Marginalität, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Marginalität · Nominativ Plural: Marginalitäten
Aussprache
WorttrennungMar-gi-na-li-tät
Grundformmarginal
DWDS-Vollartikel, 2019

Bedeutung

a)
Soziologie Existenz eines Menschen, einer Menschengruppe am Rand der Gesellschaft (Lesart 1)
Beispiele:
Am schlimmsten dran sind die Langzeitarbeitslosen, die aus dem Wirtschaftsprozess herausgefallen sind, denen die Soziologen Begriffe wie »kulturelle Marginalität« oder »ökonomische Randständigkeit« anheften – Leute, die sich falsch ernähren und das falsche, das »Unterschichten-Fernsehen« gucken. [Die Zeit, 21.04.2005, Nr. 17]
Das Marginale war für Leo Löwenthal im weitesten Sinne eine anti-autoritäre Kategorie. »Man macht nicht mit, man sieht sozusagen schief auf die Geschichte und auf die Realität. Man bleibt am Rande und man identifiziert sich auch mit Figuren, die am Rande stehen.« In der Literatur gilt seine Liebe deshalb Don Quijote oder Prospero in Shakespeares »Sturm« – »Menschen, die gesellschaftlich marginal sind und in dieser Marginalität – manchmal selbstgewählt, manchmal aufoktroyiert – die Welt besser sehen oder, sagen wir, besser durchschauen als der, der im Zentrum steht.« [Berliner Zeitung, 03.11.2000]
Diese Autonomie bescherte […] eine Erbschaft seiner Frau Marianne […]. Max Weber schrieb in diesen Jahren seine Werke abgeschirmt von den Zumutungen der Berufswelt. […] Als in den harten Nachkriegsjahren der allgemeine Ruin des Landes den Luxus seiner gesicherten Marginalität beendete, mußte auch Weber einer Lehrtätigkeit in München nachgehen. [Die Zeit, 23.08.1991, Nr. 35]
Die französische Gesellschaft ist weniger uniformiert als die deutsche, läßt also genug Nischen für Leute, die anders denken. Wer sich dennoch zum Aussteigen entschließt, rutscht in Frankreich leicht in die Marginalität ab. [Die Zeit, 28.05.1982, Nr. 22]
[…] auch von den politischen Institutionen Mexikos sagt er [der mexikanische Dichter Octavio Paz] sich in seinem Aufsatz über den »Schriftsteller und die Politik« los und besteht auf dem, was er »Marginalität« nennt: ein in Lateinamerika den außerhalb der Gesellschaft lebenden Besitzlosen zugedachter Begriff. [Die Zeit, 16.11.1979, Nr. 47]
b)
übertragen die relative Unbedeutendheit (einer Sache) als ein Randphänomen, eine Kleinigkeit
Beispiele:
Die Abgeordneten hatten […] eine Gesetzesfassung zur Abstimmung vorgefunden, die praktisch noch keiner von ihnen kannte. […] In solchen Fällen ist es üblich […], dass eine Frist zur Prüfung gewährt […] wird. Die Große Koalition hat sich darüber hinweg gesetzt und dies damit begründet, dass es sich nur um marginale Änderungen gehandelt habe. Selbst wenn es so gewesen sein sollte: man muss den Abgeordneten die Chance geben, die Marginalität zu prüfen und festzustellen. [Die Zeit, 23.06.2006, Nr. 26]
Die neuen Verträge […] für die nächsten beiden Weltmeisterschaften sowie die weiteren Fifa-Anlässe gewährleisten der Zentrale Bruttoeinnahmen […] von rund 1,8 Mrd. Fr., das ist der vierzehnfache Betrag der letzten Periode 1994–97, der andere Einnahmeposten zu Marginalitäten macht. [Neue Zürcher Zeitung, 10.07.1999]
Männerheit ist eine Wortschöpfung für die soziologische Dimension einer Gattung, deren Wichtigkeit von Marginalitäten genährt wird, die man an den Insignien des Tuns und Seins, Aktentasche und Schaufel, Symbole für Tat und Verstandeskraft, erkennt. [die tageszeitung, 25.06.1988]
Die Kommunistische Partei Frankreichs […] habe am 16. März eine Wahlniederlage erlitten, die sie »in eine Situation der Schwäche und der Marginalität« geführt habe. Denn mit 9,78 Prozent ist es das schlechteste Wahlergebnis seit mehr als 50 Jahren. [Der Spiegel, 31.03.1986, Nr. 14]
[…] der vielzitierte »Rollback« in alte Rollenmuster entsteht ja nicht nur aus der Marginalität der Emanzipationsbewegungen, aus ihrem Mißerfolg – eher im Gegenteil. Die Irritationen der Männer- und Frauenrollen sind längst nicht mehr Getto-Erscheinungen, sie haben sich ihren Weg quer durch die Alltagskulturen der Gesellschaft gebahnt. [Die Zeit, 29.03.1985, Nr. 14]

Thesaurus

Synonymgruppe
Marginalität · ↗Randexistenz
Assoziationen
Zitationshilfe
„Marginalität“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Marginalität>, abgerufen am 21.10.2019.

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