Vernunftglaube, der

Grammatik Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Vernunftglaubens · wird nur im Singular verwendet
Nebenform Vernunftglauben · Substantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Vernunftglaubens · wird nur im Singular verwendet
Worttrennung Ver-nunft-glau-be · Ver-nunft-glau-ben
Wortzerlegung VernunftGlaube
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2020

Bedeutungen

1.
(allzu) großes Vertrauen auf menschliche Vernunft, das vernunftgemäße Handeln der Menschen
Beispiele:
Wer kannte Trauer besser als das 17. Jahrhundert? Krieg und Pest wüteten in Europa[,] während der Widerstreit zwischen aufkeimendem Vernunftglauben der Neuzeit und Religiosität des Mittelalters die Menschen zerriss. [Der Tagesspiegel, 24.03.2004]
Die beiden schlimmsten Spielarten des Aberglaubens, mit dem die großäugigen Barbaren aus dem Westen unser Volk von Samhan (= Korea) infiziert haben, sind zweifelsohne Wissenschaft und Vernunftglaube. […] denn wozu bedarf es der Vernunft, wenn man sich auf eine uralte konfuzianische und taoistische Überlieferung stützen kann? Und wozu eine neue Ideologie, wenn man mit seiner alten bestens auskommt? [Süddeutsche Zeitung, 07.07.2009]
Gläubig zu sein[…] war auch um 1800 keine Selbstverständlichkeit mehr[…]. Die Philosophie der Aufklärung mit ihrem naturwissenschaftlichen Vernunftglauben hatte in den Jahrzehnten zuvor an Terrain gewonnen. [Welt am Sonntag, 17.04.2005]
[Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil] Postman predigt keinen sterilen Vernunftglauben, sondern erinnert die wachsende Cyberspace‑Gemeinde ganz im Gegenteil daran, dass die instrumentelle Vernunft aus sich heraus nie Fragen nach dem Warum und Wozu lösen kann. Dazu bedarf es einer Reflexionsleistung, zu der nur der Mensch imstande ist. Ohne moralisch‑ethisch motiviertes und wertebewusstes Denken und Handeln ist Fortschritt für den Zeitdiagnostiker Postman nur eine Illusion. [Die Zeit, 12.08.1999, Nr. 33]
Eine Freilassung [des gefangenen Jesus] hingegen bringt unkalkulierbare Risiken mit sich, Aufruhr droht. Gebietet die Staatsräson vielleicht doch eine schnelle Hinrichtung? Im Vernunftglauben der Stoiker erzogen, doch von schwachem und schwankendem Charakter, grübelt [der römische Statthalter in Judäa] Pilatus über einen Ausweg[…]. [Der Spiegel, 12.04.1993]
2.
Religion, Philosophie religionsphilosophischer Versuch, religiöse Überzeugungen ausschließlich aus der Vernunft herzuleiten (und nicht durch göttliche Offenbarung (3))Quelle: DWDS, 2020
Beispiele:
[Der Philosoph Immanuel] Kant unterschied zwischen dem statutarischen Kirchenglauben und dem Vernunftglauben. Der Vernunftglauben sieht die sittlichen Gebote, die aus der Vernunft stammen, als göttlich an. Der statutarische Kirchenglaube bewegt sich in Satzungen und Formeln. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999]
Nur dadurch, dass [der Philosoph Immanuel] Kant diese Idee beziehungsweise dieses Postulat als von der Vernunft selbst generiert nachweist, ist der Vernunftglaube, von dem Kant an der zitierten Stelle[…] redet, gerechtfertigt und lässt zu, dass ein handelndes Subjekt auf Gott vertrauen kann und darf. Vernunftglaube meint nicht Offenbarungsglaube, sondern das Vertrauen darauf, dass die von der Vernunft geforderte Sittlichkeit trotz aller Unsittlichkeit in dieser Welt zu einem – nicht in dieser Welt anzutreffenden – Reich, in dem einzig Vernunft herrscht, führt. [Süddeutsche Zeitung, 03.11.2006]
Besonders im Christentum hat sich seit dem Mittelalter die prekäre Doppelung von Vernunft und Offenbarung, Glauben und Wissen ausgebildet. Umgekehrt hat die Philosophie immer wieder ein Konzept wie das des »Vernunftglaubens« (Kant) zu erweisen versucht und greift gerade in ihrer radikal ausgenüchterten Form[…] auf das Konzept der »Zivilreligion« zurück [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2005]
[Der Kunsthistoriker Hans] Sedlmayer […] setzt auch den Beginn der Moderne für heutige Begriffe ungewöhnlich früh an: in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Diese Zeit habe den Vernunftglauben sowie einen deistischen Gottesbegriff hervorgebracht: »Gott ist (von nun an) ein ›abwesender Gott‹, der das Weltuhrwerk geschaffen und in Gang gesetzt hat, das seither nach innerweltlicher Gesetzlichkeit abläuft und sich automatisch selbst entfaltet.« Eine persönliche Beziehung zu Gott ist damit ausgeschlossen. [Die Welt, 15.01.2000]
Da jedoch auch das Evangelium Jesu wieder zur Grundlage einer positiven Religion verfälscht worden ist, ist die Geschichte des Christentums zugleich die Geschichte seines Verfalls: in einer Staatskirche muß der Kern aller Religiosität, die Moral, notwendig entarten. H.s (= Friedrich Hegels) Erneuerungsideen, die Erweckung einer auf den moralischen Vernunftglauben gegründeten »Volksreligion«, bei der die religiöse Innerlichkeit mit allen Äußerungen des gemeinschaftlichen Lebens und der nationalen Kultur im Einklang steht, haben hier ihren Ursprung. [Wieland, W.: Hegel. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1959], S. 13079]
Zitationshilfe
„Vernunftglaube“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Vernunftglaube>, abgerufen am 19.09.2020.

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