Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Narrativ, das oder der

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Narrativ(e)s · Nominativ Plural: Narrative
Nebenform selten Narrativ · Substantiv (Maskulinum)
Abgesehen von der sprachwissenschaftlichen Lesart 3 ist das Maskulinum deutlich seltener und nur umgangssprachlich verbreitet.
Aussprache [ˈnaʀatiːf] · [naʀaˈtiːf]
Worttrennung Nar-ra-tiv
Herkunft aus gleichbedeutend narrativeengl < narrārelat ‘erzählen, schildern, kundtun’; in Lesart 3 direkt zu narrārelat ‘erzählen, schildern, kundtun’

Bedeutungsgeschichte

In Lesart 1 an strukturalistische und post-strukturalistische wissenschaftstheoretische Überlegungen der 70er Jahre, etwa von Jean-François Lyotard (1924–1998) und Roland Barthes (1915–1980), anschließend.
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
fachsprachlich vorgefundener oder konstruierter sinnstiftender Zusammenhang zwischen einer Folge von Ereignissen oder Sachverhalten (meist mit einem bestimmten Ziel verbreitet, wie der Integration einer Gruppe, der Legitimation eines bestimmten Verhaltens, der Schaffung eines bestimmten Selbstbildes o. Ä.)
Beispiele:
In den USA gilt noch immer das Narrativ, dass man es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. [Welt am Sonntag, 20.10.2019]
Solche Meistererzählungen steuern, wie wir die Welt sehen und uns verhalten. Der »amerikanische Traum« und der »Wettlauf zum Mond« sind solche Narrative; oder die »Europäische Union« als friedensstiftende Erfindung, ohne die dieser Kontinent wieder in Kriegen versinken würde. Es sind Rechtfertigungen für unser Handeln und die Politik. Das Narrativ von der Sonne, die keine Rechnung schickt, bewirkt, dass wir gerne jene Kosten tragen, die Solarmodule und deren Entsorgung mit sich bringen. Den Wahrheitsgehalt von Narrativen können wir schwer nachprüfen. [Südkurier, 19.12.2018]
Die Narrative, die uns früher Orientierung gaben, weil sie uns nicht nur zeigten, wo wir herkamen, sondern auch zeigten, wo wir hinwollten, sind weg oder erscheinen nicht mehr glaubwürdig. [Die Welt, 15.12.2018]
Dazu [für ein psychologisches Experiment] waren die Probanden aufgefordert, sich künftige Ereignisse auszumalen, etwa den Besuch eines Theaterstücks. Später legten die Forscher ausformulierte Narrative vor, wie die imaginierten Erlebnisse tatsächlich ausgefallen waren, und überprüften nochmals später die Erinnerungen der Probanden an diese Geschichten. Während Vorfreude spätere Erinnerungen zum Besseren verzerrte, hatten negative Erwartungen keine Auswirkung auf die emotionale Färbung der Rückschau. [Süddeutsche Zeitung, 17.04.2018]
Der [südafrikanische] Präsident nimmt die Welt durch ein besonderes Narrativ wahr: das der afrikanischen Wiedergeburt. Wenn er auf eine Handlung trifft, die dazu nicht passt – die Aids‑Pandemie, der Zusammenbruch von Simbabwe, die Korruption bei der Polizei in Südafrika –, dann leugnet er einfach, dass es sie gibt. [Süddeutsche Zeitung, 03.07.2008]
Die starke Form des Perspektivismus aber ist eine epistemologische Provokation sondergleichen, antirealistisch, antiaufklärerisch. […] In der stärksten Form läßt er die Erkenntnisse der aktuellen Wissenschaften zu einer kulturbedingten sprachlichen Repräsentation schrumpfen, einem bloßen »Narrativ«, das sich wie ein literarisches Werk analysieren (»dekonstruieren«) läßt. [Die Zeit, 04.06.1998]
»Auschwitz«, schreibt der Historiker Dan Diner »hat eine Statistik, aber kein Narrativ.« Deshalb[…] hänge sich die jüdische Erinnerung oft an den Aufstand im Warschauer Ghetto, eine Geschichte, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Es ist eine Geschichte die eine epische und eine teleologische Struktur hat, der Erzählung eine Richtung und der Erfahrung einen Sinn gibt, den sie der Massenvernichtung nicht abzuringen vermag. Jede Gruppe braucht zu ihrer Konstituierung ein solches Narrativ[…]: […]. [die tageszeitung, 07.03.1995]
allgemeiner, häufig abwertend konventioneller, zwischen einer Reihe von Ereignissen oder Sachverhalten Sinn stiftender, begründender Rahmen, Zusammenhang; (ein bestimmtes Bild, Verhalten schaffende oder legitimierende) Vorstellung, Darstellung, Behauptung, Theorie, Geschichte
Ohne klare Grenze zur Hauptlesart. In politischen, gesellschaftlichen o. ä. Diskursen häufig, um entweder andere Überzeugungen oder Darstellungen zu relativieren und sie als artifiziell und willkürlich, als bloße Fiktion zu charakterisieren, oder um eigenen (manipulativen) Darstellungen Überzeugungskraft zu verleihen.
Beispiele:
Das Konzept einer Nation ist im Grunde nichts anderes als ein Narrativ. Es ist gar nicht objektiv klar, was eine Nation ist. [Die Welt, 26.01.2018]
[Der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat] McCain braucht eine Geschichte, ein Narrativ, mit dem er erklärt, wie er Amerika zurück auf den Pfad der Tugend führen wird. [Die Zeit, 07.10.2008]
Moralisten sind […] Meister darin, politisch umstrittene Gegenwartsprobleme in moralische Gewissensfragen umzudeuten. Sie beherrschen virtuos das Narrativ von moralisch korrumpierten, bösen Menschen, die aus schierer Selbstsucht das Klima, den Planeten, die Menschheit schädigen. Mal sind es die Banken, mal die Spekulanten, mal die »Konzerne«, ein Böser findet sich immer. [Neue Zürcher Zeitung, 05.01.2021]
Narrative[…] führen ein Eigenleben, ähnlich die Epidemien: Sie sind plötzlich da, breiten sich aus und verschwinden irgendwann wieder. Und sie können immensen Schaden anrichten, wenn sie eine falsche Wirtschaftspolitik begründen. Ein Beispiel ist das Narrativ von den Maschinen, die uns die Arbeit wegnehmen. Es taucht seit fast zwei Jahrhunderten immer wieder auf. [Süddeutsche Zeitung, 06.12.2019]
Das Wohlfühlnarrativ des Gründungsdirektors [des Jüdischen Museums] schmeichelte der nach Absolution lechzenden politischen Klasse, das verlogene Narrativ von der »gemeinsamen Minderheitenerfahrung« von Juden und Muslimen biederte sich bei den Migrantenfunktionären an. Die jüdische Erfahrung aber war, ist und bleibt singulär, nicht nur wegen des Holocausts. [Die Welt, 19.06.2019]
Ich muss lügen. Jeden Tag, an dem ich als Journalistin unterwegs bin. Unser Team erfindet [zur Tarnung in der Türkei] vor jedem Dreh ein halbwegs plausibles, unverfängliches Narrativ, wovon unsere Geschichte heute gerade handelt. Meistens drehen wir einen Beitrag zum Thema Tourismus. [Unter der Tarnkappe in der Türkei, 06.07.2017, aufgerufen am 01.09.2020]
Glaubt man dem offiziellen Narrativ der US‑Regierung, so handelt es sich bei Drohnen um Waffen von höchster chirurgischer Präzision, die nur das treffen, was sie treffen sollen, wobei das getroffen werden soll, was vorher als terroristischer Feind ausgemacht worden ist. [Süddeutsche Zeitung, 17.10.2012]
Ein Forscherteam an der University of California hat herausgefunden, dass es den Käufern in Amerika nicht um Verbrauch, sondern um »Identität« geht. Diese Leute wollten ein besonderes »Narrativ« um sich herum stricken, »als Menschen gesehen werden, denen die Umwelt wichtig ist«. [Die Zeit, 26.10.2006]
Im Video wird der Narrativ vom bescheidenen Stürmer nachgezeichnet, der »bei Null gestartet« und trotzdem ganz oben angekommen ist. [Anthony Modeste? »Sein Leben verdient einen Song«, 10.04.2017, aufgerufen am 17.03.2021] ungewöhnl. Genus
2.
bei Texten
a)
Literaturwissenschaft (an den Leser gewandter und) eine Folge von Ereignissen beschreibender Teil von Texten
Beispiele:
Zu dick aufgetragen, sagt man: zu viel Pomade im Haar, zu viel Make‑up im Gesicht, zu viel Pathos im Dialog, zu viel Melodrama im Narrativ. [Dick, nicht ganz doof: zu Ulrich Seidls IMPORT EXPORT, 25.10.2007, aufgerufen am 31.08.2020]
Gondry sucht auch im Dialog das Narrativ und kann sich von seiner Rolle als Geschichtenerzähler nur schwer lösen. [Kurzrezension: Is the Man Who is Tall Happy?, 10.02.2014, aufgerufen am 01.09.2020]
Goldhagens Stimme […] ist eine moralische, die des griechischen Chors. Immer wieder unterbricht er sein Narrativ: »Wie konnte irgend jemand diese armen, kranken jüdischen Frauen betrachten, ohne Mitleid für sie zu empfinden?« Das ist die Sprache der Katharsis, des nacherlebten Schreckens und Mitgefühls. [Süddeutsche Zeitung, 31.12.1996]
b)
erzählender Rahmen, Erzählstruktur, Art der Darstellung
Beispiele:
Nun kapern immer mehr Hardcore‑Literaten das Krimi‑Genre, nutzen es als Narrativ. Juli Zeh zum Beispiel oder Sibylle Lewitscharoff. Früher Martin Walser. [Die Welt, 20.07.2019]
Was diese neuen Narrative [die neuen Plots der TV-Serien] trotz aller Unterschiede eint, ist die Tatsache, dass sie nur als Serie realisiert werden können: Hier emanzipiert sich das Fernsehen vom großen Vorbild Kino und schafft eigene Erzählformen, die mit Konventionen von Zeit und Raum im Medium brechen und so neue ästhetische wie dramaturgische Konzepte ermöglichen. [Der Spiegel, 02.01.2010 (online)]
So wie Daniel Goldhagen gut zehn Jahre zuvor der historischen Holocaustforschung eine Erzählung bescherte, die an vielen Stellen am filmischen Narrativ gebildet war, so liefert Littell nun umgekehrt einen Roman voller geschichtswissenschaftlicher Versatzstücke. [Die Zeit, 14.02.2008]
Weil [der Spieleentwickler Lorne] Lanning mal im Filmbusiness tätig war, nutzt er seine Erfahrungen mit Kamerafahrten, Schnitt und Montage, mit einem Wort: er benutzt die Narrative des Kinos, um nun Geschichten für Spielkonsolen zu entwickeln. Sein erklärtes Ziel ist es, solche Spiele einmal zu einer anerkannten Kunstform zu machen. [Süddeutsche Zeitung, 14.03.2002]
Wie in ihren Stücken stellt [die Autorin Edna] Mazya auch in dem 1997 veröffentlichten Roman die emotionale Ausnahmesituation ihrer Figur in den Mittelpunkt. Den Ausbruch aus der Normalität spiegelt schon das durchgängige Narrativ wieder. Ohne Absätze und in sich über Seiten windenden Hypotaxen (= Schachtelsätzen) lässt Mazya den Ich‑Erzähler seine Befindlichkeit reflektieren und mit sich selbst rechten und richten. [Neue Zürcher Zeitung, 29.12.2001]
Mit Sympathie für den Gegenstand seiner Forschung und begleitet von einer ihm eigenen ironischen Distanz, folgt Lewis dem klassischen Narrativ von Einführungen in die Geschichte des modernen Vorderen Orients. Es hebt an mit den geographischen und kulturanthropologischen Grundlagen der islamischen Zivilisation[…]. Mit einem Kapitel über die internationale Bedeutung der Region schließt das Buch. Eine überzeugende Darstellung. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.1994]
[Das Hollywood-Kino] konnte sie [den Tanz und den Gesang] nach der Busby‑Berkeley‑Ära [der großen Zeit der Musical- und Tanzfilme der 30er und 40er Jahre] nur noch als Wasserspiele […] oder Handlungshemmer […] gebrauchen; fügte sie also in das Narrativ ein, wo sie nur noch eine Bedeutung für das Narrativ hatten und keine eigenständige Sensation darstellten. [konkret, 2000 [1987]]
3.
Sprachwissenschaft Bezeichnung für eine Reihe grammatischer Formen, die (nur) in erzählenden Texten verwendet werden, z. B. des Ergativs im Georgischen (eines Kasus) oder des Imperfectum consecutivum im Hebräischen (eines Tempus)
Grammatik: Genus Maskulinum
Beispiele:
Die Sprache der Georgier gehört zu den Ergativsprachen. Den Ergativ nennt man auch den Narrativ oder schlicht den Erzählfall. Er existiert nicht in den germanischen Sprachen, im wilden Kaukasus ist er hingegen Alltag und darf bei keiner Erzählung fehlen. [Das Mothxrobithi, 30.08.2014, aufgerufen am 01.09.2020]
Ex (= Exodus) 6, 28 hebt mit dem Narrativ auf der Basis von היה (= sein) an, gefolgt von der ausführlichen Zeitbestimmung ביום דבר יהוה אל משה בארץ מצרים (= als der Herr mit Moses in dem Land Ägypten redete). היה (= sein) im Narrativ stellt einen üblichen Anfang eines Berichtes im AT (= Altes Testament) dar und hat im allgemeinen eine vorweisende Funktion inne, so auch hier. [Steingrimsson, Sigurdur: Vom Zeichen zur Geschichte. Lund: Gleerup 1979, S. 27]

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Thesaurus

Synonymgruppe
(sinnstiftende) Erzählung · Geschichte (mit Symbolgehalt) · Schlüsselerzählung  ●  Narrativ  geh., Hauptform, Modewort
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Narrativ‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Narrativ‹.

Zitationshilfe
„Narrativ“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Narrativ>.

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