bekenntnis steht für eine proaktive Haltung zu einer Krankheit, die zwangsläufig bei vielen Menschen Gefühle von Angst und Machtlosigkeit auslöst und mit der immer noch ein Stigma verbunden ist. Dabei kann, so Experten, der Einzelne viel dafür tun, dem Krebs die Stirn zu bieten: durch einen gesunden Lebensstil und durch regelmäßige Vorsorge.

[03.02.2020] Wiegenfest, das

gehoben: Geburtstag

Schon bei den Römern gab es so etwas wie Geburtstagsfeierlichkeiten, jedoch erhob man Stimme und Glas weniger zu Ehren des Individuums als zu Ehren schützender Geister. Halten konnten sich derartige Bräuche jedoch nicht: Judentum und frühes Christentum standen dem Feiern Einzelner außerhalb religiöser Rituale kritisch gegenüber (selbst der Geburt Christi wird erst seit dem 3./4. Jh. gedacht). Das Wiegenfest des weder göttlichen noch herrschenden Individuums etabliert sich erst in der Neuzeit und war bis ins 20. Jh. ein Privileg der Wohlhabenden. Allen Geburtstagskindern heute unsere besten Wünsche.

[02.02.2020] Naturgemälde, das

Werk der bildenden Kunst, der Musik o. Ä., das einen Ausschnitt der Natur, z. B. eine Landschaft, zum Gegenstand hat; umfassende Darstellung der Natur und ihrer Erscheinungen

1807 veröffentlichte Alexander von Humboldt seinen weltberühmten Kupferstich vom Chimborazo, eine elegante Verschmelzung aus wissenschaftlicher Tabelle und Illustration: Die idealisierende, anschauliche Darstellungstechnik ermöglichte es Humboldt, die Natur Südamerikas in ihrer Gesamtheit wiederzugeben, indem er die wechselweise aufeinander einwirkenden Größen (wie Höhe, Temperatur, Vegetationsart u. -dichte) in einen Bezug zum sinnlich Wahrnehmbaren setzte. Dieses moderne, ganzheitliche Naturverständnis findet seinen Ausdruck in einem Begriff, mit dem Humboldt nicht nur seine Zeichnung selbst, sondern einen zentralen Teil seiner Weltbeschreibung benannte: „Naturgemälde“. In diesem umfassenden Sinn ist „Naturgemälde“ auch Jahresthema und Gegenstand zahlreicher Veranstaltungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wie die heute stattfindende „Matinee – Natur nach Humboldt“ im Berliner Botanischen Garten.

[01.02.2020] Unschärferelation, die

Physik: Beziehung zwischen zwei physikalischen Größen, die sich darin auswirkt, dass sich gleichzeitig immer nur eine von beiden Größen genau bestimmen lässt

Von starkem Heuschnupfen geplagt begab sich der Physiker Werner Heisenberg 1925 auf ärztliche Anweisung nach Helgoland, wo ihm – fernab störender Pollen – ein Durchbruch in der Formulierung der Quantenmechanik gelang, in deren Zentrum die nach ihm benannte Unschärferelation steht. Sie besagt, dass zwei physikalische Größen, z. B. Ort und Impuls eines Teilchens, nicht gleichzeitig bestimmt werden können. Für diese Pionierarbeit, die die Physik des 20. Jahrhunderts revolutionierte, wurde ihm 1932, mit nur 31 Jahren, der Nobelpreis für Physik verliehen. Werner Heisenberg starb heute vor 44 Jahren.

[31.01.2020] Brexit, der

das Ausscheiden Großbritanniens aus der Staatengemeinschaft der Europäischen Union (EU)

Heute verlässt das Vereinigte Königreich offiziell die EU. Nachdem ursprünglich sein Beitritt zur Europäischen Staatengemeinschaft am 1. Januar 1973 in einem bindenden Referendum 1975 von 67 % der Wähler bestätigt wurde, genügten 2016 in einer nicht-bindenden Volksbefragung knapp 52 % der abgegebenen Stimmen, um den historischen Präzedenzfall eines EU-Austritts möglich zu machen.

[30.01.2020] Mädchenbildung, die

schulische Bildung von Mädchen und darauf gerichtete (besondere) Maßnahmen innerhalb des Bildungssystems

Am Vorabend des britischen Austritts aus der EU mag es angebracht sein, an eine Engländerin zu erinnern, die im Rahmen einer ganz anderen „Brexit“-Geschichte ihre Spuren in Deutschland hinterließ: Maria Ward (*1585), eine englische Adelige, hatte in der Heimat einen Frauenorden gegründet, musste aber, während der Katholikenverfolgung von Hinrichtung bedroht, das Land verlassen. Zuflucht fand sie schließlich in Bayern, wo sie die landesweit erste Bildungseinrichtung für Mädchen gründete. Zahlreiche Schulen tragen heute ihren Namen. Der 30. Januar 1645 ist ihr Todestag.

[29.01.2020] Kenotaph, das oder der

Scheingrab, Ehrenmal in Form eines leeren Grabmals

Vor elf Jahren blickten Archäologen erstmals in den steinernen Sarkophag im Magdeburger Dom, den man immer für ein Scheingrab gehalten hatte. Sie stießen wider Erwarten auf einen kleinen, u. a. mit Knochen und edlen Stoffen gefüllten Bleisarg, der, so die Inschrift, die Gebeine der Königin Edita, erste Gemahlin Ottos I., enthielt. Anthropologische Untersuchungen konnten dies bestätigten. Tatsächlich war jene Regentin südenglischen Ursprungs nach ihrem frühen Tod am 29. Januar 946 im Vorgängerbau des Doms beigesetzt worden. Dieser war aber im 13. Jh. komplett ausgebrannt.

[28.01.2020] Zukunft, die

Zeit, die kommen wird, Zeitraum nach dem gegenwärtigen Zeitpunkt

Neue Wörter in unserem Wortschatz zeigen wichtige technische und gesellschaftliche Trends auf, geben Aufschluss darüber, was die Menschen derzeit beschäftigt, was sie interessiert. Auch bei der Kür des Anglizismus des Jahres stehen solche „Trendsetter“ im Mittelpunkt. Ausgewählt wurde in diesem Jahr eine Wendung, die während der letzten Monate weltweit Karriere gemacht hat und wie kaum eine andere die Auseinandersetzung um eine lebenswerte Zukunft in einer intakten Umwelt widerspiegelt: „… for future“.

[27.01.2020] dramatisch, Adj.

(übertragen) spannend, konfliktreich, bewegt

Giuseppe Verdis Messa da Requiem gleicht mit ihren großen, erhabenen Melodien, den starken Rhythmen und dem ständigen Schwanken zwischen musikalischen Kontrasten eher einer Oper als einem geistlichen Werk. Vor allem im letzten Satz „Libera Me“, der alle Dramatik und Sensitivität des Gesamtwerks noch einmal konzentriert, zeigt sich dies ganz deutlich. Das “Verdi-Requiem” wurde zunächst zurückhaltend aufgenommen, gilt aber heute als eines der meistaufgeführten großen Chorwerke überhaupt. Erst ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung starb der Komponist selbst, am 27. Januar 1901.

[26.01.2020] trapsen, Vb.

(umgangssprachlich) schwer, mit einem lauten Geräusch auftreten

„Nachtigall, ick hör’ dir trapsen“, nicht nur Berlinern ist diese wunderbar überhebliche, Heimtücke vermutende Redewendung vertraut. Viele glauben, dass sie auf das Gedicht Frau Nachtigall aus einer der prominentesten Sammlungen deutscher Volkslieder („Des Knaben Wunderhorn“) zurückgeht und jenes frech verballhornt – eine nette Herleitung, die, egal ob Wahrheit oder Legende, zumindest die überaus glänzende Rezeptionsgeschichte jener von Clemens Brentano und Achim von Arnim (geb. heute vor 239 Jahren) herausgegebenen Liedersammlung widerspiegelt.

[25.01.2020] Canossagang, der

(gehoben) Gang zu jmdm., vor dem man sich demütigt

Der Canossagang Heinrichs IV., mit dem sich der im Investiturstreit exkommunizierte Salier vom Bann befreite und so Königskrone und Herrschaft rettete, wurde in der Geschichtsschreibung traditionell als nationale Demütigung begriffen. Dass der für Heinrich positive Ausgang das Resultat einer diplomatischen Meisterleistung war, wird dagegen meist vergessen. Im Zentrum stand Markgräfin Mathilde von Canossa, die als Verwandte Heinrichs und Vertraute Papst Gregors VII. für die Mittlerrolle geradezu prädestiniert war. Am 25. Januar 1077 trat Heinrich erstmals als barfüßiger Büßer vor die Burg Canossa.

[24.01.2020] Bierdose, die

für Bier verwendete Getränkedose

Auch wenn das erste bekannte annähernd dosenförmige Gefäß, das offenbar zur Lagerung einer bierähnlichen Flüssigkeit diente, sagenhafte 3400 Jahre alt ist, so ist die heute typische blecherne Aufbewahrung für den Gerstensaft doch deutlich jünger: Heute vor genau 85 Jahren ging in den USA die erste Bierdose (im Aussehen noch gänzlich einer Konserve gleichend) in den Handel, nachdem sie in den zwei Jahren zuvor kurz nach Aufhebung der Alkohol-Prohibition ausgiebig getestet worden war. In Deutschland musste man bis 1951 auf den beliebten Trunk in bruchsicherer Verpackung warten.

[23.01.2020] Schrei, der

von einem Menschen oder Tier ausgestoßener, unartikulierter, schriller Laut

Der Tod war häufiger Gast im Elternhaus des norwegischen Malers Edvard Munch – Mutter und Schwester starben jung. Eine Erfahrung, die er in seinem Bild „Tod im Krankenzimmer“ eindringlich verarbeitete. Auch sonst waren es die dunklen Gefühle wie Verzweiflung, Angst oder nackte Panik, denen Munch in seinen Werken, besonders aber in seinem berühmtesten Bild „Der Schrei“ nachspürte. Die Darstellung der schreienden Person, die sich in einen Hintergrund nervöser Pinselstriche einfügt, gilt manchem als Beginn des Expressionismus. Der Künstler selbst starb 80-jährig am 23. Januar 1944.

[22.01.2020] Charisma, das

besondere Ausstrahlung(skraft) eines Menschen

Ob Brontés Heathcliff, Dickens’ Steerforth oder Dumas’ Edmond Dantes, ob Batman, Severus Snape oder Dr. House, ein ganz bestimmter Typ Antiheld, der „Byronic Hero“, erobert seit dem frühen 19. Jh. – in vielen Variationen – die medialen Bühnen. Er ist begabt, intelligent, charismatisch, oft höchst egoistisch, ignoriert störende gesellschaftliche Dogmen und wird dadurch zum (dunklen) Außenseiter. Benannt ist der literarische Archetyp nach seinem Schöpfer, der sowohl seine Helden als auch sich selbst auf diese Weise inszenierte. Lord Byron kam am 22. Januar 1788 zur Welt.

[21.01.2020] Jogginghose, die

lange, für das (Lauf)‍training bestimmte Hose aus Baumwolle bzw. anderen Textilstoffen (als bequemes, lässig wirkendes Kleidungsstück häufig auch bei Freizeitaktivitäten, im Haus oder im Alltag getragen)

Die bauschig weite, lange Hose mit breitem Gummibund und/oder Schnürkordel ist ein in den 1970er Jahren zusammen mit der Jogging-Bewegung aufgekommenes modisches Relikt. Heute wird die Laufhose von den einen als legeres, gerne in der Öffentlichkeit getragenes Kleidungsstück geliebt, anderen gilt sie als Inbegriff der Nachlässigkeit. 2019 verweigerte eine Schule im Schwäbischen den Trägern von Jogginghosen sogar die Teilnahme am Unterricht. Ironischerweise fast genau 10 Jahre, nachdem Schüler in Österreich den 21. Januar als Internationalen Tag der Jogginghose ausgerufen hatten.

[20.01.2020] Fahrgeschäft, das

eine dem Vergnügen dienende Anlage, in der Personen durch eigene oder durch Motorkraft auf vorgegebenen Bahnen oder innerhalb bestimmter Abmessungen bewegt werden (z. B. Schiffsschaukel, Karussell, Riesenrad, Achterbahn, Autoscooter u. Ä.)

Oft ist es schwer, ein genaues Datum selbst für relativ moderne Erfindungen, wie z. B. die Achterbahn, zu bestimmen, da es meist irgendwelche Vorläufer gab. So vergnügte man sich schon im 17. Jh. in Russland auf künstlichen Rodel-Hügeln, weshalb die Achterbahn auf Französisch noch heute „Montagnes russes“ heißt. Das erste prototypische Fahrgeschäft jener Art, das Wagen auf Schienen für eine Hin- und Rückfahrt mit Gefälle hatte, ist jedoch eindeutig datierbar: Die „Gravity Pleasure Switch Back Railway“, 1884 eingeweiht, wurde heute vor 135 Jahren in den USA patentiert.

[19.01.2020] Bessemerbirne, die

großes birnenförmiges Gefäß zur Stahlherstellung nach dem Bessemerverfahren

Ihr Schlund spie Feuer, ihr Fauchen war die Begleitmusik der Industriellen Revolution, deren unersättlichen Hunger nach Stahl sie stillen konnte. Die Bessemerbirne, eine Erfindung des am 19. Januar 1813 geborenen Ingenieurs Henry Bessemer, ermöglichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Massenproduktion des begehrten Werkstoffs. Dabei wurde in den zylinderförmigen Körper von oben flüssiges Eisen gegossen. Durch von unten zugeleitete, oben als Flamme austretende Luft verbrannte der im Eisen enthaltenen Kohlenstoff, was die Temperatur auf die erforderliche Höhe trieb.

[18.01.2020] dick, Adj.

groß an Masse, Volumen; über die Maßen groß, gewichtig

Als Filmvorführer verdiente Oliver Hardy sein erstes Geld, doch die vielen Streifen, die er zeigte, ließen ihn von Größerem träumen. Sein Schauspieltalent blieb zunächst unerkannt, 1916 aber engagierte ihn die Vim Comedy Company für einige erfolgreiche Stumm-Kurzfilme, 10 Jahre später wurde er, gemeinsam mit seinem kleinen großen Co-Partner, dem Komiker Stan Laurel, als „Laurel and Hardy“ („Dick und Doof“) zu einem der ikonischsten Comedy-Duos der frühen Filmgeschichte. Am 18. Januar 1892 kam er in Georgia zur Welt.

[17.01.2020] Botanik, die

Teilgebiet der Biologie, das sich mit der Erforschung von Pflanzen, besonders ihrem Aufbau, Wachstum und Stoffwechsel befasst

Als Tübingen im Jahr 2001 seinen 500. Geburtstag (am 17. Januar) feierte, erglühte das halbe Städtchen in purpurrotem Glanz. Überall standen oder hingen Blumenkübel mit der bei Gartenfreunden so beliebten prächtig blühenden Fuchsie. So farbenfreudig ehrte man den Humanisten, Mediziner und Vater der Botanik, Leonhart Fuchs. Der Professor für Medizin und Rektor der Universität hatte sich in ganz Europa mit seinem „New Kreüterbuch“ einen Namen gemacht und gilt als der Begründer des botanischen Gartens. Dass die erst später entdeckte Blume nach ihm benannt worden sein soll, ist aber wohl Legende.

[16.01.2020] Prohibition, die

staatlich geltendes Verbot, alkoholische Getränke herzustellen, zu transportieren oder zu verkaufen (insbesondere in den Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933)

Alkohol: Seit vorgeschichtlicher Zeit ein ständiger Begleiter des Menschen und in vielen Kulturen und Ländern die Volksdroge Nummer eins. Wohl ebenso alt sind die obrigkeitlichen Versuche, dieser Versuchung Herr zu werden. Mit diesem Ansinnen vor Augen ratifizierte heute vor 100 Jahren der US-Präsident Woodrow Wilson (als Verfassungszusatz) das Gesetz zur Prohibition. Doch trotz massivem Polizeieinsatz sank der Konsum nur vorübergehend. Statt dessen florierte das organisierte Verbrechen. 1933 musste das „noble Experiment“ schließlich beendet werden.

[15.01.2020] Schneeflocke, die

aus mehreren winzigen, zusammenhaftenden Eiskristallen bestehende Flocke

„Keine zwei Schneeflocken sind identisch.“ – er musste es wissen, immerhin fertigte der Amerikaner Wilson „Snowflake“ Bentley in seinem Leben mehr als 5000 Fotografien dieser winterlichen Kunstwerke an. Nicht nur dies, die erste Aufnahme, die er am 15. Januar 1885 einer Kombination aus Kamera und Mikroskop entlockte, galt lange Zeit als die erste Sichtbarmachung einer einzelnen Schneeflocke und ihrer Struktur überhaupt. Erst in jüngster Zeit wurde dies revidiert. Die Premiere gelang einem findigen Forscher und Juristen aus Deutschland bereits sechs Jahre früher.

[14.01.2020] verhängnisvoll, Adj.

unheilvoll, folgenschwer, sehr gefährlich

„Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen.“ Dieses berühmte Vergil-Zitat markiert den Wendepunkt im Schicksal Trojas: Laokoons Warnung bleibt ungehört, die Gabe der Griechen, das Trojanische Pferd, wird angenommen, die „Geschichte“ nimmt ihren Lauf. Viele Jahrhunderte später, am 14. Januar 1506, stößt der Römer Felice de Fredis in seinem Weinberg auf Marmor: Dem Boden entlockt wird eine mehrteilige Figur, welche Athenes Bestrafung für Laokoon, den tödlichen Schlangenbiss, auf eindringliche Weise nacherzählt. Heute ist sie in den Vatikanischen Museen zu bewundern.

[13.01.2020] Stillleben, das

bildliche Darstellung unbewegter Gegenstände oder toter Tiere in künstlerischer Anordnung

In den Blumen- und Früchte-Stillleben der frühen Neuzeit symbolisierten Insekten als gefräßige Plagegeister meist Tod und Vergänglichkeit. Die 1647 geborene Maria Sibylla Merian sah als eine der ersten genauer hin: Ihre Aquarelle, die besonders den Lebenszyklus heimischer und tropischer Schmetterlinge abbildeten, stehen mit ihrer Synthese aus wissenschaftlicher Akribie und grafischer Ästhetik für das Staunen über das Wunder der Natur. Als Merian am 13. Januar 1717 starb, bemühte sich kein Geringerer als Peter der Große um ihren Nachlass – viele ihrer Werke hängen daher heute in St. Petersburg.

[12.01.2020] Ablenkungsmanöver, das

Versuch, die Aufmerksamkeit von einem unbedingt erfolgreich abzuschließenden Vorhaben oder einem geheim zu haltenden Sachverhalt abzuziehen

Die Anziehungskraft der Kriminalgeschichten Agatha Christies, davon zeugen nicht zuletzt die aktuellen TV- und Kinoadaptionen, ist bis heute ungebrochen – was neben dem beschaulich englischen Ambiente und den sympathischen Ermittlern wie Hercule Poirot und Miss Marple auch daran liegt, dass sich Detektiv(in) und Leser, bis der Mörder gefunden ist, stets durch einen raffiniert angelegten Irrgarten falscher Fährten und Ablenkungsmanöver durcharbeiten müssen. In ihren Krimis ist Mord an der Tagesordnung, sie selbst starb heute vor 44 Jahren friedlich im hohen Alter.

[11.01.2020] Stuntfrau, die

Frau, die in besonders gefährlichen oder hohes akrobatisches Können erfordernden Filmszenen als Ersatz für eine Schauspielerin eingesetzt wird

Ihren Bachelor absolvierte Betty Miles in Sprechkunde, sie gewann Preise im Debattieren, doch ihren ersten Karriereweg verdankt sie einer „Ausbildung“, die schon viel früher begann: Bereits im Kindesalter hatte sie auf der väterlichen Farm im Reiten brilliert; eine Fähigkeit, die letztendlich zu ihrem Durchbruch in Hollywood beitrug – als Darstellerin in Western und als Stuntfrau. In vielen Cowboy-Streifen der frühen 1940er, wie „Ridin' the Cherokee Trail“ und „The Return of Daniel Boone“, saß sie fest im Sattel. Heute vor 110 Jahren kam sie in Santa Monica, Kalifornien zur Welt.

[10.01.2020] Untergrund, der

unter der Erdoberfläche liegende Bodenschicht

London war Mitte des 19. Jahrhunderts bereits eine pulsierende, vom Verkehr geplagte Metropole. Besonders der Durchgangsverkehr von Reisenden, die per Kutsche zwischen den um die Innenstadt liegenden Kopfbahnhöfen wechseln mussten, führte regelmäßig zum Verkehrskollaps. Da eine Verbindung der Stationen durch oberirdische Trassen nicht möglich war, entschied man sich für den entgegengesetzten Weg: Am 10. Januar 1863 wurde die Metropolitan Railway zwischen den Stationen Paddington im Westen und Farringdon im Osten der City eröffnet: die erste U-Bahn-Linie der Welt.

[09.01.2020] Tarnung, die

Sache, die der Verhüllung oder Verschleierung dient (besonders bei ... dem Verwenden einer falschen Identität)

Als Journalist war Kurt Tucholsky so produktiv, dass er seine Urheberschaft tarnte, damit nicht auffiel, wie viele Texte der „Weltbühne“ tatsächlich von ihm stammten. So schrieben fünf fiktive Redakteure – Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger, Kaspar Hauser – für das Blatt, beackerten vom Kommentar bis zur Satire unterschiedliche Felder. Damit vermied Tucholsky es auch, in Schubladen gesteckt zu werden: „denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? dem Satiriker Ernst? (...) dem Städteschilderer lustige Verse?“ Am 9. Januar 1890 wurde der Publizist in Berlin geboren.

[08.01.2020] Taktstock, der

dünner, kurzer Stab, mit dem der Dirigent den Takt angibt

Sein Tod zählt zu den skurrilen Fußnoten der Musikgeschichte: Der Ausnahmemusiker Jean-Baptiste Lully war aufgrund seines halbseidenen Lebenswandels bei König Ludwig XIV. in Ungnade gefallen und ließ nun, um dessen Gunst wiederzuerlangen, am 8. Januar 1687 in seinem Namen sein großes Te Deum erklingen – auf eigene Kosten. Der Preis war weitaus höher als gedacht: Während des Konzerts verletzte er sich mit dem schweren Taktstock einen Zeh – die eigentlich leichte Verletzung entzündete sich schwer und der sich verstärkende Wundbrand führte wenige Wochen später zu Lullys vorzeitigem Ende.

[07.01.2020] Elektrotechnik, die

Physik, Technik: Ingenieurwissenschaft, die sich mit der technischen Anwendung der Elektrizitätslehre hinsichtlich der Gewinnung, Übertragung und Umformung elektrischer Energie sowie der Entwicklung und Nutzung von elektrischen Geräten und elektronischen Bauelementen befasst

Nikola Tesla, der serbisch-amerikanische Elektroingenieur und Physiker (* 1856), war eine der prägenden Gestalten in der Pionierzeit der Energietechnik im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der ebenso geniale wie exzentrische Erfinder erkannte früh die Vorteile des Wechselstroms in Energienetzen und setzte sich gemeinsam mit dem Unternehmer Westinghouse im sogenannten Stromkrieg gegen Edison durch, der den Gleichstrom favorisiert hatte. In seinen Visionen war Tesla seiner Zeit voraus, in der Geschäftswelt fand er sich dagegen eher schlecht zurecht. Er starb 1943, vermutlich am 7. Januar, verarmt in einem New Yorker Hotel.

[06.01.2020] Dreikönigstag, der

volkstümliche Bezeichnung für den katholischen Feiertag Epiphanie (6. Januar), an dem der Sichtbarwerdung Jesu als Gottheit unter anderem durch die Anbetung der drei, später zu Königen umgedeuteten Weisen gedacht wird

Der 6. Januar ist in Deutschland der Dreikönigstag, an dem den Μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν (griechisch, Mágoi apὸ anatolôn), den Magiern von Osten gedacht wird, die in der Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums dem Stern folgen, um dem gerade geborenen Christus kostbare Gaben zu bringen. Die „Weisen aus dem Morgenland“ sind in der Tat mysteriöse Figuren: Anzahl, genaue Herkunft, Namen und Alter sind nicht überliefert. Das königliche Trio Kaspar, Melchior und Balthasar, als welches noch heute die Sternsinger durch die Straßen ziehen, etablierte sich erst im 6. Jahrhundert.

[05.01.2020] Galgenhumor, der

Humor, bitteres Lachen bei misslichen Lebensumständen

„Vom Strick, der eine Elle lang ist / wird bald mein Hals erfahren, was mein Hintern wiegt.“ Scheinbar letzte Verse aus der Todeszelle – komponiert von einem Freigeist und Kriminellen, der der Nachwelt als einer der bedeutendsten französischen Dichter des Spätmittelalters in Erinnerung geblieben ist: François Villon. Am 5. Januar 1463 hob der oberste Gerichtshof in Paris sein Todesurteil auf, wegen seines schlechten Lebenswandels aber wurde er für 10 Jahre aus der Stadt verbannt. Dem Strick ist er zwar entronnen, dennoch scheint ein Spottgedicht vom Folgetag sein letztes Lebenszeichen zu sein.

[04.01.2020] Phänomen, das

seltenes, außergewöhnliches Vorkommnis; ungewöhnlicher, überragender Mensch

Leider waren dem jungen Giovanni Battista Pergolesi, der früh an Tuberkulose starb, nur sechs Lebensjahre vergönnt, in denen er sich als Komponist beweisen konnte. 30 bedeutende Werke schuf er, darunter 10 abendfüllende Opern und das meisterhafte „Stabat Mater“; in sich schon eine phänomenale Leistung – sein verklärender Nachruhm potenzierte seine Schöpferkraft aber noch um einiges: Postum wurden Pergolesi ganze 148 Werke zugeschrieben – eine Marketing-Masche seitens seiner Editoren, die die Mode schnell erkannten. Heute wäre der Italiener 310 Jahre alt geworden.

[03.01.2020] Rechtschreibung, die

nach bestimmten Regeln festgelegte Schreibung der Wörter, Orthographie

Für die Entwicklung der modernen deutschen Rechtschreibung war Konrad Duden wegweisend; sein Name ist zum Begriff geworden. Er hatte schon im neugegründeten Deutschen Reich mit seinen ab 1880 erscheinenden Wörterbüchern zu einem zunehmend einheitlichen und modernen Schreibgebrauch beigetragen, und als 1901 auf der II. Orthographischen Konferenz endlich auch offiziell ein verbindliches Regelwerk verabschiedet wurde, war wiederum er es, der die eher pauschal gehaltenen Normen in seinem „Orthographischen Wörterbuch“ und im sogenannten „Buchdruckerduden“ umsetzte. Geboren wurde Konrad Duden am 3. Januar 1829 in Lackhausen bei Wesel.

[02.01.2020] Kater, der

umgangssprachlich: unangenehme Nachwehen eines Rausches, Katzenjammer

Da sich selbst Tiere berauschen, dürften der Alkoholkonsum und dessen unangenehme Folgen die Menschheit schon seit ihren Anfängen begleiten. Zu den eher harmlosen Folgen des Suffs, wie sie sehr viele Menschen alle Jahre wieder zum Januarbeginn verspüren, gehören Kopfschmerzen und körperliche Beeinträchtigungen. Diese bezeichnen wir umgangssprachlich als Kater, und obwohl man ja vorher einen „Affen“ gehabt haben muss, hat diese Bezeichnung nichts mit dem Tier zu tun, sondern ist eine – (wieder einmal) studentische – Verballhornung von „Katarrh“.

[01.01.2020] vorsätzlich, Adj.

aufgrund eines Vorsatzes bewusst und willentlich, absichtlich

Es ist ein eigentümliches Paradox: Die Gefängnisse sind voll von Leuten, die vorsätzlich ein Verbrechen verübt haben. Dagegen leeren sich die Ertüchtigungsinstitute, vulgo: Muckibuden, in denen Hochmotivierte, ihrem Neujahrs-Vorsatz folgend, vorsätzlich Speck ab- oder Muskeln antrainieren wollen, schnell wieder. So stöhnte schon der Sprachwissenschaftler Friedrich Hermann Reinwald im 18. Jh.: „Was nützt dir forschender Verstand … / Eroberst du nicht kühn die Felsenwand / Die Wollen und Vollbringen trennet?“ Beim Erklimmen dieser Felsenwand wünschen wir Ihnen für das neue Jahr viel Erfolg.

[31.12.2019] Glückspfennig, der

Pfennig, der angeblich Glück bringen soll

Zu Silvester sind glückverheißende Symbole wie Kleeblatt oder Glücksschwein en vogue. Sogar der Glückspfennig hält sich trotz Währungsumstellung hartnäckig (ob als Anhänger, als Tattoo-Bild usw.). Für den „Glückscent“ will sich dagegen – so scheint es – niemand so richtig erwärmen. Abhilfe könnte aus Slowenien kommen: Hier wird kleinen Kindern bei der Taufe ein Ein-Cent-Stück geschenkt (auf der Rückseite ist ein Storch abgebildet), was übrigens dem eigentlichen Ursprung des Glückspfennigs nahekommt. Früher schenkte man Täuflingen eine Münze, die sie als Glücksbringer vor Bösem bewahren sollte.

[30.12.2019] verzetteln, Vb.

fachsprachlich etw. (für eine Kartei) auf einzelne Zettel schreiben

Was haben die Brüder Grimm und Theodor Fontane gemeinsam? Es ist die große Leidenschaft für den Zettelkasten. Die Grimms sammelten auf kleinen Zetteln Wortbelege – Puzzleteilchen für ihr Mammutprojekt „Deutsches Wörterbuch“. Für Fontane war der Zettelkasten ein Spiegel der Gesellschaft und des Weltgeschehens: Er sammelte, klebte, exzerpierte und verzettelte private und geschäftliche Annoncen, von der „Universal-Heil und Fußpflaster“-Reklame bis zur Schiffsunglücksmeldung auf dem Eriesee: Material, aus dem er seine Romane und Balladen spann. Heute vor 200 Jahren wurde der große Literat und Sammler geboren.

[29.12.2019] exkommunizieren, Vb.

jmdn. aus der Kirchengemeinschaft ausschließen

Mit seiner Ernennung zum Erzbischof von Canterbury kühlte das zunächst freundschaftliche Verhältnis zwischen Thomas Becket und Heinrich II., König von England, ab. Das Streitthema: Kirchenrecht vs. Herrschaftsrecht. Als Heinrich auch noch die Krönung des Thronfolgers in die Hände einfacher Bischöfe gab, ließ Thomas diese kurzerhand exkommunizieren. Der legendäre Ausruf Heinrichs „Will no one rid me of this turbulent priest?“ wurde als Todesurteil interpretiert: Am 29. Dezember 1170 drangen drei Ritter in die Kathedrale von Canterbury ein und ermordeten den Kirchenmann noch am Altar.

[28.12.2019] super-, Affix

<drückt eine Verstärkung des Grundwortes aus> überaus; extrem; das gewöhnliche, bisher höchste Maß überschreitend

Er schuf ein Universum der Super-lative: Stan Lee, der schon als 17-Jähriger im späteren Marvel-Verlag als Comiczeichner und -redakteur anheuerte, gilt als (Mit-)Schöpfer einer Großfamilie aus Comic-Superhelden mit Superkräften, zu denen Spiderman, Hulk, Thor, Dr. Strange, die X-Men und viele andere gehören. Zum bis heute andauernden Erfolg trug wohl auch bei, dass er in der Avengers-Serie die Protagonisten (nicht ohne unterhaltsamen „Familien“-Knatsch) miteinander interagieren ließ und dass er seine Figuren immer auch mit kleineren und größeren Schwächen versah. Der 28. Dezember 1922 ist sein Geburtstag.

[27.12.2019] Ellipse, die

geschlossene, ebene Kurve, bei der die Entfernungen sämtlicher Punkte von den beiden Brennpunkten stets eine konstante Summe haben, Kegelschnitt

Er war Mitbegründer der modernen Naturwissenschaft, zugleich war sein Werk tief in das religiöse Weltbild seiner Zeit eingebunden: Johannes Kepler, kaiserlicher Mathematiker und Schüler des Astronomen Tycho Brahe, etablierte einerseits Teleskope als nötiges Beobachtungsinstrument und zweifelte nicht an der wissenschaftlichen Richtigkeit des heliozentrischen Weltbilds, dem er endgültig zum Durchbruch verhalf. Andererseits schrieb er Horoskope und postulierte die Ellipsen, in denen die Planeten nach seinen Gesetzen um die Sonne kreisen, als göttliche Idee. Am 27. Dezember 1571 kam er in Weil der Stadt zur Welt.

[26.12.2019] Parodie, die

Verwendung von Teilen einer eigenen oder fremden Komposition für eine andere Komposition, Vertauschung von geistlichen u. weltlichen Texten u. Kompositionen

Noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts rümpfte mancher Kritiker die Nase vor der nicht vollständig originären Schöpfung des Weihnachtsoratoriums. Der Grund: Johann Sebastian Bach nutzte Passagen aus anderen seiner Werke, leicht abgewandelt oder mit anderem Text versehen – ein im Barock vollkommen übliches kompositorisches Verfahren. Nur mit dem seit dem 18. Jh. herrschenden Geniegedanken ließ sich das schwer vereinen. All dem zum Trotz: Heute ist das „WO“ eines der meistgespielten Bach’schen Werke. Am 26. Dezember 1734 wurde die zweite Kantate uraufgeführt.

[25.12.2019] Weihnachtsengel, der

Religion: Engel, der nach dem Lukasevangelium die Geburt Jesu verkündet; Engel aus buntem Papier, Stroh o. Ä., besonders als Schmuck des Weihnachtsbaums

Seine Worte zählen dieser Tage wohl mit zu den meistzitierten Bibelstellen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“. Dabei hat der Weihnachtsengel, der den verängstigten Hirten diese frohe Botschaft übermittelt, nur im Lukasevangelium (2,10) seinen bekannten und reichlich pompösen, von himmlischen Heerscharen begleiteten Auftritt. Die anderen Evangelien nennen ihn nicht. Aus dem Tableau der populären Weihnachtsfiguren ist er – ob als Rauschgoldengel, Baumschmuck oder als buchbarer Weihnachtsmannersatz – gleichwohl nicht wegzudenken.

[24.12.2019] bescheren, Vb.

jmdm. etw. schenken; jmdm. etw. am Weihnachtsabend schenken, besonders in der Familie

Etymologie beschert uns bisweilen überraschende Wege: Das schöne engl. Wort „to share“ ‚teilen‘ hatte ehemals im althochdeutschen „skerian“ (mittelhochdeutsch: „schern“) seine Entsprechung. Doch das Wort ging unter, überdauerte aber mit dem Präfix „be-“ und erhielt dabei eine neue Bedeutung: Wem etwas „be-schert“ wurde, der erhielt von Gott eine besondere Gabe zugeteilt. Seit dem 16. Jh. sind diese besonderen Gaben eher irdisch und man findet sie schön verpackt unter dem Weihnachtsbaum – unseren Leserinnen und Lesern wünschen wir ein schönes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr.

[23.12.2019] Sammlerleidenschaft, die

Leidenschaft, Begeisterung, mit der jmd. etw. (Kunstwerke, Briefmarken, Münzen o. Ä.) sammelt

Was macht man, wenn man als reiche Erbin in den wilden 20ern volljährig wird? Peggy Guggenheim jedenfalls ging nach Paris, wo sie das Partyleben und ihre Leidenschaft für die moderne Kunst und die Schöpfer hinter den Werken entdeckte. Sie begann damit, Bilder zu sammeln. Was damals vielfach abgelehnt, von den Nazis später als entartet geächtet wurde, war tatsächlich ein wahrer Schatz. Heute ist dieser in den Guggenheim-Museen in New York, Venedig und Bilbao zu bewundern. Vor genau 40 Jahren starb die große Mäzenin im Alter von 81 Jahren.

[22.12.2019] rezent, Adj.

im gegenwärtigen Zeitabschnitt der Erdgeschichte lebend, vorkommend, entstehend

Bis ins frühe 20. Jh. war man davon überzeugt, dass der Quastenflosser das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit vor 65 Mio. Jahren nicht überlebt hatte. Als die Kuratorin des südafrikanischen East London Museum Marjorie Courtenay-Latimer am 22. Dezember 1938 aber einen großen, interessant aussehenden Fisch für ihre Sammlung in Augenschein nahm, wurde diese Überzeugung positiv erschüttert: Das Tier wurde eindeutig als rezenter Vertreter der ausgestorbenen Gattung identifiziert. Ein seltenes Glück: Erst 15 Jahre später wurde bei den Komoren in Ostafrika ein zweites Exemplar entdeckt.

[21.12.2019] Päckchen, das

kleines Paket mit einem bestimmten Höchstgewicht (meist zwei Kilogramm) und einer bestimmten Maximalgröße, das durch einen Paketdienst befördert wird

Frühe Bescherung: Am 21. Dezember 1919 wurde seine Einführung von der Deutschen Reichspost angekündigt: Das Päckchen sollte als kleiner (und vor allem billigerer) Bruder des Pakets ab dem 1. Januar 1920 das Portfolio des Staatsunternehmens erweitern. Schnell wurde es ein beliebtes Mittel für kleinere Sendungen, das im Verlauf der Geschichte verschiedene Beförderungsarten, Größen und Tarife erlebte und seit 1929 als „petit paquet“ auch von der Weltpost anerkannt ist. Aus dem heutigen Zeitalter des Internetversands ist es nicht mehr wegzudenken.

[20.12.2019] nuklear, Adj.

den Atomkern betreffend; auf Kernenergie beruhend, die Kernenergie betreffend

Am 20. Dezember 1951 leuchteten im amerikanischen Idaho vier Glühlampen auf – auf den ersten Blick kein herausragendes Ereignis, immerhin war die Erfindung schon mehr als 100 Jahre alt. Revolutionär war aber, was sie zum Leuchten brachte: Zum ersten Mal in der Geschichte wurde elektrischer Strom aus Kernenergie erzeugt. Am ersten Tag nur eine winzige Menge, gerade genug für die vier Lampen, ab dem nächsten Tag aber konnte sich der Reaktor schon selbst mit Strom versorgen. Heute fließt Atomenergie weltweit durch die Stromnetze, jedoch wird mehr und mehr an nachhaltigeren Alternativen gearbeitet.

[19.12.2019] Triebwagen, der

Schienenfahrzeug mit eigenem Antrieb; Eisenbahnwagen mit eingebautem Elektromotor oder Dieselmotor, Führerstand und großer Nutzfläche zur Beförderung von Personen oder Gütern

Eisenbahnverrückte kennen ihn als „DR 877“, die staunende Öffentlichkeit lernte ihn als „Fliegender Hamburger“ kennen. Mit ihm begann – und das erschloss sich dem Zeitzeugen schon auf den ersten Blick – eine neue Ära. Es war kein monströses Dampfkraftwerk nötig, das als Lokomotive den Zug bewegte. Sein Antriebsaggregat (zunächst ein Dieselmotor) war in den Zug selbst integriert, aus dem Waggon wurde somit ein eleganter, stromlinienförmiger Triebwagen. Am 19. Dezember 1932 absolvierte DR 877 seine erste Probefahrt. Für die Strecke von Berlin bis Hamburg benötigte er 140 Minuten.

[18.12.2019] Komposition, die

der nach bestimmten Formgesetzen erfolgte Aufbau, die Gestaltung eines Kunstwerkes

Die Mutter Sängerin, der Vater Musiklehrer: keine Frage, dass auch der hochmusikalische Sohn das Metier der Eltern ergreifen sollte. Doch Paul Klee widersetzte sich und wurde als Maler, Kunsttheoretiker und Bauhauslehrer zu einem der ganz Großen der Moderne. Und doch war die Musik nie weit weg. Sein untrüglicher Sinn für Komposition, für das Zusammenspiel von Farben und Formen und Linien verleihen seinen abstrakten Bildern eine faszinierende Harmonie. Und so zählt er beim Publikum heute zu einem der beliebtesten Künstler. Am 18. Dezember, vor genau 140 Jahren, wurde er geboren.

[17.12.2019] übersetzen, Vb.

einen Text schriftlich oder mündlich in eine andere Sprache übertragen; etw. umgestalten, übertragen

Als Frau unter Männern in der Gelehrtenwelt des frühen 18. Jh. erlebte die Mathematikerin, Physikerin und Philosophin Émilie du Châtelet die Ungleichheit der (vor allem intellektuellen) Karrieremöglichkeiten am eigenen Leibe. Entsprechend sprach sie sich offen für gleiche Menschenrechte aus. Die Anerkennung der Nachwelt erlangte sie vor allem durch ihre bemerkenswerte Publikationsleistung: Sie fertigte die erste Übersetzung von Newtons „Principia“ ins Französische an – diese gilt heute noch als Standard. Am 17. Dezember 1706 kam sie in Paris zur Welt.

[16.12.2019] Sinfonie, die

großes, meist aus vier Sätzen bestehendes Musikwerk für Orchester, dessen erster Satz gewöhnlich Sonatenform hat

1892 wurde erstmals das Nordlicht fotografiert, eine berühmte Cola-Company gegründet und ein weltberühmter tschechischer Komponist zum Direktor des National Conservatory of Music of America berufen. Antonín Dvořák folgte dem Ruf, er blieb aber nur für drei Jahre – sehr fruchtbare Jahre, denn in dieser Zeit komponierte er unter anderem, inspiriert vom musikalischen Erbe des Kontinents, seine 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, die heute eine der meistgespielten weltweit ist und sogar Neil Armstrong auf den Mond begleitet hat. Am 16. Dezember 1893 wurde sie in New York uraufgeführt.

[15.12.2019] Marshallplan, der

Wiederaufbauhilfe der USA für einige, vor allem westeuropäische Volkswirtschaften nach dem Zweiten Weltkrieg

Unter den Trägern des Friedensnobelpreises gibt es nicht viele Militärs. Er hat ihn sich gleichwohl verdient: George C. Marshall, hoch dekorierter Fünf-Sterne-General der amerikanischen Streitkräfte, initiierte nach dem 2. Weltkrieg den nach ihm benannten Marshallplan, der als Wiederaufbauhilfe den Hunger im zerstörten Nachkriegseuropa beenden und der Wirtschaft auf die Beine helfen sollte. Empfänger war auch die Bundesrepublik Deutschland. Sie trat heute vor 70 Jahren dem Plan bei. Die Ostblockstaaten hatten eine Teilnahme abgelehnt.

[14.12.2019] Aderlass, der

Medizin: Entnahme einer größeren Menge von Blut

Was im 18. Jh. noch als Therapie galt, würde heute als schwere Körperverletzung mit Todesfolge geahndet – eine solche Heilmethode wurde auch dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, George Washington, zuteil. Als er 1799 an einer schweren Kehlkopfentzündung erkrankte, griffen seine Ärzte zu den damaligen Mitteln der Wahl: Abführmittel und Aderlass (insgesamt wohl die Hälfte seines Blutes), eine Rosskur, die heute vor 220 Jahren zum Exitus des prominenten Patienten führte. Dessen zeitlebens geäußerte Befürchtung, lebendig begraben zu werden, erwies sich als unbegründet – die Ärzte hatten ganze Arbeit geleistet.

[13.12.2019] Meistertitel, der

durch eine entsprechende Ausbildung und Prüfung erworbener Titel in einem bestimmten Handwerk

1810, in der Zeit der preußischen Reformen, wurden nicht nur die Zünfte abgeschafft. Auf dem Müllhaufen der Geschichte landete auch der mittelalterliche Berufsstand des Meisters. Ungeklärt blieb allerdings die Frage nach der Qualitätssicherung. Und so führte der Deutsche Reichstag 1897 den Meistertitel für die Handwerksberufe mitsamt einer Ausbildungsregelung wieder ein. Unumstritten war er gleichwohl nicht. Und so löste man 2004 den Meisterzwang für 53 Berufe – eine Entscheidung, die aktuell erneut auf dem Prüfstand steht.

[12.12.2019] anstößig, Adj.

Ärgernis erregend, unschicklich

Fünf Jahre schrieb Gustave Flaubert an seinem Roman um Emma Bovary, die ambitiöse junge Landarztgattin, die ob ihres eintönigen Alltags in Apathie versinkt, Affären beginnt, die Familie in den finanziellen Ruin treibt und sich am Ende mit Arsen vergiftet. Gleich nach der Veröffentlichung wurde der Roman wegen „fehlender Moral und Sittenlosigkeit“ von der Zensurbehörde angegangen – zum Glück erfolglos. Erfolg wurde stattdessen dem Autor zuteil: Die erste gedruckte Ausgabe von „Madame Bovary“ war schnell ein großer Verkaufsschlager. Heute vor 198 Jahren kam Flaubert zur Welt.

[11.12.2019] Humbug, der

Unsinn; Schwindel, Aufschneiderei

Für den spröden Geizhals und Misanthropen Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte war all das Brimborium um den winterlichen Festtag schlichter „humbug“ (ausgesprochen: hʌmbʌg). Dieser britische Slangausdruck, der sich auch hierzulande großer Beliebtheit erfreut, ist – das zeigt unsere vom Englischen abweichende Aussprache – schon seit dem 19. Jh. im Deutschen geläufig. Er findet sich bei Droste-Hülshoff und Fontane ebenso wie bei Karl Marx oder im Wörterbuch von Daniel Sanders. Der genaue Ursprung des lautmalerischen Ausdrucks ist leider unbekannt.

[10.12.2019] Schicksal, das

Gesamtheit dessen, was dem Menschen unabhängig von seinem Willen (durch naturgegebene Umstände, durch den Ablauf der Ereignisse) widerfährt und sein Leben entscheidend beeinflusst, Lebensweg

Nelly Sachs gilt als eine der wenigen, die es geschafft haben, „das jüdische Schicksal in Worte zu fassen“, so die Kritiker der Nachkriegszeit. Mit ihrer herben, sehr direkten und doch einfühlsamen Sprache erfasste sie das Unsagbare wie keine andere. Sie selbst entkam dem Holocaust nur knapp: Ihre Deportationspapiere waren schon unterschrieben, als sie mit ihrer Mutter 1940 die Flucht nach Schweden ergriff. Für ihr umfangreiches lyrisches und dramatisches Werk erhielt sie später zahlreiche Anerkennungen, unter anderem am 10. Dezember 1966, ihrem 75. Geburtstag, den Literaturnobelpreis.

[09.12.2019] Basketball, der

meist in der Halle betriebenes Ballspiel, bei dem zwei Mannschaften nach bestimmten Regeln versuchen, einen Ball mit der Hand in den jeweils gegnerischen, in 3,05 Meter Höhe angebrachten Korb zu befördern

Dieser sehr schnelle, unberechenbare und höchst erfolgreiche Sport ist noch gar nicht so alt: Im Dezember 1891 erhielt der kanadische Arzt James Naismith vom Direktor für Leibeserziehung an einer Schule in Massachusetts den Auftrag, einen neuen Hallensport zu erfinden – mit möglichst wenig Körperkontakt, man wollte Prügeleien vermeiden. An beiden Enden der Sporthalle ließ Naismith Pfirsichkörbe anbringen, er setzte 13 Regeln fest und das erste Match konnte noch im gleichen Monat beginnen. Es endete 1:0, der Student William Chase legte den ersten Korb in der Geschichte des Basketballs.

[08.12.2019] Aberwitz, der

Unsinn, Unsinnigkeit, Irrsinn

„If ye break faith with us who die / We shall not sleep“ („Brecht Ihr uns Sterbenden den Bund / So werden nie wir schlafen“) – Worte der Verzweiflung aus dem Munde eines lyrischen Ichs, das für eine ganze Generation junger Soldaten am Anfang eines langen, aberwitzigen Kriegs steht. Der kanadische Arzt und Lieutenant Colonel John McCrae bettete diese Verse 1915, ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs und einen Tag nach dem Tod eines befreundeten Kameraden, in sein berühmtes Gedicht „In Flanders Fields“ ein. Es wurde am 8. Dezember desselben Jahres erstmals veröffentlicht.

[07.12.2019] beschaulich, Adj.

in Betrachtungen versunken, nach innen gekehrt, geruhsam

Zu den humoristischen Kleinodien, mit denen Loriot den Weihnachtsrummel aufs Korn nahm, gehört natürlich das Gedicht „Advent“: Was nach Reimform, Versmaß und einigen Motiven (Tannenwipfel, Häschen mit Schnuppernasen) wie ein beschauliches Weihnachtspoem daherkommt, gehört inhaltlich eher dem Genre der Splatter-Lyrik an, ermordet und zerlegt doch die Försterin ihren Gatten, weil der ihr bei „des Heimes Pflege“ im Wege steht. Veröffentlicht wurde es erstmals am 7. Dezember 1969, rief (wie zu erwarten) Proteste hervor und gehört heute gleichwohl zum Kanon weihnachtlicher Gemütlichkeit.

[06.12.2019] Nikolaustag, der

mit landschaftlich verschiedenen Volksbräuchen verbundener Gedenktag (6. Dezember) für die Gestalt des heiligen Nikolaus, der im Christentum vor allem als Überbringer von Geschenken für die Kinder gilt

Er ist der wohl bekannteste unbekannte Heilige überhaupt: Von Nikolaus von Myra weiß man im Grunde nur, dass er irgendwann im letzten Drittel des 3. Jhs. geboren wurde und als Bischof in Myra wirkte. Die fehlenden Fakten werden aber durch einen Strauß sympathischer Legenden aufgewogen, in denen Nikolaus Menschen aus höchster Not rettet oder anonym Geschenke verteilt (daher auch der Nikolausbrauch). So wurde er der Patron der Schüler und Schiffer, der Drescher und Diebe – ironischerweise auch der Juristen. Gestorben ist er angeblich an einem 6. Dezember, irgendwann um 350.

[05.12.2019] Erbsensuppe, die

Suppe aus getrockneten (seltener frischen oder tiefgekühlten) Erbsen, die typischerweise mit Suppengemüse, Kartoffeln, Gemüsebrühe, Bauchspeck und Würstchen gekocht (und in einigen Varianten püriert) werden

„Pea soup“ nannten die Londoner das Phänomen: Wenn der Smog nicht richtig abzog, lag er als dicke Brühe in den Straßen. Am 5. Dezember 1952 aber wurde die „Erbsensuppe“ zur ernsten Gefahr. Der Nachkriegswohlstand hatte für noch nie dagewesene Abgasmengen gesorgt. Der Smog sammelte sich nun, aufgrund einer Inversionswetterlage, unter einem Deckel aus Warmluft. Wer zu Fuß unterwegs war, konnte die Hand vor Augen nicht mehr sehen – und atmete pures Gift, vier Tage lang. Die Bilanz: viele tausend Kranke und Tote. Wenige Jahre später wurde ein längst überfälliger Clean-Air-Act verabschiedet.

[04.12.2019] Symbolismus, der

von Frankreich ausgehende und sich über Europa ausbreitende Kunstrichtung im 19. und 20. Jahrhundert, deren Vertreter den künstlerischen Inhalt ihrer Werke in Symbolen wiederzugeben suchten

In seinen Gedichten läuft hier ein Blick unruhig wie ein Hund voraus, schließt sich dort der Vorhang einer Pupille vor der Außenwelt, wird eine Gestorbene zur Wurzel, bleibt im Fortschreiten das Gehör wie ein Geruch zurück … Die eindringliche Bildsprache in der Lyrik Rainer Maria Rilkes lebt von der Beschreibung des Vereinzelten, von Synästhesien, vom Symbol, in dem sich Erlebtes und darin aufgefächerte Empfindungswelten widerspiegeln. Das „Dinggedicht“, in dem genau dieser poetische Prozess kulminiert, gilt als seine Schöpfung. Am 4. Dezember 1875 kam der Dichter in Prag zur Welt.

[03.12.2019] Impression, die

Eindruck, Sinneswahrnehmung, Empfindung

Neben seinem malerischen Genie zeichnete den Impressionisten Pierre-Auguste Renoir (* 1841) eine ungeheure Schaffenskraft aus. Über 6000 Werke hinterließ er der Nachwelt. Kaum jemand verstand es wie er, in seinen Gemälden Licht- und Schattenspiel ebenso einzufangen wie die ausgelassene Stimmung und pralle Lebensfreude der Pariser Society. Doch mit fortschreitendem Alter musste er Bild für Bild einem streikenden Körper abtrotzen: Eine rheumatoide Entzündung der Gelenke beeinträchtigte ihn so schwer, dass er sich schließlich den Pinsel an die Hand binden lassen musste. Heute vor 100 Jahren starb der große Maler.

[02.12.2019] handeln, Vb.

tätig, aktiv sein, vorgehen

„TiempoDeActuar“ bzw. „TimeForAction“ ist das Motto der UN-Klimakonferenz, die von heute an bis zum 13. Dezember 2019 in Madrid stattfinden wird. Es geht um konkrete Maßnahmen zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, dessen Ziel die Begrenzung der immer stärker werdenden Erderwärmung auf unter 2 °C ist. Ein zentrales Thema wird der geregelte Welthandel mit Verschmutzungsrechten sein. Bis zu 30 000 Besucher werden erwartet: natürlich die Delegierten, aber auch Wissenschaftler, Ökonomen, Journalisten und interessierte Beobachter.

[01.12.2019] Adventszeit, die

Zeit des Advents zur Einstimmung und Vorbereitung auf das Weihnachtsfest

Die vierwöchige Adventszeit, wie wir sie heute kennen, geht auf eine Entscheidung Papst Gregors I. im 7. Jh. zurück. Er legte die Zahl der Sonntage vor Weihnachten auf Vier fest. Der Grund: Seinerzeit glaubte man, die Zeit zwischen Sündenfall und Geburt Christi betrüge 4000 Jahre, jeder Sonntag dieses „tempus adventūs Domini“, der „Zeit der Ankunft des Herrn“, sollte also tausend dieser Jahre repräsentieren. Die Adventszeit ist für Christen und Nichtchristen heute auch eine Zeit geliebter Bräuche: Adventskalender, Adventskränze, Weihnachtsmärkte (und der ein oder andere Glühwein) dürfen nicht fehlen.

[30.11.2019] wahrsagen, Vb.

auf Grundlage wissenschaftlich nicht aussagekräftiger, laut Aberglauben aber bedeutungsvoller Zeichen und Vorgänge Vorhersagen über zukünftige Ereignisse machen

In der Nacht auf den 30. November, der Andreasnacht, walten prophetische Kräfte, zumindest nach altem Volksglauben: Besondere Rituale und Zeichen sollen jungen Mädchen offenbaren, ob und wen sie im folgenden Jahr ehelichen werden. Denn der Heilige Andreas ist unter anderem Schutzpatron der Liebenden: „Heiliger Andreas, ich bitt' dich, Bettstatt, ich tritt dich, lass mir erscheinen den Herzallerliebsten mein!“ Wer nach diesem Gebet z. B. in den Spiegel oder ins Feuer blickt, sieht mit etwas Glück den Gatten in spe.

[29.11.2019] Dynastie, die

Herrschergeschlecht; Herrscherhaus

Gunst des Schicksals, Ehrgeiz und kluge Strategie verhalfen einer ebenso bemerkenswerten wie umstrittenen Frau an die Macht. Ihr Glück: Als einzige Frau des kaiserlichen Harems gebar die Cixi dem chinesischen Kaiser Xianfeng (1831–1861) einen männlichen Thronerben. Danach überließ sie nichts mehr dem Zufall. Kurz nach dem Ableben des Herrschers übernahm sie für ihren unmündigen Sohn die Regierungsgeschäfte und behielt bis zu ihrem Tod (1908) in einer für China schweren Zeit die Zügel in der Hand. Den Niedergang der Herrscherdynastie konnte sie jedoch nicht aufhalten. Am 29. November 1835 wurde sie geboren.

[28.11.2019] tropfen, Vb.

in Tropfen herabfallen; einzelne Tropfen von sich geben

Regen prasselt, Sandkörner rieseln, Trommeln wirbeln, aber für die Geschwindigkeit, mit der sich hier etwas bewegt, gibt es eigentlich keine Worte: In einem Experiment der australischen Universität Queensland wurde Pech in einen Trichter gefüllt, das seither in ein Glas darunter tropft. 1927 startete der Versuch – 1938 fiel der erste Tropfen. Weitere folgten in Abständen von neun bis zwölf Jahren, ohne dass jemand Augenzeuge gewesen wäre. Seit den 1990er Jahren sollte daher eine Webcam „aufpassen“. Aber als sich am 28. November 2000 endlich ein Tropfen löste, versagte auch sie. Erst 2014, beim nächsten Tropfen, hatte man Erfolg.

[27.11.2019] Revolutionär, der

jmd., der an einer Revolution beteiligt ist, auf eine Revolution hinarbeitet; jmd., der auf einem Gebiet als Neuerer auftritt

Als er 1794 kaum vierzigjährig in Paris starb, war er in seiner deutschen Heimat als Anhänger der Französischen Revolution geächtet, sein Werk wurde vergessen. Dabei hatte Alexander von Humboldt ihn als großes Vorbild gepriesen, hatten seine fesselnden Reiseberichte über die Cook-Expedition in England und Deutschland gleichermaßen Aufsehen erregt. Bis heute wirken seine Beschreibungen der indigenen Völker Polynesiens (aber auch des Niederrheins) erstaunlich hellsichtig. Am 27. November 1754 wurde der Ethnologe, Weltreisende und Naturwissenschaftler Georg Forster geboren.

[26.11.2019] unbekümmert, Adj.

von keinerlei Sorgen bedrückt, unbeschwert, sorglos

„Im Herbst werde ich zehn Jahre alt und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich“, konstatierte einst die berühmte Sachensucherin, die von Plutimikation nicht viel hält, ihre Gäste aus dem Limonadenbaum bewirtet und in der Tat in neuneinhalb Jahren schon einiges erlebt hat: Pippi Langstrumpf entsprang zunächst der Phantasie einer Mutter als Heilmittel gegen eine Lungenentzündung, eroberte aber schon bald die ganze Welt: Am 26. November 1945 wurden Astrid Lindgrens Geschichten um das selbstbewusste, willens- und muskelstarke Mädchen erstmals veröffentlicht.

[25.11.2019] Relativitätstheorie, die

von Einstein begründete physikalische Theorie über die Struktur von Raum und Zeit, nach der die Masse der Energie proportional und von der Geschwindigkeit abhängig ist und nach der die Lichtgeschwindigkeit die oberste Grenzgeschwindigkeit darstellt

Nachdem Albert Einstein in seinem Genie-Jahr 1905 mit seiner später „Spezielle“ genannten Relativitätstheorie bewiesen hatte, dass Raum und Zeit nicht absolut, sondern vom Ort und von der Bewegung des Betrachters abhängig sind, baute er sie in den folgenden zehn Jahren zu einer umfassenden Beschreibung des Aufbaus des Universums aus, die auch die Gravitation mit einbezog und unser Verständnis des Kosmos revolutionierte. Am 25. November 1915 stellte er seine nun „Allgemeine Relativitätstheorie“ in der Preußischen Akademie der Wissenschaften, heute die BBAW, vor.

[24.11.2019] spektakulär, Adj.

Aufsehen erregend

Als der Paläanthropologe Donald Johanson am 24. November 1974 einige Knochen vom äthiopischen Boden auflas, war die Aufregung noch nicht beonders groß. Erst die darauf folgende Ausgrabung deckte auf, welch spektakulären Fund er und sein Team mit AL 288-1 eigentlich gemacht hatten: eine Australopithecus-afarensis-Dame, die wohl rund 25 Jahre auf, aber sagenhafte 3,2 Millionen Jahre unter der Erde verbracht hatte. Begleitet vom Beatles-Song „Lucy in the Sky With Diamonds“ feierte das Team am Abend die bedeutende Entdeckung – und gab der kleinen großen Dame den Namen, unter dem sie heute jeder kennt: „Lucy“.

[23.11.2019] Klipper, der

historisch: Schnellsegler, der den Handel zwischen Ostasien und England vermittelt

Mit ihnen rückte die Welt enger zusammen: Ab den 1830er Jahren prägten die eleganten, schnellen Klipper die Handelsschifffahrt. Ihr steiler, spitz zulaufender Bug durchschnitt (engl. to clip, „schneiden“) die Wellen. Der schlanke Rumpf und eine riesige Segelfläche – hart an der Grenze des Möglichen – machten sie zu effizienten Rennern, die sich auf den Atlantik- und Pazifikrouten regelrechte Wettfahrten lieferten. Die Klipper sind von den Weltmeeren verschwunden. Überdauert hat einzig die Cutty Sark, die für immer in Greenwich „festgemacht“ hat. Am 23. November 1869 lief sie vom Stapel.

[22.11.2019] realistisch, Adj.

von der Wirklichkeit ausgehend, sachlich, nüchtern

Er sei einer der wenigen „für erwachsene Leute geschriebenen“ englischen Romane, so Virginia Woolf über das wichtigste literarische Werk der viktorianischen Zeit: „Middlemarch“ handelt von der gleichnamigen fiktiven Kleinstadt zu Beginn der Industrialisierung und zeichnet ein realistisches, psychologisch einfühlsames Bild der ländlichen Gesellschaft im 19. Jh. Dabei werden große Themen verhandelt: die Rolle der Frau, Ehe, Religion, Politik und Reform. Die Autorin Mary Ann Evans, bekannt unter dem Namen George Eliot, kam heute vor 200 Jahren zur Welt.

[21.11.2019] Bodenschatz, der

abbauwürdiger Vorrat in der Erdkruste

Wörter wie „Zink“, „Quarz“, „Kobalt“ oder „Nickel“ finden sich heute in vielen Sprachen. Tatsächlich sind es Germanismen aus dem Fachjargon des deutschen Bergbaus, war dieser doch bis in die frühe Neuzeit technologisch führend. Ihre Verbreitung aber haben sie vor allem ihm zu verdanken: Georg Agricola (*1494), Arzt, Humanist, Universalgelehrter. Er fasste in mehreren Grundlagenwerken das Wissen über Minerale, Erze und Bergbautechnik zusammen. Doch allen Verdiensten zum Trotz: Als er am 21. November 1555 starb, verweigerte ihm die Heimatstadt Chemnitz – er war Katholik – das Begräbnis in ihren Mauern.

[20.11.2019] Vogelschau, die

perspektivische Schau einer Landschaft, eines Gegenstandes von oben

Wenn Selma Lagerlöf etwas hasste, dann Langeweile: Und so ist es wohl kein Zufall, dass das fantasievollste Schulbuch der Literaturgeschichte von ihr stammt. 1909 vom Kultusministerium dazu beauftragt, schrieb die ausgebildete Lehrerin ein etwas anderes Geografiebuch: Der für seine Boshaftigkeit zum Däumling verzauberten Nils Holgersson erkundet Schweden auf dem Rücken der Gänse. Er lernt Land und Leute kennen, lauscht ihren Sagen und wandelt sich nebenbei zu einem besseren Menschen. Das Buch wurde zum Welterfolg der gefeierten Autorin. Der 20. November 1858 ist ihr Geburtstag.

[19.11.2019] Hoffnung, die

zuversichtliche Erwartung, dass etw. geschehen wird, zuversichtliche Annahme

Die Nationalsozialisten verbrannten ihre Bücher, nach kurzer Gestapo-Haft floh sie erst nach Paris, dann nach Marseille, dann nach Mexiko. Dass es das neue Regime auf Anna Seghers abgesehen hatte, war kein Wunder, immerhin verkörperte die Literatin das ideologische Feindbild in aller Klarheit: Sie war Jüdin und Kommunistin. Einer ihrer wichtigsten Romane, „Das siebte Kreuz“, entstand daher im Exil. Er handelt von einem KZ-Häftling, dem nur stete Hoffnung und die Freundschaft Gleichgesinnter zur erfolgreichen Flucht verhelfen. Heute wäre die Autorin 119 Jahre alt geworden.

[18.11.2019] Bekennergeist, der

unbedingte Bereitschaft, öffentlich für seine (religiöse) Überzeugung einzutreten

Die Geschichte der Göttinger Sieben handelt vom persönlichen Mut einiger weniger, doch auch von bürgerlich-demokratischer Solidarität. König Ernst August von Hannover hatte 1837, kaum an die Macht gekommen, die Verfassung des Landes suspendiert. Sieben Göttinger Professoren (u. a. Jacob u. Wilhelm Grimm) protestierten am 18. November in einer schriftlichen Eingabe. Der Text gelangte nur kurz in die Hände eines Studenten – wenige Tage später war ganz Deutschland im Bilde. Als die sieben entlassen wurden, erhob sich ein gewaltiger Proteststurm, eine Welle der Unterstützung folgte.

[17.11.2019] schwanken, Vb.

nicht fest, nicht stabil sein, sich ständig verändern, zögern, sich nicht entschließen können, unschlüssig, unsicher sein

„Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb“, heißt es in seinem Gedicht, das mit dem berühmten Versprechen einer Ofenkachel als Liebespfand beginnt. Joachim Ringelnatz' Leben scheint dieses Postulat zu bestätigen: Er irrte umher, wehrte sich gegen Geregeltes, war mit Talenten gesegnet, lief dem Scheitern jedoch wiederholt entgegen. Sein lyrisches Werk aber mit seinem für ihn typischen grotesk-tiefgründigen, weltweisen Duktus scheint zwischen diesen Brüchen zu gedeihen – und ist heute vielgelesen und vielgeliebt. Am 17. November 1934 starb Ringelnatz in Berlin.

[16.11.2019] Nachruhm, der

Ruhm, den jmd., etw. bei der Nachwelt genießt

Mao studierte ihn, in Militärakademien steht er auf dem Stundenplan, selbst Pazifisten beschäftigen sich mit seinen Ideen: Der Philosoph in Uniform, Carl v. Clausewitz, gilt als einer der einflussreichsten Militärtheoretiker überhaupt. Die preußische Armee, deren Reihen er entstammt, hat ihn dagegen erst spät gewürdigt. Als Reformer um Gneisenau wenig geschätzt wurde er oft auf einflusslose Posten abgeschoben, was ihm viel Zeit für sein Hauptwerk „Vom Kriege“ ließ. Es war seine Frau Marie, die die noch unvollendete Schrift postum – er starb am 16. November 1831 – auf eigene Kosten herausgab.

[15.11.2019] Scholastik, die

Philosophie des mittelalterlichen Katholizismus, deren Anliegen es war, die kirchlichen Dogmen vernunftmäßig zu begründen und sie mit der überlieferten Philosophie in Einklang zu bringen

Noch heute sitzen Studierende zu Füßen des Albert von Lauingen – besser bekannt als Albertus Magnus. Zwar sind jene Füße, wie der Rest seines Abbilds, aus Bronze, inspirierend wirken sie aber nach wie vor. Die jungen Kölner haben dem brillanten Scholastiker immerhin einiges zu verdanken: Unter seiner Leitung kam das Studium Generale der Dominikaner im 13. Jh. zu Weltruhm und dies ermöglichte der Stadt am Rhein nur wenig später die Gründung einer der ältesten Universitäten Europas. Immer reisend, blieb Albertus Magnus der Stadt Köln stets verbunden. Am 15. November 1280 starb er dort in hohem Alter.

[14.11.2019] Fahrgast, der

jmd., der ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt

Ein Tunnel zwischen England und Frankreich: Die Idee ist gut 250 Jahre alt und galt lange als Hirngespinst. War es zunächst die Unmöglichkeit der technischen Umsetzung gewesen, so scheiterte das Projekt ab Mitte des 19. Jahrhunderts trotz seriöser Initiativen an politischen Vorbehalten. Erst 1987 wurde dann tatsächlich mit dem Bau eines Eisenbahntunnels begonnen, im Dezember 1990 trafen sich die Bohrköpfe – 15,6 km von Frankreich, 22,3 km von Großbritannien entfernt – und heute vor genau 25 Jahren fuhren die ersten Fahrgäste unter dem Kanal hindurch.

[13.11.2019] traumhaft, Adj.

so, wie in einem Traum

„Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“, so André Breton, Schriftsteller, Poet und Begründer des Surrealismus. Das Unbewusste, das Absurde und Phantastische, schon in der Romantik vereinzelt Gegenstand vor allem der Literatur und der bildenden Kunst, wurden zu den Kernkonzepten einer neuen, revolutionären Bewegung. Am 13. November 1925 eröffnete die erste Ausstellung in Paris mit Werken u. a. von Paul Klee, Max Ernst, Pablo Picasso und Joan Miró.

[12.11.2019] Wörterbuch, das

(...) Nachschlagewerk mit nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewählten und erläuterten Stichwörtern, meist mit Informationen zu ihrer Form, ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch

Wer im Deutschland der Kaiserzeit ein deutsches Wort nachschlagen, eine orthografische Frage klären wollte, der griff meist zu einem Wörterbuch des jüdischen Lexikografen Daniel Sanders. Der Neustrelitzer Publizist schuf in einer fast unglaublichen Arbeitsleistung eine Fülle an Wörterbüchern, die in ihrer Konzeption zukunftsweisend waren: Jenseits puristischer Vorstellungen und sprachhistorischer Ansätze beschrieb er die Sprache in ihrem aktuellen Gebrauch und richtete sich damit an alle gebildeten Deutschen. So groß der Erfolg seiner Wörterbücher zu Lebzeiten war, der wachsende Antisemitismus verhinderte eine dauerhafte Fortführung. Heute vor 200 Jahren kam Daniel Sanders zur Welt.

[11.11.2019] Martinsgans, die

Gans, die für das Festtagsessen am Martinstag gemästet, geschlachtet, küchenfertig ausgenommen zum Verkauf angeboten wird

„Martini … da fängt bey uns Teutschen das Fressen und Sauffen an“, wusste schon Grimmelshausen zu berichten. Im Mittelpunkt der Völlerei: die gut gebratene Martinsgans. Mit dem Hl. Martin hat der Brauch aber nur indirekt zu tun. Der Martinstag war im bäuerlichen Deutschland bis zum Anfang des 19. Jhs. großer Zahltag: Gesinde wurde entlassen oder eingestellt, Löhne ausbezahlt. Und fällig waren auch Abgaben an Kirche und Grundherren, die oft in Form von Naturalien, besonders Gänsen – eben den Martinsgänsen – geleistet wurden, welche dann überall auf den Tischen endeten.

[10.11.2019] desillusionieren, Vb.

jmdn. ernüchtern, enttäuschen

Der am 10. November 1928, 10 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, erschienene Roman „Im Westen nichts Neues“ war von Anfang an ein Welterfolg. Anders als die zahllosen Fronterzählungen ehemaliger Soldaten traf Erich Maria Remarque den richtigen Ton, fand die passenden Worte für eine verlorene Generation, die vom Hurra-Patriotismus desillusioniert, aber dennoch vom Krieg gefangen blieb. Die aus der Perspektive eines Oberschülers erzählten Episoden sind in ihrer fast schon lakonischen Darstellung vom Sterben in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs bis heute zeitlos geblieben.

[09.11.2019] unverzüglich, Adj.

ohne Verzug, sofort, ohne zu zögern

Der Fehler liegt in der Eile, heißt es. Doch 1989 profitierte ganz Deutschland ungemein davon. Die Regelung zur Ausreise, mit der das unzufriedene Volk der DDR beruhigt werden sollte, passierte am 9. November erst in Windeseile das Politbüro und wurde dann auch noch auf der abendlichen Pressekonferenz von Günter Schabowski falsch interpretiert. Auf Nachfrage erklärte er, dass diese Regelung „ab sofort, unverzüglich“ in Kraft trete (wovon allerdings weder Grenztruppen noch Passkontrolleinheiten informiert waren). Daraufhin gab es kein Halten mehr.

[08.11.2019] Eskorte, die

(militärisches) Geleit, Bedeckung

400 km lagen zwischen ihm und dem Nächsten seiner Art, für Jahrzehnte war der „Arbre du Ténéré“ – eine Akazie – das entlegenste Gewächs der Welt. Dieser Überlebenskünstler, der wie ein Leuchtturm aus dem Sand der nigrischen Wüste ragte, wurde von den Tuareg bewundert und gefürchtet. Als man 1973 entdeckte, dass er umgerissen worden war und nun verendet auf dem Boden lag, war die Trauer groß: Am 8. November desselben Jahres eskortierte man seine Überreste feierlich in die Hauptstadt Niamey, wo diese seither im Nationalmuseum ausgestellt sind.

[07.11.2019] Beharrlichkeit, die

Standhaftigkeit, Ausdauer

Marie Skłodowska Curie, geboren am 7. November 1867 in Warschau, musste ihre Heimat verlassen, um studieren zu können. Dies tat sie in Paris – und zwar mit Bravour. Ihre Beharrlichkeit und Intelligenz führten sie zu vielen weiteren Meilensteinen: Erste Frau, die den Nobelpreis verliehen bekam und einzige, die einen weiteren erhielt; erste Dozentin und Professorin an der Pariser Sorbonne; Mitentdeckerin der Elemente Polonium und Radium. Sie ist die Person, der wir den Ausdruck „Radioaktivität“ (und deren vertieftes Verständnis) verdanken.

[06.11.2019] pathetisch, Adj.

voller Pathos

Eine Programmsinfonie sollte es sein, die persönlichste unter seinen Werken: „Schwung, Zuversicht, Tätigkeitsdrang“ charakterisiere den ersten Satz, so der Komponist, „der zweite Satz ist die Liebe, der dritte Enttäuschung, der vierte endet mit Ersterben“. Tschaikowskis Leben folgte exakt diesem Aufbau: Frühe Hinwendung zur Musik, Entdeckung der eigenen Homosexualität, gescheiterte Scheinehe und Dürrejahre, Wiederaufstieg und plötzlicher Tod. Am 6. November 1893, nur wenige Tage nach der Uraufführung seiner berühmten 6. Sinfonie, der Pathétique, starb er ganz unerwartet im Alter von nur 53 Jahren.

[05.11.2019] verschwören, Vb.

sich (mit jmdm. gegen etw., jmdn.) verschwören: sich heimlich durch feierlichen Schwur (mit jmdm. gegen etw., jmdn.) zu gemeinsamem Vorgehen verbinden

Es fehlte nicht viel und am 5. November 1605 hätte das größte Attentat der englischen Geschichte stattgefunden. Ganze 1,2 Tonnen Schießpulver, gebunkert im Keller des House of Lords, sollten Westminster in die Luft jagen, König Jakob I., dessen Familie und das gesamte Parlament auslöschen. Doch die Clique um den Offizier Guy Fawkes, die auf diese Weise die Katholikenverfolgung beenden wollte, scheiterte durch Verrat. Bis heute erinnert jedes Jahr ein Feuerwerk an die Pulververschwörung, und das Gedicht „Remember, remember the fifth of November“ kennt in England jedes Kind.

[04.11.2019] schwindsüchtig, Adj.

(umgangssprachlich, veraltend) an Tuberkulose, Lungentuberkulose leidend

„Man müsste einmal eine Literaturgeschichte der Schwindsüchtigen schreiben (...) Sie tragen das Kainsmal der nach innen gewandten Leidenschaft.“ Klabund war 16-jährig an Tuberkulose erkrankt und erlebte das beginnende 20. Jh. (bis zu seinem frühen Tod) eher aus der Position des Beobachters. Stilistisch lässt sich sein umfangreiches episches, dramatisches und lyrisches Werk kaum verorten: Klabund („Klabautermann“ und „Vagabund“) wollte sich nicht festlegen, er wanderte zwischen Alt und Neu, zwischen Expressionismus, Romantik, Dada und anderen. Heute vor 129 Jahren kam er zur Welt.

[03.11.2019] Reiseführer, der

kleines, übersichtlich angelegtes Buch für Reisende über Sehenswürdigkeiten und Unterkünfte einer Stadt, eines Gebietes

„Zum Reisen gehört in erster, zweiter und dritter Linie Geld“, schmerzlich wahre Worte eines Geistes, dem wir nicht nur die Benennung, sondern in gewisser Weise auch die Minderung dieses Dilemmas zu verdanken haben. Seine Bücher mit dem bekannten roten Einband feierten schnell Erfolge, sein Name stand bald für eine ganze Gattung: Kulturabenteurer griffen zum „Baedeker“, machten sich unabhängig von Reisegruppen und professionellen Führern, erkundeten das Land auf eigene Faust. Der Autor und Verleger kam heute vor 218 Jahren in Essen zur Welt.

[02.11.2019] Gewerbefreiheit, die

(durch gesetzliche Bestimmungen teilweise beschränkte) Möglichkeit, überall und jederzeit einer (beliebigen) wirtschaftlichen Betätigung nachgehen zu können

Heutzutage entscheiden Neigung, Eignung und Qualifikation darüber, welches Gewerbe man ausüben darf, nicht aber Geburt oder Zugehörigkeit zu einer Zunft, wie dies im Deutschen Reich bis in die Neuzeit hinein Praxis war. Ausgangspunkt für die wirtschaftlich bedeutsame Veränderung bildete die Niederlage gegen Napoleon. In einer gewaltigen Reformanstrengung schüttelte der preußische Staat die Relikte des Mittelalters ab: 1807 die Leibeigenschaft und drei Jahre später, am 2. November 1810, den Zunftzwang. Die Freiheit der Berufswahl zählt heute zu den Grundrechten.

[01.11.2019] erschüttern, Vb.

in eine heftig bebende, rüttelnde Bewegung versetzen; (übertragen) die sichere Grundlage von etw. in Frage stellen

Ein Gott, der „mit vollen Händen Übel auf [die Menschen] gießt?“ (Voltaire) – 1755 blickte ganz Europa voller Entsetzen auf Lissabon. Ein gigantisches Seebeben und ein nachfolgender Tsunami hatten am 1. November gewaltige Zerstörungen angerichtet. Die Katastrophe, der bis zu 100 000 Einwohner zum Opfer fielen, erschütterte das Weltbild vieler gläubiger Menschen und vieler Philosophen: Manche begannen nun, wie Immanuel Kant, Überlegungen zu den natürlichen Ursachen von Erdbeben anzustellen, andere zogen auf einmal, wie Voltaire, die Gottesgewissheit in Zweifel.

[31.10.2019] heischen, Vb.

etw. gebieterisch fordern, verlangen

„Trick or treat!“, in der deutschen Version „Süßes oder Saures!“ – der mit diesem geisterhaften Ausruf verbundene Heischebrauch kommt ursprünglich aus Irland, wanderte über den Atlantik in die USA und setzt sich nun weltweit mehr und mehr gegen andere Traditionen durch (in Deutschland z. B. gegen das 10 Tage später stattfindende Martins- oder Martinisingen). In der Nacht vor Allerheiligen, an Halloween, kommen die Geister der Verstorbenen, getarnt als verkleidete Kinder (oder ist es doch umgekehrt?), ins Diesseits zurück und müssen mit kleinen Gaben besänftigt werden.

[30.10.2019] Rekonstruktion, die

das Nachbilden, Wiederaufbauen; das Nachgebildete, Wiederaufgebaute

Nach den verheerenden Fliegerangriffen auf Dresden 1945 blieb auch von der barocken Frauenkirche nur ein Trümmerhaufen zurück. Versuche der DDR-Regierung, diesen zu beseitigen, scheiterten ebenso wie die Idee eines Wiederaufbaus – die nach der Wende erneut Gestalt annahm: In einer weltweiten Spendenaktion wurden über 115 Mio. Euro gesammelt und am 30. Oktober 2005, 11 Jahre nach Grundsteinlegung, konnte die Frauenkirche erneut geweiht werden. Baugesetzlich gilt sie zwar als Neubau, aber es konnten immerhin über 3500 alte Trümmerstücke lokalisiert und wieder eingesetzt werden.

[29.10.2019] Köbes, der

Kellner (mit besonderer Berufskleidung) in einem altkölnischen Bierlokal

Niemand weiß so ganz genau, wie und warum aus Kölner Brauhauswirten „Köbes“ wurden. Das Rheinische Wörterbuch gibt mögliche Hinweise: Es definiert Köbes u. a. wie folgt: 1. Kurzform für „Jakob“, 2. übertragen: „vierschrötiger, eigensinniger Mensch“. Tatsächlich ranken sich Ursprungslegenden um beide Lesarten: Waren die Köbes Rückkehrende vom Jakobsweg, die, angestellt in Wirtshäusern, von ihren abenteuerlichen Reisen erzählen sollten? Oder bekamen die traditionell dickköpfigen, zum Kellnern eigentlich zu stolzen Brauknechte ob eben jener Eigenschaften diesen Namen?

[28.10.2019] Interview, das

für die Publikation bestimmtes Gespräch zwischen einer (meist bekannten) Persönlichkeit und einem Reporter, bei dem Fragen des Reporters beantwortet werden

Dieses Interview, das am 28. Oktober 1908 im Daily Telegraph erschien, hätte den deutschen Kaiser Wilhelm II. fast den Thron gekostet. Was Wilhelm in diesem Gespräch von sich gab, war eine Mischung aus skurrilen Ausrufen („Ihr Engländer seid verdreht wie Märzhasen!“), Halbwahrheiten (Bündnisse gegen England habe er nicht unterstützt) und haltlosen Prahlereien (nur sein Schlachtplan habe zum Sieg der Engländer im Burenkrieg geführt). Die Tiraden ließen die Bürger in Deutschland einmal mehr an der Eignung des Monarchen zweifeln; zurücktreten musste jedoch am Ende nur der Reichskanzler.

[27.10.2019] Geigenvirtuose, der

Virtuose im Geigenspiel

„Vielleicht hätte Goethes Mephisto die Violine so gespielt.“ mutmaßte ein bedeutender Berliner Musikkritiker. Goethe konterte, Mephistopheles sei dafür eine zu negative Figur. Das Dämonische aber, das sich in Künstlern in der Tat oft positiv äußere, zeige sich in Niccolò Paganini in ganz besonderer Weise. Der genuesische Teufelsgeiger und Komponist hatte zu diesem Zeitpunkt mit seinem düsteren Äußeren, mit seiner ungewöhnlichen Spieltechnik und der daraus erwachsenden „verhexten“ Virtuosität bereits die Bühnen Europas im Sturm erobert. Am 27. Oktober 1782 kam er zur Welt.

[26.10.2019] Neutralität, die

ständige Neutralität: völkerrechtlich festgelegter Status eines Staates, der sich dazu verpflichtet hat, an keinem Krieg teilzunehmen (…)

„Insel der Seligen“ (Papst Paul VI.), „Musterbeispiel friedlicher Koexistenz“ (Chruschtschow) – beide Zitate aus der Zeit des Kalten Krieges verweisen auf die erstaunliche Entwicklung Österreichs in der Nachkriegszeit. Das nach 1945 von den Alliierten besetzte Land wurde – wie in Graham Greens „Drittem Mann“ anschaulich geschildert – Schauplatz erbitterter, von politischer Einflussnahme begleiteter Auseinandersetzungen. 1955 schließlich die Wende: Mit sowjetischer Zustimmung erklärte sich Österreich neutral. Der „Neutralitätstag“ am 26. Oktober ist seit 1965 nationaler Feiertag.

[25.10.2019] anfeuern, Vb.

jmdn., etw. anspornen

„We few, we happy few, we band of brothers“: König Heinrich V. ruft sein kläglich dezimiertes Heer zur Schlacht gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Franzosen und verbrüdert sich überaus nobel auch mit den einfachen Soldaten. Zumindest tut er dies in Shakespeares dramatischer Bearbeitung der Schlacht von Azincourt, die sich real am 25. Oktober 1415 ereignete und die unerwartet zugunsten der Engländer ausging. Shakespeares berühmte St. Crispins-Tag-Rede schaffte es ins kulturelle Gedächtnis der Briten – und wurde immer wieder von Politikern für eigene Zwecke ge- oder missbraucht.

[24.10.2019] Ausnahmemensch, der

Mensch mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, besonderen Lebensgewohnheiten

Er erschloss der Menschheit die Welt des Mikrokosmos, doch blieben seine Erkenntnisse ungenutzt. Dem am 24. Oktober 1632 in Delft geborenen Antoni van Leeuwenhoek gelang mit seinen selbstgebauten Mikroskopen Erstaunliches: Als erster Mensch sah und beschrieb er Protozoen, Spermien, selbst Bakterien in ihren vielfältigen Formen. Eine Fortsetzung seiner Forschungen blieb der Wissenschaft jedoch verwehrt, denn das Geheimnis seiner Konstruktionen nahm der leidenschaftliche Naturforscher mit ins Grab. Erst 200 Jahre später gelang es wieder, Mikroskope in gleicher Stärke zu bauen.

[23.10.2019] Freundschaft, die

Verhältnis zwischen Menschen oder zwischen menschlichen Gemeinschaften, das auf gegenseitiger Neigung und auf gegenseitigem Vertrauen beruht

Drei Romanfragmente und zahlreiche Erzählungen bilden das Werk Franz Kafkas, die Fachliteratur über ihn füllt ganze Bibliotheken. Möglicherweise hätte es nichts davon gegeben, wäre es nicht am 23. Oktober 1902 in der Prager Lese- und Redehalle der deutschen Studenten zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Kafka und Max Brod gekommen. Brod wurde zum Mentor, der den Zweifelnden stets ermutigte und in seinem Schreiben bestärkte. Und er rettete seinen literarischen Nachlass für die Nachwelt – entgegen Kafkas letztem Willen.

[22.10.2019] Durchbruch, der

1. das Durchbrechen, die gewaltsame Überwindung eines Hindernisses; 2. Stelle, wo etw. durch etw. durchgebrochen ist

Es war zwar beileibe nicht der einzige Unfall dieser Art, bei dem ein Kopfbahnhof eine Rolle spielte, mit Sicherheit aber der bekannteste: Am 22. Oktober 1895 überfuhr ein zu schnell einfahrender Zug nach Bremsversagen den Prellbock und durchbrach die Außenwand des Pariser Gare Montparnasse (wobei leider eine Passantin ums Leben kam). Das Foto mit der fast vertikal auf den tiefer gelegenen Bürgersteig gestürzten Lokomotive ging um die Welt und wurde (ähnlich wie die Titanic) zum Symbol für den Geschwindigkeitsrausch und die Hybris des Technikzeitalters.

[21.10.2019] Zufallsfund, der

zufällig gemachter Fund

„Heit haw ich de Adam g'funne!“ Und tatsächlich: Der fossile Unterkiefer, den der Sandgräber Daniel Hartmann am 21. Oktober 1907 in einer Grube südlich von Heidelberg auf seiner Schippe hatte, war alt, sehr alt. Und er gab Rätsel auf. Die Parabelform des Kieferbogens entsprach der des modernen Menschen, doch seine mächtige Größe und das fliehende Kinn wiesen auf eine urtümliche Menschenart hin. Der Paläontologe Otto Schoetensack (1850-1912), der ihn zuerst beschrieb, ging korrekt von einem Vorläufer des Neandertalers aus und taufte ihn „Homo heidelbergensis“.

[20.10.2019] legendär, Adj.

nach Art der Legende; die Merkmale einer Legende aufweisend; erstaunlich, unwahrscheinlich, unglaublich; zu einer Legende geworden

Alles an ihm ist legendär und nur sehr wenig historisch gesichert: War er ein Schlägertyp aus Wismar oder ein Danziger Kaufmann in Fehde mit der Hanse? War sein Name wirklich Störtebeker oder erhielt er ihn in Anerkennung seiner Fähigkeit, vier Liter Bier in einem Zug auszutrinken (Niederdeutsch: „Stürz den Becher“)? Und wurde der den Hansekoggen stets entwischende Seefahrer und Pirat wirklich am 20. Oktober 1401 im Hamburger Hafen enthauptet? Gewiss ist wenig. Aber eins ist unumstritten: Für Literatur, Kunst und Folklore bleibt der berüchtigte Freibeuter einfach unsterblich.

[19.10.2019] Schallplatte, die

runde Scheibe aus Kunststoff mit einer spiralförmigen Rille, die die akustische Aufzeichnung enthält

Heute vor sechzig Jahren kam es zu einem Novum im deutschen Amüsierbetrieb: Erstmals spielte im Aachener Tanzlokal »Scotch-Club« keine Live-Band, sondern die Musik kam von Schallplatten. Bei dem Publikum des Abends fiel diese Art der Darbietung erst einmal durch. Doch als der anwesende Reporter Klaus Quirini spontan das Auflegen und lockere Ansagen der Platten übernahm, zündete das Format doch, und Westdeutschland hatte seinen ersten DJ und seine erste Diskothek. In dem Club sollten später Udo Jürgens und Peter Maffay ihre Karrieren beginnen.

[18.10.2019] göttlich, Adj.

von Gott kommend

C/1618 W1 erregte die Gemüter, sein langer Schweif und die helle Farbe wirkten gleichsam imponierend und angsteinflößend, und so hielten die einen den Kometen für einen Vorboten göttlichen Unglücks, die anderen für ein wissenschaftlich beschreibbares kosmisches Phänomen. Ein Kolloquium in Ulm, das am 18. Oktober 1619 einberufen wurde und an dem unter anderem René Descartes teilnahm, sollte Klärung bringen – nicht gerade mit schlagendem Erfolg. Man ging in gegenseitigem Respekt „als christliche Brüder“, jedoch offenbar weiterhin uneins auseinander.

[17.10.2019] Expedition, die

Forschungsreise (in unbekannte Gebiete)

Alexandrine Tinné: Sie war die reichste Erbin der Niederlande und genoss somit ungewöhnliche Freiheiten. Ihren Kindheitstraum konnte sie sich daher schon früh erfüllen: eine Expedition zu den Quellen des Nils. 26-jährig machte sie sich luxuriös ausgestattet auf den Weg, erkundete den noch weitgehend unbekannten Kongo, beobachtete Tiere und Pflanzen, notierte, was sie sah, und befreite immer wieder Sklaven von ihren geldgierigen Händlern. Sie war sogar die erste Europäerin, die versuchte, die Sahara zu durchqueren. Am 17. Oktober 1835 kam sie in Den Haag zur Welt.

[16.10.2019] Narkose, die

besonders bei einer Operation angewandte vorübergehende allgemeine Betäubung mit Ausschaltung des Bewusstseins, der Schmerzempfindung und der Bewegung, die durch Zufuhr von Narkotika bewirkt wird

Operiert wurde, wie Knochenfunde zeigen, seit der Steinzeit. Die Römer entwickelten Operationsbesteck, im Mittelalter wurden Gallensteine entfernt und unter den Bedingungen moderner Kriege wurde tausendfach amputiert. Das Hauptproblem bei diesen Eingriffen blieb stets gleich: Die Patienten erlitten entsetzliche Schmerzen. In ihrer Not griffen die Ärzte zu Giften wie Schierling oder Tollkirsche. Erst im 19. Jh. gelang der Durchbruch: Am 16. Oktober 1846 führte der amerikanische Zahnarzt William T. G. Morton erstmals öffentlich eine Operation unter Vollnarkose mit Äther durch.

[15.10.2019] Trümmer, nur im Plural

Bruchstücke, Überreste eines zerstörten größeren Ganzen, besonders von Gebäuden, Flugzeugen, Schiffen, Eisenbahnzügen

Es war ein Bruch mit der Vergangenheit: Während die nationalsozialistische Propaganda noch mit seichten Komödien vom Krieg abgelenkt hatte, zeigte der Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ die bittere Realität der „Stunde Null“ mit ihren Trümmerlandschaften und der massenhaften Armut. Zugleich zwang er den Zuschauer über die Figur des Massenmörders und Kriegsgewinnlers Ferdinand Brückner zur Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazizeit. Am 15. Oktober 1946 hatte das oft als „Trümmerfilm“ abgewertete Werk im sowjetischen Sektor Berlins, im Admiralspalast, Premiere.

[14.10.2019] poetisch, Adj.

dichterisch, stimmungsvoll

Seine Lyrik ist ebenso schwer zu verorten wie er selbst: Er lebte abwechselnd in New York und Paris, bereiste verschiedene Kontinente, machte wegweisende Bekanntschaften, so beispielsweise mit Gertrude Stein oder Pablo Picasso, und ließ sich von der Romantik ebenso beeinflussen wie von der europäischen Avantgarde und vom amerikanischen Blues. Seine Lyrik mäandert entsprechend zwischen Tradition und Moderne. Ein Markenzeichen verbindet aber alle seine Gedichte: die höchst poetische, affektreiche Missachtung syntaktischer Standards. Am 14. Oktober 1894 kam E.E. Cummings zur Welt.

[13.10.2019] Browser, der

Software, mit der andere Rechner im Web angesteuert, Daten, Programme und Mediendateien von diesen Rechnern heruntergeladen, Verknüpfungen rechnerübergreifend verfolgt und die heruntergeladenen Daten angezeigt oder abgespielt werden können

Für die Geschichte des Internets war der 13. Oktober 1994 ein wichtiger Meilenstein, denn mit der Veröffentlichung des grafikfähigen Browsers Netscape Navigator, als kostenloses Programm millionenfach an Privatpersonen ausgegeben, wurde das Internet endgültig massentauglich. Nun konnte jedermann das bislang eher Universitäten vorbehaltene Internet „sehen“ und unkompliziert durchs Netz navigieren. Ein Erfolg, dem keine Dauer beschieden war. Im sogenannten Browserkrieg gegen den Explorer von Microsoft verlor Netscape stetig Marktanteile, bis 2008 die endgültig letzte Version erschien.

[12.10.2019] Ermittler, der

jemand, der polizeiliche Untersuchungen bei Verdacht einer Straftat anstellt; jmd., der Nachforschungen zu einem bestimmten Sachverhalt tätigt

Ein normaler Detektiv wäre längst in Rente, doch diese drei Privatermittler sind ewig jung geblieben und seit Jahrzehnten im Geschäft. Noch immer leben sie in einer amerikanischen Kleinstadt, noch immer lüften sie mysteriöse Geheimnisse oder legen Bösewichten das Handwerk. Was 1964 als Buchserie mit dem Reihentitel „Die drei ??? und ...“ begann, fand seine Fortsetzung in einer Hörspielserie, deren deutschsprachiger Ableger mit über 200 „Fällen“ und insgesamt 50 Millionen verkauften Tonträgern alle Erwartungen übertraf. Heute vor 40 Jahren startete das Erfolgsprojekt mit „Die drei ??? und der Superpapagei“.

[11.10.2019] Solidarität, die

auf das Wissen um gemeinsame Interessen und Ziele oder das Zusammengehörigkeitsgefühl sich gründendes Zusammenhalten von Personen oder Personengruppen und ihr Eintreten füreinander sowie die darauf beruhende gegenseitige Unterstützung

In immer mehr Städten Deutschlands versammeln sich Menschen vor Synagogen zu Mahnwachen und gedenken der Opfer des Anschlags in Halle. Sie bekunden Solidarität mit einer Religionsgemeinschaft, die über Jahrhunderte ausgegrenzt worden ist und sich wieder zunehmend antisemitischen und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sieht. Und sie stehen offen zu einer Kernerfahrung der letzten sieben Jahrzehnte: Zusammenhalt, offenes und solidarisches Zusammenleben und positive Neugier führen zu Sicherheit, kultureller Vielfalt und sind Bausteine für ein friedliches Zusammenleben.

[10.10.2019] Komplott, das

Verschwörung, Verabredung zu einer gemeinsamen, meist schlechten Handlung

War es Mord oder doch nur eine Krankheit? Für die antike römische Öffentlichkeit war der Fall klar: Nero Claudius Germanicus, der beliebte General, war vergiftet worden – und zwar im Auftrag des Kaisers Tiberius. Germanicus selbst hatte zuvor berichtet, im Haus des syrischen Statthalters Piso auf schwarze Magie gestoßen zu sein: Er fand seinen Namen „Germanicus“ in Fluchtafeln eingeritzt. Kurz danach, am 10. Oktober vor 2000 Jahren, starb er. Piso wurde als Verschwörer angeklagt, Tiberius, den viele für den eigentlichen Drahtzieher hielten, blieb ungeschoren.

[09.10.2019] Antiheld, der

Hauptfigur, die als Gegenentwurf zum traditionellen, aktiv handelnden, positiven Helden oft passive, resignative, mutlose Züge trägt, aber sich trotz dieser Schwächen auch unter ihren (ungünstigen, widrigen) Lebensumständen (oft auf tragikomische Weise) bewähren kann und die Sympathie des Rezipienten gewinnt

„Dans ma pipe je brûlerai/Mes souvenirs d'enfance/Mes rêves inachevés/Mes restes d'espérance“ (In meiner letzten Pfeife werde ich/all meine Kindheitserinnerungen/meine unerreichten Träume/meine letzten Hoffnungen verbrennen). Wie Liebe ist das Sterben ein zentrales Themen in den Liedern Jacques Brels. Um den erfolgreichen belgischen Chansonnier wurde schon zu Lebzeiten ein Mythos gesponnen: Außenseiter, Nonkonformist, Misanthrop; man bewunderte ihn als tragischen Antihelden. Sein Leben endete ebenso tragisch: Die „letzte Pfeife“ rauchte er im Alter von nur 49 Jahren, am 9. Oktober 1978.

[08.10.2019] Herzschrittmacher, der

(in den Körper implantiertes) durch Batterien betriebenes Gerät, das bei schweren Störungen der Herztätigkeit die elektrischen Impulse zur periodischen Reizung der Herzmuskulatur liefert

Bradykardie, das dauerhaft zu langsame Schlagen des Herzens, ist eine verbreitete, lebensgefährliche Krankheit. Nach Vorversuchen mit Geräten, die bei akuten Zuständen das Herz durch Stromimpulse wieder in Takt bringen sollten, kam am 8.Oktober 1958 der erste dauerhaft implantierbare Herzschrittmacher in Schweden zum Einsatz. Hatten die Pioniere selbst auch nicht an den Erfolg dieser Technik geglaubt, entpuppte sie sich als Erfolgsmodell. Heutzutage werden weltweit jedes Jahr viele Hunderttausend der kleinen Lebensretter implantiert.

[07.10.2019] Teilung, die

Trennung, Gliederung einer Sache in mehrere Teile, einer Anzahl von Menschen in Gruppen

Vor 70 Jahren wurde durch Zusammentreten der verfassungsgebenden „Provisorischen Volkskammer“ die DDR gegründet. Wenige Monate nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland war damit die Trennung in zwei deutsche Staaten endgültig vollzogen, nachdem sich Westen und Ostblock im beginnenden Kalten Krieg nicht auf eine gesamtdeutsche Lösung einigen konnten. Der „Tag der Republik“ wurde jedes Jahr mit einer Parade der Nationalen Volksarmee begangen, zuletzt 1989. Da war bereits das Volk auf den Straßen, um schließlich der Teilung ein Ende setzen.

[06.10.2019] Erdkugel, die

die Erde als kugelförmiger Planet

Der erste bekannte Globus, den der heute vor 560 Jahren geborene Kaufmann Martin Behaim 1493 dem Nürnberger Rat präsentierte, vermittelt einen faszinierenden Blick auf das mittelalterliche geografische Weltbild mit seiner eigentümlichen Melange aus altem und neuem Wissen. Im Wesentlichen basierte jener „Erdapfel“ auf dem Kartenwerk des Ptolemäus (2. Jh. n. Chr.), es flossen aber auch Erkenntnisse zeitgenössischer Kartografen ein. Aktuell war er nicht mehr: Bereits im Jahr zuvor hatte Kolumbus Amerika genau dort entdeckt, wo sich auf Behaims Globus nur eine Wasserwüste fand.

[05.10.2019] universell, Adj.

alles umfassend, weltumspannend, allgemein; (schöpferisch) vielseitig, die verschiedensten Fachgebiete umfassend

Sie war die erste moderne universelle Enzyklopädie mit dem Anspruch, die nachfolgenden Generationen „nicht nur gebildeter, sondern zugleich tugendhafter und glücklicher“ zu machen. Zwischen 1751 und 1780 arbeiteten 142 Personen sorgfältig und methodisch überlegt an dem Mammutwerk, das aus 35 Bänden besteht und neben der Wissenschaft und der Kunst auch Handwerk und Technik beschreibt. Der geistige Kopf dieses Unterfangens war niemand anderes als der Belletrist, Übersetzer und Philosoph Denis Diderot, der heute vor 306 Jahren zur Welt kam.

[04.10.2019] inspirieren, Vb.

jmdn. zu etw. geistig anregen, anspornen, begeistern

Er habe sich geweigert, seinen „berühmten Pinsel den Regeln zu unterstellen“, ungebildet sei er gewesen und nicht sehr charakterstark. Nach Rembrandts Tod am 4. Oktober 1669 meldeten sich einige Kritiker zu Wort. Dabei war der Künstler auch schon zu Lebzeiten höchst erfolgreich und geachtet, verkaufte seine Gemälde an Königshäuser und bildete in seiner Werkstatt rund 50 Schüler aus, die, obwohl sie weder Kost noch Logis erhielten, über Jahre bei ihm blieben und für ihn arbeiteten. Seine Malerei im Besonderen inspirierte auch in den folgenden Jahrhunderten viele Künstlerkollegen, so Delacroix, van Gogh und Picasso.

[03.10.2019] Einheit, die

die ein Ganzes bildende Verbundenheit, Unteilbarkeit, Ganzheit

Das Wort „Einheit“ taucht zuerst im 15. Jh. als eine der vielen Möglichkeiten auf, das lateinische „ūnitās“ zu übersetzen. Von Anfang an besitzt es annähernd die heutigen Hauptbedeutungen, „das Einssein“ (als Einheitlichkeit, geschlossenes Ganzes usw.) und „die Einzelgröße, das Element“ (z.B. in den Naturwissenschaften). Zunächst auf die theologisch-philosophische und mathematisch-technische Literatur beschränkt, orientiert sich seine Verwendung seit dem 18. Jh. stärker am Vorbild des französischen „unité“. Auf der heute dominierenden Bedeutung (wie oben nachzulesen), sie ist seit etwa dem 17. Jh. zu erkennen, basiert auch der Begriff „Tag der deutschen Einheit“.

[02.10.2019] horribel, Adj.

veraltet: schauderhaft, entsetzlich

Vordergründig dreht sich alles um die Liebe, um Schein und Sein. Und doch spielt in dem barocken Lustspiel „Horribilicribrifax“ die Sprache die Hauptrolle. Personen wie der eingebildete Schulmeister oder zwei Hauptleute überbieten sich in ihren Streitreden mit lateinischen und griechischen Zitaten, werfen mit falsch gewählten Fremdwörtern nur so um sich. Die gestiftete Sprachverwirrung dient nicht nur der Komik: Die „defekte Sprache“ sollte beim Hörer den Wunsch nach „Puritas“, nach einem reinen Deutsch wecken. Der Autor Andreas Gryphius wurde heute vor 403 Jahren geboren.

[01.10.2019] pünktlich, Adj.

zur festgesetzten, verabredeten Zeit, auf die Minute genau

„Pünktlichkeit“ und „Bahn“ gehen in Europa nicht immer Hand in Hand. Außer man spricht von der „Konkurrenz“, und da ist der japanische Shinkansen (eigentlich die Bezeichnung des Streckennetzes, nicht der zahlreichen Zug-Versionen) uneinholbares Vorbild. Er trumpft mit hoher Reisegeschwindigkeit und Verspätungen nur im Sekundenbereich. Der Branchenprimus hat allerdings auch einen großen Vorteil: Er muss sich seine Gleise nicht mit Nah- oder Güterverkehr teilen. Am 1. Oktober 1964 wurde der erste Abschnitt des nun über 2300 km langen Netzes eröffnet.

[30.09.2019] Intrige, die

heimliche, hinterlistige Machenschaften, durch die man sein Ziel zu erreichen sucht, Ränkespiel

Schon der junge Ludwig XIV. war Meister im politischen Ränkespiel: Als am 30. September 1661 der neue schwedische Botschafter in London einzog, wies der 22-Jährige seine Diplomaten an, einen Eklat anzuzetteln: Sie sollten sich an die Spitze des Begleitzuges setzen – und zwar vor die spanische Delegation, die diesen Platz für sich beanspruchte. Schüsse fielen, es gab Tote. Zwar blieben die Spanier in diesem „Kutschenstreit“ Sieger, doch Ludwig nutzte den Skandal, um die militärisch geschwächte Großmacht unter Druck zu setzen. Sie musste seine Dominanz am Ende anerkennen.

[29.09.2019] Dunkel, das

Dunkelheit; Undurchsichtigkeit, Geheimnis

Er war ein Ausnahmetalent, bewundert und gehasst, arbeitete für Fürsten und kirchliche Würdenträger, erlangte ihr Protektorat. Vielleicht nicht ganz unparteiische Quellen beschreiben ihn als promisk und unberechenbar – um die Künstlerperson Michelangelo Merisi da Caravaggio wurde ein dunkler Mythos gewebt. Licht und Dunkelheit prägen aber nicht nur sein Leben, sie charakterisieren auch sein Werk: Er gilt als Meister des dramatischen Chiaroscuro, der Helldunkelmalerei, des Spiels mit Licht, Schatten und Räumen. Am 29. September 1571 kam er in Mailand zur Welt.

[28.09.2019] optimistisch, Adj.

von zuversichtlicher und bejahender Lebensauffassung

Er muss eine sehr vorausschauende Persönlichkeit gewesen sein. Der (vermutlich) am 28. September 1725 geborene Arthur Guinness pachtete, nachdem er sich einige Jahre zuvor als Bierbrauer selbständig gemacht hatte, direkt in der irischen Hauptstadt Dublin eine Brauerei. Das dunkle, obergärige „Dry Stout“, das er hier kreierte, sollte ihn weit über die Grenzen Irlands hinaus berühmt machen. Dass der umtriebige Bierbrauer von Anfang an große Pläne verfolgt hatte, beweist der Pachtvertrag, den er unterschrieb: Er war auf 9000 Jahre angelegt und endet am 31. Dezember 10759.

[27.09.2019] märchenhaft, Adj.

in der Art des Märchens, wunderbar und phantastisch wie im Märchen

Ihre vermeintliche Großmutter ist eine Hexe, sie eine schöne Gänsemagd. Im Wald begegnet sie dem Königssohn. Beide verlieben sich, doch wegen des Banns der betrügerischen Zauberin kann sie ihm nicht folgen. Der König stirbt, das Land ist ohne Herrscher, die Magd kann sich befreien, sucht und findet ihren Geliebten. Dieser wird jedoch vom Volk nicht als Thronfolger erkannt, das Paar wird verlacht und verjagt. Sie fliehen in den Wald und sterben dort in Liebe vereint. Heute vor 98 Jahren starb auch der Schöpfer dieser verkannten Oper „Königskinder“, Engelbert Humperdinck.

[26.09.2019] Vielfalt, die

Verschiedenartigkeit, Mannigfaltigkeit

Heute wird der „Europäische Tag der Sprachen“ volljährig. Initiiert 2001 durch den Europarat soll er uns an den Schatz erinnern, den die Vielfalt unserer Sprachen und der darin ausgedrückten Kulturen bedeutet. Dies gilt nicht nur für die 24 Amtssprachen der EU, sondern auch für die vielen Dutzend anderer Sprachen des Kontinents und die tausenden Sprachen der Welt. Als Projekt, das sich die Darstellung und den Erhalt der deutschen Sprache zur Aufgabe macht, sind wir an diesem Tag natürlich auch aktiv und laden Sie ein, einfach einmal durch unser Wörterbuch zu blättern.

[25.09.2019] abstrakt, Adj.

losgelöst von der Gegenständlichkeit, begrifflich, unanschaulich

Er nannte sie „self-contained units of human expression“ (in sich geschlossene Einheiten menschlichen Ausdrucks). Die großen, unklar abgegrenzten, bisweilen ineinander übergehenden Farbflächen auf meist riesigen Leinwänden, die sein Spätwerk charakterisieren, wurden zum Markenzeichen für Mark Rothko. Begeisterte Kritiker tauften sie „Multiforms“, er selbst nutzte diesen Begriff nie. Der Amerikaner, der am 25. September 1903 in Russland zur Welt kam, war über seinen Erfolg nur bedingt glücklich: Er wollte nicht, dass seine Kunst modisch ist, er wollte, dass sie verstanden wird.

[24.09.2019] Skaldendichtung, die

kunstvolle, nach strengen metrischen Gesetzen abgefasste, nordgermanische, besonders an Höfen vorgetragene Dichtung des 9. bis 14. Jahrhunderts, die vor allem Preislieder auf Fürsten, bäuerliche Helden, auf Heilige oder auf historische Ereignisse umfasst

„Hér skal heyra, hvé skáldin hafa kennt skáldskapinn eftir þessum heitum, er áðr eru rituð“ – „Hier kann man hören, wie die Skalden das Dichten mit diesen Stilmitteln, die aus alten Zeiten überliefert sind, gelehrt haben.“ Diese Worte stammen aus der Snorra-Edda, einer isländischen Poetik des Dichters Snorri Sturluson, der im September 1241 verstarb. Sie sprechen von den Kenningar, den für die altnordische Dichtung typischen, der Metapher ähnlichen Vergleichen. Sein Handbuch der Skaldendichtung lehrt nicht nur isländische Verskunst, es ist zudem ein Hort altnordischer Mythologie.

[23.09.2019] Idyll, das

Bild, Bereich eines friedlichen, einfachen, beschaulichen, meist ländlichen Lebenszustandes

Ironie und Idylle, Humor und Beschaulichkeit halten sich in den Bildern Carl Spitzwegs stets die Waage. Seine Bilder zeichnen eine Welt der engen, verwinkelten Städtchen, der beschaulichen Landschaften, zugleich eine Welt, in der schrullige Bücherwürmer und Kakteenliebhaber ihren Steckenpferdchen nachgehen. Politisches fehlt fast völlig, weshalb er oft als der Maler des Biedermeier verkannt wird. Spitzweg selbst war jedoch kein weltfremder Künstler. Der studierte Apotheker war ein cleverer Geschäftsmann, der erfolgreich mit Währungen spekulierte. Er starb heute vor 134 Jahren.

[22.09.2019] Umzug, der

das Umziehen in eine andere Wohnung, Wohnungswechsel, Übersiedelung

Jeder zieht mal um – Studenten, Haustiere, Lexikographen und manchmal sogar Tempel. Die beiden Tempel beim südägyptischen Abu Simbel waren im 13. Jh. v. Chr. für Pharao Ramses II. und seine Frau Nefertari als Verbindungsstelle zwischen Götter- und Menschenwelt und so als himmlische Legitimation weltlicher Macht errichtet worden. Sie mussten in der Neuzeit aufwändig gut 60 Meter höher versetzt werden, um nicht in den Fluten des neu aufgestauten Nassersees zu versinken. Am 22. September 1968 wurde der letzte Block dieser beeindruckenden Anlage an seinen neuen Ort verbracht.

[21.09.2019] Backpulver, das

pulverförmiges Treibmittel für den Teig

Ob Sauer- oder Hefeteig, beim Backen ist das Grundprinzip seit Jahrtausenden unverändert geblieben: Bakterien bzw. Pilze produzieren als kleine Helferlein CO₂, das den Teig aufgehen lässt. Ein Prozess, der freilich seine Zeit braucht. Und so verfolgten seit dem 19. Jh. Chemiker unabhängig voneinander die Idee, chemisch gebundenes CO₂ in den Teig zu geben. Durchschlagenden kommerziellen Erfolg hatte allerdings nur August Oetker. Sein Kniff: Er verkaufte sein Backtriebmittel portionsweise in kleinen Tütchen. Heute vor 116 Jahren meldete Oetker sein Backpulver zum Patent an.

[20.09.2019] Natur, die

alle außerhalb und unabhängig vom Bewusstsein existierenden Dinge und Erscheinungen, die nicht durch die Tätigkeit des Menschen geschaffen wurden; (unberührte) Landschaft mit ihrer Pflanzenwelt und Tierwelt

„Die Natur muss gefühlt werden“ schrieb Alexander von Humboldt und tat genau dies während seiner Forschungsreisen: Er „fühlte“ (in Form zahlreicher Experimente), dokumentierte die Ergebnisse und fasste sie für die Nachwelt zusammen. Am heutigen Humboldt-Tag wird das Leben und Werk eines Ausnahmewissenschaftlers gefeiert, der die Erforschung der Natur nicht nur für Gleichgesinnte betrieb, sondern sie popularisierte, für Laien zugänglich machte. Er setzte damit ein Zeichen, das auch viele der Menschen anerkennen, die heute in über 2000 Städten weltweit für den Klimaschutz auf die Straße gehen.

[19.09.2019] kupfern, Adj.

aus Kupfer; von der Farbe des Kupfers, kupferfarben

Er ist ein, wenn auch trauriger, Sensationsfund: Ötzi wurde heute vor 28 Jahren genau an der Stelle entdeckt, wo er vor etwa 5300 Jahren gerade satt geworden ist, wo er angeschossen, frostgetrocknet und mumifiziert wurde. Die Pfeilspitze im Rücken lässt Tragisches vermuten. Für die Wissenschaft heute ist der kupferzeitliche, mit kupfernem Beil bewaffnete und mittlerweile kupferfarbene Ötzi aber ein Schatz zahlreicher neuer Erkenntnisse: Ob Herkunft, Garderobe, Speiseplan oder Krankenakte, dieser Mann im Eis hat viel über sich preisgegeben – und über die Zeit, in der er lebte.

[18.09.2019] rotieren, Vb.

sich im Kreis (um etw. oder um die eigene Achse) drehen

Es war nicht der erste Nachweis der Erdrotation, aber sicher der spektakulärste: Der Autodidakt León Foucault, heute vor 200 Jahren geboren, hatte zunächst in seinem Keller experimentiert, nun hängte er ein 67 Meter langes Pendel im Pariser Panthéon auf und ließ es schwingen. Eine Spitze am Gewicht zeichnete die Bewegung in ein Sandbett. Was zeigte sich? Keine gerade Linie, sondern eine sich langsam auffächernde, engmaschige Rosette. Auf das Pendel selbst aber wirkten keinerlei Kräfte ein. Es musste also der Boden selbst sein, der sich unter ihm bewegte.

[17.09.2019] Gewerkschaft, die

Vereinigung von Arbeitern oder Angestellten (einer bestimmten Berufsgruppe) zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Interessen

„Za naszą i waszą wolność“ – „Für unsere und eure Freiheit“. Der Kampf gegen eine unterdrückende Obrigkeit, ob Besatzer oder ein eigenes autoritäres Regime, hat in Polen eine lange Tradition. Und so verwundert es nicht, dass mit der Gründung der Solidarność (Solidarität), der ersten unabhängigen Gewerkschaft in einem realsozialistischen Land, am 17. September 1980 genau dort in unserem östlichen Nachbarland der erste Dominostein fiel, der innerhalb von zehn Jahren zur Erosion des Ostblocks führte und auch die Wiedervereinigung Deutschlands als freies Land ermöglichte.

[16.09.2019] Entwicklung, die

Reifeprozess des Menschen; Bildung, Entstehung

Als Jean Piaget am 16. September 1980 starb, verlor die Welt einen Pionier der Entwicklungsforschung und einen innovativen Erkenntnistheoretiker. Der Genfer, der schon als Kind wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte, erforschte die kognitiven Fähigkeiten von Säuglingen und Kleinkindern – wie sie sich z. B. Raumkonzepte aneignen – und schuf so nicht nur die Grundlagen einer wissenschaftlich fundierten Entwicklungsforschung, sondern übertrug die Empirie auch auf die Erkenntnisforschung als solche, indem er die Erkenntnis biologisch als aus der Wechselwirkung mit der Umwelt entstanden zu erklären suchte.

[15.09.2019] Zusammenbruch, der

durch äußere, innere Einwirkungen bewirktes plötzliches Ende, Aufhören der Existenz, Ruin

Es war das Symbol der Finanzkrise von 2008: Tausende entlassene Banker, in der linken Hand den Pappkarton mit ihren persönlichen Habseligkeiten, in der rechten den „pink slip“, den rosafarbenen Entlassungsbescheid. Die Ursachen der Krise waren komplex: Auslöser waren faule Hypothekenkredite, die zu Wertpapieren gebündelt als lohnendes Investment auf den Finanzmärkten platziert worden waren. Der tiefere Grund lag jedoch in den ungleichen Vermögensverhältnissen in den USA, die einen gewissen Lebensstandard nur noch über Kredite zuließen. Heute vor elf Jahren meldete die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an und erklärte somit ihren Zusammenbruch.

[14.09.2019] Zusammenhang, der

wechselseitige Beziehung, Verbindung zwischen Dingen oder Sachverhalten

Der preußische König soll – einer Anekdote zufolge – den jungen Alexander von Humboldt gefragt haben, ob er denn wie sein (Vor-)Namensvetter die Welt erobern wolle. Dessen Antwort: „Ja, Sire, aber mit dem Kopf!“ Dies ist ihm mit Sicherheit gelungen. Er erkannte als erster die Zusammenhänge zwischen Beschaffenheit der Erde, Klima, Flora und Fauna. Und wer seine spannenden Vorträge nachliest, in denen er zwischen Physik, Astronomie, Biologie und Geografie einen Bogen spannt, meint, einem Zeitalter beim Denken zuhören zu können. Heute vor 250 Jahren war sein Geburtstag.

[13.09.2019] Wunderkind, das

Kind, das für sein Alter ungewöhnlich begabt ist und Ungewöhnliches leistet

Fünf Jahre nach ihrer Geburt am 13. September 1819 begann ihre Ausbildung zum Wunderkind, mit neun Jahren konzertierte sie vor großer Öffentlichkeit, mit elf Jahren komponierte sie eigene Werke. Ihr strenger Vater trainierte jeden ihrer Griffe, schrieb ihr Tagebuch, kontrollierte jeden Schritt. Um ihren Verlobten Robert Schumann heiraten zu können, musste Clara Wieck durchbrennen. Ihrer Karriere tat dies zunächst keinen Abbruch, als Clara Schumann spielte sie erfolgreich Tourneen. Ihre Rolle als Ehefrau und Mutter drängte sie jedoch zunehmend hinter die Kulissen.

[12.09.2019] Staatsoberhaupt, das

jmd., der an der Spitze des Staates steht und ihn nach innen und außen repräsentiert

Er hat politisch wenig mitzureden, seiner Wahl geht häufig ein Parteiengeschacher voraus. Und doch genießt der Bundespräsident allgemein hohes Ansehen. Das ist sicher auch ihm zu verdanken: Theodor Heuss (1884–1963), der am 12. September 1949 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, war ein politisches Schwergewicht. Dem Publizisten und Politikwissenschaftler, der als FDP-Abgeordneter maßgeblich am Grundgesetz mitgewirkt hatte, gelang es, im In- und Ausland Vertrauen für die junge Republik zu wecken. Und bei der Bevölkerung war der Schwabe mit der sonoren Stimme ausgesprochen beliebt.

[11.09.2019] Fürsorge, die

Sorge um jmdn., jmdn. umsorgende Hilfe, Pflege; historisch: öffentliche Einrichtung zur Hilfe, Betreuung wirtschaftlich, gesundheitlich, sittlich in Not oder Gefahr befindlicher Personen

Schon in der Gründungsurkunde vom 11. September 910 steht: Es sei die Pflicht der Benediktiner in der neuen Abtei Cluny, sich den Armen zu widmen, für sie zu sorgen – vor Ort und im benachbarten Weiler. Dies wurde mit der für Cluny charakteristischen Pflicht des Totengedenkens verknüpft: Jährlich an jedem Todestag eines Mönchs sollte in dessen Namen ein Armer gespeist werden. Eine schöne Geste, jedoch: 250 Jahre nach der Gründung standen bereits 18.000 Verstorbene im Totenbuch – die Abtei konnte sich das nicht mehr leisten; so wurde das Prinzip gezwungenermaßen überdacht.

[10.09.2019] Autorengruppe, die

Vereinigung, Kreis von Autoren, die sich für gemeinsame Ziele einsetzen; mehrere Autoren, die etwas gemeinsam tun

Sie war weder Club noch Verein, sie hatte weder Satzung noch Programm: Die Treffen der „Gruppe 47“ waren unprätentiös, fast schon improvisiert: Die Autoren – darunter Alfred Andersch, Günter Grass, Heinrich Böll, Ilse Aichinger und andere –, die sich im September 1947 auf Einladung Hans Werner Richters zusammenfanden, wollten sich aus der Erfahrung des Krieges heraus von der Vergangenheit absetzen, eine Schule der Demokratie sein. Trotz ihrer lockeren Organisationsform sollte die Gruppe für die Literatur der Bundesrepublik zur einflussreichsten Institution werden.

[09.09.2019] Liedermacher, der

(gesellschaftskritischer) Künstler, der Lieder mit eigenen Texten komponiert, vorträgt und in der Regel mit einem Instrument begleitet

Im Jahr 1963 schlossen sich 14 Künstler, vor allem Dichter und Sänger, zusammen, um eine Bewegung zu gründen, die musikalische Folklore und politisches Engagement vereinen sollte: Die Nueva canción, erst in Argentinien, dann in ganz Lateinamerika, getragen von Liedermachern des Volkes, bewaffnet mit Gitarre und Mikrofon. Unter ihnen Größen wie Mercedes Sosa (Argentinien) und Víctor Jara (Chile). Viele Lieder handelten vom Wunsch nach Frieden und Freiheit und von der Schwere des kolonialen Erbes – der weiten Rezeption in Nordamerika und Europa tat dies jedoch keinen Abbruch.

[08.09.2019] beamen, Vb.

mittels einer entsprechenden Vorrichtung Stoffliches (Gegenstände, Personen o. Ä.) von einem Ort oder Zeitpunkt an einen anderen Ort oder Zeitpunkt befördern, ohne den dazwischen liegenden (Zeit)raum zu durchqueren

Als am 8. September 1966 die erste Folge der Serie Star Trek, „The Man Trap“, in den USA erschien, erblickte auch eine der neben Phasern und Warpantrieb ikonischen Techniken dieses Serienuniversums das Licht der Welt: Während Teleportation schon länger im Phantasy-Bereich bekannt war, erhielt hier das Beamen erstmals eine „wissenschaftliche“ Grundlage – auch wenn wir uns immer noch fragen, wie Heisenberg-Kompensatoren eigentlich funktionieren. Der Grund für dieses Element ist simpel: Serienschöpfer Roddenberry wollte teure und langweilige Shuttle-Landesequenzen einsparen.

[07.09.2019] gleichberechtigt, Adj.

mit gleichen Rechten

„Die Frau hat das Recht, auf das Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Rednertribüne zu besteigen“: Die berühmten Worte aus der „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ von 1791 forderten gleiche Pflichten, gleiche Strafen, aber eben auch gleiche Rechte für die Frau. Die Autorin: Olympe de Gouges, Tochter einer Wäscherin, Theaterautorin, politische Aktivistin. Ihr Engagement brachte ihr 1793 – ohne je gleichberechtigte Bürgerin gewesen zu sein – den Tod auf der Guillotine. Das Frauenwahlrecht wurde in Frankreich erst 151 Jahre später Realität.

[06.09.2019] treffen, Vb.

mit einem Schuss, Wurf, Stoß, Schlag, Stich, Hieb, ein Ziel erreichen

Schon Mark Twain zog die Realität der Literatur vor, da erstere sich nicht nach Wahrscheinlichkeiten zu richten habe. Am 6. September 1951 wurde in Berlin das nach dem Krieg wiederaufgebaute Schillertheater mit einer Aufführung von Wilhelm Tell eröffnet. Zur gleichen Zeit erschoss der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs in Mexiko-Stadt betrunken seine Frau, als er versuchte, die berühmte Apfel-Szene daraus nachzuspielen – was sein Sohn, Augenzeuge des „Unfalls“, später literarisch verarbeitete. In Berlin wurde besser gezielt.

[05.09.2019] Leidensdruck, der

aus einer schwierigen, als ausweglos empfundenen Lebenssituation resultierende seelische Belastung, die bei der darunter leidenden Person die Bereitschaft erzeugt, zur Änderung der Situation aktiv beizutragen

Die Patentschrift Nr. 110888 vom 5. September 1899 legitimierte nicht nur eine höchst nützliche Erfindung, sie entpuppte sich gleichsam als, wenn auch stilles, Medium der Emanzipation. Das darin angemeldete „Frauenleibchen als Brustträger“ machte nämlich schnell Karriere. Es ersetzte eine Funktion des äußerst unbeliebten Korsetts, welches die Frauen so einschnürte, dass sie darin kaum atmen oder sich frei bewegen konnten. Es ist folglich auch kein Wunder, dass dieser erste verstellbare BH von einer Frau, der Dresdnerin Christine Hardt, entwickelt wurde.

[04.09.2019] Freiheit, die

politische Unabhängigkeit im Hinblick auf Staat und Gesellschaft; Unabhängigkeit von äußerer, innerer Unterdrückung; Möglichkeit, Recht, etw. ungehindert tun zu können, sich ungehindert entfalten, betätigen zu können

Es begann 1982 in der Leipziger Nikolaikirche mit wöchentlichen Friedensgebeten gegen das Wettrüsten, doch mehr und mehr wurden Forderungen nach persönlicher Freiheit laut, mehr und mehr ging man auf die Straße – am 4. September 1989 erstmals als große „Montagsdemonstration“ mit 1200 Teilnehmern. In anderen Städten der DDR zog man nach. Innerhalb weniger Wochen kamen (diesmal wieder in Leipzig) über 300 000 Aktivisten zusammen und damit eine ungeheure Kraft zivilen Ungehorsams. Der signifikante Ruf „Wir sind das Volk!“ wurde die Parole der Friedlichen Revolution.

[03.09.2019] freikaufen, Vb.

⟨jmdn., sich freikaufen⟩ jmds., seine eigene Freiheit (mit Geld) erkaufen

Auch im Mittelalter galt, man sieht sich immer zweimal: Der vielbewunderte Richard Löwenherz, am 3. September 1189 zum englischen König gekrönt, glaubte während des Kreuzzuges die vom österreichischen Erzherzog Leopold erhobenen Ansprüche auf Ehre und Beute ignorieren zu können. Doch der drehte den Spieß um. Als sich Richard 1192 bei der Rückreise verkleidet durch Leopolds Lande schleichen wollte, flog er auf, wurde vom frohlockenden Herzog eingekerkert und dem deutschen Kaiser übergeben. Es floss ein wahrhaft königliches Lösegeld: 100.000 Mark Reinsilber, insgesamt über 23 Tonnen!

[02.09.2019] Sopran, der

hohe Singstimme; höchste menschliche Stimmlage; Sopranistin

„Sie hat ein sehr gutes Urteilsvermögen, um schlechte von guter Musik zu unterscheiden (…) und daher kommt es auch, dass sie absolut beherrscht, was sie singt, und den Sinn der Wörter vollkommen ausspricht.“ Die lobenden Worte waren kein Einzelfall: Die Sopranistin Leonora Baroni (1611–1670) gilt als einflussreichste Gesangssolistin des 17. Jahrhunderts, die mit ihrem umfassenden musikalischen Talent Kardinäle, Päpste, selbst den französischen König in ihren Bann zog und als Künstlerin ein für die Zeit bemerkenswert selbstständiges, auch politisch aktives Leben führte.

[01.09.2019] Überfall, der

überraschender Angriff von militärischen Kräften auf einen unvorbereiteten Gegner, Staat

Der völkerrechtswidrige Angriff auf Polen am 1. September 1939 hatte ein zynisches Vorspiel: Um einen polnischen Übergriff vorzutäuschen und damit der deutschen Propaganda einen Vorwand zu liefern, überfielen SS-Männer am Vorabend den schlesischen Radiosender Gleiwitz und setzten auf Polnisch einen fingierten Aufruf zum Aufstand ab. Tatsächlich war der Angriffskrieg längst vorbereitet. Das Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August sah die Zerschlagung Polens vor, bereits am 22. August hatte Hitler den versammelten Militärs seine Eroberungspläne verkündet.

[31.08.2019] Groschen, der

Münze im Wert von zehn Pfennigen, Zehnpfennigstück

„Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat.“ Alltag im Londoner Soho: Hier treibt der Dieb Mackie Messer sein Unwesen und von ihm handelt nicht nur die besagte Moritat, sondern die gesamte Oper, die am 31. August 1928 im gerade eröffneten Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde. Die Proben standen unter keinem guten Stern, es kam zu Un- und Ausfällen, nur wenige glaubten an einen Erfolg. Die Premiere von Brechts „Dreigroschenoper“ jedoch zerschlug nicht nur die Zweifel, sie übertraf sogar alle Erwartungen.

[30.08.2019] Gänsehaut, die

grobkörnige Haut, die man vor Kälte, Schreck, Furcht bekommt und die der Haut einer gerupften Gans ähnlich ist

Die Entstehungslegende hat selbst fantastische Züge: Von Regen und Donner eingeschlossen saßen sie im Haus beisammen, fünf dichtende Freigeister, für ihr Lotterleben verschrien, nach Kurzweil dürstend, dem Grusel zugetan. Man erzählte sich Schauergeschichten: Byron, Polidori, Clairmont und die Shelleys – Mary Shelley blieb zunächst ohne Idee, des Nachts jedoch träumte sie von einem „bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien⟨d⟩, das er zusammengesetzt hatte.“ So kamen in dieser Nacht Frankenstein und sein Monster zur Welt. Mary Shelley selbst 19 Jahre zuvor, am 30. August 1797.

[29.08.2019] atmen, Vb.

Luft holen und ausstoßen; Sauerstoff gegen Kohlendioxid austauschen

Auch wenn die größtenteils illegale Brandrodung seit langem ein Problem für den Amazonas-Regenwald darstellt, sind die aktuellen Großfeuer dort anders als früher ins Blickfeld nicht nur einer breiten Öffentlichkeit, sondern auch führender Staatsleute geraten und somit zum internationalen Politikum geworden. Das liegt zum einen an der schieren Menge – seit Jahresbeginn waren es über 75 000 Brände – und zum anderen an der gestiegenen Sensibilität für Klimafragen. Der Amazonas-Regenwald ist einer der wichtigsten CO₂-Speicher der Welt.

[28.08.2019] Hochkultur, die

Soziologie: bei den gebildeten (oberen) Schichten einer Gesellschaft als beispielhaft geltende kulturelle, speziell künstlerische Ausdrucksformen einschließlich der sie pflegenden Institutionen wie Museen, Theater, Orchester o. Ä.

Als Johann Wolfgang v. Goethe geboren wurde, arbeitete Bach noch an seiner „Kunst der Fuge“, als er starb, verkehrten in England regelmäßig Züge. Seine Zeit – eine Ära wissenschaftlicher Umwälzungen, politischer Revolutionen, entfesselter Kriege – hat er in einem Œuvre ohnegleichen dichterisch, wissenschaftlich und philosophisch verarbeitet. Doch seine geistige Offenheit, seine Idee, Brücken zwischen den Religionen und Weltanschauungen zu schlagen, haben in der Mit- und Nachwelt nur wenige verstanden. Bis heute wird Goethe mehr verehrt als gelesen. Vor 270 Jahren kam er zur Welt.

[27.08.2019] Aktfotografie, die

Bereich der Fotografie, der die Aktdarstellung zum Gegenstand hat

„Dada kann nicht in New York leben. New York ist Dada und wird keinen Rivalen dulden.“ So wurde er ein Amerikaner in Paris und Teil der europäischen Avantgarde, erst als wenig erfolgreicher bildender Künstler, dann als gefragter Fotograf: „Ich wollte ja“, so sein ironisches Resümee, „Geld machen – nicht auf Anerkennung warten“. Seine mutigen, progressiven Experimente mit den Grenzen von Subjekt, Objekt und Licht, vor allem in seiner Porträt- und Aktfotografie, haben Man Ray am Ende beides eingebracht. Am 27. August 1890 kam er in Philadelphia zur Welt.

[26.08.2019] Typoskript, das

maschinengeschriebenes Manuskript

Als 1974 in der DDR postum Brigitte Reimanns unvollendeter Roman um die Protagonistin Franziska Linkerhand und ihr Leben im Spannungsfeld von Idealismus und sozialistischem Alltag erschien, wurde bald gemunkelt, es seien viele der Zensur unliebsame Passagen gestrichen worden. Das Buch schlug dennoch wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit im Osten hohe Wellen. 1998 konnte dann eine ungekürzte Ausgabe erscheinen; es hatte sich herausgestellt, dass aus dem Typoskript tatsächlich rund 4 % des Textes entfernt worden waren.

[25.08.2019] unausgegoren, Adj.

abwertend: noch nicht bis zur Vollendung ausgeprägt, ausgereift und daher unfertig, unklar wirken

Als der englische Kaufmann Peter Durand erstmals Fleisch und Gemüse in eine Metalldose einlötete, hatte er die Welt um eine geniale Methode bereichert, Lebensmittel dauerhaft haltbar zu machen. Doch war die am 25. August 1810 patentierte Erfindung noch unausgegoren: Durch Hitze sterilisiert und fest in dickes Weißblech verschweißt, hielten Lebensmittel zwar ewig, zugleich war das Behältnis aber praktisch „unkaputtbar“. Ohne Dosenöffner, er wurde erst 60 Jahre später erfunden, musste man sich mit Hammer, Meißel oder Schere behelfen, was selten ohne Blessuren ablief.

[24.08.2019] Schrifttafel, die

kleine bis mittelgroße Platte, meist aus Ton, auf die mithilfe eines Griffels o. Ä. Symbole und Schriftzeichen eingeritzt wurden, altes Schriftzeugnis

Raub, Mord und Brände brachten das jüdische Leben in Köln während eines der blutigsten Pogrome der Stadtgeschichte zum Erliegen. Die Bartholomäusnacht 1349 wurde lange verschwiegen, sie hinterließ aber ihre Spuren. Diese werden seit den 1950er Jahren von Archäologen sorgsam ans Licht gebracht: Eine Synagoge, rituelle Bäder, Wohnhäuser und Gruben. Außerdem ein ganz besonderer Befund: Etwa 100 000 Schrifttafelfragmente mit eingeritzten Graffitis, Grammatikübungen, ja sogar mit einem Stück eines mittelhochdeutschen Romans in hebräischer Schrift.

[23.08.2019] Wahrzeichen, das

etw., das charakteristisch für etw. ist, Zeichen, das symbolhaft für etw. ist, besonders als charakteristisches Merkmal einer Stadt, Landschaft

Das Brandenburger Tor ist 26 m hoch, der Eiffelturm sogar 324 m. Das Wahrzeichen Dänemarks bringt es gerade mal auf 1,25 m – und ist doch nicht weniger bekannt. Jedenfalls knipsen täglich unzählige Touristen ein Selfie mit der von Bildhauer Edvard Eriksen (1876–1959) geschaffenen und am 23. August 1913 aufgestellten Skulptur der Kleinen Meerjungfrau. Ihre Prominenz brachte allerdings auch Ungemach: Sie war Ziel von Sprengstoff- und Farbanschlägen und 2010 setzte ein Spaßvogel gar ein menschliches Skelett an ihren Platz, komplett mit anatomisch „korrekten“ Fischgräten und Flosse.

[22.08.2019] Synkope, die

(Musik) rhythmische Verschiebung durch Bindung eines unbetonten Wertes an den folgenden betonten

Die Inspiration für Claude Debussys 2. Satz der „Suite Bergamasque“ war wohl Verlaines Gedicht „Clair de Lune“, das die Seele als melancholisch-romantisierte, im Mondlicht entrückte Landschaft verklärt. Gerade jene Entrückung charakterisiert auch Debussys gleichnamige Komposition: verschleierte Rhythmen (9/8-Takt mit Synkopen), Beginn in hohen Oktaven mit erst spät einsetzender Basslinie – „Clair de Lune“, 1890 komponiert, gibt einen Vorgeschmack auf den von Debussy später geprägten musikalischen Impressionismus. Am 22. August 1862 kam der Franzose zur Welt.

[21.08.2019] eingekeilt, Adj.

von allen Seiten beengt, umdrängt

„Ich kann so nicht arbeiten!“ Der Stoßseufzer Adelbert von Chamissos war nicht unberechtigt. Wie Schlemihl, Held seines Märchens, ging auch der Literat und Botaniker auf Weltreise – als wissenschaftlicher Begleiter auf einer kleinen Brigg, unter beengten Verhältnissen: Für den eigenen Bedarf gab es zwei Schubladen, um einen Arbeitsplatz am Esstisch musste er sich mit den Offizieren balgen und das Pflanzensammeln sah der Kapitän gar nicht gern. Am Ende hatte er dann doch ein Herbarium und wissenschaftliche Studien en masse im „Gepäck“. Der 21. August 1838 ist sein Todestag.

[20.08.2019] Klima, das

für ein bestimmtes geografisches Gebiet durchschnittlicher Zustand der Atmosphäre, typische Art und wiederkehrender Ablauf der Witterung

Alles begann am 20. August 2018, ein Teenager lässt die Schule sausen und stellt sich auf die Treppen des Stockholmer Reichstags, in den Händen ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“). Dieser Teenager heißt Greta Thunberg und mit jenem solitären Akt begründete sie die mittlerweile global gewordene Streikbewegung „Fridays for Future“. Seither bereist sie (gerade mit dem Segelboot über den Atlantik) die Welt und kämpft für einen Paradigmenwechsel in der Politik – und einen Geisteswandel in der Gesellschaft.

[19.08.2019] kopflos, Adj.

ohne Kopf, unüberlegt, unbesonnen

Zeitzeugen beschrieben sie als ausgesprochen intelligent, nach ihrer Rückkehr aus Frankreich am 19. August 1561 zeigte sich aber, dass die 18-jährige, jüngst verwitwete und streng katholische Maria Stuart mit den schwierigen politischen Verhältnissen im von der Reformation gebeutelten Schottland überfordert war. Vieles geschah nun kopflos: Ehen, Bünde, Thronansprüche, Zusammenschlüsse, Trennungen. Es kam zu Aufständen gegen sie und sie wurde gefangen gesetzt, sie floh nach England, wo sie, nach erneuten 19 Jahren Haft, im wahrsten Sinne des Wortes kopflos den Tod fand.

[18.08.2019] zwiespältig, Adj.

in sich zerrissen, uneins, voller Widerspruch

Seine Reiterheere eroberten für ihn zwischen 1206 und 1227 ein Weltreich, verbreiteten mit einer auf nacktem Terror basierenden Kriegsführung Angst und Schrecken. Und doch bleibt das Bild, das Zeitgenossen von Dschingis Khan zeichnen, widersprüchlich. So schilderte der spätere Erzbischof von Split, Rogerius von Torre Maggiore, neben den Gräueltaten auch die Bedingungen unter mongolischer Herrschaft: „Wir hatten Frieden und geregelte Verhältnisse, jedem wurde sein Recht zuteil.“ Am 18. August 1227 starb Dschingis Khan. Nicht jeder dürfte geweint haben.

[17.08.2019] Individuum, das

Mensch als Einzelwesen (in seiner jeweiligen Besonderheit)

Gleich nach der Premiere am 17. August 1979 in New York hagelte es starke, sehr gegensätzliche Kritiken: Die einen bemerkten anerkennend, der Film sei „das unflätigste Bibelepos aller Zeiten, ebenso wie das bestgelaunte“, die anderen beklagten den in ihren Augen „abscheulichen und widerlichen Angriff auf religiöse Gefühle“. 40 Jahre später ist Brian von Nazareth vielen ans Herz gewachsen – und Monty Pythons nicht immer subtile Gags haben Wiedererkennungswert. Wer kennt nicht die richtige Antwort auf das Postulat „Ihr seid alle Individuen!“? Es ist ganz eindeutig: „Ich nicht!“.

[16.08.2019] Zukunftswerkstatt, die

Methode, die (...) die kreative Teilhabe aller Menschen an den sie betreffenden Entscheidungsprozessen und zukunftsweisenden Fragestellungen fördert

Die Gründung der Universität zu Berlin am 16. August 1809 nahm sich bescheiden aus. Ein Unigebäude gab es nicht, die Finanzierung war ungeklärt. Doch diese Universität war so etwas wie eine Zukunftswerkstatt, der eine bahnbrechende Idee zugrunde lag: Sie sollte völlig unabhängig und Teil einer Wissenschaftsgemeinschaft sein, in der Institutionen und Disziplinen, Professoren und Studenten zusammenwirken. Kaum zu glauben, dass ihr Schöpfer und späterer Namenspatron Wilhelm von Humboldt dieses Konzept in nur einem Jahr auf die Beine stellte.

[15.08.2019] prangen, Vb.

Schönheit, Glanz, Prunk zeigen

Es ist mit seiner zarten, nur sechs Töne umfassenden Melodie als Gute-Nacht-Lied in den deutschen Kanon eingegangen. Kaum ein Kind hat vor dem Einschlafen nicht schon einmal von den prangenden, gold’nen Sternlein gehört. Liest man aber den Text von Matthias Claudius (geb. am 15. August 1740) in seiner Gesamtheit – gemeinhin bekannt sind nur vier der sieben Strophen –, so zeigt sich eine ganz andere Lesart: Das „Abendlied“ wird zum sanften, unverzagten Todesgedicht, das Schlafen zum Entschlafen, das Nachtgebet zur Bitte um die Aufnahme ins Himmelreich.

[14.08.2019] menschenwürdig, Adj.

der Menschenwürde entsprechend, dem Menschen angemessen

Die Weimarer Republik hat heute den zweifelhaften Ruf einer Demokratie, die im Schraubstock extremistischer Bewegungen zugrunde ging. Diese Sichtweise verdeckt die vielen positiven Ansätze, insbesondere die der Weimarer Verfassung. Sie legte erstmals das Frauenwahlrecht fest, sicherte Grundrechte zu wie Gleichheit vor dem Gesetz, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Und sie stand für soziale Verantwortung: Das Recht auf ein „menschenwürdiges Dasein“ für alle war ausdrücklich als Verfassungsziel festgeschrieben. Heute vor 100 Jahren, am 14. August 1919, trat sie in Kraft.

[13.08.2019] Mitgefühl, das

Teilnahme am Leid des anderen

Sie vereine die „Zartheit und Güte ihres Geschlechts“ mit der „kühlen Klarheit des Mathematikers“, sie schrecke vor keinem Hindernis zurück und begegne doch den Bedürftigen mit Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Florence Nightingale wurde zeitweise wie eine Heilige verehrt. Dabei war sie sehr irdisch, pragmatisch, analytisch und kalkulierend, sie nutzte ihre Popularität als Druckmittel gegenüber Entscheidern und Geldgebern – und erreichte so eine Reformbewegung im Gesundheitswesen, die weltweit ihresgleichen sucht. Am 13. August 1910 verstarb sie 90-jährig in ihrem Londoner Haus.

[12.08.2019] Nachschrift, die

das Nachgeschriebene, die Nachschrift der Vorlesung, des Vortrages

Von den weltberühmten „Kosmos-Vorträgen“, die Alexander von Humboldt 1827/28 in der Berliner Sing-Akademie hielt, gibt es keine von ihm autorisierte Fassung. Den genauen Wortlaut kennen wir also nicht. Aber: Unter den 1000 Zuhörern saß „Frau Geheimräthin Henriette Kohlrausch“, ihres Zeichens bewanderte Botanikerin. Sie notierte seine Worte mit viel Sachverstand. Ihr Skript, das sie später in einer Nachschrift ausformulierte, gilt als einzige zuverlässige Überlieferung der Vorträge. Wer darin blättern möchte: Im Deutschen Textarchiv ist sie frei zugänglich – und ab heute auch als Buch erhältlich.

[11.08.2019] Abenteuer, das

a) ungewöhnliches, spannendes Erlebnis; b) gefahrvolles, verwegenes Unternehmen

Kaum jemand war so produktiv wie sie: Unermüdlich schrieb die Kinderbuchautorin Enid Blyton auf, was eine unerschöpfliche Imaginationskraft ihr zuflüsterte. Und wer kennt sie nicht, die Reihen um „Hanni und Nanni“, die „Fünf Freunde“ oder die „Abenteuer“. Trotz der eher einfachen Sprache und vorhersehbaren Handlungsstränge ist diese Welt, in der sich hinter jeder Hecke Geheimgänge und Verstecke auftun, bis heute ein literarischer Abenteuerspielplatz für Kinder geblieben, in dem es spannend, aber selten gefährlich zugeht. Der 11. August 1897 ist ihr Geburtstag.

[10.08.2019] Murks, der

salopp: fehlerhaft oder nachlässig ausgeführte Arbeit

Es hätte das furchterregendste Kriegsschiff seiner Zeit werden sollen. Tatsächlich übertraf die Galeone, die der schwedische König Gustav Adolf in Auftrag gegeben hatte, an Größe und Feuerkraft alles bislang Dagewesene. Allerdings erwies sich das Megaprojekt als peinliche Fehlkonstruktion: Das Gewicht der 64 Bronzekanonen drückte die Geschützpforten sehr nah an die Wasserlinie und die zwei Kanonendecks machten das Schiff gefährlich toplastig. Am Ende reichte eine harmlose Windböe – und die stolze Vasa ging auf ihrer Jungfernfahrt am 10. August 1628 sang- und klanglos unter.

[09.08.2019] neigen, Vb.

etw., sich aus der senkrechten oder waagerechten Stellung in eine schräge Lage bringen, etw., sich schräg stellen

Als am 9. August 1173 der Grundstein dieser berühmten Kampanile gelegt wurde, wussten die Bauherren noch nichts von der Besonderheit ihrer Stadt: Pisa war in der Antike – moderne Grabungen legen dies nahe – eine Venedig vergleichbare Insel gewesen. Entsprechend verhielt sich der sandige Boden unstet und konnte das Gewicht des neuen Baus nicht halten. Es dauerte keine fünf Jahre, gerade wurde die zweite Etage aufgesetzt, da begann sich der „Turm von Pisa“ langsam zu neigen. Heute steht er in stabiler Schieflage – und sorgt genau deshalb für einen stabilen Tourismus.

[08.08.2019] Hethiter, der

Volk, das im Altertum in einigen Regionen Kleinasiens siedelte; Angehöriger dieses Volkes

Die imposanten Ruinen des hethitischen Heiligtums Yazılıkaya aus dem 13. Jh. v. Chr. zählen zum Weltkulturerbe. Doch um ihre eigentliche Bedeutung weiß man erst seit diesem Sommer. Folgt man archäologischen Erkenntnissen, war die Kultstätte ein Mond-/Sonnenkalender, der es den Hethitern erlaubte, sich im Jahreslauf mit seinen immerhin 165 Feiertagen zurechtzufinden. Die Erkenntnis verweist einmal mehr auf die beeindruckenden Wissensstand der Hethiter, deren zum Indogermanischen zählende Sprache heute von einer jungen, engagierten Forschergemeinde untersucht wird.

[07.08.2019] Sklaverei, die

historisch: Zustand der Unfreiheit und Rechtlosigkeit, vollständige Abhängigkeit des Sklaven vom Sklavenhalter, besonders in der Sklavenhaltergesellschaft

Sie selbst musste die Schrecken der Sklaverei nicht mehr erleben. Aber die 1931 geborene Afroamerikanerin Toni Morrison wuchs in einer von Rassismus geprägten Gesellschaft auf: Beide Erfahrungshorizonte verarbeitete sie in ihren Romanen, Kurzgeschichten und Essays, untersuchte die verschiedenen Facetten einer das Leben und die Psyche bedrohenden, unfreien Existenz und öffnete damit einer Weltöffentlichkeit die Augen. Für „Menschenkind“ erhielt sie den Pulitzer-Preis, für ihr Gesamtwerk 1993 den Literaturnobelpreis. Und sie schrieb bis zuletzt. Am Montag verstarb sie friedlich in New York.

[06.08.2019] Kranich, der

großer, hochbeiniger Stelzvogel mit langem, walzenförmigem Leib, langem Hals und spitzem, geradem Schnabel

Als am 6. August 1945 die erste jemals in einem Krieg eingesetzte Atombombe auf Hiroshima fiel, war die kleine Sadako Sasaki gerade einmal zwei Jahre alt. Sie überlebte die Katastrophe, erkrankte aber zehn Jahre später an der „Atombombenkrankheit“ Leukämie. Einer japanischen Legende zufolge sollte das Falten von 1000 Origami-Kranichen den Tod abwenden können, also tat sie ihr Bestes, verstarb am Ende aber leider doch. Im Andenken an sie gelten Kraniche heute als Symbol für den Kampf gegen nukleare Waffen und für die Hoffnung auf weltweiten Frieden.

[05.08.2019] Spritztour, die

umgangssprachlich: kurze Reise, kleine Vergnügungsfahrt

1886 hielt Carl Benz das Patent für das erste Automobil in den Händen, doch niemand wollte einen seiner „pferdelosen Wagen“ haben. In dieser kritischen Lage „entführte“ seine Ehefrau Bertha Benz am 5. August 1888 das dreirädrige Gefährt und „raste” mit 20 km/h bei 2,5 PS in das 106 km entfernte Pforzheim. Kraftstoff besorgte sie sich in der Apotheke, für verstopfte Leitungen und blanke Drähte mussten Haarnadel und Strumpfband herhalten. Die 12-stündige Pionierfahrt ging in die Geschichte ein, und Carl konnte in den folgenden sechs Jahren immerhin 25 Exemplare verkaufen.

[04.08.2019] Nonsens, der

Unsinn, Sinnlosigkeit

Die Geschichte gilt als apokryph, aber sie ist erzählenswert: Als Louis Armstrong 1926 für Okeh Records die Jazznummer „Heebie Jeebies“ aufnahm, fiel, während die Aufzeichnung schon lief, sein Notenblatt zu Boden. Er wollte nicht unterbrechen, also sang er einfach weiter, hielt die Harmonien, aus dem Text aber wurde ein Konfetti aus Nonsens-Silben – Armstrong hatte damit ungewollt ein Musterbeispiel für den bis dahin noch kaum gehörten Scat geschaffen. Er wurde später Meister dieser Art der Improvisation. Heute wäre sein 108. Geburtstag.

[03.08.2019] Wassernixe, die

weiblicher Wassergeist

E.T.A. Hoffmann war nicht nur ein großer Dichter, er war ein Universaltalent: Jurist, Zeichner, Karikaturist, und, was vielen nicht bekannt ist, ein herausragender Musiker. Seine von Zeitgenossen hochgelobte romantische Oper „Undine“ basiert auf einer Erzählung (und letztendlich dem Libretto) Friedrich de la Motte Fouqués und handelt von der tragisch-magischen Liebe zwischen dem Ritter Huldbrand und einer Wassernixe. Am 3. August 1816 wurde sie im Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt (heute das Konzerthaus, direkt gegenüber dem DWDS) uraufgeführt.

[02.08.2019] Kettenreaktion, die

Physik, Chemie: Abfolge von physikalischen oder chemischen Prozessen, bei der der jeweils vorangehende Prozess bzw. dessen Produkt einen oder mehrere gleichartige Folgeprozesse auslöst

Großflächige Zerstörung, radioaktive Verseuchung: Der von Albert Einstein unterzeichnete Brief an den US-Präsidenten vom 2. August 1939 ließ kein Szenario aus, das von einer Nuklearexplosion zu erwarten war. Bedrohlich wirkte vor allem der Hinweis auf Carl Friedrich von Weizsäcker, deutscher Physiker und Sohn eines hochrangigen NS-Diplomaten, signalisierte dieser doch den Amerikanern: Die Deutschen arbeiten an der Bombe! Gab der Brief tatsächlich den Ausschlag für das „Manhattan-Projekt“? Einstein selbst bezeichnete das Schreiben später als einen großen Fehler.

[01.08.2019] ablenken, V.

übertragen: jmdn. von etw. abbringen; jmdn., sich zerstreuen, auf andere Gedanken bringen

Prokrastination hat manchmal ihr Gutes: Weil Otfried Preußler mit seinem Hauptwerk „Krabat“ nicht weiterkam, beschloss er, etwas Lustiges für Kinder zu schreiben, und erfand den Kaffeemühlen stehlenden, mit Pfefferpistole und sieben Messern bewehrten Räuber Hotzenplotz. Gemeinsam mit illustren Figuren wie Kasperl und Seppel, dem bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, der Fee Amaryllis sowie dem schrulligen Wachtmeister Dimpfelmoser erfreut er bereits die dritte Kindergeneration. Am 1. August 1962 erschien die Erstausgabe des Kinderbuchklassikers „Räuber Hotzenplotz“.

[31.07.2019] Schatzsuche, die

(systematische) Suche nach verborgenen Schätzen

Für Spaniens Staatskasse war der 31. Juli 1715 ein Debakel. Zerschmettert vom Hurrikan sank südlich von Cape Canaveral eine Flotte von 11 Schiffen – an Bord 14 Mio. Peso in Silber und Gold. Der Schatz, der das kriegsgebeutelte Land vor dem Bankrott hätte bewahren sollen, lag nun unerreichbar auf dem Meeresgrund. Man verdrängte die Katastrophe. 250 Jahre später aber weckten Silberfunde die Gier professioneller Schatzsucher. Taucher plünderten und zerstörten die meisten Wracks. Immerhin gibt es nun ein Museum in Sebastian, Florida, das die ganze Geschichte erzählt.

[30.07.2019] kauzig, Adj.

wunderlich, schrullig

Spröde und kauzig soll sie gewesen sein, die zurückgezogenste unter den Geschwistern Brontë. Emilys einziger Roman, „Wuthering Heights“, scheint dies zu spiegeln: Der misanthropische Sozialeremit Heathcliff, wenn man so will Protagonist und Antagonist zugleich, fühlt sich zum nordenglischen Moor stärker hingezogen als zu den Menschen, seine bis zum Wahnsinn geliebte Stiefschwester ausgenommen. Ob der Roman damit etwas über seine Autorin preisgibt oder nicht, müssen wir den Vermutungen der Biografen überlassen. Was wir aber sicher wissen: Heute ist ihr 201. Geburtstag.

[29.07.2019] Gefährte, der

jmd., der jmdm. stets zur Seite steht, Kamerad

Am 29. Juli 1954 erschien der erste Band der Tolkien’schen Trilogie „Der Herr der Ringe“. Die Rezeption war zunächst gespalten, die einen sprachen von einem nur schwer lesbaren Text mit wenig psychologischer Tiefe, die anderen von einem – im doppelten Wortsinn – phantastischen schöpferischen Meisterwerk. Heute zählt der Roman um den Halbling Frodo, den Zauberer Gandalf und den „einen Ring, sie alle zu knechten“ zu den meistverkauften aller Zeiten. Die in ihm realisierte, hochkomplexe fiktionale Welt fasziniert immer noch Millionen Fans auf allen Kontinenten.

[28.07.2019] Mythos, der

mündliche oder auch schriftliche, sagenhafte Überlieferung der Vorstellungen eines Volkes aus seiner Vorzeit, besonders über die Welt, Götter und Menschen

Tour de France – der Philosoph Roland Barthes beschrieb sie in einem Essay als modernen Mythos, einer Heldenreise vergleichbar, bei der die Pedalisten wie die Protagonisten der Odyssee ausziehen, Schmerzen erdulden, Hindernisse überwinden und Gegner bezwingen müssen. Doping, dass es 1957 natürlich schon gab, betrachtete er als Verrat an der Sache. Das sah Peter Sloterdijk 2008 etwas nüchterner und verwies darauf, dass es schließlich unmöglich sei, über 6 Stunden eine Leistung von 280 Watt und mehr auf die Pedale zu bekommen. Heute endet die diesjährige Tour der Schmerzen.

[27.07.2019] Exil, das

aufgrund von (staatlicher, religiöser) Verfolgung, Ausbürgerung, Verbannung erzwungener oder wegen als unerträglich empfundener politischer Verhältnisse freiwillig gewählter langfristiger Aufenthalt außerhalb des Heimatlandes

Sie war „eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb“ – so reflektierte Hilde Domin den eigenen Schaffensprozess. Nach der Flucht vor den Nationalsozialisten, erst in das italienische, dann in das englische, und schließlich in das dominikanische Exil, wandte sich die Jüdin und Sozialdemokratin der Schriftstellerei zu und machte sich vor allem als Lyrikerin einen Namen. Ihre Gedichte, hochkonzentriert, bildreich, mit einem starken lyrischen Ich, verarbeiten Themen wie Trauer und Weltschmerz ebenso wie Mut, Liebe und Hoffnung. Heute vor 110 Jahren kam sie zur Welt.

[26.07.2019] Esperanto, das

künstliche Weltsprache, die den Verkehr zwischen den Völkern erleichtern soll

Es bedurfte der finanziellen Unterstützung durch den Schwiegervater, um den Traum des jüdischen Augenarztes L. L. Zamenhof wahr werden zu lassen: Nach Jahren der abgeschiedenen Arbeit an einem Idiom, das allen Völkern eine Verständigung auf neutraler Basis ermöglichen sollte, konnte er 1887 in Warschau die für Russland bestimmte erste Broschüre über seine „Internationale Sprache“ drucken lassen. Die Zensurfreigabe trägt das Datum 26.07. (julianisch 14.07.) und gilt als Geburtstag des Esperanto, das den pseudonymen Namen seines Erfinders (Esperanto = „der Hoffende“) trägt.

[25.07.2019] Lehrplan, der

Plan, der den Lehrstoff, nach Jahrgängen gegliedert, enthält

„Sei gegrüßt Schar der Hohenburger Jungfrauen (…) Herrad, deine frömmste Mutter und Dienstmagd, singt dir dies Lied“. Dies sind die an die Klostergemeinschaft gerichteten Eingangsverse des „Hortus Deliciarum“ (Garten der Köstlichkeiten). Der faszinierende Kodex, den die Äbtissin Herrad von Landsberg (gest. 25. Juli 1195) selbst verfasste und mit prächtigen Miniaturen ausstattete, ist ein umfassendes Curriculum: In Texten und wohlkomponierten Schaubildern über das Heilsgeschehen und den Aufbau des Universums fasst er das mittelalterliche Weltwissen zusammen.

[24.07.2019] Tonsprache, die

Art und Weise des musikalischen Ausdrucks, der Melodik

Die Musik Ernest Blochs ist schwer zu kategorisieren: Vor allem in jungen Jahren komponierte er im Stil der Spätromantik, ließ sich von Debussy und dem Impressionismus beeinflussen, ganz besonders aber von der jüdischen Tradition und ihrer charakteristischen Tonsprache. Für europäische Ohren war das zu Beginn des 20. Jh. noch zu viel, Kritiker bewerteten seine Musik als dissonant und chaotisch. In den USA feierte er jedoch schnell Erfolge, konzertierte viel, wurde ausgezeichnet, erhielt Stipendien, große Lehraufträge und wurde letztendlich 1924 Amerikaner. Heute ist sein 139. Geburtstag.

[23.07.2019] Monokel, das

vergrößerndes Glas für nur ein Auge, Einglas

Das letzte Selbstporträt der Anna Dorothea Therbusch ist zugleich ihr originellstes. Denn mittels eines raffinierten Kniffs verschafft sie sich Zutritt in unser Langzeitgedächtnis: Es ist das Monokel, ein großes Einglas, das den Blick des Betrachters auf ihr vergrößertes (rechtes) Auge – das künstlerische Medium – lenkt. Das meisterliche Gemälde ist krönender Abschluss einer ebenso schwierigen wie glanzvollen Künstlerinnenkarriere im Rokoko-Preußen. Ihre Bilder hängen in vielen großen Museen. Der 23. Juli 1721 ist ihr Geburtstag.

[22.07.2019] Hängematte, die

aufgespanntes, geflochtenes Netz oder Segeltuch, das als Liegestatt dient, besonders für Matrosen

Man weiß nicht, ob es nur ein Trick der Hersteller war, denn die Anfänge lassen sich nicht mehr zurückverfolgen, doch seit vielen Jahren wird in den USA der „National Hammock Day“ gefeiert, den man nun auch hierzulande kennt und am besten auch in einer solchen verbringt. Zum Glück kann man das DWDS auf dem Smartphone auch dort verwenden und so in unserem Artikel des Tages über eines der schönsten Beispiele von volksetymologischer Umdeutung eines Fremdworts nachlesen, denn die Hängematte war ursprünglich gar kein Kompositum aus ‘hängen’ und ‘Matte’.

[21.07.2019] Fußspur, die

Spur, die der Fuß hinterlässt

Der Schritt, der ein kleiner für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit war, wurde heute vor genau 50 Jahren getan: Mit Apollo 11 gelang der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA die erste bemannte Mondlandemission in der Geschichte der Menschheit. Am 20. Juli 1969 setzte die Fähre Eagle auf dem Boden des der Erde zugewandten Mare Tranquillitatis auf, einige Stunden später, nach UTC (koordinierter Weltzeit) bereits am Morgen des 21. Juli, entstieg ihr der Astronaut Neil Armstrong – und hinterließ die ikonischen Fußspuren im Staub des Erdtrabanten.

[20.07.2019] Tyrannenmord, der

Tötung, Ermordung eines Tyrannen

„Der Tyrannenmord gilt den Griechen nicht als Verbrechen, sondern als die höchste und edelste Tat des Bürgers.“ (Eduard Meyer) – tatsächlich wurde aber schon damals wie heute in Ethik und Politikwissenschaft die Frage diskutiert, ob die individuelle Schuld eines Mordes an einem Gewaltherrscher geringer wiegt als der Schutz der Gesellschaft vor dessen Taten. Auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg und die Mitverschwörer des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 mussten sich dieser Frage stellen – und bejahten sie.

[19.07.2019] Inferno, das

katastrophenartiges, Entsetzen und Schrecken verbreitendes Geschehen (Großbrand, Naturkatastrophe, grausames Kriegsgeschehen, nukleare Verseuchung o. Ä.)

Die Brandkatastrophe, die Rom vom 19. bis 26. Juli 64 n. Chr. heimsuchte, ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Nero. Schon für antike Zeitgenossen wie Plinius stand er als Schuldiger fest. Tacitus kolportiert das Gerücht, Nero habe das Inferno überdies als Anlass genutzt, den Brand Trojas zu besingen (eine Steilvorlage für die Hollywood-Verfilmung 2000 Jahre später). Tatsächlich wird die Brandstiftertheorie heute eher bezweifelt, überdies agierte der Kaiser bei der Brandbekämpfung und Bewältigung der Folgen eher umsichtig und effizient.

[18.07.2019] Kapellmeister, der

Leiter einer Kapelle, Dirigent

„Ich will Musik für alle Menschen machen“ – Kurt Masur ließ sich an keine andere Maxime binden, schon gar nicht an eine politische. Stattdessen überwand der prominente Gewandhauskapellmeister immer wieder Grenzen – physische (die der DDR) und abstrakte: Während der Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 rief er öffentlich zum Gewaltverzicht auf und wurde gehört, gezwungenermaßen auch von der Polizei. Ein historischer, humanistischer Akt. Nach der Wende erhielt er Engagements weltweit, unter anderem in New York und Boston. Am 18. Juli 1927 kam er zur Welt.

[17.07.2019] Kriegsverbrecherprozess, der

gerichtliches Verfahren gegen jmdn., der eines Kriegsverbrechens verdächtig ist, oft gegen eine Mehrzahl von Personen geführt

Mit ihm soll die Welt ein Stück gerechter werden: Am 17. Juli 1998 beschlossen 120 Staaten die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs zur Ahndung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Im Unterschied zu den UN-Kriegsverbrechertribunalen, die jeweils auf bestimmte Konflikte beschränkt sind, besteht der Internationale Strafgerichtshof dauerhaft. Und es gibt auch Erfolge: Erst zuletzt wurde der kongolesisch-ruandische Rebellenchef Bosco Ntaganda wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen.

[16.07.2019] Mondjahr, das

Zeitraum von 354 Tagen, in dem der Mond die Erde zwölfmal umkreist

Mit der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina, der Hidschra, beginnt die islamische Zeitrechnung. Sie richtet sich nach dem Mondzyklus, ein Jahr besteht aus 12 Monaten à 29 oder 30 Tagen und ist 354 oder 355 Tage lang (auch Muslime haben einen Schalttag). Somit ist es 10 bis 12 Tage kürzer als ein Jahr im gregorianischen Kalender. Dies erklärt, warum religiöse Ereignisse wie der Ramadan oder das Opferfest jedes Jahr etwas früher stattfinden. Der erste Muharram (der erste islamische Kalendermonat) überhaupt fällt nach christlicher Zeitrechnung auf den 16. Juli 622.

[15.07.2019] Hieroglyphe, die

Zeichen der altägyptischen Bilderschrift

Als der griechisch-ägyptische Pharao Ptolemaios V. im Jahr 196 v. Chr. eine Stele mit einem Dekret für die Priesterschaft errichtete, konnte er nicht ahnen, dass die darauf eingemeißelte Inschrift in Ägyptisch und Griechisch später einmal den entscheidenden Schlüssel für eine wissenschaftliche Meisterleistung liefern würde: Anhand eines Bruchstücks dieser Stele, das am 15. Juli 1799 im Nildelta gefunden und unter dem französischen Namen des Fundorts als „Stein von Rosette“ weltberühmt geworden ist, gelang 1822 die Entzifferung der Hieroglyphen.

[14.07.2019] Revolution, die

die bestehende politische und soziale Ordnung grundlegend verändernder, oft gewaltsamer Umsturz oder Umwälzungsprozess

Die Französische Revolution von 1789 ist ohne Zweifel eines der Schlüsselereignisse der Neuzeit. Gewaltsamer Auftakt war die Erstürmung der Bastille, eine als Gefängnis genutzte Stadttorbefestigung in Paris, in der schon prominente Gefangene wie Voltaire und Marquis de Sade eingesessen hatten. Der Abriss dieses Symbols für den verhassten Absolutismus begann gleich nach der Einnahme der Festung durch die revolutionären Massen am 14. Juli. Seit 1880 ist dieser Tag Nationalfeiertag in Frankreich – zu dem wir unseren Lesern dort cordialement gratulieren.

[13.07.2019] Duftwasser, das

schwachkonzentrierte, wohlriechende parfümähnliche Flüssigkeit

Tabaksdosen, Perücken, Seide – alles, was der galante Adelige im Zeitalter des Barocks eben so benötigte: Bei der italienischstämmigen Familie Farina, seit dem 13. Juli 1709 in Köln ansässig, war es zu haben. Berühmt wurde das Handelshaus allerdings, weil eines der Familienmitglieder, Johann Maria Farina, ein Duftwasser kreierte, das an die geliebte italienische Heimat erinnerte: „Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten kurz nach dem Regen. Er erfrischt mich, stärkt meine Sinne und Phantasie.“

[12.07.2019] Sommerloch, das

1. Zeit der politischen Sommerpause, die durch eine geringe Zahl medial verwertbarer Ereignisse charakterisiert ist; 2. Phase in den Sommermonaten mit niedriger wirtschaftlicher Aktivität

Wer erinnert sich nicht an Kuno, den dackelverspeisenden Wels, oder an Sammy, das Baggersee-Krokodil: Immer wenn Politik Urlaub macht und den Zeitungsredaktionen das Material ausgeht, bevölkert eine „Problem“-Fauna die Schlagzeilen. Ursprünglich stand der Ausdruck „Sommerloch“ in der Autoindustrie für den Absatzrückgang in den Sommermonaten. Später griff ihn die Presse als „Bonner Sommerloch(-Theater)“ auf. Gemeint waren Politiker, die die Nachrichtenflaute nutzten, um sich in Szene zu setzen. Die Boulevardpresse setzte dagegen erfolgreich auf publikumswirksame Tiere.

[11.07.2019] Rhapsodie, die

freie Instrumentalkomposition, der Volksliedmelodien zugrunde liegen

Musical-Nummern, die mittlerweile zu den viel gespielten Jazz-Standards zählen, wie „I’ve got a crush on you“, abendfüllende Opern wie „Porgy and Bess“, Orchesterwerke wie die berühmte „Rhapsody in Blue“: George Gershwins Erbe ist vielseitig und für seine nur kurze Lebenszeit bemerkenswert groß. Der New-Yorker Sohn russisch-jüdischer Immigranten wurde schon früh entdeckt und schnell zu einem der erfolgreichsten Pianisten, Komponisten und Dirigenten seiner Zeit. Leider starb er am 11. Juli 1937, im Alter von nur 38 Jahren, (scheinbar) ganz plötzlich an einem Hirntumor.

[10.07.2019] Prädestination, die

(besonders von Calvin als Lehre vertretene) göttliche Vorherbestimmung hinsichtlich der Seligkeit oder Verdammnis des einzelnen Menschen

Seit Beginn der Schöpfung gibt es, so Johannes Calvin, die Einen und die Anderen: die Auserwählten, deren Handlungserfolg von Gott vorbestimmt ist, und die Verdammten, denen Gott ein solches Schicksal verweigert. Seine Lehre von der „doppelten Prädestination“ beeinflusste die Gesellschaft vor allem des 17. Jahrhunderts grundlegend: Calvins Anhänger strebten vermehrt nach wirtschaftlichem Erfolg, weil sie in diesem Gottes Segen verwirklicht glaubten (Max Weber betrachtete daher den Calvinismus als die Wurzel des Kapitalismus). Heute vor 510 Jahren kam der Theologe zur Welt.

[09.07.2019] digital, Adj.

auf der Umwandlung von Signalen in Folgen binärer Zeichen beruhend; die entsprechende Technik verwendend; nicht real, virtuell, vom Computer oder im Internet simuliert

Man hat früh in der Entwicklung der Digital Humanities erkannt, dass digitale Editionen ganz neue Perspektiven auf Texte ermöglichen: Mit ihnen können z. B. sämtliche Überlieferungen (auch schwer zugängliche) eines Werks faksimiliert, die Texte automatisch auf Unterschiede hin verglichen, Editionen untereinander vernetzt und Fehler auch nach der Publikation korrigiert werden. Digitale Editionen entstehen in vielfältigen Formen und Formaten, für ganz unterschiedliche Nutzergruppen – und sie können prinzipiell für jeden zugänglich gemacht werden.

[08.07.2019] Empathie, die

Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen

„Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“. Für Käthe Kollwitz war Kunst immer auch politisches Medium: In Grafiken wie „Brot!“ klagte sie soziale Missstände an, setzte sich mit Plakaten wie „die Überlebenden“ für Pazifismus ein. Zugleich war ihr gesellschaftliches Engagement mit tiefer Empathie verknüpft. Ihre Kunst zeigt Menschen in all ihrer Not und Trauer, stets aber auch in ihrer ganzen Würde. Der 8. Juli 1867 ist ihr Geburtstag.

[07.07.2019] feuerspeiend, Adj.

Flammen ausstoßend

Sie ist nur 12,6 km² groß, aber sie hat es in sich: die Insel Stromboli. Gerade versprüht ihr gleichnamiger Hauptbewohner so viel Energie, dass er zur Gefahr für Leib und Leben wird. Der Vorgänger des derzeit massiv feuerspeienden, ständig aktiven Vulkans entstand bei einer ersten Eruption vor etwa 40 000 Jahren. Vor 5000 Jahren ersetzte ihn nach seinem Einsturz der heutige Stromboli. Explosionen, herabfallende Lapilli und zwei große Lavaströme sorgen derzeit für Aufregung auf der Mittelmeerinsel. Es kommt zu Evakuierungen und leider gab es schon einen Todesfall.

[06.07.2019] Palette, die

ovale oder rechteckig geformte Holzplatte oder Metallscheibe, die mit einem Loch versehen ist und dem Maler zum Anrichten und Mischen der Farben dient; übertragen: reiche, detaillierte Auswahl

„Ich male keine Träume oder Albträume, ich male meine eigene Realität.“ – Dass diese nicht traumhaft oder albtraumhaft, statt dessen aber zutiefst traumatisch ist, wird vor allem in ihren Selbstporträts offenbar: Viele verarbeiten Schicksalsschläge, spiegeln Erlebnisse von Schmerz, Verlust und Krankheit wider. Zugleich sind Frida Kahlos Gemälde von einer bemerkenswerten Ausdrucksstärke und Farbigkeit, integrieren viele Naturelemente und hier und da schimmert sogar Selbstironie durch. Am 6. Juli 1907 kam die heute bedeutendste Malerin Lateinamerikas in Mexiko zur Welt.

[05.07.2019] Mechanik, die

Wissenschaft von der Bewegung der Körper und den diese Bewegung bewirkenden Kräften

Nein, es war wohl nicht der berühmte Apfel, der Isaac Newton inspirierte – eher Keplers Gesetze der Planetenbewegung, Diskussionen mit Gelehrten und eigene Beobachtungen. Aber die von ihm erkannten Gesetzmäßigkeiten der Mechanik, mit denen er Bewegung von festen, flüssigen und gasförmigen Körpern unter dem Einfluss von Kräften beschrieb, fügten sich zu einem universal gültigen Weltbild, das erst im 20. Jh. durch die Relativitätstheorie erweitert wurde. Am 5. Juli 1686 erhielt sein epochales Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ die Druckerlaubnis.

[04.07.2019] Sonnenwende, die

Zeitpunkt im Verlauf eines Sonnenjahres, an dem die Sonne ihre höchste bzw. tiefste Mittagshöhe über dem Horizont erreicht

Hätte sie unter idealen Bedingungen – erneut – das Licht der Welt erblickt, wüssten wir viel mehr über ihr „Vorleben“. So bleibt das Hypothetische noch hypothetischer: Heute vor genau 20 Jahren bargen zwei Raubgräber eine bronzene Platte aus dem Mittelberger Erdboden. Was sie nicht wussten: Sie hatten eines der wertvollsten je in Deutschland gefundenen archäologischen Objekte, die einzigartige „Himmelsscheibe von Nebra“, entdeckt. Was sie leider ignorierten: Ein metallener Fund ganz ohne Fundkontext ist leider kaum zu datieren und nur sehr schwer zu interpretieren.

[03.07.2019] kafkaesk, Adj.

in der Art der Schilderungen Kafkas; auf rätselvolle Weise bedrohlich

Vaterkomplex, Abgrenzung vom Bürgerlichen, religiöse Desorientierung, Existenzialismus: Dem Werk des am 3. Juli 1883 geborenen Prager Autors Franz Kafka werden viele Subtexte zugeschrieben, Einigkeit wird es unter seinen Exegeten niemals geben. Erstaunlicherweise ist aus der Kafka-Rezeption aber ein Attribut mit ziemlich eindeutiger Semantik hervorgegangen: Als „kafkaesk“, oder englisch „Kafkaesque“, gilt spätestens seit den 1930ern das rätselhaft Unheimliche, das unsichtbar Bedrohliche – sei es in einem Text, sei es im „realen“ Leben.

[02.07.2019] Matchball, der

Ballspiel: über den Sieg entscheidender Punkt beim Ballwechsel in einem Rückschlagspiel wie Tennis oder Badminton

Es war ein findiger Kopf, der den „Weißen Sport” im 19. Jh. revolutionierte: Walter Clopton Wingfield wollte das altehrwürdige, in Hallen gespielte „Real”-Tennis ins Freie holen. Neuartige gummierte Bälle machten das Spiel auf Rasen möglich und Cricket-Felder gab es in England reichlich. Zwischen 1874 und 1875 konnte Wingfield über 1000 selbstentwickelte Sets mit Bällen, Schlägern, Netz und Regelbuch für sein „Lawn-Tennis“ verkaufen. 1877 wurde dann der erste Matchball in einem Turnier geschlagen – in einem kleinen Städtchen namens Wimbledon.

[01.07.2019] Pseudonym, das

angenommener, nicht der wirkliche Name

Sie rauchte Zigarren und trug Anzüge, sie war geschieden, hatte Affären, schrieb sozial engagierte Romane und regimekritische Artikel – Amandine Aurore Lucile Dupin war keine Frau, die den Erwartungen der französischen High-Society im 19. Jh. entsprach. Die selbstbewusste, arbeitswütige Feministin schrieb dennoch unter männlichem Pseudonym: Als George Sand veröffentlichte sie um die 180 Bände, darunter weltweit erfolgreiche Romane wie „Lélia“, „Mauprat“ und „Consuelo“. Heute vor 215 Jahren kam sie in Paris zur Welt.

[30.06.2019] Ungeheuer, das

großes, hässliches, wildes, grauenerregendes Tier des Volksaberglaubens

Sie war das erste Opfer: die erst 14-jährige Jeanne Boulet, die am 30. Juni 1764 grausam entstellt aufgefunden wurde – „getötet von der wilden Bestie“, wie das amtliche Protokoll trocken vermerkte. Der Schrecken, der in der Folgezeit die abgelegene Region Gévaudan im französischen Zentralmassiv heimsuchte, kostete annähernd 100 Menschenleben und endete abrupt 1767. War es ein Wolf, eine Hyäne oder – wie ein Biologe kürzlich vermutete – gar ein aus einer Menagerie ausgebrochener Löwe? Die Identität des mörderischen Ungeheuers ist bis heute unklar.

[29.06.2019] zurückgezogen, part. Adj.

zurückgezogen leben: den Kontakt mit den Menschen seiner Umgebung, gesellschaftlichen Umgang meiden, ganz für sich leben

„Deiner Seele Schritt / war leise neben mir, o leis, und glitt / leis zwischen mich und das was niederhing / in meinen Tod.“ Die in ihrer Zeit lebhaft rezipierte, hoch gefeierte englische Sonett-Dichterin Elizabeth Barrett Browning hatte viel zu sagen, nicht nur über Liebe und Vergänglichkeit. Zeitlebens litt sie an einer unbekannten Krankheit, wodurch sie früh zum Rückzug, aber auch zu dichterischen Marathon-Leistungen inspiriert wurde – sie schrieb und schrieb; und blickte dabei auf Welt und Menschheit wie durch die „vierte Wand“. Der 29. Juni 1861 ist ihr Todestag.

[28.06.2019] Feuerwaffe, die

Waffe, bei der zur Beschleunigung des Geschosses die Energie von Pulvergasen ausgenutzt wird

Mit der Schlacht von Nagashino, dem Durchschnittseuropäer ist diese – wenn überhaupt – nur durch Akira Kurosawas Film (Kagemusha ‚Schattenkrieger‘) ein Begriff, brach im Japan des 16. Jh. eine neue Zeit an. Am 28. Juni 1575 endete die Kavallerieattacke von Elitekriegern des Provinzfürsten Takeda im Kugelhagel tausender Arkebusen. Der Gegenspieler Takedas, Fürst Oda Nobunaga, hatte seine Truppe mit erst kürzlich eingeführten Feuerwaffen ausgerüstet. Das Gefecht leitete in Japan die Edo-Zeit ein, erstaunlicherweise eine eher friedliche Epoche, in der Gewehre keine Rolle mehr spielten.

[27.06.2019] ausschlafen, Vb.

bis zur Genüge schlafen

„Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag”, so heißt es in der Bauernregel. Tatsächlich stellt sich diese Wettersingularität Anfang Juli durchaus häufig ein. Seinen Namen schuldet der Siebenschläfertag nicht dem pelzigen, viele Monate winterschlafenden Nagetier, sondern einer ganz und gar wunderlichen Heiligenlegende: Am 27. Juni des Jahres 446 n. Chr. entstiegen sieben junge Christen nach langem, gottgegebenem Schönheitsschlaf einer Höhle in Ephesos. Sie waren dort ihres Glaubens wegen von römischen Verfolgern eingemauert worden – ganze 200 Jahre zuvor.

[26.06.2019] Buckel, der

ein durch Wirbelsäulenverkrümmung verwachsener, krummer Rücken, Ast

Shakespeare stellte ihn als hinkenden Krüppel dar, Thomas Morus bezeichnete ihn als bucklige Kröte. Bei Richard III. – am 26. Juni 1483 zum englischen König gekrönt – waren es seine körperlichen Gebrechen, die als Beweis für seine vermeintliche Verderbtheit herhalten mussten. Vieles war allerdings maßlos übertrieben. Als man 2012 seine Überreste entdeckte, stellte sich heraus, dass Richard zwar an einer seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule, einer Skoliose, litt, nicht jedoch an einem Buckel. Und gehinkt hat er auch nicht.

[25.06.2019] promovieren, Vb.

die Doktorwürde erlangen; jmdm. die Doktorwürde verleihen

Es sei Frauen nicht erlaubt, im Gottesdienst zu sprechen, so heißt es in den Korintherbriefen (1 Kor. 14,34). Elena Lucrezia Cornaro Piscopia, dem Ausnahmetalent, das im Kindesalter bereits sieben Sprachen beherrschte und antike Schriften studierte, verwehrte dieses Bibelwort zunächst – auf Geheiß des Bischofs von Padua – die verdiente Lehrerlaubnis und Doktorwürde der Theologie. Nach einer brillanten Disputation, welche die anwesenden venezianischen Gelehrten tief beeindruckte, erlangte sie aber am 25. Juni 1678, als erste Frau der Welt, den Doktortitel in Philosophie.

[24.06.2019] Glockenspeise, die

Legierung aus Kupfer und Zinn zur Herstellung von Glocken, Glockengut

Sie erklingt nur an Hochfesten und zu besonderen Anlässen, denn sie ist ein ganz besonderes Artefakt: Die im Katharinenturm der Bad Hersfelder Stiftsruine aufgehängte Lullusglocke ist die ältest-datierte Bronzeglocke Deutschlands. Die Inschrift ist nicht leicht zu deuten, doch dürfte sie vermutlich der Maria geweiht und am 24. Juni 1038, also vor fast 1000 Jahren, aus einer für den Glockenguss typischen Legierung aus Zinn und Kupfer gegossen worden sein. Benannt wurde sie nach dem Erzbischof Lullus von Mainz, zu dessen Ehrenfest sie alljährlich geläutet wird.

[23.06.2019] Höhenkrankheit, die

durch eine geringere Sättigung des Blutes mit Sauerstoff in der dünnen Luft großer Höhen hervorgerufenes Unwohlsein

„Wir fingen nun (...) an, alle an grosser Ueblichkeit zu leiden. Wir bluteten aus dem Zahnfleisch und aus den Lippen.” Es folgten schwere Atemnot und Ohnmacht. Die Besteigung des Chimborazo in Ecuador am 23. Juni 1802 erwies sich als unerwartet große Herausforderung für Alexander von Humboldt und seine Begleiter. Was die Gelehrten auf ca. 5600 Metern Höhe erlitten, war ihnen (und anderen Forschern der Zeit) keineswegs unbekannt, niemand zuvor aber hatte die Symptome einer Höhenkrankheit vergleichbar präzise, detailliert und anschaulich beschrieben.

[22.06.2019] tagesaktuell, Adj.

von diesem Tag stammend und daher ganz aktuell

Die Aufregung in der Bundesrepublik war groß, als am 12. Mai 1971 mit Wibke Bruhns erstmals eine Frau als Nachrichtensprecherin an die Öffentlichkeit trat. Doch als sie nach 380 Sendungen den heute-Nachrichten Lebewohl sagte, war sie längst akzeptiert. In ein Schema pressen ließ sie sich ohnehin nie. Tagesaktuelle Texte vorzulesen genügte ihr schon bald nicht mehr. Fortan schrieb sie als freie Journalistin aus Jerusalem und Washington, produzierte Sendungen für WDR und Arte. Und sie hatte als Buchautorin großen Erfolg. Vorgestern ist Wibke Bruhns im Alter von 80 Jahren gestorben.

[21.06.2019] Etymologie, die

Herkunft und ursprüngliche Bedeutung eines Wortes, einer Wortfamilie

Wer sich für die Geschichte von Wörtern interessiert, für den ist „der Kluge“ ein fester Begriff. Dass das inzwischen in 25. Auflage erschienene „Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache” auch heute noch gerne gelesen wird, liegt am breit gefächerten Interesse seines Begründers Friedrich Kluge. Für ihn war Wortgeschichte stets auch Kulturgeschichte der Ideen und Sachen. So konnte der am 21. Juni 1856 in Köln geborene Germanist durch seine Studien zeigen, dass auch Sondersprachen wie das Rotwelsch, die Seemanns- oder die Studentensprache unseren Wortschatz bereichern.

[20.06.2019] aufziehen, Vb.

eine Feder von etw. anspannen, straffen

„La chanson d’Olympia, ah! Ah! Ah! Ah! Ah! Ah! Aah!“ Nicht gerade ein Lied mit Tiefgang singt die hinreißende Olympia, und doch verliebt sich der Dichter E.T.A. Hoffmann unsterblich in sie. Was dieser, eine magische Brille tragend, jedoch nicht sieht: Olympia ist kein Mensch – sie ist eine Aufziehpuppe; der arme Dichter liebt ein Uhrwerk; und dieses muss erst in Trümmern vor ihm liegen, bis er die Wirklichkeit erkennt. Jacques Offenbach, der Schöpfer der berühmten Oper „Hoffmanns Erzählungen“, in der diese Geschichte musikalisch verarbeitet wird, feiert heute seinen 200. Geburtstag.

[19.06.2019] gefräßig, Adj.

sehr aufs Essen bedacht, unersättlich im Essen

Er kennt weder Bodyshaming noch Burn-out. Auch will er nicht etwa die ganze Torte, sondern gleich die ganze Bäckerei. Der fette – pardon: untergroße –, orange-gestreifte Comic-Kater Garfield lebt ungeniert all das aus, was sich der Normalmensch täglich verkneifen muss. Seinem Schöpfer Jim Davis, der sich selbst in den Strips als unterbelichtetes Herrchen auf die Schippe nimmt, bescherte er weltweit eine riesige Fan-Gemeinde. Am 19. Juni feiert das Katzenvieh seinen 41. Geburtstag – vermutlich mit reichlich Lasagne. Herzlichen Glückwunsch, Garfield!

[18.06.2019] Multitalent, das

auf unterschiedlichsten Gebieten, äußerst vielseitig begabter Mensch

Er schrieb immergrüne Hits wie Yesterday, Penny Lane, Blackbird und Let it be, komponierte ein Oratorium, wurde in den Ritterstand erhoben, erhielt unzählige Musikpreise, unter anderem mehrere Grammys, und die Ehrendoktorwürde der Universität Yale. Er ist ein kreatives Multitalent. Und zweifelsohne einer der erfolgreichsten Songwriter aller Zeiten. Zudem lebt er als Vegetarier, kämpft für den Tierschutz und engagiert sich in verschiedenen karitativen Projekten. Der ehemalige Beatle Paul McCartney wurde heute vor 77 Jahren in Liverpool geboren. Wir singen Happy Birthday!

[17.06.2019] Aufstand, der

Rebellion einer größeren Volksmenge gegen die Staatsgewalt, Empörung

17. Juni 1953 – weder die SED-Führung noch westliche Beobachter hatten damit gerechnet: In Ostberlin und vielerorts in der DDR streikten die Arbeiter und demonstrierten gegen die verordneten Erhöhungen der Arbeitsnormen. Doch es ging um mehr. Unter Rufen: „Wir wollen freie Bürger sein“ wurden auch Forderungen nach freien Wahlen laut. Der Aufstand wurde noch am selben Tag blutig niedergeschlagen, aber die Welt hatte gesehen: In Deutschland gingen die Menschen – acht Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur – für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße.

[16.06.2019] erzählen, Vb.

ein Geschehnis oder etwas Erdachtes ausführlich, auf unterhaltsame Weise mündlich oder schriftlich wiedergeben

Als der Schwarze Tod im Frühjahr 1348 auch Florenz heimsucht, fliehen zehn Stadtbewohner gemeinsam auf ein Landgut, um dort der drohenden Gefahr zu entgehen. Zehn Tage bleiben sie, zehn Geschichten erzählen sie sich, und zwar Tag für Tag. Diesem fiktiven Arrangement entspringen die 100 legendären, teils sehr eindeutig zweideutigen Novellen des Dekameron: Sie handeln von Bauern und Königen, von Jungfrauen und Bösewichten, von Freundschaften, Geschäften, Intrigen … und Schäferstündchen. Giovanni Boccaccio, ihr Autor und Sammler, kam heute vor 706 Jahren zur Welt.

[15.06.2019] Strandkorb, der

am Badestrand aufgestellter großer Korbstuhl mit Dach, der als Windschutz und Sonnenschutz dient

Die an Rheuma leidende Elfriede Maltzahn wollte nicht auf ihr Strandbad verzichten, also gab sie beim Rostocker Korbmacher Wilhelm Bartelmann eine vor Wind und Sonne schützende Sitzgelegenheit in Auftrag, die dieser prompt aus Rohr und Weiden für sie anfertigte und am 15. Juni 1882 am Warnemünder Strand aufbaute. Der zunächst noch einsitzige Korbstuhl zog bald neidische Blicke auf sich. Bartelmann reagierte schnell: Er ergänzte einen weiteren Sitzplatz sowie Fußstützen und Markisen, ging in Serienproduktion und schuf damit die Möbel-Ikone des Nordens: den Strandkorb.

[14.06.2019] Alzheimerkrankheit, die

hirnorganische Demenzerkrankung, die mit Störungen bis zum fast vollständigen Verlust des Gedächtnisses und der Orientierung sowie starker Persönlichkeitsveränderung einhergeht

Mit ihm hielt etwas Menschlichkeit Einzug in die Psychiatrie. In einer Zeit, in der psychisch Kranke und geistig Behinderte verschämt weggesperrt, angebunden und mit zweifelhaften Methoden mehr gequält als therapiert wurden, vermied er Zwang, setzte auf Gespräche und Spaziergänge. Bekannt wurde der Psychiater Alois Alzheimer allerdings durch die nach ihm benannte demenzielle Erkrankung. Er hatte als erster die von Eiweißablagerungen und massenhaftem Absterben von Nervenzellen begleiteten krankhaften Veränderungen im Gehirn beschrieben. Geboren wurde er am 14. Juni 1864.

[13.06.2019] Justizmord, der

Vollstreckung der Todesstrafe an einem unschuldig Verurteilten

Das Verfahren gilt als Justizmord und zugleich als letzter Hexenprozess. Dabei fiel das Wort Hexerei im Urteil kein einziges Mal. Die Schweizer Dienstmagd Anna Göldi, die am 13. Juni 1782 enthauptet wurde, hatte unter Folter gestanden, die Tochter ihres Dienstherrn mit einem Schadzauber belegt zu haben. Tatsächlich hatte das Kind Nadeln erbrochen – allerdings lange, nachdem die Magd das Haus verlassen hatte. Man verurteilte sie offiziell „nur” als Giftmörderin, im Grunde aber als Hexe, da sie nach realistischen Maßstäben die Tat niemals hätte begehen können.

[12.06.2019] Gewitterfront, die

vordere Linie von Luftmassen, deren Durchzug von Gewittern begleitet ist

„Der Sturm spielt auf zum Tanze, / Er pfeift und saust und brüllt; / Heisa! wie springt das Schifflein! / Die Nacht ist lustig und wild.” Was „Klaus” und „Jörn” während der letzten Tage angerichtet haben, war ausgesprochen wild, aber vor allem im Süden alles andere als lustig: Anders als die Gewitterfront in Heines Gedicht wüteten diese beiden auf dem Festland, warfen walnussgroße Hagelkörner auf Windschutzscheiben, rissen an Fassaden und – laut donnernd – an unseren Trommelfellen. Den Vorhersagen nach hat der Juni noch einiges dieser Art zu bieten. Bleiben Sie sicher!

[11.06.2019] Rassismus, der

Theorie, Ideologie, allgemeine Vorstellung von der Höher- oder Geringerwertigkeit bestimmter Gruppen von Menschen aufgrund gewisser körperlich-biologischer oder ethnischer Merkmale

Am 11. Juni 1963 machten sich Vivian Malone und James Hood auf den Weg zur University of Alabama, um dort ihre Einschreibung abzuschließen. An der Pforte des Foster-Hörsaals aber versperrte ihnen Gouverneur George Wallace – von Pressekameras umzingelt – den Weg; er hatte seinen Wählern bei Amtsantritt versprochen, entschieden für „Rassentrennung jetzt und in Zukunft” einzustehen. Erst auf Befehl des Präsidenten J.F. Kennedy höchstpersönlich wich er widerwillig zur Seite und gewährte den beiden afroamerikanischen Studierenden den Zugang.

[10.06.2019] Kugelschreiber, der

Schreibgerät mit einer auswechselbaren Mine, die mit einer pastenartigen, schnell trocknenden Masse gefüllt ist und an der Spitze eine kleine Stahlkugel hat

Es war ein ermüdender, lästiger Rhythmus, jedem Schreiber vertraut – jahrtausendelang, vereinzelt bis ins 20. Jh. hinein: eintauchen der Feder in das Tintenfass, schreiben, eintauchen, schreiben ... Abhilfe schaffte erst der Ungar László József Bíró: Anstelle der Feder verwendete er eine Schreibspitze mit einer Stahlkugel, die die Tinte gleichmäßig verteilte – die Tinte war eine zähflüssige Paste, die in der Mine nicht eintrocknete, auf dem Papier aber nicht schmierte. Am 10. Juni 1943 erhielt er das Patent auf seinen Kugelschreiber.

[09.06.2019] Pfingstochse, der

nach einem Brauch mit Blumen und Zweigen geschmückter Ochse, der so auf die Sommerweide getrieben wird

In der Bibel haben Pfingstereignis und Ochse eigentlich nichts gemein. Weder taucht der Paarhufer dort als Verkörperung des Heiligen Geistes auf (diese Rolle übernimmt die Taube), noch wird er anderswo in der Pfingstgeschichte erwähnt. Gleichwohl hat es der Pfingstochse sowohl in die bäuerliche Tradition als auch in den Schatz sprichwörtlicher Redewendungen geschafft: Bunt geschmückt ist das Tier, das am Pfingstsonntag die Festtagsprozession anführt. Entsprechend etikettiert man den übermäßig fein gemachten Schönling gerne einmal als „herausgeputzt wie ein Pfingstochse”.

[08.06.2019] Anstoß, der

Fußball: erster Stoß, Schuss

Heute, 15:00 Uhr: Anstoß für die deutschen WM-Kickerinnen. Die großen Erfolge des Teams lassen vergessen, dass sich Deutschland mit seinen Fußballerinnen immer schwertat: Unvergessen sind das Verbot des DFBs von 1955, Frauenmannschaften überhaupt zuzulassen; oder das unsägliche Kaffeeservice, das als Belohnung für den gewonnenen WM-Titel 1989 überreicht wurde. Herausforderungen bleiben zwar, aber immerhin hat der DFB bei der Siegprämie dazugelernt: Beim Sieg winken jeder Spielerin 75 000 Euro.

[07.06.2019] Rücktritt, der

1. das Zurücktreten, die Amtsniederlegung, besonders von Mitgliedern einer Regierung; 2. das Rückgängigmachen eines Rechtsgeschäfts o. Ä. und der daraus folgenden Verpflichtungen

In der Politik finden derzeit spektakuläre „Rücktritte“ statt. Abseits des politischen Tagesgeschäfts verweist das Wort auf einen interessanten Aspekt der deutschen Wortbildung: Man fordert jemanden auf, „zurück-zutreten“, es folgt u. U. der „Rück-tritt“, nie jedoch ein „Zurück-tritt“. Das Phänomen findet sich ebenso bei Paarungen wie etwa „zurückbilden“ – „Rückbildung“. Oft tragen die Substantive dabei eine abstraktere Bedeutung. Tatsächlich existiert die Form „rück-“ erst seit dem 16. Jahrhundert und war damals vor allem in Fachsprachen beliebt.

[06.06.2019] D-Day, der

1. Zeitpunkt, an dem eine militärische Operation beginnt; 2. allgemeiner: Tag, an dem etwas Entscheidendes, das schon länger geplant ist, geschehen soll; Tag, der als verbindlicher Termin für etw. gilt

Der D-Day – die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie – er leitete das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft ein. In der deutschen Öffentlichkeit war die Erinnerung an diesen Tag dagegen lange Zeit kaum präsent, das Wort „D-Day“ eher ein Fachausdruck für Geschichtsbücher. Dass sich aber spätestens seit den 1990er Jahren ein Wandel der Erinnerungskultur abzeichnet, lässt sich auch an den Textkorpora des DWDS ablesen, wie ein Überblick über die gesteigerte Verwendung des Ausdrucks und verwandter Begriffe veranschaulicht.

[05.06.2019] Umweltzerstörung, die

Zerstörung der natürlichen Umwelt, besonders durch Raubbau und Verschmutzung

Die Ziele waren hoch gesteckt: Der Mensch als Geschöpf und Gestalter seiner Umwelt sollte Verantwortung übernehmen. Über 109 Empfehlungen zum Schutz der Umwelt und der Menschheit legte die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen (5.–16. Juni 1972) vor. Erstmals bekannten sich die teilnehmenden Staaten zu einer grenzübergreifenden Umweltpolitik. Doch nicht nur Insektensterben in den Industriestaaten, Luftverschmutzung in den Metropolen, Plastikmüll in den Weltmeeren und die globale Erwärmung machen heute, am Tag der Umwelt, den Ernst der Lage deutlich.

[04.06.2019] Ewiggestrige, die oder der

umgangssprachlich, abwertend: jmd., der in seinen Ansichten nicht mit der Zeit geht

Der zur Abdankung gezwungene Kaiser Wilhelm II. flüchtet im November 1918 in die Niederlande ins Exil. Auf dem kleinen Schlösschen Doorn richtet sich der prominente Asylbewerber einen Hofstaat en miniature ein, befördert, verleiht Orden, wettert gegen die Weimarer Republik, hetzt gegen Juden – und hackt Holz, begafft von Schaulustigen und Touristen. Über zwei Jahrzehnte hofft der entthronte Monarch auf seine Wiedereinsetzung – ein Ewiggestriger, den auch die Nationalsozialisten nicht mehr ernst nehmen. Am 4. Juni 1941 stirbt er im Alter von 82 Jahren.

[03.06.2019] Venus, die

Astronomie: der von der Sonne aus gesehen zweite Planet unseres Sonnensystems, der als glänzender Stern am Morgenhimmel oder Abendhimmel erscheint, Morgenstern, Abendstern

Der Venustransit, also das Vorbeiziehen des Planeten vor der Sonne, sollte am 3. Juni 1769 ein großes Rätsel lösen: Von mehreren weit entfernten Punkten aus wollte man über Messung von Durchgangszeit und Winkelbestimmung die genaue Distanz Erde-Sonne ermitteln. James Cook war eigens mit der Endeavour nach Tahiti entsandt worden. Doch: „Wir sahen deutlich eine Atmosphäre oder einen düsteren Schatten um den Körper des Planeten, was große Verwirrung (...) verursachte“. Tatsächlich hatte die Qualität der Instrumente für eine genaue Bestimmung nicht ausgereicht.

[02.06.2019] Jubelperser, der

1. Mitglied einer Gruppe aus Geheimdienstmitarbeitern und regimetreuen Iranern, die dem Schah bei seinem Besuch in Berlin im Juni 1967 zujubelten und z. T. mit Gewalt Demonstrationen gegen den Schah zu verhindern versuchten; 2. salopp, abwertend: Person, die jmdm. auf Bestellung zujubelt, zu etw. Beifall klatscht

Am 2. Juni 1967 besucht der Schah von Persien West-Berlin. Auf der Tagesordnung steht: Eintrag in das Goldene Buch der Stadt. Eine Gruppe (wohl eingekaufter) Iraner steht mit Plakaten, Porträts und Schlagstöcken vor dem Rathaus, um dem Monarchen zuzujubeln und um die äußerst kritischen 400 Gegendemonstranten (nicht nur stimmlich) zu überwältigen. Was folgt, ist Geschichte: Eine Schlägerei eskaliert, die Polizei schützt die Schläger eher als die Geschlagenen, es folgen Proteste, in deren Folge die „westdeutsche Studentenbewegung” ihren Anfang nimmt.

[01.06.2019] kindgerecht, Adj.

einem Kind entsprechend; kindgemäß

Es begann mit einer humanitären Krise. Erschüttert vom Elend osteuropäischer Flüchtlingskinder nach dem Ersten Weltkrieg gründete die englische Grundschullehrerin Eglantyne Jebb das Hilfskomitee „Save the Children“. Ihr Engagement mündete 1928 in der „Genfer Erklärung“ des Völkerbundes, die die Verantwortung der Menschheit für das Wohl der Kinder festschrieb. Es waren Minimalforderungen, die vorwiegend dem Schutz der Kinder dienen sollten. Doch eingelöst sind sie in vielen Gebieten der Erde bis heute nicht. Der heutige Internationale Kindertag soll daran erinnern.

[31.05.2019] Ausgrabung, die

Freilegung geschichtlicher, vorgeschichtlicher Funde

Die lange geplante, archäologisch höchst umstrittene Kampagne auf dem türkischen Hügel Hisarlık Tepe hatte – er war sich ganz sicher – das antike Troja zum Vorschein gebracht. Als Heinrich Schliemann am 31. Mai 1873 dann eigenhändig die berühmten 8000 Goldgegenstände, den „Schatz des Priamos”, aus den Trümmern zog, erreichte seine Ausgräber-Euphorie ihren Höhepunkt. Archäologen wissen heute, dass der Goldhort nie in den „Händen des Priamos” lag: Schliemann barg ihn aus einer Schicht, die rund 1000 Jahre älter war als die des vermeintlichen mythologischen Troja.

[30.05.2019] Rückschritt, der

Entwicklung zu einem schlechteren, (längst) überwundenen Zustand

Sie war der letzte Triumph des ersten frei gewählten deutschen Parlaments in Frankfurt: die Paulskirchenverfassung von 1849. Ein demokratischer Staat mit einklagbaren Grundrechten sollte entstehen, mit einem konstitutionellen Monarchen an der Spitze. Doch der Widerstand war stärker: Friedrich Wilhelm IV. lehnte die ihm angebotene Kaiserkrone ab. Die gewaltsame Parlamentsauflösung drohte. Am 30. Juni 1849 dann das Ende: Viele Abgeordneten resignierten. Ein Rest tagte noch für kurze Zeit in der württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart.

[29.05.2019] tragisch, Adj.

Trauer, schweres Leid hervorrufend, erschütternd, voller Tragik

„Ich kann nichts im Leben – aber alles auf der Leinwand.“ Dieses verletzliche Selbstbild spiegelt sich im komplexen Mythos wider, der schon zu Lebzeiten um sie herum entstand: erst kindliche Kaiserin, dann Enfant terrible, dann Femme fatale, dann Grande Dame – ungemein talentiert und erfolgreich, bildschön, geliebt, geehrt und gefeiert, aber immer wieder verfolgt von privaten Tragödien. Als die große Romy Schneider am 29. Mai 1982 unerwartet in ihrer Pariser Wohnung verstarb, konnte die Presse nicht anders: Sie sprach vom „Tod am gebrochenen Herzen”.

[28.05.2019] Thriller, der

Roman oder Film, der beim Leser oder Zuschauer über den gesamten Handlungsverlauf Spannung und Nervenkitzel hervorruft

Ian Fleming, Schöpfer der Pop-Ikone James Bond, die sich seit über 60 Jahren in Film und Fernsehen für den britischen Geheimdienst ins Zeug legt, hat selbst ein bewegtes Leben hinter sich. Als Journalist spionierte er in Moskau für den britischen Geheimdienst und im Zweiten Weltkrieg war er Geheimdienstoffizier der Marine. Die waghalsigen Kommandoaktionen, die er dort plante (aber nicht eigenhändig ausführte), die Persönlichkeiten, die ihm dort begegneten: Sie bildeten den Stoff, aus dem er seine Thriller schuf. Am 28. Mai 1908 wurde er in London geboren.

[27.05.2019] Sonnenfinsternis, die

teilweise oder völlige Verfinsterung der Sonne, die dann eintritt, wenn der Mond zwischen Sonne und Erde steht

Ein babylonischer Astronom, der am frühen Morgen des 27. Mai 669 v. Chr. auf den Horizont blickte, wurde Zeuge einer äußerst seltenen ringförmigen Sonnenfinsternis. Penibel notierte er, was er sah – Himmelszeichen waren Staatsangelegenheit. Und so kommentierte der Schreiber Rasil der Ältere das Ereignis in einem Brief an den König: „Wenn die Sonne nach ihrem Aufgang wie eine Sichel aussieht und am Ende eine Krone trägt wie der Mond, wird der König das feindliche Land erobern. Das Böse wird weichen. Und dem Land wird Gutes widerfahren.”

[26.05.2019] Europawahl, die

Wahl der Abgeordneten des Europäischen Parlaments

Zum neunten Mal treten heute rund 400 wahlberechtigte Bürger der Europäischen Union an die Urnen, um über ihre Vertretung in der EU, das Europäische Parlament, zu entscheiden. Gewählt werden 751 Abgeordnete aus 28 Staaten. Das Europäische Parlament hat verschiedene zentrale Aufgaben: Es verhandelt über die von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen EU-Gesetze, es kontrolliert alle Organe der EU und es trifft Entscheidungen über den Haushalt. Mit der Stimmabgabe bei der Europawahl kann jeder Bürger eines Mitgliedstaats die europäische Politik aktiv beeinflussen.

[25.05.2019] Handtuch, das

Tuch zum Abtrocknen der Hände, des Gesichts

„Ein Handtuch (...) ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann”, konstatiert der findige Reiseführer „Per Anhalter durch die Galaxis”, und in der Tat rettet ein solches dem Erdling Arthur Dent und seinem Freund Ford Prefect auf ihrer Irrfahrt durch das Universum wiederholt die Haut. Als ihr literarischer Schöpfer Douglas Adams Anfang Mai 2001 plötzlich verstarb, reagierten seine Fans äußerst betroffen; und erklärten den 25. Mai zum internationalen „Towel Day” – ist Ihnen heute schon ein „Adamsianer” mit auffälligem Frottee-Accessoire begegnet?

[24.05.2019] Genealogie, die

Forschungsgebiet, das sich mit der Herkunft u. den Verwandtschaftsverhältnissen bestimmter Personen, Familien, Sippen, mit Ursprung, Folge und Verwandtschaft der Geschlechter befasst; Geschlechterkunde

Woher stammen meine Vorfahren? Welchen Beruf hatte mein Ururgroßvater? Bin ich mit der gleichnamigen Berühmtheit verwandt? Oder fließt vielleicht blaues Blut in mir? Mit historischem Scharfsinn machen sich Genealogen auf die Suche nach Antworten auf diese Fragen. Sie studieren alte Fotos, wälzen sich durch Familien- und Kirchenbücher, entwerfen Stammbäume und stellen geschichtliche Zusammenhänge her. Sie sind Forscher und Erzähler zugleich – aber sie dürfen keine Phantasten sein: Denn auch für die Genealogie gilt das Prinzip höchster Wissenschaftlichkeit.

[23.05.2019] Schildkröte, die

als Landtier oder Wassertier lebendes Reptil mit kurzer, gedrungener Körperform und zwei den Rücken und Bauch bedeckenden, seitlich zusammengewachsenen Hornplatten, zwischen die Kopf, Schwanz und Beine zurückgezogen werden können

Schildkröten können nicht nur ein hohes Alter erreichen (über 200 Jahre), sie sind auch entwicklungsgeschichtlich sehr „alte” Tiere. Im Verlauf der Evolution haben sich die Testudines (so der wissenschaftliche Name) über 220 Millionen Jahre durch Anpassungsfähigkeit und Genügsamkeit immer wieder behaupten können. Ihr charakteristisches Merkmal, um das sie viele beneiden, ist der schützende Panzer, hervorgegangen aus zusammengewachsenen Wirbeln und Rippenbögen. Der heutige Welttag der Schildkröte erinnert daran, dass ihre Bestände vielerorts gefährdet sind.

[22.05.2019] Erbfolgestreit, der

Streit um die Erbfolge

Im Streit ums Erbe haben sich schon ganze Familien hoffnungslos zerstritten. Immerhin können Konflikte heute meist zivil(gerichtlich) beigelegt werden. Die Erbfolgestreitigkeiten antiker Herrschergeschlechter verliefen dagegen oft weniger gütlich: „Geschlichtet” wurde nach dem Tod Konstantins des Großen am 22. März 337 auf eine Weise, die eher an eine besonders blutige Folge von „Game of Thrones” erinnert. Um den für die Regentschaft vorbestimmten Söhnen Erbe und Herrschaft zu sichern, meuchelten Militärs kurzerhand den restlichen Konstantin’schen Familienclan.

[21.05.2019] Friedhofsstille, die

Stille, die auf einem Friedhof, wie sie auf einem Friedhof herrscht

Adélaïde Paillard de Villeneuve war erst fünf Jahre alt, als sie am 21. Mai 1804 in die Geschichte einging – leider nur postum: Mit ihrer Beerdigung begann die Existenz des legendären Pariser Friedhofs Père Lachaise. Um die 1 Mio. Menschen wurden seitdem hier beigesetzt, darunter Berühmtheiten wie Frédéric Chopin, Alfred de Musset, Edith Piaf, Oscar Wilde und Jim Morrison. Sie ziehen jährlich bis zu 3,5 Mio. Besucher an. Der Friedhof ist zwar nach dem Jesuitenpater François d’Aix de Lachaise benannt, konfessionell ist er aber völlig ungebunden.

[20.05.2019] Indigo, der oder das

tiefblauer Farbstoff

Tausende versuchten während des Goldrauschs von 1848 bis 1854 ihr Glück als Goldgräber in Kalifornien. Gute, stabile Arbeitskleidung war heiß begehrt und so kam der Schneider Jacob Davis auf die Idee, die Hosentaschen der damals verbreiteten Hosen aus braunem Segeltuch mit Nieten zu verstärken. Zusammen mit Levi Strauss, einem wohlhabenden kalifornischen Großhändler, ließ er diese Hose am 20. Mai 1873 patentieren. Wenig später wurde das Segeltuch durch den indigoblauen Baumwollstoff Denim ersetzt: Die legendäre Blue-Jeans war geboren.

[19.05.2019] Salon, der

regelmäßig stattfindende Gesellschaft eines literarisch und künstlerisch interessierten geselligen Kreises, besonders im 18., 19. Jahrhundert

Der Einfluss der Rahel Varnhagen von Ense auf die Berliner Bildungselite zur Wende des 18. auf das 19. Jh. ist kaum zu überschätzen. In ihrem Salon trafen sich zuerst Größen wie Humboldt, Tieck und Schlegel, dann – in der Spätphase – von Arnim, Hegel und Heine. Letzterer verlieh ihr sogar den Titel der „geistreichste(n) Frau des Universums”. Ihr umfangreicher Briefwechsel und die Sammlungen kleinerer Schriften, in denen sie die Kultur und Politik ihrer Zeit reflektiert, zeugen von ihrer intellektuellen Brillanz. Am 19. Mai 1771 wurde sie in Berlin geboren.

[18.05.2019] Rasenmäher, der

handbetriebene oder mit einem Motor ausgerüstete kleine Mähmaschine zum Mähen des Rasens

Gras ist eine wildwuchernde Pflanze. Und wer bis ins 19. Jahrhundert hinein auf einen gepflegten Rasen nicht verzichten wollte, dem blieb nur die Sense. Diese kam immer häufiger zum Einsatz, denn Sportarten wie Cricket machten den Bedarf an gemähtem Grün zunehmend zu einer Lebensnotwendigkeit. So kam die Erfindung des Handrasenmähers gerade recht. Dessen Funktionsprinzip mit den waagrechten, zylindrisch angeordneten Klingen hat sich bis heute kaum verändert. Am 18. Mai 1830 unterzeichnete der (natürlich englische) Erfinder Edwin Budding den Produktionsvertrag.

[17.05.2019] Karussell, das

in Vergnügungsparks, bei Volksfesten aufgestellte, meist horizontale, große Scheibe, die durch Menschen, Pferde oder Kraftmaschinen bewegt wird und auf der hölzerne oder metallene Pferde, Autos, Wagen zur Aufnahme von Fahrgästen angebracht sind

„Und das geht hin und eilt sich, dass es endet, / und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel“. Das Karussell, von Rilke im gleichnamigen Gedicht so zeitlos schön besungen, fasziniert noch immer. Es gehört wohl zur kollektiven Kindheitserinnerung, stolz auf einem Pferd, einem Feuerwehrauto (oder einem weißen Elefanten) von dannen zu ziehen, um den winkenden Eltern doch immer wieder zu begegnen. Wann sich das erste Kinderkarussell drehte, ist unbekannt. Ein Reisebericht, der das Fahrgeschäft erstmals in Bulgarien erwähnt, stammt vom 17. Mai 1620.

[16.05.2019] Farbenlehre, die

Lehre von den Farben, ihrer Zusammensetzung, Ordnung und Messung

Goethe gegen Newton – Dichterfürst gegen Physik-Genie: Als Goethe nach Jahrzehnten der Vorarbeit am 16. Mai 1810 seine „Farbenlehre“ veröffentlichte, war dies auch eine polemische Breitseite gegen Newton, an dessen Theorie vom Licht er sich in den drei Bänden abarbeitete. Dass sich weißes Licht, durch ein Prisma geleitet, in Spektralfarben aufspalten ließ, wies er zurück. Licht war ihm zufolge unteilbar und Farben verstand er als „Mischung von Licht und Schatten“. Bei Malern stieß er damit auf Gegenliebe, bei Naturwissenschaftlern mehrheitlich auf Ablehnung.

[15.05.2019] Homo Faber, der

der Mensch mit seiner Fähigkeit, für sich Werkzeuge u. technische Hilfsmittel zur Bewältigung u. Kultivierung der Natur herzustellen

„Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal“, proklamiert Walter (Homo) Faber und erlebt einen bedeutungsschwangeren Zufall nach dem anderen: Er stößt auf den verlorenen Jugendfreund, er verliebt sich in eine junge, lebenslustige Studentin, die sich als seine Tochter entpuppt – Zufälle oder Schicksal? Homo Faber, der Rationale, in die Zukunft Blickende, muss mit diesen widersprüchlichen Konzepten ringen, sich seiner Vergangenheit stellen und schwer erträgliche Wahrheiten begreifen. Sein Schöpfer, der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, kam heute vor 118 Jahren zur Welt.

[14.05.2019] Geflüchtete, die oder der

jmd., der aus seiner Heimatregion (wegen eines Kriegsgeschehens, wegen seiner politischen oder religiösen Einstellung o. Ä.) geflüchtet ist oder von dort vertrieben wurde

Als er Deutschland 1849 mit 20 Jahren verlassen musste, umfasste sein Wortschatz des Englischen gerade einmal zwei Wörter: „beefsteak“ und „sherry“. Dennoch legte der in Preußen steckbrieflich gesuchte Revolutionär Carl Schurz in seiner neuen Heimat Amerika eine einmalige Erfolgsgeschichte hin, wurde Journalist, machte Wahlkampf für Abraham Lincoln, kämpfte als General im Bürgerkrieg, wurde Senator und schließlich Innenminister. Während in Deutschland der Nationalismus die Agenda bestimmte, kämpfte er bis zu seinem Tod am 14. Mai 1906 gegen den Imperialismus.

[13.05.2019] figurbetont, Adj.

die Figur betonend

War sie Talisman, Fruchtbarkeitssymbol oder doch Pin-up-Girl? Die Venus vom Hohlefels lässt die Forscher rätseln. Eine Antwort wird uns die Geschichte wohl schuldig bleiben, denn der Schnitzmeister (oder die Schnitzmeisterin) schuf die opulente Dame aus Mammut-Elfenbein vor 35 000–40 000 Jahren, im jungpaläolithischen Aurignacien. Die nur 6 cm hohe Figur ist damit eine der ältesten bisher bekannten Menschendarstellungen weltweit. Im September 2008 wurde sie in der Karsthöhle Hohlefels in Baden-Württemberg entdeckt und am 13. Mai 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt.

[12.05.2019] Musikalität, die

musikalisches Empfindungsvermögen, Begabung für Musik

Erst 19-jährig gewann er mit seiner „Cantique de Jean Racine” schon den ersten Preis in einem Pariser Kompositionswettbewerb. Das Stück für Chor und Orgel wird häufig zusammen mit seinem Requiem aufgeführt und spiegelt eine tiefe, von Hoffnung getragene Religiosität wider. Dabei hielten ihn viele für einen heimlichen Atheisten. Nicht nur im Leben, auch musikalisch bewegte sich Gabriel Fauré zwischen Tradition und Innovation: Sein Stil lässt sich, obwohl sehr charakteristisch, nur schwer einer bestimmten Epoche zuordnen. Am 12. Mai 1845 kam er in Südfrankreich zur Welt.

[11.05.2019] Doppelagent, der

Agent, der für zwei sich bekämpfende, gegnerische Staaten arbeitet

Er war britischer Aristokrat, Cambridge-Absolvent, Agent ihrer königlichen Majestät – und Maulwurf. Harold Adrian Russell – besser bekannt als „Kim“ – Philby hatte sich in den 1930er Jahren als glühender Kommunist für den sowjetischen Geheimdienst anwerben lassen und machte zugleich beim britischen Secret Intelligence Service Karriere. Seine Tätigkeit als Doppelagent ist bis heute beliebter Stoff für Romane und Filme. Anders als seine fiktionalen Abbilder starb Philby in der Sowjetunion aber – im Jahr vor dem Mauerfall, am 11. Mai 1988 – eines natürlichen Todes.

[10.05.2019] Kulturbarbarei, die

abwertend: barbarischer Umgang mit Kulturgütern; Kulturlosigkeit

10. Mai 1933: Vor den Augen Tausender Schaulustiger werfen Studenten Bücher ins Feuer. Bücher, die sie als „undeutsch“ diffamieren – liberale und sozialistische Schriften ebenso wie Werke von Dichtern und Wissenschaftlern. Die Aktion auf dem Berliner Opernplatz war kein einmaliger Exzess: Über 100 Verbrennungen folgten, 4175 Titel wurden verboten, Bibliotheken „gesäubert“, Autoren mit Schreibverbot belegt. Viele mussten, wie Stefan Zweig, emigrieren oder wurden, wie Carl von Ossietzky, umgebracht; andere verstummten endgültig, ihre Werke sind heute vergessen.

[09.05.2019] postulieren, Vb.

fordern, unbedingt verlangen, für notwendig, unabdingbar erklären

„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen”, diese ersten Zeilen des Schuman-Plans, der heute vor 69 Jahren veröffentlicht wurde, leiten eine Ära des Friedens und der Zusammenarbeit in Europa ein: Der Plan führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, dem Grundstein der Europäischen Union. Im Gedenken daran wurde der 9. Mai zum Europatag erklärt; in vielen Ländern gibt es Feste und Vorträge, im Kosovo und in Luxemburg haben heute sogar alle frei.

[08.05.2019] Paradies, das

Zustand, Ort des ungetrübten Glücks

Das Gemälde „Nafea faa ipoipo“ ist 2015 für eine unbekannte Summe verkauft worden, Spekulationen zufolge für imposante 300 Mio. US-Dollar. Es zeigt zwei Tahitianerinnen in einer farbenfrohen Südseelandschaft. Seinem Schöpfer Paul Gauguin war ein solcher Reichtum nicht beschert: Er rang zeit seines Lebens mit Armut, Krankheit und einer, wie er es nannte, „Marotte zu fliehen”, die er – stets auf der Suche nach einer paradiesischen Lebensutopie – niemals aufgab. Er starb am 8. Mai 1903 auf Hiva Oa in Französisch-Polynesien.

[07.05.2019] kapitulieren, Vb.

die Waffen strecken, sich ergeben

„Kapitulieren“ wurde bis ins 19. Jh. neutral im Sinne von ‚aushandeln von Bedingungen‘ gebraucht. Im Zeitalter der Weltkriege wandelte sich die Bedeutung zu ‚sich ergeben‘, steht damit für das demütigende Eingeständnis der militärischen Niederlage. Hindenburg konnte sich am Ende des 1. Weltkriegs noch aus der Verantwortung stehlen und ließ Zivilisten das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen. Zum Kriegsende 1945 achteten die Alliierten darauf, dass die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai von den verantwortlichen Generälen unterschrieben wurde.

[06.05.2019] Nasobem, das

(von Christian Morgenstern erdachtes) Fabeltier (in den »Galgenliedern«), das auf seinen Nasen schreitet

Das Nasobem, oder auch der Nasenschreitling, hat die Wissenschaft inspiriert: Dr. Harald Stümpkes „Bau und Leben der Rhinogradentia”, ein Bestseller unter Zoologen, widmet sich dem auf seinen Nasen wandernden Wesen in aller Ausführlichkeit. Lebendig erblickt hat das Nasobem aber nicht einmal sein Schöpfer, der einzigartige Dichter und Übersetzer Christian Morgenstern, der am 6. Mai 1871 zur Welt kam. Er selbst gestand: „Es steht noch nicht im Meyer. / Und auch im Brockhaus nicht. / Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht.”

[05.05.2019] Seifenspender, der

Behälter, dem man durch Drücken, Drehen oder einen anderen Mechanismus flüssige oder zerkleinerte Seife entnimmt

„Nicht in die Finger schnäuzen!“, das forderten Benimmbücher im 17. Jahrhundert. Auch wenn sich die Tischsitten im frühmodernen Europa langsam besserten, die Bedeutung der Körperhygiene für die Vermeidung von Krankheiten blieb lange verborgen. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als man um die Übertragung von Krankheiten durch Keime wusste, setzte sich das Händewaschen durch und sollte heute – im Zeitalter automatischer Seifenspender, Papierhandtücher und Lufttrockner – (eigentlich) eine Selbstverständlichkeit sein. Der 5. Mai ist der Tag der Handhygiene.

[04.05.2019] Deduktion, die

Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen

4. Mai 1891, Meiringen, Schweiz: Bis auf den brillant bösen Kopf der Bande, die seit einiger Zeit in London ihr Unwesen treibt, hat er alle dingfest gemacht. Jetzt liegen sich er und der Schurke in den Armen, ringend und raufend, in einem Kampf auf Leben und Tod. Plötzlich stürzen beide, Sherlock Holmes und sein Antagonist Professor Moriarty, in die Tiefen des Reichenbachfalls und sterben ... Arthur Conan-Doyle hatte dies zumindest so geplant. Holmes Ende erntete bei seinen Fans aber einen derartigen Shitstorm, dass der Autor ihn wiederbeleben musste.

[03.05.2019] Machiavellismus, der

rücksichtslose Machtpolitik

Marx bekannte einmal, kein Marxist zu sein, Darwin lehnte den Sozialdarwinismus ab und Machiavelli war kein Machiavellist. Auch wenn von Eigennamen abgeleitete Abstrakta präzise Begriffskonzepte vermitteln, so rücken sie die Namensgeber oft in ein falsches Licht. Der Staatstheoretiker Niccolò Machiavelli war kein Befürworter skrupelloser Gewaltherrschaft, vielmehr legte er in seinen Schriften die Mechanismen fürstlicher Machtpolitik bloß und entkleidete sie so ihrer vorgeschobenen göttlichen Legitimation. Der 3. Mai 1469 ist sein Geburtstag.

[02.05.2019] antithetisch, Adj.

gegensätzlich, Gegensätze enthaltend

Die Person Gottfried Benns ist von irritierender Gegensätzlichkeit: Er zählt zu den bedeutendsten Lyrikern des 20. Jahrhunderts, seine frühen Gedichte sind expressionistisch und – im wahrsten Sinne des Wortes – sezierend, die späteren wortstark und avantgardistisch. Der Mensch hinter dem Werk wirkt jedoch wie dessen Antithese: politisch konfus, konservativ, dem Nationalsozialismus zunächst explizit zugeneigt, erst spät, unter anderem auch wegen des gegen ihn verhängten Schreibverbots, sein (wenn auch nicht kämpferischer) Gegner. Am 2. Mai 1886 kam er zur Welt.

[01.05.2019] Wonnemonat, der

gehoben, scherzhaft: Mai

‚Ausländische‘ Monatsnamen wie „Februar“ oder „Mai“ waren dem Sprachpuristen Friedrich Justus Runde ein Gräuel. 1781 schlug er daher vor, den Kalender mit aus dem Althochdeutschen abgeleiteten Monatsnamen wie „Hornung“ oder „Wonnemonat“ patriotisch aufzuhübschen. Der „gemeine Mann“ würde doch lieber lesen, was er auch verstünde. Abgesehen davon, dass F. J. Runde schon die Herkunft von „Hornung“ nicht recht zu deuten wusste, lag er auch bei beim „Wonnemonat“ falsch. Denn der alte „Winnimanod“ hatte mit „Wonne“ wenig zu tun und bedeutete einfach ‚Weidemonat‘.

[30.04.2019] Italowestern, der

Western mit besonderen, durch italienische Regisseure entwickelten Stilmerkmalen

Der Vater Regisseur, die römische Filmstadt Cinecittà sein Abenteuerspielplatz: Sergio Leone, der heute vor 20 Jahren starb, verdiente sich dort schon früh seine ersten Sporen als Regieassistent und Kleindarsteller. Er wirkte bei neorealistischen Filmen („Fahrraddiebe”) ebenso mit wie bei US-Monumentalschinken („Quo Vadis”, „Ben Hur”). Seine geballte Filmerfahrung floss in seine Western ein, denen er mit einer Mischung aus hartem Realismus und stilisiert theatralischen Revolverduellen seine ureigene Handschrift verlieh und so das Genre für Jahrzehnte prägte.

[29.04.2019] affrontieren, Vb.

durch einen Affront herausfordern

Dreimal traf ihn der Fliegenwedel, dann wurde er vom Herrscher Dey Hussein aus dem Palast gejagt. Zwar schuldete seine Regierung algerischen Händlern eine horrende Summe Geld, deren Rückzahlung er, der Konsul, soeben rundheraus verweigert hatte, trotzdem konnte er diese Demütigung nicht auf sich sitzen lassen. Was am 29. April 1827 geschah, sollte weitreichende Folgen haben: Der Geschlagene kehrte nach Frankreich zurück. Dort wurde gegen Algerien aufgerüstet und ein Jahr später der Krieg erklärt. Die Franzosen besetzten das Land – und blieben ganze 135 Jahre.

[28.04.2019] meutern, Vb.

eine Meuterei begehen

Heute vor 230 Jahren nahmen Fletcher Christian, der vierte Wachhabende eines englischen Dreimasters, und mehrere Kameraden den Kapitän ihres Schiffs wegen angeblicher Ungerechtigkeiten fest und setzten ihn mit anderen Seeleuten auf dem Meer aus. Während der von der Nachwelt denkbar schlecht behandelte William Bligh in nautischer Meisterleistung seine Restbesatzung in Sicherheit brachte, ließen sich Christian und seine Leute auf der Südseeinsel Pitcairn nieder und gingen mit der Bounty in die Geschichte ein.

[27.04.2019] expressionistisch, Adj.

im Stil des Expressionismus

Dieses Werk hat sie, so die Legende, in nur einer Nacht zu Papier gebracht. Else Lasker-Schülers sehr eigenwilliges Drama „Die Wupper” wurde 1909 veröffentlicht, aber erst zehn Jahre später, am 27. April 1919, im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Es spielt wechselnd im Wuppertaler Arbeiter- und Industriellenmilieu, somit in zwei einander völlig fremden, bis zum Ende unvereinbaren Welten. Es geht um naive Liebe und kalte Lust, um soziale Aspiration und deren Beugung, um Lebensentwürfe ohne Konsistenz: ein wahrhaft expressionistisches Stück.

[26.04.2019] Philologie, die

Wissenschaft, die sich mit Texten historischen, literarischen oder kulturgeschichtlichen Inhalts in einer bestimmten Sprache beschäftigt und sie sprachlich, historisch, kulturgeschichtlich und gesellschaftlich interpretiert

Er war Jurist und Politiker, trat als Sprecher der Landesstände in Stuttgart und später als Abgeordneter im ersten deutschen Parlament hervor, seine Biographen beschrieben ihn als fleißig, zuverlässig und volksnah. Ludwig Uhlands Leidenschaft galt aber der Literatur. Früh widmete er seine freie Zeit dem Studium alter Handschriften und schrieb Monographien über Werke und Autoren des Mittelalters. Mit seinen Gedichten und Balladen machte er sich schon zu Lebzeiten als Literat einen Namen. Uhland wurde am 26. April 1787 in Tübingen geboren.

[25.04.2019] Petrarkismus, der

Richtung der europäischen Liebesdichtung vom 14. bis zum 17. und 18. Jahrhundert, die auf den italienischen Dichter Petrarca zurückgeht

„Je vis, je meurs, je me brûle et me noie", „ich lebe, sterbe, brenne und ertrinke”, das achte und an Oxymoron-Figuren sehr reiche Sonett der Louise Labé ist wohl das bekannteste aus ihrem 24 Gedichte umfassenden Zyklus. Die „Schöne Seilerin” aus Lyon folgt eindeutig dem Vorbild des großen Italieners Petrarca, ihre Texte sind aber viel direkter, persönlicher und stärker dem Irdischen verbunden. Labé war emanzipiert, sie führte einen literarischen Salon und galt als Inspiration für viele Kulturschaffende im Frankreich der Renaissance. Der 25. April 1566 war ihr Todestag.

[24.04.2019] Legende, die

Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben; Mythos

Johnny Griffin, der „schnellste Saxophonist der Welt”, spielte schon im zarten Alter von 15 Jahren mit Jazzgrößen wie T-Bone Walker und Ella Fitzgerald. Wenige Tage nach seinem Schulabschluss bekam er sein erstes Engagement, wechselte von Alt- zu Tenorsaxophon und eroberte erst Chicago, dann New York im Flug. Seine herausragende Spieltechnik zeigte sich vor allem im Bebop, er liebte es, aus verschiedenen musikalischen Genres zu zitieren, er hatte außerdem den Ruf, stets stilvoll gekleidet und ein sehr zuvorkommender Kollege zu sein. Am 24. April 1928 kam er zur Welt.

[23.04.2019] zurückbauen, Vb.

ein allzu großes, überflüssig gewordenes o. ä. Bauwerk, bes. eine zu großzügig ausgebaute Straße durch geeignete Maßnahmen verkleinern, beseitigen

„Erichs Lampenladen“ wurde er genannt, oder „Palazzo Prozzo“: Der Palast der Republik, das „Volkshaus“ gegenüber dem Berliner Lustgarten, sollte das politische und kulturelle Zentrum Berlins und der gesamten DDR werden. Dort, wo sich vor dem Krieg (und jetzt wieder) das Berliner Schloss erhob, wurde aus Glas, Stahl und 5000 Tonnen Spritzasbest ein Haus für die Arbeiterklasse errichtet und am 23. April 1976 feierlich eröffnet. 2003 beschloss der Bundestag seinen Abriss, ein Jahr später gab die Band „Einstürzende Neubauten“ ein letztes Konzert vor Ort.

[22.04.2019] kategorisch, Adj.

unbedingt, ohne Vorbehalt

Mit seiner erst nach seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ bekannt gewordenen Forderung von 1785 „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ hat Immanuel Kant die Basis für jedes ethische Handeln beschrieben. Dieser „kategorische Imperativ“, den er in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ ausführlich diskutiert, und sein umfangreiches Gesamtwerk machen den Philosophen zu einem der größten Denker aller Zeiten. Heute vor 295 Jahren wurde er in Königsberg geboren.

[21.04.2019] Osterhase, der

Hase, der nach einem Brauch in der Vorstellung der Kinder zu Ostern die Ostereier bringt

Kein Fest der Auferstehung ohne Osterhase und bunte Eier. Dies war jedoch nicht immer und überall so: In Thüringen beispielsweise war der Storch der Eierlieferant, in der Schweiz der Kuckuck, in Niedersachsen der Fuchs. Die Mär, dass ein Osterhase die Eier bringt und des Nachts versteckt, wurde erstmals 1682 erwähnt. In vorchristlicher Zeit galten sowohl Ei als auch Hase als Fruchtbarkeitssymbol und somit als Zeichen des Lebens. Somit konnten sie leicht in die Bräuche rund um das Osterfest integriert werden, das mit der Wiederauferstehung ja auch das Leben feiert.

[20.04.2019] vieldeutig, Adj.

viele Deutungen zulassend, nicht eindeutig

Am 20. April 1970 schied Paul Celan in seiner Wahlheimat Paris durch Freitod aus dem Leben. Geboren als Paul Antschel 1920 in Czernowitz in der Bukowina, gilt Celan als einer der wichtigsten Vertreter der deutschsprachigen Poesie des 20. Jahrhunderts. Seine Werke, die inhaltlich vom nie verarbeiteten Trauma des Holocausts geprägt sind, wie die bekannte Todesfuge, bedeuten sprachlich eine Herausforderung für den Interpretierenden, seine Wortkunst ist nicht plakativ und eindeutig, sondern geradezu ein Lehrbuchbeispiel für Vieldeutigkeit.

[19.04.2019] Stille, die

Zustand des Ungestörtseins, äußere, durch keinen Lärm gestörte Ruhe

Der Karfreitag ist in Deutschland ein stiller Tag: In vielen Bundesländern müssen Nachtvögel ihrem Tanzbein 24 Stunden Ruhe gönnen, sportliche Wettkämpfe sind untersagt und Musik darf nur aufgeführt werden, wenn sie zum Anlass passt. Auch Cineasten müssen auf zu Tollkühnes verzichten: Filme mit dem Freigabezusatz NF (nicht feiertagsfrei) dürfen nur im eigenen Wohnzimmer laufen. Dazu gehören z. B. Monty Pythons „Das Leben des Brian“ und die „Ghostbusters“-Filme – auf der Liste findet sich aber auch Subversives wie „Heidi“ und „Louis, der Spaghettikoch“.

[18.04.2019] helfen, Vb.

jmdn. bei einer Tätigkeit, einem Vorhaben unterstützen, jmdm. behilflich sein

„Nach "lieben" ist "helfen" das schönste Zeitwort der Welt” sagte Bertha von Suttner und formulierte damit einen ganz und gar zeitlosen Satz. Die aus verarmtem Adel stammende Österreicherin ging in vielerlei Hinsicht drastische Wege: Erst schickte sie kritische Kriegsberichte an deutschsprachige Zeitungen, dann verfasste sie mit „Die Waffen nieder!“ einen radikal pazifistischen Roman und kämpfte seit 1890 offen und engagiert für die Friedensbewegung. Am 18. April 1906 nahm sie dafür, als erste Frau der Geschichte, den Friedensnobelpreis in Empfang.

[17.04.2019] erobern, Vb.

fremdes Land durch Gewalt in seinen Besitz bringen

17. April 1492: Das spanische Königspaar gibt klein bei, nach zähen Verhandlungen stimmt es der „Capitulación de Santa Fe” zu. Dieser Vertrag garantiert dem Eroberer Christoph Kolumbus einzigartige Privilegien, sollte dieser neue Länder entdecken: Er erhielte den Posten eines Admirals, die Funktion eines Vizekönigs und obersten Richters sowie das Anrecht auf zehn Prozent aller eroberten Bodenschätze und Handelswaren. Dieser Vertrag wäre beinahe gescheitert – und sollte doch die Geschichte verändern: Denn ohne ihn wäre Kolumbus nicht „nach Indien” aufgebrochen.

[16.04.2019] kühn, Adj.

keine Gefahr scheuend, wagemutig

Es hätte DIE Sensation sein sollen, jedoch: Am Tag zuvor versank die Titanic auf hoher See. Harriet Quimbys mutige Tat ging im Rauschen der Katastrophenmeldungen unter. Dabei hatte sie, die erste Amerikanerin mit einem Flugschein, es geschafft, von den Wellen verschont zu bleiben. Ihr Freund und Kollege Louis Blériot hatte ihr sein selbst entworfenes 50-PS-Eindecker-Flugzeug geliehen und mit diesem landete sie am 16. April 1912 um 6:30 Uhr sicher an einem Strand nahe Calais. Quimby war die erste Frau, die im Alleinflug den Ärmelkanal überquerte.

[15.04.2019] androgyn, Adj.

männliche und weibliche Merkmale aufweisend, in sich vereinigend; äußere Zeichen des anderen Geschlechts tragend

Ist sie die Frau eines Florentiner Kaufmanns? Oder die Geliebte eines von Medici? Oder stand für die Mona Lisa eigentlich ein Jüngling Modell, da Vincis Assistent und – so die Legende – langjähriger Geliebter Andrea Salaí? Silberblick, mokantes Lächeln und ein androgyn geschwungenes Kinn bergen ein großes Geheimnis. Sie haben Kaiser und Könige, Kunsthistoriker und Wissenschaftler über Jahrhunderte fasziniert und zu teils recht wilden Thesen inspiriert. Leonardo da Vinci hätte seine Freude daran gehabt. Am 15. April 1452 kam er in Anchiano zur Welt.

[14.04.2019] sterblich, Adj.

dem Tode unterworfen, vergänglich

Graf Fosca nimmt einen Trank zu sich, der ihn und seinen Vorkoster, eine weiße Maus, unsterblich macht. Was als heilsbringender Akt geplant war und zunächst eine erregte Phase der Hybris einleitet, entpuppt sich schon bald als unendlicher Schrecken: Fosca sieht seine Lieben altern und sterben, er erlebt die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im historischen Ganzen, er verliert alle Hoffnung und allen Lebenssinn. Simone de Beauvoir, die Autorin dieses düsteren Romans, ist selbst aber sterblich geblieben. Der 14. April 1986 ist ihr Todestag.

[13.04.2019] Verdammung, die

scharfes Verurteilen von jmdm., etw.

Hatschepsut zählt mit Sicherheit zu den stärksten Frauen der Weltgeschichte. Nach dem Tod ihres Gatten übernahm sie für den minderjährigen Thronfolger die Regierung. Zwei Jahre später der revolutionäre Schritt: 1477 v. Chr. setzt sich Hatschepsut die ausschließlich Männern vorbehaltene Krone auf. Sie wird der erste weibliche Pharao. Ägypten blüht während ihrer Regentschaft. Doch den folgenden Generationen wird die Vorstellung eines weiblichen Herrschers unheimlich. Ihr Andenken fällt der Verdammung anheim, die Spuren ihrer Existenz werden getilgt.

[12.04.2019] Abdankung, die

Amtsniederlegung, Rücktritt

Kaum jemand lässt freiwillig von der Macht. Napoleon ist dafür das beste Beispiel: 1814 hatte sich das Schicksal gegen ihn gewandt. Paris war von feindlichen Truppen besetzt, die Armee in Auflösung. Doch erst als ihm auch seine Generäle den Gehorsam aufkündigten, kam er zur Vernunft: „Der Thron ist nicht mehr als ein Stück Holz, an das ich mich nicht klammere.“ Im Vertrag von Fontainebleau, den er wohl am 12. April 1814 unterzeichnete, verzichtete er tatsächlich auf denselben – nur um ein knappes Jahr später, wenn auch nur für eine „Herrschaft von 100 Tagen“, zurückzukehren.

[11.04.2019] Gravitation, die

Physik: Eigenschaft von Massen, sich gegenseitig anzuziehen, Schwerkraft

Ein Schwarzes Loch ist ein Ort im Weltall, an dem die Gravitationskraft so groß ist, dass nicht einmal Licht entweichen kann. Gestern hat die Menschheit zum ersten Mal, sozusagen mit eigenen Augen, ein Schwarzes Loch gesehen, bisher gab es nur Simulationen. Wie ähnlich das von acht Radioteleskopen gemeinsam aufgenommene Bild diesen Simulationen tatsächlich ist, hat selbst die Wissenschaftler erstaunt. 55 Millionen Lichtjahre ist das Objekt von uns entfernt und seine Masse wird auf das Sechsmilliardenfache unserer Sonne geschätzt.

[10.04.2019] Trost, der

etw., das im Leid aufrichtet, das Leid vermindert, erleichtert

Mit „Selig sind, die da Leid tragen” beginnt das Deutsche Requiem von Johannes Brahms und mit „Selig sind die Toten” endet es. Es folgt keiner Liturgie und ist so keine Totenmesse im traditionellen Sinne, erinnert eher an ein Oratorium, jedoch ohne dramatische Komponente. Brahms komponierte es nicht als Werk der Trauer für die Toten, sondern als Werk des Trostes für die Lebenden. Die erste Version, die er zur Aufführung brachte, bestand aus nur drei Sätzen, die erste Langfassung (sechs Sätze) wurde am 10. April 1868 im Bremer Dom mit großem Erfolg uraufgeführt.

[09.04.2019] Schallwelle, die

Schwingung der Materie in einem Frequenzbereich, der vom menschlichen Ohr wahrgenommen wird

Am 9. April 1860 gelang dem Franzosen Édouard-Léon Scott de Martinville eine Tonaufzeichnung mit dem von ihm erfundenen Phonautographen: An einer Membran befestigte Schweinsborsten schrieben Schallwellen auf einen rußbedeckten Glaszylinder und machten sie so sichtbar. Töne wiedergeben konnte das Gerät aber noch nicht. Erst knapp 150 Jahre später gaben Wissenschaftler der Aufzeichnung auch eine Stimme: Scott de Martinville höchstpersönlich hatte das Lied „Au clair de la lune“ gesungen – und damit unwissentlich die bisher älteste Tonaufnahme überhaupt geliefert.

[08.04.2019] Impfstoff, der

abgetötete oder geschwächte Krankheitserreger oder deren Stoffwechselprodukte, die den Organismus veranlassen, Abwehrstoffe zu bilden

Die englische Schriftstellerin Lady Montagu berichtete im 18. Jh. Erstaunliches von ihren Reisen: In der Türkei wurden Kinder absichtlich mit Pocken infiziert – minimalst und dadurch ohne schwere Folgen. Sie waren danach ein Leben lang immun. Neuigkeiten über dieses Verfahren brachte sie ins pockengeplagte England, wo der Arzt Edward Jenner ein halbes Jahrhundert später eine sichere Methode der Schutzimpfung entwickelte. Diese wurde Schritt für Schritt in verschiedenen Ländern Europas eingeführt; am 8. April 1874 mit dem Reichsimpfgesetz auch im Deutschen Reich.

[07.04.2019] Reibung, die

der Bewegung von Körpern entgegengesetzte Kraft, die an zwei sich berührenden und gegeneinander bewegten Flächen auftritt

Die Chinesen haben sie erfunden. Seit dem Mittelalter lagen die in Schwefel getränkten kleinen Holzspäne, die Schwefelhölzchen, auch in europäischen Küchenschubladen. Sie erleichterten das Feuermachen, konnten sich aber noch nicht selbst entzünden. Erst Anfang des 19. Jh. gelang es einem Engländer, diesen Mangel zu beheben. Am 7. April 1827 verkaufte der Apotheker John Walker die ersten modernen Streichhölzer: Ihre in einen Mix aus Chemikalien, Gummi und Stärke getauchten Köpfe fingen durch simple Reibung Feuer.

[06.04.2019] gewaltlos, Adj.

ohne Anwendung von Gewalt

Es war eine revolutionäre Tat und dabei ein schlichter Akt: Ein alter, hagerer Mann klaubt ein paar Körner Salz von der Erde auf und erschüttert damit ein mächtiges Empire. Die Tat vom 6. April war Höhepunkt des 24-tägigen Salzmarsches, mit dem Mahatma Gandhi und Hunderttausende Inder gewaltlos gegen das Salzmonopol des britischen Regimes protestierten. Die Kolonialherren fanden kein Gegenmittel: Allen Massakern und Massenverurteilungen zum Trotz. Der von Gandhi ins Leben gerufene gewaltlose Widerstand ließ sich nicht aufhalten.

[05.04.2019] olympisch, Adj.

die Olympischen Spiele: die alle vier Jahre im großen Rahmen veranstalteten internationalen sportlichen Wettkämpfe

Manchmal dauert es etwas länger, bis eine gute Idee wieder aufgegriffen wird. So auch hier: Am 5. April 1896, über 1500 Jahre nach dem Verbot durch den römischen Kaiser Theodosius, fanden die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen statt. Der französische Historiker Pierre de Coubertin wollte den olympischen Geist in die Neuzeit retten und konnte Sportverbände in der ganzen Welt für seine Vorstellung begeistern. Deutsche Turnerverbände rieten (erfolglos) von der Teilnahme ab. Der Wettkampfgedanke erschien ihnen gesundheitsgefährdend, unästhetisch und unsozial.

[04.04.2019] Brieffreundschaft, die

Freundschaft aufgrund eines regelmäßigen Briefwechsels

Ihre Familie nannte sie Kobold, Goethe eine Tollhäuslerin, diese klein gewachsene, aber große Persönlichkeit hinterließ einen bleibenden Eindruck in der Gesellschaft des frühen 19. Jh. Sie war emanzipiert und sozial engagiert, führte ein Armenbuch und trat für die politische Gleichstellung von Frauen ein. Heute kennt man Bettina von Arnim vor allem als Dichterin. In gut bestückten Bücherschränken stehen z. B. ihre viel gelesenen Werke „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ und „Die Günderode“. Am 4. April 1785 wurde sie in Frankfurt a.M. geboren.

[03.04.2019] Jazz, der

durch synkopenreiche Rhythmik und Improvisation gekennzeichnete Musikrichtung, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in den USA vorwiegend von afroamerikanischen Musikern durch Verschmelzung von afroamerikanischen und europäisch-amerikanischen Elementen geschaffen wurde

Sie ließ sich nicht festlegen, sang Jazz, Blues und Bebop, sie war ein Wunder der Improvisation, außergewöhnlich kreativ und virtuos, ihre tiefe Altstimme fächerte sie spielend über drei Oktaven auf und stellte mit ihrer perfekten Intonation jedes Stimmgerät in den Schatten. Vielen gilt sie noch heute als die größte Jazzsängerin aller Zeiten. Berühmt wurde sie mit Songs wie „Send in the Clowns”, „It’s Magic” oder „Broken-Hearted Melody”. Als Sarah Vaughan am 3. April 1990 in ihrem Haus in Kalifornien starb, hatte sie eine glänzende, fast 50 Jahre währende Karriere hinter sich.

[02.04.2019] Fantasie, die

Kraft, Vermögen, sich aus dem Erfahrungsschatz heraus neue, noch nicht erlebte Vorstellungen zu bilden, Einbildungskraft

Ein Kinderbuch? Hätten man einem fliegenden Buchhändler des 16. oder 17. Jahrhunderts diese Frage gestellt, er hätte wohl (kopfschüttelnd) eine billige ABC-Fibel oder bestenfalls Luthers „Kleinen Katechismus“ aus seiner Kiepe hervorgekramt. Erst mit Campes „Robinson der Jüngere“, den Märchen der Brüder Grimm, vor allem aber mit „Alice im Wunderland“ hielt fantasievoller Lesespaß Einzug in die Kinderzimmer. Diesen Platz hat das Kinderbuch, aller digitalen Ablenkung zum Trotz, bislang behaupten können. Heute ist der „Internationale Tag des Kinderbuchs“.

[01.04.2019] Aprilscherz, der

Interesse hervorrufende, glaubhaft wirkende, aber erfundene Geschichte oder falsche Information, mit der jmd. am 1. April seine Mitmenschen zum Spaß und in meist harmloser Weise in die Irre zu führen, zum Narren zu halten versucht

War der 1. April ursprünglich im Volksglauben ein Unglückstag, wandelte er sich schon zu Beginn der Neuzeit in weiten Teilen Europas zu einem Tag, an dem man seine Mitmenschen mit erfundenen, übertriebenen oder besonders missverständlichen Nachrichten zum Narren halten kann, wobei oft eine hohe Kreativität an den Tag gelegt wird. Nicht allen gefallen aber diese Aprilscherze, besonders jenen, die sie erst auf ein „April, April!“ hin verstanden haben. Mit welcher Seite Sie sich auch identifizieren mögen, kommen Sie gut in den April!

[31.03.2019] Chromatik, die

Veränderung der sieben Grundtöne (durch ein Versetzungszeichen) um einen halben Ton nach oben oder unten

Vielen gilt er als der bedeutendste Komponist aller Zeiten. Er schrieb Oratorien, Messen, Motetten, Kantaten, Konzerte und Kammermusik, war Cembalist, Organist und Thomaskantor; und er verhalf einer damals neuen Art, Musikinstrumente zu stimmen, zum Durchbruch: In seinem Wohltemperierten Klavier demonstrierte er, wie mit dieser Stimmung Kompositionen in bis dahin kaum genutzten Dur- und Moll-Tonarten möglich waren – ein wahrer Augen-(oder Ohren-)öffner. Heute vor 334 Jahren wurde Johann Sebastian Bach geboren.

[30.03.2019] Sternenmeer, das

die Menge der Sterne am nächtlichen Himmel

„Möge die Nacht mit uns sein” ist das Motto des heutigen Tags der Astronomie. Sobald es dunkelt, ziehen Sternbegeisterte auf Wiesen, Dächer und Berge, zücken Fernrohre und Spiegelteleskope, um dem Universum seine Geheimnisse zu entlocken. Viele Sternwarten laden Interessierte zu gemeinsamen Himmelsbeobachtungen ein. Damit auch Städter einen Blick in den Kosmos werfen können, ruft der WWF dazu auf, zwischen 20:30 Uhr und 21:30 Uhr das Licht auszumachen. Für eine Stunde gibt es dann weniger Lichtverschmutzung, zugleich sieht man mehr vom Sternenmeer.

[29.03.2019] Held, der

jmd., der auf seinem Gebiet Hervorragendes leistet

Kay, ein Ritter der Artus’schen Tafelrunde, ist in der mittelalterlichen Literatur eine komplexe Figur. Vor allem in den späteren französischen und deutschen Epen ist er schon einmal vorlaut und unterwandert gerne die steifen höfischen Regeln. Die Walliser im 10. Jh. aber hielten ihn hoch, hier steht er Artus am nächsten, er kämpft besser und trinkt mehr als andere, er besiegt wilde Biester, überlebt neun Tage unter Wasser, neun Nächte ohne Schlaf, nichts kann ihn kleinkriegen. Kay ist ein interessanter Charakter: Querkopf, Workaholic – aber ein wahrer Held.

[28.03.2019] Unkraut, das

zusammenfassende Bezeichnung für alle wildwachsenden Pflanzen, die die Kulturpflanzen in ihrem Wachstum hindern und schädigen

Ob Un-mensch, Un-geheuer oder un-bedarft: Steht einem Wort das Präfix un- vor, erwächst daraus häufig nichts Gutes. So wird auch das Kraut, zum Un-kraut, wenn es sich unter die Nutzpflanzen mischt und diese zu verdrängen droht. Früher gar als „Böskraut“ bezeichnet, stand es bildlich für den sündigen Menschen, wenn nicht für den Teufel. Heute, im Zeitalter schwindender Artenvielfalt, fällt das Urteil milder aus, bietet es doch Bienen und anderem „Un“-geziefer Nahrung und Schutz. Der heutige Tag des Unkrauts ist ein guter Anlass, das vielgeschmähte Gewächs zu würdigen.

[27.03.2019] Untertan, der

abwertend: dem Obrigkeitsstaat gegenüber kritikloser, devoter, untertäniger Staatsbürger

Nur wenige haben das wilhelminisch geprägte Bürgertum mit seiner Mischung aus Obrigkeitshörigkeit und nationalistischer Großmannssucht so eindringlich geschildert wie Heinrich Mann. Auf Gegenliebe stieß dies zunächst nicht. Von seinem als Fortsetzungsroman geplanten Werk „Der Untertan“ erschien bei Kriegsausbruch 1914 nur das erste Kapitel. Man könne, so die Zeitungsredaktion, im gegenwärtigen Augenblick nicht in satirischer Form Kritik üben. Nach dem Krieg stieg die Auflage des gedruckten Buchs auf 100 000. Der 27. März 1871 ist Heinrich Manns Geburtstag.

[26.03.2019] Babylon

Stadt am Euphrat; gehoben, übertragen: Ort der Verworfenheit

„Hure Babylon!“, „Sündenbabel!“: Kaum jemals dürfte eine Stadt eine Imagepolitur so nötig gehabt haben wie diese Metropole des Altertums. Archäologie und Geschichtsschreibung konnten indes die Dominanz der negativen Zuschreibungen zumindest relativieren – spätestens seit im vorigen Jahrhundert Kisten um Kisten mit glasierten Ziegeln nach Berlin gelangten, aus denen das herrliche Ischtar-Tor mit seinen wunderbaren Reliefs rekonstruiert werden konnte. Am 26. März, genau heute vor 120 Jahren, setzte Robert Koldewey den ersten Spatenstich zur Ausgrabung.

[25.03.2019] Verriss, der

harte, vernichtende Kritik, besonders an einem Kunstwerk

„Und so sehen wir betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, mit diesem Brecht-Zitat beendete der so bezeichnete „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki um die 80 Mal eine der berühmtesten und berüchtigtsten Debattierrunden der deutschen Fernsehgeschichte: das Literarische Quartett. Sigrid Löffler, Helmuth Karasek, Reich Ranicki und ein stets wechselnder Gast unterzogen neu erschienene Werke einer strengen Prüfung. Mit bissigen, bisweilen geradezu hämischen Kritiken sorgten sie gemeinsam für viel Kurzweil. Heute vor gut 40 Jahren, am 25. März 1988, wurde die Sendung erstmals ausgestrahlt.

[24.03.2019] Märzgefallene, die oder der

1. im Zusammenhang mit der Märzrevolution von 1848 bei Kämpfen oder Demonstrationen umgekommener Mensch; 2. ironisch, abwertend: Person, die nach der Machtübernahme Hitlers, insbesondere nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, in die NSDAP eintrat, oft verbunden mit der Hoffnung auf berufliche und persönliche Vorteile

24. März 1933 – der schwärzeste Tag des deutschen Parlamentarismus: Die demokratischen Parteien stimmen mit Ausnahme der SPD dem eingebrachten Ermächtigungsgesetz und damit ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit zu. Dem politischen Druck von oben entspricht eine Willfährigkeit von unten: Tausende, die sich zuvor von den Nationalsozialisten ferngehalten haben, versuchen auf den fahrenden Zug aufzuspringen und treten noch schnell in die Partei ein. Man verspottet sie in bitter-ironischer Anspielung auf die Toten der gescheiterten Revolution von 1848 als die „Märzgefallenen“.

[23.03.2019] Kleidervorschrift, die

(in einem bestimmten Bereich) Vorschrift über die Art der zu tragenden Kleidung

23. März 1766: In Madrid tobt der Aufstand. Die Regierung hatte, angeblich um im Schatten der Krempen und Falten verübte Straftaten zu unterbinden, das Tragen ausladender Hüte und Mäntel verboten. Die Madrider aber vermuteten andere Gründe: König und Minister wollten das Land zumindest äußerlich modernisieren und an die Pariser Mode anpassen. Etwa 50 000 traditionsbewusste Spanier gingen dagegen auf die Straße. Der Madrider Hutaufstand endete ohne Blutvergießen, aber der König musste dem Getümmel entfliehen, der verantwortliche Minister zurücktreten.

[22.03.2019] Cineast, der

begeisterter Kinogänger, besonders Liebhaber künstlerischer Filme

Diese Filmhandlung ist schnell erzählt: Die Werkstore einer Fabrik öffnen sich, Männer und Frauen strömen hinaus, zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf dem Pferdewagen. Was man heute als avantgardistische Nischenkunst belächelte, war 1895 eine viel bestaunte Sensation. Am 22. März projizierten die Brüder Lumière erstmals mit ihrem Cinématographen bewegte Bilder auf die Leinwand. Mit der Erfindung riefen sie auch eine neue Wortfamilie ins Leben: Denn aus Cinématograph (zu griechisch kínēma ‚Bewegung‘ und gráphein ‚schreiben‘) entstanden „Cineast“ ebenso wie „Kino“.

[21.03.2019] Lehnwort, das

Wort, das in lautlich angeglichener Form aus einer fremden Sprache entlehnt ist

Was haben Zucker, Matratze, Laute und Algebra gemein? Und wie sieht es mit Kiosk, Spinat und Paradies aus? Dies alles sind deutsche Wörter, alltäglich und vollkommen vertraut. Ursprünglich stammen sie aber aus dem Arabischen und Persischen, es handelt sich also um Lehnwörter, die durch Handel und kulturellen Austausch, oft über andere Sprachen, ins Deutsche gelangten. Die Kulturen der Welt haben über die Jahrhunderte immer wieder viel voneinander gelernt. Der heutige Welttag gegen Rassismus ist ein schöner Anlass, sich daran zu erinnern.

[20.03.2019] Artikel, der

selbstständiger (bezifferter) Abschnitt innerhalb eines fortlaufenden Textes

„Lies die folgenden Artikel ernsthaft und urteile hinterher.“ Mit diesem Appell beginnen die eigentlichen Forderungen der berühmten Zwölf Artikel der süddeutschen Bauern vom 20. März 1525: Wahl des Pfarrers durch die Gemeinde, Abgabe des Zehnten nur für Pfarrer und Kommune, Reduzierung belastender Frondienste – um nur einige zu nennen. Aus Sicht der Bauern sollten die Forderungen drückendes Unrecht beenden. Doch die weltliche und geistliche Obrigkeit sahen sich in ihrer Existenz bedroht. Die Erhebung wurde im sogenannten Bauernkrieg blutig niedergeschlagen.

[19.03.2019] Ohrwurm, der

Musikstück mit einer eingängigen, einprägsamen Melodie, das einem Hörer für einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt

Eigentlich glaubte er nicht, dass sich das Cello als Soloinstrument für ein Konzert eigne, das hohe Klangregister sei dafür zu näselnd, das tiefe zu murmelnd. Als Antonín Dvořák aber die Komposition seines Kollegen Victor Herbert zu hören bekam, ließ er sich vom Gegenteil überzeugen. Am 19. März 1896 dirigierte er die Uraufführung seines eigenen Cellokonzerts in h-Moll, Opus 104 in der Queen's Hall in London. Das Meisterwerk mit seinem ohrwurmstarken Anfangsmotiv gehört seitdem zum Repertoire vieler bekannter Cellisten und sorgt regelmäßig für volle Häuser.

[18.03.2019] postum, Adj.

nach jmds. Tod erschienen

Am 18. März 1893 kam der wahrscheinlich bedeutendste englische Poet des Ersten Weltkriegs, Wilfred Owen, zur Welt. Er fiel im Alter von nur 25 Jahren, im November 1918, tragischerweise eine Woche vor Waffenstillstand. Aus seiner Feder stammt unter anderem das Gedicht Dulce et Decorum est, das von der Hilflosigkeit blutjunger, von der Kriegspropaganda geblendeter Soldaten und dem letztendlichen Fronttod eines solchen handelt. Es wurde postum 1920 veröffentlicht. Owens Lyrik gilt als außergewöhnlich poetisch, gleichzeitig als realistisch und absolut schonungslos.

[17.03.2019] Gummiring, der

dünner Ring aus Gummi, der etw. (Eingewickeltes) zusammenhalten soll

Ob für Fitness- oder Freundschaftsbänder, für Einmachgläser oder Schülerstreiche. Die Gummilitze scheint in unserer modernen Zivilisation unverzichtbar: Selbst Kate Bush sang 1993 vom Gummibandmädchen (Rubberband Girl) und in Amerika wickelten Enthusiasten für den Guinness-Weltrekord 700 000 Gummibänder zu einem Ball von zwei Metern Durchmesser zusammen. Tatsächlich ist der Gummiring eine vergleichsweise junge Erfindung: Am 17. März 1845 erhielt der Engländer Stephen Perry das Patent auf das flexible, kreisförmige Gummistück.

[16.03.2019] Kugelsternhaufen, der

kugelförmige, zum Zentrum hin sich verdichtende Ansammlung zahlreicher sehr alter, durch gegenseitige Massenanziehung aneinander gebundener Sterne

Ihr Leben als Weißnäherin zu verbringen, das konnte sie sich nicht vorstellen. Stattdessen zog Caroline Herschel mit ihrem Bruder Wilhelm von Hannover nach Bath (England), wo dieser als Organist eine Anstellung fand, und sang die Soli in seinen Konzerten. Nebenbei erforschten beide den Nachthimmel. Nachdem Wilhelm den Planeten Uranus entdeckt hatte, wechselten beide die Profession: Er wurde Astronom, sie seine Assistentin. Mit der Zeit machte Caroline eigene Entdeckungen, erfuhr große Anerkennung und gewann wichtige Wissenschaftspreise. Der 16. März 1750 ist ihr Geburtstag.

[15.03.2019] Tyrann, der

Gewaltherrscher, Despot

„Cave Idus Martias“ („Hüte dich vor den Iden des März“) sagte – so der Dichter Plutarch – ein römischer Augur warnend zum Tyrannen Caesar; doch dieser machte sich unerschrocken auf den Weg zum Senat, wo ihn Brutus und seine Gefolgsleute schon erwarteten und mit mehreren Dolchstößen niederstreckten. „Auch Du, mein Sohn?" waren der Legende nach Caesars enttäuschte letzte Worte. Iden ist der Plural von lat. Idus, die Monatsmitte im römischen Kalender. Die „Iden des März" gelten – in Anlehnung an die Geschichte von Caesars Ermordung – als Metapher für bevorstehendes Unheil.

[14.03.2019] Pi

Mathematik: Zahl, die das Verhältnis von Kreisumfang zu Kreisdurchmesser angibt; Ludolfsche Zahl

Weil die internationale Datumsschreibweise 3/14 ihren ersten Ziffern 3,14 entspricht, gilt der heutige Tag als Pi-Tag. Die Zahl, die das Verhältnis von Durchmesser zum Kreisumfang beschreibt und nicht durch einen Bruch natürlicher Zahlen darstellbar ist, fasziniert die Menschheit seit der Antike. Versuche, sie immer weiter auszurechnen, finden sich bei den Ägyptern ebenso wie bei Leibniz oder Gauß. Die unendliche Ziffernfolge hat auch zahlreiche Gedächtniskünstler auf den Plan gerufen: Der Rekord liegt bei unglaublichen 70 000 auswendig gelernten Nachkommastellen.

[13.03.2019] Fehde, die

historisch: rechtlich zugelassene Form der bewaffneten Selbsthilfe zur Durchsetzung von Rechtsansprüchen einzelner Städte oder Feudalherren im Mittelalter

War er legitimer Widerstandskämpfer gegen erlittenes Unrecht oder Querulant, der aus verletztem Stolz zur Selbstjustiz griff? Der Fall Hans Kohlhase scheint beide Deutungen zuzulassen. Was 1532 mit der Entwendung zweier Pferde durch einen Junker begann, eskalierte bis zur Katastrophe: Nachdem Versuche einer rechtlichen Einigung gescheitert waren, erklärte Kohlhase am 13. März 1534 dem Kurfürstentum Sachsen die Fehde, brannte Häuser nieder, setzte Kaufleute gefangen, überfiel sogar einen Silbertransport. Am Ende verlor er Besitz und Leben.

[12.03.2019] erfinderisch, Adj.

um eine geschickte Lösung nie verlegen, einfallsreich

Er beschrieb die Nutzbarkeit von Naturgewalten, erfand eine Wärmekraftmaschine, eine windbetriebene Orgel und einen Weihwasserspender, er schlug mathematische Verfahren vor und entwarf raffinierte Kriegsmaschinen. Wann genau Heron von Alexandria aber gelebt hat, kann nur vermutet werden. Es gibt ein recht eindeutiges Indiz: In seinem Werk Dioptra beschreibt er eine Mondfinsternis, von der vermutet wird, dass es sich um die vom 12. März 62 handelt. Heron muss also zwischen 1 und 100 n. Chr. gelebt haben – seiner Zeit war er jedoch um Jahrhunderte voraus.

[11.03.2019] Perestroika, die

Umbildung, Neugestaltung des sowjetischen politischen Systems bes. im innen- u. wirtschaftspolitischen Bereich (im Zusammenhang mit grundlegenden Änderungen bei Führungsgremien u. bestimmten Institutionen)

Michail Gorbatschow: Nach der „Herrschaft der Alten“ setzte er mit seinem Temperament, seinem Reformwillen und einem untrüglichen Instinkt für öffentliche Auftritte einen deutlichen Kontrapunkt zu seinen Vorgängern. Dass seine Wahl zum Generalsekretär der KPdSU am 11. März 1985, dass Glasnost und Perestroika eine Entwicklung anstießen, die den Zerfall des sowjetischen Imperiums einleiten, den Kalten Krieg beenden und geradewegs zur deutschen Einheit führen würde, hätte sich dennoch keiner vorstellen können.

[10.03.2019] Wetterwolke, die

Gewitterwolke

Verse von Kleist, Skulpturen von Schadow, Theaterstücke und nicht wenige Biografien sind ihr gewidmet. Tatsächlich grenzte der Kult, der um den „Stern in Wetterwolken", um Königin Luise von Preußen (1776-1810), betrieben wurde, zeitweise an Heiligenverehrung. Nationalistischer Kitsch hat denn auch lange den Menschen hinter dem Mythos verschwinden lassen: eine interessante, im besten Sinne unkonventionelle Persönlichkeit, die ihrem Land in schwerer Zeit wichtige Dienste leistete. Der 10. März ist ihr Geburtstag.

[09.03.2019] Entschädigung, die

Ausgleich für einen Schaden

1832 war kein gutes Jahr für den Franzosen Monsieur Remontel. Seine Bäckerei im mexikanischen Tacubaya wurde von Offizieren geplündert. Also bat er König Louis-Philippe in der Heimat um Hilfe. Dieser reagierte und verlangte vom Präsidenten Mexikos 600 000 Pesos Entschädigung. Als der sich weigerte, sah sich Louis-Philippe nach einigem diplomatischen Hin und Her im Jahre 1838 doch gezwungen, eine Flotte nach Mexiko zu schicken: Der sogenannte Kuchenkrieg brach aus. Am 9. März 1839 fand dieser wieder ein Ende, Mexiko gab endlich klein bei.

[08.03.2019] Frauentag, der

internationaler Aktionstag, an dem die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen ins Bewusstsein gehoben werden soll

Seit 1921 wird am 8. März der Internationale Frauentag gefeiert. An diesem Tag steht die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im öffentlichen Fokus. Menschen weltweit gehen unter anderem für gleiche Ausbildungs- und Berufschancen, für gleiche Bezahlung und für mehr Sicherheit vor sexueller Gewalt auf die Straße. In vielen Ländern der Welt ist der 8. März ein gesetzlicher Feiertag. Seit 2019 – erstmals in der Bundesrepublik – auch in Berlin.

[07.03.2019] crescendo, Adv.

an Tonstärke wachsend, anschwellend

„Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Boléro; leider enthält er keine Musik“ soll Ravel über eine seiner berühmtesten Kompositionen gesagt haben. Es scheint entsprechend bemerkenswert, dass ein nicht zu verachtender Teil seiner Uraufführungen von Buh-Rufen begleitet worden ist, der Boléro hingegen sofort auf Begeisterung stieß. Als Ballett angelegt, inspirierte vor allem das fortlaufende Crescendo zahlreiche Choreografen zu wild sensuellen Interpretationen. Damals wie heute. Am 7. März 1875 kam Maurice Ravel in Südfrankreich zur Welt.

[06.03.2019] Schmerzmittel, das

schmerzstillendes Mittel

Schmerz lass nach: Schon Hippokrates, wohl auch die Kelten und Germanen, kochten Weidenrinde aus, um an eine Substanz zu gelangen, bei der es sich, wie man heute weiß, um Salizin handelt. Als Medikament (seit 1874 in Form der Salizylsäure industriell hergestellt) wirkte es gegen Krämpfe, wurde bei Epilepsie eingesetzt, half gegen Rheuma – und verursachte heftigste Magenprobleme. Abhilfe schaffte erst die chemisch reine Synthese der Azetylsalizylsäure, die 1899, genau heute vor 120 Jahren, den Markennamen Aspirin erhielt.

[05.03.2019] Köpenickiade, die

der Tat des Hauptmanns von Köpenick vergleichbarer Gaunerstreich

Am 16. Oktober 1906 stürmte der mehrfach vorbestrafte Schustergeselle Friedrich Wilhelm Voigt zusammen mit einem Trupp Soldaten, den er auf der Straße zufällig requiriert hatte, das Rathaus des Städtchens Cöpenick (heute Berliner Stadtteil) und erbeutete 3557 Mark und 45 Pfennige – und das, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. Seine Legitimation: einzig eine Secondhand-Hauptmannsuniform. Eine Fülle von Theaterstücken und Filmen entstand nach dem Schelmenstück, so auch Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“, uraufgeführt am 5. März 1931 – knapp 25 Jahre nach der Tat.

[04.03.2019] Minnesang, der

lyrische Dichtung der höfisch-ritterlichen Gesellschaft des 12. bis 14. Jahrhunderts

Zwar sind seine Methoden mittlerweile nicht mehr ganz zeitgemäß, dennoch hat die Altgermanistik Karl Lachmann einiges zu verdanken. Er erfand das sogenannte normalisierte Mittelhochdeutsch und gab erstmals historisch-kritische Editionen mittelalterlicher Texte heraus. Zum Beispiel die berühmte Sammlung höfischer lyrischer Dichtung mit Namen „Des Minnesangs Frühling“, deren gleichnamiger Nachfolger noch heute ins Gepäck eines jeden Germanistikstudenten gehört. Am 4. März 1793 wurde Karl Lachmann geboren.

[03.03.2019] Gedächtnis, das

Speicher der aufgenommenen Sinneseindrücke, des Erlernten, Erinnerung

3. März 2009: Kurz vor 14 Uhr stürmten U-Bahn-Bauarbeiter in das Historische Archiv der Stadt Köln, jagten die Insassen ins Freie, wenige Sekunden später stürzte das Gebäude ein und begrub Tausende historischer Handschriften, Dokumente und Fotografien unter seinen Trümmern. Die Presse sprach von der Zerstörung des kulturellen Gedächtnisses der Stadt. Zum Glück konnten aber 95 % der Archivalien, wenn auch in sehr schlechtem Zustand, geborgen werden. Für die zwei einzigen Verschütteten kam jedoch leider jede Rettung zu spät.

[02.03.2019] schunkeln, Vb.

aus Vergnügen mit untergehakten Armen im Rhythmus der Musik, bei fröhlichem Gesang

Wieder einmal stecken die Gebiete Deutschlands mit historisch stärkerer katholischer Prägung tief in der sogenannten Fünften Jahreszeit. Egal ob mit „Alaaf“, „Helau“ oder „Ahoi“, von Weiberfastnacht bis Faschingsdienstag wird getanzt, gebützt, gesprungen und geschunkelt. Jecke und Narren sind verkleidet und in so mancher Hinsicht kaum wiederzuerkennen. Vor allem kurz vor Aschermittwoch. Mit jenem findet der Karneval sein offizielles Ende; die Fastenzeit vor Ostern beginnt.

[01.03.2019] Straßenbeleuchtung, die

künstliche Erhellung, Beleuchtung von Straßen und Plätzen

Berlin als Zentrum der Innovation: Heute vor 140 Jahren installierte Werner von Siemens die von seinem Unternehmen weiterentwickelte Kohlebogenlampe vor seinem Haus, der Startschuss für die elektrische Straßenbeleuchtung: Wenige Wochen später – anlässlich der Industrieausstellung – ließen in Reihe geschaltete Lampen mit zentraler Stromversorgung die Kaisergalerie in künstlichem Licht erstrahlen. Und schon bald konnten Motten und Nachtschwärmer das neuartige Licht auch auf dem Potsdamer Platz und in der Leipziger Straße genießen.

[28.02.2019] Siegesstimmung, die

gehobene Stimmung nach einem Sieg

Am vergangenen Sonntag wurde in Los Angeles wieder einmal der Academy Award, der Oscar, verliehen. Diesmal unter anderem an zwei Königinnen: Die Britin Olivia Colman gewann die Trophäe für ihre Darstellung der Queen Anne und der Amerikaner Rami Malek für die des Freddy Mercury (Queen). Warum der Oscar Oscar heißt, ist nicht ganz klar. Einer Legende zufolge soll der Onkel einer Academy-Mitarbeiterin der Taufpate gewesen sein, eine andere behauptet, Walt Disney habe den Namen geprägt. Erst seit 1979 ist „Oscar“ eine feste Marke.

[27.02.2019] faszinieren, Vb.

eine fesselnde Wirkung auf jmdn. ausüben

Der am 27. Februar 2015 verstorbene Leonard Nimoy wird wohl stets mit der Figur des vernunftgesteuerten Vulkaniers Spock und sicher auch mit diesem Wort verbunden bleiben: „faszinierend!“. Noch bis ins 19. Jahrhundert hatte jenes aber eine ganz andere Bedeutung als heute: Eine „faszinierte“ Person war nicht freudig ergriffen, sie war im wörtlichen Sinne ganz und gar „verhext“.

[26.02.2019] Genbank, die

Einrichtung zur Sammlung, Erhaltung und Nutzung des Genmaterials bestimmter Pflanzenarten

Ihr Eingang mutet fast an wie das Tor zu einer Gruft. Tatsächlich dient diese von der norwegischen Regierung 800 km vom Nordpol entfernt in den Permafrostboden von Spitzbergen getriebene Genbank aber dem Leben. Denn in dem oft als Arche Noah für Pflanzen bezeichneten Svalbard Global Seed Vault werden die Samen von Kultur- und Wildpflanzen aus der ganzen Welt gesammelt (über eine Million sind es inzwischen). So dass es im Fall von überstandenen Natur- und Kriegskatastrophen wieder möglich sein soll, Nahrungspflanzen in ausreichender Zahl anzubauen. Seit der feierlichen Eröffnung am 26. Februar 2008 kann jedes Land der Erde hier seine Pflanzensamen wie bei einer Bank „ansparen“ und im Notfall auch wieder „abheben“. Die Kosten übernimmt der norwegische Staat.

[25.02.2019] Foliant, der

Buch in Folioformat, altes, großformatiges Buch

Walther von der Vogelweide, Heinrich von Morungen, Wolfram von Eschenbach, dies sind nur einige der berühmten Dichter, deren Texte im Codex Manesse, der Großen Heidelberger Liederhandschrift, verewigt sind. Der Foliant gilt als die umfangreichste Sammlung mittelalterlicher deutscher Lyrik. Er entstand im frühen 14. Jh., wahrscheinlich in Zürich, und enthält in 140 Dichtersammlungen etwa 6000 Liedstrophen. Ihnen vorangestellt sind sogenannte Miniaturen, ganzseitige Bilder, die meist die Dichterpersönlichkeit darstellen und ein Thema aus dem jeweiligen lyrischen Werk aufgreifen. Der Codex Manesse wird der Öffentlichkeit kaum noch gezeigt, aber er ist komplett digitalisiert worden und kann online jederzeit eingesehen werden.

[24.02.2019] Klagelied, das

Schmerz ausdrückendes, klagendes Lied

„Heute siegen in der Hölle Mitleid und Liebe“ singt der Chor der Geister, als der hocherfreute Orfeo, gefolgt von seiner kurz zuvor verstorbenen Eurydice, aus der Unterwelt dem Leben wieder entgegeneilt. Doch Orfeo tut das Verbotene, er dreht sich zu seiner Geliebten um und verliert sie damit endgültig an den Tod. Es folgt ein untröstliches Klagelied, in welches die Nymphe Echo, selbst an der Liebe zugrunde gegangen, mitfühlend einstimmt. Monteverdis L'Orfeo wird von vielen als die erste Oper bezeichnet. Zumindest ist sie die älteste, die noch heute regelmäßig auf den Spielplänen steht. Sie wurde am 24. Februar 1607 in Mantua uraufgeführt.

[23.02.2019] Tagebuch, das

Buch, Heft für tägliche Eintragungen persönlicher Erlebnisse, Gedanken

Gleich ob Liebschaft, Hofklatsch, Ehekrach: Nichts schien ihm zu heikel oder zu trivial, um es nicht in seinen Tagebüchern zu verewigen. Dank des am 23. Februar 1633 geborenen Samuel Pepys entfaltet sich vor dem heutigen Leser ein buntes Panorama des frühbarocken London, erlebt er Stadtbrand, Pestepidemie und Glaubenskampf fast hautnah mit. Pepys war vorsichtig: Seine Beobachtungen notierte er stets in Geheimschrift. Die Journale versteckte er zwischen den Büchern seiner Bibliothek und vermachte dieselbe der Universität Cambridge. Wo die Bände – wie vom Autor beabsichtigt – erst lange nach seinem Tod entdeckt wurden.

[22.02.2019] Billigheimer, der

umgangssprachlich: Billiganbieter

Er ist wohl der Urahn der Warenhäuser und Discounter, der Ein-Euro-Shops und Grabbeltische: Winfield Woolworth. Am 22. Februar 1879 eröffnete der umtriebige Kaufmann in Utica im Staat New York seinen „5-Cent-Store“ und eroberte mit einer bahnbrechenden Geschäftsidee die halbe Welt: Nicht nur, dass alle Waren (zunächst) zum gleichen Preis zu haben waren. Erstmals konnten die Kunden die Waren selbst anfassen, prüfen und auswählen. Überall in Amerika entstanden riesige Warenhäuser mit Angeboten auch für den kleinen Geldbeutel, ab 1926 auch in Deutschland. In Amerika ist die Marke Woolworth längst Geschichte. In Deutschland hat der inzwischen selbstständige Konzern mit 300 Filialen überdauert.

[21.02.2019] indigen, Adj.

einheimisch, eingeboren; die eingesessene Bewohnerschaft eines Gebietes (besonders vor einer Eroberung oder Kolonialisierung durch andere Völker) bildend

Die Sprache Eyak gilt als schlafend. Denn am 21. Februar 2008 verstarb die letzte indigene Sprecherin, Mary Smith Jones, in Anchorage (Alaska). Es war nicht primär das Englische, das diese indianische Sprache verdrängte, vielmehr konnte sich das gleichermaßen indigene Tlingit des benachbarten Stammes über die Generationen hinweg durchsetzen. Noch vor ihrem Tod half Mary Smith Jones dem Linguisten Michael Krauss dabei, ein Wörterbuch und eine Grammatik des Eyak zu erstellen. Seitdem gibt es Forschungsprojekte, die versuchen, diese Sprache wiederzubeleben.

[20.02.2019] Mozartzopf, der

früher üblicher, am Hinterkopf mit einer Schleife zusammengebundener Zopf

Die Mode war sein Leben, denn, wie Karl Lagerfeld einmal selbst bemerkte: „… der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“ Auch wenn es für den einen oder anderen nicht überraschend kam: Sein Tod hat die Welt – so scheint es – kalt erwischt. Denn der Selbstdarsteller und Exzentriker mit dem schlohweißen Mozartzopf, dem Vatermörder-Kragen, mit dem Fächer und Rennfahrer-Handschuhen schien so unverwechselbar zum öffentlichen Leben zu gehören wie der Eiffelturm zu Paris. Nicht nur die Haute Couture verliert mit ihm, der über ein halbes Jahrhundert die Modeszene prägte, viel. Die ganze Welt ist um einen schillernden Charakterkopf ärmer geworden.

[19.02.2019] Kabeljau, der

im Meer lebender, gefräßiger Raubfisch von olivgrüner oder blauer Farbe mit dunklen Flecken, der als Speisefisch verwendet wird

Erst waren es 12, dann 50, dann 200 Seemeilen, die Island für sich beanspruchte. Vor allem die Briten waren darüber „not amused". Mehrfach hatte die isländische Küstenwache die Netze britischer Fischfangboote gekappt. Am 19. Februar 1976 führte der dritte Kabeljaukrieg sogar zum kurzzeitigen Abbruch aller diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Island. Der Konflikt konnte glücklicherweise ohne Blutvergießen gelöst werden: Nach langen Verhandlungen erkannte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Island 1977 die 200 Meilen-Grenze zu.

[18.02.2019] Zivilcourage, die

Mut, unter schwierigen Umständen seine Meinung, seinen Standpunkt offen zu äußern, zu vertreten, durchzufechten

„Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk!“ Am 18. Februar 1943 füllten Hans und Sophie Scholl eine Aktentasche und einen Koffer mit regime- und kriegskritischen Flugblättern der Weißen Rose und gingen damit zur Münchner Universität. Gerade hatten sie die letzten Zettel vor den Hörsälen verteilt, als der Pedell Jakob Schmid sie entdeckte, festhielt und der Gestapo übergab. Vier Tage später wurden sie verurteilt und hingerichtet. Heute gelten die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter der Weißen Rose als Vorbilder eines friedlichen Widerstands gegen ein totalitäres Regime.

[17.02.2019] Insekt, das

zu den Gliederfüßern gehörendes Tier mit einem in Kopf, Brust und Hinterleib gegliederten Körper, meist mit sechs Beinen und vier Flügeln, Kerbtier

Insekten: Im Mittelalter zählte man sie zusammen mit Schlangen und Drachen noch zum „Gewürm“. Den Ausdruck „Insekt“ übernahm man erst im 16. Jahrhundert aus dem Lateinischen, meist gleichbedeutend mit ‚Schädling‘. Vor allem aber hielt man ihre Zahl für unerschöpflich: Wie Aristoteles glaubte man, sie entstünden im fauligem Schlamm. Andere meinten, sie würden in den Wolken „ausgebrütet“, um mit dem Regen auf die Erde zu fallen. Die Erkenntnis, dass Insekten für unser Ökosystem eine entscheidende Rolle spielen und dass ihre Zahl eben nicht unendlich ist, ist dagegen vergleichsweise jung. Seit Donnerstag steht fest: Das Volksbegehren „Artenvielfalt – Rettet die Bienen“ hat 1?745?383 Unterschriften gesammelt – 18,4 Prozent der Wahlberechtigten in Bayern.

[16.02.2019] Grabesluft, die

feuchtkalte, moderige Luft (wie in einem Grab)

Ägypten 1922 – ein denkwürdiger Augenblick der Archäologie und ein ikonischer Moment der Popkultur: Der Ägyptologe Howard Carter steht vor der versiegelten Tür eines offenbar unversehrten Grabes. Als er die obere Ecke der Steintür erbricht, lässt die entweichende Luft die hochgehaltene Kerze flackern. Auf die Frage seines Förderers, Lord Carnarvon, was er sehe, raunte er nur: „Wonderful things“. Sein Blick fällt auf die Statuen, die den Eingang zum eigentlichen Grab bewachen. Am 16. Februar 1923 wird auch dieses geöffnet und gibt einer staunenden Weltöffentlichkeit Schrein, Sarkophag, Totenmaske und die Mumie Tutanchamuns frei.

[15.02.2019] Weltbild, das

Wissen, Vorstellung von der Welt als Ganzem, das besonders ein Individuum, eine Gesellschaft, ein bestimmter Kulturkreis, eine Geistesrichtung, eine wissenschaftliche Disziplin besitzt

„Eppur si muove!“, „Und sie bewegt sich doch!“ soll der Astronom und Philosoph Galileo Galilei gemurmelt haben, als er 1633 das Inquisitionsgericht verließ. So gerade war er der Hinrichtung entkommen, doch dem kopernikanischen Weltbild, nach dem sich die Erde um die Sonne, nicht die Sonne um die Erde dreht, hatte er öffentlich abschwören müssen. Dabei war er davon überzeugt, es endlich beweisen zu können. Heute gilt dieses Zitat als nachträgliche Erfindung, es muss ihm aber noch zu Lebzeiten in den Mund gelegt worden sein. Der 15. Februar ist Galileo Galileis Geburtstag.

[14.02.2019] frankofon, Adj.

Französisch als Muttersprache sprechend, französischsprachig

„Pro Deo amur et pro christian poblo“ – „In godes minna ind in thes christanes folches“: Mit dieser feierlichen Anrufung Gottes und des christlichen Volkes beginnen die Schwüre, die Ludwig der Deutsche im romanischen und Karl der Kahle im rheinfränkischen Dialekt (also jeweils in der Volkssprache des anderen) ablegten. Die berühmten Straßburger Eide vom 14. Februar 842, mit denen die beiden Enkel Karls des Großen ihr Bündnis gegen den gemeinsamen Bruder Lothar bekräftigten, dokumentieren erstmals die sprachliche Trennung von West- und Ostfrankenreich, zugleich gelten sie als das erste schriftliche Zeugnis des Altfranzösischen.

[13.02.2019] Achtundvierziger, der

Teilnehmer, Anhänger der bürgerlichen Revolution von 1848

Am 13. Februar 1849 fährt die Goddefroy in Melbourne ein. Von Bord kommen deutsche Flüchtlinge, gescheiterte März- und Septemberrevolutionäre, die im Jahr zuvor im Zuge der Deutschen Revolution 1848 für Demokratie und Nation auf die Straße gegangen sind. Viele von ihnen werden in der Heimat politisch verfolgt. Diese Flüchtlinge sind die ersten „Forty Eighters" oder „Achtundvierziger", die australisches Land erreichen und hier siedeln. Viele von ihnen werden Winzer oder gründen Kirchen.

[12.02.2019] Evolution, die

allmähliche, von Generation zu Generation stattfindende Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen derselben Art, insbesondere die stammesgeschichtliche Entwicklung von niederen zu höheren Lebensformen

Eigentlich sollte er, wie sein Vater, Arzt werden, dann Pastor. Viel lieber aber stopfte er Vögel aus, sammelte Käfer, ging auf geologische Expeditionen, las Herschel und Humboldt. Als er 1831 das Angebot erhielt, auf der HMS Beagle in See zu stechen, nahm sein Leben endgültig andere Wege: Fünf Jahre lang vermaß und erforschte er Südamerika, dann kehrte Charles Darwin mit Büchern voller Notizen und mit Tausenden Präparaten nach England zurück. Zwei Jahrzehnte später entstand daraus „Die Entstehung der Arten", das fundamentale Werk der Evolutionstheorie. Der 12. Februar ist Darwins Geburtstag.

[11.02.2019] eisern, Adj.

übertragen: fest; a) unerschütterlich, unwandelbar, nicht nachlassend; b) unerbittlich hart, streng

„Eiserner Schlaf“, „eiserne Disziplin“, „eiserne Ration“: Auch wenn das Adjektiv mit dem robusten Markenkern in übertragener Bedeutung nicht mehr ganz so vielfältig verwendet wird wie noch im 19. Jahrhundert; diese Frau hat sich den Spitznamen „Eiserne Lady“ („Iron Lady“) wohl redlich verdient. Am 11. Februar 1975 erreichte die Karriere der Margaret Thatcher einen ersten Höhepunkt. In einer Kampfabstimmung zur Wahl des Parteivorsitzenden der britischen Konservativen setzte sie sich gegen Amtsinhaber Edward Heath durch. Ihr geflügelter Beiname wurde offenbar 1976 von Radio Moskau geprägt.

[10.02.2019] Hypochondrie, die

übertriebene Neigung, seinen eigenen Gesundheitszustand zu beobachten, zwanghafte Angst vor Erkrankungen, Einbildung des Erkranktseins (begleitet von Trübsinn oder Schwermut)

Vorhang auf für den Hypochonder: Am 10. Februar 1673 wird Molières Theaterstück „Der eingebildete Kranke“ uraufgeführt, das einem eigentümlichen Leiden ein zweifelhaftes Denkmal setzt. Manche sehen im Hypochonder eine wehleidige Person, die mit ihren eingebildeten Gebrechen ihrer Umgebung auf die Nerven geht. Tatsächlich ist Hypochondrie aber eine behandlungsbedürftige Erkrankung, die international unter der Chiffre F45.2 als psychische Störung klassifiziert ist. Für Molière wurde das Leiden auf tragische Weise fatal: Schon am 17. Februar brach er in der Hauptrolle des Hypochonders Argan auf der Bühne zusammen und starb wenig später.

[09.02.2019] Pilzkopffrisur, die

rund geschnittene, scheitellose Frisur, bei der das Haar Stirn u. Ohren bedeckt

„Let's bring them on!" rief der Moderator Ed Sullivan, bevor John, Paul, George und Ringo die Bühne betraten. Am 9. Februar 1964 eroberten die Beatles die USA im Sturm. 73,7 Millionen Fernsehzuschauer verfolgten live den ersten Auftritt der Band im amerikanischen Fernsehen. Das Publikum im Saal konnte sich vor Begeisterung nicht halten. Es schrie so laut und so langanhaltend, dass sich Ed Sullivan dazu gezwungen sah, eiskalt mit dem Frisör zu drohen.

[08.02.2019] Meteorit, der

kleiner, außerirdischer Körper aus Stein oder Metall, der beim Eindringen in die Erdatmosphäre infolge Reibung ganz oder teilweise verdampft und dessen restliche Stücke gelegentlich die Erdoberfläche erreichen

Nur knapp verfehlte am 8.2.1969 ein Meteoriten-Brocken das Postamt in einer mexikanischen Kleinstadt. Der deshalb nach dieser Allende benannte, geschätzt fünf Tonnen schwere Steinmeteorit zerplatzte noch in der Atmosphäre und regnete auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern nieder. In seinen Bruchstücken wurden Mikrodiamanten gefunden, die vermutlich vor der Entstehung unseres Sonnensystems bei der Explosion einer Supernova entstanden sind.

[07.02.2019] Union, die

durch Vertrag geschaffene, zur Wahrung und Durchsetzung gemeinsamer Interessen gebildete Vereinigung

12 Staaten rücken zusammen: Am 7. Februar 1992 unterzeichnen die Mitgliedsstaaten des Europäischen Rats den Vertrag zur Gründung der Europäischen Union. Die Auswirkungen sowohl auf das Miteinander der Staaten als auch auf das Leben ihrer Bürger sind gewaltig: Mit der Wirtschafts- und Währungsunion wird der Binnenmarkt geschaffen und der Grundstein für den Euro gelegt. Das EU-Parlament erlangt deutlich mehr Mitspracherechte und die Bürger können über die neu eingeführte Unionsbürgerschaft das passive und aktive Kommunalwahlrecht im Wohnstaat ausüben.

[06.02.2019] Reggae, der

aus Jamaika stammende Spielart der Popmusik, deren Rhythmus durch die Hervorhebung unbetonter Taktteile gekennzeichnet ist

Der 6. Januar 1945 sollte einen bedeutenden Einfluss auf die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts haben. An diesem Tag wurde Robert Nesta Marley, kurz Bob Marley, in Jamaika geboren. Als Mitbegründer des Reggae und als Friedensaktivist prägte er seine und folgende Generationen. Sein Lied „Get Up, Stand Up" wurde zu einer Hymne der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Bob Marley starb im Alter von nur 36 Jahren an Hautkrebs.

[05.02.2019] Fließband, das

mechanisch vorwärtsbewegtes Band, das bei arbeitsteiliger Fließfertigung oder Montage von Industrieprodukten die einzelnen Werkstücke nacheinander an die Arbeitsplätze der unterschiedlichen Arbeitsgänge befördert

Moderne Zeiten, einer der erfolgreichsten Filme Charly Chaplins, feiert am 5. Februar 1936 in New York Premiere. In ihm versucht seine unverwechselbare Filmfigur „The Tramp“ erfolglos, mit den bis zur Unmenschlichkeit hin optimierten Prozessen am Fließband und den Regeln der modernen Produktionsgesellschaft zurechtzukommen. Sein wiederholtes Scheitern führt zur endgültigen Entfremdung von der Entfremdung. Er entflieht der neuen Welt – Hand in Hand mit seiner Liebsten.

[04.02.2019] Limit, das

nach oben oder unten festgelegte Grenze, Begrenzung

Wenn aktuell wieder über Tempolimits diskutiert wird, steht mit „Limit“ ein Wort im Mittelpunkt, das eine typisch europäische Wortgeschichte hinter sich hat: Das Ende des 19. Jahrhunderts entlehnte „Limit“ wurde zunächst aus dem englischen „limit“ übernommen, das seinerseits auf französisch „limite“ und zuvor auf italienisch „limito“ zurückgeht. Es war ein Wort der Kaufmannssprache, das sich ursprünglich auf die Festlegung einer Preisgrenze bezog. Zugrunde liegt lateinisch „limes“ (‚Grenze‘). Man bezeichnet diese Ausdrücke deshalb auch als „Eurolatein“.

[03.02.2019] Tulpe, die

Liliengewächs mit aufrechten, endständigen, kelchförmigen Blüten und langen, ungestielten Laubblättern, das als Zierpflanze in unterschiedlichen Farben gezüchtet und als Schnittblume zur Dekoration verwendet wird

3. Februar 1637: Bei einer Versteigerung von Tulpen in Haarlem zur Zeit der sog. Tulpenmanie können die erwarteten Preise nicht mehr erzielt werden. In der Folge verfallen die Preise rapide und die Spekulationsblase platzt.

[02.02.2019] Murmeltier, das

auf Hochgebirgswiesen der Alpen und Karpaten lebendes, relativ großes, zu den Erdhörnchen gehörendes Nagetier mit gedrungenem Körper und kurzem buschigem Schwanz

2. Februar: Murmeltiertag in den USA und in Kanada (engl. „Groundhog Day“), bekannt u. a. durch den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

[01.02.2019] Wörterbuch, das

(gedruckt, auf einem elektronischen Medium oder im Internet publiziertes) Nachschlagewerk mit nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewählten und erläuterten Stichwörtern, meist mit Informationen zu ihrer Form, ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch

Der 1. Februar 1884 – ein wichtiger Tag der Lexikographie: Unter der Redaktion von James Murray erscheint knapp 27 Jahre nach Arbeitsbeginn die erste Lieferung des „English Oxford Dictionary“. Murray war bereits der dritte Herausgeber: Der erste – Richard Trench – starb zwei Jahre nach Arbeitsbeginn, der nachfolgende Herbert Coleridge sah sich von der Aufgabe überfordert. Murray erlebte das Erscheinen des letzten Bandes 1928 nicht mehr, er starb 1915.

[31.01.2019] Flut, die

strömende, stark bewegte Wassermasse

In der Nacht vom 31. Januar zum 1. Februar 1953 werden die Küsten Südenglands und der Niederlande von einer schweren Sturmflut heimgesucht. In Norfolk wurde ein Anstieg des Meeresspiegels um 2,97 Meter gemessen, in Zeeland auf bis zu 5,25 Meter. Vor allem durch Deichbrüche kamen bei der Katastrophe insgesamt 2400 Menschen ums Leben. Die „Hollandsturmflut" gilt als die schwerste des 20. Jahrhunderts. Sie führte zu umfangreichen Küstenschutzmaßnahmen in allen betroffenen Gebieten, zum Beispiel zum Bau großer Flutwehranlagen wie der Thames Barriers und des Oosterscheldekering.

[30.01.2019] Gendersternchen, das

typografisches Zeichen (*), das bei Personenbezeichnungen zwischen der männlichen Form bzw. dem Wortstamm und der zusätzlich angefügten weiblichen Endung gesetzt wird, um neben Männern und Frauen auch Menschen mit anderer geschlechtlicher Identität miteinzubeziehen und sichtbar zu machen

„Gendersternchen“ ist der Anglizismus des Jahres 2018: Die Jury, die den Ausdruck am 29. Januar kürte, sieht in dem Neologismus eine klare Bereicherung der deutschen Sprache: „denn ob man den eingeschobenen Asterisk und die Absichten dahinter gutheißt oder nicht, darüber reden muss die Sprachgemeinschaft – und das Wort Gendersternchen stellt einen gut verständlichen Ausdruck dafür bereit.“

[29.01.2019] Auftakt, der

Einleitung für ein besonderes Ereignis, Beginn

Anfang Januar 2019 hat das Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache (ZDL) seine Arbeit aufgenommen. Ziel des auf lange Sicht angelegten lexikographischen Großprojektes ist es, ein digitales Informationssystem zu entwickeln und zu betreiben, das den deutschen Wortschatz und seine fortwährenden Veränderungen umfassend und verlässlich beschreibt. Das ZDL wird als zentrale Instanz der allgemeinsprachlichen Internetlexikographie künftig Maßstäbe setzen. Heute feiert das ZDL seinen Auftakt.

[28.01.2019] Humor, der

gelassene Heiterkeit, die den Menschen befähigt, in schweren Situationen eigene und fremde Schwächen zu belächeln und den Mut zu bewahren

Humoristische und satirische Gesellschaftsanalyse gehören zu den herausragenden Elementen in der Romanliteratur einer Autorin, die ihre ersten Werke noch anonym veröffentlichte. Am 28. Januar 1813 erschien Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ in einer Auflage von nur 1500 Exemplaren. Heute, 200 Jahre später, zählt der Roman zu den bedeutendsten literarischen Vertretern des 19. Jahrhunderts in England und wurde weltweit etwa 20 Millionen Mal verkauft.

[27.01.2019] Talkshow, die

Fernsehen: Unterhaltungssendung, in der ein Gesprächsleiter (bekannte) Personen durch Fragen zu Äußerungen über private, berufliche u. allgemein interessierende Dinge anregt

Nicht auf den Mund gefallen: Am 29. Januar 1954 wird Oprah Gail Winfrey geboren. Die wohl bekannteste Talkshow-Moderatorin des US-Fernsehens lud in ihre Oprah-Show nicht nur Prominente ein, sie gab auch den weniger Privilegierten eine Stimme und entfaltete ein breites soziales Engagement. Ähnlich populär wie Michelle Obama, war sie immer wieder als Präsidentschaftskandidatin im Gespräch, lehnte aber, ebenso wie jene, stets ab.

[26.01.2019] Diamant, der

aus modifiziertem Kohlenstoff bestehender, wertvoller, meist farblos klarer, das Licht stark brechender Edelstein mit der größten Härte unter den natürlichen Stoffen, der überwiegend für Schmuck oder industriell für Bohr-, Schneid- und Schleifwerkzeuge verwendet wird

Diamantenfieber: Am 26. Januar 1905 wird in Südafrika mit einem Gewicht von 3106,75 Karat der größte jemals gefundene Rohdiamant ans Tageslicht gefördert. Der berühmte „Cullinan-Diamant“ wird in insgesamt 105 Teile gespalten. Neun der größten Steine sind heute Teil der britischen Kronjuwelen.

[25.01.2019] Brotkarte, die

Schein, der in Notzeiten ausgegeben wird, um den Bezug von Brot für den einzelnen Käufer zu rationieren

Niemand hatte 1914 mit einem langen Krieg gerechnet. Viele deutsche Bauern waren an der Front und konnten nicht mehr für die Produktion von Lebensmitteln sorgen. Deshalb kam es schon im ersten Jahr zu großen Knappheiten. Vor allem Getreide und Brot wurden immer teurer. Am 25. Januar 1915 übernahm das Reich die Kontrolle über den Getreideverkehr und gab erstmals Brotkarten an die Bevölkerung aus.

[24.01.2019] Katz-und-Maus-Spiel, das

Verhalten, bei dem man jmdn. hinhält u. über eine (letztlich doch für ihn negativ ausfallende) Entscheidung im Unklaren lässt

Moderner Romantiker: Der Jurist, Komponist, Musiker und Schriftsteller E. T. A. Hoffmann wird am 24. Januar 1776 geboren: Mit der „Herausgabe“ der Lebensansichten des Katers Murr hat sich das Multitalent nicht nur bei allen Katzenfreunden beliebt gemacht. Rund 170 Jahre vor Erfindung des World-Wide-Webs nahm er einen Trend vorweg, der heute unter dem Stichwort „Cat-Content“ auf Videokanälen die Menschen weltweit von der Arbeit abhält.

[23.01.2019] Künstler, der

jmd., der (beruflich) Kunstwerke schafft oder künstlerisch interpretiert

Heute vor 30 Jahren starb der spanische Maler, Graphiker und Bildhauer Salvador Dalí. Er gilt als einer der Hauptvertreter des Surrealismus. Mit beinahe fotorealistischer Genauigkeit malte er Traumlandschaften und Szenen des Unterbewussten. In seinen Bildern schmilzt die Zeit, Abstraktes wird verdinglicht und – im wahrsten Sinne des Wortes – greifbar gemacht.

[22.01.2019] Holocaust, der

zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft: Verfolgung, Gettoisierung u. insbesondere Massenvernichtung der Juden in Deutschland u. Europa

22. Januar 1979: Die US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ schreibt Fernsehgeschichte: Die erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Serie erzählt das Schicksal der fiktiven jüdischen Arztfamilie Weiss, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Berlin lebt. WDR-Direktor Jörg Schöneborn, der die Serie erstmals als Schüler sah, beschreibt die damaligen Reaktionen: „Vielen der 20 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer brannten sich damals Bilder und Wahrheiten ins Gedächtnis, die man sich bis dahin trotz allen Wissens einfach nicht vorstellen wollte oder verdrängt hatte.“

[21.01.2019] Lausbub, der

frecher kleiner Bursche, Schlingel

21. Januar 1867: Der Satiriker, Schriftsteller und Redakteur der Zeitschrift „Simplicissimus“ Ludwig Thoma wird geboren. Seine Erzählung „Ein Münchner im Himmel“, vor allem aber seine autobiographisch gefärbten „Lausbubengeschichten“, die 1964 von Helmut Käutner verfilmt wurden, sind bis heute populär.

[20.01.2019] Hochverrat, der

Verbrechen gegen den inneren Bestand oder die verfassungsmäßige Ordnung eines Staates

Am 20. Januar 1649 beginnt der Hochverratsprozess gegen den englischen König Karl I., der im selben Jahr mit dessen Verurteilung und Hinrichtung endet. Das Verfahren hat auch Auswirkungen auf die deutsche Sprache: Im Zuge der allgemeinen medialen Beachtung bürgern sich die ersten Anglizismen wie „Parlament“ (parliament) oder „Debatte“ (debate) dauerhaft im Deutschen ein. Auch das Wort „Hochverrat“ ist eine Lehnübersetzung des englischen „high treason“.

[19.01.2019] Pudel, der

kleiner bis mittelgroßer Hund mit sehr dichtem, krausem, meist auf bestimmte Art geschorenem Fell

Des Pudels Kern: Am 19. Januar 1829 wird mit Goethes „Faust – Eine Tragödie“ das wohl meistzitierte Werk der deutschen Literatur uraufgeführt. Wörter wie „faustisch“ oder „mephistophelisch“, Redewendungen wie „des Pudels Kern“ oder „die Botschaft hör ich wohl ...“ gehören seither zum festen Inventar des deutschen Sprachschatzes.

[18.01.2019] Pickelhaube, die

Helm mit Metallspitze

Deutschland unter der Pickelhaube: Mit einer Proklamation im Spiegelsaal von Versailles beginnt am 18. Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich. Das Wort „Pickelhaube“ hat trotz der typischen Metallspitze ursprünglich nichts mit dem Pickel zu tun. Im Frühneuhochdeutschen war es vielmehr die „Beckelhaube“, eine mit einem Becken verglichene, unter dem Topfhelm getragene Blechhaube. Mit ihrer Entwicklung zu einer spitzzulaufenden selbständigen Helmform wird der Ausdruck volksetymologisch an „Pickel“ angelehnt.

[17.01.2019] Misstrauensvotum, das

Mehrheitsbeschluss eines Parlaments, einem Mitglied der Regierung oder der Regierung insgesamt das Vertrauen zu entziehen und so den Rücktritt zu erwirken

Anders als in England ist in Deutschland nach dem Grundgesetz nur ein „konstruktives Misstrauensvotum“ möglich: Wird einem Bundeskanzler, einer Bundeskanzlerin mehrheitlich das Misstrauen ausgesprochen, muss zugleich ein neuer Regierungschef gewählt werden, ansonsten ist das Misstrauensvotum gescheitert.

[16.01.2019] erhaben, Verb

1. auf der Oberfläche hervortretend, reliefartig; 2. gehoben von (feierlicher) Größe erfüllt; 3. überlegen

Am 16. Januar 27 v. Chr. verlieh der römische Senat Gaius Octavius den Ehrentitel Augustus, was mit „der Erhabene“ oder „der Erhöhte“ übersetzt werden kann, und den fortan alle römischen Kaiser im Namen führten. In der Übersetzung „Mehrer“ (Augustus leitete man von der lateinischen Wortgruppe augere „mehren, vermehren“ ab) findet sich der Beiname auch in der mittelalterlichen römisch-deutschen Kaisertitulatur – Semper Augustus: „allzeit Mehrer des Reichs“.

[15.01.2019] Vogelschlag, der

heftiger Aufprall eines Vogels auf ein fliegendes Flugzeug

Am 15. Januar 2009, heute vor zehn Jahren, landete Flugkapitän Chesley B. Sullenberger seinen Airbus A320 in einem spektakulären Manöver direkt auf dem Hudson River. Durch Vogelschlag waren beide Triebwerke ausgefallen. Alle Menschen an Bord überlebten die Notwasserung.

[14.01.2019] Klarinette, die

Holzblasinstrument mit zylindrisch gebohrter Röhre und schnabelförmigem Mundstück, das mit einem Blatt versehen ist

Der Überlieferung zufolge war es der 14. Januar 1690, an dem der Nürnberger Johann Christoph Denner mit der Ausführung der von ihm erfundenen Klarinette zufrieden war. Die Bezeichnung ital. clarinetto, frz. clarinette, dt. Clarinett(Campe) ist ein Deminutivum von ital. clarino ‘hohe Solotrompete’, eigentlich ‘die hell Tönende’.

[13.01.2019] Ergebenheitsadresse, die

an eine führende Persönlichkeit gerichtete Adresse, mit der jmd. oder ein Personenkreis seine Ergebenheit bekunden will

Diese Ergebenheitsadresse war ein tödlicher Fehler, zugleich markiert sie einen Wendepunkt im Dreißigjährigen Krieg: Am 13. Januar 1634 ließ der kaiserliche Generalissimus Wallenstein seine Generäle ein Papier unterzeichnen, in dem sie ihm die Treue schworen. Die als „Pilsener Revers“ bekannt gewordene Ergebenheitsadresse wertete Kaiser Ferdinand II. als offenen Verrat. Wallenstein wurde all seiner Ämter enthoben und schließlich am 25. Februar in Eger ermordet.

[12.01.2019] Ritter, der

dem Lehnsherrn zu Kriegsdienst und Treuedienst verpflichteter Angehöriger des Standes, der vornehmlich militärische Funktionen erfüllte und zur herrschenden Klasse der mittelalterlichen europäischen Feudalgesellschaft gehörte

Am 12. Januar 1519, heute vor 500 Jahren, starb der römisch-deutsche Kaiser Maximilian I. (geb. 1459). Der Habsburger, der sich als Modernisierer, Kunstmäzen und Humanist in die Geschichtsbücher einschrieb, ließ gleichwohl in prunkvollen und kostspieligen Turnierveranstaltungen das mittelalterliche Rittertum wiederaufleben, ein kostspieliges Hobby, das ihm den Beinamen „der letzte Ritter“ eintrug.

[11.01.2019] schachmatt, Adj.

der gegnerische König, der Gegner ist schachmatt: der gegnerische König ist in einer Position, aus der es für ihn keinen Ausweg gibt

Am 10. Januar 1908 gewann der Mathematiker Emanuel Lasker (1868 bis 1941) als erster und bislang einziger Deutscher die Schachweltmeisterschaft. Als Jude von den Nationalsozialisten ausgebürgert, emigrierte Lasker 1937 nach Aufenthalten in England und in der Sowjetunion in die Vereinigten Staaten, wo er 1941 starb. Gefürchtet war Lasker für seine Fähigkeiten im Endspiel: Das „Lasker-Mannöver“ ist Schachliebhabern bis heute ein fester Begriff.

[10.01.2019] Urheberrecht, das

Recht, über die eigenen schöpferischen Leistungen, Kunstwerke o. Ä. (persönlich oder durch Vertretung) zu verfügen

Am 10. Januar 1491 erschien das Gedächtnistraining „Phönix oder das künstliche Gedächtnis“ (Phoenix, sive artificiosa memoria) des italienischen Rechtsgelehrten Petrus von Ravenna (um 1448 bis 1508). Das Werk erhielt von der Republik Venedig ein Privileg, das den unerlaubten Nachdruck verbot. Es gilt damit als erstes urheberrechtlich geschütztes geistiges Erzeugnis.

[09.01.2019] Francium, das

radioaktives, schnell zerfallendes Alkalimetall (chemisches Element)

Am 9. Januar 1939 gibt die Physikerin Catherine Perey (1909–1975) der französischen Académie des sciences die Entdeckung eines neuen Elements, Actinium-K, bekannt, das 1946 in Francium umbenannt wird.

[08.01.2019] Borax, das

in der Natur selten vorkommendes, meist weißes, graues oder farbloses kristallisierendes Mineral

8. Januar 1856: Der Wissenschaftler John Allen Veatch entdeckt als Erster ein großes Borax-Vorkommen in den USA.

[07.01.2019] Kamera, die

Aufnahmegerät für stehende Bilder, für Filme, Fernsehübertragungen

7. Januar 1894: Der schottische Erfinder William K. L. Dickson, beschäftigt in den Laboratorien von Thomas Alva Edison, erhält in den USA ein Patent für die Erfindung der „Kinetograph“ genannten, ersten brauchbaren Filmkamera.

[06.01.2019] Dreikönigstag, der

volkstümliche Bezeichnung für den katholischen Feiertag Epiphanie (6. Januar), an dem der Sichtbarwerdung Jesu als Gottheit unter anderem durch die Anbetung der drei, später zu Königen umgedeuteten Weisen gedacht wird

6. Januar: Dreikönigsfest, Heilige Drei Könige

[05.01.2019] Fachjournal, das

regelmäßig erscheinende Publikation zu Themen eines bestimmten Forschungs-, Sach- oder Tätigkeitsgebietes

5. Januar 1665: In Paris erscheint das „Journal des Sçavans“, das erste wissenschaftliche Fachjournal in Europa.

[04.01.2019] Blindenschrift, die

System von Schriftzeichen, die typischerweise aus einem Raster von aus der Schreibfläche hervorstehenden Punkten bestehen und von Blinden mit Hilfe des Tastsinns gelesen werden können

4. Januar: Der Welttag der Braille-Schrift wird alljährlich am Geburtstag von Louis Braille (geb. 1809) begangen, dem Erfinder des nach ihm benannten Systems der Blindenschrift.

[03.01.2019] Pendel, das

an einem festen Punkt aufgehängter Körper, der um eine feste Achse unter dem Einfluss einer Kraft, besonders der Schwerkraft, hin- und herschwingen kann

3. Januar 1851: Der französische Physiker Léon Foucault führt erstmals ein Experiment mit dem „Foucaultschen Pendel“ durch, durch das ihm der Nachweis der Erdrotation gelingt.

[02.01.2019] Zeitfunk, der

Programmbereich des Rundfunks, der Informationsendungen über tagesaktuelle Ereignisse umfasst

2. Januar 1979: Die „Berichte von heute“, eine Zeitfunk-Sendung des WDR und NDR, werden zum ersten Mal ausgestrahlt.

[01.01.2019] Königreich, das

Staat mit einer monarchischen Regierungsform, an dessen Spitze ein König oder eine Königin steht

1. Januar 1806: Aufgrund des Friedens von Pressburg werden die Herzogtümer Bayern und Württemberg zu Königreichen.