Nachbild, das

GrammatikSubstantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Nachbild(e)s · Nominativ Plural: Nachbilder
WorttrennungNach-bild
Wortzerlegungnach-Bild
DWDS-Vollartikel, 2019

Bedeutungen

1.
Physik, Optik kurzzeitig nachwirkender optischer Sinneseindruck, ein rasch unscharf werdendes Bild (3), das wahrgenommen wird, nachdem das Auge längere Zeit einem optischen Reiz ausgesetzt war
Beispiele:
Wer etwa 30 Sekunden auf das Bild eines Totenkopfs starrt und danach auf eine leere Fläche, sieht dort für eine Weile ebenfalls einen Totenkopf – das sogenannte Nachbild. Es kommt zustande, wenn die Lichtrezeptoren des Auges durch das Starren ermüdet sind und nicht mehr flexibel reagieren. [Die Welt, 25.10.2017]
Evelina Domnitch und Dmitry Gelfand führen mit der Taschenlampe in die Katakombe. Dann heißt es warten, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und aufhören, Nachbilder zu produzieren. [Welt am Sonntag, 30.09.2018, Nr. 39]
Schließt man die Augen, bleibt das Nachbild für einen kurzen Augenblick haften, um dann langsam zu verblassen, unscharf zu werden und schließlich – sobald man die Augen wieder öffnet – von anderen Bildern überblendet und ersetzt zu werden. [Stephan, ‎Inge, Tacke, Alexandra, NachBilder des Holocaust. Köln: Böhlau Verlag 2007, S. 7]
Längeres Fixieren eines farbigen Reizes und Verschieben des Blickfelds auf einen weißen Hintergrund bewirken teilweise bis zu einige Sekunden anhaltende Nachbilder in der Gegenfarbe des ausgeschalteten Reizes. [Hoffmann, K.-P. u. Wehrhahn, Christian: Zentrale Sehsysteme. In: Dudel, Josef u. a. (Hgg.) Neurowissenschaft, Berlin: Springer 1996, S. 425]
Wirkt ein bestimmter Farbreiz längere Zeit, so paßt sich das Auge allmählich an, d. h. es verliert seine Empfindlichkeit für diesen Farbreiz (Farbadaption). Umgekehrt verschwindet die Reizung des Auges nicht plötzlich und gleichzeitig mit der Beendigung der Reizeinwirkung. Daher tritt eine Nachwirkung auf, das »Nachbild«. Positive, d. h. der angeschauten Farbe entsprechende Nachbilder sind höchst selten, meist stellen sich negative Nachbilder ein, das sind solche von gegensätzl. kontrastierender Farbe. Unter dem Nachbildkontrast, der wegen seines allmähl. Eintretens auch Sukzessivkontrast gen. wird, versteht man die Erscheinung, bei der zeitweilig als Folge des vorangegangenen Farbreizes die entsprechende Kontrastfarbe im menschl. Auge gebildet und, obwohl real nicht existierend, »gesehen« wird. [o. A.: Lexikon der Kunst – F. In: Olbrich, Harald (Hg.), Lexikon der Kunst, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1989], S. 8537]
vergleichendDesfred erzählt, um zu überleben – doch anders als Scheherezade gewinnt sie dadurch ihr Leben nicht. Sie erzählt einen ganzen Sommer lang […], wenige Kapitel nur bleiben übrig und die Agonie einer Frau, die ihr Leben verpaßt. Um so fiebriger krallen sich die Gedanken an das Vergangene, das ihr verblaßt wie ein Nachbild auf der Netzhaut. [Die Zeit, 06.11.1987, Nr. 46]
Zunächst erscheint das Nachbild in einer dem Reiz gleichen Helligkeits- oder Farbenbeschaffenheit: also weiß bei weißen, schwarz bei schwarzen und gleichfarbig bei farbigen Objecten (positives oder gleichfarbiges Nachbild); nach kurzer Zeit geht es dann aber bei farblosen Eindrücken in die entgegengesetzte Helligkeit, Weiß in Schwarz, und Schwarz in Weiß, bei Farben in die Gegen- oder Complementärfarbe über (negatives und complementäres Nachbild). [Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe – N. In: Bertram, Mathias (Hg.) Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1904], S. 16709]
Kollokation:
mit Adjektivattribut: ein negatives, positives Nachbild
2.
Kunst nach einem Original gestaltetes, ihm nachempfundenes Kunstwerk, Bild (1) o. Ä.
Beispiele:
Es sind die unbestrittenen, herausragenden Originale des Meisters [Leonardo da Vinci], die im Vergleich alle Nachbilder armselig aussehen lassen. [Süddeutsche Zeitung, 09.11.2018]
Es ist der 1938 in der Bronx geborene Fotograf Joel Meyerowitz, der […] viel dafür getan hat, dass sich dieses visuelle New-York-Gedächtnis so in unseren Köpfen fixiert hat, wie die Chemikalien seine Bilder auf dem Fotopapier. Und diese seltsame vorgetäuschte Vorstellung von New York, an die man sich nur aus foto- oder cinematografisch erzeugten Nachbildern erinnert, aber jetzt, wo man sie sozusagen eins zu eins miteinander vergleichen kann, für die Realität hält[…]. [Die Welt, 15.01.2018]
Vor […] Jahren war Pamuk auf einen Brunnenbauer aufmerksam geworden, der mit seinem Lehrling auf einem benachbarten Grundstück arbeitete. Durch kleine Hilfeleistungen gewann der Schriftsteller das Vertrauen des Mannes, und er muss gut hingehört haben, als dieser von seinem Gewerbe berichtete. Denn Meister Mahmut, das Nachbild des Brunnenbauers im Buch, ist ein Handwerker von altem Schrot und Korn[…]. [Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2017]
Jasper Johns hat die amerikanische Flagge immer wieder gemalt. »Two Flags (Zwei Fahnen)«, eine kaum bekannte Version aus der Sammlung des Museums Ludwig, hat er erst 1980 gezeichnet […]. Lange wirkte das Blatt wie ein Nachbild – auf das eigene Werk und auf eine Epoche. [Süddeutsche Zeitung, 12.11.2016]
Sinhas Vater war ein überzeugter Kommunist der ersten Generation gewesen; mit Respekt und Zärtlichkeit zeichnet die Schriftstellerin in Shankhya, seinem literarischen Nachbild, einen Menschen, der exemplarisch das Versagen linker Ideale verkörpert. [Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2016]
Als den Mitgliedern des Baukunstausschusses […] das Nachbild vorgeführt wurde, zeigten sie sich zwar überrascht über die Ausführung, respektierten aber durchaus die künstlerische Freiheit, mit der es gestaltet worden war. Nicht so der Baurechtsausschuß[…]. Er versagte dem Bronzeguß sein Placet. [Die Zeit, 31.03.1961, Nr. 14]
Die Mitglieder der königlichen Familie von Heinrich VIII. an aufwärts und die Kapitalverbrecher. Die Schreckensgalerie im Keller ist Tussauds Hauptattraktion. Ihre bleichen Nachbilder gehen nie den Weg allen Wachses. [Der Spiegel, 05.01.1950, Nr. 1]
3.
von einem Geschehnis, einer Entwicklung o. Ä. geprägter, nachträglich gefestigter Eindruck, späteres Bild (5)
Beispiele:
[…] das Auge erfasst hier in Reihen auf dem Boden eines Hangars ausgelegte Leichname, macht dort bis aufs Skelett ausgehungerte Gestalten aus[…]. Noch wenn man sich den Aufnahmen stellt, […] hinschaut, die quälenden Nachbilder mit sich trägt: Wem gelingt es, wirklich einen Bezug zu diesen geschändeten, erkalteten, fast immer nackten Leibern zu finden[…]? Wir können das Entsetzliche ahnen oder sehen, das ihnen angetan wurde; wahrhaft mitfühlen können wir es letztlich nicht […]. [Neue Zürcher Zeitung, 12.12.2017]
Andere sind früh gestorben und deshalb in Schönheit verewigt – Marilyn und James Dean. Und andere, die das fürchterliche Glück des frühen Todes nicht hatten, ziehen sich komplett zurück, damit die Ikone erhalten bleibt. […] Beschäftigt Sie nicht, welches Nachbild Sie [die Schauspielerin Nina Hoss] hinterlassen? [Die Zeit, 11.05.2017, Nr. 17]
Es ist befremdlich, festzustellen, wie viel internationale Solidarität ein Land [Belgien nach einem Terroranschlag] erfährt, wenn es von einer Tragödie getroffen wird[…]. Gewalt verschiebt die Parameter. Das ist an sich verständlich. Doch die Unterstützung hinterlässt ein moralisches Nachbild, eine Entschuldigungsmoral. [Süddeutsche Zeitung, 24.03.2016]

Typische Verbindungen
computergeneriert

Netzhaut Vorbild negativ

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Nachbild‹.

Zitationshilfe
„Nachbild“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Nachbild>, abgerufen am 13.12.2019.

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