Kellerkind, das

GrammatikSubstantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Kellerkind(e)s · Nominativ Plural: Kellerkinder
WorttrennungKel-ler-kind
WortzerlegungKellerKind
DWDS-Vollartikel, 2018

Bedeutungen

1.
selten
jmd., der in einem Keller, einer Kellerwohnung aufgewachsen ist
Beispiele:
»Die letzten Kriegsmonate erlebte ich als achtjähriges Kind in Berlin Niederschönhausen. Wir gingen während der gesamten Kriegszeit in das Nachbarhaus in den Luftschutzkeller. Diesen Lebensrhythmus, nachts und auch am Tage in den Keller zu rennen, nahm man einfach so hin«, schreibt die heutige Rentnerin. »Man war ein so genanntes Kellerkind [Berliner Zeitung, 06.05.2005]
Natürlich hat Andreas K. vom erschütternden Schicksal Elisabeths und ihrer drei Kellerkinder gelesen und die Bilder vom Horror-Haus im Fernsehen gesehen. [Bild am Sonntag, 11.05.2008, Nr. 19]
Margot Przebyzin, Frankfurterin. Zu Hause neun Geschwister, »Kellerkinder«. Von der feinen Welt sahen sie nur die Schuhabsätze. Im August fünfundvierzig kehrt die Familie vom Treck zurück. Das Kellerloch ist heil geblieben. [Heller, Gisela: Märkischer Bilderbogen, Berlin: Berlin Verlag der Nation 1978, S. 376]
2.
häufig
übertragen
a)
umgangssprachlich sozial benachteiligtes Kind (Lesart 1); jmd., der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst oder aufgewachsen ist
Beispiele:
Juliette Gréco, das wilde Kellerkind, das ins Leben griff wie in eine gutgefüllte Pralinenschachtel, hat die Kultiviertheit der Grande Dame verinnerlicht und ist Zauberin genug, sie auf jeden ihrer Zuschauer zu übertragen. [Berliner Zeitung, 14.05.1999]
[…] Es [sein Elternhaus in Berlin] ist […] ein Stück seines Ruhmes: Weil sich Bubi Scholz vom armen Arbeiterjungen, dem »Kellerkind«, wie er selbst einmal sagte, zum internationalen Boxidol hochkämpfte. [Berliner Zeitung, 26.08.2000]
»Johnny möchte dazugehören«, sagt einer seiner alten Freunde. Er möchte sich nicht wieder wie ein verstoßenes Kind vorkommen. Denn der mächtige Mann war ein Kellerkind. Sein Vater, ein prominenter Anwalt mit Frau und Kindern in Manila wußte nicht, daß er […] einen unehelichen Sohn hatte. Als der 16 war, wanderte er barfuß in die Hauptstadt, um dort seinen Vater zu suchen […]. [Der Spiegel, 17.11.1986]
Weil der Senat kein Geld gab, hüpften nun die Klingelbeutel von Tür zu Tür, um die blassen Kellerkinder vom Wedding für zwei Wochen zur Landarbeit nach Westdeutschland schicken zu können. [Berliner Zeitung, 25.01.1961]
Hermann Krages ist […] kein Kellerkind. Sein im vergangenen Jahr achtzigjährig verstorbener Vater Louis besaß im Bremer Freihafen das größte Hobel- und Sägewerk Europas. Auch die drei Krages-Söhne wurden, als der Vater in den dreißiger Jahren zum zweitenmal heiratete, recht gut ausgestattet. [Der Spiegel, 08.02.1956, Nr. 6]
Kollokation:
mit Adjektivattribut: das einstige Kellerkind
b)
umgangssprachlich etw., das als gering bewertet wird, das im Keller ist; jmd., der abgehängt2 (Lesart 3), in der Rangliste auf einer unteren Position ist
Beispiele:
Bei letzten Schulvergleichen schnitt die Hansestadt gegenüber dem bundesdeutschen Trend besser ab. Jahrelang gehörten im Bildungsranking die Hamburger mit Berlin und Bremen zu den Kellerkindern. Jetzt liegen sie beim Lesen in der Grundschule im Mittelfeld. [Die Zeit, 04.01.2018, Nr. 52]
Alle Fondskategorien ausser den alternativen Anlagen […] und den Mischfonds […] konnten profitieren. […] Beliebt waren Fonds für Schweizer Aktien und solche für die Titel von Grosskonzernen. Zu den Kellerkindern gehörten […] Fonds für Europa-Aktien[…]. [Neue Zürcher Zeitung, 21.09.2016]
Zuvor war der BVB 31 Spieltage und genau 369 Tage in der Liga ungeschlagen. Ausgerechnet beim Kellerkind Hamburg (zuvor drei Saisonniederlagen) wieder mal eine Pleite. [Bild am Sonntag, 23.09.2012, Nr. 39]
Das einstige »Kellerkind« hat alle Konkurrenten überholt! Der Potsdamer Privatsender »BB Radio« – mit 165000 Hörern pro Stunde ist er neuer Marktführer in Berlin-Brandenburg. [Bild, 24.06.1999]
In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Erfindung des Kinos existierte aufgrund der technischen Vorgaben gar nichts anderes [als der Kurzfilm], doch spätestens seit Mitte der vierziger Jahre ist er das Kellerkind der Branche. Nicht nur Kritiker, häufiger noch Filmemacher selbst tun den Kurzfilm lediglich als Fingerübung ab […]. [Berliner Zeitung, 26.10.1995]
Kollokation:
mit Genitivattribut: das Kellerkind der Liga
3.
selten
scherzhaft, übertragen
Synonym zu Kartoffel (Lesart 2)
Beispiele:
Kartoffeln haben so gut wie kein Fett […]. Außerdem ist das Kellerkind eine Vitamin-C-Königin! Schon 200 Gramm decken die Hälfte unseres Tagesbedarfs. [Bild am Sonntag, 16.02.2003]
Kartoffeln sind mehr als Kellerkinder [Überschrift] »Die Kartoffel – nicht nur ein Kellerkind« ist Thema des Erntedankabends beim Landfrauenverein Gieboldehausen gewesen. Vorstandsmitglied Leonie Keufner informierte über die Kartoffel, deren Ursprungsland und darüber wie sie nach Deutschland kam. [Göttinger Tageblatt, 24.11.2017, aufgerufen am 04.05.2018]
Die tolle Knolle kann man auch trinken – als Wodka! Die Russen bauen jährlich fünf Millionen Tonnen nur für den begehrten Klaren an. […] Sie haben so attraktive Namen wie Desiree, Clivia, Bianca oder Cilena – aber alle sind sie »Kellerkinder«, nämlich Kartoffeln. [Bild am Sonntag, 01.09.1996]
4.
Jargon (meist jugendliche) Person, die ihre Freizeit überwiegend am Computer verbringt und ihren kellerhaft abgedunkelten Aufenthaltsraum selten verlässt
Beispiele:
Viele Menschen denken auch heute leider noch, dass Fachinformatiker aussehen wie diese scheuen Kellerkinder mit Hornbrille, die mit niemandem sprechen wollen und Sonnenstrahlung nicht vertragen. Das ist aber absolut nicht so. Programmierer oder Software-Entwickler müssen heute enorm kommunikativ und teamfähig sein, um die aufkommenden Probleme im Berufsalltag meistern zu können. [Werd Fachinformatiker, 04.06.2016, aufgerufen am 15.02.2017]
Nein, [der Film] Hacker ist eigentlich Trash. Aber es ist einer der ersten Filme, der Hacker nicht als die Kellerkinder und Versager darstellt, sondern auch einen Blick auf die komplette Kultur dahinter wirft. [Nerd-Supreme, 29.09.2011, aufgerufen am 15.02.2017]
Für »Kellerkinder«, die ihre Lebenszeit mit Computerspielen verdaddeln, hat sie wenig Verständnis. Wenn sie chattet, dann mit Teilnehmern eines Sommerkurses für Hochbegabte: auf Latein. [Die Zeit, 11.10.2007, Nr. 42]

Typische Verbindungen
computergeneriert

Bundesliga Duell Liga einstig sieben

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kellerkind‹.

Zitationshilfe
„Kellerkind“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kellerkind>, abgerufen am 19.04.2019.

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