Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Reich, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Reich(e)s · Nominativ Plural: Reiche
Aussprache 
Wortbildung  mit ›Reich‹ als Erstglied: Reichsabgabenordnung · Reichsacht · Reichsadler · Reichsamt · Reichsanzeiger · Reichsapfel · Reichsarbeitsdienst · Reichsarmee · Reichsautobahn · Reichsbahn · Reichsbank · Reichsbanner · Reichsbund · Reichsbürger · Reichsbürgerin · Reichsdeutsche · Reichsdorf · Reichsfreiherr · Reichsfräulein · Reichsführer · Reichsgebiet · Reichsgedanke · Reichsgeier · Reichsgericht · Reichsgeschichte · Reichsgraf · Reichsgrenze · Reichsgründer · Reichshauptstadt · Reichsicherheitshauptamt · Reichsidee · Reichsinsignien · Reichskammergericht · Reichskanzlei · Reichskanzler · Reichskleinod · Reichskristallnacht · Reichsmark · Reichsmarschall · Reichsminister · Reichsparteitag · Reichspatent · Reichspfennig · Reichspogromnacht · Reichspost · Reichspräsident · Reichsrat · Reichsregierung · Reichsritter · Reichssicherheitshauptamt · Reichssippenamt · Reichsstadt · Reichsstand · Reichsstraße · Reichstag · Reichstaler · Reichsversicherungsordnung · Reichsverweser · Reichsvogt · Reichswehr · Reichsächter · Rpf · reichsdeutsch · reichseigen · reichsmittelbar · reichsunmittelbar
 ·  mit ›Reich‹ als Letztglied: Altreich · Elfenreich · Erbreich · Fabelreich · Feenreich · Frankenreich · Gedankenreich · Geisterreich · Gottesreich · Königreich · Märchenreich · Nachbarreich · Riesenreich · Totenreich · Zarenreich · Zauberreich · Zwischenreich
 ·  mit ›Reich‹ als Binnenglied: Zweireichelehre
Mehrwortausdrücke  Reich der Mitte
eWDG

Bedeutung

Herrschaftsgebiet eines Kaisers, Königs, Staat, in dem Länder, Provinzen, Stammesterritorien unter zentraler Regierung zusammengefasst sind, einem gemeinsamen Oberhaupt unterstehen
Beispiele:
die Entstehung, Auflösung, der Zerfall eines Reiches
die großen, mächtigen Reiche des Altertums
historischdas Reich der Babylonier, Assyrer
historischdas Reich Karls des Großen
historischdas Heilige Römische Reich Deutscher Nation
das Deutsche Reich (= staats- und verfassungsrechtliche Bezeichnung für den deutschen Staat von 1871–1945)
das Reichdas Deutsche Reich
Beispiele:
im Norden, Süden des Reiches
Das Reich, seine Gründung und sein Untergang [ Tageszeitung1971]
das feudale deutsche Reich bis 1806
Beispiel:
Des Reiches Wohlfahrt leg' ich mit dem Worte, / Des Vaters Leben dir in deine Hand [ SchillerPiccolominiV 1]
Beispiel:
nazistischdas Dritte Reich (= von den Nazis geprägte Bezeichnung für den nationalsozialistischen deutschen Staat)
bildlich Bereich
Beispiele:
Da … die Erwachsenen höchstens einmal in den vordersten Teil des Gartens kamen, war der hintere Teil mein alleiniges Reich [ RennKindheit88]
wie sie selbst als Knaben lebten und die Straßen ihr Reich waren [ A. ZweigDe Vriendt101]
gehoben, übertragen
Beispiele:
das Reich der Kunst, Poesie, Dichtung, Gedanken, Träume, Fantasie
das Reich der Töne (= die Musik)
diese Nachricht gehört in das Reich der Fabel (= ist nicht wahr)
Religiondas Reich Gottes
Religiondas himmlische Reich
So lange er im Reich seiner Vorstellung lebt [ HardenKöpfe285]
Es schien, als hätten ihn seine Visionen von den Toten bei Verdun selbst hinabgezogen in das Reich der Schatten [ WildenhainSchauspieler136]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Reich · Reichstag · Pflanzenreich · Tierreich
Reich n. ‘Herrschaftsgebiet (eines Kaisers, Königs), Staat, Imperium’, übertragen ‘Bereich’. Für das gemeingerm. Substantiv ahd. rīhhi ‘Herrschaft, Reich, Gegend, Landschaft, Umgebung, Bereich, Himmelsrichtung’ (8. Jh.), mhd. rīch(e) ‘Herrschaft, beherrschtes Land, Reich, Regierung’, asächs. anord. rīki ‘Reich, Herrschaft, Macht’, mnd. mnl. rīke, nl. rijk ‘Reich, Staat’, afries. rīk(e), aengl. rīce (erhalten in engl. bishopric ‘Bistum’), schwed. rike, got. reiki ‘Reich, Herrschaft, Obrigkeit’ wird (wie für got. reiks, aengl. rīca ‘Herrscher’ und das Adjektiv reich, s. d.) Herkunft aus dem Kelt. angenommen. In diesem Falle ist germ. *rīkja- ‘Herrschaft’ entweder als direkte Entlehnung (vor der germ. Lautverschiebung mit germ. k aus g) aus kelt. *rīgiom (ie. *rēg̑i̯om; vgl. mir. rīge ‘Königsherrschaft’ und Ortsnamen wie Icorigium) oder als ja-Bildung zu germ. *rīk- ‘Herrscher, Obrigkeit’ (vgl. got. reiks, s. oben) aufzufassen, das seinerseits aus kelt. *rīgs (ie. *rēg̑s, lat. rēx ‘König’; vgl. air. , Genitiv rīg) stammt. Auszugehen ist (bei kelt. ī aus ie. ē) von der unter recht (s. d.) angeführten Wurzel ie. *reg̑- ‘gerade, geraderichten, lenken, recken, strecken, aufrichten’. Auf den Zusammenhang der Übernahme des Wortes als Herrschertitel und als Bestandteil von Personennamen aus dem Kelt. deutet de Vries Nl. 576 hin. Er verweist auf die zahlreichen (zunächst latinisiert überlieferten) germ. Namen wie Theuderīcus (nhd. Dietrich), Ermanarīcus, Childericus nach dem Vorbild gall. Namen wie (in lat. Überlieferung) Vercingetorīx, Dumnorīx. Echt germ. Bildungen zur oben genannten Wurzel liegen vor in anord. -rekr, -reki ‘Herrscher, Fürst’ in den Zusammensetzungen folkrekr, landreki und in Personennamen (Gautrekr). Dagegen lehnt Trier in: Nachr. d. Akad. d. Wiss. Göttingen, Phil.-hist. Kl. (1943) 535 ff. eine Entlehnung vor der germ. Lautverschiebung ab und meint, daß das g der kelt. Formen durch Anlehnung an eine im Germ. bestehende Wortsippe der „Zaun- und Hege“-Basis (*rīk-) zu k geworden und eine Bedeutung ‘Macht, Herrschaft’ aus dem Begriff der ‘Einhegung’ hervorgegangen sei. v. Polenz in: ZfdPh 76 (1957) 80 ff. weist kelt. Herkunft der Wortgruppe ab. Er macht geltend, daß Reich von ahd. Zeit an bis ins 19. Jh. nicht auf ‘Macht’ und ‘Herrschaft’ beschränkt sei, es stehe in vornehmlich unpolitischer Verwendung als allgemeine Raumbezeichnung im Sinne von ‘Bereich’, bezeichne also ‘Landschaft, Gegend, Umgebung, Bereich, Himmelsrichtung’, vgl. ahd. erdrīhhi ‘das Reich auf Erden, Erdreich, -oberfläche, -boden’ (um 800), woroltrīhhi ‘Welt(reich)’ (9. Jh.), himilrīhhi ‘Himmelreich’ (9. Jh.), ōstarrīhhi ‘Morgenland, Orient’ (8. Jh.). Zugrundeliegendes germ. *rīkja- ‘Bereich’ stelle sich danach als ablautende Bildung zu dem unter reichen (s. d.) behandelten westgerm. jan-Verb, das selbst, zur Ablautstufe germ. *raik- gebildet, zur Wurzel ie. *rēig̑- ‘recken, ausstrecken’ gehöre. Die Bedeutung ‘Macht, Herrschaft’ sei aus ‘Bereich, räumliche Erstreckung’ hervorgegangen, eine Entwicklung, die semantisch (auch angesichts der genannten Beispiele und der gesamten zu Reich gehörenden Wortgruppe, s. reich) wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat. – Reichstag m. (zuerst Worms 1495) Versammlung der deutschen Reichsstände (bis 1806), danach das Parlament des Norddeutschen Bundes bzw. Deutschen Reiches. Pflanzenreich n. ‘(geordneter) Bereich, Gesamtheit der Pflanzen in ihrer Verschiedenartigkeit’, Tierreich n. ‘(geordneter) Bereich, Gesamtheit der Tiere in ihrer Verschiedenartigkeit’ (beide 18. Jh.), Übersetzungen der in der lat. Wissenschaftssprache entwickelten Fügungen botan.-lat. regnum plantarum und zoolog.-lat. regnum animalium.

reich · anreichern · bereichern · reichlich · Reichtum · reichhaltig
reich Adj. ‘wohlhabend, vermögend, mit vielen wertvollen Dingen ausgestattet, kostbar, reichlich, großzügig, ergiebig, gehaltvoll, umfassend’. Die ja-Stämme ahd. rīhhi (8. Jh.), mhd. rīch(e) ‘von hoher Abkunft, vornehm, edel, mächtig, gewaltig, viel besitzend, reich’, asächs. rīki ‘mächtig, gewaltig, reich’, mnd. rīk(e), mnl. rīke, nl. rijk, afries. rīk(e), aengl. rīce, engl. rich ‘reich’ und (aus einem i-Stamm umgebildetes) anord. rīkr ‘reich, mächtig’, schwed. rik ‘reich’ (vgl. dazu als ja- oder i-Stamm vorauszusetzendes got. reikeis oder reiks ‘mächtig’) werden als Ableitungen von einem Substantiv germ. *rīk- ‘Herrscher, Fürst, König’, überliefert in got. reiks ‘Herrscher, Obrigkeit’, betrachtet, wofür Entlehnung aus dem Kelt. angenommen wird (zu anderen Deutungsversuchen s. Reich). Die ursprüngliche Bedeutung ‘königlich, fürstlich, von vornehmer Abstammung’ entwickelt sich über ‘vornehm, mächtig’ (so noch im Frühnhd.) zu ‘wohlhabend, begütert’; reich wird damit Gegenwort von arm. Häufig als Grundwort in Adjektivkomposita, vgl. erfolg-, ertrag-, fett-, fisch-, geist-, hilf-, lieb-, ruhm-, sieg-, sinn-, tugend-, wald-, wortreich; ursprünglich auch mit genitivischem ersten Glied entsprechend der Rektion von reich, vgl. einfalls-, freuden-, gnaden-, segensreich. – anreichern Vb. ‘reicher machen, bereichern, den Gehalt an bestimmten Bestandteilen erhöhen’ (17. Jh.), bereichern Vb. ‘reicher, größer machen’, reflexiv ‘sich auf Kosten anderer einen Gewinn verschaffen’ (um 1600), beide zum Komparativ reicher gebildet; vgl. älteres bereichen, mhd. berīchen ‘reich machen’. reichlich Adj. ‘in großer, ausreichender Menge, sehr viel, mehr als, ziemlich’, ahd. rīhlīh ‘mächtig, gewaltig, königlich’ (9. Jh.), mhd. rīchelich, rīlich ‘reich, reichlich, herrlich, kostbar, freigebig’. Reichtum m. ‘großes Vermögen, bedeutender Besitz, Pracht, Fülle’, ahd. rīhtuom ‘Herrschaft, Macht, Herrschsucht, Reichtum’ (9. Jh.), mhd. rīchtuom; vgl. asächs. rīkidōm ‘Herrschaft, Macht, Reichtum’, aengl. rīcedōm ‘Herrschaft’. reichhaltig Adj. ‘vieles enthaltend, darbietend’ (Anfang 18. Jh.), zuvor reichhalt (17. Jh.), ursprünglich als Ausdruck des Berg- und Hüttenwesens von Erzen, die reichen Gehalt an Edelmetall haben.

Thesaurus

Synonymgruppe
Unterbegriffe
  • Großösterreich · Schwarzenberg-Bruck-Plan · Schwarzenberg-Plan · Siebzig-Millionen-Reich
  • Neupersisches Reich · Sassanidenreich
  • Achämenidenreich · Altpersisches Reich
  • Chaldäerreich · neubabylonisches Reich · spätbabylonisches Reich
Assoziationen
Synonymgruppe
Reich  biologisch · Regnum  fachspr.
Oberbegriffe
Unterbegriffe
  • Stamm biologisch · Divisio (nur i.d. Botanik) fachspr. · Phylum fachspr.
Synonymgruppe
(jemandes) Zuhause · Bleibe · Domizil · Heim · Heimstatt · Herberge · Residenz · Unterkunft · Wohnstatt · Wohnstätte  ●  Apartment  engl. · Behausung  abwertend · Obdach  Amtsdeutsch · Wohneinheit  kaufmännisch · Wohnung  Hauptform · (die eigenen) vier Wände  ugs. · (jemandes) Reich  ugs., fig. · Bude  ugs., salopp · Butze  ugs., abwertend · Dach über dem Kopf  ugs. · Dach überm Kopf  ugs. · Logement  geh., franz., veraltet
Oberbegriffe
Unterbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Reich‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Reich‹.

Verwendungsbeispiele für ›Reich‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Da hat das neue Reich nur noch 24 Jahre zu leben. [Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 170]
Gleichsam zur Operation muß das Reich sich im Südwesten entschließen. [Hahn, Christian Diederich: Bauernweisheit unterm Mikroskop, Oldenburg i.O.: Stalling 1943 [1939], S. 341]
Dennoch gab es auch im deutschen Reich der Kultur vieles zu verbessern. [Lepenies, Wolf: Kultur und Politik, München, Wien: Carl Hanser Verlag 2006, S. 127]
Die Geschichte des Deutschen Reichs erlebte ihren ersten entscheidenden Bruch. [Weizsäcker, Richard von: Dreimal Stunde Null? 1949 1969 1989, Berlin: Siedler Verlag 2001, S. 3]
Und wie sah es nach innen aus in diesem damalig deutschen Reich? [o. A.: Kundgebung in Prachatitz: Feierliche Eingliederung des Böhmerwaldgebietes in den Gau »Bayerische Ostmark« der NSDAP, 22.01.1939]
Zitationshilfe
„Reich“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Reich>.

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