Umkehrung, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Umkehrung · Nominativ Plural: Umkehrungen
Aussprache  [ˈʊmkeːʀʊŋ]
Worttrennung Um-keh-rung
Wortzerlegung umkehren-ung
eWDG und ZDL

Bedeutungen

1.
Veränderung der Richtung, in die sich etw. oder jmd. bewegt, in die Gegenrichtung
entsprechend der Bedeutung von umkehren (1)
Beispiele:
Anschliessend wird seine [Fidel Castros] Asche in einer mehrtägigen Karawane, die eine Umkehrung des Siegeszugs der bärtigen Revolutionäre in die Hauptstadt im Januar 1959 darstellt, nach Santiago de Cuba in seiner Heimatregion im Osten der Insel, übergeführt. [Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2016]
Um die Erdgasquellen kurzfristig zu diversifizieren, verhandelt die ukrainische Regierung über Importe aus Europa, die durch eine Umkehrung der Fliessrichtung bestehender Pipelines erfolgen könnten. [Neue Zürcher Zeitung, 04.04.2014]
2.
Wendung (1) der Lage oder Ausrichtung von etw.
entsprechend der Bedeutung von umkehren (2)
Beispiele:
Die bislang letzte Umkehrung des Erdmagnetfelds hat sich über eine Zeitspanne von 22.000 Jahren vollzogen und damit deutlich länger gedauert als angenommen. [Die Welt, 09.08.2019]
Die Devisen‑Kubaner erhalten den an den amerikanischen Dollar gekoppelten Peso convertible […]. Angestellte aus Staatsbetrieben verdienen hingegen in der Landeswährung, dem praktisch wertlosen Peso. Dies führt zur Umkehrung der Sozialpyramide: Ein Kellner oder ein Taxifahrer verdient ein Vielfaches von dem Lohn eines Lehrers oder Arztes. [Neue Zürcher Zeitung, 03.05.2014]
3.
Verkehrung von etw. in das Gegenteil
entsprechend der Bedeutung von umkehren (3)
Beispiele:
Der Noordwaard‑Polder gehört zu jenen 39 Gebieten, die die Regierung für ihr Programm »Platz für den Fluss« ausgewählt und eingedeicht hat – eine moderne Umkehrung der jahrhundertealten Praxis der Landgewinnung durch die Niederlande. [Die Welt, 06.01.2020]
In Umkehrung der Minderheitenpolitik erklärt er [ein amerikanischer Publizist] den weißen jungen Amerikaner zur eigentlich bedrohten Minderheit, der fremd geworden sei im eigenen Land, weshalb er das Yiannopoulos Privilege Grant ins Leben rief, das junge, weiße Männer mit Stipendien ausstatten will. [Süddeutsche Zeitung, 04.01.2017]
Zwei Banken haben […] reagiert und die Umkehrung der Beweislast in ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen aufgenommen[…]. [C’t, 2001, Nr. 13]
In der französischen Nationalversammlung hat am Dienstag die Debatte über die Umkehrung der Reihenfolge von Parlaments‑ und Präsidentenwahl im Frühjahr 2002 begonnen. [Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2000]
In einer merkwürdigen Umkehrung hatte er den Eindruck, diese Ordnung gehe von ihm aus[.] [ MusilMann405]WDG
4.
Musik
a)
bei Intervallen   Versetzung des unteren Tones in die höhere Oktave oder des oberen Tones in die untere Oktave
Beispiele:
Man spricht von einer Umkehrung der Intervalle, die nichts ist als eine Oktavversetzung des höheren Tons unter den tieferen oder des tieferen über den höheren. Die Umkehrung eines Intervalls ist immer dasjenige andere Intervall, durch welches es zur Oktave ergänzt wird. [musikwissenschaften.de, aufgerufen am 15.07.2020]
Die Umkehrung verminderter Intervalle ergibt übermäßige [Intervalle]. [Brockhaus-Riemann-Musiklexikon. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1989], S. 10897]
b)
bei Akkorden   Versetzung des unteren Tones in die höhere Oktave
Beispiele:
Unter dieser Umkehrung versteht man den Wechsel des Basstons, d. h. man nennt alle Akkorde Umkehrungen, welche nicht den natürlichen Basston haben. Der natürliche Basston ist aber nach der üblichen Definition der, welcher der tiefste ist, wenn die Töne des Akkords terzenweise übereinander aufgebaut werden. [musikwissenschaften.de, aufgerufen am 15.07.2020]
In der Harmonielehre ist ein Sextakkord die erste Umkehrung eines Dreiklangs. [Badische Zeitung, 18.07.2006]
[…] der Begriff des Dr. (= Dreiklang C-Dur) [umfasst] außer der Grundform (c–e–g) auch Oktaverweiterungen (c–g–e1), Oktavverdoppelungen (c–e–g–c1) und Umkehrungen (Sextakkord e–g–c1, Quartsextakkord g–c1–e1). [Brockhaus-Riemann-Musiklexikon. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1989], S. 2836]
c)
bei Motiven und Themen   (horizontale oder vertikale) Spiegelung der Tonfolge
Beispiele:
Umkehrung eines Motivs (Thema in der Gegenbewegung), eins der interessantesten imitatorischen Wirkungsmittel, das darin besteht, dass alle Stimmschritte des Themas in umgekehrter Richtung gemacht werden (steigend statt fallend, fallend statt steigend) (= horizontale Spiegelung). [musikwissenschaften.de, aufgerufen am 15.07.2020]
Bachs komplette »Kunst der Fuge«, das bedeutet ein […] Thema, das über 300 mal [sic!] erklingt und dabei auf komplizierteste Weise verarbeitet wird, so zum Beispiel als »Gegenfuge mit Thema und Umkehrung im Wechsel in drei Größenwerten«. [Neue Osnabrücker Zeitung, 23.09.2015]
Sie [die letzte Engführung] kombiniert das terzverstärkte Thema mit seiner terzverstärkten Umkehrung. [Süddeutsche Zeitung, 07.11.2012]
Für den fugierten, durchweg dreistimmigen letzten Satz, dessen Thema in der Wiederholung in seiner Umkehrung erklingt, wählte R[…] ein gemäßigtes Tempo[…]. [Südkurier, 04.01.2011]
Das Soggetto (Thema) der »Kunst der Fuge« von [Johann Sebastian] Bach wird sowohl recto als auch inverso, also in seiner Umkehrung[,] verwendet. [Südkurier, 22.05.2007]

letzte Änderung:

Zum Originalartikel des WDG gelangen Sie hier.

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

kehren1 · Kehre · kehrtmachen · Kehrreim · Kehrseite · einkehren · Einkehr · umkehren · Umkehr · Umkehrung
kehren1 Vb. ‘etw. in eine bestimmte, namentlich die entgegengesetzte Richtung drehen, wenden’, seit Beginn der Überlieferung außerdem in reflexivem und (wohl durch Ersparung eines Akkusativobjekts entstandenem, heute unüblichem) intransitivem Gebrauch ‘die Gegenrichtung einschlagen, sich umwenden’, ahd. kēren (9. Jh.), gikēren (8./9. Jh.), mhd. (ge)kēren ‘(um)wenden, eine Richtung geben, sich wenden’ (mhd. und frühnhd. auch allgemeiner ‘eine Richtung einschlagen, sich begeben’) hat nur im Kontinentalwestgerm. sichere Verwandte, vgl. asächs. kērian, mnd. (ge)kēren, aostnfrk. kēron, mnl. kēren, nl. keren, afries. kēra ‘kehren, wenden’. Bei Annahme eines grammatischen Wechsels germ. *kaisjan, *kaizjan lassen sich diese Formen mit anord. keisa ‘biegen, zusammenfalten’, isl. keisa ‘in die Höhe ragen, hochtragen’, schwed. kesa ‘durchgehen, fliehen’ verbinden, die auf einen Ansatz ie. *geis- zurückgeführt werden, der zu der nur in verschiedenen Erweiterungen nachzuweisenden Wurzel ie. *gei- ‘drehen, biegen’ (s. auch ↗keifen) gehört; vgl. Pokorny 1, 354 f. Dieser fragliche Zusammenhang muß jedoch aufgegeben werden, wenn man für ahd. kēren von germ. *kairjan ausgeht und dieses (wie Petersson in: PBB 44 (1920) 178 f.) mit armen. cir ‘Kreis’, osset. zilyn (зuлын) ‘herumdrehen’ vergleicht. Ebenso ist aengl. cerran (westsächs. cierran, cyrran) trotz semantischer Übereinstimmung von den anderen westgerm. Bildungen zu trennen, da es eine auch im Vokalismus abweichende Form germ. *karrjan oder *karzjan voraussetzt. Substantivische Ableitung vom Verb ist Kehre f. ‘scharfe Wegbiegung’, seit Jahn (1816) auch Fachwort des Turnens ‘Sprung oder Abschwung, bei dem der Rücken zum Gerät gewandt ist’, ahd. kēra ‘Wendung, Beugung, Krümmung’ (11. Jh.), mhd. mnd. kēr(e) ‘Richtung, Wendung’ (die einsilbige Form noch in Einkehr, Umkehr, s. unten, ↗Heimkehr, s. d.); daneben steht in älterer Zeit ein Maskulinum ahd. (um 1000), mhd. mnd. kēr, frühnhd. Kehr, mnl. nl. keer (s. ↗Verkehr). kehrtmachen Vb. ‘eine halbe Drehung vollführen, die Gegenrichtung einschlagen’, im 20. Jh. zusammengewachsen aus der Fügung kehrt machen (substantiviert auch Kehrt machen, Anfang 19. Jh.), enthält als ersten Bestandteil den Imperativ und militärischen Befehl kehrt! (vielleicht verkürzt aus kehrt euch!). Kehrreim m. ‘regelmäßig am Schluß jeder Liedstrophe sich wiederholender Textteil’. Das von Bürger (1793) eingeführte Ersatzwort für ↗Refrain (s. d.) ist eine Zusammensetzung mit ↗Reim (s. d.) in dessen früher geläufiger Bedeutung ‘Verszeile’. Kehrseite f. ‘Rückseite’, metaphorisch auch ‘das einer zunächst günstig erscheinenden Sache anhaftende Unangenehme’, in der 2. Hälfte des 18. Jhs. aufkommende und trotz Adelungs Kritik sich durchsetzende Verdeutschung von ↗Revers ‘Rückseite einer Münze’ (s. d.), nach gleichbed. nl. keerzijde (dieses 1729 erstmals nachweisbar). einkehren Vb. ‘in einer Gaststätte Rast machen’, ursprünglich überhaupt ‘sich (als Gast) hineinbegeben’, mhd. īnkēren ‘hineingehen, umkehren’, in der Sprache der Mystik auch spätmhd. īnkēren, frühnhd. einkehren, mnd. inkēren ‘in sich gehen, sich versenken’; dazu Einkehr f. ‘Selbstbesinnung’, älter auch ‘Rast, Herberge’, mhd. īnkēr(e) f. ‘Einzug, Insichgehen’; vgl. spätmhd. īnkēr m., mnd. inkēr m. ‘Insichgehen’. umkehren Vb. ‘umwenden, umdrehen, in die entgegengesetzte Lage bringen’, intransitiv ‘sich umwenden, den Rückweg antreten, anderen Sinnes werden’, ahd. umbikēren (9. Jh.), mhd. umbekēren, mnd. ummekēren; seit dem Frühnhd. findet sich das Part. Prät. umgekehrt in adjektivischer Verwendung ‘gegenteilig, entgegengesetzt’; Umkehr f. ‘das Umkehren, Zurückgehen’, übertragen ‘Sinneswandel’, mhd. umbekēr(e) f. ‘Umkehr, Umwendung’; vgl. ahd. umbikēr m. ‘Umkehrung, Umtauschung’ (um 1000), mnd. ummekār ‘Umkehr, Wendung’; Umkehrung f. ‘Veränderung ins Gegenteil’ (15. Jh., frühnhd. daneben ‘Zerstörung’). S. auch ↗bekehren, ↗verkehren.

Thesaurus

Synonymgruppe
Umkehrung · ↗Umpolung
Assoziationen
Linguistik/Sprache
Synonymgruppe
Antonym · ↗Gegenbegriff · ↗Gegensatz · ↗Gegensatzwort · ↗Gegenteil · ↗Gegenwort · ↗Komplement · Umkehrung  ●  ↗Gegentum  ugs., scherzhaft · ↗Oppositionswort  geh.
Oberbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
Inversion · Invertierung · ↗Reversion · ↗Umdrehung · Umkehrung
Unterbegriffe
  • Prioritätsinversion · Prioritätsumkehr

Typische Verbindungen zu ›Umkehrung‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Umkehrung‹.

Zitationshilfe
„Umkehrung“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Umkehrung>, abgerufen am 19.04.2021.

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