Polyphonie, die

Alternative Schreibung Polyfonie
Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Polyphonie · Nominativ Plural: Polyphonien
Aussprache [polyfoˈniː]
Worttrennung Po-ly-pho-nie · Po-ly-fo-nie
Grundform polyphon
Rechtschreibregel § 32 (2)
Herkunft zu polýphōnosgriech (πολύφωνος) ‘vielstimmig’ < polýsgriech (πολύς) ‘viel, zahlreich’ + phōnēgriech (φωνή) ‘Stimme’
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Musik Mehrstimmigkeit in einem Musikstück, die sich durch weitgehende Gleichwertigkeit der einzelnen Stimmen auszeichnet
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die kunstvolle, orchestrale Polyphonie
Beispiele:
Drei Männer, die mehrstimmig a cappella singen – Korsen sind Meister der Polyfonie: Das versetzte Singen erzeugt den Eindruck von Hall und ist so komplex, dass die Volksmusik auf die Welterbeliste kam. [Welt am Sonntag, 17.03.2019]
Die Polyphonie der Schlussfugen bietet Gelegenheit, das Können des Komponisten und die Brillanz der Interpreten zu exponieren. [Badische Zeitung, 16.02.2021]
Als Polyphonie (Polyfonie) wird die Unabhängigkeit und Selbständigkeit verschiedener Stimmen in einem Musikstück beschrieben. [Polyphonie in der Musik – einfach erklärt, 21.04.2020, aufgerufen am 01.09.2020]
Die zehn Jahre, die zwischen uns lagen, haben wir später oft vergessen, wenn wir miteinander unsere Sonaten spielten, die Stimmen ineinandergeflochten, eine Polyfonie, die ich beim Schreiben immer noch suche. [Die Zeit, 18.02.2016]
allgemeiner Gleichzeitigkeit, Nebeneinander verschiedener Stimmen, Perspektiven o. Ä.
Beispiele:
Die illustre Gesellschaft befindet sich nach ein paar Gläsern in einem Zustand gelassenster Heiterkeit. Jeder spricht. Manche miteinander, manche stillvergnügt mit sich selber. […] Die vielen Stimmen ergeben eine kunstvolle Polyphonie. Wer vom Vorraum aus hineinhört, den mag es an ein gregorianisches Gotteslob erinnern. [Berliner Zeitung, 26.07.2003]
Die Schriftstellerin attestierte […] der Literatur eine Erzählkrise angesichts des Stimmenchaos und der Polyphonie, die sich in den sozialen Medien verbreiteten und nur noch als unklares Rauschen vernehmbar seien. [Die Welt, 09.12.2019]
Alle Tische sind besetzt, der Raum ist erfüllt von einer Polyfonie aus Fetzen angeregter Gespräche und schepperndem Geschirr. [Die Gastro-Friedensstifter, 18.12.2015, aufgerufen am 01.09.2020]
Polyfonie [Überschrift] Handys[,] die mehrstimmige Klingeltöne wiedergeben können, werden als polyfon bezeichnet. [Bild am Sonntag, 03.11.2002]
Bei einer »Indischen Nacht« soll bei Musik und Tanz die Polyphonie der Stimmen des riesigen Landes hörbar werden. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2002]
2.
Musik Kompositionstechnik, die den einzelnen Stimmen große Eigenständigkeit gewährt und den Kontrapunkt als begleitendes Element einsetzt
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die niederländische, klassische, Bach’sche Polyphonie
mit Genitivattribut: Polyphonie der Renaissance
als Genitivattribut: ein Meister der Polyphonie
Beispiele:
Sie kennen sicherlich die Kritik, die Adolph Scheibe an Bach übte. Abt Vogler ging sogar so weit, Bachs Motetten zu korrigieren, sie von »den üblen Durchgängen« zu befreien. Dahinter steht natürlich ein verändertes ästhetisches Ideal: von der barocken Polyphonie zur klassischen Homophonie. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.1999]
Seit 2002 arbeitet der Komponist [Martón Illés] an einer Werkgruppe, die er »Scene polidimensionali« nennt. Es handelt sich dabei um Stücke meist kammermusikalischer Besetzung, in denen er eine Extremform der Polyfonie realisiert: Die einzelnen Instrumente oder Instrumentengruppen […] verfolgen ihre melodischen Linien in grosser Unabhängigkeit voneinander; es gibt keine gemeinsame Harmonie und keinen gemeinsamen Puls, der als zusammenhangstiftendes Element eingesetzt wird. [Neue Zürcher Zeitung, 11.01.2010]
Palestrinas hochkomplizierte, aber rein vokale Polyphonie galt und gilt den katholischen Kirchenvätern seit dem Tridentinum [kirchliches Konzil im 16. Jahrhundert] bis in unsere Tage als die allein dem Kult voll angemessene mehrstimmige Musik. [Die Zeit, 09.12.1983]
Als Komp. (= Komponist) geistl. Musik begann Ruffo in den Jahren kurz nach 1540. Da er am hochentwickelten ndl. Stil geschult war, legte er seine Motetten von 1542 und 1555 vorwiegend in imitierender Polyphonie an. [Lockwood, Lewis: Ruffo. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1963], S. 64748]
Polyphonie, Vielstimmigkeit eines Musiksatzes bei voller melodischer Selbständigkeit jeder einzelnen Stimme. [Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1906], S. 58944]
bildlich[Das Theaterstück] »Ça ira« rekapituliert weniger die Ereignisse [zwischen 1787 und 1789], als dass es Stimmungen und Ideenströmungen der genannten Zeitspanne in eine atemraubende Theaterform zwingt. […] Hauptfiguren sind die Nationalversammlung mit ihren zerstrittenen Fraktionen und das nicht minder gespaltene Pariser Volk. Das zeitigt eine spannungsgeladene, oft geradezu explosive Polyfonie, bei der jede momentweise hervortretende Stimme sogleich durch Zwischenrufe, Protestschreie und Widerreden kontrapunktiert wird. [Neue Zürcher Zeitung, 09.11.2015]

letzte Änderung:

Typische Verbindungen zu ›Polyphonie‹, ›Polyfonie‹ (computergeneriert)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Polyphonie‹.

Zitationshilfe
„Polyphonie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Polyphonie>, abgerufen am 23.01.2022.

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