Bürokratie, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Bürokratie · Nominativ Plural: Bürokratien · wird selten im Plural verwendet
Aussprache
WorttrennungBü-ro-kra-tie
Wortbildung mit ›Bürokratie‹ als Erstglied: ↗Bürokratiemonster  ·  mit ›Bürokratie‹ als Letztglied: ↗Beamtenbürokratie · ↗Gewerkschaftsbürokratie · ↗Ministerialbürokratie · ↗Staatsbürokratie · ↗Verwaltungsbürokratie
Wahrig und DWDS, 2018

Bedeutungen

1.
Politik hierarchisch gegliederte, auf allgemeinen umfassenden Vorschriften und Gesetzen beruhende Organisationsform eines staatlichen Verwaltungs- und Beamtenapparats
Beispiele:
Bürokratie ist eine Herrschaftsform, in welcher Verwaltung an die Stelle der Regierung, die Verordnung an die Stelle des Gesetzes und die anonyme Verfügung eines Büros an die Stelle öffentlich-rechtlicher Entscheidungen tritt, für die eine Person verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen werden kann. [Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst. 1957 [1955], S. 285]
Staaten und Bürokratien handeln nach Gesetzen, nicht nach Gefühl. [Die Welt, 25.07.2015]
»Wir, die Vertreter von Industrie und Handel, protestieren prinzipiell gegen die Einengung unseres Handels, gegen die Versuche der Bürokratie, alles in ihre Hand zu bekommen und auf alles die Hand der Bürokratie zu legen.« [Schlögel, Karl: Petersburg, München Wien: Carl Hanser Verlag 2002, S. 316]
Die technologische Aufrüstung der Arbeitsprozesse in den Fabriken und noch mehr der Ausbau nationaler Bürokratien zur Verwaltung der industriellen Massen verlangten nach qualifizierteren Arbeitskräften[…]. [Cʼt, 2001, Nr. 21]
Die Rolle des Staates in der Wirtschaft soll verringert, die staatliche Bürokratie entschlackt werden. [Archiv der Gegenwart, 2001 [2000]]
Und auch in dieser Hinsicht ist zu bedenken, daß die Bürokratie, rein an sich, ein Präzisionsinstrument ist, welches sehr verschiedenen, sowohl rein politischen wie rein ökonomischen, wie irgendwelchen anderen Herrschaftsinteressen sich zur Verfügung stellen kann. [Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. In: Weber, Marianne (Hg.), Grundriß der Sozialökonomik, Tübingen: Mohr 1922 [1909-1914, 1918-1920], S. 670]
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die staatliche, europäische Bürokratie
mit Genitivattribut: die Bürokratie eines Landes, Staates
als Genitivattribut: die Macht, Herrschaft der Bürokratie
2.
häufig, abwertend der gesamte (staatliche) Verwaltungsapparat und die hiermit verbundenen Hierarchien, Vorschriften und allgemeinen Gesetze; Gesamtheit aller der in Verwaltung und Behörden tätigen Mitarbeiter
Beispiele:
Entbürokratisierung: Immer wieder haben Regierungen den Abbau von Bürokratie versprochen, doch jede Legislaturperiode endet mit mehr Verordnungen und komplizierteren Regelungen. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2003]
Andererseits sind niedrige Steuern und wenig Bürokratie das beste Mittel, damit Jobs – ausserhalb des staatlichen Sektors natürlich – überhaupt entstehen können. [Neue Zürcher Zeitung, 18.11.2016]
Der Sorge einiger Kultusminister, es könne für die Akkreditierung der BA- und MA-Studiengänge eine neue Bürokratie nach dem Muster der Dortmunder Zentralstelle zur Vergabe von Studienplätzen entstehen, begegnete die KMK (= Kultusministerkonferenz) mit einer Beschränkung der Aufgaben für diesen Akkreditierungsrat. [Frankfurter Rundschau, 05.12.1998]
Wie will die neue Regierung der starken Aufblähung der Bürokratie und den damit verbundenen Gefahren der Vetternwirtschaft und Inkompetenz begegnen? [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.1994]
Die Bürokratie [in China] war in Wirklichkeit […] wesentlich verzweigter, als es die Zahl der vollen Beamtenstellen erkennen läßt[…] [Bauer, Wolfgang: China. Verwirklichungen einer Utopie. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1965], S. 17203]
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: eine überbordende, schwerfällige, wuchernde, unnötige, überflüssige, lähmende, wachsende Bürokratie
als Akkusativobjekt: die Bürokratie abbauen, aufblähen, bekämpfen, beklagen, kritisieren
in Präpositionalgruppe/-objekt: der Abbau, die Befreiung, Entlastung von Bürokratie; der Kampf gegen die Bürokratie; ein Übermaß an Bürokratie; über Bürokratie klagen
mit Genitivattribut: die Bürokratie der Ministerien, Behörden, Parteien
als Genitivattribut: der Abbau der Bürokratie
3.
abwertend übertrieben genau geregelte, starre Verwaltungsordnung (der staatlichen Behörden); hiermit verbundenes starres Denken und Handeln
Beispiele:
Wenn Kinderarmut entsteht, weil Familien an der Bürokratie scheitern und ihre Ansprüche nicht mehr anmelden, […] dann stellt sich auch die Frage der sozialen Sicherheit neu. [Die Welt, 02.03.2018]
Die stetig zunehmende Bürokratie einerseits und die Prozessfreudigkeit sind meines Erachtens die Ursache dafür, dass Beamte nicht immer so entscheidungsbereit sind, wie man es gerne hätte. [Die Welt, 18.08.2017]
»Wenn Kunden die Kreditabteilungen und deren Entscheidungen als Gängelband und Bürokratie empfinden, dann muss eine Bank handeln.« [Süddeutsche Zeitung, 07.05.2014]
Auf dem Podium überreicht die Berliner Hausärztin Beate Mälzer dem Minister einen Stapel Formulare, einen Papierklotz von etwa 30 Zentimetern Höhe: „Wir ertrinken in Formularen und Bürokratie. So kann man nicht arbeiten“ . [Süddeutsche Zeitung, 06.12.2010]
Man nahm an, ich läge verschüttet unter den Trümmern, immerhin wurde ich als vermißt geführt, nicht als tot, weniger aus Optimismus denn aus Gründen gewissenhafter deutscher Bürokratie. [Krausser, Helmut: Eros, Köln: DuMont 2006, S. 67]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Bürokratie · Bürokrat · bürokratisch · Bürokratismus
Bürokratie f. ‘Herrschaft des Beamtenapparats, Gesamtheit der Beamten’. In der ersten Bedeutung entlehnt (Ende 18. Jh.) aus frz. bureaucratie, von Vincent de Gournay (1759) nach dem Vorbild von frz. aristocratie, démocratie (s. ↗Aristokratie, ↗Demokratie) zu frz. bureau ‘Amtszimmer, Beamtenschaft’ gebildet. Bürokratie, im Dt. zunächst in Berichten über Frankreich verwendet, wird seit Anfang des 19. Jhs. auch auf deutsche Verhältnisse bezogen und sehr bald im Sinne ‘engstirnige, auf Einhaltung enger Vorschriften bedachte Handlungsweise’ gebraucht. Bürokrat m. ‘sich pedantisch an Vorschriften Haltender’, aus frz. bureaucrate entlehnt (Anfang 19. Jh.). bürokratisch Adj. ‘der Bürokratie gemäß, pedantisch’ (Anfang 19. Jh.), entsprechend frz. bureaucratique. Bürokratismus m. ‘Bürokratie, pedantisches Handeln’ (Anfang 19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Administration · ↗Apparat(e) · ↗Beamtenapparat · Bürokratie · ↗Obrigkeit · ↗Verwaltung · ↗Verwaltungsapparat · öffentliche Hand  ●  ↗Bürokratismus  abwertend · ↗Wasserkopf  ugs., abwertend, fig.
Unterbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Abbau Brüsseler Dschungel Ineffizienz Korruption Mühle Reglementierung Regulierung Schwerfälligkeit Willkür Wust abbauen aufblähen aufgebläht ausufernd ersticken ineffizient korrupt lähmend schwerfällig staatlich unnötig verkrustet wuchernd zentralistisch Übermaß Überregulierung überbordend überflüssig übermächtig

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Bürokratie‹.

Zitationshilfe
„Bürokratie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Bürokratie>, abgerufen am 20.06.2019.

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