Vergangenheit, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Vergangenheit · Nominativ Plural: Vergangenheiten · wird meist im Singular verwendet
Aussprache
WorttrennungVer-gan-gen-heit (computergeneriert)
Wortbildung mit ›Vergangenheit‹ als Erstglied: ↗Vergangenheitsbewältigung · ↗Vergangenheitspolitik · ↗vergangenheitsorientiert
 ·  mit ›Vergangenheit‹ als Letztglied: ↗Mitvergangenheit
eWDG, 1977

Bedeutung

Zeit, die hinter uns liegt, vergangen ist
Beispiele:
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
das geschah erst in jüngster Vergangenheit
die kulturellen, baulichen Zeugen, das Erbe der Vergangenheit
das gehört der Vergangenheit an (= ist überlebt)
Kriege sollten der Vergangenheit angehören
er hat mit der Vergangenheit gebrochen, hat Lehren aus der Vergangenheit gezogen, hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt
Überreste aus der feudalistischen, kapitalistischen Vergangenheit
die Stadt ist stolz auf ihre Vergangenheit
sie lebt noch immer in der Vergangenheit
das Leben eines Menschen bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt
Beispiele:
jmdn. nach seiner Vergangenheit fragen
sie hat eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich
er braucht sich [Dativ] von niemandem seine Vergangenheit vorwerfen zu lassen
gehoben sich seiner Vergangenheit schämen
seine politische Vergangenheit
Sprachwissenschaft Tempus für ein Geschehen, das vergangen ist
Beispiele:
ein Verb in eine Form der Vergangenheit setzen
die drei Formen der Vergangenheit, die drei Vergangenheiten des Verbs sind das Präteritum, das Perfekt und das Plusquamperfekt
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

gehen · abgehen · Abgang · angehen · aufgehen · Aufgang · ausgehen · Ausgang · begehen · eingehen · Eingang · entgehen · ergehen · hintergehen · übergehen · Übergang · untergehen · Untergang · vergehen · Vergehen · Vergangenheit · vorgehen · Vorgang · Vorgänger
gehen Vb. ‘sich zu Fuß fortbewegen’. Im Paradigma von nhd. gehen sind die Formen von zwei verschiedenen, nicht miteinander verwandten Verben vereinigt. Das gemeingerm. starke Verb ahd. gangan (8. Jh.), mhd. gangen, asächs. aengl. gangan, mnl. ganghen, anord. ganga, got. gaggan gehört zu den reduplizierenden Verben und ist vielleicht als Rückbildung aus einem jan-Verb germ. *gangjan (vgl. ahd. zigengen ‘zergehen machen, vernichten’, um 1000, mhd. gengen ‘gehen machen, losgehen’, aengl. gengan ‘gehen, reisen, reiten’) anzusehen. Es ist verwandt mit ↗Gang (s. d.) und außergerm. mit aind. jáṅghā ‘Unterschenkel’, jáṁhaḥ ‘Flügel, Schwinge’, lit. žeñgti ‘schreiten, gehen’ und vielleicht griech. kochṓnē (κοχώνη) ‘Stelle zwischen den Schenkeln, Hinterbacke’. Erschließbar ist ie. *g̑hengh- ‘schreiten, Schritt, Schenkelspreize, Schamgegend’. Auf dieses durch ahd. gangan vertretene Verb gehen das Prät. (ging) und das Part. Prät. (gegangen) von nhd. gehen zurück. Daneben steht gleichbed. ahd. gān (8. Jh.) und (zunächst nur bair. und frk.) gēn (8. Jh.), mhd. gān, gēn, asächs. -gān, mnd. aengl. gān, engl. to go, mnl. gaen, nl. gaan, anord. aschwed. , krimgot. geen, das ahd. nur durch den Infinitiv und athematisch gebildete Präsensformen (gām, gās(t), gāt usw. neben gēm, gēs(t), gēt usw.) belegt ist (vgl. aber aengl. Part. Prät. gegān), die Infinitiv und Präsens des nhd. Verbs gehen ergeben haben. Dieses Verb verbindet sich mit griech. (homerisch) kichā́nein (κιχάνειν) ‘erreichen, erlangen, antreffen’, aind. jíhītē ‘springt auf, begibt sich zu’ und führt auf eine Wurzel ie. *g̑hē-, *g̑hēi- ‘leer sein, fehlen, verlassen, fortgehen’, dann auch ‘gehen’, wobei eine Identität mit ie. *g̑hēi-, *g̑hē- ‘gähnen, klaffen, offenstehen’ erwogen wird (s. ↗gähnen), da sich ‘fortgehen’ aus ‘klaffend abstehen’ entwickelt haben kann. abgehen Vb. ‘sich entfernen, fehlen, sterben, abschreiten’, ahd. abagangan, -gān ‘aufhören, vergehen’ (um 1000), mhd. abegān ‘abnehmen, etw. versagen, fehlen’; Abgang m. ‘Weggang, Tod, Weg nach unten’, mhd. abeganc ‘das Hinabgehen, ein hinabführender Weg, Mangel, Abfall’. angehen Vb. ‘beginnen, betreffen, um etw. bitten’, ahd. anagangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. anegān ‘anfangen, hineingehen, folgen, angreifen’. aufgehen Vb. ‘sich öffnen, emporsteigen, sichtbar werden’, ahd. ūfgangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. ūfgān, -gēn ‘aufgehen, sich erheben, entstehen, gedeihen’; Aufgang m. ‘Erscheinen, Weg nach oben, Treppe’, ahd. ūfgang (8. Jh.), mhd. ūfganc. ausgehen Vb. ‘fortgehen, sich aufbrauchen, enden, abzielen auf etw.’, ahd. ūʒgangan, -gān, -gēn ‘hinausgehen, aufhören’ (8. Jh.), mhd. ūʒgān, -gēn ‘heraus-, hervorgehen, über die Ufer treten, zu Ende gehen, sich verlieren’; Ausgang m. ‘das Hinausgehen, Schluß, Ende, Weg nach außen’, ahd. ūʒgang (um 800), mhd. ūʒganc ‘das Herausgehen, Ausgang, Ende’. begehen Vb. ‘besichtigen, entlanggehen, feiern’, ahd. bigangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. begān, -gēn ‘erreichen, antreffen, sorgen um etw., feiern, zu Grabe geleiten’. eingehen Vb. ‘hineingehen, eintreffen, sich mit etw. oder jmdm. beschäftigen, kleiner werden, schrumpfen, aufhören zu existieren’, ahd. ingangan, -gān, -gēn ‘hineingehen, ein-, betreten, eindringen, überfallen’ (8. Jh.), mhd. īngān, asächs. mnd. ingān, got. inngaggan. Eingang m. ‘Öffnung, Tür, Ankunft, Weg nach innen’, ahd. ingang (8. Jh.), mhd. īn-, inganc. entgehen Vb. ‘entkommen, nicht bemerkt werden’, ahd. intgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. engān, -gēn ‘entkommen, fortgehen, verlorengehen, sich entziehen’. ergehen Vb. ‘angeordnet werden’, reflexiv ‘spazierengehen’, auch unpersönlich mir ergeht es gut, schlecht, ahd. irgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. ergān, -gēn ‘zu gehen beginnen, kommen, geschehen, sich ereignen, einholen, zu Ende gehen’. hintergehen Vb. ‘betrügen, täuschen’, spätmhd. hindergān ‘von hinten herangehen, überfallen, betrügen’. übergehen Vb. ‘nicht beachten, übersehen, überlaufen, überfließen’, ahd. ubargangan, ubar(i)gān ‘überströmen, hinübergehen’ (8. Jh.), mhd. übergān, -gēn ‘übergehen, -fließen, vorübergehen, über etw. gehen, überfallen, übertreten’; Übergang m. ‘überführender Weg, das Überschreiten, Wechsel’, ahd. ubargang ‘das Herausgehen, Abweichung, Verderben, Seuche, Pest’ (8. Jh.), frühnhd. übergang ‘das Hinübergehen, Durchgang, Stelle, wo man hinübergeht’ (15. Jh.). untergehen Vb. ‘zugrunde gehen, versinken’, ahd. untargangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. untergān, -gēn ‘dazwischentreten, überkommen, befallen, versperren’; Untergang m. ‘das Zugrundegehen, Scheitern, Sinken’, ahd. untargang (9. Jh.), mhd. underganc ‘Verderben, Sinken (der Sonne), Unterwerfung, Schiedsgericht’. vergehen Vb. ‘aufhören zu existieren, vorbeigehen, verstreichen’, reflexiv ‘gegen eine Norm verstoßen, ein Verbrechen an jmdm. ausführen’, ahd. firgangan, -gān, -gēn ‘vorwärtsgehen, verstreichen’ (9. Jh.), mhd. vergān, -gēn, auch ‘übergehen, meiden, auseinandergehen, sich verirren’; Vergehen n. ‘zu bestrafende Handlung, Verbrechen’ (18. Jh.), vgl. mhd. vergān ‘das Vorübergehen, Hinweggehen’; Vergangenheit f. ‘zurückliegende, verflossene Zeit’ (18. Jh.), in diesem Sinne grammatischer Terminus für Zeitformen des Verbs, die ein Geschehen oder Sein als vergangen darstellen (19. Jh.), vgl. di vergangen zeit (um 1400), die verlauffene Zeit (Anfang 17. Jh.). vorgehen Vb. ‘vorwärtsgehen, nach vorn gehen, den Vorrang haben, sich ereignen’, ahd. foragangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. vor-, vürgān ‘vorangehen, übertreffen’; Vorgang m. ‘Ereignis, Ablauf eines Geschehens, in den Akten festgehaltener Fall’, mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’; Vorgänger m. ‘in Amt oder Stellung Vorangegangener’, spätmhd. vorganger, -genger.

Thesaurus

Linguistik/Sprache
Synonymgruppe
Vergangenheit  ●  ↗Mitvergangenheit  österr. · ↗Imperfekt  fachspr., veraltend · ↗Präteritum  fachspr., Hauptform
Oberbegriffe
Assoziationen
  • Perfekt · ↗Vorgegenwart · vollendete Gegenwart  ●  Präsensperfekt  fachspr.
  • 3. Vergangenheit · Vollendung in der Vergangenheit · ↗Vorvergangenheit · dritte Vergangenheit · vollendete Vergangenheit  ●  ↗Plusquamperfekt  Hauptform
Geschichte
Synonymgruppe
Geschichte · ↗Historie · Verflossenheit · Vergangenheit
Unterbegriffe
Assoziationen
Synonymgruppe
Vergangenheit · das Gewesene · die vergangenen Tage  ●  das Gestern  geh.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Aufarbeitung Auseinandersetzung Bewältigung Bruch Erfahrung Erinnerung Fehler Gegenwart Gespenst Last Reise Schatten Sünde Umgang Zukunft angehören aufarbeiten bewegt bewältigen braun dunkel eigen einholen fern glorreich jung kolonial kommunistisch nationalsozialistisch unbewältigt

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Vergangenheit‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Wenn ich ihn sehe, blicke ich immer in die Vergangenheit.
Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 358
Sie läßt sich in der Tat nicht mehr aus der Vergangenheit ableiten.
Die Zeit, 29.08.1997, Nr. 36
Viele der in der Vergangenheit kontrovers diskutierten Fragen erscheinen uns heute akademisch.
Archiv der Gegenwart, 2001 [1996]
Gleichzeitig bemühte man sich ernsthaft um die Erhaltung der Musik der Vergangenheit.
Westrup, J. A.: Anthem. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1951], S. 22969
In der Vergangenheit war sie in jedem einzelnen Fall ein äußerst schwieriges Problem.
Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Weber, Marianne (Hg.) Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen: Mohr 1920 [1920], S. 39
Zitationshilfe
„Vergangenheit“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Vergangenheit>, abgerufen am 17.08.2019.

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