Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Vermutung, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Vermutung · Nominativ Plural: Vermutungen
Aussprache 
Worttrennung Ver-mu-tung
Wortzerlegung vermuten -ung
Wortbildung  mit ›Vermutung‹ als Erstglied: vermutungsweise  ·  mit ›Vermutung‹ als Letztglied: Rechtsvermutung · Unschuldsvermutung
Wahrig und ZDL

Bedeutungen

1.
unbewiesene Annahme, ungesicherte Erkenntnis, Spekulation
siehe auch Mutmaßung
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die vage, bloße, naheliegende Vermutung
als Akkusativobjekt: eine Vermutung äußern, zurückweisen, bestätigen, unterstützen; Vermutungen anstellen
als Dativobjekt: einer Vermutung widersprechen
in Präpositionalgruppe/-objekt: Anlass zu einer Vermutung geben; für eine Vermutung sprechen; auf einer Vermutung beruhen
in Koordination: Gerüchte, Spekulationen und Vermutungen
als Aktiv-/Passivsubjekt: eine Vermutung liegt nahe, drängt sich auf, ist zutreffend
Beispiele:
Das Gericht habe aufgrund der Beweisaufnahme naheliegende Vermutungen, wie der Junge zu Tode kam. [Der Spiegel, 12.07.2016 (online)]
Tests bei seinen Patienten bestätigten seine Vermutung, dass es hier einen Zusammenhang zu ihren Allergiebeschwerden gab. [Welt am Sonntag, 13.04.2014]
Bei der Untersuchung einer bestimmten Genmutation in Zitronen haben Forscher eine überraschende Erkenntnis gewonnen: Sie konnten zeigen, wie die Zitrone aus Asien ans Mittelmeer gelangt ist – und haben sogar eine Vermutung, in welchem Zusammenhang das passiert ist. [Welt am Sonntag, 30.12.2018, Nr. 52]
Wir können nur Vermutungen über die Hintergründe [der verfahrenen Situation] anstellen. [Der Standard, 24.02.2014]
Verschiedene mathematische Theorien entstanden[…]. Die Rede ist von den großen »Vermutungen« und Hypothesen der epochalen Mathematiker Fermat, Bernoulli, Goldbach, Riemann, Mertens und anderen, von der Gaußschen Normalverteilung und von der Monte‑Carlo‑Methode. [Der Spiegel, 12.10.2009 (online)]
Unsere Forschung bestätigt die Vermutung, dass auf einen Einschlag vor 200 Millionen Jahren relativ schnell der Aufstieg der Dinosaurier im Jura folgte. [Welt am Sonntag, 19.05.2002]
2.
Ahnung, subjektives Empfinden
Beispiele:
Der Trainer geht mit der Vermutung in die Ferien, im Amt zu bleiben. [Süddeutsche Zeitung, 24.12.2018]
Monate wie Januar oder November sind oft zäh, denn die Leute bleiben lieber zu Hause – zumindest ist das meine Vermutung. [jetzt-Magazin (SZ), 10.12.2018]
Ich würde nicht empfehlen, ausschließlich auf Apps zur Kollegenbewertung zu setzen, zumal meine Vermutung ist, dass sich diese mit der Zeit schnell abnutzen und die Beteiligten in der Firma an Interesse verlieren. [Süddeutsche Zeitung, 22.11.2014]
So kann er [der Lügendetektor] zwar Erregungszustände messen, ob diese aber wirklich mit der Tat zusammenhängen, bleibt subjektive Vermutung. [Berliner Zeitung, 21.09.2000]
Helga rührte in ihrer Tasse und lehnte sich zurück. »Dein Kärtchen aus Wiesbaden hat nicht viel geklärt«, sagte sie. »Eigentlich gar nichts. Es hat nur meine Vermutung bestätigt, daß du hier bist«. [Pausewang, Gudrun: Die Wolke, Ravensburg: Maier 1989 [1987], S. 123]
3.
Jura nicht auf Beweisen beruhende, sondern aus gegebenen Tatsachen abgeleitete Rechtsvermutung
Synonym zu Präsumtion
Beispiele:
Aufgrund der Gleichgewichtigkeit der Tarifvertragsparteien gilt die Vermutung, dass den Interessen beider Seiten gerecht geworden ist, wie das Bundesarbeitsgericht in ständiger Rechtsprechung betont. [Süddeutsche Zeitung, 12.07.2008]
Die Vermutung der Gesamtnichtigkeit ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs dann widerlegt, wenn der Käufer die Belegung des Kaufpreises zu beweisen vermag. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2000]
Der Grundsatz der Präsumtion (Vermutung) der Unschuld wird ausdrücklich als in enger Beziehung zum Grundsatz der Wissenschaftlichkeit und Unvoreingenommenheit der Beweisführung stehend genannt. [Zimmermann, Hartmut (Hg.): DDR-Handbuch. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1985], S. 6344]
Zunächst […] hatte sich das Justizministerium auf eine »unwiderlegliche Vermutung« für das Vorliegen der Zerrüttung der Ehe und damit ihre Scheidbarkeit nach drei Jahren Trennung auch in dem Fall festgelegt, daß nur ein Ehegatte geschieden sein will. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.1971]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Mut · Unmut · mutig · muten · vermuten · vermutlich · Vermutung · zumuten · Zumutung · mutmaßen · mutmaßlich · Mutwille · mutwillig · Übermut · übermütig
Mut m. ‘Kühnheit, Unerschrockenheit’, ahd. muot ‘Kraft des Denkens, Seele, Herz, Gemütszustand, Gesinnung, Gefühl, Absicht, Neigung’ (8. Jh.), mhd. muot, asächs. mōd, mnd. mōt, můt, mnl. moet, nl. moed, afries. aengl. mōd, engl. mood ‘Stimmung, Laune’, anord. mōðr ‘Zorn, aufgeregter Sinn’, schwed. mod ‘Mut, Beherztheit’, got. mōþs ‘Zorn’ (germ. *mōþa-). Vielleicht sind vergleichbar griech. mṓsthai (μῶσθαι) ‘streben, trachten, verlangen’, lat. mōs ‘zur Regel gewordener Wille, Sitte, Brauch’ (s. Moral), so daß auf eine Wurzel ie. *mē-, *mō-, *mə- ‘heftigen und kräftigen Willens sein, heftig streben’ zurückgegangen werden kann. Mut bezeichnet ursprünglich die inneren Triebkräfte, Gemütszustände, Erregungen und Empfindungen des Gefühls im Gegensatz zum Verstand. Vom 16. Jh. an setzt sich die verengte Bedeutung ‘kühne und unerschrockene Haltung gegenüber Wagnis und Gefahr’ durch. Dazu mit negierendem un- (s. d.) Unmut m. ‘Ärger, Mißstimmung’, ahd. unmuot n. ‘Betrübnis’ (um 1000), mhd. unmuot m. ‘Mißstimmung, Zorn’, mnd. unmōt n. m., aengl. unmōd n. – mutig Adj. ‘tapfer, kühn’, mhd. muotec, muotic ‘beherzt, kühn’, asächs. mōdag ‘zornig, aufgeregt’, aengl. mōdig ‘aufgeregt, mutig’, got. mōdags ‘zornig’. muten Vb. ‘etw. begehren, verlangen, seinen Sinn auf etw. richten’, ahd. muoten (9. Jh.), muotōn (um 1000), mhd. muoten; seit etwa 1800 als Simplex ungebräuchlich. vermuten Vb. ‘annehmen, für wahrscheinlich halten’ (16. Jh.), mnd. vormōden; vermutlich Adj. ‘wahrscheinlich’ (16. Jh.); Vermutung f. ‘Annahme’ (16. Jh.). zumuten Vb. ‘unbilligerweise etw. von jmdm. verlangen’, mhd. zuomuoten; Zumutung f. (15. Jh.). mutmaßen Vb. ‘annehmen, für wahrscheinlich halten’, spätmhd. muotmāʒen ‘abschätzen’, zu spätmhd. muotmāʒe ‘Teilung nach Angemessenheit, Abschätzung’; mutmaßlich Adj. ‘der Annahme gemäß’ (18. Jh.). Mutwille m. ‘Absicht’, ahd. muotwillo ‘eigener freier Entschluß’ (8. Jh.), mhd. muotwille; mutwillig Adj. ‘absichtlich, leichtfertig’, mhd. muotwillec ‘dem eigenen (guten oder bösen) Willen folgend’. Übermut m. ‘Ausgelassenheit, Anmaßung, Überheblichkeit’, ahd. ubarmuot (um 1000), mhd. übermuot ‘stolzer, hochfahrender Sinn’; übermütig Adj. ‘ausgelassen, leichtsinnig, fröhlich’, ahd. ubarmuotīg (8. Jh.), mhd. übermüetec ‘stolz, hochfahrend gesinnt, heldenmütig’.

Thesaurus

Synonymgruppe
(reine) Vermutung · Annahme · Mutmaßung · Spekulation  ●  Stochern im Nebel  ugs., fig.
Assoziationen
Synonymgruppe
Jura
Synonymgruppe
Annahme · These · Vermutung  ●  Hypothese  geh. · Präsumption  fachspr. · Präsumtion  fachspr.
Oberbegriffe
Assoziationen

Typische Verbindungen zu ›Vermutung‹ (berechnet)

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Vermutung‹.

abwegig anstellen begründet bestätigen blosse bloß fermatsch gehegt geäusserte geäusserten geäußert kursieren nahelegen naheliegen naheliegend nähren riemannsch stützen unbewiesen vage weisen widerlegbar widerlegen widersprechen zutreffen äusserte äußern
Zitationshilfe
„Vermutung“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Vermutung>.

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