Opportunismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Opportunismus · Nominativ Plural: Opportunismen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [ɔpɔʁtuˈnɪsmʊs]
Worttrennung Op-por-tu-nis-mus
Herkunft Latein
Wortzerlegung opportun-ismus
Wortbildung  mit ›Opportunismus‹ als Letztglied: ↗Linksopportunismus · ↗Rechtsopportunismus
eWDG, 1974 und ZDL, 2020

Bedeutungen

1.
prinzipienloses Verhalten, Preisgabe von Grundsätzen zugunsten von Augenblickserfolgen, Teilerfolgen Quelle: WDG, 1974
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: prinzipienloser, blanker, wahlpolitischer, berechnender, tagespolitischer Opportunismus
als Akkusativobjekt: jmdm. Opportunismus unterstellen, vorwerfen
als Prädikativ: etw. als Opportunismus auslegen, bezeichnen, abtun
in Koordination: Opportunismus und Feigheit, Populismus, Karrierismus, Pragmatismus
mit Genitivattribut: der Vorwurf, Verdacht, ein Akt, Ausdruck, eine Form des Opportunismus
Beispiele:
er hat aus Opportunismus so gehandeltQuelle: WDG, 1974
Auch sie [Annegret Kramp-Karrenbauer] steht weiterhin für eine Außen‑ und Sicherheitspolitik nach dem Motto: vollmundige Tatenlosigkeit. Es dominiert ein innenpolitisch motivierter Opportunismus. Jeder weiß, dass in Deutschland mit Sicherheitspolitik beim Wähler nicht zu punkten ist. [Die Welt, 05.08.2019]
»Er [Boris Johnson] glaubt an nationale Souveränität, das ist sicher. Wie viele können von sich behaupten, ihre Meinung zum Brexit so gründlich überdacht zu haben?«, verteidigt Johnson den Sohn, der 2016 zwei gegensätzliche Essays verfasst hatte, bevor er sich für das Pro‑Ausstiegslager entschied. War es nicht vielmehr politischer Opportunismus, weil das Anti‑EU‑Ticket bei den Konservativen die bessere Karriere verhieß? [Welt am Sonntag, 28.07.2019, Nr. 30]
Wer von den jungen Autoren der 1960er eine offizielle Karriere [in der Sowjetunion] machte und wer nicht, versuchte man natürlich zu erklären. Je nach Gesinnung konnten die »Erfolgreichen« des Opportunismus bezichtigt werden oder bei den anderen ein Mangel an Talent vermutet werden. [Süddeutsche Zeitung, 05.12.2018]
Stresemann, eine große Intelligenz und bedeutende rednerische Begabung, mehr ein Mann des klugen Opportunismus als tiefverwurzelter staatsmännischer Überzeugungen, erlebte aber noch vor seinem Tode 1929 die Gefährdung seiner Politik durch die hereinbrechende Weltwirtschaftskrise. [Die Zeit, 25.04.1946, Nr. 10]
Anstatt ihre Schwächen auszugleichen, sind SPD und CDU in der Großen Koalition dazu übergegangen, ihre Opportunismen zu addieren: Gibst du der Ehefrau, die freiwillig keinen Job hat, eine Lohnersatzleistung, dann bekommst du von mir einen Aufschlag aufs Arbeitslosengeld. [Die Zeit, 18.05.2006, Nr. 21] ungewöhnl. Pl.
2.
DDR Bezeichnung für eine sozialdemokratische oder sonstige linke, aber nicht gemäß dem Marxismus-Leninismus kommunistische Haltung
Kollokationen:
in Koordination: Opportunismus und Revisionismus
Beispiele:
der Opportunismus gibt das Ziel des proletarischen Klassenkampfes aufQuelle: WDG, 1974
Die auf dem Gründungsparteitag anwesenden 35 Delegierten, die rund 38.000 Mitglieder vertraten, betonten in einer einstimmig angenommenen Resolution, daß die KAPD (= Kommunistische Arbeiter-Partei Deutschlands) auf dem Boden der III. Internationale stehe. Gleichzeitig bezichtigten sie die KPD des rechten Opportunismus, forderten deren Ausschluß aus der KI (= Kommunistischen Internationalen) und erklärten, daß die KAPD den Kampf gegen die KPD führen müsse. [Neues Deutschland, 11.08.1990]
Mit der neu geschärften Waffe des wissenschaftllchen Sozialismus sollen vor allem die Anstrengungen der Reaktion und der Opportunismus der SPD bekämpft werden. [Berliner Zeitung, 29.01.1947]
das große politische Gut, das ihnen durch den Kampf der linken Arbeiter gegen den Opportunismus zur Verfügung stand [Thälm. Reden 1,381]Quelle: WDG, 1974

Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

opportun · Opportunität · Opportunist · Opportunismus
opportun Adj. ‘genehm, gelegen, angebracht, der Gelegenheit folgend’, entlehnt (1. Hälfte 18. Jh., vielleicht früher) aus gleichbed. lat. opportūnus, eigentlich (aus der Seemannssprache) ‘zur Fahrt bequem’ (vom Wind), vgl. lat. portus ‘Einfahrt, Hafen’. Opportunität f. ‘passende Gelegenheit, Zweckmäßigkeit der Lage’ (17. Jh.), aus gleichbed. lat. opportūnitās (Genitiv opportūnitātis). Adjektiv und Substantiv werden unter dem Einfluß von frz. opportun und opportunité zum Schlagwort in Politik und Diplomatie. Opportunist m. ‘wer sich anpaßt, Gelegenheiten nutzt’ (Mitte 19. Jh.), dann ‘wer seine Politik aus Nützlichkeitserwägungen den Zeitumständen anpaßt, Vertreter des Opportunismus’ (2. Hälfte 19. Jh.), nach ital. opportunista, frz. opportuniste, letzteres zunächst für einen Vertreter der gemäßigten Republikaner unter Gambetta. Opportunismus m. ‘Gelegenheitspolitik, bereitwillige und rasche Anpassung an die politische Lage’ (Ende 19. Jh.), nach frz. opportunisme ‘politische Lehre, die das Vorgehen von den Umständen abhängig macht’, ital. opportunismo.

Thesaurus

Synonymgruppe
Gesinnungslosigkeit · Opportunismus · ↗Prinzipienlosigkeit
Oberbegriffe

Typische Verbindungen zu ›Opportunismus‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Opportunismus‹.

Zitationshilfe
„Opportunismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Opportunismus>, abgerufen am 20.10.2020.

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