Massenpsychologie, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Massenpsychologie · Nominativ Plural: Massenpsychologien · Verwendung im Plural ungebräuchlich
Worttrennung Mas-sen-psy-cho-lo-gie
Wortzerlegung massen-Psychologie
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2019

Bedeutungen

1.
Gebiet der Psychologie, in dem besonders die Bedingungen für das Entstehen von Massen (1) und die Verhaltensweisen des Menschen in der Masse untersucht werden
Beispiele:
Wie die Masse Mensch mobilisiert wird oder wann und warum eine Situation eskaliert, darüber kann man vor den Text‑Zitaten an einer großen Wand grübeln. Gustave Le Bon, der Begründer der Massenpsychologie, schreibt zum Beispiel über den Einzelnen in der Masse, über »das Schwinden der bewussten Persönlichkeit«, und »die Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung«. [Spiegel, 19.06.2012 (online)]
Le Bon [französischer Mediziner, Soziologe und Begründer der Massenpsychologie] behauptet, dass Menschenmassen sich in ein neues Wesen verwandeln, ein Gemeinschaftsgeschöpf, das anders handelt und anders funktioniert als der Einzelne. Die Masse sei schlichter, begeisterungsfähiger, brutaler, irrationaler, leichtgläubiger, sprunghafter, als Individuen es sind. Intelligenz sei als Massenphänomen unmöglich. Die Masse ist dumm – diese Weisheit klingt ziemlich undifferenziert, nach einer Stammtischweisheit, aber sie beschreibt tatsächlich recht genau die Grundlage der Massenpsychologie. Falls Le Bon recht hat, ist ein Soziologenkongress in seinem gemeinsamen Arbeitspapier weniger intelligent, als jeder einzelne Soziologe es wäre, wenn er alleine nachdenkt. [Die Zeit, 10.11.2011, Nr. 46]
Gegen eindimensionale Erklärungsversuche hebt Hofstätter (1957) in seiner Kritik der Massenpsychologie hervor, daß kollektive Verhaltensweisen nicht durch Suggestion und Nachahmung, sondern durch Kooperations‑ und Kommunikationsprozesse sowie Rollendifferenzierung und Organisationsstrukturen zustande kommen. [Heinz, Walter R.: Kollektives Verhalten. In: Asanger, Roland u. Wenninger, Gerd (Hgg.) Handwörterbuch Psychologie, Berlin: Directmedia Publ. 2000, S. 1649. Zitiert nach: Heinz, Walter R.: Kollektives Verhalten. In: Asanger, Roland u. Wenninger, Gerd (Hgg.) Handwörterbuch der Psychologie, Weinheim u. a.: Beltz 1980.]
Geschichte, Statistik, Staatslehre, Soziologie, Ideengeschichte, Massenpsychologie stellen also eine beliebig zu erweiternde Reihe von Wissensgebieten dar, die für den Politiker bedeutsam sind. [Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie, Frankfurt a.M: Klostermann 1985, S. 97. Zitiert nach: Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie, Bonn: Cohen 1929.]
2.
psychologische Disposition (3) von Menschen, die sich zu einer Masse (1) zusammengefunden haben, in einer Masse agierenQuelle: DWDS, 2019
Beispiele:
Kritische Einstellungen von Individuen werden der Masseneinstellung untergeordnet und sogar ausgeschaltet. Sehr viele Individuen übernehmen also die von bestimmten Kreisen vorgegebenen Einstellungen der Masse. Diese Masse bildet unter bestimmten Umständen eine komplett neue Einheit mit einer neuen eigenen Massenpsychologie. In seinem Buch wird geschildert, wann eine solche Massenpsychologie entstehen kann[…]. [Bulitta, Erich, Bulitta Hildegard, Schritte zu einer Erinnerungs- und Gedenkkultur, Bd. 2. Berlin: epubli Verlag 2017]
Freud versteht unter Massenpsychologie die gleichzeitige Beeinflussung des Einzelnen durch eine große Zahl von Personen, mit denen er verbunden ist. Er spricht hier auch von einem sozialen Trieb oder auch Herdentrieb, der dazu führt, der dazu führt, dass Meinungen und Verhaltensweisen konform werden […]. [Kitzmann, Arnold, Massenpsychologie und Börse. Wiesbaden: Gabler GWV Fachverlage GmbH 2009, S. 26]
Die Vereinigten Staaten, wo die Gleichheit vor dem Gesetz von vornherein mit einer so außerordentlichen Gleichheit der Lebensbedingungen […] verbunden war, daß es […] niemals zur Formierung einer Klassengesellschaft im europäischen Sinne gekommen ist, kennen zwar alle kulturellen Nachteile der »Gleichmacherei« und des Fehlens einer Bildungsaristokratie, haben aber dafür die vielleicht geringste Erfahrung mit der Formation moderner Massen und dem Entstehen einer Massenpsychologie. [Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst. 1957, S. 473. Zitiert nach: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst. 1955.]
3.
Lehrbuch, Schrift zur Massenpsychologie (1)Quelle: DWDS, 2019
Beispiel:
Die Umstürze, die nachgerade jede französische Generation des 19. Jahrhunderts durchlebte, die Erfahrung städtischer Ballungsräume und der Aufstieg der Arbeiterbewegung schlugen sich in alltäglich wie theoretisch überaus einflußreichen Massenpsychologien nieder (Moscovici, 1984; van Ginneken, 1986, dort weitere Sekundärschriften). [Moser, Helmut: Politische Psychologie. In: Asanger, Roland u. Wenninger, Gerd (Hgg.) Handwörterbuch Psychologie, Berlin: Directmedia Publ. 2000, S. 2508. Zitiert nach: Moser, Helmut: Politische Psychologie. In: Asanger, Roland u. Wenninger, Gerd (Hgg.) Handwörterbuch der Psychologie, Weinheim u. a.: Beltz 1980.] ungewöhnl. Pl.

Typische Verbindungen zu ›Massenpsychologie‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Massenpsychologie‹.

Zitationshilfe
„Massenpsychologie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Massenpsychologie>, abgerufen am 08.08.2020.

Weitere Informationen …

alphabetisch vorangehend alphabetisch nachfolgend
Massenprügelei
Massenprotest
Massenprophylaxe
Massenproduktion
Massenprodukt
massenpsychologisch
Massenpsychose
Massenpublikum
Massenquartier
Massenrausch