Ästhetisierung, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Ästhetisierung · Nominativ Plural: Ästhetisierungen
Aussprache  [ɛstetiˈziːʀʊŋ]
Worttrennung Äs-the-ti-sie-rung
Wortzerlegung  ästhetisieren -ung
DWDS-Vollartikel

Bedeutung

die vordergründig nach ästhetischen Gesichtspunkten erfolgende Betrachtung oder Gestaltung eines Gegenstands, der für gewöhnlich nicht in einen ästhetischen Kontext gehört
entsprechend der Bedeutung von ästhetisieren
Kollokationen:
in Koordination: Ästhetisierung und Inszenierung
mit Genitivattribut: die Ästhetisierung des Grauens, des Bösen, des Faschismus, des Alltags, des Todes, des Krieges
mit Adjektivattribut: die totale Ästhetisierung; faschistische Ästhetisierung
als Aktivsubjekt: Ästhetisierung betreiben
Beispiele:
Wie Salgado Körper im Raum anordnet, wie er Landschaftspanoramen einfängt, wie er mit Licht und Grauwerten umgeht, wie er Oberflächen – Gitter, Draht, durchscheinendes Plastik, eine gesplitterte Fensterscheibe – einsetzt, um der Aufnahme Struktur zu verleihen, all dies läßt keinen Zweifel: Hier geht die Dokumentation von Elend Hand in Hand mit dessen Ästhetisierung. Das ist Reiz und Schwäche in einem. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2001]
Kann es denn wirklich möglich sein, dass man über die Ästhetisierung des Landlebens vergisst, dass dort vielerorts das Internet noch langsamer ist als in den Städten? [Die Welt, 29.03.2019]
Im Jahr 1994 wandte sich die Übersetzerin Swetlana Geier programmatisch von der weitverbreiteten Ästhetisierung von Dostojewskis ungeschlachter Sprache ab. Programmatisch übersetzte sie den Roman, der bis dahin unter dem moralisierenden Titel »Schuld und Sühne« bekannt war, als »Verbrechen und Strafe«. [Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2017]
Fernsehserien spiegeln die Wirklichkeit, auch in der Art, wie sie Gewalt darstellen. […] Die Frage danach, wer Laura Palmer (Sheryl Lee) tötete, bestimmte die erste Staffel der Serie. Palmer wird oft als die schönste Wasserleiche der Fernsehgeschichte beschrieben. Gestritten wird allerdings, ob die Ästhetisierung der Leiche das Bild schrecklicher macht oder verharmlost. [Die Zeit, 30.04.2007]
Die Welt als vom Design verseucht zu begreifen, ist selbst Ausdruck eines totalisierenden Anspruchs, diese Welt eben als ganze begreifen zu wollen. Der Kapitalismus erscheint hier als Agent dieser Ganzheit und die Ästhetisierung als seine schlagendste Waffe. Nicht nur genügt ein Blick auf die längst in den Zentren angekommenen Peripherien dieser Welt, um die These der totalen Ästhetisierung infrage zu stellen. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2005]
Derzeit offenbaren die Bilder vom Krieg ein unverhohlenes Einverständnis mit der im Spiel der Kamera angelegten Tendenz zur Ästhetisierung. [Der Tagesspiegel, 25.02.2003]
Der Kölner Medizinhistoriker Klaus Bergdolt zum Beispiel meint, die Ästhetisierung des Todes und die Leben suggerierende Darstellung Toter durch den »Anatomiekünstler« Gunther von Hagens erleichtere nicht die Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod, sondern erschwere sie eher. [Der Tagesspiegel, 26.03.2001]
Viele Medien betreiben derzeit eine bewusste oder unbewusste Ästhetisierung des Krieges durch die Wahl ihrer Bilder, dazu gehören Kampfflugzeuge im Sonnenuntergang oder vor dem Nachthimmel Großbritanniens. [Die Zeit, 18.10.2001]
Die einen lobten damals, trotz der stilistischen Uneinheitlichkeit des Werkes, das Engagement, andere lehnten die »Jüdische Chronik« von Grund auf ab, weil, wie Adorno es formuliert hatte, die Ästhetisierung des Grauens – nach Auschwitz – die Opfer verhöhne. [Berliner Zeitung, 01.10.1997]
Die Ästhetisierung der Gewalt und des Faschismus ist woanders erfunden worden. [Berliner Zeitung, 09.09.1994]
Gainsborough, und auf ganz andere Weise Goya, sind so verfahren. Die Historisierung mit ihrer Infragestellung überlieferter Bildersprache treibt die Ästhetisierung des Bildes hervor. Beides hat seine Basis in der fortschreitenden Säkularisierung der Welt. [Busch, Werner, Das sentimentalische Bild, München: Beck 1993, S. 479]
Im Unterschied zur faschistischen Ästhetisierung der Politik durch sportliche Großveranstaltungen kommt die häufig auch von Linken bejammerte Kommerzialisierung des Sports in Los Angeles endlich zu ihrem vollen Recht. [konkret, 02.08.1984]
Die nachträgliche Rechtfertigung paßt nicht so recht zum Nazi‑Chic der bislang letzten DAF‑LP »Gold und Liebe« mit ihrer unverhüllten Ästhetisierung von Gewalt. [Die Zeit, 16.07.1982]
Wie sein Großonkel Jacob Burckhardt war auch er fasziniert von den Inhabern der »Macht«. Eine Ästhetisierung des Bösen lag ihm nicht fern. Politik verstand er […] als undurchsichtige Geheimdiplomatie. [Die Zeit, 18.03.1977]
[…] Was den Film auszeichnet, ist der Verzicht auf Ästhetisierung und auf den ideologischen Zeigefinger. Weder ein »schöner« noch ein »bedeutsamer« Film – aber trotzdem (oder vielleicht deswegen) hat er Riesenerfolg beim Publikum […]. [Die Zeit, 03.12.1971]
Zugleich entbindet die Verlagerung der Kultur von ihren objektiven Manifestationen aufs unmittelbare Leben vom Risiko der Erschütterung der eigenen Unmittelbarkeit durch den Geist. Dieser wird als Störenfried des sicheren Stils, als geschmacklos verworfen, aber nicht mit der peinlichen Roheit des ostelbischen Junkers, sondern nach einem selber gleichsam geistigen Kriterion, der Ästhetisierung des Alltags. […] [Adorno, Theodor W., Minima Moralia, Berlin [u. a.]: Suhrkamp 1951, S. 251]

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Typische Verbindungen zu ›Ästhetisierung‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Ästhetisierung‹.

Zitationshilfe
„Ästhetisierung“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/%C3%84sthetisierung>, abgerufen am 27.09.2021.

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