Indogermanisch, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular 1: Indogermanisch · Genitiv Singular 2 (selten): Indogermanischs · wird nur im Singular verwendet
Nebenform Indogermanische · Substantiv (Neutrum), nur mit bestimmtem Artikel · Genitiv Singular: Indogermanischen · wird nur im Singular verwendet
Die Verwendung der beiden möglichen Formen des Wortes richtet sich einerseits nach formalen Kriterien, andererseits tendenziell auch nach der beabsichtigten Bedeutung. Die Form ohne »-e« ist die einzige Möglichkeit, wo sonst starke Formen des Adjektivs gefordert wären (Ich kann kein Indogermanisch). Sie wird gewöhnlich dann verwendet, wenn von verschiedenen Ausprägungen der Sprache die Rede ist (das frühe Indogermanisch, im Indogermanisch der Frühzeit) und steht häufiger als Subjekt und Objekt (ohne Artikel: Ich studiere Indogermanisch) als in anderen Rollen (die Besonderheiten des Indogermanisch(s)). Die Form mit »-e«, die immer mit Artikel steht, kann in allen Fällen verwendet werden, wo schwache Adjektivendungen vorkommen (aus dem Indogermanischen im Deutschen ererbt, die Besonderheiten des Indogermanischen). Sie wird gewöhnlich verwendet, wenn die Sprache allgemein gemeint ist (das Indogermanische ist eine tote Sprache).
Aussprache [ɪndogɛʁˈmaːnɪʃ] · [ɪndogɛʁˈmaːnɪʃə]
Worttrennung In-do-ger-ma-nisch ● In-do-ger-ma-ni-sche
Grundform indogermanisch
Dieser Eintrag war DWDS-Artikel des Tages am 14.09.2020.
ZDL-Vollartikel, 2020

Bedeutungen

1.
nicht direkt belegte, aber aus den Tochtersprachen (Indogermanisch (2)) rekonstruierbare Sprache, die vor mindestens 4.000 Jahren in einem nicht sicher bestimmbaren Gebiet, wahrscheinlich nördlich oder südlich des Kaukasus, gesprochen wurde; Urindogermanisch
Beispiele:
Der Begriff Angst stammt aus dem Indogermanischen, anghu, und ist verwandt mit dem lateinischen angustus, was so viel heißt wie Enge, Bedrängnis, Beengung. [Die Zeit, 21.02.2017, Nr. 02]
Die eigentliche germanische Fortsetzung [der Wurzel *med-] ist aber messen: Zwischen Indogermanisch zu Urgermanisch liegt die 1. Lautverschiebung, woraus *metan resultiert (daher auf Englisch: to mete). Mit der 2. Lautverschiebung sind wir bei messen[.] [Radices: Die indogermanische Wurzel »messen, für Einhaltung sorgen, sich kümmern«, 01.03.2016, aufgerufen am 15.09.2018]
Rad, Wagen und Pflug wurden im vierten Jahrtausend vor Christus erfunden. Für die wesentlichen Begriffe dieser Technologie […] sind uns die indogermanischen Wörter durch die Methode der diachronischen Rekonstruktion bestens bekannt […]. Demnach gehört das Indogermanische nicht bereits ins achte/siebte Jahrtausend vor Christus nach Anatolien, wie in dem Artikel behauptet, sondern ist deutlich später, nicht vor dem vierten Jahrtausend, anzusetzen. [Süddeutsche Zeitung, 13.09.2012]
Denn ich denke, wir können der Entwicklung der deutschen Sprache keinen Riegel vorschieben. Die deutsche Sprache hat sich ebenfalls im Lauf der letzten Jahrhunderte stark verändert. Wenn man damals versucht hätte, dieser Entwicklung entgegenzutreten, würden wir heute noch Indogermanisch sprechen. [Süddeutsche Zeitung, 01.03.2004]
Für die Anfänge des Indogermanischen unterscheidet Brugmann eine dreifache Form des Hinweisens. Der »Ich‑Deixis« steht hier inhaltlich und sprachlich die »Du‑Deixis« gegenüber, welch letztere selbst wieder in die allgemeine Form der »Der‑Deixis« übergeht. [Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen, Darmstadt: Wiss. Buchges. 1994, S. 153. Zitiert nach: Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen, Berlin: B. Cassirer 1923.]
2.
ursprünglich in Europa, Vorderasien und Indien beheimatete, heute weltweit verbreitete Sprachfamilie, die auf eine gemeinsame Grundsprache (Indogermanisch (1)) zurückgeht   bestehend aus den Sprachzweigen Tocharisch, Indoiranisch (Indoarisch, Iranisch), Armenisch, Anatolisch, Griechisch, Albanisch, Baltoslawisch (Baltisch, Slawisch), Germanisch, Italisch (darunter Latein), Keltisch sowie einigen Trümmersprachen unklarer Zuordnung
Beispiele:
Das bekannteste Beispiel einer großen Sprachfamilie ist sicherlich das Indogermanische, zu dem unsere eigene Sprache Deutsch sowie die meisten Sprachen Europas, des Iran und im Norden des indischen Subkontinents gehören. [Die Welt, 22.02.2019]
Damit ist Niger‑Kongo die sprachenreichste genetische Einheit der Welt. Mit rund 500 Sprachen und 260 Mio. Sprechern bilden die Bantu‑Sprachen die größte Untereinheit. Zum Vergleich: Indogermanisch hat zwar weltweit über drei Mrd. Sprecher, aber nur etwa 220 lebende Sprachen. [Die Welt, 22.02.2019]
Mark Pagel von der University of Reading hat nun gemeinsam mit Kollegen den Versuch unternommen, Wörter aus der vermutlich bis zu 15.000 Jahre alten eurasischen Ursprache zu rekonstruieren. Sie benutzten dafür Vokabeln aus sieben großen Sprachfamilien, darunter Indogermanisch (dazu gehört Deutsch), Altaisch (Türkisch, Mongolisch) und Uralisch (Finnisch, Ungarisch). [Spiegel, 08.05.2013 (online)]
Mit der Entdeckung Amerikas griff dann das Indogermanische noch einmal weiter aus, verleibte sich einen Doppelkontinent ein. [Süddeutsche Zeitung, 25.02.2011]
Im Indogermanischen läßt sich die Entstehung und Ausbreitung des Artikels geschichtlich noch im einzelnen verfolgen. Er fehlt hier nicht nur dem Altindischen, dem Altiranischen und Lateinischen, sondern auch der älteren griechischen, insbesondere der Homerischen Sprache: erst die attische Prosa wendet ihn regelmäßig an. Auch im Germanischen hat sich der Gebrauch des bestimmten Artikels erst im Mittelhochdeutschen als Regel festgesetzt. [Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen, Darmstadt: Wiss. Buchges. 1994, S. 157. Zitiert nach: Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen, Berlin: B. Cassirer 1923.]
Zitationshilfe
„Indogermanisch“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Indogermanisch>, abgerufen am 24.09.2020.

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