Verschwiegenheit, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Verschwiegenheit · Nominativ Plural: Verschwiegenheiten · wird selten im Plural verwendet
Aussprache 
Worttrennung Ver-schwie-gen-heit
Wortzerlegung verschwiegen-heit
Mehrwortausdrücke unter dem Siegel der Verschwiegenheit
Wahrig und DWDS

Bedeutungen

1.
Verschwiegensein, Bewahren von Informationen über jmdn. oder etw., das geheim bleiben soll, Diskretion
siehe auch Schweigepflicht
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: absolute, strenge, strikte Verschwiegenheit
als Akkusativobjekt: Verschwiegenheit vereinbaren, wahren
in Präpositionalgruppe/-objekt: die Pflicht, Verpflichtung zur Verschwiegenheit; zur Verschwiegenheit verpflichtet sein
als Genitivattribut: unter dem Siegel der Verschwiegenheit
Beispiele:
Jeder behandelnde Arzt ist gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet, sofern ihn der Patient davon nicht ausdrücklich entbindet. [Süddeutsche Zeitung, 15.11.2016]
[…] auch nach ihrem Ausscheiden aus einem Unternehmen sind Arbeitnehmer zur Verschwiegenheit über Betriebs‑ und Geschäftsgeheimnisse verpflichtet. [Die Zeit, 01.06.2016 (online)]
Das Weiße Haus [Regierungssitz des amerikanischen Präsidenten] ist ein Ort der Verschwiegenheit. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Öffentlichkeit personelle Veränderungen erfährt, bevor sie bekannt gegeben werden. [Der Tagesspiegel, 05.11.2004]
In die Übermittlung [vertraulicher Daten] an eine nicht‑öffentliche Stelle muß die zur Verschwiegenheit verpflichtete Stelle einwilligen. [o. A.: Bundesdatenschutzgesetz (BDSG). In: Sartorius 1: Verfassungs- und Verwaltungsgesetze der Bundesrepublik Deutschland, München: Beck 1998]
Ich will auch verschwiegen sein in allem, was Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was geheimzuhalten mir geboten wird. [Mann, Thomas: Buddenbrooks, Frankfurt a. M.: Fischer 1989 [1901], S. 418]
Verschlossenheit, Schweigsamkeit (des Charakters)
Beispiele:
Auf Martha’s Vineyard wird nicht geprotzt. Die Einheimischen sind für ihre Verschwiegenheit bekannt. [Spiegel, 02.11.2016 (online)]
Beide Geschlechter kämpfen […] auf unterschiedliche Art und Weise mit Stigmas und Verschwiegenheit, was Selbstbefriedigung betrifft. [Der Standard, 17.07.2016]
Völlige Verschwiegenheit entsprach […] nicht seinem Charakter. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.1998]
[…] Tandlers hervorstechendste, fast bis zur Selbstaufopferung gepflegte Charakterzüge sind nun einmal Unauffälligkeit und Verschwiegenheit. [Die Zeit, 17.10.1975, Nr. 43]
So gesprächig sie selber war, so sehr liebte sie die Verschwiegenheit bei anderen. [Völkischer Beobachter (Berliner Ausgabe), 02.03.1938]
2.
übertragen Verborgenheit, Abgeschiedenheit, Stille (eines Ortes)
Beispiele:
Der See erscheint in seiner Verschwiegenheit, unbelästigt von den geräuschvollen Aktivitäten des Wassersports, um so geheimnisvoller, je weniger man von seiner Entstehung weiß. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.1994]
»Die ermüdeten Augen« etwa notieren »Die Verschwiegenheit der Berge / Die Stille der Bäume und lärmenden Vögel«, und werden dann selbst Teil der lyrischen Aufzählung: »Die Müdigkeit der Augen im Abendwind«. [Süddeutsche Zeitung, 27.04.2002]
Plötzlich solltest du glauben, daß masurische Unberührtheit und Verschwiegenheit nur existierten, um dem Wisent die nun einmal bevorzugte Umgebung zu sichern[…]. [Lenz, Siegfried: Heimatmuseum, Hamburg: Hoffmann und Campe 1978, S. 633]
Die Kreuz und die Quer ging es weiter durch Palmas Geschäftswelt, und wie im Traume verloren wir oft den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen, wenn unsere Führer die Verschwiegenheit von Gassen, Hauseingängen und dämmernden Patios aufsuchten. [Thelen, Albert Vigoleis: Die Insel des zweiten Gesichts, Düsseldorf: Claassen 1981 [1953], S. 52]
Der Ort, der Seearm, wo dieses geschah, atmete tiefe Verlassenheit und Verschwiegenheit[…]. [Hauptmann, Gerhart: Der Narr in Christo Emanuel Quint, Berlin: Aufbau-Verl. 1962 [1910], S. 226]

letzte Änderung:

Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

schweigen · Schweigen · schweigsam · geschweige · stillschweigen · stillschweigend · verschweigen · verschwiegen · Verschwiegenheit
schweigen Vb. ‘still sein, nicht sprechen, keinen Laut von sich geben’. Schwach flektierendes intransitives ahd. swīgēn ‘schweigen, still, stumm sein’ (8. Jh.), mhd. mnd. swīgen, asächs. swīgon, mnl. swīghen, nl. zwijgen, afries. swigia, aengl. swīgian, (mit Ablaut) sugian, suwian (germ. *swīgēn) hat neben sich ein Kausativum ahd. sweigen ‘zum Schweigen bringen’ (um 1000, gisweigen, 10. Jh.), mhd. sweigen. Das intransitive Verb geht schon früh zur starken Flexion über, vgl. mhd. swīgen ‘still sein, verstummen’, mnd. swīgen, mnl. swīghen, nl. zwijgen. Mit den Substantiven ahd. swīga ‘das Schweigen’ (9. Jh.), mhd. swīge ‘Stillschweigen, Verbot zu sprechen’, aengl. swīge ‘Stille’ und mit (zweifelhaft) griech. sī́ga (σῖγα) ‘schweigend, im Stillen’, sīgḗ (σιγή) ‘Schweigen, Verschwiegenheit’, sīgā́n (σιγᾶν; aus *σϝιγ-) ‘schweigen’ kann auf ie. *su̯īk- bzw. *su̯īg- zurückgegangen werden, Gutturalerweiterungen der Wurzel ie. *su̯ī- ‘schwinden, nachlassen, schweigsam werden’, die auch in isl. svía ‘nachlassen’, nasaliert in ahd. swīnan (um 800), mhd. swīnen ‘abnehmen, dahinschwinden, abmagern, bewußtlos werden’ (s. ↗schwinden) vorliegt. Schweigen n. ‘das Stillsein’, mhd. swīgen. schweigsam Adj. ‘wortkarg, still’ (18. Jh.). geschweige Konj. häufig in der Wendung geschweige denn ‘nicht einmal, erst recht nicht, nicht zu reden von’ (16. Jh.), verkürzt aus ich geschweige, zu (heute unüblichem) geschweigen, mhd. geswīgen, ahd. giswīgēn ‘stillschweigen’ (um 800). stillschweigen Vb. ‘still sein, nicht reden, sich nicht äußern’, seit dem 16. Jh. zusammengerückt nach mhd. stille swīgen; stillschweigend Part.adj. ‘ohne darüber zu sprechen, ohne weiteres, unausgesprochen’ (seit dem 16. Jh. geläufig), mhd. stilleswīgende. verschweigen Vb. ‘etw. nicht (in vollem Umfang) sagen’, ahd. firswīgēn (8. Jh.), mhd. verswīgen; verschwiegen Part.adj. ‘wortkarg, nicht geschwätzig, diskret’, mhd. verswigen ‘schweigsam, diskret’; Verschwiegenheit f. (16. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Diskretion · ↗Umsicht · Verschwiegenheit
Synonymgruppe
Heimlichkeiten · Verschwiegenheit  ●  ↗Geheimniskrämerei  ugs. · ↗Geheimnistuerei  ugs. · ↗Heimlichtuerei  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
Geräuschlosigkeit · ↗Lautlosigkeit · ↗Ruhe · ↗Schweigen · ↗Stille · ↗Stillschweigen · Verschwiegenheit  ●  ↗Funkstille  ugs., fig.
Assoziationen
  • (jemandes) Lippen sind versiegelt · kein Wort (zu etwas) verlieren · keine Antwort geben · nichts sagen · stumm bleiben  ●  ↗schweigen  Hauptform · (das) Sprechen verlernt haben  ugs., ironisch · (den) Mund halten  ugs. · (sich) in Schweigen hüllen  geh. · den Rand halten  ugs. · kein Sterbenswörtchen sagen  ugs. · keinen Mucks von sich geben  ugs. · keinen Piep sagen  ugs. · keinen Ton sagen  ugs. · ↗schweigen wie ein Grab  ugs. · sein Herz nicht auf der Zunge tragen  ugs., fig. · still schweigen (veraltet lit.)  geh. · stumm wie ein Fisch sein (bildl.)  ugs.
  • (ganz) leise · ↗(ganz) still · ↗totenstill  ●  ↗mucksmäuschenstill  ugs.

Typische Verbindungen zu ›Verschwiegenheit‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Verschwiegenheit‹.

Zitationshilfe
„Verschwiegenheit“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Verschwiegenheit>, abgerufen am 26.02.2021.

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