Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Neigung, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Neigung · Nominativ Plural: Neigungen
Aussprache 
Worttrennung Nei-gung (computergeneriert)
Wortzerlegung neigen -ung
Wortbildung  mit ›Neigung‹ als Erstglied: Neigungsehe · Neigungsgruppe · Neigungsheirat · Neigungsmesser · Neigungsmessgerät · Neigungswaage · Neigungswinkel
 ·  mit ›Neigung‹ als Letztglied: Aggressionsneigung · Dachneigung · Erhaltungsneigung · Gewitterneigung · Hangneigung · Herzensneigung · Investitionsneigung · Kaufneigung · Konsumneigung · Querneigung · Risikoneigung · Schauerneigung · Thromboseneigung

Bedeutungsübersicht+

  1. 1. das Neigen
  2. 2. das Geneigtsein, die Schräglage
  3. 3. ⟨Neigung zu etw.⟩ Veranlagung, Hang zu etw.
    1. ⟨(eine) Neigung zu etw. haben, zeigen⟩ Lust zu etw. haben
  4. 4. ⟨Neigung zu jmdm., für jmdn.⟩ Zuneigung, Liebe zu jmdm., für jmdn.
    1. mit Präposition
eWDG

Bedeutungen

1.
das Neigen
Grammatik: meist im Singular
entsprechend der Bedeutung von neigen (1 a)
Beispiele:
eine seitliche Neigung des Körpers
sie grüßte uns mit einer Neigung des Kopfes
2.
das Geneigtsein, die Schräglage
Beispiele:
die Neigung eines Hanges, Geländes
die Neigung der Eisenbahnstrecke ist nicht sehr groß
die Neigung des lecken Schiffes betrug 15 Grad
die Rodelbahn hat die vorgeschriebene Neigung
die Straße fiel in einer leichten Neigung (= Gefälle) zum Tal hin ab
3.
Neigung zu etw.Veranlagung, Hang zu etw.
Beispiele:
eine bestimmte, starke, ausgeprägte, unbezwingliche, unwiderstehliche, bedenkliche, tadelnswerte, schlimme, verbrecherische Neigung
eine krankhafte, romantische, literarische Neigung
eine Neigung zu Kopfschmerzen, Schwindel
eine Neigung zum Streiten, Wohlleben
eine Neigung zur Kritik, Spekulation, Kunst
eine Neigung zum Trübsinn beschleicht ihn
die Neigung zur Poesie war schon früh in ihm erwacht
einer Neigung folgen, nachgeben
gehobeneiner Neigung frönen
er konnte seinen Neigungen leben (= er brauchte nur das zu tun, was ihm gefiel)
eine Neigung (ver)spüren
die Neigung zum Theater in jmdm. wecken
künstlerische Neigungen haben
seine Neigungen weiterbilden, unterdrücken
jmds. Neigungen fördern
(eine) Neigung zu etw. haben, zeigenLust zu etw. haben
Beispiele:
sie zeigen wenig Neigung, uns entgegenzukommen
dazu habe ich weder Zeit noch Neigung
Ich hab eben heut keine Neigung zum Trinken [ G. Hauptm.SonnenaufgangI]
Beispiele:
einen Beruf aus innerer Neigung ergreifen (= einen Beruf aus innerem Antrieb ergreifen)
gegen seine Neigungen ankämpfen
sich in Widerspruch zwischen Pflicht und Neigung befinden
4.
Neigung zu jmdm., für jmdn.Zuneigung, Liebe zu jmdm., für jmdn.
Beispiele:
eine geheime, stille, zarte, scheue, respektvolle, starke, heftige Neigung
die Neigung zu einem Menschen, einer Frau
eine Neigung keimt auf, wächst
eine Neigung ist unerwidert, hat keinen Bestand
eine Neigung zu jmdm. fühlen, spüren
jeder Blick verrät seine Neigung
jmds. Neigung erringen, gewinnen
sie erwiderte voll seine Neigung
jmdm. eine aufrichtige Neigung entgegenbringen, zuwenden
daß er … eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt habe [ Th. MannBuddenbrooks1,102]
mit Präposition
Grammatik: in Verbindung mit »aus«
Beispiele:
eine Ehe aus Neigung schließen
[die Freundin] die … aus einer unterdrückten Neigung für Balzac die aristokratische Rivalin haßt [ St. ZweigBalzac222]
Grammatik: in Verbindung mit »um«
Beispiel:
um jmds. Neigung wissen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

neigen · geneigt · abgeneigt · Neigung · Abneigung · Neige · verneigen · Verneigung · zuneigen · Zuneigung
neigen Vb. ‘beugen, schräg stellen, senken’, reflexiv ‘zu Ende gehen’. Das schwache Verb ahd. (h)neigen ‘neigen, senken, biegen, abwenden, beugen, unterwerfen’ (8. Jh.), mhd. neigen, asächs. gihnēgian, mnl. neighen, nl. neigen, aengl. hnǣgan, anord. hneigja, got. hnaiwjan ‘erniedrigen’ (germ. *hnaigwjan) kann entweder als Kausativum zum starken Verb (im Dt. bis 15. Jh. belegt) ahd. (h)nīgan ‘sich neigen (vor), sich niederbücken’ (8. Jh.), mhd. nīgen, asächs. aengl. hnīgan, mnd. nīgen, mnl. nīghen, nl. nijgen, anord. hnīga ‘sich neigen, sinken, fallen’, schwed. niga ‘knicksen’, got. hneiwan ‘sich neigen’ (germ. *hneigwan) oder als denominative jan-Ableitung zu dem in aengl. hnāg, hnāh ‘gebeugt, demütig’, got. hnaiws ‘niedrig, demütig’ vorliegenden Adjektiv angesehen werden. Außergerm. vergleichbar ist lediglich die Wortgruppe lat. nītī (nīs(s)us, (g)nīxus sum) ‘sich stemmen, stützen, sich in der Schwebe halten, steigen, klettern’, nictāre ‘zwinkern’, cōnīvēre ‘die Augen zudrücken, blinzeln’, so daß von ie. *kneigu̯h- ‘neigen, sich biegen’ ausgegangen werden kann. Dazu stellt sich mit Labialerweiterung ie. *kneib-, wozu anord. hnipinn ‘mißmutig, biegsam’, hnīpa ‘den Kopf hängen lassen, mißmutig sein’ und wohl auch lit. knìbti ‘zusammenknicken, zusammensinken’, kneĩbtis, kneĩptis ‘sich beugen, sich versenken, sich vertiefen’. – geneigt Part.adj. ‘gewogen, zugetan’, in der Fügung geneigt sein, mhd. geneiget sīn; abgeneigt Part.adj. ‘nicht willens, frei von jeder Neigung, übel gesinnt’ (17. Jh.). Neigung f. ‘Zuneigung, freundschaftliche Gesinnung’, mhd. neigunge; dann auch ‘geneigte Haltung, Lage’ (2. Häfte 16. Jh.). Abneigung f. ‘ablehnende Haltung, Widerwille’ (17. Jh.), vgl. mhd. abeneigunge ‘Gefälle’. Neige f. ‘letzter Inhalt eines Gefäßes’ (Ende 15. Jh.), vor allem in der Wendung bis zur Neige ‘völlig, restlos’ und zur Neige gehen ‘dem Ende zugehen’ (Anfang 17. Jh.); vgl. mhd. neige ‘Biegung, Senkung, Tiefe, Ende’. verneigen Vb. reflexiv ‘sich verbeugen’ (17. Jh.); vgl. mhd. verneigen ‘herabbeugen, unterdrücken’; Verneigung f. ‘Verbeugung’ (Anfang 19. Jh.). zuneigen Vb. ‘hinwenden, eine Vorliebe haben’, reflexiv ‘Sympathie empfinden, sich hingezogen fühlen’, mhd. zuoneigen ‘hinwenden’; Zuneigung f. ‘das Hingewendetsein, Liebe’ (15. Jh.).

Thesaurus

Psychologie
Synonymgruppe
Attitüde · Charakteranlage · Couleur · Gesinnung · Grundeinstellung · Haltung · Neigung · Standpunkt · Stellung · Veranlagung · innere Haltung
Synonymgruppe
Ausrichtung · Einschlag · Färbung · Neigung (zu einer Sache) · Tendenz · Verzerrung
Synonymgruppe
Affinität (zu) · Hang (zu) · Neigung (zu) · Tendenz (zu)  ●  Anfälligkeit (für)  medizinisch
Synonymgruppe
Bevorzugung · Hang (zu) · Neigung · Schwäche (für) · Vorliebe  ●  Faible (für)  franz. · Prädilektion  geh., veraltet · Präferenz  fachspr.
Assoziationen
Synonymgruppe
Synonymgruppe
Neigung · Neigungswinkel
Psychologie
Synonymgruppe
Angewohnheit · Habit · Neigung  ●  Marotte  ugs. · Schrulle  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
Anlage (zu) · Neigung · Veranlagung  ●  Disposition  fachspr.

Typische Verbindungen zu ›Neigung‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Neigung‹.

Verwendungsbeispiele für ›Neigung‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Leider hat er die verhängnisvolle Neigung, ehrliche Reden zu halten. [Nadolny, Sten: Die Entdeckung der Langsamkeit, München: Piper 1983, S. 312]
Keinesfalls sei es notwendig, sie einer selbstverständlichen Neigung zu versichern. [Canetti, Elias: Die Blendung, München: Hanser 1994 [1935], S. 86]
Sie inhaltlich zu erfüllen, hat das anschaulich‑erlebende Erfassen meist gar nicht die Neigung. [Hartmann, Nicolai: Der Aufbau der realen Welt, Berlin: de Gruyter 1940, S. 370]
Es besteht eine natürliche Neigung, daß man nachzuahmen, zu reproduzieren versucht, was man verstanden hat. [Mach, Ernst: Erkenntnis und Irrtum. In: Philosophie von Platon bis Nietzsche, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1905], S. 9630]
In der Tat gibt es die Neigung, ein solches Vorhaben zu gigantischen Dimensionen hochzurechnen. [Der Spiegel, 07.09.1992]
Zitationshilfe
„Neigung“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Neigung>.

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