Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Spieß, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Spießes · Nominativ Plural: Spieße
Aussprache 
Wortbildung  mit ›Spieß‹ als Erstglied: Spießbock · Spießbraten · Spießbürger · Spießgeselle · Spießhirsch · Spießrute
 ·  mit ›Spieß‹ als Letztglied: Bratspieß · Drehspieß · Dönerspieß · Schaschlikspieß · Wurfspieß · Zettelspieß
Mehrwortausdrücke  den Spieß umdrehen · den Spieß umkehren
eWDG

Bedeutungen

1.
Stab aus Metall mit einem spitzen Ende, auf den man Fleisch aufspießt, Bratspieß
Beispiele:
einen ganzen Ochsen am Spieß braten
Schaschlik am Spieß
umgangssprachlichkleine Happen an Spießchen
wegen des Rauches vom Kamin, worin ein Spieß mit Hühnern gedreht wurde [ H. MannJugend Henri Quatre6,181]
2.
seit der Steinzeit bekannte, besonders im Mittelalter gebrauchte Waffe aus einem langen Schaft und einer meist rhombusförmigen Spitze zum Stoßen und Werfen
Beispiele:
mit Spießen und Hirschfängern gingen sie auf die Jagd
umgangssprachlichwie am Spieß (= sehr laut, als ob es ums Leben ginge) schreien
Große Wagen, mit Landsknechten beladen und von deren Spießen starrend, rasselten voraus [ G. KellerGr. Heinrich4,543]
bildlich den Spieß umkehren, umdrehenmit den Mitteln des Gegners zum Gegenangriff übergehen
Beispiel:
wie er den Spieß umkehren wollte und uns vorwarf, wir hätten euch nicht genügend auf diesen Einsatz vorbereitet [ H. KantAula234]
3.
Druckerei nicht zum Satzbild gehörender Farbfleck, verursacht durch mitdruckenden Ausschluss
Beispiel:
bei der Korrektur sind auch die Spieße auf dem Rand anzugeben
4.
Jägersprache Geweihstange junger Hirsche, Elche und Rehböcke, die noch keine Enden hat
5.
Soldatensprache Kompaniefeldwebel
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Spieß1 · Bratspieß · Spießrute · Spießrutenlaufen
Spieß1 m. ‘Bratspieß’, ahd. (9. Jh.), mhd. spiʒ ‘Brat-, Holzspieß, Splitter’, mnd. spit, mnl. spit, spet, nl. spit, aengl. spitu, engl. spit, schwed. spett führen auf germ. *spita-, verwandt mit den unter spitz (s. d.) genannten Formen. Neben diesen Bildungen mit Dentalsuffix stehen (mit anderen Suffixen abgeleitet) lat. spīna ‘Dorn, Stachel, Rückgrat’, lett. spina ‘Gerte, Rute’, vielleicht auch russ. spiná (спина) ‘Rücken’ (s. Finne1) und lit. speiglỹs ‘Spule (der Vogelfeder), der beim Rupfen in der Haut zurückbleibende Federteil, Stachel’ sowie das unter Speiche (s. d.) behandelte Substantiv. Auszugehen ist von der Wurzel ie. *(s)p(h)ē̌i-, *(s)p(h)ī̌- ‘spitz, spitzes Holzstück’, der Bratspieß also als ‘spitzer Holzstab’ zu erklären. Im Nhd. fallen Spieß1 und Spieß2 (s. d.) lautlich und auch semantisch (beide vorgestellt als mit Spitzen versehene Stange) zusammen. – Bratspieß m. (15. Jh., daneben anfangs noch Bratspiß). Spießrute f. ‘spitze, lange, biegsame Gerte’ (16. Jh.), auch Spißgerte, Spitzrute (17. Jh.). Verdeutlichende Zusammensetzung (vgl. ahd. spiʒ, auch ‘Zweig, Gerte’). Die Spießrute wird als Reitgerte und auch als soldatische Prügelgerte verwendet, daher Spießrutenlaufen n. Spießrutenlaufen (müssen) ‘zur Strafe mit entblößtem Rücken durch eine von mit Spießruten prügelnden Soldaten gebildete Gasse gehen’ (18. Jh.), auch durch die Spießruten jagen (18. Jh.). Übertragen Spießruten laufen ‘von anderen durchgehechelt werden’ (18. Jh.), dann ‘neugierigen, kritischen oder spöttischen Blicken ausgesetzt sein’ (19. Jh.).

Spieß2 · Spieß3 · spießen · Spießbürger · Spießer · spießbürgerlich · spießig · Spießgeselle
Spieß2 m. alte Wurf- und Stoßwaffe, ahd. spioʒ (um 800; vgl. als Jagdwaffe swīnspioʒ, 8. Jh.), mhd. spieʒ ‘Kampf-, Jagdspieß’, auch ‘Spießträger’, asächs. spiot, mnd. spēt, mnl. spiet, anord. spjōt ‘Spieß, Speer’, schwed. spjut ‘Speer’. Herkunft unbekannt. Ein Zusammenhang mit griech. speú͞dein (σπείδειν) ‘sich sputen, eilen, streben, sich anstrengen’, transitiv ‘antreiben, beschleunigen’, spūdḗ (σπουδή) ‘Eile, Eifer, Mühe, Ernst, Wohlwollen’, lit. spáusti (aus *spáudti) ‘(aus)drücken, -pressen’, intransitiv ‘eilen’ mit einer Ausgangsform ie. *(s)p(h)eud- ‘drücken, mit Nachdruck betreiben, eilen’ (vgl. Pokorny 1, 999), wonach der geschleuderte Spieß als ‘Eilender’ zu deuten wäre, ist wenig befriedigend. de Vries in: PBB (T) 80 (1958) 20 faßt dagegen germ. *speuta- ‘Spieß’ als vokalische Variante von germ. *spita- ‘Spitze’ (s. Spieß1) auf. – Spieß3 m. in der Soldatensprache ‘Kompanie-, Hauptfeldwebel’ (um 1900), anspielend auf den Offizierssäbel, den dieser früher zu tragen berechtigt war; vgl. bereits mhd. spieʒ, nhd. Spieß ‘Spießträger, Krieger’ (bis 17. Jh.). spießen Vb. ‘(mit dem Spieß) durchbohren’ (17. Jh.). Nicht hierher, sondern zu Spieß1 gehört mhd. spiʒʒen ‘an den Bratspieß stecken’ und auch frühnhd. spissen ‘mit dem Spieß, mit der Stichwaffe durchstechen’ (16. Jh.), das sich jedoch semantisch an Spieß2 anlehnt. Unklar in seiner Zugehörigkeit ist mhd. (md.) spīʒen ‘aufspießen’. Spießbürger m. ‘kleinlich denkender, engstirniger Mensch’ (17. Jh.), studentisches Schimpfwort, eigentlich ‘der mit dem Spieß bewaffnete, zu Fuß kämpfende Bürger’; im 18. Jh. (Wieland) in die Literatursprache aufgenommen. Daraus verkürzt Spießer m. (19. Jh.). spießbürgerlich Adj. ‘kleinstädtisch, kleinlich, engstirnig’ (18. Jh.); entsprechend spießig Adj. (um 1900). Spießgeselle m. ‘Mittäter in einer üblen Sache’ (16. Jh.), eigentlich ‘der (ebenfalls mit einem Spieß kämpfende) Waffengefährte’ (16. Jh.). Den pejorativen Sinn erhält das Wort durch den schlechten Ruf, den in älterer Zeit Landsknechte und Soldaten genießen.

Thesaurus

Synonymgruppe
Militär
Synonymgruppe
Kompaniefeldwebel  ●  Mutter der Kompanie  ugs., fig. · Spieß  ugs.
Oberbegriffe
Synonymgruppe
Ger · Lanze · Speer · Spieß · Wurfspeer  ●  Wurfspieß  ugs.
Oberbegriffe
Geschichte, Militär
Synonymgruppe
Lanze · Speer · Spieß  ●  Hasta  fachspr., lat. · Pike (veraltet)  fachspr. · Sarissa  fachspr., griechisch

Typische Verbindungen zu ›Spieß‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Spieß‹.

Verwendungsbeispiele für ›Spieß‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Er hielt sich mit beiden Händen an dem aufgestemmten Spieß, seine Last zu verringern. [Kolbenheyer, Erwin Guido: Paracelsus, München: J. F. Lehmanns 1964 [1917], S. 15]
Nachts schreie ich wie am Spieß, weine wie ein kleines Kind. [Bild, 11.10.1997]
Nicht einmal das stimmt also: Der Ochs am Spieß ist ein Ochs in der Pfanne. [Die Zeit, 27.10.1961, Nr. 44]
Ich glaube, dass es uns gelungen ist, diesen Spieß umzudrehen. [o. A.: Ansprache auf der Reichsarbeitstagung der Reichsrundfunkkammer in Marienbad, 19.03.1939]
Dieser ließ den Wein auftischen und noch obendrein einen jungen Truthahn am Spieß für ihn rösten. [Thelen, Albert Vigoleis: Die Insel des zweiten Gesichts, Düsseldorf: Claassen 1981 [1953], S. 986]
Zitationshilfe
„Spieß“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Spie%C3%9F>.

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