Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Schlitzohr, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Schlitzohr(e)s · Nominativ Plural: Schlitzohren
Aussprache [ˈʃlɪʦʔoːɐ̯]
Worttrennung Schlitz-ohr
Wortzerlegung Schlitz Ohr
Wortbildung  mit ›Schlitzohr‹ als Erstglied: schlitzohrig
DWDS-Vollartikel

Bedeutung

umgangssprachlich auf sympathische Weise listiger oder durchtriebener Mensch, dem jedes innerhalb, gelegentlich auch außerhalb des Erlaubten liegende Mittel recht ist, seine Ziele zu verfolgen
siehe auch Schlawiner (●), Synonym zu Bazi (1)
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein altes, ausgekochtes, charmantes, großes, kleines, sympathisches Schlitzohr
in Präpositionalgruppe/-objekt: jmdn. für ein Schlitzohr halten
als Prädikativ: als ein Schlitzohr gelten
Beispiele:
Wer ein echtes »Schlitzohr« auf dem Fußballplatz ist, erntet zwar eine gewisse Bewunderung, [aber] macht sich auch leicht Feinde. [Die Welt, 22.05.2019]
Hier [in Bayern] ist die Spezlwirtschaft so tief verwurzelt, dass man den Steuersünder als Schlitzohr würdigt, vorausgesetzt, er ist ein anständiger Kerl, was sich in Bayern nicht ausschließt. [Der Spiegel, 06.02.2014 (online)]
Nach einem jahrzehntelangen Exil zog es [den Posträuber Ronald] Biggs zurück in die Heimat – wo er teils als Schlitzohr verehrt, teils als Schwerverbrecher gehasst wurde. [Die Zeit, 18.12.2013 (online)]
Du aber, Dachau im Dachauer Land, bist keineswegs die geringste unter Bayerns Städten, denn du kannst dich auf zwei Schlitzohren berufen, den Dichter Ludwig Thoma und den Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier. [Süddeutsche Zeitung, 07.11.1995]
Allerdings war nicht zu verhindern, daß Futt lauthals loslachte. »Schlitzohr, so ein Schauspiel hätte ich dir nicht zugetraut!« [Arjouni, Jakob: Happy birthday, Türke! Hamburg: Buntbuch 1985, S. 159]
abwertend nicht vertrauenswürdiger, zu kriminellen Handlungen neigender Mensch; Gauner, Betrüger
Synonym zu Bazi (2)
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: jmdn. für ein Schlitzohr halten
als Prädikativ: als ein Schlitzohr gelten
Beispiele:
Wenn ein Wandergeselle den Kodex grob verletzt, indem er etwa einen Gastgeber bestiehlt, wird der Ring aus dem Ohr gerissen, um seine Schande sichtbar zu machen. Daher kommt der Begriff Schlitzohr. [Die Zeit, 26.01.2014]
Das Konzept eines von Amerika gestalteten indo‑pazifischen Raums wird nicht funktionieren, wenn die USA gleichzeitig ihre Partner als Betrüger und Schlitzohren hinstellen und es verpassen, die wirtschaftlichen Bande mit ihnen zu stärken. [Neue Zürcher Zeitung, 13.11.2017]
Schlitzohr, Gauner oder Gangster nennen ihn Leute, die mit dem Radiomanager zu tun hatten. [Der Tagesspiegel, 12.05.2005]
»Wir haben überall dieselben Preise«, behauptete Vangelis. Vangelis, du lügst wie gedruckt, du Schlitzohr. Ich sehe mich trotzdem um. [Jentzsch, Kerstin: Seit die Götter ratlos sind. München: Heyne 1999 [1994, S. 228]]
[…] die Warnungen im Ohr, daß europäische Schlitzohren nur darauf aus seien, ihnen die […] Dollars abzuknöpfen (von denen sie immer noch große Mengen haben), drängen sie [die Touristen] sich schutzsuchend in den Bars der teuren Schloßhotels […]. [Die Zeit, 25.05.1973]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Schlitz · schlitzen · schlitzäugig · Schlitzohr · schlitzohrig
Schlitz m. ‘Riß, Spalt’, ahd. gisliz ‘Zwiespalt, Riß’ (um 800; vgl. auch ahd. sliz ‘Zerstörung’, um 1000, das jedoch wohl als Rückbildung aus dem Verb, s. unten, aufzufassen ist), mhd. sliz, slitz ‘Schlitz, Spalte, Zerreißung, Ende, Untergang, Tod’ steht mit expressiver Konsonantenverschärfung neben aengl. geslit ‘das Bersten’, engl. slit ‘Schlitz, Spalt’, anord. slit ‘Riß, Bruch’, die sich wie unter verschleißen (s. d.) behandeltes schleißen als Auslautvarianten auf ie. *skleid-, eine erweiterte Form der unter Schale1, Schale2 (s. d.) genannten Wurzel ie. *(s)kel- ‘schneiden’, zurückführen lassen. schlitzen Vb. ‘der Länge nach aufreißen, mit einem Schlitz versehen’, ahd. slizzen (Hs. 12. Jh.), mhd. slitzen, Intensivbildung zu (ver)schleißen. schlitzäugig Adj. ‘mit schmalen, spaltförmigen Augen’ (um 1800). Schlitzohr n. ‘Betrüger, Gauner’ (19. Jh.). Betrügern das Ohr abzuschneiden, ist eine alte Rechtshandlung. Eine Strafminderung in Gestalt des Ohrschlitzens ist nicht bekannt. Auch eine Beziehung zum Brauch der Zimmerleute, einem der ihren, der gegen die Zunftehre verstieß, den als Zunftzeichen links getragenen Ohrring auszureißen, läßt sich nicht belegen. Daher eher ein bildlicher Ausdruck mit affektischer Lautverschärfung für einen gerissenen, teufelsähnlich mit gespaltenen Bocksfüßen und gespaltenen Ohren vorgestellten Gauner. schlitzohrig Adj. (19. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Filou  ugs., franz. · Früchtchen  ugs., Hauptform · Lorbass  ugs., ostpreußisch · Schlawiner  ugs. · Schlawuzi  ugs., bayr. · Schlickefänger  ugs., ruhrdt. · Schlingel  ugs. · Schlitzohr  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
Bösewicht · Frevler · Gauner · Halunke · Lump · Missetäter · Schlitzohr · Schuft · Schurke · Spitzbube · Strolch · Tunichtgut · Unhold · Übelmann · Übeltäter · übles Subjekt  ●  Fötzel  schweiz. · Haderlump  österr., bayr. · (eine) miese Type  ugs. · Canaille  derb, franz. · Kanaille  derb · Schubiack  ugs., regional · fieser Finger  ugs., abwertend, veraltet · krummer Hund  ugs., fig. · linke Bazille  ugs.
Oberbegriffe
  • unangenehme Person  ●  Unsympath  männl. · Unsympathin  weibl.
Assoziationen
Synonymgruppe
(ein) ganz Schlauer · Schlaukopf · Schlitzohr  ●  Ausgeschlafener  ugs., fig. · Checker  ugs. · Durchblicker  ugs. · Fuchs  ugs., fig. · Schlauberger  ugs. · Schlauerle  ugs. · Schlaufuchs  ugs. · Schlaumeier  ugs. · schlauer Fuchs  ugs., fig.

Typische Verbindungen zu ›Schlitzohr‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Schlitzohr‹.

Zitationshilfe
„Schlitzohr“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Schlitzohr>.

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