Mystik, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Mystik · Nominativ Plural: Mystiken · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [ˈmyːstɪk]
Worttrennung Mys-tik
Wortbildung  mit ›Mystik‹ als Erstglied: Mystiker  ·  mit ›Mystik‹ als Letztglied: Zahlenmystik
Herkunft zu mystikósgriech (μυστικός) ‘zu den Mysterien gehörig, geheim’
eWDG und ZDL

Bedeutung

Form der Religiosität, in der die (oft in der Ekstase, Übung (4), meditativen Versenkung (2) o. Ä. sinnlich erlebte) unmittelbare Gotteserfahrung, das Verbundensein mit dem Metaphysischen im Mittelpunkt steht
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: abendländische, christliche, islamische, buddhistische, jüdische Mystik; mittelalterliche, neuzeitliche Mystik
mit Genitivattribut: die Mystik des Mittelalters, der Renaissance, des Islam
in Koordination: Mystik und Scholastik, Magie, Askese, Gnosis, Spiritualismus, Pietismus, Esoterik
Beispiele:
Der Thüringer Meister Eckhart fasziniert mit seiner spekulativen Mystik, der Straßburger Johannes Tauler mit seinen inspirierenden Predigten und und der Konstanzer Heinrich Seuse mit seiner Freundschaftsmystik. [Südkurier, 30.10.2018]
Von weiblicher Mystik und Versenkung im Streben um eine persönliche Vereinigung mit Gott sind die heutigen Wallfahrer zur »Schmerzhaften Heiligsten Dreifaltigkeit« in Schlüsselau wohl weit entfernt. [Fränkischer Tag, 18.09.2017]
In der jüdischen Mystik des 12. Jahrhunderts etwa nahm die »weibliche Seite Gottes« die Gestalt der Schechina an. Der Begriff Schechina bezeichnet in der jüdischen Religion die »Einwohnung« oder »Wohnstatt« Gottes in Israel. [Frankfurter Rundschau, 06.05.2017]
Die Benediktinerin Hildegard von Bingen gilt als erste Vertretern der deutschen Mystik des Mittelalters. [Neue Westfälische, 23.05.2014]
Das Ritual der [islamischen] Sufi‑Bruderschaften, die der Mystik verpflichtet sind, sucht die Ekstase, es spricht voll Freude über Gottes Macht. [Süddeutsche Zeitung, 22.07.2014]
Während etwa in der christlichen Mystik der Aufstieg zu Gott zentral ist, geht es im Buddhismus darum, über einen Stufenweg zur Erleuchtung zu gelangen. [Luzerner Zeitung, 14.10.2011]
Viele Somalier sagen, dass der Islam der Sufis, der Toleranz, Mystik und die persönliche Beziehung zu Gott betont, eher im Einklang mit ihren Traditionen stehe als der strenge Wahabi‑Islam von al‑Schabab mit seiner strikten Trennung der Geschlechter und seinen martialischen Strafen wie öffentliche Amputation oder Steinigung. [Welt am Sonntag, 31.05.2009]
Mechthild (althochdeutsch »kraftvolle Kämpferin«) hatte schon als Kind mystische Erfahrungen. Sie lebte als Begine bei Magdeburg. Ihre Visionen hielt sie ab 1250 in Versen und Hymnen fest, indem sie sie einer Schreiberin diktierte; diese Schriften gelten als die ersten deutschen Aufzeichnungen der Mystik. [Rhein-Zeitung, 15.08.2007]
Der hellsichtige [Theologe] Karl Rahner betonte, der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein oder er werde nicht mehr sein. Spirituelle Meister und Mystiker anderer Religionen widersprechen dem im Wesentlichen nicht, denn Sufismus, christliche Mystik, Zen‑Buddhismus u. a. unterscheiden sich nicht im eigentlichen Kern, unterscheiden sich nicht in der grundlegenden Erfahrung der Einheit, in der Erfahrung, dass ein tiefer Seinsgrund alles Vorfindbare umfasst und trägt. [Neue Zürcher Zeitung, 18.09.2006]
a)
übertragen geheimnisvolle Atmosphäre, Ausstrahlung; der von einem Ort, einer Person, einer künstlerischen Darbietung ausgehende, übersinnlich anmutende Zauber (3)
Beispiele:
Wahrscheinlich liegt es am Grab ihr zur Linken, dass die kanadische Pianistin Angela Hewitt sich immer tiefer hineinsaugen lässt in die Mystik der Thomaskirche – wobei ihr faszinierendes Klavierspiel gegen Ende immer befremdlichere Details ausbildet. [Döbelner Allgemeine Zeitung, 19.11.2020]
»Lassen Sie sich für eine Stunde von der Mystik der Kirche, den Beiträgen und Klängen inspirieren – und lassen Sie Ihr Licht leuchten, wenn wir so behütet mit brennenden Kerzen in den Händen nach Hause gehen«, sagt Katzer. [Thüringer Allgemeine, 02.10.2020]
Die Magie der Nacht, die Mystik der Dunkelheit – Zieger führt sie eindrucksvoll vor Augen. [Dresdner Neueste Nachrichten, 22.10.2020]
[…] die bombastische, manchmal alberne Bohemian Rhapsody (1975) [der Rockband »Queen«] ist für viele sein verstecktes Coming‑Out. […] Mercury weigerte sich stets, den Song zu interpretieren: Ich denke, er verliert seinen Mythos und ruiniert eine Art Mystik, die Menschen darum aufgebaut haben. [Thüringer Allgemeine, 24.11.2016]
b)
übertragen, oft abwertend sich im Irrationalen verlierende SpekulationWDG
Beispiele:
Max Weber prägte um 1900 den Begriff »Intellektuellenreligiosität«. Der Heidelberger Gelehrte bezeichnete so das Bedürfnis der Gebildeten, rationale Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Lebens zu finden. Intellektuelle litten nun einmal stärker als andere unter der »Irrationalität der Welt«. Weber selbst beurteilte die bei vielen Gebildeten des frühen 20. Jahrhunderts zu beobachtende Flucht in Mystik und esoterische Spekulationen äusserst kritisch. [Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2003]
Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir[.] [ FrischHomo faber26]WDG

letzte Änderung:

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Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Mysterium · mysteriös · Mystik · mystisch
Mysterium n. ‘Geheimlehre, Geheimkult, religiöses Geheimnis’. Übernahme (16. Jh.) von lat. mystērium, griech. mystḗrion (μυστήριον) ‘Geheimnis, Geheimlehre, geheimer Kult, innerstes Wesen einer Religion’, zu griech. mýstēs (μύστης) ‘wer die Augen schließt’, dann ‘der (in die eleusinischen Mysterien) Eingeweihte’, zum Grundwort griech. mýein (μύειν) ‘sich schließen, zusammengehen, den Mund, besonders aber die Augen (ver)schließen, einschlummern’. Vgl. afrz. mistere, frz. mystère, engl. mystery (14. Jh.). Das antike Mysterium ist mit dem Schweigegebot der Eingeweihten verbunden, das christliche ist eine Glaubenssache, die durch die Vernunft allein nicht erklärbar ist. mysteriös Adj. ‘rätselhaft, geheimnisvoll, unerklärlich’ (18. Jh.), frz. mystérieux (15. Jh.). Mystik f. Form religiösen Erlebens, die durch Verinnerlichung, Versenkung und Ekstase eine Vereinigung mit dem Göttlichen anstrebt (16. Jh.), besonders im Mittelalter als religiöse Bewegung verbreitet; hervorgegangen aus den gleichbed. Verbindungen mlat. theologia, unio mystica als Eindeutschung der substantivierten fem. Form des Adjektivs lat. mysticus ‘zum Geheimkult, zu den Mysterien gehörig, geheim, geheimnisvoll’, spätlat. auch ‘die Geheimnisse der christlichen Religion betreffend’, griech. mystikós (μυστικός) ‘zu den Mysterien gehörig, geheim’, wozu auch mystisch Adj. ‘zur Mystik gehörig, geheimnisvoll’ (17. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Mystik · Mystizismus

Typische Verbindungen zu ›Mystik‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Mystik‹.

Zitationshilfe
„Mystik“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Mystik>, abgerufen am 27.11.2021.

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