Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Jude, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Juden · Nominativ Plural: Juden
Aussprache [ˈjuːdə]
Worttrennung Ju-de
Wortbildung  mit ›Jude‹ als Erstglied: Judenbart · Judenchrist · Judendeutsch · Judenfrage · Judengegner · Judengemeinde · Judengetto · Judenghetto · Judenhass · Judenkirsche · Judenmord · Judenpogrom · Judenpolitik · Judenstaat · Judenstern · Judentum · Judenverfolgung · Jüdin · judenfeindlich · jüdisch
 ·  mit ›Jude‹ als Letztglied: Betteljude · Diasporajude · Halbjude · Ostjude · Schutzjude · Vierteljude
 ·  formal verwandt mit: verjuden
Herkunft aus gleichbedeutend Iūdaeuslat < gleichbedeutend Judaíosgriech (Ἰουδαίος), zu Iūdaealat ‘jüdisches Land, Judäa’ < gleichbedeutend Judaíagriech (Ἰουδαία) < Jehudahebr (יהודה) ‘Judäa’

Bedeutungsgeschichte

Das Wort begegnet von alters her als Name der Bewohner eines Teils des biblischen Palästinas, die der im Alten Testament bezeugten Religion anhängen, sowie als Fremd- und Selbstbezeichnung der auch im deutschen Sprachraum ansässigen Nachkommen dieses Volkes, die an ihrer hergebrachten Religion festhalten.
ZDL-Vollartikel

Bedeutung

Angehöriger des jüdischen Volkes bzw. Anhänger der jüdischen Religion
Als Angehöriger des jüdischen Volkes gilt nach herkömmlicher Auffassung, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, ungeachtet der Tatsache, dass auch das Judentum (vor allem in historischer Zeit nicht unbedeutende) Konversionen kannte und kennt. Wohl weil die Abstammung für die Religionszugehörigkeit eine stärkere Rolle als in anderen Religionen wie dem Christentum spielt, wird sprachlich zwischen den Dimensionen der Abstammung und des Bekenntnisses meist nicht konsequent unterschieden, auch wenn die Abstammung sowohl in der Eigenbetrachtung (nämlich für die Frage, ob jemand nach den Religionsgesetzen als Jude gilt) als auch in der Fremdbetrachtung (beispielsweise im Nationalsozialismus für die Frage, ob jemand als Jude der Abstammung nach diskriminierenden Gesetzen unterliegt, auch wenn er der jüdischen Religion nicht anhängt) durchaus im Vordergrund stehen kann. Der jüdischen Religionsgemeinschaft gehört an, wer den in der Tora (den fünf Büchern Mose des christlichen Alten Testamentes entsprechend) niedergelegten und in Talmud und Halacha diskutierten und ausgeführten Gesetzen und Lehren folgt, was nach herkömmlicher Ansicht wiederum nicht völlig losgelöst von der Volkszugehörigkeit möglich ist. Die Ansichten über die Volks- und Religionszugehörigkeit gehen im Einzelfall innerhalb der verschiedenen Strömungen des Judentums sehr auseinander.
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: deutsche, russische Juden; orthodoxe, ultraorthodoxe Juden; die verfolgten, deportierten, ermordeten Juden
als Akkusativobjekt: Juden hassen, töten, umbringen, ermorden, aufnehmen, retten, verstecken
in Präpositionalgruppe/-objekt: der Mord, Völkermord, Massenmord an den [europäischen] Juden; die Deportation, die Ermordung von, die Verbrechen an den Juden; das Denkmal für die [ermordeten] Juden [Europas]
in Koordination: Juden und Christen, Deutsche, Muslime, Araber
als Genitivattribut: der Zentralrat der Juden (= Dachorganisation jüdischer Gemeinden und Landesverbände in Deutschland); die Geschichte, das Leben, die Emanzipation, das Schicksal, die Verfolgung, die Vertreibung, die Deportation, die Ermordung, die Vernichtung, die Ausrottung der Juden
Beispiele:
Wer eine jüdische Mutter hat, ist Jude. Die jüdischen Religionsvorschriften kennen aber auch die Möglichkeit, zum Judentum zu konvertieren. [Hamburger Abendblatt, 17.03.2014]
Von den Nationalsozialisten wurde er als Jude eingestuft, obwohl er schon als junger Mann zum Christentum konvertiert war. [Basler Zeitung, 28.12.2021]
Die Kaschrut, ein Abschnitt der Tora, legt die Speisegesetze für gläubige Juden fest. Es wird unterschieden zwischen Lebensmitteln, die koscher und somit zum Verzehr erlaubt sind, und solchen, die als treife, das heißt als unerlaubt gelten. [Neue Westfälische, 02.12.2021]
Das neue Israel ist entstanden, weil viele Juden nach Jahrhunderten der Verfolgung glaubten, dass sie niemals wirklich sicher sein würden, wenn nicht in einem eigenem Staat, und zwar einem wehrhaften. [Der Tagesspiegel, 23.05.2021]
Auschwitz – dieser Name steht für das grauenhafteste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, für den vom nationalsozialistischen Deutschen Reich organisierten und verübten millionenfachen Mord an den europäischen Juden. [Der Tagesspiegel, 31.01.2021]
Jeder Jude hat das Recht auf eine Staatsbürgerschaft in Israel, auf eine Allya, eine vom Staat gesponserte Zeit, in der ein Jude Israeli wird, Hebräisch lernt und über Geschichte und Politik erfährt. [Daily Routine, 03.11.2012, aufgerufen am 01.09.2020]
Der bedeutendste Vertreter der jüdischen mittelalterlichen Theologie und Philosophie ist Moses Maimonides (*1135 in Córdoba; †1204 in Kairo). Durch Kommentare des Talmud und durch systematische Darstellungen (»Wiederholung des Gesetzes«) suchte er die jüdische Lehre zu erklären und dem einfachen Juden nahezubringen. [Jedin, Hubert (Hg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1966], S. 6655]
Diese Juden, sagt er, haben Jesum ans Kreuz geschlagen, mit Nägeln, Achtzöller. Er weiß das. Jetzt laufen sie rum auf der ganzen Welt, sagt er, das Kainszeichen der Jesusmörder auf ihrer Stirn. Das ist alles schon so alt, daß es aussieht wie eine leibhaftige Wahrheit. [Bobrowski, Johannes: Levins Mühle. Frankfurt a. M.: Fischer 1964, S. 173]
Schimpfwort
Die jahrhundertelange Leidensgeschichte der Juden spiegelt sich auch in der Geschichte ihrer sprachlichen Herabwürdigung. Sowohl für Angehörige des jüdischen Volkes als auch für Nichtjuden taucht der Volksname immer wieder auch als Schimpfwort auf. Der Verstoß gegen einen inzwischen dagegenstehenden, mehr oder weniger allgemein geltenden Konsens der Sprachgemeinschaft ist dabei heute so stark, dass dieser verschiedentlich berichtete Gebrauch außerhalb bestimmter, tendenziell muslimischer oder rechtsextremer Milieus in der Regel nicht geduldet wird.
Beispiele:
Nachdenklich stimmte die Mitteilung einer Schülerin, dass auf dem Pausenhof »du Jude« als Schimpfwort benutzt wird. [Meet a Jew, 01.12.2020, aufgerufen am 17.03.2021]
Ein anderer verpasst ihm eine Backpfeife. »Jude, verpiss dich aus unserem Bezirk.« [Berliner Morgenpost, 26.09.2018]
»Du Jude!« schreien sich auch die Prenzl’berger‑Kids zu, wenn sie sich beleidigen wollen und die Bio‑Eltern gerade nicht hinhören. [Die Verantwortung von HR in Zeiten rechter Abgründe, 08.09.2018, aufgerufen am 01.09.2020]
»Hau ab, du Jude« – Antisemitismus in Deutschland [Überschrift] Jahrelang wurde ein jetzt 15‑Jähriger beleidigt, verprügelt, gemobbt, weil er Jude ist. Erst seitdem er die Schule gewechselt hat, geht es ihm wieder besser. [Das Erste / »Bericht aus Berlin«, 13.04.2018, aufgerufen am 01.09.2020]
Muslimische Teenager benutzen den Ausdruck »Du Jude« als Schimpfwort. Auf einer Palästina‑Solidaritäts‑Demonstration skandieren jugendliche Migranten: »Wir wollen keine Judenschweine!« Arabische Schüler erklären im Geschichtsunterricht, dass der Holocaust zu Recht stattfand. [»Angriff auf Rabbiner in Berlin«, 30.08.2012, aufgerufen am 01.09.2020]
Damals [bei einem Fußballspiel] riefen Jugendliche Sprüche wie »Du Judenschwein«, »Fick deine Mutter, du Judensau« und »Wir ziehen dir die Vorhaut runter, du Jude« in Richtung der Spieler des Gastvereins aus Chemnitz und des Schiedsrichter‑Gespanns. Die Wurzener Vereinsverantwortlichen leugneten seinerzeit die Vorfälle, bis sie schließlich nicht mehr abzustreiten waren. [Im Osten nichts Neues, 04.04.2008, aufgerufen am 01.09.2020]
Der Angeklagte räumte vor Gericht ein, daß er dem Studenten in einem Cafe grundlos eine Ohrfeige versetzt und ihm dabei die Worte »Du Jude, dich sollte man vergasen« zugerufen habe. [die tageszeitung, 10.03.1995]

letzte Änderung:

Thesaurus

Synonymgruppe
Jude  ●  Israelit  historisch · Itzig  veraltet, abwertend · Jehudi  hebräisch · Jidd  jiddisch · Jud  derb, veraltet, abwertend
Assoziationen
  • Bürger von Israel · Israeli · israelischer Staatsangehöriger · israelischer Staatsbürger
  • Anhänger des Zionismus · Verfechter eines jüdischen Nationalstaats · Zionist · jüdischer Nationalist

Typische Verbindungen zu ›Jude‹ (berechnet)

Deportation Ermordung Geschichte Schicksal Verfolgung Vernichtung Zentralrat assimiliert deportiert eingewandert ermordet ewig fromm getauft gläubig leben lebend litauisch orientalisch orthodox osteuropäisch polnisch retten schuld sephardisch ultraorthodox ungarisch verfolgt vertrieben überlebend

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Jude‹.

Zitationshilfe
„Jude“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Jude>.

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