Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Pragmatismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Pragmatismus · Nominativ Plural: Pragmatismen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [pʀagmaˈtɪsmʊs]
Worttrennung Prag-ma-tis-mus
Herkunft zu prãgmagriech (πρᾶγμα) ‘Tat, Tätigkeit’ (pragmatisch)
ZDL-Vollartikel

Bedeutungen

1.
Handlungsweise, die stärker vom Machbaren bzw. Erreichbaren bestimmt als vom Wünschenswerten oder von Idealen geleitet wird
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: kühler, nüchterner, purer, schierer Pragmatismus; gesunder, erfrischender, ideologiefreier, prinzipienloser, zynischer Pragmatismus
als Akkusativobjekt: Pragmatismus beweisen, pflegen, zeigen
in Präpositionalgruppe/-objekt: einen Sinn für Pragmatismus haben; für Pragmatismus plädieren
in Koordination: Pragmatismus und Flexibilität
als Aktivsubjekt: Pragmatismus dominiert, herrscht vor, setzt sich durch
hat Präpositionalgruppe/-objekt: Pragmatismus im Umgang mit etw., in der Politik
als Prädikativ: etw. als Pragmatismus bezeichnen
Beispiele:
Ein kluger Pragmatismus ist jetzt gefragt, der auf große Visionen, die endgültige Lösungen versprechen, verzichtet. [Der Tagesspiegel, 18.06.2017]
Für das Gelingen des Projekts waren mehrere Faktoren entscheidend: eine Vision, eine Strategie und ein langer Atem, gepaart mit Pragmatismus und Flexibilität. [Nachhaltigkeit bedeutet Transformation, 30.11.2021, aufgerufen am 01.12.2021]
»Die Güte eines politischen Systems zeigt sich nicht darin, dass es irgendwelchen Idealen entspricht, sondern in seiner Fähigkeit, sich die Dienste der Besten seiner Bürger zu sichern und eine stabile und leistungsfähige Regierung herzustellen«, sagte Berry auf Deutsch und mit typisch angelsächsischem Pragmatismus. [Hamburger Abendblatt, 19.11.2016]
Wer das verstanden hat und wer sich überdies bewußt ist, daß auch das beste menschliche Handeln mit dem Risiko der Unvollständigkeit und Fehlbarkeit behaftet ist, der wird sich, wenn es zu einem Ziel – wie meist – mehrere Wege gibt, überhaupt nicht dogmatisch für den einen und gegen alle anderen entscheiden, sondern er wird dem Gebot des Pragmatismus folgen und mehrere Wege nebeneinander beschreiten. [Die Zeit, 06.09.1996]
Vorerst ist der Unmut des linken Flügels nicht mehr als eine Warnung, daß die sozialistischen Ideale nicht völlig dem Pragmatismus geopfert werden dürfen. [Die Zeit, 03.06.1966]
Die Vokabel »Zukunftsmusik« gilt gemeinhin als etwas, das noch in der Ferne liegt, weswegen man die Beschäftigung damit gerne den täglichen Pragmatismen opfert. [Döbelner Allgemeine Zeitung, 01.10.2019] ungewöhnl. Pl.
2.
Philosophie philosophische Strömung, die von dem Leitgedanken ausgeht, dass der Gehalt, die Bedeutung einer Aussage oder Theorie von den Ergebnissen der daraus folgenden Handlungen her bestimmt werden sollte
siehe auch Idealismus (2)
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: der angelsächsische Pragmatismus
in Koordination: Pragmatismus und Idealismus, Realismus, Positivismus
als Genitivattribut: die Philosophie, der Geist des Pragmatismus
Beispiele:
Der Harvard‑Professor William James, […] Verfasser eines einschlägigen Lehrbuchs der Psychologie, hat dem Pragmatismus, der den Handlungserfolg zur Richtschnur philosophischer Reflexion macht, seine klassische Formulierung gegeben. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.1995]
Er [der Philosoph Richard Rorty] versuchte zu zeigen, dass Wahrheit nicht die akkurate Darstellung der Realität, sondern ein Instrument zur erfolgreichen Realisation unserer Wünsche ist, und bekannte sich damit offen zur Tradition des philosophischen Pragmatismus à la [William] James. [Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2008]
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat bei uns die Philosophie des Pragmatismus ein erstaunliches Comeback erlebt – erstaunlich deshalb, weil das Denken der Begründer dieser Richtung, Charles Sanders Peirce und William James, lange Zeit von den deutschen Kollegen als Antiphilosophie abgetan und geradezu verachtet wurde: Das Vorurteil, die Pragmatisten erklärten schlichtweg das für wahr, was nützlich sei, hat sich früh festgesetzt und den Ausschluss von den höheren Weihen der Zunft bedeutet. […] Bis heute schreibt sich der Verdacht fort, Pragmatismus sei eine Schwundform instrumenteller Vernunft. [Die Zeit, 25.07.2002]
Der Pragmatismus will kein System sein, sondern eine Methode. Seinen zuerst von Peirce 1878 gebrauchten, aber erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Namen hat er davon, daß er die Wahrheit eines jeden Urteils nach seinen praktischen Konsequenzen bemißt. Wahr ist, was unser inneres Leben fördert, uns zu nützlichem Handeln antreibt und deshalb Befriedigung gewährt. [Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1913], S. 8573]
Der Pragmatismus läuft auf einen versteckten Optimismus hinaus, der sich bescheiden Meliorismus nennt; Philosophie, Wahrheit, Wissenschaft haben gar nicht richtig zu sein, sie sollen nur nützlich sein. [Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 26802]

letzte Änderung:

Thesaurus

Typische Verbindungen zu ›Pragmatismus‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Pragmatismus‹.

Zitationshilfe
„Pragmatismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Pragmatismus>.

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