Spieß, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Spießes · Nominativ Plural: Spieße
Aussprache
Wortbildung mit ›Spieß‹ als Erstglied: ↗Spießbock · ↗Spießbürger · ↗Spießgeselle · ↗Spießhirsch · ↗Spießrute
 ·  mit ›Spieß‹ als Letztglied: ↗Bratspieß · ↗Drehspieß · ↗Dönerspieß · ↗Schaschlikspieß · ↗Wurfspieß · ↗Zettelspieß
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
Stab aus Metall mit einem spitzen Ende, auf den man Fleisch aufspießt, Bratspieß
Beispiele:
einen ganzen Ochsen am Spieß braten
Schaschlik am Spieß
umgangssprachlich kleine Happen an Spießchen
wegen des Rauches vom Kamin, worin ein Spieß mit Hühnern gedreht wurde [H. MannJugend Henri Quatre6,181]
2.
seit der Steinzeit bekannte, besonders im Mittelalter gebrauchte Waffe aus einem langen Schaft und einer meist rhombusförmigen Spitze zum Stoßen und Werfen
Beispiele:
mit Spießen und Hirschfängern gingen sie auf die Jagd
umgangssprachlich wie am Spieß (= sehr laut, als ob es ums Leben ginge) schreien
Große Wagen, mit Landsknechten beladen und von deren Spießen starrend, rasselten voraus [G. KellerGr. Heinrich4,543]
bildlich den Spieß umkehren, umdrehenmit den Mitteln des Gegners zum Gegenangriff übergehen
Beispiel:
wie er den Spieß umkehren wollte und uns vorwarf, wir hätten euch nicht genügend auf diesen Einsatz vorbereitet [H. KantAula234]
3.
Druckerei nicht zum Satzbild gehörender Farbfleck, verursacht durch mitdruckenden Ausschluss
Beispiel:
bei der Korrektur sind auch die Spieße auf dem Rand anzugeben
4.
Jägersprache Geweihstange junger Hirsche, Elche und Rehböcke, die noch keine Enden hat
5.
Soldatensprache Kompaniefeldwebel
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Spieß1 · Bratspieß · Spießrute
Spieß1 m. ‘Bratspieß’, ahd. (9. Jh.), mhd. spiʒ ‘Brat-, Holzspieß, Splitter’, mnd. spit, mnl. spit, spet, nl. spit, aengl. spitu, engl. spit, schwed. spett führen auf germ. *spita-, verwandt mit den unter ↗spitz (s. d.) genannten Formen. Neben diesen Bildungen mit Dentalsuffix stehen (mit anderen Suffixen abgeleitet) lat. spīna ‘Dorn, Stachel, Rückgrat’, lett. spina ‘Gerte, Rute’, vielleicht auch russ. spiná (спина) ‘Rücken’ (s. ↗Finne) und lit. speiglỹs ‘Spule (der Vogelfeder), der beim Rupfen in der Haut zurückbleibende Federteil, Stachel’ sowie das unter ↗Speiche (s. d.) behandelte Substantiv. Auszugehen ist von der Wurzel ie. *(s)p(h)ē̌i-, *(s)p(h)ī̌- ‘spitz, spitzes Holzstück’, der Bratspieß also als ‘spitzer Holzstab’ zu erklären. Im Nhd. fallen ↗Spieß und ↗Spieß (s. d.) lautlich und auch semantisch (beide vorgestellt als mit Spitzen versehene Stange) zusammen. Bratspieß m. (15. Jh., daneben anfangs noch Bratspiß). Spießrute f. ‘spitze, lange, biegsame Gerte’ (16. Jh.), auch Spißgerte, Spitzrute (17. Jh.). Verdeutlichende Zusammensetzung (vgl. ahd. spiʒ, auch ‘Zweig, Gerte’). Die Spießrute wird als Reitgerte und auch als soldatische Prügelgerte verwendet, daher Spießruten laufen (müssen) ‘zur Strafe mit entblößtem Rücken durch eine von mit Spießruten prügelnden Soldaten gebildete Gasse gehen’ (18. Jh.), auch durch die Spießruten jagen (18. Jh.). Übertragen Spießruten laufen ‘von anderen durchgehechelt werden’ (18. Jh.), dann ‘neugierigen, kritischen oder spöttischen Blicken ausgesetzt sein’ (19. Jh.).

Spieß2 · Spieß3 · spießen · Spießbürger · Spießer · spießbürgerlich · spießig · Spießgeselle
Spieß2 m. alte Wurf- und Stoßwaffe, ahd. spioʒ (um 800; vgl. als Jagdwaffe swīnspioʒ, 8. Jh.), mhd. spieʒ ‘Kampf-, Jagdspieß’, auch ‘Spießträger’, asächs. spiot, mnd. spēt, mnl. spiet, anord. spjōt ‘Spieß, Speer’, schwed. spjut ‘Speer’. Herkunft unbekannt. Ein Zusammenhang mit griech. speú͞dein (σπείδειν) ‘sich sputen, eilen, streben, sich anstrengen’, transitiv ‘antreiben, beschleunigen’, spūdḗ (σπουδή) ‘Eile, Eifer, Mühe, Ernst, Wohlwollen’, lit. spáusti (aus *spáudti) ‘(aus)drücken, -pressen’, intransitiv ‘eilen’ mit einer Ausgangsform ie. *(s)p(h)eud- ‘drücken, mit Nachdruck betreiben, eilen’ (vgl. Pokorny 1, 999), wonach der geschleuderte Spieß als ‘Eilender’ zu deuten wäre, ist wenig befriedigend. de Vries in: PBB (T) 80 (1958) 20 faßt dagegen germ. *speuta- ‘Spieß’ als vokalische Variante von germ. *spita- ‘Spitze’ (s. ↗Spieß) auf. Spieß3 m. in der Soldatensprache ‘Kompanie-, Hauptfeldwebel’ (um 1900), anspielend auf den Offizierssäbel, den dieser früher zu tragen berechtigt war; vgl. bereits mhd. spieʒ, nhd. Spieß ‘Spießträger, Krieger’ (bis 17. Jh.). spießen Vb. ‘(mit dem Spieß) durchbohren’ (17. Jh.). Nicht hierher, sondern zu ↗Spieß gehört mhd. spiʒʒen ‘an den Bratspieß stecken’ und auch frühnhd. spissen ‘mit dem Spieß, mit der Stichwaffe durchstechen’ (16. Jh.), das sich jedoch semantisch an ↗Spieß anlehnt. Unklar in seiner Zugehörigkeit ist mhd. (md.) spīʒen ‘aufspießen’. Spießbürger m. ‘kleinlich denkender, engstirniger Mensch’ (17. Jh.), studentisches Schimpfwort, eigentlich ‘der mit dem Spieß bewaffnete, zu Fuß kämpfende Bürger’; im 18. Jh. (Wieland) in die Literatursprache aufgenommen. Daraus verkürzt Spießer m. (19. Jh.). spießbürgerlich Adj. ‘kleinstädtisch, kleinlich, engstirnig’ (18. Jh.); entsprechend spießig Adj. (um 1900). Spießgeselle m. ‘Mittäter in einer üblen Sache’ (17. Jh.), eigentlich ‘der (ebenfalls mit einem Spieß kämpfende) Waffengefährte’ (16. Jh.). Den pejorativen Sinn erhält das Wort durch den schlechten Ruf, den in älterer Zeit Landsknechte und Soldaten genießen.

Thesaurus

Synonymgruppe
Bratspieß · ↗Schaschlikspieß · Spieß
Militär
Synonymgruppe
Kompaniefeldwebel  ●  Mutter der Kompanie  ugs., fig. · Spieß  ugs.
Oberbegriffe
Synonymgruppe
Ger · ↗Lanze · ↗Speer · Spieß · ↗Wurfspeer  ●  ↗Wurfspieß  ugs.
Oberbegriffe
Unterbegriffe
  • griechischer Speer  ●  Dorata  griechisch · Dory  griechisch · Dourata  griechisch
Assoziationen
Synonymgruppe
Lanze · ↗Pike (veraltet) · ↗Speer · Spieß

Typische Verbindungen
computergeneriert

Fleischstücke Hahn Hammel Hellebarde Lamm Lammfleisch Lanze Müllsack Ochs Ochse Scampi Schwein Schwert Schwerter Sichel Spanferkel Wildschwein braten brutzeln garen gegrillt grillen herumdrehen rumdrehen rösten säbeln umdrehen umgedreht umkehren vorgestreckt

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Spieß‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Man muss den Spieß umdrehen, sonst wird man ja nicht froh dabei.
Süddeutsche Zeitung, 31.07.2004
Und weil wir das auch nicht so genau wissen, wollen wir den Spiess einmal umdrehen.
Der Tagesspiegel, 20.06.2000
Ich glaube, dass es uns gelungen ist, diesen Spieß umzudrehen.
o. A.: Ansprache auf der Reichsarbeitstagung der Reichsrundfunkkammer in Marienbad, 19.03.1939
Hier setzt daher gleich die Kritik ein, besonders durch W. Spieß (566).
Jahresberichte für deutsche Geschichte, 1927, S. 890
Er hielt sich mit beiden Händen an dem aufgestemmten Spieß, seine Last zu verringern.
Kolbenheyer, Erwin Guido: Paracelsus, München: J. F. Lehmanns 1964 [1917], S. 15
Zitationshilfe
„Spieß“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Spieß>, abgerufen am 19.01.2019.

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