Rollenspiel, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Rollenspiel(e)s · Nominativ Plural: Rollenspiele
Worttrennung Rol-len-spiel
Wortzerlegung Rolle2Spiel
DWDS-Vollartikel, 2020

Bedeutungen

1.
Pädagogik, Psychologie Nachahmung sozialen Rollenverhaltens
a)
Psychologie für therapeutische Zwecke eingesetzte Nachstellung einer meist konfliktgeladenen Situation, bei der die Beteiligten jeweils in einer vorgegebenen sozialen Position, Rolle agieren
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: etwas im Rollenspiel überwinden; etwas im Rollenspiel proben
Beispiele:
Die Bosch‑Stiftung etwa finanziert ein Modellprojekt, für dessen Leitung man den Gerontologen Andreas Kruse von der Universität Heidelberg anwarb. Von Logikübungen, Gedächtnistrainings, Rollenspielen zu Problemlösungsstrategien bis hin zu Sport reicht das von Kruse entwickelte Angebot für lang gediente Angestellte des Technologiekonzerns Bosch. [Die Zeit, 28.05.2009, Nr. 27]
Um die Depression der Mutter zu überwinden, zieht sich das Paar in eine Waldhütte zurück. Während er, von Beruf Therapeut, versucht, die Panikattacken und Zusammenbrüche seiner Frau mit Rollenspielen zu überwinden, driftet sie in eine Wahnwelt ab, die bald den gesamten Film infiziert. […] [Die Zeit, 23.05.2009, Nr. 22]
»Wenn sie den ersten Tag nicht mitmachen, stören sie den Ablauf am zweiten«, sagt S[…]. Da wurde viel über Gewalt gesprochen, und ohne diese Grundlagen kann man sie nicht in Rollenspiele stürzen. Das Kürzel Eibe steht für »Eingliederung in die Berufswelt«, ein von der EU gefördertes Programm, das den Jugendlichen den Hauptschulabschluß ermöglichen soll. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2006]
Dort werden in Rollenspielen Gruppenkonflikte und Notfallsituationen simuliert, um die pädagogischen Fähigkeiten der zukünftigen Wildnisführer zu schulen. [Der Tagesspiegel, 06.03.2000]
Weil er mit seiner engagierten Art bei Studenten gut ankommt, sind seine Seminare voll, seine praktischen Übungen wie Rollenspiele und Fallstudien in der U‑Bahn (»Mann belästigt Frau – wer greift ein?«) begehrt. [Berliner Zeitung, 04.09.2002]
Nur so wird es ihm gelingen, die Konflikte wirklich zu entschärfen, nicht aber das Familienleben künftig konfliktreicher zu machen. Ein methodischer Umweg in Richtung auf soeben besprochenes Ziel kann im Rollenspiel liegen, an dem zunächst nur Therapeut und Kind beteiligt sind. Der Heilpädagoge übernimmt die Rolle der konfliktverursachenden Personen und läßt das Kind sich in der Auseinandersetzung mit ihm abreagieren. [Werner, Reiner, Das verhaltensgestörte Kind, Berlin: Dt. Verl. d. Wiss. 1967, S. 228]
b)
Soziologie, Pädagogik Nachahmung bestimmten sozialen Rollenverhaltens des täglichen Erlebens im kindlichen Spiel
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: didaktisches Rollenspiel
Beispiele:
Meine Kinder spielen neuerdings ein Rollenspiel, das sie »Ein deutscher Mann« nennen. [Die Zeit, 04.04.2008, Nr. 15]
Sie wollen viel Geld anhäufen und müssen dabei bestimmte Regeln einhalten, aber ich glaube nicht, daß wir mit diesem Spiel die großen Bankiers oder Kapitalisten erziehen. Denn sie spielen genauso Räuber und Gendarm oder ihre anderen Rollenspiele, die sie sich ausdenken. Im Moment finden sie Monopoly aufregend, und sie können damit das Spiel ihrer Eltern und der Gesellschaft kapieren. [Jentzsch, Kerstin, Ankunft der Pandora, Berlin: Verl. Das Neue Berlin 1996, S. 313]
Ebenfalls geeignet, um die Kinder in ungezwungener Art und Weise beschreiben zu lehren, sind didaktische Rollenspiele wie »Wir kaufen im Warenhaus ein«. [Brumme, Gertrud-Marie, Muttersprache im Kindergarten, Berlin: Volk u. Wissen 1966, S. 139]
Wenn das Kind in seinen Rollenspielen die Dinge ganz verschiedene Leistungen und Rollen übernehmen läßt, wenn weiter die Umgangstätigkeit die Dinge mit variablen Erwartungen überlagert und wenn endlich die Sprache diese Vielseitigkeit des »Nehmens‑als« unendlich erweitert, so zeigen alle diese Leistungen […] die Phantasie am Werke[…]! [Gehlen, Arnold, Der Mensch, Berlin: Junker und Dünnhaupt 1940, S. 353]
Über das Rollenspiel drei‑ bis sechsjähriger Kinder sind viele neue Aufschlüsse der Arbeit von H. Hetzer »Die symbolische Darstellung in der frühen Kindheit« […] zu entnehmen. [Bühler, Karl, Die Krise der Psychologie, Jena: Fischer 1927, S. 200]
c)
oberflächliches Agieren in vorgegebenen traditionellen Verhaltensmustern, häufig in Bezug auf das Verhalten zwischen den Geschlechtern
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: verkrustetes, soziales Rollenspiel
Beispiele:
Plötzlich gibt Chris den spätpubertären Macker, der seine Freundin vor den anderen runterputzt und betrunken in den Pool wirft. Sie wiederum lässt sich gequält in der Kosmetikabteilung schminken. Dass beide ihre Rollenspiele und Rollensehnsüchte mit einer gewissen Ironie betrachten, hilft ihnen nicht aus der Situation heraus. [Die Zeit, 18. Juni 2009]
Und niedergeschrieben hat er, wie plötzlich alles anders war, wie sich die Witz‑ zur Kultfigur wandelte, […] wie sich Thorsten Schäfer‑Gümbel zu »TSG« verdichtete. TSG, der Mann, der die verkrusteten Rollenspiele mit etwas aufbricht, was der hessischen Politik stets gefehlt hat: Selbstironie. Die Debatte um seine Brille beendet Schäfer‑Gümbel, indem er sich eine neue zulegt, die aussieht wie die alte. [Die Zeit, 27.02.2009, Nr. 2]
Hat man all dies im Auge, so ist die Rolle als Zeitzeuge nicht sehr angenehm. Gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen ist sehr häufig ein Rollenspiel, und für denjenigen, der gerne wahrhaftig oder wenigstens spontan wäre, ist die Rolle, die er jeweils zu spielen hat, oft ein schneidender Schmerz. Es ist tief schmerzhaft, aber belehrend, sich selbst beim Stilisieren, beim Lügen zu ertappen. [Weizsäcker, Carl Friedrich von, Bewußtseinswandel, München: Hanser 1988, S. 305]
Wir waren wieder, ein Mann und eine Frau, in unser altes Ritual geraten, die Hilfsbedürftige [Ingeborg Bachmann] und ihr weltlicher Ratgeber, ich zuständig fürs Irdische, Praktische, Vernünftige, sie privilegiert und geschlagen durch ihre Herkunft von einem anderen Stern. Ich hatte damals kein Verständnis, keine Geduld mehr für dieses Rollenspiel. [Die Zeit, 04.07.1986]
[…] Es kommt uns so komisch vor, so nach Rollenspiel, wie wir hier bürgerlich, ruhig, comme il faut u. ganz wie alle andern »mit Kurkarte« in einem Seebad hausen u. nun gar in Heringsdorf. Eva sagt: eher hätte sie geglaubt, daß wir nach Santos führen als nach Heringsdorf. [Klemperer, Victor, [Tagebuch] 1926, S. 120]
2.
Theater darstellendes Spiel mit verteilten Rollen
Beispiele:
Die Unsicherheit von Azubis baute er durch Theaterprojekte ab: Im Rollenspiel lernten die jungen Leute den ungezwungenen Umgang mit anderen. [Die Zeit, 16.01.2014, Nr. 03]
Fast zwei Monate lang haben das Mädchen und ihre drei Klassenkameraden den Auftritt vor Eltern, Lehrern und Mitschülern vorbereitet: Informationen gesammelt, die Dialoge geschrieben, an den fremden Vokabeln gefeilt. »In der Woche vor der Aufführung haben wir fast nichts anderes gemacht«, sagt das Mädchen. Für das Rollenspiel gibt es nicht einmal Zensuren. [Die Zeit, 27.03.2009, Nr. 10]
Im »Verkleinerungsspiegel« der Graphik hat C. wie auf einer Bühne nahezu die gesamte Welt versammelt: Fürsten und Bettler, Soldaten und Opfer des Krieges[…]. Dieser »klass. gentilhomme‑peintre« (W. Hausenstein) gestaltete die kunstvoll disziplinierenden Posen der höf. Welt wie das Rollenspiel der Bühnenfigur und genauso exakt wie phantasievoll die Erfahrungen anderer sozialer Wirklichkeiten seiner Zeit. [o.A., Lexikon der Kunst – C, in: Harald Olbrich (Hg.), Lexikon der Kunst, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1987], S. 5011]
3.
Spiel Computerspiel, bei dem der Spieler eine der im Spiel versammelten Personen oder anderen Wesen verkörpert
Beispiele:
Die besten Rollenspiele für PC [Titel]. [www.computerbild.de, 11.04.2014]
Oscar ist ein Nerd: einer der modernen Sonderlinge, die als menschliche Abfallprodukte der elektronischen Revolution dazu verdammt sind, permanent in den Bildschirm zu starren und ungeheures, unnützes Fachwissen anzuhäufen, in Oscars Fall die Feinheiten elbischer Sprachen und jeder Art von computergesteuerten Rollenspielen. [Die Zeit, 13.03.2009, Nr. 12]
Das zwanghafte Spielen von Online‑Games, besonders von Rollenspielen, ist noch nicht als behandlungsbedürftige Störung anerkannt. Aber fünf bis zehn Prozent der regelmäßigen Computerspieler suchen Hilfe, weil sie nicht mehr aufhören können und das Spiel zum Mittelpunkt ihres Lebens wird. [Die Zeit, 08.03.2008, Nr. 11]
Kirchen und Sekten senden ihre Heilsbotschaften, Hunderttausende vergnügen sich elektronisch bei naiven, phantastischen und perversen Rollenspielen, und eine erkleckliche Zahl von Cybernauten besorgt sich in den Netzen regelmäßig ihre Orgasmen. [Berliner Zeitung, 04.05.1996]

Typische Verbindungen zu ›Rollenspiel‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Rollenspiel‹.

Zitationshilfe
„Rollenspiel“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Rollenspiel>, abgerufen am 16.07.2020.

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