Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Sozialismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Sozialismus · wird nur im Singular verwendet
Aussprache 
Worttrennung So-zi-alis-mus · So-zia-lis-mus
Wortzerlegung sozial -ismus
Wortbildung  mit ›Sozialismus‹ als Letztglied: Nationalsozialismus · Realsozialismus
Herkunft vgl. gleichbedeutend socialismefrz, socialismengl
eWDG

Bedeutungen

1.
nach der Lehre von Marx die dem Kommunismus vorausgehende Entwicklungsstufe, die den gesellschaftlichen oder staatlichen Besitz der Produktionsmittel und eine gerechte Verteilung der Güter an alle Mitglieder der Gemeinschaft zum Ziel hat
Beispiele:
der Aufbau, die Grundlagen, der Sieg, die Verwirklichung, Vollendung, das Zeitalter des Sozialismus
der Kampf für, der Weg zum Sozialismus
den Sozialismus aufbauen
im Sozialismus leben
im Sozialismus gibt es keine antagonistischen Klassen mehr
im Sozialismus werden die Bürger zu immer bewussteren und erfolgreicheren Gestaltern aller gesellschaftlichen Verhältnisse
der Sozialismus schafft gleiche Entwicklungsmöglichkeiten für alle Mitglieder der Gesellschaft
2.
Gesamtheit der Prinzipien, Lehre, Theorie vom Aufbau und der Entwicklung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft
Beispiele:
der Begriff, Siegeszug des Sozialismus
der wissenschaftliche Sozialismus (= Gesamtheit des Marxismus-Leninismus, besonders aber derjenige Bestandteil des Marxismus-Leninismus, der die Lehre vom Klassenkampf des Proletariats, von der sozialistischen Revolution und dem Aufbau der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft zum Inhalt hat)
historischder utopische Sozialismus (= vormarxistische sozialistische Lehre, die im Unterschied zum wissenschaftlichen Sozialismus nicht oder noch nicht realisierbare Pläne einer sozialistischen Gesellschaft entwickelte)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

sozial · asozial · Sozialismus · Sozialist · sozialistisch · sozialisieren
sozial Adj. ‘das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft betreffend, gesellschaftlich, gemeinschaftlich, der Allgemeinheit verbunden’, auch ‘die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Klasse, Schicht, Gruppe in der Gesellschaft, seine wirtschaftliche Situation sowie die ökonomische und politische Struktur der Gesellschaft betreffend’. Entlehnung (18. Jh.) von frz. social, lat. sociālis ‘die Gesellschaft betreffend, gemeinschaftlich, gesellig’, abgeleitet von lat. socius ‘gemeinsam’ (s. Sozius). Frz. social, zu Beginn des 17. Jhs. in der Bedeutung ‘gesellig’, wird im 18. Jh. bei den Enzyklopädisten, die in der Tradition der Naturrechtler (Grotius, Pufendorf) stehen, im Sinne von ‘auf die Beziehungen des Zusammenlebens gerichtet, der Gemeinschaft verbunden und ihr dienend’ zum Ausdruck einer natur- und vernunftgemäßen Moral, die das menschliche Zusammenleben prägt. Der Gebrauch des Adjektivs durch die Physiokraten setzt es in Beziehung zur Wirtschaft, bei Saint-Simon entwickelt es sich zum Gegensatz von frz. individuel, im weiteren erhält es im Hinblick auf eine Lösung ökonomisch bedingter gesellschaftlicher Gegensätze den Sinn ‘durch Beseitigung überkommener Privilegien den gesellschaftlich und wirtschaftlich Benachteiligten stützend’. Im Dt. begegnet sozial als selbständiges Adjektiv zuerst Anfang 19. Jh. (Schelling, Goethe), während die im Jahre 1800 erschienenen Übersetzungen von RousseausContrat social“ dafür gesellschaftlich, Gesellschafts- oder öffentlich als Äquivalent benutzen. Erst in Zusammenhang mit dem nach 1830 merkbar eindringenden revolutionären französischen Ideengut bürgert sich sozial im Dt. ein und wird zum politischen Schlagwort, vgl. soziale Frage, soziale Verhältnisse, soziales Leben, soziale Idee, soziale Reform (19. Jh.). Ältere Komposita wie Social(zu)stand, Socialgesetz (Ende 18. Jh.) dürften dagegen auf einer früheren, direkten Entlehnung aus dem Lat. beruhen. asozial Adj. ‘die Gesellschaft schädigend, gesellschaftliche Bindungen ablehnend, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend’, gelehrte Bildung (Anfang 20. Jh.) zu sozial mit verneinendem a- (griech. ἀ- privativum). Sozialismus m. ‘erste Entwicklungsstufe der sozialökonomischen Gesellschaftsformation des Kommunismus’ sowie ‘Lehre vom Aufbau und der Entwicklung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft’, latinisierte Übernahme (1839) von frz. socialisme. Die Substantivbildung steht zunächst für jede Lehre, die das gesellschaftliche Zusammenleben durch Beseitigung extremer Gegensätze neu ordnen will. Die frz. Bezeichnung ist zuerst 1831 in philosophisch-theologischem Zusammenhang belegt, gewinnt danach (1840) unter engl. Einfluß an Verbreitung, vgl. engl. socialism (1837), geprägt anstelle der alten Bezeichnung Owenism. Der Ausdruck wird sowohl für die Theorie und das System Owens als auch für alle sozialen Systeme und Bestrebungen (einschließlich der historischen), die diesem nahe stehen, also auch für die Vorstellungen Fouriers und Saint-Simons verwendet, dann umfassend für alle Lehren, die eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstreben. 1842 wird Sozialismus im Sinne von ‘Sozial- oder Gesellschaftswissenschaft’ gebraucht, muß aber dem neuen Terminus Soziologie (s. d.) weichen. 1843 wird Sozialismus von Engels, 1845 von Marx und Engels im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen über die Zeitströmungen aufgenommen. Um eine Abgrenzung von utopischen Theorien vorzunehmen, prägt Grün 1845 den Ausdruck wissenschaftlicher Sozialismus, der später durch Engels („Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“) eine theoretische Begründung erhält. Der heutige Bedeutungsinhalt (s. oben) bildetsich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung der Arbeiterbewegung heraus. Sozialist m. ‘Anhänger und Vertreter des Sozialismus und sozialistischen Gedankenguts’, Übernahme (1840) von engl. socialist (1822), ‘Anhänger Owens’ (1827), dann ‘Vertreter ähnlicher Ideen außerhalb Englands’ (z. B. in Frankreich), vgl. frz. socialiste (1830). Älter ‘Vertreter des Naturrechts’ (Ende 18. Jh.). sozialistisch Adj. ‘den Sozialismus betreffend’ (1839), engl. socialistic; zuvor ‘die Naturrechtslehre betreffend’ (socialistisches System, 1802). sozialisieren Vb. ‘zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, humanisieren’ (vor Mitte 19. Jh.), ‘(Individuen) in die Gesellschaft eingliedern’ (Anfang 20. Jh.), dann ‘private Industrie verstaatlichen’ (um 1920); frz. socialiser.

Thesaurus

Synonymgruppe
Bolschewismus · Maoismus · Marxismus-Leninismus · Sozialismus · Stalinismus  ●  Kommunismus  Hauptform
Oberbegriffe

Typische Verbindungen zu ›Sozialismus‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Sozialismus‹.

Verwendungsbeispiele für ›Sozialismus‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Nach der Russischen Revolution wurden sie im Kampf gegen den Sozialismus alle faschistisch. [Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 200]
Die radikale Alternative, der Sozialismus, scheint sich allerdings noch schlechter dafür zu eignen. [P. M.: Peter Moosleitners interessantes Magazin, 1993, Nr. 10]
Sie trägt würdig das Banner des vollentfalteten Aufbaus des Sozialismus vorwärts. [Schumann, Horst: Diskussionsbeitrag auf dem VI. Parteitag der SED am 04.11.1998. In: Barthel, Henner (Hg.) Politische Reden in der DDR, St. Ingbert: Röhrig 1998 [1963], S. 58]
Der deutsche Beamte ist in erster Linie berufen, diesen Sozialismus zu betätigen. [o. A.: Germanische Osterfeier von den "Sieben Steinhäusern" bei Fallingbostel, 16.04.1933]
Denn der dort gemeinte Sozialismus ist zwar nicht schlechthin atheistisch, aber er profaniert den gesellschaftlichen Raum. [Steck, K. G.: Pius XI. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1961], S. 26528]
Zitationshilfe
„Sozialismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Sozialismus>.

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