Prosodie, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Prosodie · Nominativ Plural: Prosodien · wird selten im Plural verwendet
Aussprache  [pʀozoˈdiː]
Worttrennung Pro-so-die · Pros-odie
Wortbildung  mit ›Prosodie‹ als Erstglied: prosodisch
Herkunft zu prosōdíagriech (προσῳδία) ‘Betonung, Akzent’, eigentlich ‘was zum Gesang hinzukommt’ < prósgriech (πρός) ‘hinzu’ + ōdḗgriech (ᾠδή) ‘Gesang, Lied’
Duden, GWDS, 1999 und DWDS

Bedeutungen

1.
Verslehre Lehre von den für die Versstruktur bedeutsamen Erscheinungen der Sprache wie Silbenlänge, Betonung o. Ä.; Lehre von der Messung der Silben nach Länge und Tonhöhe
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die klassische Prosodie
Beispiele:
Bei Chars Gedicht handelt es sich weniger um nach den Regeln der Prosodie verfasste Lyrik als vielmehr um 27 programmatisch formulierte Beschwörungen und Provokationen, die als eigene Poetologie des Dichters gelesen werden können. [Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2015]
Kritische Zeitgenossen wussten schon vor der Reform, dass nur wenige Menschen die Voraussetzung für eine Beherrschung der osmanischen Hochsprache mitbrachten: Dazu gehörten gute Kenntnisse der arabischen und persischen Morphologie, ein umfangreicher Wortschatz in beiden Sprachen und die Elemente der klassischen Metrik und Prosodie. [Süddeutsche Zeitung, 08.01.2015]
[Schauspieler Fabrice] Luchini gilt beispielsweise als ein begnadeter Rezitator der Verse von La Fontaine. Hört man jedoch genau hin, verstösst er laufend gegen die Regeln der klassischen französischen Prosodie. [Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2009]
Doch warum schreibt ein polnischer Altphilologe, der über die »Prosodie der griechischen Lehnwörter bei Plautus« promoviert hat, Krimis? [Süddeutsche Zeitung, 29.01.2009]
Aber die frommen Dichter verstanden die klassische Prosodie nicht mehr. Sie machten unaufhörlich Donatschnitzer, schmückten dafür ihre Verse mit Alliterationen und Assonanzen aus und erfanden endlich die neue poetische Form, den Reim, dem wir schon bei Ambrosius begegnen. Humanisten und Oberlehrer mögen sich über den Versbau dieser altchristlichen Lyrik entsetzen. [Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1910], S. 25188]
2.
Dichtkunst rhythmische Gliederung eines poetischen WerksDWDS
Beispiele:
Wenn Sie ein Gedicht hören oder rezitieren, können Sie sich entweder stärker auf den Inhalt konzentrieren oder auf die Prosodie. [Welt am Sonntag, 01.02.2015]
[…] vier sonst nirgends vertonte Gedichte ergänzte der Komponist Stefan Heucke. Wobei der Ansatz der einzelnen Lieder dem Schumanns oft überraschend ähnelt, echte »Gegenvertonungen« selten sind. Stimmung und Prosodie von Heines Gedichten machen da wohl doch einiges an unausweichlichen Vorgaben. [Süddeutsche Zeitung, 22.09.2018]
In einem Interview mit der »NZZ« tat die Lyrikerin Monika Rinck Wagners Gedichte als »zum Sonett gestampfte Gartenmöbel« ab und insinuierte (= unterstellte) damit, dass sie inhaltlich derartig tumb seien, dass auch die Prosodie, die Wagner zweifellos beherrscht, nichts mehr wettmache. [Die Welt, 28.10.2017]
Im Wesentlichen hat [Dirigent Mario] Venzago die vokalen Melodien an Prosodie und Bedeutung der neuen Texte angepasst. [Neue Zürcher Zeitung, 15.09.2016]
Die Th. (= Thomaspsalmen) lassen eine westaramäische Grundlage erkennen und haben in Prosodie und Strophenbau frappante Parallelen in der Poesie der Mandäer. [Colpe, C.: Thomaspsalmen. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1962], S. 32745]
3.
Musik ausgewogenes Verhältnis zwischen musikalischen und textlichen Einheiten, von Ton und Wort
Beispiele:
Unter musikalischer Deklamation im engeren Sinne versteht man einen Teil der Prosodie, des Verhältnisses zwischen Ton und Wort: »richtige« oder »falsche« Betonung […] der Wörter mit Hilfe der Elemente der Musik, des Rhythmus und der Diastematie, d. i. des Höhenunterschiedes. [Engel, Hans: Deklamation. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1954], S. 16251]
[Manfred] Trojahn komponierte den Halbstünder für eine Beethoven‑Besetzung und den herausragenden Bariton Holger Falk. Der trägt das in einer transluziden Prosodie vor, halb gesungen, halb gesprochen, unaffektiert, bannend und berührend. [Die Welt, 05.03.2020]
Die Sänger wiederum überboten sich gegenseitig in der Pflege des Dauervibratos, blieben auf den Schlusssilben sitzen, als gäbe es keine Prosodie, und zeigten zum Teil erhebliche Mühe mit den Koloraturen. [Neue Zürcher Zeitung, 10.08.2013]
4.
Sprachwissenschaft für die Gliederung der Rede bedeutsame sprachlich-artikulatorische Erscheinungen wie Akzent, Intonation, Pausen o. Ä.
Kollokationen:
in Koordination: Grammatik und Prosodie
Beispiele:
Isabell Wartenburger und Sandra Hanne erforschen, wie wir einen Satz durch Tonfall, Akzente oder Intonation variieren. Das, was die Sprachwissenschaft als Prosodie bezeichnet, kann die Bedeutung des Gesagten stark verändern. [Der Tagesspiegel, 21.09.2019]
In Martinowitschs Parabel »Mova« berauschen sich die zeitgenössischen Dichter an den als »primitiv« und »bäuerlich« verrufenen Silben und Wörtern, der Prosodie der Sätze. [Der Tagesspiegel, 25.09.2020]
Schnell klärte sich, dass die Prosodie, also der Wortklang der Stimme während des Vorlesens[,] ein wichtiger Aspekt im frühkindlichen Vorlesen ist, welcher [sowohl] die Fantasie der Kinder, die Lust am Lesen und späteren Lernen als auch schlussendlich den eigenen Wortklang und die Aussprache des Kindes fördert. [Neue Westfälische, 23.03.2017]
Es muss natürlich ein gekonntes, interpretationsfähiges Sprechen sein, kein Privatjargon. Der Fachausdruck dafür lautet: »stilisierte Alltagssprache«. Diese klingt zwar wie die ganz gewöhnliche Alltagssprache. Aber der Unterschied zum privaten Sprechen, so H[…], liege »in den Gedankenimpulsen, die sich den Zuhörern über die Prosodie vermitteln«, also über Rhythmus, Melodie, Sprechgeschwindigkeit. [Süddeutsche Zeitung, 30.04.2016]
Er legt da gelegentlich Anschauungen über mittellateinische Prosodie und Grammatik zutage, die gerade in einer dem Mittellatein gewidmeten Zeitschrift stark befremden müssen. [Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1927, S. 187]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Prosodie f. Lehre von der Messung der Silben, der Versstruktur sowie der Intonation, entlehnt (17. Jh.) aus lat. prosōdia, griech. prosōdía (προσῳδία) ‘Betonung, Akzent’, eigentlich ‘was zum Gesang hinzukommt’, zu griech. ōdḗ (ᾠδή) ‘Gesang, Lied’ und prós (πρός) ‘hinzu’.

Thesaurus

Linguistik/Sprache
Synonymgruppe
Prosodie · Satzmelodie · Silbenbetonung · Wortakzent  ●  Prosodik  veraltet
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Prosodie‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Prosodie‹.

Zitationshilfe
„Prosodie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Prosodie>, abgerufen am 27.11.2021.

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