Kretin, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Kretins · Nominativ Plural: Kretins
Aussprache
WorttrennungKre-tin
Herkunftaus gleichbedeutend crétinfrz
Wortbildung mit ›Kretin‹ als Grundform: ↗Kretinismus
DWDS-Vollartikel, 2019

Bedeutungen

1.
Schimpfwort unfähiger Dummkopf
Beispiele:
Sie sind eine traurige Figur, dessen können Sie versichert sein, Sie Kretin! [Mann, Thomas: Buddenbrooks, Frankfurt a. M.: Fischer 1989 [1901], S. 729]
Der Erste, der Herz auf Schmerz gereimt hat, war ein Genie, der Tausendste ein Kretin. [Zitat von Arno Holz] [Die Zeit, 14.12.2017, Nr. 48]
Die eigenen Kinder sind missraten und in der Firma nur nichtsnutzige Kretins unterwegs. [Süddeutsche Zeitung, 22.07.2017]
Die die Geistlosigkeit vorantreibenden Politiker, diese völlig kulturlosen Kretins, skrupellose Sparkassenfilialleiter des so genannten Gemeinwohls, die ihr soziales Defizit auszugleichen vermeinen, indem sie sich selbst ständig vor die Kameras und in die gehaltlosen Zeitungen drängen, haben von nichts auch nur die geringste Ahnung. [Der Standard, 07.02.2011]
Die »Kretins von der Presse« beschimpfte Stein kürzlich, als er in Hamburg den von der Zeitschrift Theater heute verliehenen Kortner-Preis entgegennahm – und so etwas wirkt immer stürmisch und charaktervoll. [Die Zeit, 29.11.1996, Nr. 49]
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein geistiger Kretin
in vergleichender Wort-/Nominalgruppe: jmdn. als Kretin bezeichnen
2.
veraltend, abwertend körperlich missgestalteter und geistig behinderter Mensch
  eigentlich   an Kretinismus (einem angeborenen Jodmangelsyndrom) leidender Mensch
Beispiele:
Besonders auffallend sind die Folgen der Schilddrüsenentfernung bei Jugendlichen, bei Menschen sowohl wie bei Tieren […]. Sie bleiben klein, werden teilnahmslos und bleiben auch in ihrer geistigen Entwicklung ganz auffallend zurück; sie werden »Kretins«. [Frisch, Karl von: Du und das Leben, Berlin: Verlag d. Druckhauses Tempelhof 1947 [1947], S. 162]
Mit seinem Bruder, einem Kretin, ging der Junge die Landstrasse hinaus. [Neue Zürcher Zeitung, 26.05.2012]
Ein grölender Menschenklumpen – Kretins, Wahnsinnige, Verbrecher, Krüppel –, ein sinnloses Geplärr, ein tierisches Herumtappen, das nicht vom Fleck kommt, so malt Goya die Wallfahrt nach San Isidro […]. [Hofmann, Werner: Das irdische Paradies, München: Prestel 1991 [1960], S. 170]
Seitdem er dort bei einem der zahlreichen »Ereignisse« als halbwüchsiger Junge einen Kolbenhieb über den Kopf erhalten hatte, war er ein gutmütiger Kretin geblieben. [Werfel, Franz: Die Vierzig Tage des Musa Dagh I, Stockholm: Bermann – Fischer 1947 [1933], S. 125]
Man hat Pflegestätten für Kretins, Idioten, Kümmerer, Epileptische und Gebrechliche jeder Art errichtet. [Alsberg, Moritz: Erbliche Entartung bedingt durch Soziale Einflüsse, Cassel: Th. G. Fisher 1903, S. 30]
Kollokation:
in Koordination: Krüppel und Kretins
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Kretin · Kretinismus
Kretin m. ‘mißgestalteter Schwachsinniger’, Entlehnung (Ende 18. Jh., zunächst im Plur. Kretinen, daher bis Anfang 20. Jh. auch Kretine m.) von frz. crétin, das Menschen mit durch Unterfunktion oder Fehlen der Schilddrüse verursachten schweren Entwicklungsstörungen bezeichnet. Der frz. Ausdruck beruht auf Übernahme eines südostfrz. Dialektwortes jener Alpentäler, in denen derartige Krankheitsfälle besonders häufig auftreten; vgl. cretin ‘Schwachsinniger’ im Wallis und in Savoyen, creitin ‘Schwachsinniger, mit einem Kropf Behafteter, Entkräfteter’ in Savoyen und der Dauphiné. Hierbei handelt es sich um eine mundartliche Variante von frz. chrétien, afrz. cresti(i)en ‘Christ’, auch (im Unterschied zum Tier) ‘menschliches Wesen, Mensch’, das lat. Chrīstiānus ‘christlich’ (substantiviert ‘Christ’) fortsetzt (s. ↗Christus). Die wohl ursprünglich aus Mitleid gewählte Benennung (vgl. vereinzeltes afrz. crestien ‘Leidender, Kranker’) verbindet sich mit negativer Wertung und wird seit dem 19. Jh. im Frz. und dann auch im Dt. gelegentlich herabsetzend für ‘Dummkopf, beschränkte, unfähige Person’ gebraucht. Kretinismus m. (um 1800). latinisierende Bildung der Mediziner nach frz. crétinisme.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Idiot geistig

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kretin‹.

Zitationshilfe
„Kretin“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Kretin>, abgerufen am 23.02.2019.

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