Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

übergreifen

Grammatik Verb · greift über, griff über, hat übergegriffen
Aussprache 
Worttrennung über-grei-fen
Wortzerlegung über- greifen
Wortbildung  mit ›übergreifen‹ als Erstglied: -übergreifend · übergreifend  ·  mit ›übergreifen‹ als Grundform: Übergriff
eWDG

Bedeutungen

1.
mit der einen Hand über die andere greifen
Beispiel:
sie übte das Übergreifen der Hände beim Klavierspiel, Geräteturnen
2.
auf etw. übergreifensich rasch auf etw. anderes ausbreiten, auf etw. überspringen
Beispiele:
der Brand griff auf andere Gebäude über
es gelang, das Übergreifen des Feuers, der Seuche zu verhindern
Auch hier [im Ruhrgebiet] breitete sich die Streikbewegung schnell aus und griff Anfang Dezember auf die Zechen […] über [ Gesch. d. dt. Arbeiterbewegung6,149]
3.
übergreifend (= alles bestimmend, beherrschend, übergeordnet)
Grammatik: im Partizip I
Beispiele:
in dem Roman ist der Inhalt das übergreifende, die Form bestimmende Moment
das übergreifende Moment im Prozeß der Erkenntnis sind die Erfahrungen, die die Millionen werktätigen Menschen […] an jedem Tag machen [ Tageszeitung1957]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

greifen · greifbar · Greifer · angreifen · Angriff · Angreifer · ergreifen · übergreifen · Übergriff · vergreifen
greifen Vb. ‘nehmen, fassen’. Das gemeingerm. Verb ahd. grīfan (um 800), mhd. grīfen, asächs. grīpan, mnd. mnl. grīpen, nl. grijpen, afries. grīpa, aengl. grīpan, engl. to gripe, anord. grīpa, schwed. gripa, got. greipan (germ. *greipan) hat neben sich ein schwaches Iterativum ahd. greifōn (um 800), mhd. greifen, aengl. grāpian ‘tasten, mit der Hand berühren’. Im Dt. vermischen sich semantisch schon früh (bereits ahd.) das starke und das schwache Verb; im Nhd. fallen sie auch formal zusammen. Die germ. Bezeugungen sind nur vergleichbar mit den balt. Formen lit. griẽbti ‘anfassen, ergreifen’, lett. greibt ‘greifen, fassen’, griba ‘Wunsch, Wille’, gribēt ‘wollen’. Weitere Beziehungen sind unklar. greifbar Adj. ‘zum Greifen nahe, verfügbar’ (18. Jh.). Greifer m. ‘wer ergreift, faßt, fängt’ (17. Jh.), in der Technik ‘zum Greifen geeignete Vorrichtung an Maschinen, Kränen, Baggern’ (19. Jh.); voraus geht ein zum schwachen Verb gehörendes ahd. greifāri (um 1100), frühnhd. greifer ‘Schmeichler, Liebkosender’. angreifen Vb. ahd. anagrīfan (9. Jh.), mhd. an(e)grīfen ‘berühren, anfassen’, seit 16. Jh. auch ‘anfallen, feindlich entgegentreten’; Angriff m. ‘Offensive, Überfall’, ahd. anagrif ‘das Anfassen, Angreifen’ (11. Jh.), mhd. an(e)grif, auch ‘Handhabe’; vgl. langobard. anagrip ‘Antastung’ (7. Jh.); die heutige Bedeutung entwickelt sich über ‘feindliche Berührung, Tätlichkeit’ im 14./15. Jh.; Angreifer m. (15. Jh.). ergreifen Vb. ‘fassen, packen, im Innersten anrühren’, mhd. ergrīfen; vgl. ergreifend ‘rührend’, ergriffen ‘gerührt’, Ergriffenheit f. (19. Jh.). übergreifen Vb. ahd. ubargrīfan ‘überschreiten, übersteigen’ (10./11. Jh.), mhd. übergrīfen ‘über etw. hingreifen, es bedecken, beschädigen’; Übergriff m. ‘ungesetzliche Gewalttätigkeit’, ahd. ubargrif (11. Jh.), spätmhd. übergrif. vergreifen Vb. reflexiv ‘falsch, daneben greifen, einen Mißgriff tun, gegen jmdn. tätlich werden’, mhd. vergrīfen; vgl. vergriffen Part.adj. ‘ausverkauft, nicht mehr lieferbar’ (18. Jh.). S. auch Griff, Grippe.

Typische Verbindungen zu ›übergreifen‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›übergreifen‹.

Verwendungsbeispiele für ›übergreifen‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

In sein eigenes Leben, ins Geistige wird die Veränderung nicht übergreifen. [Feuchtwanger, Lion: Die Geschwister Oppermann, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 2001 [1933], S. 129]
Umgekehrt hat die Pflege des vorpietistischen Liedes auch auf die Gemeinschaften übergegriffen. [Jannasch, W.: Gottesdienst. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1958], S. 16606]
Auf das rechtsrheinische Gebiet griff die Mission noch nicht über. [Baus, Karl: Die Reichskirche nach Konstantin dem Großen. In: Jedin, Hubert (Hg.) Handbuch der Kirchengeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1973], S. 28870]
Ein verheimlichter Terror trifft nur das unmittelbare Opfer; um massenwirksam zu sein, muß der Schrecken aber übergreifen. [konkret, 1987]
Der Brand war unterdessen zu heftig geworden, er griff über. [Die Zeit, 03.06.1966, Nr. 23]
Zitationshilfe
„übergreifen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/%C3%BCbergreifen>.

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