Kanon, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Kanons · Nominativ Plural: Kanon(e)s
Aussprache
WorttrennungKa-non (computergeneriert)
HerkunftGriechisch
Wortbildung mit ›Kanon‹ als Erstglied: ↗kanonisieren  ·  mit ›Kanon‹ als Letztglied: ↗Bildungskanon · ↗Fächerkanon · ↗Heiligenkanon · ↗Messkanon · ↗Wertekanon
eWDG, 1969

Bedeutungen

1.
Musik Musikstück, bei dem verschiedene Stimmen in bestimmten Abständen nacheinander mit derselben Melodie einsetzen können
Grammatik: Plural ‘Kanons’
Beispiele:
einen Kanon singen
ein dreistimmiger Kanon
2.
Regel, Richtschnur, Vorschrift
Grammatik: Plural ‘Kanons’
Beispiel:
wo die einseitigen ... Begriffe der Herrenwürde und der Stammesgepflogenheiten zum Kanon allen Menschenurteils geworden sind [RathenauKommende Dinge192]
Gesamtheit der für ein Gebiet geltenden Regeln, Vorschriften
Beispiel:
Er [Goethe] vermißte einen verbindlichen Kanon von Kunstgesetzen ... Beiträge zu einem solchen Kanon zu leisten, war die innerste Absicht der Propyläen [Muttersprache1966]
Religion kirchliche Rechtsbestimmung
Grammatik: Plural ‘Kanones’
3.
als verbindlich erklärte Texte
a)
Auswahl von Schriften, die gelesen, behandelt werden soll
Grammatik: Plural ‘Kanons’
Beispiel:
Wer den Kanon der Stifterauswahl in unseren Lehrplänen betrachtet [Wirk. Wort1960]
b)
Religion die kirchlich für verbindlich erklärten Bücher des Alten und Neuen Testaments
Grammatik: nur im Singular
c)
Religion die feststehenden Texte der Messe
Grammatik: nur im Singular
4.
Religion Verzeichnis der Heiligen
Grammatik: nur im Singular
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Kanon · kanonisch · kanonisieren
Kanon m. ‘Richtschnur, Regel, Kettengesang’. Griech. kanṓn (κανών) ‘gerade Stange, Richtscheit, Lineal’ ist wohl, ausgehend von einer Bedeutung ‘Rohrstab’, eine Bildung zu griech. kánna (κάννα) ‘Rohr, Rohrgeflecht’ (s. ↗Kanal). Bereits im Griech. entwickelt kanṓn die Übertragungen ‘Regel, Vorschrift, Liste, Katalog, Verzeichnis der klassischen Schriftsteller’, die alle von lat. canōn übernommen werden. Davon ausgehend bezeichnet canōn in der griech. und lat. Kirchensprache den unveränderlichen Hauptbestandteil der Messe, das Verzeichnis der als göttlich inspiriert geltenden Bücher der Bibel und den Katalog der Heiligen. In allen übertragenen Bedeutungen wird canōn zu unterschiedlichen Zeiten ins Dt. übernommen; zuerst wohl ahd. canon ‘(kirchliche) Rechtsvorschrift’ (9. Jh.), dann für das eucharistische Hochgebet in der Messe (15. Jh.) und schließlich für ein Lied oder Musikstück, bei dem die Stimmen nacheinander (nach strenger kontrapunktischer Regel) einsetzen (16. Jh.). Die Wendung unter aller Kanone ist eine scherzhafte Übersetzung der Schülersprache von lat. sub omni canone ‘unter allem Kanon’, d. h. so schlecht, daß es sich der Beurteilungsrichtschnur entzieht. kanonisch Adj. ‘der Regel, dem Kanon entsprechend, kirchenrechtlich, mustergültig, maßgebend’, lat. canonicus, griech. kanonikós (κανονικός); zuerst zur Kennzeichnung der von der Kirche in das Verzeichnis der maßgebenden Schriften (in den Kanon, s. oben) aufgenommenen biblischen Bücher (16. Jh.), Gegensatz apokryph (griech. apókryphos, ἀπόκρυφος ‘versteckt, heimlich’); dann auch ‘den katholisch-kirchlichen Rechtsbestimmungen entsprechend’, im Unterschied zum bürgerlichen, weltlichen Recht (17. Jh.), daher kanonisches Recht, nach spätlat. iūs canonicum. kanonisieren Vb. ‘in den Kanon, in das Verzeichnis der Heiligen aufnehmen, heiligsprechen’, mhd. canonizieren, mlat. canonicare.

Thesaurus

Synonymgruppe
Basis · ↗Fundament · ↗Grundlage · ↗Grundwortschatz · Kanon  ●  ↗Abc  fig.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Allgemeinbildung Fuge Imitation Kanon Kirchenrecht Kontrapunkt Kunstgeschichte Meisterwerk Moderne Ode Weltliteratur anstimmen biblisch bildungsbürgerlich buddhistisch dreistimmig einstimmen klassisch klassisch-romantisch konfuzianisch literarisch neutestamentlich ptolemäisch taoistisch verbindlich vielstimmig weltliterarisch zweistimmig ästhetisch überliefert

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kanon‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Deshalb redet er auch so gerne über seinen persönlichen Kanon, denn am liebsten reden wir nun einmal über uns selber.
Die Welt, 23.06.2001
Die Arbeit am endgültigen Kanon des Shakespeareschen Werkes zieht sich prinzipiell unabschließbar durch die Jahrhunderte.
Der Tagesspiegel, 19.10.1998
Über den neutestamentlichen Kanon hat man sich während der ersten drei Jahrhunderte nicht einigen können.
Schneider, Carl: Das Christentum. In: Propyläen Weltgeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1963], S. 20937
Aber hier beginnt nun gerade das theologische Problem dieses Kanons.
Lehmann, A.: Bibel. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1957], S. 3829
Manchen heute als legalistisch angesprochenen Schriften wurde die Ehre zuteil, in den taoistischen Kanon aufgenommen zu werden.
Franke, Herbert: Sinologie, Bern: A. Francke 1953, S. 71
Zitationshilfe
„Kanon“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kanon>, abgerufen am 22.11.2019.

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