Bestiarium, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Bestiariums · Nominativ Plural: Bestiarien
Aussprache  [ˈbɛsˈti̯aːʀi̯ʊm]
Worttrennung Bes-ti-ari-um · Bes-tia-ri-um
formal verwandt mit Bestie
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

Buchseite aus einem Bestiarium
Buchseite aus einem Bestiarium
(Sloane, CC0)
1.
Literaturwissenschaft moralisierende Tierdichtung, Sammlung meist reich bebilderter, allegorischer Tiergeschichten
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: literarisches, barockes Bestiarium
Beispiele:
Anders als in der Klassischen Antike und im mittelalterlichen Islam – wo zuweilen ein echtes Interesse an Naturbeobachtungen durchscheint – interessieren sich die mittelalterlich‑christlichen Bestiarien meist nur insoweit für vermeintliche Tiereigenschaften, als sie ein exemplum darstellen. [Jäckel, Dirk, Der Herrscher als Löwe, Köln: Böhlau Verlag 2006, S. 170]
Schon das älteste europäische Bestiarium – der mittelalterliche Physiologus – meidet die strenge Trennung von Sinn und Unsinn. Es beschwört auf symbolische, im Laufe der Zeit mehr und mehr skurrile Weise die Eigenheiten der Tierwelt und vergleicht sie mit den abenteuerlichsten menschlichen Auslegungen. [Die Zeit, 28.01.2009]
Bienenfleißig sein. »Die Bienen« aus dem englischen »Bestiarium Ashmole«, ca. 1210. […] [Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1994] [1973], S. 729]
[…] Er exzerpierte viel aus historischen Werken, ja sogar aus volkstümlichen Zeitungsartikeln, am liebsten jedoch aus Chroniken und altmodischen Büchern, die sich zu wissenschaftlichen Geschichtsdarstellungen verhielten wie etwa Brehms Tierleben oder gar ein barockes Bestiarium zu einem exakten Lehrbuch der Zoologie. […] [Bergengruen, Werner: Der letzte Rittmeister. Zürich: Die Arche 1952, S. 92]
Bestie, wildes Tier. Bestiarium (lat.; frz. Bestiaire), im Mittelalter beliebte Gattung von prosaischen und poet. Schriften, in welchen wirkliche und fabelhafte Tiere beschrieben werden. […] [Brockhaus’ Kleines Konversation-Lexikon. Leipzig: F. A. Brockhaus 1906, S. 7693]
allgemeiner Sammlung von Anekdoten über Tiere
Beispiele:
Natürlich ist dieses Bestiarium [das Buch »Nagetiere« von Kurt Floericke] aus heutiger Warte unseriös. Floericke folgt […] einer längst überholten, anthropomorphen Naturbetrachtung, die seinerzeit schwer in Mode war. In Fußnoten muss der Herausgeber Jan Neersö manches beschwichtigen, und in der Kombination von Text und Kommentar wird daraus gelungene Satire. […] [Die Zeit, 07.02.2011 (online)]
Wir haben uns im literarischen Bestiarium umgetan und den Luchs gefunden. Er hat uns gefallen: Luchse sind Einzelgänger (wie die meisten Katzen), sie sind standorttreu und haben an den spitzen Ohren lange Pinsel, um den Schall zu orten. Sie funktionieren wie Antennen. [Die Zeit, 16.10.2009]
2.
Kunstgeschichte Sammlung künstlerischer Tierdarstellungen
Beispiele:
[…] Weit über hundert Bilder, zumeist in Farbe, führen das heute in alle Winde zerstreute Bestiarium [Aloys Zötls] dem Leser vor Augen. Der Bilderbogen reicht von den frühen Kinderzeichnungen in Tusche bis zum letzten Aquarell, ein Blatt mit getupften exotischen Muscheln. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005]
Die ehedem authentische Kunst der weiland Eskimos findet sich nur noch im Museum: kleine Preziosen aus Walbein oder Walrosszähnen, filigran geschnitzt, und keines der gängigen Tiermotive erhebt sich auf zwei Beine oder Flossen, um zu tanzen. Doch das fröhliche Bestiarium findet seine Liebhaber[…] [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.1999]
Bestiarium meint nicht das mittelalterliche Tierbuch, den »Physiologus«, nicht Hagenbecks Tierpark, nicht Brehms Tierleben, sondern den Zoologischen Garten eines Imaginären Museums. »Tiere in der Kunst der letzten fünf Jahrtausende.« [Die Zeit, 06.07.1962]
3.
Fundus von Tieren, imaginärer Ort, an dem Tiere versammelt sind
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: geheimnisvolles Bestiarium
Beispiele:
Tiere, einem geheimnisvollen Bestiarium entsprungen, vermischen sich mit menschlichen Existenzen. Fabelwesen, die dem Unbewussten entstiegen sind und nun nicht mehr gegen die menschliche Zivilisation ankämpfen[…] [Scheucher, Hannes, Menschtierwelten – Arbeiten auf Leinen 2004–2011, Books on Demand 2012, Einführung]
Benjamin Bühler und Stefan Rieger plazieren den Menschen im Bestiarium [Titel] Der Mensch ist ein Tier, freilich ein besonderes. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2006]
Ostafrika scheint zum Wandern wie geschaffen – kein Wunder, handelt es sich doch um unseren ureigenen Lebensraum, aus dem die Menschheit einst buchstäblich hervorging. Allein die Nächte! Das Flackern des Lagerfeuers, die geheimnisvollen Rufe von nah und fern, der überbordende Sternenhimmel. Der Mensch wird wieder Teil des Ganzen. Außer Löwen bekommt man fast das ganze Bestiarium der Savanne zu Gesicht. […] [Die Zeit, 23.04.1998]
4.
übertragen, meist abwertend Szenarium, Schauplatz bestialischen Verhaltens; (vergleichende) Zusammenschau von markanten Persönlichkeiten (oft Diktatoren, Verbrecher usw.)
Beispiele:
Die Frau hat ihren Mann umgebracht oder umbringen lassen, um freie Bahn zu ihrem englischen Geliebten zu haben. Und plötzlich kommt das ganze Bestiarium an Vorstellungen und Figuren aus der Nazizeit auf. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2005]
Sind die Figuren [in Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald«] nüchtern, taxieren sie einander kalt auf den Gebrauchswert, sind sie besoffen, so rasen sie in die Besinnungslosigkeit davon: apokalyptische Rauschreiter. Was sie im Rausch miteinander anfangen, bedeutet, wenn sie wieder nüchtern sind, ihr Verhängnis; sie nennen es Liebe. Die mächtigste Schreckfigur in Horváths Bestiarium, eine Galionsfigur der Dumpfheit, ist der Metzger Oskar[…]. [Die Zeit, 26.04.2010]
Keine Epoche hat so viele Staatsverbrecher hervorgebracht, wie das 20. Jahrhundert. Und Hitler bleibt bis heute einzigartig im Bestiarium der Tyrannen. Seine Gewaltherrschaft zerstörte das Grundvertrauen, er wurde Symbolfigur eines Kulturbruchs. Er hat damit dem Optimismus des Menschenbildes ein Ende bereitet. [Koch, N. K., Gefangen Im Gestern, Norderstedt: Books on Demand GmbH 2009, S. 125]
Regisseur Thomas Bischoff nutzt im jüngsten Versuch mit der ollen Kamelle [der Komödie »Der Biberpelz« von Gerhart Hauptmann] […] Hauptmanns Fortschreibung, um eine Art kurzen Abriss der Geschichte des entwickelten Kleingaunertums in der frühkapitalistischen Wertegemeinschaft zu skizzieren. Und offeriert sowohl das dörfliche wie familiäre Bestiarium: Jeder gegen jede und Mutter Wolffen gegen alle. [Die Welt, 23.12.2003]
Die Welt des Volksstücks ist keine heile Welt, sondern ein Bestiarium dumpfer Vorurteile, lauernder Egoismen, bedrängender seelischer und wirtschaftlicher Nöte. [Der Spiegel, 01.10.1984]
All die vornehmen Leute, die sich hier[…] zu einem archaisch‑großbürgerlichen Sterbezeremoniell zusammenfinden, könnten auch Buñuels »Würgeengel« entstammen: Es sind Menschen im Käfig, Luxusgeschöpfe, die sich hermetisch von aller Welt abgeschlossen haben […]. Nur in einer Szene verwandelt Albee die Bühne vom Seelenraum zum Bestiarium. Da bricht (in Gestalt von Photoreportern) das 20. Jahrhundert ins Sterbezimmer ein. In ihrem Zeremoniell gestört, verrät diese eingemauerte Gesellschaft all ihre Brutalität; mit vereinten Kräften treiben Ehefrau und Geliebte (Albee: in »tierhafter Raserei«) die Eindringlinge hinaus. [Die Zeit, 14.01.1972]

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Typische Verbindungen zu ›Bestiarium‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Bestiarium‹.

Zitationshilfe
„Bestiarium“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Bestiarium>, abgerufen am 22.06.2021.

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