Kopfgeburt, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Kopfgeburt · Nominativ Plural: Kopfgeburten
Worttrennung Kopf-ge-burt
Wortzerlegung KopfGeburt
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutungen

1.
Produkt rein vernunftorientierten Handelns (ohne Intuition, Praxisbezug oder Leidenschaft)DWDS
Beispiele:
Die EU ist eine Kopfgeburt. Auf ein gemeinsames Bauchgefühl wie den Nationalismus hat sie sich nie stützen können. Der Verstand muss ihre Widersprüche zusammenhalten. Die EU ist kein Staat, hat aber eine Staatsräson. [Süddeutsche Zeitung, 12.07.2016]
Ich war ein Sympathisant des Liberalen Forums. Das war ja ein interessanter Versuch; letztlich zu sehr Kopfgeburt und zu wenig Bauchgeburt, wirtschaftsliberales und kulturliberales Denken zu vereinen. Das Liberale Forum war eine Partei, die wirtschaftspolitisch rechts von der ÖVP und links von der SPÖ stand. [Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2011]
Für sie ist der Smart keine Kopfgeburt, sondern ein Auto mit Leib und Seele – einerseits Trend aufgreifend, aber auch polarisierend. [Welt am Sonntag, 11.11.2007, Nr. 45]
Offenbar sind auch Politiker lernfähig und erkennen, dass sie nachbessern müssen, falls ihre Kopfgeburten in der Praxis nicht funktionieren. Genauso war es bei der Riester‑Rente. Viel zu kompliziert, viel zu umständlich, hieß es am Anfang. Also wurde entrümpelt. [Die Zeit, 25.08.2006, Nr. 35]
Ich war persönlich immer ein Gegner der Rechtschreibreform, die ich für eine Kopfgeburt einiger Lehrer und Beamter halte. [Der Standard, 10.08.2004]
2.
etw. nur Erdachtes, Ersonnenes, was mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt
siehe auch Fantasiegebilde
Kollokationen:
als Prädikativ: etw. bleibt eine Kopfgeburt
Beispiele:
Sie [Soziologen und Psychologen] warnen davor, Verschwörungstheorien als krankhafte Kopfgeburten einzelner Fanatiker und Spinner zu begreifen[…]. Auch in ihren absonderlichsten Übersteigerungen weisen diese auf Einstellungen, Meinungen und Erwartungshaltungen hin, die breiter in der Gesellschaft verankert sind. [Der Standard, 06.01.2004]
Rink selbst malte nie nach Modell oder Vorlage, wie es viele seiner Schüler heute tun, sondern ausschließlich »Kopfgeburten«. [Süddeutsche Zeitung, 07.09.2017]
Mit »Fakten« und »Zahlen« kann jede Rechenmaschine besser umgehen als der Mensch. Der Mensch freilich ist jenes kopflastige Wesen, das sich über sein Vorstellungsvermögen nicht nur orientiert, sondern selbst eine Welt schafft. So ist die »Kopfgeburt« im Grunde genommen die alltäglichste und dem Menschen zugleich notwendigste Form von Geburt. [Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2002]
Von Visionären herbeigeraunte virtuelle Welten, in denen sich synthetische Lustobjekte wie das volldigitale Popidol Kyoko Date tummeln, bleiben versponnene Kopfgeburten. Das dunkle Wort Cyberspace, das der Science‑Fiction‑Autor William Gibson für ein verdatetes Universum erfand, in dessen Nischen das wahre Leben vor sich hin vegetiert, erscheint heute als Zukunftsentwurf lächerlich. [Der Spiegel, 21.02.2000, Nr. 8]
Trauners Filmarchitekturen für Le jour se lve Les enfants du paradis, The Apartement oder Irma la douce gehen auf den weitesten Abstand zur Wirklichkeit. Sie erscheinen als Malerei, als Bild, als Illusionsraum, Traumfigur und Kopfgeburt jenseits der Tatsachen. [die tageszeitung, 08.07.1991]
3.
Geburt, bei der das Kind mit dem Kopf zuerst aus dem Geburtskanal austrittDWDS
Gegenwort zu Steißgeburt
Beispiele:
Im Gegensatz zum kindlichen Schädel ist das Babygesäß relativ weich und übt weniger Druck auf den Gebärmutterhals aus. Dieser erweitert sich daher bei einer Steißgeburt anders als bei einer Kopfgeburt. [Beckenendlage, 10.04.2019, aufgerufen am 16.10.2019]
[…] bei den Römern hieß die Haube, mit der Kinder bei rasch verlaufenden Kopfgeburten mitunter auf die Welt kommen: galea, bei Mädchen vitta. [Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. In: Bertram, Mathias (Hg.) Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 24669]
Wie wir bei Betrachtung aller einzelnen regelmäßigen Kopfgeburten gefunden, steht der Kopf immer […] dem geraden Durchmesser des Beckenausgangs entsprechend, und folglich entweder das Gesicht nach oben oder nach unten gekehrt. [Carus, Carl Gustav: Lehrbuch der Gynäkologie. Bd. 2. Leipzig, 1820.]

letzte Änderung:

Thesaurus

Synonymgruppe
Ausgeburt der Fantasie · Ausgeburt der Phantasie · ↗Fantasiegebilde · ↗Fantasieprodukt · ↗Fantasterei · ↗Flausen im Kopf · Kopfgeburt · ↗Luftnummer · ↗Phantasiegebilde · ↗Phantasieprodukt · ↗Phantasterei · Produkt der Fantasie  ●  Ausgeburt einer kranken Fantasie  stark abwertend · Ausgeburt einer kranken Phantasie  stark abwertend · ↗Hirngespinst  ugs. · ↗Luftschloss  ugs. · ↗Spinnerei  ugs. · ↗Wolkenkuckucksheim  ugs. · ↗Wolkenschloss  ugs., fig.
Oberbegriffe
Assoziationen
  • leere Versprechungen · vollmundige Ankündigung(en)  ●  ↗Seifenblase  fig. · ↗Windei  fig. · ↗Luftnummer  ugs. · ↗heiße Luft  ugs., fig. · vox et praeterea nihil  geh., lat.
  • Fieberträume · ↗Phantasterei (häufig Plur.) · blühender Unsinn · der reinen Phantasie entsprungen · wilde Phantasien
  • Wahnidee · ↗Zwangsvorstellung  ●  fixe Idee  ugs.
  • (sich) als Illusion herausstellen · (sich) als unrealistisch erweisen · (sich) nicht erfüllen · (sich) nicht realisieren · (zer)platzen wie eine Seifenblase · nicht Realität werden · nicht in Erfüllung gehen · zunichte gemacht werden (Hoffnung) · ↗zunichte machen · zunichtegemacht werden · ↗zunichtemachen  ●  (sich) zerschlagen (Hoffnungen)  fig. · begraben müssen (die Hoffnungen auf ...)  fig. · ↗zerplatzen (Träume)  fig. · (in sich) zusammenfallen wie ein Kartenhaus  ugs.
  • Einbildung · ↗Erscheinung · ↗Geisterbild · ↗Halluzination · ↗Illusion · ↗Offenbarung · ↗Phantom · ↗Selbsttäuschung · ↗Sinnestäuschung · ↗Trugbild · Trugwahrnehmung · ↗Täuschung · ↗Vision · ↗Wahnbild · ↗Wahnvorstellung  ●  ↗Fata Morgana  fig. · ↗Gesicht (oft Plural: Gesichte)  veraltet · ↗Hirngespinst  abwertend · Butterland  fachspr., Jargon, seemännisch · Hallu (meist Plural: Hallus)  ugs. · reizunabhängige Sinneswahrnehmung  fachspr.
  • (etwas) fabeln (von) · ↗fabulieren · wirres Zeug reden  ●  Unsinn erzählen  Hauptform · ↗(herum)fantasieren  ugs. · ↗(herum)phantasieren  ugs. · ↗(herum)spinnen  ugs. · (sich) einen zusammenphantasieren  ugs. · Blech reden  ugs., veraltend · Scheiße erzählen  derb · Scheiße labern  derb · dummes Zeug erzählen  ugs. · einen vom Pferd erzählen  ugs. · ↗irrereden  geh. · kariert quatschen  ugs., berlinerisch · rumspacken  ugs., jugendsprachlich, salopp · saublöd daherreden  ugs., süddt. · saudummes Zeug daherreden  ugs. · ↗spintisieren  geh.
  • (positive) Utopie · ↗Ideal · ↗Vision · ↗Vorbild · ↗Vorstellung · ↗Zukunftsbild
  • leicht verrückt sein · mit jemandem ist kein vernünftiges Wort zu reden · nicht ganz bei Verstand sein · seine fünf Sinne nicht beieinander haben  ●  (jemandem) brennt der Kittel  fig. · einen kleinen Mann im Ohr haben  fig., veraltend · ↗spinnen  Hauptform · (bei jemandem ist) eine Schraube locker  ugs., fig. · (den) Verstand verloren haben  ugs., fig., übertreibend · (ein) Ei am Wandern haben  derb, regional · (en) Pinn im Kopp haben  ugs., norddeutsch · (jemandem haben sie) ins Gehirn geschissen  derb · (jemandem) geht's wohl nicht gut  ugs. · (wohl) einen Sonnenstich haben  ugs., fig. · den Schuss nicht gehört haben  ugs., fig. · die Kappe kaputt haben  ugs. · ein Rad abhaben  ugs. · eine Macke haben  ugs. · ↗eine Meise haben  ugs. · ↗eine Schraube locker haben  ugs., fig. · einen Dachschaden haben  ugs., fig. · einen Ecken abhaben  ugs., schweiz. · einen Hammer haben  ugs. · einen Haschmich haben  ugs. · einen Hau weg haben  ugs. · einen Huscher haben  ugs. · einen Klamsch haben  ugs., österr. · einen Klopfer haben  ugs., österr. · einen Knacks weghaben  ugs. · ↗einen Knall haben  ugs. · einen Pecker haben  ugs., österr. · einen Piep haben  ugs. · einen Piepmatz haben  ugs., fig. · einen Schaden haben  ugs. · ↗einen Schatten haben  ugs. · einen Schlag haben  ugs. · einen Schlag weg haben  ugs. · ↗einen Schuss haben  ugs. · ↗einen Sockenschuss haben  ugs. · einen Spleen haben  ugs. · ↗einen Sprung in der Schüssel haben  ugs., fig. · ↗einen Stich haben  ugs. · einen Triller unterm Pony haben  ugs., scherzhaft · ↗einen Vogel haben  ugs., fig. · ↗einen an der Klatsche haben  ugs. · einen an der Murmel haben  ugs. · einen an der Mütze haben  ugs. · ↗einen an der Waffel haben  ugs. · einen feuchten / nassen Hut aufhaben  ugs., fig. · einen weichen Keks haben  ugs. · gaga sein  ugs. · mit dem Klammerbeutel gepudert (worden) sein  ugs., fig. · neben der Spur (sein)  ugs., fig. · nicht alle Latten am Zaun haben  ugs., fig. · nicht alle Tassen im Schrank haben  ugs., fig. · nicht ganz bei Trost sein  ugs. · ↗nicht ganz dicht sein  ugs. · nicht ganz frisch in der Birne (sein)  ugs. · nicht ganz hundert sein  ugs., schweiz. · ↗nicht ganz richtig im Kopf sein  ugs. · nicht ganz richtig im Oberstübchen sein  ugs., fig. · nicht ganz sauber ticken  ugs. · nicht richtig ticken  ugs. · sie nicht alle haben  ugs. · verpeilt sein  ugs. · verstrahlt (sein)  derb · weiß nicht, was er daherredet  ugs.
  • (den) Bezug zur Realität verlieren  ●  (die) Bodenhaftung verlieren  fig. · (jemandem) zu Kopf steigen (Erfolg, Ruhm)  fig. · ↗abheben  ugs., fig.
  • (der) Wunsch (ist/war) der Vater des Gedankens · ↗Illusion · ↗Scheinwelt · ↗Wunschbild · ↗Wunschdenken · ↗Wunschtraum · ↗Wunschvorstellung · falsche Hoffnung · ↗frommer Wunsch  ●  ↗Seifenblase  fig. · schöner Traum  fig. · zu hoch gegriffen (Ziel)  fig. · ↗Blütentraum  geh.
  • Feenpalast · ↗Märchenschloss · ↗Traumschloss · ↗Wolkenkuckucksheim
  • (das) Blaue vom Himmel versprechen · goldene Berge versprechen · unrealistische Erwartungen wecken
  • Idealisierung · ↗Schwärmerei · ↗Träumerei
  • (eine) wackelige Angelegenheit (sein)  ●  auf Sand bauen  fig. · auf Sand gebaut haben  fig. · auf tönernen Füßen stehen  fig. · auf unsicheren Beinen stehen  fig. · auf unsicheren Füßen stehen  fig. · (eine) wackelige Kiste (sein)  ugs., fig.
  • abenteuerliche Erklärung(en)  ●  (Glaube an) das Wirken finsterer Mächte  variabel · ↗Verschwörungserzählung  fachspr. · ↗Verschwörungstheorie  ugs., Hauptform
  • (reine) Theorie · ↗These · bloße Vermutung(en) · unbewiesene Behauptung(en)
  • (etwas) liegt in ferner Zukunft · ↗Zukunftsmusik  ●  Bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein herunterfließen.  ugs., sprichwörtlich

Typische Verbindungen zu ›Kopfgeburt‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kopfgeburt‹.

Zitationshilfe
„Kopfgeburt“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kopfgeburt>, abgerufen am 07.05.2021.

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