Dekonstruktion, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Dekonstruktion · Nominativ Plural: Dekonstruktionen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache [dekɔnstʀʊk'ʦi̯oːn]
Worttrennung De-kon-struk-ti-on · De-kons-truk-ti-on · De-konst-ruk-ti-on
Wortzerlegung de- Konstruktion
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Zerlegung, Auflösung bestehender Strukturen oder Muster
in gegensätzlicher Bedeutung zu Konstruktion (2)
Beispiele:
[…] Fans lieben, Kritiker bejubeln die satirischen Abenteuer der gelben Familie, während Wissenschaftler sich an der Analyse des »Simpsons«‑Phänomens abarbeiten und in Fachaufsätzen über dessen kulturphilosophische Bedeutung oder die Dekonstruktion des amerikanischen Traums diskutieren. [Der Spiegel, 24.07.2007 (online)]
Bisher haben die Molekularbiologen die Zellen in ihre kleinsten Einzelteile zerlegt und aus dieser Dekonstruktion Theorien über die Funktionsweise gewonnen. [Die Zeit, 16.02.2006]
2.
besonders Kunst Verfahren, bei dem Bestehendes in seine Einzelteile zerlegt und aus diesen anschließend etw. Neues geschaffen wird
Beispiele:
Versatzstücke eines bestimmten Kleidungsstücks oder Stils in einen ungewohnten Look zu verwandeln, das nennen Modefachleute gerne hochtrabend Dekonstruktion. [Süddeutsche Zeitung, 22.12.2018]
Eine öffentliche Präsentation band dann die potenziellen Trägerinnen und Träger direkt in den Gestaltungs‑ und Herstellungsprozess mit ein. Sie bekamen die Möglichkeit, sich aus dem erarbeiteten Schnittmustersortiment der einzelnen Teile ihr persönliches Kleidungsstück zusammenzustellen. […] Spannend ist auch der Aspekt der Dekonstruktion, also sich die Frage zu stellen: Wie wird aus etwas Bestehendem etwas Neues? [Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2001]
Er arbeitete viel mit der Dekonstruktion von Sounds, sammelte Klänge und Audio‑Schnipsel, die er in Collage‑ oder auch Mashup‑Technik zu Songs arrangierte. [Dies ist meine Schöpfung, jetzt seid ihr dran, 02.02.2015, aufgerufen am 18.10.2019]
Die Sprache macht’s aus. Das wissen FeministInnen nur allzu gut, zerpflücken sie die deutsche Sprache doch seit jeher in ihre Bestandteile, kreieren spielerisch Neues, eliminieren Altbewährtes. Dekonstruktion ist das Reizwort, bei dem Gewohnheitstieren jedoch schnell der Kragen platzt. [Der Standard, 11.10.2012]
Es ist die erstaunlichste Erkenntnis dieser erstaunlichen Platte, daß sogar ein koketter Popsong wie »Like a Virgin« mit dem die damals noch ganz junge Madonna reüssierte, unvermittelt Reife, Weisheit, sozusagen reine Schönheit entfalten kann, bremst man ihn hinunter auf halbe Gemüts‑ und Körperbewegung und arrangiert ihn um für spröde gezupften Kontrabaß […] und getupftes Klavier […]. Als Dekonstruktion ist dieses Verfahren nicht ganz neu in der Neuen Musik. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2001]
Das […] in Rap und HipHop erstmals konsequent angewandte Verfahren, neue Stücke durch Dekonstruktion und Rekombination vorhandener Aufnahmen herzustellen, beginnt sich nun auf andere Bereiche der populären Musik zu übertragen. [Die Zeit, 29.12.1995]
3.
Philosophie systematische kritische Hinterfragung traditioneller philosophischer Begriffe
Beispiele:
Die Dekonstruktion ist […] eine Lektüreweise, die in den Texten der Philosophie, an ihren »Rändern« auffindet, was sich ihrer Begrifflichkeit entzieht. […] Die Dekonstruktion ist die Lesekunst, die die Sprünge in unserem Denken und Selbstverständnis auffindet. Halb verstandene Stücke dieses philosophischen Programms der Dekonstruktion haben Derridas Philosophie im deutschen Sprachraum seit den späten siebziger Jahren zum Gegenstand einer wütenden Kritik werden lassen. [Neue Zürcher Zeitung, 15.07.2000]
In einer eindringlichen und weit ausgreifenden Kritik dieser Metaphorik gibt Richard Rorty eine Uebersicht ihres Einflusses auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts: eine kritische Selbstreflexion der analytischen Philosophie, die zur Dekonstruktion der bezeichneten Metaphorik fuehrt. [Rorty’s Anregungen, 29.07.2010, aufgerufen am 15.09.2018]
Wäre der von Jacques Derrida geprägte Begriff der Dekonstruktion nicht mittlerweile durch seinen inflationären Gebrauch fast entwertet worden, so könnte man Godards hermeneutische Auseinandersetzung mit der Montage tatsächlich als eine genuine Dekonstruktion bezeichnen. [Die Zeit, 24.05.2006]
Ohne die These, daß die höchsten Begriffe der Philosophie in geregelter epochaler Abfolge immer wieder von anderen Bestimmungen ersetzt worden sind, hätten Dekonstruktionen, die die notwendige Vieldeutigkeit solcher Bestimmungen ja entfalten sollen, keinen Spielraum. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.1995]
Schon Nietzsche sprach von der Notwendigkeit einer »chemischen Dekonstruktion« der philosophischen Begriffe. Sie suche zwar den Gegenstand zu zerlegen, bleibe sich aber dabei bewußt, daß sie ihn nicht loswerde, sondern nur in anderer Weise arrangiere. [die tageszeitung, 05.12.1992]
4.
Literaturwissenschaft Analyseverfahren, bei dem (statt traditionell die Aussageabsichten) die inneren Zusammenhänge und Widersprüche in Form und Sinn von Texten herausgearbeitet werden
Synonym zu Dekonstruktivismus (2)
Kollokationen:
mit Genitivattribut: die Dekonstruktion eines Mythos
Beispiele:
Dekonstruktion besagt, daß ein Text (das kann eine beliebige Äusserung sein; Popsong, Theater, Liebesgeflüster, Gesten, Reklame, Mimik, Börsennotizen, Runen, das Raunen des hl. St. Joachim, meine unermessliche Weissheit usw. usv.) mehr aussagt, als der Autor meint […]. [Der Unbuddhist, 19.07.2012, aufgerufen am 15.09.2018]
Vor allem die Literaturtheorie der Dekonstruktion ist […] besonders anfällig für eine Art sekundären Geniekult. Indem sie sich so sehr für die inneren Zusammenhänge eines literarischen Kunstwerks interessiert, dunkelt sie außertextuelle Rückversicherungen wie etwa diejenige auf den Autor als Sinnstifter eines Textes oder den historisch‑gesellschaftlichen Zusammenhang als Orientierungsrahmen ab. Fällt der Autor als literarisches Genie aus, tritt notwendig die Interpretin oder der Interpret an seine Stelle[…]. [Süddeutsche Zeitung, 27.08.2018]
Der Begriff der Dekonstruktion kommt aus der Philosophie der 60er‑Jahre, er weist darauf hin, dass hinter jedem Kunstwerk viele Schichten von Bedeutungen verborgen sind. [Berliner Zeitung, 10.08.2002]
Die Dekonstruktion versucht Wiedergutmachung an dieser Verdrängung: Ein Wort, ein Text, eine Frage, werden so lange auf untergründige Bedeutungsschichten abgehorcht (hier kommt die Nähe der Philosophie Derridas zur Psychoanalyse zum Vorschein), bis sich eine Vielzahl an Texten und Fragen herausschält – und unendlich viele Antworten möglich sind. [Süddeutsche Zeitung, 15.07.2000]
Früher hätte man das wohl Dekonstruktion genannt, wie er hier das berühmte Stück auseinandernimmt und gleich dreimal nacheinander aus verschiedenen Perspektiven erzählt. [Süddeutsche Zeitung, 01.04.2015]
5.
Architektur
Synonym zu Dekonstruktivismus (1)
Beispiele:
Dekonstruktion in der Architektur könnte die kritische Auseinandersetzung mit Begriffspaaren wie Innen‑Außen meinen und zur Erfindung neuer Räume führen, aber schnell wurde das Wort Dekonstruktion für alles gebraucht, was irgendwie auseinandergefallen aussah. [Süddeutsche Zeitung, 15.07.2000]
Das Gebäude des finnischen Architektenduos Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma ist ein Statement für Transparenz und Offenheit, zugleich wirkt es mit seinen ornamentierten grünen Glasschindeln wie ein Schrein. […] Das Warme und Weiche, Runde und Helle mag man als Antwort auf das Jüdische Museum in Berlin von 2001 lesen, das Daniel Liebeskind in einer düster‑labyrinthischen, Leerstellen schaffenden Dekonstruktion als zerrissenen Davidstern gestaltet hat […]. [Neue Zürcher Zeitung, 10.12.2014]
Die Moderne muss neu definiert werden. Sie ist das Gestaltungsprinzip des Industrialismus. Sie erzeugt eine Architektur der Ferne, der Illusion und der Abstraktheit, schließt also Postmoderne, Dekonstruktion[…] ein. [Olaf Weber, 20.06.2013, aufgerufen am 15.09.2018]
Was ist da noch Ornament und was Oberfläche? […] Was sich für manche ausnimmt wie Dekoration, ist in Wahrheit Dekonstruktion: der Versuch, die Architektur von vorbestimmten Bedeutungen zu befreien. Das erinnert an die Strategien der Dekonstruktivisten wie Peter Eisenman oder Thom Mayne, die mit vielfältig zersplitterten Bauten an einer Aushöhlung falscher Gewissheiten arbeiten. [Die Zeit, 09.03.2000]
Sein [Frank O. Gherys] eigenwilliger Stil und seine frivole Dekonstruktion lokaler Bauformen beflügelten jüngere Architekten wie Rebecca Binder, Frank Israel, Thom Mayne, Eric Owen Moss, Michael Rotondi und Josh Schweitzer. [Neue Zürcher Zeitung, 30.03.1996]

letzte Änderung:

Thesaurus

Synonymgruppe
Dekonstruktion · Dekonstruktivismus
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Dekonstruktion‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Dekonstruktion‹.

Zitationshilfe
„Dekonstruktion“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Dekonstruktion>.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Dekonditionation
Dekompressionskammer
Dekompression
Dekompositum
Dekomposition
Dekonstruktivismus
Dekontamination
Dekonzentration
Dekor
Dekorateur