Tribalismus, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Tribalismus · Nominativ Plural: Tribalismen · wird selten im Plural verwendet
Aussprache 
Worttrennung Tri-ba-lis-mus
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2018

Bedeutungen

1.
stärkeres Orientiertsein des kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins auf den eigenen Stamm in afrikanischen Staaten
Beispiele:
Das Hauptübel Afrikas ist der Tribalismus, das heißt die Vorherrschaft des Stammesdenkens, im Verein mit Korruption und Brutalität, die jeder erfolgreichen Staatenbildung im Wege stehen. Dieses Urteil stammt, wohlgemerkt, von dem afrikanischen Intellektuellen Ahmadou Kourouma, der es als beliebten Trick bezeichnet, alle Katastrophen und Missstände auf den europäischen Kolonialismus abzuwälzen und so von der Eigenverantwortung der Afrikaner abzulenken. [Die Zeit, 02.09.2004, Nr. 37]
Wenn sich Parteien [in Afrika] vor allem entlang von ethnischen Grenzen formieren, können Wahlen den Tribalismus befeuern, anstatt ihn aufzulösen. Deshalb argumentieren Afrikaner gelegentlich, im Sinne des »nation‑building« und der Einheit sei der Einparteistaat der Rivalität zwischen Regierung und Opposition oder zwischen Stammes‑Parteien vorzuziehen. [Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2016]
Nun aber regt sich in der Partei [dem südafrikanischen ANC] Widerstand gegen den korrupten Chef, und im Volk wächst der Zorn auf Korruption, Herrscherkult, Tribalismus – auf Zustände also, wie man sie aus Südafrika in dieser Form bisher nicht kannte. [Süddeutsche Zeitung, 25.10.2016]
Die ungerechte Landpolitik ist heutzutage aber in erster Linie die Folge des Tribalismus, der in der kenianischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik vorherrscht und das Klima vergiftet. [Spiegel, 25.10.2008 (online)]
Aber was ist mit den Konflikten von heute, in Liberia zum Beispiel oder in Somalia – Konflikte mit eindeutig ethnischem Hintergrund? Haben wir nicht die Bedeutung des Tribalismus, des Stammesdenkens in Afrika unterschätzt? [die tageszeitung, 04.06.1991]
allgemeiner Quelle: DWDS, 2018
Beispiele:
Der Irak und Afghanistan sind dafür [für eine misslungene Intervention des Westens] die eklatantesten Beispiele. Unermessliche Leiden der Bevölkerung, Zerfall der Infrastrukturen, Auflösung sozialer Bindungen mit Rückfall in den Tribalismus waren überall die Folge. [Süddeutsche Zeitung, 07.10.2014]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch der Iran von der Gesetzlosigkeit und dem Tribalismus des Mittleren Ostens geplagt. Aber bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts erlangte der Iran unter Schah Mohamed Reza Pahlevi eine Armee und eine effektive Zentralregierung. Das erst machte die spätere Industrialisierung möglich. [Die Zeit, 12.04.2012, Nr. 16]
Und dann ist da [in den arabischen Ländern] die Vetternwirtschaft, der Tribalismus. Eigentlich ist man als Araber im Nahen Osten gar kein Staatsbürger, sondern Mitglied dieses oder jenes Stammes. [Die Welt, 31.01.2011]
Stammesgesellschaften können tatsächlich ein Sozialsystem anbieten, das sich noch wirklich um die Menschen kümmert. […] Aber Tribalismus hat auf der anderen Seite auch Nachteile, Stammeskulturen können degenerieren und in Nationalismus oder Fundmentalismus abgleiten, das kann man in Jugoslawien sehen. [Süddeutsche Zeitung, 03.11.1994]
Die Laissez‑faire‑Politik der Weltgemeinschaft gegenüber den Tribalismen der Kosovo‑Albaner muss ein schnelles Ende finden. [Die Welt, 03.07.2001] ungewöhnl. Pl.
2.
übertragen das verstärkte Orientiertsein der Mitglieder einer Gruppe auf den gemeinsamen sozialen, kulturellen, ethnischen o. ä. HintergrundQuelle: DWDS, 2018
Beispiele:
Amerika ist eine zornige Nation. Das Land ist in eine Art digitalisierten politischen Tribalismus verfallen, in dem sich – zwischen all der Wut auf das andere – kein gemeinsamer Grund mehr für gesellschaftliche Kompromisse finden lässt. [Der Standard, 13.01.2016]
Eine wissenschaftliche Erkenntnis zählt für den radikalen Perspektivismus ebensoviel wie eine Fabel; sie ist nur eine Fabel unter vielen. An den amerikanischen Hochschulen liefert sie – unter dem Namen »Identitätspolitik« – die ideelle Rechtfertigung für einen Tribalismus, der die Idee der Universität selbst liquidiert: Jeder Stamm (die Frauen, die Schwarzen, die Homosexuellen, die Latinos) soll seine eigene »Interpretationsgemeinschaft« sein, seine eigenen »Narrative«, mithin seine eigene Wissenschaft besitzen. [Die Zeit, 04.06.1998, Nr. 24]
Das Nebeneinander verschiedener Kulturen und Milieus gehörte zwar schon immer zum Wesen der Stadt[…]. Während die Politikverdrossenheit wächst und die Identität der Bürger als Citoyen abnimmt, verstärkt sich die städtische Heterogenität zum ausgewachsenen kulturellen, wenn nicht sogar ethnischen Tribalismus. [Berliner Zeitung, 04.09.1997]
Auf der anderen Seite nimmt der Beobachter verwundert wahr, wie dem Zug ins Weltweite eine Renaissance der Nahwelten entgegenwirkt, eine Flucht in die kleineren Einheiten, ein Aufleben von Stammesstolz, parochialem Haß und ethnischer Amokläuferei. Der Sprengel steht auf gegen die eine, die einförmige Welt. Der Tribalismus erhebt sich gegen den Globalismus. [Die Zeit, 03.01.1997, Nr. 02]

Thesaurus

Synonymgruppe
Stammestum · Tribalismus
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Tribalismus‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Tribalismus‹.

Zitationshilfe
„Tribalismus“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Tribalismus>, abgerufen am 04.06.2020.

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