Reichsbürger, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Reichsbürgers · Nominativ Plural: Reichsbürger
Aussprache [ˈʀaɪ̯çsbʏʁgɐ]
Worttrennung Reichs-bür-ger
Wortzerlegung ReichBürger
Wortbildung  mit ›Reichsbürger‹ als Erstglied: ↗Reichsbürgerin
DWDS-Vollartikel

Bedeutungen

1.
historisch Person, die als deutscher Bürger (1) innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches lebte
Beispiele:
Fernsehen und Rundfunk gab es noch nicht. Der Zugang zur Stadt war streng reglementiert. Keiner der Kurfürsten oder Gesandten durfte mehr als 200 Berittene, unter ihnen höchstens 50 Bewaffnete mitbringen. Und die Bürger von Frankfurt mussten, stellvertretend für alle Reichsbürger, unter Eid geloben, jeden Kurfürsten, er mochte auch noch so missliebig sein, vor Angriffen zu schützen. [Die Welt, 22.09.2018]
Die […] Ausschaltung der Juden aus dem Gemeinschaftsleben in Deutschland wurde nach der Machtergreifung Hitlers nach und nach verwirklicht. Durch mehr als 250 NS‑Gesetze und Verordnungen gegen die Juden[…] verloren die deutschen Juden als Nichtarier in der Folgezeit vor dem Hintergrund einer sich ständig steigernden rassenideologischen Diffamierungskampagne mehr und mehr Rechte. Sie konnten nicht länger Reichsbürger sein und kein öffentliches Amt bekleiden. [Buchbender, Ortwin / Sterz, Reinhold (Hg.): Das andere Gesicht des Krieges. München: Beck 1982, S. 168]
Das Reichsgesetzblatt Nr. 204 veröffentlicht einen Erlaß des Führers über die Bildung der neuen Reichsgaue »Westpreußen« und »Posen«. Gauhauptstadt von Westpreußen wird Danzig, Gauhauptstadt von Posen die Stadt Posen. Die Volksdeutschen dieser Gebiete werden »Reichsbürger nach Maßgabe des Reichsbürgergesetzes«. [Overresch, Manfred / Saal, Friedrich Wilhelm (Hg.): Deutsche Geschichte von Tag zu Tag 1918–1949. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1983], S. 9388]
In Nazideutschland hatten die Nürnberger Gesetze mit ihrer Scheidung zwischen Reichsbürgern (Vollbürgern) und Staatsangehörigen (Bürger zweiter Klasse ohne politische Rechte) den Weg für eine Entwicklung freigelegt, in der schließlich alle Staatsangehörigen »artfremden Blutes« ihre Staatszugehörigkeit auf dem Verordnungswege verlieren konnten[…]. [Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Frankfurt a. M.: Europäische Verl.-Anst. 1957 [1955], S. 432]
Reichsbürgerrecht. Als Staatsangehöriger gilt, wer dem Schutzverband des Deutschen Reiches angehört und ihm dafür besonders verpflichtet ist. Die Staatsangehörigkeit wird nach den gesetzlichen Vorschriften erworben. Reichsbürger ist dagegen nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, daß er gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volke und dem Reich zu dienen. [Archiv der Gegenwart, 2001 [1935]]
2.
Mitglied einer Gruppe deutscher Staatsbürger, die die deutsche Staatsbürgerschaft (in Rechtsnachfolge des deutschen Reiches) nicht anerkennen
Synonym zu Reichsdeutsche (2)
Beispiele:
Manche Reichsbürger sind rechtsextrem (um die 950), manche bewaffnet (ungefähr genauso viele), manche beides (der Reichsbürger etwa, der einen Polizisten in Georgensgmünd erschoss). [Süddeutsche Zeitung, 31.12.2018]
In so manchem Millennial‑Mindset ist ein linker Autonomer, der Autos anzündet, tolerierter als ein Polizist, der seinen Pflichten nachkommt. Gleichzeitig nehmen demokratiefeindliche Haltungen zu, sei es durch reaktionäre AfDler, durch Reichsbürger, durch religiöse Fundamentalisten. [Die Welt, 28.11.2018]
Deutschland erlebt eine Radikalisierung der politischen Flügel: 26.000 Islamisten, 18.000 »Reichsbürger«, 9.000 gewaltbereite Links‑Autonome – der »Verfassungsschutzbericht 2017« sieht eine Zunahme der Staatsfeinde aller Richtungen. [Bild, 25.07.2018]
Die Reichsbürger, Reichsdeutschen oder auch Germaniten fühlen sich als Bürger des Deutschen Reichs und halten die Bundesrepublik für einen Unrechtsstaat. [Die Zeit, 20.10.2016 (online)]
Eine Sprecherin des Amtsgerichts Kaufbeuren berichtet, dass in Prozessen »vermehrt« Menschen auftreten, die staatliches Recht als »für sie nicht gültig betrachten«. Sie nennt einige Gruppierungen beim Namen: Freemen, One People Publics Trust, Reichsbürger, Germaniten. Die Szene ist unübersichtlich, doch gemeinsam ist den meisten Gruppen, dass sie die Bundesrepublik als bloße Firma ansehen, die von außen gesteuert werde. [Süddeutsche Zeitung, 22.03.2016]
Bei ihm muss alles seine Ordnung haben. Er ist 43 Jahre alt, saß im Vorstand der Polizeigewerkschaft Sachsen – bis er im Herbst 2011 in einem offenen Brief auf der Homepage der Gewerkschaft schrieb, die deutschen Gesetze seien nicht gültig, weil ihnen der Geltungsbereich fehle. Eine Behauptung, wie sie die »Reichsdeutschen« oder »Reichsbürger« vertreten, jene Gruppen mit Kontakten zur rechten Szene, die die Existenz der Bundesrepublik leugnen und Fantasie‑Ausweise drucken. [Die Zeit, 05.09.2013]

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Typische Verbindungen zu ›Reichsbürger‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Reichsbürger‹.

Zitationshilfe
„Reichsbürger“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Reichsb%C3%BCrger>, abgerufen am 17.04.2021.

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