Notdurft, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Notdurft · Nominativ Plural: Notdürfte · wird selten im Plural verwendet
Aussprache
WorttrennungNot-durft
Wortbildung mit ›Notdurft‹ als Letztglied: ↗Lebensnotdurft · ↗Leibesnotdurft
eWDG, 1974 und DWDS, 2015

Bedeutungen

1.
gehoben von Menschen, seltener von Tieren   Ausscheidung von Kot oder Urin; Bedürfnis nach Entleerung von Blase oder Darm
Beispiele:
In Deutschland haben wir Toiletten, überall, wo wir sie brauchen. Wir schließen die Tür hinter uns, verrichten unsere Notdurft und spülen unseren Kot […] mit einem Knopfdruck in die Kanalisation. [Die Zeit, 13.05.2015, Nr. 20]
Ich lag [im Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit] mit drei Frauen in einer Zelle, die […] nur eine hölzerne Gemeinschaftspritsche und einen Kübel für die Notdurft enthielt. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2006]
Nützlich wären deshalb Behälter mit Plastiktüten, mit denen die Hundebesitzer die Notdurft ihrer Tiere sauber beseitigen könnten. [Frankfurter Rundschau, 28.05.1998]
Auf dem Land [auf dem Balkan] hat man einfach eine andere Vorstellung von Hygiene als in der Stadt: Man erledigt seine Notdurft hier und da in der Natur, bei der Feldarbeit oder in einem Holzverschlag im Hof. [Die Zeit, 03.06.1994, Nr. 23]
Nun hofft das Bezirksamt auf eine schnelle Entscheidung des Senats, damit bald High-Tech-Häuschen [Toiletten] die Treppenhäuser und Aufgänge ersetzen, auf denen derzeit die Drogenszene vom »Kotti« ihre Notdürfte verrichtet. [die tageszeitung, 05.06.1993]
die eklen Düfte der Notdurft (= von Urin und Kot) waren um ihn [MoloEin Deutscher206]Quelle: WDG, 1974
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: eine dringende, menschliche Notdurft
als Akkusativobjekt: seine Notdurft verrichten, erledigen
als Genitivattribut: die Verrichtung der Notdurft
in Präpositionalgruppe/-objekt: ein Kübel, Eimer für die Notdurft
2.
veraltet Notwendiges für den Lebensunterhalt
Beispiele:
Denn das […] Wesen der Utopie selber ist[…] Muße, […] denn Muße ist eben Freiheit von der Arbeitsfron im Dienste der Notdurft (oder der Wunschbefriedigung überhaupt). [Jonas, Hans: Das Prinzip der Verantwortung, Frankfurt a. M.: Insel-Verl. 1979, S. 327]
altertümelnd Aber von der Befriedigung der Elementarbedürfnisse dieser Gesellschaften […] bis zu den wissenschaftlichen, politischen[…] und anderen Großinstallationen ist es »global« […] ein und dasselbe Know-how, dessen sich zu bedienen hat, wer überhaupt der unmittelbaren Notdurft mit menschlicher Klugheit abhelfen […] will. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2001]
altertümelnd Wanderer, kommst du zum heiligen Berg Andechs, hast dich im schattigen Klostergarten am würzigen Bier der Mönche gelabt, dich mit den einfachen, aber schmackhaften Speisen gesättigt, kurz, nichts versäumt, um die dringendste Notdurft zu befriedigen, und steht dir […] der Sinn nach höheren, […] spirituellen […] Freuden, so wird auch dieses Sehnen Erfüllung finden! [Süddeutsche Zeitung, 23.08.1995]
Nicht länger darf die Arbeit als ein Mittel zur Befriedigung der leiblichen Notdurft betrachtet werden, sie ist ein seelischer Wert, sie hat einen ethischen Boden, der den Menschen als verantwortliches Wesen packt. [Reger, Erik [d.i. Dannenberger, Hermann]: Union der festen Hand, Kronberg/Ts.: Scriptor 1976, S. 358. Zitiert nach: Reger, Erik [d.i. Dannenberger, Hermann]: Union der festen Hand, Berlin: Rowohlt 1931.]
Nur von dieser ursprünglichen Zustimmung [zum grundsätzlichen Sinn der Welt] her kann inmitten des werktäglichen Arbeitslebens der freie Atemraum entstehen, in welchem der Mensch, seiner Notdürfte vergessend, das in sich selbst Sinnvolle zu tun vermag. [Die Zeit, 25.06.1953, Nr. 26] ungewöhnl. Pl.
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die tägliche Notdurft
mit Genitivattribut: die Notdurft des Lebens, des Leibes
als Akkusativobjekt: die Notdurft befriedigen
als Genitivattribut: die Befriedigung der Notdurft

Den originalen WDG-Artikel können Sie hier anschauen.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Not · nötig · nötigen · Nötigung · Notbehelf · Notdurft · notdürftig · Notdürftigkeit · notgedrungen · Notlüge · Notnagel · Notpfennig · Notstand · Notwehr · notwendig · Notwendigkeit · Notzucht · notzüchtigen
Not f. ‘Armut, Elend, Mangel, schwierige Lage, Bedrängnis, Mühe, Schwierigkeit, Zwang’, ahd. (8. Jh.), mhd. mnd. nōt, asächs. nōd, mnl. noot, nl. nood, afries. nēd, aengl. níed, nēd, engl. need (Plur. needs ‘Bedürfnisse’), anord. nauð, nauðr, schwed. nöd, got. nauþs (germ. *naudi- f.) führt als Abstraktbildung mit ti-Suffix wie apreuß. nautin (Akkusativ) ‘Not’, vielleicht im Anschluß an Verben wie lit. nõvyti ‘bedrücken, vernichten, quälen’, aslaw. unyti ‘verzagen, nachlässig werden’, russ. nyt’ (ныть) ‘anhaltend dumpf schmerzen’, mit aslaw. nǫžda, nužda ‘Zwang, Gewalt, Notwendigkeit’, russ. (älter) nudá (нуда) ‘Zwang, Nötigung, Not’, russ. nuždá (нужда) ‘Not Armut, Elend’ auf eine Wurzel ie. *nāu-, *nəu-, *nū- ‘Tod, Leiche’, verbal ‘bis zur Erschöpfung abquälen, ermattet zusammensinken’. nötig Adj. ‘dringend erforderlich, unentbehrlich, notwendig’, ahd. nōtag, nōtīg ‘in Not, bedrängt’ (9. Jh.), mhd. nōtec, nōtic, nœtic ‘Not habend, bedrängt, dürftig, notwendig, dringend, eilig’. nötigen Vb. ‘jmdn. auffordern, dringend bitten, etw. zu tun’, in der Rechtssprache ‘jmdn. mit Gewalt oder Drohung dazu bringen, etw. zu tun, zu dulden oder zu unterlassen’, ahd. nōtagōn (um 1000), mhd. nōtegen, nōtigen, auch ‘notzüchtigen’, neben gleichbed. frühnhd. nöten, ahd. nōten ‘Gewalt, Zwang antun, drängen’ (8. Jh.); vgl. asächs. nōdian, aengl. nīedan, anord. neyða, got. nauþjan ‘zwingen’. Nötigung f. ‘das Genötigtwerden, Zwang’, ahd. nōtigunga (um 1000), frühnhd. notigung (15. Jh.). Notbehelf m. ‘notdürftiger Behelf, unzureichendes Ersatzmittel’ (Anfang 18. Jh.). Notdurft f. ‘Ausscheidung aus Darm und Blase’, älter ‘zum Leben Nötiges’, heute nur noch in der Wendung seine Notdurft verrichten ‘Darm und Blase entleeren’ (17. Jh.), vgl. mhd. sīne nōtdurft tuon. Ahd. nōtthurft (8. Jh.), mhd. nōtdurft ‘Notwendigkeit, Not, (natürliches) Bedürfnis, Bedarf an notwendigen Dingen (zum Lebensunterhalt)’, asächs. nōdthurft ‘Notwendigkeit, Bedarf an notwendigen Dingen, zwingendes Bedürfnis’, mnl. nootdorft, nl. nooddruft, afries. nēdthreft, got. naudiþaúrfts, zusammengesetzt mit dem schwundstufigen ti-Abstraktum ahd. thurft, mhd. durft, got. þaúrfts ‘Bedürfnis’ (germ. *þurfti-, s. ↗dürftig); notdürftig Adj. ‘nicht befriedigend, behelfsmäßig, nur knapp ausreichend’, mhd. nōtdürftic ‘nötig, notwendig, bedürftig’; Notdürftigkeit f. mhd. nōtdürfticheit ‘Notwendigkeit, Bedürfnis, Erfordernis’, eigentlich ‘was man notwendig braucht’. notgedrungen Adj. ‘aus dringender Notwendigkeit gezwungen, weil es nicht anders geht’ (18. Jh.), eigentlich Part. Prät. von veraltetem notdringen ‘mit Not drängen, nötigen, zwingen’. Notlüge f. ‘durch Not erzwungene Lüge mit dem Ziel, Schaden zu verhindern oder einer Verlegenheit zu entgehen’ (Ende 16. Jh.). Notnagel m. ‘Ersatz, Aushilfe, Lückenbüßer’ (Anfang 18. Jh.). Notpfennig m. ‘für Zeiten der Not aufgespartes Geld’ (17. Jh.). Notstand m. ‘Zustand der Not, der Bedrängnis, gefahrdrohender Zustand’ (17. Jh.). Notwehr f. ‘von einem akuten Notfall erzwungene Verteidigung’ (gegen körperlichen Angriff), mhd. nōtwer. notwendig Adj. ‘nötig, unbedingt erforderlich’, eigentlich ‘geeignet, die Not zu wenden’ (1. Hälfte 16. Jh.), und (nur in älterer Sprache) ‘notgedrungen, sehr dringend, unaufschiebbar’, eigentlich ‘durch Not hervorgebracht’ (ebenfalls 1. Hälfte 16. Jh.); daraus ‘in der Natur der Sache liegend, unvermeidbar’ (18. Jh.), vgl. notwendige Konsequenz; dazu Notwendigkeit f. (16. Jh.). Notzucht f. ‘Vergewaltigung’ (16. Jh.), Rückbildung aus mhd. (rhein.) nōtzühten, das eigentlich wie ahd. nōtzogōn (10. Jh.), mhd. nōtzogen ‘mit Zwang (Not) eine Frau fortziehen, eine Frau rauben’ bedeutet; notzüchtigen Vb. ‘eine Frau vergewaltigen’, mhd. nōtzühtigen.

Thesaurus

Synonymgruppe
Notdurft  ●  Pinkelbedürfnis  ugs. · Pinkeldrang  ugs. · Pinkelzwang  ugs.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Befriedigung Eimer Freie Kübel Leib Nahrung Not Plastiktüte Toilette Verrichten Verrichtung befriedigen dringend entsorgen erledigen menschlich täglich verrichten verrichtet

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Notdurft‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Notdurft in schwindelnder Höhe - bislang musste der Handwerker immer den langen Weg nach unten nehmen.
Bild, 08.06.2000
Wenn der Zug mal hielt, konnte man zur Notdurft schnell ins Freie raus.
Süddeutsche Zeitung, 09.06.1994
Es war, als könne er die alltäglichen Worte der Notdurft nicht mehr auffassen.
Werfel, Franz: Die Vierzig Tage des Musa Dagh II, Stockholm: Bermann - Fischer 1947 [1933], S. 33
Ich wußte, wie es tat, an die jämmerliche Notdurft des Lebens ständig denken zu müssen.
Braun, Lily: Memoiren einer Sozialistin. In: Lehmstedt, Mark (Hg.) Deutsche Literatur von Frauen, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1911], S. 1815
Die Technik richtet sich auf die sichtbare Nähe und Notdurft.
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes, München: Beck 1929 [1918], S. 625
Zitationshilfe
„Notdurft“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Notdurft>, abgerufen am 17.10.2019.

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