Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Objektivismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Objektivismus · wird nur im Singular verwendet
Aussprache  [ɔpjɛktiˈvɪsmʊs]
Worttrennung Ob-jek-ti-vis-mus
Wortzerlegung objektiv -ismus
Wahrig und ZDL

Bedeutungen

1.
Philosophie Richtung der Erkenntnistheorie, die davon ausgeht, dass es eine vom erkennenden Subjekt unabhängige objektive Erkenntnis von realen Dingen, Wahrheiten und Werten gibt
in gegensätzlicher Bedeutung zu Subjektivismus
Kollokationen:
in Koordination: Objektivismus und Subjektivismus
Beispiele:
In solchem Sinne bedeutet Subjektivismus demnach eine fundamentale Haltung, durch die der Mensch bestimmt, was Wirklichkeit ist. Das Ich ist gewissermaßen der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Demgegenüber bezeichnet Objektivismus eine Haltung, die eine subjekt‑unabhängige Wirklichkeit, sei es von Wahrheiten, Werten oder Ordnungen, annimmt. Dementsprechend ist das Gegebene der ruhende Pol in der Ideen Flucht. [Wisser, R.: Subjektivismus. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 31422]
Der Objektivismus ist eigentlich eine Aufklärungsphilosophie, die eine positive Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Methodik, der Vernunft und dem technologischen Fortschritt einnimmt. [»Externalität« ist kein valides Konzept, 25.08.2013, aufgerufen am 18.08.2021]
Dieser Stil [die Neue Sachlichkeit] war nach dem Ersten Weltkrieg als Antwort auf die Zeit selber, auf Armut und Misere, ebenso wie auf den pathetischen Expressionismus entstanden und stellte einen Versuch dar, die Dinge zu ihrer ureigensten Geltung zu bringen, eine Spielart des Realismus, aber noch mehr eines Objektivismus, frei von individueller oder psychologischer Implikation. [Basler Zeitung, 07.09.2000]
Es [die Philosophie Immanuel Kants] ist eine Philosophie, die gegenüber dem vorwissenschaftlichen und auch wissenschaftlichen Objektivismus auf die erkennende Subjektivität als Urstätte aller objektiven Sinnbildungen und Seinsgeltungen zurückgeht und es unternimmt, die seiende Welt als Sinn‑ und Geltungsgebilde zu verstehen und auf diese Weise eine wesentlich neue Art der Wissenschaftlichkeit und der Philosophie auf die Bahn zu bringen. [Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie. Hamburg: Meiner 1996 [1936], S. 1]
2.
Marxismus, abwertend methodisches Prinzip, dass wissenschaftliche Theorie auf einer unabhängigen Objektivität (und unbeeinflusst von gesellschaftlichen Realitäten) basiert
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: der bürgerliche Objektivismus
Beispiele:
Der bürgerliche Objektivismus ist mit wahrer Wissenschaftlichkeit und Objektivität nie vereinbar. [Friedrich, Carl Joachim: Totalitäre Diktatur. Stuttgart: Kohlhammer 1957, S. 13]
Objektivismus: Abwertende Bezeichnung des Marxismus‑Leninismus für das von den »bürgerlichen Philosophen« vertretene methodische Prinzip, daß die Wissenschaftlichkeit jeder Theorie deren Objektivität, d.h. deren Unparteilichkeit und politisch‑ideologische Neutralität zur Voraussetzung habe. [Zimmermann, Hartmut (Hg.): DDR-Handbuch. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1985], S. 4719]
Einer der wichtigsten Kanäle des Eindringens der bürgerlichen Ideologie ist der Objektivismus, der nichts mit der Erforschung der objektiven Wahrheit zu tun hat, sondern die parteifeindlichen Auffassungen als gleichberechtigt in die Partei schmuggeln will und eine Parteinahme für den Klassenfeind bedeutet. [Neues Deutschland, 25.07.1950]
3.
Ethik, Philosophie philosophische Lehre der Schriftstellerin Ayn Rand, in der die objektivistische Ethik einem rationalen Egoismus entspricht
Beispiele:
Stevens [einer der Gründer und Vorsitzender der Objectivist Party in den USA] ist Anhänger des sogenannten Objektivismus, einer philosophischen bzw. weltanschaulichen Denkschule, die auf die russisch‑amerikanische Schriftstellerin Ayn Rand (1905–1982) zurückgeht. [Ehrentag der Wolkenkratzer, 02.09.2019, aufgerufen am 18.08.2021]
Rand war eine von mehreren Intellektuellen, die eine neue, negative Auffassung von staatlicher Macht formulierten, aber in seinem Extremismus und moralistischen Ton stach ihr Objektivismus besonders heraus. [Die Zeit, 27.02.2017 (online)]
Der Objektivismus, eine von Ayn Rand formulierte […] Ideologie, geht davon aus, dass die Welt unabhängig vom menschlichen Bewusstsein existiert. [Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2016]
Ayn Rand glaubte, die einzig adäquate Philosophie für den Kapitalismus gefunden zu haben, und gab ihr den Namen »Objektivismus«. Die klassischen Ökonomen hatten gelehrt, daß Altruismus überflüssig ist, weil der Markt das eigennützige Handeln der Menschen zum Wohle aller lenkt. Ayn Rand machte daraus einen »objektiven ethischen Kodex«, wie einer ihrer Anhänger schrieb: Egoismus ist gut, Altruismus ist böse. [Die Zeit, 05.09.1997]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Objekt · objektiv · Objektiv · Objektivität · Objektivismus
Objekt n. ‘Gegenstand oder Ziel des Denkens und Handelns, Sache von besonderem Interesse, Vertragsgegenstand’, spätmhd. object (14. Jh.), Entlehnung von spätlat. obiectum ‘Vorwurf, Beschuldigung, Hindernis, Einwand’ (im Mlat. der Scholastik auch ‘sich den Sinnen darbietender Gegenstand, Ziel’), lat. obiecta Plur. ‘Vorwürfe, Beschuldigungen’, Substantivierung des neutralen Part. Perf. von lat. obicere (obiectum) ‘entgegenwerfen, -stellen, vorsetzen, darbieten, vorwerfen’ (vgl. lat. ob ‘entgegen, vor, über etw. hin, wegen, für’ und iacere ‘werfen’). Im Dt. versucht man, Objekt (eigentlich ‘das Entgegengestellte, Vorgeworfene’, noch bis ins 18. Jh. auch mit lat. Flexionsendungen) zunächst mit Gegenwurf zu übersetzen (so schon im 14. Jh.), seit dem Ende des 17. Jhs. tritt Gegenstand (s. d.) teilweise an seine Stelle. Die neuere Philosophie (seit Kant) versteht unter Objekt ‘jede Erscheinung der außerhalb des erkennenden Subjekts und unabhängig von dessen Bewußtsein existierenden Wirklichkeit’. Als grammatischer Terminus steht es für ‘Ziel, auf das sich die Aussage eines Satzes richtet, Satzergänzung’ (Ende 17. Jh.). objektiv Adj. ‘unabhängig vom Subjekt und seinem Bewußtsein existierend, tatsächlich vorhanden, der Wirklichkeit gerecht werdend, sachlich, vorurteilsfrei’ (2. Hälfte 18. Jh., im 18./19. Jh. auch objektivisch, um 1800 verdeutscht mit gegenständlich), wohl ein nlat. objectīvus voraussetzend, doch vgl. in anderem Sinne schon mlat. objectivus ‘der Vorstellung angehörend, zum geistigen Bild von einer Sache gehörig’ (bei Scholastikern), mfrz. objectivement Adv. (15. Jh.), frz. objectif, engl. objective (beide 17. Jh.). Objektiv n. ‘dem Gegenstand zugewandte Linse oder Linsengruppe eines optischen Gerätes’ (1. Hälfte 19. Jh.), verkürzt aus Objektivglas (18. Jh., Gegenbildung zu Okularglas, s. Okular), vgl. gleichbed. frz. objectif m. neben verre objectif (17. Jh.). Objektivität f. ‘die Gegebenheiten der objektiven Realität berücksichtigende Betrachtungsweise, Wirklichkeitstreue, Sachlichkeit’, früher auch ‘Gegenständlichkeit, reale Existenz’ (Ende 18. Jh.), latinisierende Ableitung von objektiv (s. oben). Objektivismus m. seit Anfang des 20. Jhs. gebräuchlicher philosophischer Terminus, in der Erkenntnistheorie und Ethik für das Anerkennen allgemeingültiger Wahrheiten bzw. für das Streben nach objektiven Normen des sittlichen Handelns, Lehre, die Erfahrungswerte des objektiv Gegebenen betrachtet.
Zitationshilfe
„Objektivismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Objektivismus>.

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