Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Liberalismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Liberalismus · Nominativ Plural: Liberalismen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [ˌlibeʀaˈlɪsmʊs]
Worttrennung Li-be-ra-lis-mus
Wortzerlegung liberal -ismus
Wortbildung  mit ›Liberalismus‹ als Letztglied: Antiliberalismus · Frühliberalismus · Linksliberalismus · Nationalliberalismus · Ordoliberalismus · Wirtschaftsliberalismus
 ·  mit ›Liberalismus‹ als Grundform: liberalistisch
Herkunft vgl. gleichbedeutend libéralismefrz, liberalismengl
Dieses Stichwort finden Sie im DWDS-Themenglossar zur Bundestagswahl.
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
philosophische und politische Auffassung, Lehre und darauf beruhende politische Strömung, die für eine erfolgreiche Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft die freie Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen und insbesondere die weitgehende Freiheit des Einzelnen von staatlichen Eingriffen zugrunde legt und fordert
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: der politische, organisierte, bürgerliche, wirtschaftliche, ökonomische, klassische, radikale Liberalismus
als Akkusativobjekt: den Liberalismus vertreten, verkörpern, ablehnen
in Präpositionalgruppe/-objekt: der Kampf gegen den, die Absage an den, die Kritik am, die Polemik gegen den, die Abkehr vom Liberalismus
in Koordination: Liberalismus und Sozialismus, Konservatismus, Demokratie
als Genitivattribut: die Idee, die Werte, der Geist, die Prinzipien, die Ideale, die Geschichte, die Tradition, das Erbe, das Zeitalter des Liberalismus
Beispiele:
Der Liberalismus ist eine Philosophie der Freiheit, die dem einzelnen Bürger, seiner menschlichen Würde und seinen Menschenrechten der Freiheit und Gleichheit Vorrang vor der Macht des Staates einräumt. Liberalismus will die größtmögliche Freiheit des Einzelnen. Die Freiheit des Einzelnen findet ihre Grenze an der Freiheit der anderen. [Ich Hab Mich Entschieden, 04.05.2012, aufgerufen am 01.09.2020]
Anders als die Konkurrenzideologien kann der Konservatismus nicht auf einen normativen Grundbegriff wie den der Freiheit im Liberalismus oder den der Gleichheit im Sozialismus zurückgreifen. [Was ist konservatives Denken?, 03.07.2020, aufgerufen am 01.09.2020]
Anders als manche glauben machen, war Neoliberalismus ja gerade nie der Gedanke, dass der Markt alles allein richte. Der neue Liberalismus forderte vielmehr einen starken Staat als Schiedsrichter, der in Markt und Gesellschaft die Freiheit jedes Einzelnen verteidigt. [Die Zeit, 22.06.2017]
Im deutschen Parlament werden nicht die klassischen politischen Ideenkreise Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus abgebildet, sondern im Parlament sind Vertreter von Parteien, die ihre einst vorhandenen weltanschaulichen Bindungen entweder gelöst haben, wie die SPD, oder die einen einst konstitutiven Teil, wie die CDU den konservativen Flügel, ausgesondert haben oder die eine politische Idee bis zur Unkenntlichkeit verbogen haben, wie die FDP den Liberalismus. [Frankfurter Rundschau, 22.02.2016]
Geboren wurde der politische Liberalismus im England des 18. Jahrhunderts. Das sich zu Beginn des Industriezeitalters formierende Bürgertum erhob sich und drängte auf Emanzipation – und die Idee von Freiheit mündete in die Vorstellung eines liberalen Rechtsstaates; einer politischen Ordnung, in der die Macht der Herrschenden dort zu enden habe, wo die Freiheit des Einzelnen berührt wird. [Norddeutsche Neueste Nachrichten, 25.10.2014]
Der Bürger, wie ihn der Liberalismus John Lockes sieht, hat Teilhabe‑ und Mitwirkungsrechte, um seine eigenen Interessen zur Geltung bringen zu können. Der Bürger, so wie ihn der Republikanismus Jean‑Jacques Rousseaus versteht, hat Teilhabe‑ und Mitwirkungsrechte, weil er Mitverantwortung für das Gemeinwesen als Ganzes übernehmen soll. Es ist keine Frage, daß die Lockesche Version der Wirklichkeit der modernen Demokratie näherkommt. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.1999]
Es gibt nicht den Liberalismus, sondern eine Vielzahl von Liberalismen, die mit unterschiedlichen Rationalitätsvorstellungen und Begründungskonzepten, Bürgeridealen und Legitimitätsbegriffen arbeiten. [Neue Zürcher Zeitung, 28.01.2006] ungewöhnl. Pl.
2.
seltener, übertragen Gewährenlassen, Toleranz
Beispiele:
Frank P[…] möchte keineswegs den autoritären Stil [in der Kindererziehung] heraufbeschwören, warnt aber vor übertriebenem Liberalismus. Die heutigen Eltern wollen freiheitlicher sein und passen sich in Wirklichkeit dem Kind an. [Neue Zürcher Zeitung, 17.09.1998]
[…] Schweden wird sich, der fortlaufenden Skandalisierung seiner Gesundheitspolitik zum Trotz, in seinem kühlen Liberalismus nicht ändern: Eine Änderung der Verfassung jedenfalls strebt keine Partei an. [Süddeutsche Zeitung, 04.01.2021]
Akzeptierte die Partei die familienpolitischen Veränderungen oder auch die Aussetzung der Wehrpflicht noch murrend, spürte [die CDU-Vorsitzende] Angela Merkel seit 2015 gerade in der Migrationspolitik die Grenzen des Liberalismus in der Union. [Frankfurter Rundschau, 07.12.2018]
Überhaupt gehen die Franzosen disziplinierter mit ihrer Sprache um, weil sie sie als identitätsstiftendes Element ihrer Kultur begreifen. Während wir im Sinne eines falsch verstandenen Liberalismus die Verhunzung unserer Sprache in Wort und Schrift zulassen. [Allgemeine Zeitung, 31.12.2002]
[…] an Hand dieser Beispiele werden die Genossen das Kämpfen in der Partei [SED] lernen, das Zurückweichen vor diesen feindlichen Auffassungen als faulen Liberalismus ablehnen und sich die Grundprinzipien des Marxismus‑Leninismus im Kampf aneignen. [Neues Deutschland, 16.06.1950]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

liberal · Liberaler · liberalisieren · Liberalismus · liberalistisch · Liberalität · Libero
liberal Adj. ‘freiheitlich, nach unbeschränkter Entwicklung des individuellen Lebens strebend, großzügig, den Liberalismus betreffend’, entlehnt (16. Jh.) in der heute unüblichen Bedeutung ‘freigebig, hochherzig, großzügig’ aus lat. līberālis ‘die Freiheit betreffend, edel, vornehm, anständig (von Art oder Gesinnung), gütig, freigebig’, zu lat. līber ‘bürgerlich frei, unabhängig, ungehindert, zwanglos, freimütig, offen, ungebunden’. In der 2. Hälfte des 18. Jhs., besonders im Zusammenhang mit der französischen Revolution, erfolgt eine Entlehnung von frz. libéral im Sinne von ‘vorurteilslos (in politischer und religiöser Beziehung), freiheitlich (gesinnt)’; vgl. die als politisches Schlagwort gebrauchte Fügung liberale Ideen (um 1800). Liberaler m. ‘Anhänger einer liberalen Richtung bzw. Partei’ (Görres 1819). liberalisieren Vb. ‘freier, großzügiger gestalten, von Einschränkungen befreien’ (19. Jh.), speziell ‘Beschränkungen im (Außen)handel aufheben’ (20. Jh.); frz. libéraliser ‘freisinniger machen, freier gestalten’. Liberalismus m. antifeudale bürgerliche politische Richtung mit dem Ziel der freien Entfaltung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und individuellen Lebens (um 1820, etwa gleichzeitig mit frz. libéralisme, engl. liberalism). liberalistisch Adj. ‘den Liberalismus betreffend, auf ihm beruhend’ (Goethe 1807). Liberalität f. ‘Freigebigkeit, Hochherzigkeit, Großzügigkeit’ (Mitte 16. Jh.), vgl. lat. līberālitās (Genitiv līberālitātis) ‘freisinnige Denk- und Handlungsart, edle Gesinnung, Güte, Freigebigkeit’; dann auch ‘Vorurteilslosigkeit, liberales Wesen, liberale Gesinnung’ (Anfang 19. Jh.). Libero m. Spieler einer Mannschaft, der je nach Situation („frei“) in Abwehr oder Angriff agiert, Übernahme (20. Jh.) von gleichbed. ital. libero, eigentlich ‘der Freie’, einer Substantivierung von ital. libero ‘frei’, aus lat. līber (s. oben).

Thesaurus

Synonymgruppe
Liberalismus [Hinweis: weitere Informationen erhalten Sie durch Ausklappen des Eintrages]
Oberbegriffe

Typische Verbindungen zu ›Liberalismus‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Liberalismus‹.

Zitationshilfe
„Liberalismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Liberalismus>.

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