Gemüt, das

GrammatikSubstantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Gemüt(e)s · Nominativ Plural: Gemüter
WorttrennungGe-müt
Wortbildung mit ›Gemüt‹ als Erstglied: ↗Gemütsanlage · ↗Gemütsart · ↗Gemütsbewegung · ↗Gemütskrankheit · ↗Gemütslage · ↗Gemütsleiden · ↗Gemütsmensch · ↗Gemütsruhe · ↗Gemütsschwankung · ↗Gemütsstimmung · ↗Gemütstiefe · ↗Gemütsveranlagung · ↗Gemütsverfassung · ↗Gemütswelt · ↗Gemütszustand · ↗gemüthaft · ↗gemütlos · ↗gemütreich · ↗gemütsarm · ↗gemütskrank · ↗gemütslos · ↗gemütsreich · ↗gemütsvoll · ↗gemütvoll
 ·  mit ›Gemüt‹ als Letztglied: ↗Kindergemüt
eWDG, 1967

Bedeutungen

1.
meist im Singular
tiefe und warme gefühlsmäßige Veranlagung, Empfindungsvermögen
Beispiele:
die Gedichte drücken alle einen Zustand seines Gemüts aus
in seinem Gesicht zeichneten sich die Bewegungen seines Gemüts ab
das Erlebnis bewegte, erregte, ergriff das weiche, sanfte, empfindsame Gemüt des Kindes aufs heftigste
die Ereignisse beunruhigten sein Gemüt
das hat sich auf ihr Gemüt gelegt, ist ihr auf das Gemüt geschlagen (= hat sie schwermütig gemacht)
spöttisch das, dieses Lied ist etwas fürs Gemüt (= ist sentimental, rührselig)
ein gutes, warmes, einfaches, schlichtes, freundliches, goldenes, edles, frommes, liebevolles Gemüt haben
er hatte ein zaghaftes, ängstliches, kindliches Gemüt
seine Frau war immer heiteren, sonnigen Gemüts
jmd. hat, besitzt (kein) Gemüt
salopp du hast ein kindliches Gemüt (= du bist naiv, weltfremd)
salopp er hat ein Gemüt wie ein Fleischerhund, Schaukelpferd (= er ist ist herzlos)
Daß er dafür bestraft wurde, hatte sein Gemüt erschüttert [MusilMann73]
Nun sie es [das schöne Zimmer] hat, bohrt sich ihr ein spitzer […] Schmerz ins Gemüt [KästnerLottchen77]
2.
nur im Plural
umgangssprachlich Menschen
Beispiele:
die Gemüter der kleinen Stadt erhitzten sich darüber (= die Einwohner der kleinen Stadt erhitzten sich darüber)
das Gemunkel über eine Erhöhung des Butterpreises beunruhigte die Gemüter (= das Gemunkel über eine Erhöhung des Butterpreises beunruhigte die Verbraucher)
der Artikel bewegte die Gemüter lange Zeit (= der Artikel bewegte die Leser lange Zeit)
erregte Gemüter besänftigen, beruhigen, beschwichtigen
mit bestimmten Adjektiven
Mensch
Beispiel:
sie ist ein ängstliches, war immer ein ehrliches Gemüt
3.
bildlich, umgangssprachlich
a)
sich [Dativ] etw. zu Gemüte führen (= etw. beherzigen)
Beispiele:
hast du dir meine Worte zu Gemüte geführt?
wenn man all so was weiß und sich immer wieder zu Gemüte führt […] denn is es nich so schlimm [FontaneIrrungenI 3,130]
b)
scherzhaft sich [Dativ] etw. zu Gemüte führen (= etw. Gutes mit Genuss essen, trinken, zu sich nehmen)
Beispiel:
sich [Dativ] ein Stück Torte, eine Flasche Wein zu Gemüte führen
jmdm. etw. zu Gemüte führen (= jmdm. etw. (eindringlich) vorhalten)
Beispiel:
einen Bataillonschef dieser Sorte hielt er für überflüssig, und er wünschte sehr, dies dem Herrn zu Gemüte zu führen [A. ZweigErziehung364]
veraltet sich [Dativ] etw. zu Gemüte ziehen (= sich etw. zu Herzen nehmen)
Beispiel:
Die Tante zog sich das sehr zu Gemüte [E. T. A. Hoffm.Serapionsbrüder3,134]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Gemüt · gemütlich · Gemütlichkeit
Gemüt n. ‘Empfindungsvermögen, Sinn für Gefühlswerte’. Die Kollektivbildung zu dem unter ↗Mut (s. d.) behandelten Substantiv ahd. gimuoti (9. Jh.), mhd. gemüete, gemuote, mnd. gemȫde, mnl. ghemoede, nl. gemoed bezeichnet zunächst die Gesamtheit aller Sinnesregungen und seelischen Kräfte (in Anlehnung an mhd. muot ‘Gesinnung’), erfährt dann eine Einengung der Bedeutung und gilt für die gefühlsmäßigen Empfindungen und Stimmungen (besonders seit etwa 1800). gemütlich Adj. ‘behaglich, zwanglos-heiter’, mhd. (selten) gemuotlich, gemüetlich ‘dem muote entsprechend, angenehm, vollkommen’, dann ‘dem Gemüt angehörig, das Gemüt betreffend’ (16. Jh.), ‘lieb, willkommen, dem Sinn und Wunsch entsprechend’ (16. Jh., geläufig seit 18. Jh.; vgl. ahd. gimuoti, 9. Jh., mhd. gemuot ‘den Sinn ansprechend, wohlgefallend, lieb’); oft im Unterschied zu ‘verstandesmäßig’ (1. Hälfte 18. Jh., in pietistischen Kreisen entwickelt und verbreitet), daher ‘was das Gemüt anspricht und befriedigt’ sowie ‘was aus dem Gemüt kommt’ (Ende 18. Jh.), woraus sich die heutige, oben genannte Bedeutung entwickelt. Gemütlichkeit f. (18. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Charakter · ↗Eigenart · ↗Format · Gemüt · ↗Gemütsart · ↗Gepräge · ↗Natur · ↗Naturell · ↗Persönlichkeit · ↗Temperament · ↗Veranlagung · ↗Wesen · ↗Wesenheit · ↗Wesensart  ●  ↗Profil  fachspr.
Unterbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
Gemüt · ↗Gemütsanlage · ↗Gemütsart · ↗Naturell · ↗Sinnesart · ↗Temperament
Oberbegriffe
  • psychologische Eigenschaft
Psychologie
Synonymgruppe
Gemüt · ↗Innenleben · ↗Seele  ●  Thymos  fachspr., griechisch
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Beruhigung Besänftigung Wallung abkühlen aufgebracht aufgeregt aufwühlen beruhigen beschwichtigen besänftigen bewegen einfältig empfindlich empfindsam empfänglich entzweien erhitzen erhitzt erregen erregt fromm heiter kindlich naiv schlicht sensibel sonnig zart zartbesaitet ängstlich

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Gemüt‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Körperlich sei er inzwischen "wieder einigermaßen auf dem Damm", aber mit dem Gemüt sehe es noch weniger positiv aus.
Die Welt, 17.10.2003
Ja, man kann sich in ihm einrichten, und wenn man sich wohl fühlt, wird man auch angenehmer im Gemüt.
Schwanitz, Dietrich: Männer, Frankfurt a. M.: Eichborn 2001, S. 119
Aber die Gemüter der kommenden Generationen wird man nicht erreichen.
Der Tagesspiegel, 06.08.2001
Wenn das gute Wort dann endlich fällt, ist das Gemüt oft durch die Qual des Harrens schon verdüstert.
Gleichen-Russwurm, Alexander von: Der gute Ton. In: Zillig, Werner (Hg.), Gutes Benehmen, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1932], S. 21477
So beruhigte sich das peinvolle Flackern ihres Gemütes immer von neuem.
Stehr, Hermann: Der Heiligenhof, München: List 1952 [1918], S. 88
Zitationshilfe
„Gemüt“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Gemüt>, abgerufen am 15.12.2018.

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