Tunnelblick, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Tunnelblick(e)s · Nominativ Plural: Tunnelblicke · wird selten im Plural verwendet
Worttrennung Tun-nel-blick
Wortzerlegung TunnelBlick1
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2018

Bedeutungen

1.
a)
infolge eines Rauschzustandes oder beim Fahren mit sehr großer Geschwindigkeit auftretendes eingeschränktes Sehen, bei dem nur die unmittelbar im Zentrum des Gesichtsfeldes befindlichen Objekte richtig wahrgenommen werden
Beispiele:
Dass man von zu viel Alkohol einen Tunnelblick bekommt, ist bekannt. [Süddeutsche Zeitung, 19.03.2016]
Ab 0,8 Promille […] verlieren wir immer mehr Hemmungen, werden zunehmend rücksichtsloser und überschätzen uns selbst. Und: Unser räumliches Sehen wird beeinträchtigt (Tunnelblick)[…]. [Bild, 15.10.2014]
Bei höheren Geschwindigkeiten kommt es zum »Tunneleffekt«. […] Zum ganzen Gesichtsfeld von 200 Grad sind viele Augenbewegungen nötig. Steigt das Tempo, kommen die Augen nicht nach – der Wahrnehmungswinkel schrumpft (Tunnelblick), die Details verschwimmen. [Welt am Sonntag, 18.03.2007, Nr. 11]
b)
geradeaus gerichteter stierer Blick (wie er für den Tunnelblick (1 a) kennzeichend ist)
Kollokationen:
als Akkusativobjekt: einen Tunnelblick bekommen
Beispiele:
»Wenn der Stress und der Adrenalinspiegel steigen, dann kriegen wir [Polizisten bei einem Einsatz] einen Tunnelblick«, warnt ein Ausbilder. Atemtechnik, Yoga und andere Übungen zum Stressabbau gehören deshalb ins Curriculum, ebenso werden die Fähigkeiten zur präzisen Einschätzung einer Situation trainiert. [Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2017]
Jäger bekommen ihn im Laufe der Pirsch: diesen Tunnelblick, der die Wahrnehmung verengt und den Sucherfolg erhöht. [Welt am Sonntag, 27.08.2017, Nr. 35]
Mitten im Wettbewerb hatten wir den Tunnelblick – da setzen fast alle Sinne aus. Ich war auf das Team fokussiert und hochkonzentriert, wir waren schließlich bei der Programmierweltmeisterschaft in Russland! [Spiegel, 30.07.2014 (online)]
Weit verbreitet auch der sogenannte Tunnelblick: Angstvoll verkrampfte Fahrschüler sind in ihrem Blickfeld eingeengt und magisch auf bestimmte Punkte – Baum in einer Kurve, Scheinwerfer des Gegenverkehrs – fixiert und kommen von der Fahrspur oder gar von der Fahrbahn ab. [Der Spiegel, 20.11.1978, Nr. 47]
Mimik in drei gleichen Stufen: Hoffnung, Beschwörung, Bangen. Dazu seltsam konzentrierte Tunnelblicke, Münder, die leicht geöffnet verharren. So präsentieren sich Spieler am Roulettetisch. Und Passagiere am [Koffer-]Laufband. [Berliner Zeitung, 26.02.2005] ungewöhnl. Pl.
2.
übertragen eingeengte Sichtweise
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: ein ideologischer Tunnelblick
als Akkusativobjekt: einen Tunnelblick entwickeln
in Präpositionalgruppe/-objekt: vor einem Tunnelblick warnen
Beispiele:
Die Gefahr ist groß, am Anfang [einer Probezeit in einem Betrieb] einen Tunnelblick zu entwickeln, der sich nur auf das jeweilige Projekt richtet. Dabei ist es wichtig, sich zu fragen, wie das eigene Auftreten und die persönliche Arbeitsweise bei den anderen ankommen. [Die Zeit, 06.02.2016 (online)]
In Fragen der Moral ist der gemeine Immobilienspekulant gelegentlich mit einem Tunnelblick gesegnet, der ihn die eigene Niedertracht nicht erkennen lässt. [Der Standard, 09.02.2014]
Denn der unglückselige Bischof ist nicht nur in seiner Diözese längst zu einem Symbol für all das geworden, was viele Katholiken in ihrer Kirche verabscheuen: blasierte Egozentrik, gepaart mit theologischem Tunnelblick. [Die Welt, 24.10.2013]
Denn selbst im postagrarischen und postindustriellen Mitteleuropa nehmen die unbebauten Flächen, Acker und Wald, unverändert fast neunzig Prozent des Bodens ein – wer sie nicht wahrhaben will, leidet am Tunnelblick. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.1999]
In keinem Fach ist die Durchfallquote höher [als in Jura]. Weil das alle wissen, setzen schon Erstsemester die Scheuklappen auf und üben den Tunnelblick: Fakten, Fakten, Fakten – und immer an das Examen denken. [Süddeutsche Zeitung, 25.10.1997]
3.
Medizin durch Erkrankung der Netzhaut oder des Sehnervs hervorgerufene konzentrische Einengung des GesichtsfeldsQuelle: DWDS, 2018
Beispiele:
Die Symptome [der Netzhauterkrankung] sind Nachtblindheit, Gesichtsfeldausfälle, bis hin zu einem Tunnelblick. Je früher die Krankheit ausbricht, desto schneller schreitet sie oft fort. [Bild am Sonntag, 26.10.2014, Nr. 43]
Ihr Job ist die Brustkrebsfrüherkennung. […] [Die Tastuntersucherin] tastet täglich bis zu acht Frauen ab. Das Besondere: Sie hat einen Tunnelblick, ist fast blind. Genau wie ihre Kolleginnen, die alle komplett blind oder stark sehbehindert sind. Ihr Tastsinn ist so gut ausgeprägt, dass sie selbst kleinste Veränderungen ab ca. sechs Millimetern in der Brust fühlen können. [Bild, 07.10.2017]
[…] [Der auf Übergrößen spezialisierte Schuhmacher] hat viel über diese Krankheit gelesen, die Akromegalie (= Riesenwuchs). Dass erst Hände und Füße wachsen und dann die Gesichtszüge wulstig werden, dass sie in der Ukraine besonders häufig auftritt, dass viele Erkrankte einen Tunnelblick entwickeln. [Welt am Sonntag, 03.08.2014, Nr. 31]
Dieses Augenleiden [Retinitis pigmentosa] tritt bei einem von 4000 Menschen auf und ist damit eine der häufigsten Erbkrankheiten. In allen Fällen kündigt sich die Krankheit durch Nachtblindheit und den Tunnelblick an – einer Einschränkung des Gesichtfelds. [Süddeutsche Zeitung, 13.06.1996]

Typische Verbindungen zu ›Tunnelblick‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Tunnelblick‹.

Zitationshilfe
„Tunnelblick“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Tunnelblick>, abgerufen am 03.06.2020.

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