Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Pluralismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Pluralismus · wird nur im Singular verwendet
Aussprache  [pluʀaˈlɪsmʊs]
Worttrennung Plu-ra-lis-mus
Wortzerlegung Plural -ismus
Herkunft Plural
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutungen

1.
bildungssprachlich
a)
innerhalb einer Gesellschaft, eines Staates (in allen Bereichen) vorhandene Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender und miteinander um Einfluss, Macht konkurrierender Gruppen, Organisationen, Institutionen, Meinungen, Ideen, Werte, Weltanschauungen usw.
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: religiöser, kultureller Pluralismus
hat Präpositionalgruppe/-objekt: Pluralismus in der Gesellschaft, Kirche, den Medien
als Akkusativobjekt: Pluralismus gewährleisten, garantieren, anerkennen, akzeptieren, fördern, ermöglichen
in Koordination: Gewaltenteilung, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus
in Präpositionalgruppe/-objekt: ein Plädoyer für Pluralismus; ein Bekenntnis zum Pluralismus
Beispiele:
Zu den Begriffen, die durch häufigen Gebrauch ihren unzweideutigen Sinn verloren haben, gehört auch der des Pluralismus. In der Politischen Wissenschaft versteht man darunter das gleichberechtigte, durch grundrechtliche Garantien geschützte Nebeneinanderexistieren und ‑wirken einer größeren Zahl sozialer Gruppen in einem Staat. Freilich ist umstritten, ob es sich dabei um eine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit oder um eine Manipulation jener Gruppen handelt, welche die anderen majorisieren wollen. [Die Zeit, 27.10.1972]
Das Faktum des Pluralismus und die Suche nach Gerechtigkeit, Fragen nach einem übergreifenden Konsens und die Hoffnung auf öffentlichen Vernunftgebrauch – das sind Themen, die auch die heutige Zeit noch beschäftigen. [Süddeutsche Zeitung, 20.02.2021]
[…] im Gegensatz zu den freien Reichsstädten, wo man oft sehr abgeschieden und selbstgenügsam vor sich hin lebte, kannten die Reichsfürsten sich oft untereinander, waren bisweilen sogar verwandtschaftlich verbunden. Was hat nicht, bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein, ihre Residenzkultur vor allem an kulturellem Reichtum und Pluralismus mit sich gebracht. [Die Welt, 07.05.2020]
[…] das Plädoyer für den Rückzug des Staates [England], für Eigenverantwortung und Pluralismus standen quer zur Weigerung, Schottland und Wales größere Autonomie zuzugestehen. [Die Zeit, 12.10.2000]
[…] die griechische Gesellschaft, das heißt die Sozialstruktur der griechischen Welt, besaß trotz einer oszillierenden Oberfläche eine eminente Konsistenz und ruhte durch Jahrhunderte ungeachtet aller politischen Umstürze fest in sich selbst. Dagegen brachte es die griechische Politik in ihrer gesamten Geschichte niemals zu einer verbindlichen äußeren Organisation, alle Staatlichkeit äußerte sich stets in einem vielfältigen Pluralismus. [Heuß, Alfred: Einleitung. In: Propyläen Weltgeschichte. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 3170]
b)
politische Anschauung, Grundeinstellung, nach der Pluralismus (1 a) erstrebenswert ist
Beispiele:
Pluralismus heißt zunächst, daß ich den Wahrheitsanspruch anderer ebenfalls gelten lasse und meinen eigenen Wahrheitsanspruch, den ich tapfer vertrete, nicht mit Gewalt, sondern allein mit der Kraft des Argumentes durchzusetzen versuche. [Die Welt, 25.07.2005]
Wer das Ende der liberalen Demokratie herbeiführen will, will eine andere Gesellschaft. Es geht um Autoritarismus gegen Pluralismus, um Demokratie gegen Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. [Süddeutsche Zeitung, 18.12.2020]
[…] agieren die Goethe‑Institute, vor allem außerhalb Europas, heute eher durch behutsame Interventionen in lokalen Debatten und Szenen. Leisten dort zivilgesellschaftliche Unterstützung, helfen hier Künstlern, geben dort Leuten ein Podium, die sonst keines hätten. Exportiert wird also nicht so sehr deutsche Kultur, sondern deutsche und europäische Werte: Meinungsfreiheit, Pluralismus, Menschenrechte. [Süddeutsche Zeitung, 12.11.2020]
1964 erschien seine [Ernst Fraenkels] Aufsatzsammlung »Deutschland und die westlichen Demokratien«: eine kritische Auseinandersetzung mit plebiszitären und autoritären Illusionen und ein leidenschaftliches Plädoyer für politischen Pluralismus […]. [Die Welt, 29.08.2020]
2.
Philosophie philosophische Anschauung, Theorie, nach der die Wirklichkeit aus vielen selbstständigen Prinzipien besteht, denen kein gemeinsames Grundprinzip zugrunde liegt
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: weltanschaulicher, postmoderner Pluralismus
Beispiele:
Auf den Spuren von Kant, Hegel und Marx war Adorno wohl einer der letzten Denker der klassischen Philosophie, die fern von Liberalismus und Pluralismus der Erkenntnis allgemein gültiger Einsichten nachspürten – immer bestrebt, das Wahre, Schöne und Erhabene für alle fassbar zu machen. [Der Standard, 05.10.2003]
Politischer Liberalismus hält, wenn man dem Philosophen John Rawls folgen will, den Pluralismus von religiösen, philosophischen, politischen und moralischen Überzeugungen für das »natürliche Ergebnis des Gebrauchs der menschlichen Vernunft« in einer freien Gesellschaft. [Süddeutsche Zeitung, 03.09.2015]
Unter der Bedingung des Pluralismus gibt es selbstverständlich unterschiedliche Begründungszugänge, die gleichermaßen Legitimität beanspruchen können, religiöser wie philosophischer Natur […]. [Die Zeit, 03.01.2008]
Der Pluralismus findet seine Stütze in der Theorie des Bewußtseinsstroms, die in der Phänomenologie durch Husserl und in der Literatur durch Joyce zur Berühmtheit gelangt ist. [Der Psychologe William] James interpretiert Bewußtsein nicht als Verknüpfung von Vorstellungen, sondern als gleitende Abfolge von Zuständen mit unbestimmten Rändern. Die Unbestimmtheit macht es möglich, daß heterogene Inhalte zwangslos ineinander übergehen. Mit diesem Modell bereitet James den postmodernen Pluralismus der Denkformen vor, der eine »transversale Vernunft« als Quereinsteiger auf den Plan ruft. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.1995]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Plural · Mehrzahl · pluralisch · Pluralismus · Pluralist
Plural m. (grammatischer Terminus) ‘Mehrzahl’ (2. Hälfte 17. Jh.), zuvor Plural Numerus (Anfang 17. Jh.), nach lat. (numerus) plūrālis ‘in der Mehrzahl stehend’ (eigentlich ‘aus mehreren bestehend’), substantiviert ‘Mehrzahl’, abgeleitet von lat. plūs (Genitiv plūris) ‘mehr’ (s. plus). In frühen Grammatiken übersetzt mit merleiche Zal (um 1400), der merlich (15. Jh.), merere Zal, Vielheit (Mitte 17. Jh.), Mehrheit (bei Adelung neben Plural), vielfache Zahl (ebenfalls 18. Jh.), seit um 1800 Mehrzahl f. pluralisch Adj. (17. Jh.). Pluralismus m. ‘Gemeinsinn, Gemeingeist, Nächstenliebe’ (Kant, Ende 18. Jh., im Gegensatz zu Egoismus), dann eine politische Auffassung, die ein gleichberechtigtes Nebeneinander von unterschiedlichen Meinungen, Macht- und Interessengemeinschaften erstrebt (20. Jh.). Pluralist m. ‘Vertreter, Anhänger des Pluralismus’ (zuerst Wolff, 18. Jh.).

Thesaurus

Politik
Synonymgruppe
Pluralismus  griechisch [Hinweis: weitere Informationen erhalten Sie durch Ausklappen des Eintrages]
Antonyme

Typische Verbindungen zu ›Pluralismus‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Pluralismus‹.

Zitationshilfe
„Pluralismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Pluralismus>.

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