Integration, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Integration · Nominativ Plural: Integrationen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [ɪntegʀaˈʦi̯oːn]
Worttrennung In-te-gra-ti-on · In-teg-ra-ti-on
Wortzerlegung integrieren -ation
Herkunft zu integrātiolat ‘Wiederherstellung, Erneuerung’
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Zusammenführung, Verflechtung; Kooperation, Zusammenwirken
Kollokationen:
als Adjektivattribut: die europäische, regionale, politische, wirtschaftliche, ökonomische Integration; die vertikale Integration (= Form der Unternehmenskooperation)
als Akkusativobjekt: die Integration fördern, vorantreiben
mit Genitivattribut: die Integration der Finanzmärkte
hat Präpositionalgruppe/-objekt: die Integration von Mobilfunk und Festnetz
Beispiele:
Die Gemeinschaftswährung ist ein ökonomisches Instrument, das für ein politisches Ziel – nämlich die weitere Integration Europas – benutzt wurde. [Die Welt, 18.05.2018]
Eine politisch getriebene Entflechtung der chinesischen und amerikanischen Volkswirtschaften würde die komplette Umkehrung der bis in die jüngste Vergangenheit voranschreitenden wirtschaftlichen Integration der beiden Großmächte bedeuten. [Der Tagesspiegel, 24.09.2020]
Eine Industrie‑Partnerschaft könnte auch als eine Form von vertikaler Integration beschrieben werden: drei Unternehmen, die entlang der Wertschöpfungskette Hand in Hand miteinander kooperieren. Trotz Zusammenarbeit wird jedoch die Unabhängigkeit bewahrt. [Neue Zürcher Zeitung, 23.10.2017]
Grants neue Leistung besteht in der Integration und Zusammenführung der vielen Einzelergebnisse [der psychologischen Forschung] zu einem griffigen, neuen Konzept – das die Realität nicht mehr nur prognostiziert, sondern tatsächlich beschreibt. [Die Zeit, 11.07.2013]
Der deutsche Konzern setze auf die Integration von Mobilfunk, Festnetz, Internet und Datendiensten. [Die Welt, 20.11.1999]
Entwicklung heißt Übergang aus einem zusammenhangloseren in einen zusammenhängenderen Zustand des Ganzen (Integration), verbunden mit dem Übergang von unbestimmter Gleichartigkeit zu bestimmter Ungleichartigkeit seiner Teile (Differenzierung). [Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1913], S. 8403]
seltener, Psychologie Bildung einer vollständigen Persönlichkeit, Zusammenführung von Persönlichkeitsanteilen (vor allem bei einer multiplen Persönlichkeitsstörung)
Beispiele:
Auch wenn eine vollständige Integration nicht gelingt, arbeitet der Therapeut daran, dass die verschiedenen Anteile miteinander kommunizieren. Wenn der Patient alle inneren Anteile kennenlernt, erlangt er zunehmend ein Gefühl von Identität. [Multiple Persönlichkeitsstörung: Auslöser, Anzeichen, Therapie, 28.05.2018, aufgerufen am 18.09.2020]
Für die meisten Therapeuten ist die Verschmelzung eines multiplen Systems zu einer einzigen Persönlichkeit (»Fusion«, meist aber schlicht »Integration« genannt) das primäre Therapieziel. [DIS ist …, 11.12.2012, aufgerufen am 18.09.2020]
Der Kontakt des Mannes mit seiner Anima (inneren Frau) gilt in der Jung[’]schen Psychologie als Weg zur psychischen Integration und Individuation. [Lilith und Jupiter, 04.02.2012, aufgerufen am 31.08.2020]
»Ist das heilbar?« fragen viele Menschen, wenn sie sich das erste Mal mit dem Thema multiple Persönlichkeiten befassen. Womit sie meist das meinen, […] was die Therapeuten »Integration« nennen. [E Pluribus Unum?, 10.08.2007, aufgerufen am 01.09.2020]
2.
Einbeziehung, Eingliederung, Hereinnahme in ein größeres Ganzes
Kollokationen:
mit Genitivattribut: die Integration der Akquisitionen, Zukäufe
als Aktivsubjekt: die Integration gelingt, scheitert
hat Präpositionalgruppe/-objekt: Integration in den Arbeitsmarkt, die europäischen Strukturen, die Weltwirtschaft
Beispiele:
Mit der Integration neuer Funktionen in das System werden User wohl auf einige Anwendungen von Drittanbietern verzichten. [Der Standard, 19.02.2012]
Die neu erworbenen Gesellschaften werden ab dem laufenden Geschäftsjahr 2015/2016 Umsätze von mehr als 100 Mio. € erzielen und nach vollständiger Integration zum nachhaltigen profitablen Wachstum von Heidelberg [einem Unternehmen] beitragen. [Heidelberg setzt auf Wachstum, 10.06.2015, aufgerufen am 01.09.2020]
Hauptgrund [für die Verluste] war eine Kostenexplosion durch den Umbau der Investmentbank und die Integration der jüngsten Zukäufe […]. [Der Spiegel, 03.02.2011 (online)]
Den historischen Aufriss, eine zwischen Integration und Stigmatisierung schwankende Sprachgeschichte der Fremdwörter, besorgte Horst Haider Munske (Erlangen). [Süddeutsche Zeitung, 17.03.2000]
Die vollständige Integration der mittelosteuropäischen Staaten in die Bündnisse des Westens werde sich aber erst im Laufe einer geschichtlichen Entwicklung erreichen lassen. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.1995]
Die vollständige Integration der neuen Häuser [Warenhäuser eines ehemaligen Konkurrenten] in den Konzern soll etwa 1999 abgeschlossen sein. [Berliner Zeitung, 15.06.1994]
BMW und Microsoft wollen mit einer offenen Plattform die Integrationen vernetzter Maschinen in der Produktion vereinfachen. [Reutlinger General-Anzeiger, 03.04.2019] ungewöhnl. Pl.
Soziologie, Pädagogik Einbeziehung, Eingliederung von bisher ausgeschlossenen Einzelpersonen oder (Rand-)‍Gruppen mit bestimmten abweichenden Merkmalen in umfassendere Gruppen oder in die Gesellschaft
Die eine Zeit lang unter diesem Stichwort etwa über den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, über den richtigen Umgang mit behinderten Menschen, Einwanderern usw. geführte Diskussion hat sich inzwischen zum Teil bzw. (je nach Sachgebiet und Sichtweise) weitgehend auf das Stichwort Inklusion verlagert. Integration und Inklusion werden insbesondere in der Allgemeinsprache nicht immer auseinandergehalten.
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die gelungene, gescheiterte, gesellschaftliche, soziale, berufliche, sprachliche Integration
als Akkusativobjekt: die Integration fördern, erleichtern, ermöglichen, vorantreiben, erschweren
als Dativobjekt: etw. dient der Integration
in Präpositionalgruppe/-objekt: sich um Integration bemühen, kümmern; sich für die Integration einsetzen; zur Integration beitragen
mit Genitivattribut: Integration der Ausländer, ausländischen Mitbürger, Einwanderer, Migranten, Zuwanderer
in Koordination: Integration und Inklusion, Assimilation, Migration, Zuwanderung, Einwanderung
als Aktivsubjekt: die Integration gelingt, scheitert
hat Präpositionalgruppe/-objekt: die Integration von Ausländern, Einwanderern, Immigranten, Migranten, Zuwanderern, Behinderten, Langzeitarbeitslosen; die Integration in die Gesellschaft
als Genitivattribut: die Frage, das Ziel, der Prozess, die Probleme der Integration
Beispiele:
Bei der individuellen Einzelbetreuung in der Einrichtung stehen […] die Entwicklung der Selbstständigkeit und die Integration in die Gruppe beziehungsweise in die Klasse im Vordergrund. [Münchner Merkur, 03.12.2019]
Steuererleichterung für Unternehmen in Italien sollten die Integration von jungen Menschen (unter 32), von Langzeitarbeitslosen und Behinderten ins Erwerbsleben fördern. [Frankfurter Rundschau, 18.11.1998]
Im Unterschied zur Integration, die die Eingliederung von bisher ausgesonderten Personen zum Ziel hat, geht es bei der Inklusion darum, die Verschiedenheit im Gemeinsamen anzuerkennen, also der Individualität und den Bedürfnissen aller Menschen Rechnung zu tragen. [Allgemeine Zeitung, 06.02.2018]
Die Beherrschung der Landessprache sieht man in Kanada als Schlüssel für die berufliche und soziale Integration der neuen Bürger. [Die Zeit, 20.01.2015]
Viele halten [Bodo] Ramelows Wahl [zum Ministerpräsidenten von Thüringen] für eine Zwischenetappe der Linken auf ihrem Weg zur Normalisierung und zur Integration ins politische System. [Die Zeit, 04.12.2014]
Die Türkische Gemeinde und die Verlagsgesellschaft Werner Media Group wollen Kurse für ältere Migranten anbieten, um ihre Integration in die Gesellschaft zu erleichtern, Isolation im Alter zu vermeiden. [Bild, 08.12.2005]
Nun ist es offensichtlich nicht so, daß bei der Mehrzahl der Eltern von behinderten Kindern ein starker Wunsch nach Integration ihrer »Sorgenkinder« in eine reguläre Schule besteht. »Ganz im Gegenteil. Wir erleben zur Zeit einen regelrechten Ansturm auf die Förderschulen und müssen viele Kinder wegen Platzmangel abweisen – zum heftigen Ärger der Eltern«, berichtete die Staatssekretärin im Kultusministerium[…]. […] [Süddeutsche Zeitung, 29.08.1995]
Im vergangenen Jahr gab es in NRW monatlich nur knapp 20.000 Integrationen von Hartz‑IV‑Empfängern in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung[…]. [Aachener Zeitung, 18.09.2019] ungewöhnl. Pl.
3.
Mathematik Berechnung von Integralen (2)
Beispiele:
In der Mathematik stellt die Integration die Umkehrung der Differenzierung dar. Aber selbst in der Mathematik ergibt die Integration immer nur mehre mögliche Lösungen und die Ausgangsgleichung ist nur eine von mehreren korrekten Ergebnissen. [Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 07.08.2011, aufgerufen am 01.09.2020]
Die Geschwindigkeit ist […] die erste Ableitung des Weges nach der Zeit und beträgt im Beispiel im Mittel 100 km/h. Anderseits ist im Sinne dieses inversen Verhältnisses von Integration und Differentiation die im Zeitintervall zurück gelegte [sic!] Wegstrecke das Integral über die Geschwindigkeit. [Mathe Nachhilfe zur Analysis, 05.06.2011, aufgerufen am 01.09.2020]
Durch die Einführung der Masstheorie konnten Techniken der modernen Mathematik, wie die Integration, auf ein solides Fundament gestellt werden. [Neue Zürcher Zeitung, 19.03.2006]
Die Tatsache, daß eine konvergente Folge integrabler Funktionen immer wieder eine integrable Funktion liefert, und die relativ geringe Einschränkung, unter der die Vertauschung von Integral und Limes (im Fall einer Funktionensumme also die Integration gliedweise) gestattet ist, bildet einen fundamentalen Vorzug der Lebesgueschen Integrale vor den Riemannschen[…]. [Hausdorff, Felix: Grundzüge der Mengenlehre. Leipzig: Veit 1914, S. 440]
Wir können über solche Funktionen beliebig viele aufeinanderfolgende Integrationen ausführen; die eingehenden Potenzen von η sind unbeschränkt. [Zeitschrift für Mathematik und Physik, 56/1 (1908)]
Quadratur (lat.), […] In der Analysis Berechnung des Integrals eines gegebenen Differentials (Integration)[…]. [Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1906], S. 60788]

letzte Änderung:

Dieses Wort ist Teil des Wortschatzes für das Goethe-Zertifikat B1.
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

integrieren · integrierend · Integrität · Integration · integral · Integralrechnung · Integral · integer
integrieren Vb. ‘ergänzen, vervollständigen, sich zusammenschließen, in ein größeres Ganzes eingliedern’ (18. Jh.), entlehnt aus lat. integrāre ‘wiederherstellen, ergänzen, erneuern, geistig auffrischen’ (zu lat. integer, s. unten); auch (wohl nach frz. intégrer) ‘ein Integral berechnen’ (s. unten Integral); dazu integrierend Part.adj. ‘zur Vollständigkeit erforderlich, notwendig’, besonders in der Fügung integrierender (Bestand)teil (18. Jh.), anfangs auch integranter Teil (nach frz. partie intégrante). Integrität f. ‘Vollständigkeit, Unberührtheit, Makellosigkeit, Unverletzlichkeit’ (um 1800), lat. integritās (Genitiv integritātis) ‘Unversehrtheit, Reinheit’, vgl. auch frz. intégrité. Integration f. ‘Zusammenschluß, Eingliederung, Vereinigung’, auch ‘Berechnung eines Integrals’ (19. Jh.), lat. integrātio (Genitiv integrātiōnis) ‘Wiederherstellung, Erneuerung’, frz. intégration ‘Berechnung eines Integrals’. integral Adj. ‘ein Ganzes ausmachend, für sich bestehend, vollständig, wesentlich’ (17. Jh.), spätlat. integrālis ‘unversehrt, nicht geteilt’, frz. intégral ‘integrierend, vollständig’. 1690 führt der Schweizer Mathematiker J. Bernoulli, wohl mit erneutem Rückgriff auf lat. integer (s. unten), ein nlat. integrālis in die mathematische Terminologie ein; seine Fügung nlat. calculus integrālis ergibt bald darauf (1696) frz. calcul intégral und wird im Dt. wiedergegeben mit Integralrechnung f. (Anfang 18. Jh.); hierzu (erst im 19. Jh. geläufiges) Integral n. ‘Grenzwert einer Summe’ (vorher Integralgröße, Integralzahl, um 1800), entsprechend der Substantivierung frz. intégrale f. (Mitte 18. Jh.). integer Adj. ‘unversehrt, unberührt, makellos, redlich, rechtschaffen’, Übernahme (19. Jh.) von lat. integer ‘unangetastet, unversehrt, unberührt’, zu lat. tangere ‘berühren’ mit der Negationspartikel in- (s. in-2).

Thesaurus

Synonymgruppe
Aufnahme · Einbeziehen · Einbeziehung · Eingliederung · Integration · Verzahnung · Zusammenführung
Assoziationen
Antonyme
Mathematik
Synonymgruppe
Integralrechnung · Integration

Typische Verbindungen zu ›Integration‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Integration‹.

Zitationshilfe
„Integration“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Integration>.

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