Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Grat, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Grat(e)s · Nominativ Plural: Grate
Aussprache  [gʀaːt]
Wortbildung  mit ›Grat‹ als Erstglied: Gratleiste · Gratlinie · Gratturm · Gratwanderung · Gratwind · gratfrei
 ·  mit ›Grat‹ als Letztglied: Berggrat · Dachgrat · Felsengrat · Felsgrat · Firngrat · Fischgrat · Gebirgsgrat · Gipfelgrat · Rückgrat · Schneegrat
 ·  mit ›Grat‹ als Grundform: entgraten
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
oberste, scharfe Kante eines Bergrückens, Kammlinie
Beispiele:
ein schmaler, scharfer, schartiger, steiler, langer, überhängender Grat
den Grat entlanggehen
auf dem Grat war ein Zeichen errichtet
Die Route führt am teils mit Schnee bedeckten Grat entlang und ist mit Seilen gesichert. [Süddeutsche Zeitung, 29.07.2021]ZDL
In großen Serpentinen geht es auf den 1.960 Meter hohen Monte Tamaro und von dort weiter auf einem neun Kilometer langen Grat – es ist einer der schönsten Höhenwege der Schweiz: […] [Die Welt, 27.03.2021]ZDL
übertragen Synonym zu DachgratZDL
Beispiele:
Die Figur soll […] die sensible Stelle, wo First und Grate des Daches zusammenlaufen, schützen. [Münchner Merkur, 18.06.2018]
Ansonsten kann er [ein Pfarrer] auf die bewährten Firmen setzen, die das Dach neu eindecken sowie Dachrinnen und Grate nach allen Regeln des Denkmalschutzes erneuern. [Aachener Zeitung, 12.01.2019]
Auch beim Dach seien die auf den Graten aufgemörtelten Firstziegel durch Witterungseinflüsse nicht mehr dauerhaft sicher. [Fränkischer Tag, 27.04.2013]
2.
übertragen Trennlinie zwischen zwei Gegensätzen; Grenzlinie zwischen etw., das als ungefährlich oder positiv empfunden wird, und etw., das als gefährlich oder negativ empfunden wirdZDL
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein schmaler, dünner, feiner, heikler, messerscharfer Grat
hat Präpositionalgruppe/-objekt: der [schmale] Grat zwischen Kitsch und Romantik, Genie und Wahnsinn, Pathos und Lächerlichkeit
als Akkusativobjekt: den [schmalen] Grat beschreiten, gehen, überschreiten, beschreiben
als Aktivsubjekt: ein [schmaler] Grat trennt etw., verläuft, liegt zwischen etw.
Beispiele:
Die sprachlich eindrucksvollen, stellenweise beinahe schon wagnerianisch anmutenden Texte sind am dünnen Grat zwischen Genie, Wahnsinn und drohendem Untergang der jeweiligen Akteure entlanggeschrieben. [Landshuter Zeitung, 21.11.2020]
Masken haben in der Pandemie ja ungeahnte Prominenz erlangt. Abgesehen von diversen Skandalen auf politischer Ebene, sind sie zum Alltagsrequisit geworden, dabei immer balancierend auf dem Grat zwischen Fluch und Segen. Ohne sie geht nun mal wenig. Und mit ihnen ist es leider oft mühsam und unzufriedenstellend. [Münchner Merkur, 06.10.2021]
Allein die schrill metallischen Beats von Camilla Sparksss, Musikerin auf dem Grat zwischen Punk und Elektropop, zeigen an, dass […] hehren Ansprüchen ein doppelter Boden innewohnt. [Südkurier, 21.09.2021]
Laks hatte ein Gespür für polnische und französische Lyrik, insbesondere für die Gedichte von Julian Tuwim, die auf einem Grat zwischen Ernst und Heiterkeit balancieren. [Süddeutsche Zeitung, 06.07.2021]
»Ich sitze im Boot nebenan und muss das Steuer für beide bedienen.« Dies sei aber immer ein heikler Grat zwischen Sorgfalt und Bemutterung. [Luzerner Zeitung, 30.10.2020]
Die Wissenschaft geht auf schmalem Grat vorwärts: auf der einen Hangseite die blühendste Entwicklung, auf der andern Vernichtung. [Klemperer, Victor: [Tagebuch]. In: ders.: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Berlin: Aufbau-Verl. 1999 [1958], S. 670]
Phrasem:
auf schmalem Grat (= zwischen zwei Alternativen stehend, von denen mindestens eine als unerwünscht oder gefährlich eingeschätzt wird)
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: auf schmalem Grat balancieren, wandeln, tänzeln, tanzen, wandern, verlaufen
Beispiele:
Wer Sicherheit schaffen will, balanciert immer auf schmalem Grat. Sorgt die Maschinenpistole in der Hand des Polizisten noch dafür, dass sich ein Besucher beim Glühwein sicher fühlt? Oder trinkt er schneller aus, weil der Polizist die Waffe bestimmt nicht ohne Grund dabei hat? [Süddeutsche Zeitung, 28.11.2018]
Beim Gorilla‑Tourismus bewegt sich Uganda auf schmalem Grat: Einerseits braucht Naturschutz Einnahmen durch den Tourismus, andererseits ähnelt das Gorilla‑Erbgut dem der Menschen. Um eine Corona‑Infizierung der seltenen Tiere zu verhindern, wurden die Ranger des Nationalparks daher angewiesen, gründlichst auf Hygiene‑Maßnahmen zu achten. [Saarbrücker Zeitung, 28.05.2021]
Der neue britische Alleingang ist ein Gang auf schmalem Grat. [Welt am Sonntag, 19.07.2020]
Auf schmalem Grat aber wandelte auch die SPD in ihrer Doppelrolle als Opposition mit amtierender Ministerriege. [Die Welt, 29.11.2017]
Wenn bis dahin [1933] kaufmännische Erwägungen und künstlerisches Gewissen das Gesicht der Ufa bestimmt hatten, so vegetierte sie jetzt auf schmalem Grat zwischen den hartnäckigen Forderungen des Propaganda‑Ministeriums und der Portion Anständigkeit, die die Ufa‑Herren in der Brust trugen. [Der Spiegel, 10.01.1951]
3.
Technik bei Trenn- oder Formverfahren entstehender, scharfkantig hervorstehender Rand eines WerkstückesZDL
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein messerscharfer, scharfer, gezackter Grat
Beispiele:
Beim Schleifen von Metall entsteht […] fast unvermeidbar auch ein Grat, eine kleine, scharfe Kante. [Thüringer Allgemeine, 10.03.2018]
[…] Die kommen erst auf die Maschine und dann ziehe ich von Hand noch einmal Schleifpapier drüber, damit kein Grat übrig bleibt[…]. [Rhein-Zeitung, 04.12.2019]
Messerscharf die Kanten, millimeterplan die Flächen, ebenmäßig die Bauchungen, exakt die Grate: Die Keramiken Walter A. Heufelders sind geprägt von einer außerordentlichen Präzision, mit welcher er die Grenzen des Materials auslotet und für seine Branche Messlatten steckt, die nur schwer übersprungen werden können; sei es in der Schärfe der Form, der Genauigkeit der Farbgebung oder im schwierigen Zusammenspiel der Materialien wie Steingut und Porzellan. [Landshuter Zeitung, 02.08.2016]
Die Azubis spannen Werkstücke in große Maschinen, fräsen feine Grate in dünne Plättchen. [Berliner Morgenpost, 23.03.2008]
Eine Hochdruckpistole an einem Roboterarm schießt Luft und Kohlendioxid, das an der Luft erkaltet, am Werkstück entlang. Der Grat kühlt schneller ab als das Werkstück, springt ab und wird weggeblasen. [Südkurier, 07.10.2006]
allgemeiner Wenn eingeklemmte Verletzte von den Rettungskräften erst aus den Fahrzeugen herausgeschnitten werden müssen, oder ein Einsatz der hydraulischen Scheren erst das Vordringen der Rettungssanitäter oder des Notarztes zum Unfallopfer ermöglicht, bilden die oftmals scharfkantigen Grate an den Blechen erhebliche Verletzungsgefahren für die Helfer, die die Erstversorgung an der Unfallstelle übernehmen. [Badische Zeitung, 15.12.2007]

letzte Änderung:

Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Grat · Rückgrat
Grat m. ‘schmaler Bergrücken, Höhenbereich im Bergland’, mhd. mnd. grāt ‘Rückgrat, Bergrücken, Spitze, Stachel, Fischgräte’ (wozu auch nhd. Gräte, s. d.), mnl. graet, nl. graat ‘Gräte’ sind vielleicht wie schwundstufiges russ. (älter) grot (грот) ‘Wurfspieß’, poln. grot, tschech. hrot ‘Spitze’ mit Dentalsuffix im Sinne von ‘Spitzes, Hervorstechendes’ zur Wurzel ie. *gher(ə)- ‘hervorstechen’ (von Pflanzentrieben, Stacheln, Borsten, Erderhebungen, Kanten) gebildet, wobei die germ. Formen hochstufiges und langvokalisches ie. *ghrē-, die slaw. hingegen reduziertes *ghrə- voraussetzen. Zur gleichen Wurzel gehören Granne, Gras, grün (s. d.). – Rückgrat n. ‘Wirbelsäule’, zuerst rucke grat (15. Jh.), Übersetzung (bis ins 18. Jh. nur maskulin) von lat. spīna dorsī, hier wohl eigentlich ‘Erhebung(en) des Rückens’; zu lat. spīna ‘Dorn, Spitze, Stachel, Rückgrat’, bildlich ‘Rücken’; vgl. medizin.-lat. spīna ‘Knochendorn’ (an den Wirbeln).

Thesaurus

Synonymgruppe
Oberbegriffe
  • nicht lebendes Objekt · unbelebtes Objekt
Antonyme
  • Lahner

Typische Verbindungen zu ›Grat‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Grat‹.

Zitationshilfe
„Grat“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Grat>.

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