Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Patriarch, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Patriarchen · Nominativ Plural: Patriarchen
Aussprache  [patʀiˈaʁç]
Worttrennung Pa-tri-arch · Pat-ri-arch
Wortbildung  mit ›Patriarch‹ als Erstglied: Patriarchade · Patriarchenbart · patriarchal · patriarchisch
 ·  mit ›Patriarch‹ als Grundform: Patriarchat
Herkunft zu patriárchēsgriech (πατριάρχης) ‘Erzvater’ sowie Ehrenbezeichnung für die bedeutendsten Bischöfe, eigentlich ‘Erster des Stammes’ < patriágriech (πατριά) ‘Abstammung, Geschlecht, Stamm, Großfamilie’ + ‑archēsgriech (‑αρχης) ‘Oberhaupt’ < árcheingriech (ἄρχειν) ‘der erste sein, Führer sein, herrschen’
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutungen

1.
Erzvater, Stammvater (des jüdischen Volks)
Beispiele:
Still ist es in der Höhle der Patriarchen, wo Abraham, der Stammvater Israels, auf den sich auch die Christen und die Muslime berufen, sowie andere Erzväter und ‑mütter angeblich begraben liegen. [Neue Zürcher Zeitung, 01.02.2007]
Er gilt als der »Urstammvater«: Abraham aus Ur im Lande der Chaldäer, dort, wo der Euphrat im Irak seinen Lauf zum Persischen Golf fortsetzt[…]. Als Stammvater vieler Völker wird dieser Abraham verehrt, als Patriarch dreier monotheistischer Religionen: des Judentums, der Christenheit und des Islam. Auch ist er – wie es die Evangelien der Bibel nach Matthäus und Lukas auflisten – Urvater des Jesus in Bethlehem. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2002]
Patriarchen, 1. im bibl. Sinn die Erzväter des AT [Alten Testaments], d. h. die 10 Urväter von Adam bis Noah und die 10 Stammväter von Noah bis Abraham; vielfach ist der Begriff auf die Stammväter Israels (Abraham, Isaak, Jakob) beschränkt. [Olbrich, Harald (Hg.): Lexikon der Kunst. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1993], S. 24977]
2.
Nachfahre der Stammväter
a)
Religion in der orthodoxen und katholischen Kirche   Bischof (1) höchsten Ranges, Erzbischof, der einem Patriarchat (1) vorsteht; Amt, Titel eines Bischofs mit Patriarchat
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: der ökumenische, russisch-orthodoxe, lateinische Patriarch
als Dativobjekt: dem Patriarchen unterstehen
als Akkusativobjekt: den Patriarchen empfangen, besuchen
in Koordination: Papst, Metroplit, Erzbischof und Patriarch
Beispiele:
Jahrhundertelang unterstand die orthodoxe Kirche der Ukraine dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul – ab 1686 unterstand sie dem Moskauer Patriarchen. [Süddeutsche Zeitung, 15.12.2018]
Es geht nur vordergründig um die Frage, ob der Patriarch von Konstantinopel jene ukrainisch‑orthodoxe Kirche anerkennen darf, die nicht mehr dem Moskauer Patriarchat angehören will, und was das für jene Christen in der Ukraine bedeutet, die sich nicht von Moskau lösen wollen[…]. Es geht um die Verbindung von Religion und Macht[…]. [Süddeutsche Zeitung, 17.10.2018]
Nach dem Ableben des israelfreundlichen Patriarchen Benediktos 1980 wurde Karivalis am 16. Februar 1981 mit Unterstützung der palästinensischen Gläubigen des orthodoxen Jerusalemer Patriarchats als Diodoros I. in der Grabeskirche inthronisiert. [Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2000]
Der Kaiser […] ernannte jetzt aus eigener Machtvollkommenheit einen Paulos zum Patriarchen von Alexandreia und stattete ihn mit Vollmachten aus, die denen eines kaiserlichen Gouverneurs entsprachen. [Jedin, Hubert (Hg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1973], S. 2575]
Es ist ungewiß, ob der Bischof von Verona damals Suffraganbischof des Metropoliten von Mailand war; mit Sicherheit unterstand jedoch die Diözese Verona im 5. Jh. dem Patriarchen von Aquileia. [Mischiati, Oscar / Paganuzzi, Enrico: Verona. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1966], S. 77679]
b)
das älteste und ehrwürdige männliche Familienoberhaupt, das dem Familienverband, der Sippe (2) vorsteht
Beispiele:
Fühlt er sich als Patriarch der Familie? »Es gibt bei uns keinen Patriarchen mehr. Ein Patriarch kann wohl der Vater sein, aber nicht der große Bruder.« Tatsächlich spricht Gian Marco nicht wie ein Familienoberhaupt, sondern wie ein Sohn. [Die Zeit, 02.08.2007]
Ihr [Lola Shoneyins] bislang in sieben Sprachen übersetzter Roman »Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi« handelt vom Leben einer polygamen Familie, die in die Krise gerät, als sich der Patriarch eine vierte Frau nimmt. [Die Welt, 12.05.2018]
Mütterlichkeit ist Zuwendung, Fürsorge, Opferbereitschaft. Was und wer […] Vater ist, darüber gab es bis zur Erfindung des sicheren Vaterschaftstests nicht einmal die einfachsten Gewissheiten. Dafür aber starke kulturelle Leitbilder, die sich über die Zeiten stark gewandelt haben. Es ist auch eine Befreiung, wenn Männer nicht erst Patriarch, Ernährer, Familienvorstand werden müssen, um Väter zu sein. [Die Zeit, 03.08.2010]
Nur in der Horde haben sie [Affen] eine Existenzmöglichkeit. Jüngere Männchen, denen der Patriarch der Sippe den Aufstieg verwehrt, verlassen häufig die Stammgruppe. Sie schließen sich dann, wie dies auch bei anderen Tieren vorkommt, zu »Junggesellenvereinen« zusammen[…]. [Natzmer, Gert von: Tierstaaten und Tiergesellschaften, Berlin: Safari-Verl. 1967, S. 188]
Spätestens auf dem Akademikerball[…] würde ich wissen, welche ich nehmen wollte, würde mit ihr tanzen; ich würde gut zu ihr sein, sie lieben, und sie würde mir Kinder gebären, fünf, sechs, sieben, die würden heiraten und mir Enkel schenken[…], und während ich den Hufen nachlauschte, die sich entfernten, sah ich meine Enkelschar, sah ich mich als achtzigjährigen Patriarchen über dieser Sippe thronen, die ich zu gründen gedachte[…]. [Böll, Heinrich: Billard um halb zehn, Leipzig: Insel-Verl. 1961 [1959], S. 81]
verächtlich (selbsternanntes) männliches Familienoberhaupt, das die Familie auf oft anmaßende Weise beherrscht; machohafter Mann, der sich über Frauen erhebt
Kollokationen:
in vergleichender Wort-/Nominalgruppe: sich als Patriarch fühlen
Beispiele:
In einer Welt, die von schnittigen Entscheidertypen, Patriarchen und Machos von einer Krise in die nächste gestürzt wird, scheint der prokrastinierende Schluffi wieder zu einem begehrten Sexsymbol und Rollenmodell zu werden. [Die Zeit, 14.05.2017 (online)]
Die Schicksale junger Mädchen, die bedroht oder ermordet werden, wenn sie sich dem Willen ihrer Familie widersetzen, sind bekannt. Zwangsverheiratung von Männern ist jedoch kein Thema. Der türkische Mann ist Patriarch und Pascha, vielleicht auch ein gewalttätiger Unterdrücker – aber ein Opfer? [Die Welt, 18.01.2011]
Wer soll amtlich feststellen, wer das Bad gereinigt hat, das Frühstück zubereitete. Soll in jedem Haushalt so eine Art geschulter Blockwart eindringen dürfen, um sicherzustellen, daß die Machos, die Patriarchen oder die Tyrannen tatsächlich 50 Prozent der Kinder auf den Topf gesetzt haben? [Welt am Sonntag, 23.05.1999]
Thomas Mann war ja gar kein Patriarch und Chauvi, sondern ein halb entrückter Träumer, der alle wesentlichen Entscheidungen seiner Frau überließ. [Die Welt, 22.02.2003]
Paschas und Patriarchen dürfen sich freuen: Ihre Untreue ist in ihren Genen vorprogrammiert, ihre Doppelmoral hat biologische Wurzeln. So verkünden es seit Jahren Genforscher und Biologen vorwiegend männlichen Geschlechts, und so plappern es ihnen gewisse Journalisten eifrig nach […]. [die tageszeitung, 27.04.1995]
Wenn es aber jetzt auch noch um Inhalte geht, die dem Patriarchat unbequem sind, und wenn Sie bedenken, daß die Presse total männerbeherrscht und daß jeder Mann in irgendeiner Ecke seines Bewußtseins ein kleiner Patriarch ist, dann kommt da schon eine Menge von Widerständen zusammen. [Die Zeit, 19.12.1975]
3.
mit großer Autorität ausgestatteter Führer, Leiter in einem bestimmten Bereich; väterliche Person, der in einem bestimmten Aufgabenbereich der Nachwuchs untersteht
Beispiele:
[…] die Autorität des Fraktionschefs hat unter dem Streit gelitten. Bislang erlebten die sozialdemokratischen Abgeordneten ihren Vorsitzenden als brummigen, aber am Ende gutmütigen Patriarchen. Nun lernten sie Peter Struck von einer anderen Seite kennen. [Der Spiegel, 05.02.2007]
Boris Becker, 30, darf sich hierzulande als der Patriarch des Tennis fühlen, vom Nachwuchs bis zur Nationalmannschaft ist ihm vertraglich fast alles untertan. [Berliner Zeitung, 25.05.1998]
Der Maler Cimabue wird zum Begründer der neuen toskanischen Kunst nach der »Sintflut« des Mittelalters […]. Anschliessend erscheint sein Schüler Giotto als Patriarch und »Abraham« der neuen Kunst. [Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2015]
Das Bindestrichland [Nordrhein-Westfalen] von Kohle und Stahl verstand sich […] stets als soziales Gewissen der Bonner Republik. Es war der CDU‑Ministerpräsident Karl Arnold, der diese Aufgabe gegenüber Adenauer immer wieder betonte. Zwar konnte Arnold die Große Koalition in Düsseldorf gegen den rheinischen Patriarchen nicht behaupten, doch gab es in NRW seither immer eine Art informeller »sozialer Koalition« zwischen den beiden großen Parteien. [Die Zeit, 04.11.1999]
Thomas Langhoff [Intendant der Berliner Schaubühne], Sie werden jetzt Sechzig, Gratulation! Fühlen Sie sich hier, auf einem Sofa neben Thomas Ostermeier [junger Regisseur an der Schaubühne], schon als Patriarch – neben einem erfolgreichen Schüler? LANGHOFF: Ich fühle mich nicht wie ein Patriarch, ich fühle mich nur in gewissen Dingen pragmatisch überlegen. Aus Erfahrung, und damit versuche ich, Herrn Ostermeier zu helfen. [Der Tagesspiegel, 08.04.1998]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Patriarch · Patriarchat · patriarchisch · patriarchalisch
Patriarch m. Amts-, Ehrentitel einiger römisch-katholischer (Erz)bischöfe, Titel für oberste Geistliche der christlichen Ostkirchen, in der Bibel ‘Stammvater’ der Israeliten, ‘Erzvater’, danach auch ‘ältestes männliches Familienoberhaupt, ehrwürdiger Greis’, ahd. patriarcho (um 1000), mhd. patriarche, patriarke, patriarc ‘Kirchenoberhaupt, Stamm-, Erzvater’ ist eine Entlehnung aus kirchenlat. patriarcha, patriarchēs, griech. patriárchēs (πατριάρχης) ‘Erzvater’ sowie Ehrenbezeichnung für die bedeutendsten Bischöfe, eigentlich ‘Erster des Stammes’; aus griech. patriá (πατριά) ‘Abstammung, Geschlecht, Stamm, Großfamilie’, zu patḗr (πατήρ) ‘Vater’, und -archēs (-αρχης) ‘Oberhaupt’, zu árchein (ἄρχειν) ‘der erste sein, Führer sein, herrschen’. Patriarchat n. (auch m., besonders fachsprachlich) ‘Würde, Amtsbereich eines Patriarchen’ (16. Jh.), aus gleichbed. mlat. patriarchatus; dann auch ‘Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft mit besonders herausragender Stellung des Vaters als Sippenoberhaupt, Vaterrecht’ (19. Jh.). patriarchisch Adj. ‘nach der Art eines Patriarchen, ehrwürdig, altväterlich’ (16. Jh.). Daneben (spätlat. patriarchālis folgend) gleichbed. patriarchalisch Adj. (18. Jh.), das auch die Bedeutung ‘vaterrechtlich’ annimmt (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Familienältester · Pascha · Patriarch

Typische Verbindungen zu ›Patriarch‹ (berechnet)

Grab Grabmal Herbst Kopte Maronit Ostkirche Sitz Zedernstaat alexandrinisch armenisch chaldäisch greis griechisch-orthodox gütig jakobitisch konstantinopler konstantinopolitanisch koptisch lateinisch lateinische maronitisch melkitischen moskauer oekumenische orthodox residierend russisch-orthodox serbisch-orthodox uniert ökumenisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Patriarch‹.

Zitationshilfe
„Patriarch“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Patriarch>.

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