Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Kiez, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Kiezes · Nominativ Plural: Kieze
Nebenform Kietz · Substantiv · Genitiv Singular: Kietzes · Nominativ Plural: Kietze
Aussprache  [kiːʦ]
Wortbildung  mit ›Kiez‹ als Erstglied: Kiezclub · Kiezdeutsch · Kiezgröße · Kiezklub
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
in Berlin   Stadtteil, Nachbarschaft (2)
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein lebenswerter, problematischer Kiez
als Akkusativobjekt: einen Kiez aufwerten
in Präpositionalgruppe/-objekt: die Anwohner, Kneipen im Kiez
als Genitivattribut: die Bewohner, die Aufwertung, Entwicklung des Kiezes
Beispiele:
Vor allem in Berlin steht »Kiez« […] für einen überschaubaren kleinen Stadtbezirk oder Ortsteil – meistens ein Altstadtquartier mit kleinen Läden, Kneipen. [Bild, 14.03.2005]
Die verschiedenen Kieze[…] prägen das Bild Berlins. [Der Standard, 29.02.2016]
Er sprach davon, […] daß man sich in Berlin und »in unserem Kiez« sehr wohl fühle. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2006]
Die Entscheidung, die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks Oberspree anzusiedeln, wird den Kiez beleben und sich sicher positiv auf den ganzen Stadtteil auswirken. [Berliner Zeitung, 05.12.2005]
Er sehnt sich […] nach seiner Stammkneipe im Wilmersdorfer Kiez[…]. [Bild am Sonntag, 30.05.1999]
Die Stadtplanung treibt mithin Schindluder mit den Ärmsten, Ältesten und Schwächsten, mit Rentnern, Studenten und Ausländern – Menschen, die in ihrem Kiez nur in Frieden gelassen werden wollen und die den Zustrom jener Schickeria fürchten, die schon ihr Augenmerk auf ein Leben in Fabriketagen gerichtet hat. [Der Spiegel, 22.12.1980]
Auf der Straße wird geduzt, vor allem im Boxhagener Kietz, wo sich Berlin als permanenter Flohmarkt‑Straßenspielplatz präsentiert. [Die Welt, 15.06.2007] ungewöhnl. Schreibung
2.
Jargon vor allem in Hamburg und Hannover   Rotlicht-, Amüsier-, Vergnügungsviertel
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: die Kneipen auf dem Kiez
Beispiele:
An Wochenenden strömen bis zu 250.000 Besucher auf den Kiez. [Die Zeit, 08.01.2016 (online)]
Der Kiez soll von Müll befreit werden. [Hamburger Abendblatt, 29.07.2020]
Im Elbschlosskeller hängt jetzt eine Metallkette vor der stets offenen Tür, Zutritt nur auf Zuruf, und der Kellner nimmt nun die Bestellungen am Tisch auf – in der Kultkneipe auf dem Kiez ist coronabedingt eine neue Zeit angebrochen. [Hamburger Abendblatt, 29.07.2020]
Die Sondereinheit der Hamburger Polizei hatte in den vergangenen Monaten versucht, jene Männer zu ermitteln, die in der Nacht zum 1. Januar Frauen auf dem Kiez sexuell genötigt hatten. [Die Zeit, 18.03.2016 (online)]
[…] Spekulanten setzen seit langem dem […] Amüsierviertel zu, treiben Mieten in die Höhe und Bewohner aus den Häusern, umzingeln den Kiez mit marmorverblendeten Büropalästen, die auf Jahre leer stehen werden. [Die Zeit, 14.02.1997]
Die Schwarzweiß‑Fotos, Kurzreportagen und Interviews ergänzen sich zu Momentaufnahmen aus dem Leben von Huren, Dealern, Fixern, betrunkenen Touristen, Kindern auf dem Kiez […]. [Der Spiegel, 10.12.1990]
3.
historisch
Schreibung: Kietz
a)
(abgelegene) Siedlung, in der überwiegend Bedienstete der Herrenhäuser wohnten
Beispiele:
Kietz, u. a. in der ehem. Mark Brandenburg Bezeichnung für eine mit einer dt. Burg verbundene Dienstsiedlung mit zu Frondiensten gezwungener Bevölkerung, für die es keine einheitl. Siedlungsform gab: typisch ist jedoch das kleine Straßendorf. [Olbrich, Harald (Hg.): Lexikon der Kunst. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1991], S. 14767]
Bisher als Ghetto des bei der ostdeutschen Stadtgründung verdrängten Slawentums geltend, wird der Kietz hier als Wohnplatz der bei einer slawischen Landesburg wohnenden Dienstmannen erwiesen. [Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1937, S. 693]
Ein Wort kostet mich’s, und Sie wird nach Spandow zurückgeschafft, Mamsell Karline, da wo ich Sie herholte, auf den Kietz. [Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 1. Berlin 1852]
b)
Fischersiedlung
Beispiele:
Der Name Kietz ist sodann auf Orte übertragen worden, die nicht der ursprünglichen Eigenart entsprechen; wahrscheinlich schon im 17. Jh. hat sich die Gleichsetzung von Kietz und Fischersiedlung vollzogen. [Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1937, S. 693]
Auch von diesem »Neuen Kietz« mußte jedoch die alte Fischergemeinde weichen, als Preußen im Jahre 1816 die Spandauer Festungswerke planmäßig erweiterte; sie erhielt eine neue Heimstätte auf dem Tiefwerder, einer langen, schmalen Insel zwischen der Havel und dem Faulen See, nördlich des Pichelswerders. Nachdem am 2. November 1815 die Retablierung der Fischer hier durch die Ministerien genehmigt war, wurden diesen am 25. April 1816 die einzelnen Grundstücke zugewiesen. [Berliner Tageblatt (Abend-Ausgabe), 03.03.1916]
Schon unter der Regierung des Kurfürsten Johann George (1593) hatte man mit solchen Verwallungen den Anfang gemacht und Arbeiter aus Holland, Brabant, Schlesien herbeigerufen; die aufgeführten Dämme (zwischen Reitwein und dem Cüstriner Kietz) bewährten sich aber schlecht, und 1613 brach die Oder von Neuem durch. [Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 2. Berlin 1863]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Kiez · Kietz · Kietze
Kiez Kietz m. ‘ärmliche Fischersiedlung, -vorstadt, Ortsteil, Ausbau’. Die Etymologie der vorzugsweise in Brandenburg und Mecklenburg bis zur Elbe anzutreffenden Bezeichnung (bereits 1249 als Siedlungsname bezeugt) ist umstritten. Allgemein wird Herkunft aus dem Slaw. angenommen, wenn auch die genaue Zuweisung zu einem Lexem der früheren slaw. Mundarten auf Schwierigkeiten stößt. Man kann eine Verbindung zu gemeinslaw. *chyža bzw. *chyzъ ‘Haus, Hütte’ herstellen, das (ersteres mit -i̯a-Suffix) eine Entlehnung aus balkangerm. nachgot. *hūs (vgl. krimgot. hūs, got. -hūs, s. Haus) sein kann. Als Bedeutung (vgl. Fischerkietz) ist zunächst ‘im Schutze einer Burg gelegene slawische Dienstsiedlung, deren Bewohner vielfach Fischerei betreiben’ anzusetzen. Jüngst wird aber (mit Hinweis darauf, daß Kietze erst in askanischer Zeit angelegt wurden) eine direkte Verbindung mit germ. Wörtern erwogen. Als vergleichbar werden angeführt nhd. (mundartlich) Kietze f. ‘Tragkorb’ (mit den Formen Kēts, Kīts, Kītse, Kötz), älteres thür. Kötze sowie mittelrhein. Kütz, die mit anord. -kytja ‘kleine Hütte’, aengl. cȳte, norw. (mundartlich) køyta ‘Waldhütte aus Rinde oder Reisig’, mnd. ketze ‘kleiner Anbau in der Stube, Alkoven’, kitzen ‘kleine Wohnung’ verbunden und zu nd. Kote, nl. kot, aengl. cot ‘Hütte’ gestellt werden (s. Kate). Der Ausdruck sei mit der askanischen Besiedlung in die ostelbischen Gebiete gelangt; eine Vermischung mit einem slaw. Wort wird nicht ausgeschlossen. Vgl. G. Schlimpert Ortsnamen des Teltow (1972) 108.

Thesaurus

Synonymgruppe
Block · Wohnbezirk · Wohnblock · Wohngebiet · Wohngegend · Wohnquartier  ●  Wohnviertel  Hauptform · Barrio  fachspr., Jargon, spanisch · Grätzel  ugs., wienerisch · Grätzl  ugs., wienerisch · Hieb  ugs., wienerisch · Kiez  ugs., berlinerisch · Veedel  ugs., kölsch
Oberbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Kiez‹ (berechnet)

Anwohner Aufwertung Gentrifizierung angesagt babylonisch bebaut belebt boxhagener charlottenburger engagieren friedrichshainer gutbürgerlich hamburger hipp innerstädtisch kreuzberger kreuzköllner kärntener lebenswert neuköllner pflegen reichenberger schöneberger soldiner spandauer umliegend verschönern verändern weddinger wilmersdorfer

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kiez‹.

Zitationshilfe
„Kiez“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kiez>.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Kietze
Kietz
Kiesweg
Kiesschüttung
Kiessand
Kiezclub
Kiezdeutsch
Kiezgröße
Kiezklub
Kif