Realismus, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Realismus · wird nur im Singular verwendet
Aussprache
WorttrennungRe-alis-mus · Rea-lis-mus
HerkunftLatein
Wortbildung mit ›Realismus‹ als Letztglied: ↗Fotorealismus · ↗Neorealismus
eWDG, 1974

Bedeutungen

1.
historisch entstandene, der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstufe entsprechende künstlerische Gestaltungsprinzipien und Gestaltungsverfahren zur ästhetischen Aneignung der Wirklichkeit in der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur
Beispiele:
dieser Maler, Schriftsteller ist ein Vertreter des Realismus
die Werke Falladas sind bedeutende Schöpfungen des kritischen Realismus
die Methode des sozialistischen Realismus (= der künstlerischen Aneignung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung vom Standpunkt der revolutionären Arbeiterklasse, der sozialistischen Gesellschaft)
Nicht zufällig schuf Gorki gerade in den Jahren der Revolution von 1905 das erste Werk des sozialistischen Realismus [Aufbau1956]
2.
Denkweise, die sich auf die Wirklichkeit stützt, Wirklichkeitssinn
Beispiele:
sein Realismus bewahrte ihn oft vor Enttäuschungen
diese Erzählung zeigt ihn als Dichter von unerbittlichem Realismus
3.
Philosophie
a)
Sammelbezeichnung für erkenntnistheoretische Lehren, die von der Realität der Außenwelt ausgehen, ohne eine Entscheidung über deren Idealität oder Materialität zu treffen
Beispiel:
erkenntnistheoretischer, transzendentaler Realismus
b)
Lehre der mittelalterlichen Scholastik und des Neuthomismus, nach der die Allgemeinbegriffe das Wirkliche sind, das vor (und in) den Einzeldingen existiert
Beispiel:
der Widerstreit zwischen Nominalismus und Realismus
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

real · irreal · Realität · realisieren · Realismus · Surrealismus · surreal · Realist · realistisch · reell
real Adj. ‘dinglich, sachlich, wirklich, tatsächlich, der Wirklichkeit entsprechend’ (Mitte 17. Jh., vgl. schon Realwerk, Anfang 17. Jh.), entlehnt aus spätlat. reālis ‘wirklich’, mlat. ‘die Sache betreffend, sachlich, wesentlich’, zu lat. rēs ‘Sache, Ding, Wesen, Angelegenheit, Ereignis, Erscheinung, Interesse, Vorteil, Rechtssache’. Vielfach erstes Glied in Zusammensetzungen im Sinne von ‘auf die Wirklichkeit, auf die Praxis ausgerichtet, die Dinge betreffend’, vgl. Realschule, Reallexikon ‘Sachwörterbuch’, Realwissenschaften (18. Jh.), Realpolitik (19. Jh.). Dazu die verneinende Bildung (s. ↗in-) irreal Adj. ‘nicht wirklich, nicht der Wirklichkeit entsprechend’ (20. Jh.; vgl. frz. irréel, Ende 18. Jh.). Realität f. ‘Wirklichkeit, Tatsache, tatsächliche Beschaffenheit, künstlerische Wahrhaftigkeit’ (Mitte 17. Jh.), auch (meist im Plur., besonders in Bayern und Österreich) ‘Grundbesitz, Liegenschaften’ (Ende 18. Jh.), entlehnt aus mlat. realitas (Genitiv realitatis) ‘Sache, Ding, Wirklichkeit, Grund und Boden’. realisieren Vb. ‘(einen Gedanken, ein Vorhaben) verwirklichen, durchführen’ (Mitte 17. Jh.), speziell ‘Papiergeld in klingende Münze umsetzen, eine Sache zu Geld machen’ (Mitte 18. Jh.), heute auch ‘ein Musik-, Theaterstück aufführen, verfilmen’ (1. Hälfte 20. Jh.); entlehnt aus gleichbed. frz. réaliser (mfrz. realiser ‘ein Kapital vertraglich zu regelmäßigen Zahlungen umwandeln’). In jüngster Zeit (unter Einfluß von engl. to realize) auch ‘klar erkennen, verstehen, begreifen’. Realismus m. ‘Wirklichkeitssinn, der Wirklichkeit entsprechende Haltung gegenüber den tatsächlichen Gegebenheiten und Verhältnissen, Sachlichkeit’, in der Philosophie Bezeichnung für erkenntnistheoretische Grundrichtungen, die von der Realität der Außenwelt ausgehen (zuerst bezogen auf die Scholastik, die die Allgemeinbegriffe als bewußtseinsunabhängige Wirklichkeit auffaßte), gelehrte Bildung (Ende 18. Jh., Kant, Schiller, Goethe) zu real. Als Gestaltungsprinzip in der Kunst seit etwa 1830 geläufig (gleichzeitig mit frz. réalisme). Surrealismus m. Bezeichnung für eine (in Paris entstandene) Strömung in bildender Kunst und Literatur, die, auf Psychoanalyse und Symbolismus fußend, das Irrationale und Unbewußte sowie auch Traum- und Rauscherlebnisse ohne Rücksicht auf Logik und Kausalität darzustellen sucht (1. Hälfte 20. Jh.), nach frz. surréalisme (1924, vgl. frz. sur ‘auf, über’, afrz. sor, sur, aus lat. super ‘oben, auf, darüber’). Dazu im Dt. (ohne frz. Vorbild) surreal Adj. ‘fern der Realität, unwirklich’ (20. Jh.). Realist m. ‘Vertreter des (philosophischen, künstlerischen) Realismus’ (Mitte 18. Jh.), allgemein ‘sachlich denkender und handelnder Mensch’ (Ende 18. Jh.), gebildet (unter Einfluß von frz. réaliste, 16. Jh., engl. realist, 17. Jh.) zu real. realistisch Adj. ‘zum Realismus gehörend, wirklichkeitsnah, sachlich, an der Wirklichkeit orientiert’ (2. Hälfte 19. Jh.). reell Adj. ‘dinglich, sachlich, wirklich, tatsächlich vorhanden’ (um 1700), Entlehnung von gleichbed. frz. réel, afrz. reel, real, das auf spätlat. reālis (s. oben) beruht; im Dt. verwendet wie real. Daneben entwickelt sich (ebenfalls seit etwa 1700) die heute vorherrschende, jedoch unabhängig und abweichend vom Frz. entstandene Bedeutung ‘anständig, ehrlich, ordentlich’.

Thesaurus

Synonymgruppe
Realismus · ↗Realitätssinn · ↗Wirklichkeitssinn
Oberbegriffe

Typische Verbindungen
computergeneriert

Abstraktion Dogma Doktrin Idealismus Impressionismus Naturalismus Phantastik Pragmatismus Romantik Sachlichkeit Spielart Surrealismus einkehren expressiv fotografisch kapitalistisch krass kritisch magisch naiv nüchtern phantastisch platt poetisch psychologisch relevant schonungslos sozialistisch sozialkritisch zynisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Realismus‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Natürlich zerbricht man sich beim Nachdenken über Realismus meistens den Kopf.
Die Welt, 08.11.2003
Mit seinem krassen Realismus wäre der Roman, den man sich gut als Film vorstellen kann, ziemlich traurig.
Der Tagesspiegel, 06.11.1998
Irgendwann wird sich dieser größere Realismus auch bei Wahlen ausdrücken.
Alt, Franz: Liebe ist möglich, München: Piper 1985, S. 47
Warum darf eine so große Dichtung nicht bei uns erscheinen, wieso ist das nicht »sozialistischer Realismus«.
Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1954. In: ders., So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, Berlin: Aufbau-Verl. 1999 [1954], S. 441
Wo es dies galt, mußte auch der Realismus selber zurücktreten.
Beenken, Hermann: Das Neunzehnte Jahrhundert in der deutschen Kunst, München: Bruckmann 1944, S. 292
Zitationshilfe
„Realismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Realismus>, abgerufen am 21.02.2019.

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