Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Dirne, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Dirne · Nominativ Plural: Dirnen
Aussprache  [ˈdɪʁnə]
Worttrennung Dir-ne
Wortbildung  mit ›Dirne‹ als Erstglied: Dirnchen · Dirnenhaus · Dirnenunwesen · Dirnlein
 ·  mit ›Dirne‹ als Letztglied: Bauerndirne · Buhldirne · Edeldirne · Straßendirne
 ·  formal verwandt mit: Dirn

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. Synonym zu Prostituierte
    1. ● [allgemeiner, veraltend, abwertend] als sexuell leichtfertig angesehene Frau, Ehebrecherin
  2. 2. [veraltet] Mädchen, junge Frau
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Synonym zu Prostituierte
Kollokationen:
in Koordination: Dirnen und Freier, Zuhälter
Beispiele:
Unser Kino, unsere Bücherwelt ist voll von Geschichten von Huren. Fanny Hill, Irma la Douce, die ehrbare Dirne von Sartre. Auch Jesus hatte eine Hure an seiner Seite. Maria Magdalena, die Sünderin. Prostitution ist ein furchtbares Gewerbe von Verzweifelten. [Bild, 20.05.2020]
14 Dirnen, die auf dem Straßenstrich arbeiteten, wurden in dieser Zeit umgebracht, die Täter nie ermittelt. [Süddeutsche Zeitung, 07.12.2018]
Man sprach Rotwelsch in der damaligen Halbwelt Berlins, so hieß das Idiom der Gauner und Dirnen. [Süddeutsche Zeitung, 06.11.2018]
Das Frauenhaus war ein Barbetrieb mit kleinen Separees, wohin sich Freier und Dirne zurückziehen konnten. [Die Zeit, 11.11.2013]
Er war nie in der Lage gewesen, mit Geld hauszuhalten, drum hatte er binnen einer Stunde die Heuer mit Dirnen durchgebracht. [Schneider, Robert: Schlafes Bruder. Leipzig: Reclam 1992, S. 155]
allgemeiner, veraltend, abwertend als sexuell leichtfertig angesehene Frau, Ehebrecherin
siehe auch Flittchen
Beispiele:
Bruder Hubertus sagt leise: »Meine Mutter.« Sie hieß Thea. Einige im Dorf behaupteten, sie wurde vergewaltigt von Paul, dem Bäcker, ausgerechnet dem Bäcker. Doch vielleicht hatten Paul und Thea auch nur Spaß, das reichte damals schon, um als Dirne zu gelten. [Die Zeit, 13.05.2015]
[…] die barocke Eleganz der Intrige [in Händels Oper »Ariodante«] erblüht erst ganz, als Polinesso im Tonfall tiefster Vertrautheit dem braven Ariodante beichtet, die Prinzessin habe ein Verhältnis mit ihm. Dann geht alles ganz schnell: Ariodante versucht, sich umzubringen. Der König verstößt die Tochter, »eine Dirne ist nicht meine Tochter«, die Tochter ist von Sinnen – »Ich, eine Dirne?« – und verliert endgültig den Verstand. [Süddeutsche Zeitung, 06.06.2017]
»Bist du die – die Frau dieses Mannes, so wird – ich weiß es genau, ganz genau! – eine Zeit kommen, früher oder später, wo dein Herz sich vor Qualen zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit – schreit!! – hörst du? – Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben können! – Dann wirst du unglücklich werden, todunglücklich – oder –,« er brachte nur mit äußerster Anstrengung die letzten Worte hervor – »eine Ehrlose, – eine – eine Dirne [Braun, Lily: Memoiren einer Sozialistin. In: Lehmstedt, Mark (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1909], S. 9853]
Du hast sogar vergessen, daß ein Ehemann seine Frau jederzeit fortjagen kann, und daß im Koran die eine Dirne genannt wird, die mutwillig ihren Mann verläßt. [Neues Deutschland, 29.06.1951]
Eine Dirne wäre ich, wenn ich der Natur folgte, die du tags vorher als rein und gross gepriesen, und mit Schlägen und Schimpf jagtest du mich aus deinem Hause. [Janitschek, Maria: Die neue Eva. In: Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1902], S. 36127]
2.
veraltet Mädchen, junge Frau
Beispiele:
Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. [Viebig, Clara: Das Weiberdorf. Briedel / Mosel: Houben 1996 [1900], S. 17]
Kleine schmale Kähnchen umkreisten sie im Wetteifer, oder machten das Gefolge der größeren. Bald war es eine kühne, geputzte Dirne, die allein auf ihrer Nußschale daher schwamm, bald ein Bursche, der von Nachen zu Nachen schoß und den Mädchen lustige Worte zurief. [Roquette, Otto: Die Schlangenkönigin. In: Heyse, Paul / Kurz Herrmann (Hg.): Deutscher Novellenschatz. Bd. 16. 2. Aufl. Berlin [1910], S. 221–335]
Was willst du mir? – Dich lieben, sagte er, und von dir geliebt sein. Seine freie Andringlichkeit überzeugte sie, daß es ihm ein Ernst sei; es gelang ihm, die Dirne sich ganz zu eigen zu machen. [Rumohr, Karl Friedrich: Der letzte Savello. In: Heyse, Paul / Kurz Herrmann (Hg.): Deutscher Novellenschatz. Bd. 2. 2. Aufl. Berlin [1910], S. 125–209]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Dirne · Dirndl · Dirndlkleid
Dirne f. ‘Prostituierte’, landschaftlich ‘junges Mädchen’, ahd. thiorna ‘Mädchen, Jungfrau, Dienerin’ (8. Jh.), mhd. dierne, dirne ‘Dienerin, (Bauern)magd, Mädchen’, asächs. thiorna ‘Jungfrau, Mädchen’, mnd. dērne ‘Unfreie, Dienerin, Magd, Mädchen, Jungfrau’, mnl. dierne, deerne, nl. deern, anord. (aus dem Mnd.) þerna ‘Dienstmädchen’. Die Herkunft ist nicht eindeutig geklärt. Karg-Gasterstädt in: PBB 66 (1942) 308 ff. führt die Formen zurück auf germ. *þewernō, die fem. Gegenbildung zu germ. *þegnaz, woraus ahd. asächs. thegan ‘Krieger, Gefolgsmann, Anhänger’, ursprünglich wohl ‘männliches Kind’ (s. Degen1). Das würde für das Germ. eine Wurzelvariante ie. *teku̯- neben ie. *tek- ‘gebären, zeugen’ voraussetzen. Nowicki in: ZfdA 106 (1977) 85 ff. schlägt vor, Dirne mit mhd. diehter, tiehter ‘Enkelkind’ zur sonst allerdings nur im Indoiran. bezeugten Wurzel ie. *teuk- ‘Keim, Same, Nachkommenschaft’ zu stellen. Die germ. Ausgangsform für Dirne wäre dann germ. *þeuχranō. Die Bedeutung ‘Prostituierte’ aus ‘Magd, Mädchen aus niederen sozialen Verhältnissen’ ist seit der Mitte des 15. Jhs. nachzuweisen. Dazu das Deminutivum Dirndl n. ‘junges Mädchen’, vgl. bair. dyerndl (15. Jh.), ‘die jüngste (und letzte) Dienstmagd auf einem Bauernhof’ (18. Jh.), südd. auch ‘Trachtenkleid’, verkürzt aus Dirndlkleid n. (1. Hälfte 20. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Dirne · Escort · Frau für spezielle Dienstleistungen · Freudenmädchen · Kurtisane · Liebesdame · Liebesdienerin · Liebesmädchen · Sexdienstleisterin · Straßendirne · Straßenprostituierte · käufliches Mädchen  ●  Callgirl  engl. · Escortgirl  engl. · Gunstgewerblerin  scherzhaft · Kokotte  veraltet · Lohndirne  veraltet · Lustdirne  veraltet · Prostituierte  Hauptform · gefallenes Mädchen  verhüllend, altertümelnd · Anbieterin für sexuelle Dienstleistungen  fachspr., Amtsdeutsch, Jargon · Bordsteinschwalbe  ugs. · Dorfmatratze  derb · Edelnutte  derb · Entspannungsdame  geh., verhüllend · Hartgeldnutte  derb · Hetäre  geh. · Horizontale  ugs. · Hure  ugs. · Metze  geh., historisch · Musche  ugs. · Nutte  derb, abwertend · Professionelle  ugs. · Schnepfe  ugs., abwertend · Sexarbeiterin  fachspr. · Straßenmädchen  ugs. · Strichmädchen  ugs. · betreibt das älteste Gewerbe der Welt  ugs. · eine, die es für Geld macht  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Dirne‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Dirne‹.

Zitationshilfe
„Dirne“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Dirne>.

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