Volksempfinden, das

Grammatik Substantiv (Neutrum) · Genitiv Singular: Volksempfindens · wird nur im Singular verwendet
Aussprache [ˈfɔlksʔɛmˌpfɪndn̩]
Worttrennung Volks-emp-fin-den
Wortzerlegung VolkEmpfinden
DWDS-Vollartikel, 2020

Bedeutung

Gemütslage oder moralische Einstellung einer Mehrheit der Bevölkerung   oft als Rechtfertigung oder Erklärung für ein bestimmtes Verhalten oder Handeln herangezogen
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: das dumpfe, allgemeine Volksempfinden
mit Dativobjekt: etw. entspricht dem Volksempfinden
Beispiele:
Jedes deutsche Urteil beginnt »Im Namen des Volkes«. Das ist ein missverständlicher Satz. Viele Menschen glauben deswegen, die Entscheidungen müssten ein Volksempfinden zum Ausdruck bringen; andere halten sich selbst für das Volk und sind ungehalten, wenn ein Urteil ihrer Überzeugung widerspricht. Indes: Geurteilt wird auch deswegen im Namen des Volkes, um es daran zu erinnern, dass Recht und Gesetz es sind, die ein Volk konstituieren, wo es sonst ein wilder Haufen wäre. [Süddeutsche Zeitung, 21.07.2018]
der deutsche Stammtisch, Inbegriff des Volksempfindens und deshalb Objekt der Begierde aller Wahlkämpfer. Die »Lufthoheit über den Stammtischen« wollen sie erobern. Aber was für eine Stimmung herrscht überhaupt an deutschen Stammtischen? Was sind das für Menschen, die zu solchen Runden gehen? [Die Welt, 16.09.2005]
In Bristol kam es […] zu einer Straßenschlacht mit der Polizei. Dutzende Beamte wurden verletzt. Vor allem der [britische] Innenminister […] appelliert gerne an das Volksempfinden. Seine Vorliebe für »null Toleranz« gegen das Verbrechen ermutigte etliche Gemeinden[…] Problemfamilien aus ihren Häusern zu jagen. [Die Zeit, 14.05.1998, Nr. 21]
Eine in öffentliche Ungnade gefallene Personengruppe [weil sie einer obskuren amerikanischen Sekte anhängt] darf nicht geächtet werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies begründet geschieht oder nicht. Die sonst immer so stolz hochgehaltene Meinungs‑ und Religionsfreiheit muß auch für Menschen und Institutionen gelten, die dem gerade aktuellen Volksempfinden wiedersprechen. [die tageszeitung, 07.09.1996]
In der Schweiz wurden letztes Jahr nur noch 14 Prozent der Asylbewerber anerkannt. Die Antragsteller müssen neuerdings in Lagern auf den Gerichtsentscheid warten. Das Volksempfinden hat sich durchgesetzt. Tenor: Das Boot ist voll. [Der Spiegel, 29.09.1986]
Und eines hat die angedeutete Geistesrichtung in den Kreisen der Gebildeten jedenfalls mit dem Volksempfinden gemein: das Gefühl der Verstimmung und des Mißbehagens gegenüber dem Bestehenden, wie es sich in Zeiten hoher Kultur mit der Steigerung und Verfeinerung der Empfindlichkeit des Nervensystems auch auf den Höhen der Gesellschaft einzustellen pflegt. [Pöhlmann, Robert von: Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt – Zweites Buch. In: Geschichte des Altertums, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [1901], S. 14220]
häufig
Phrasem:
gesundes Volksempfinden (= vermeintlich noch natürliches, echtes, authentisches Empfinden des Volkes)
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: ein Appell an das gesunde Voklsempfinden
Beispiele:
Der Begriff des »gesunden Volksempfinden« war 1935 von den Nationalsozialisten ins Strafrecht eingeführt worden und hatte dem NS‑Regime als Generalklausel gedient, um Recht und Gesetz im Sinne ihrer Ideologie umzudeuten. [Süddeutsche Zeitung, 17.08.2018]
Der Diskurs über Kopftuch und Minarett – als Symbole einer fundamental abgelehnten und als bedrohlich gebrandmarkten Kultur – wird in dieser Deutlichkeit in der Teilöffentlichkeit des Internets geführt. Aber seine Ausweitung ist längst im Gange. Die Gleichsetzung deutscher Bürger muslimischer Religion mit fanatisierten Terroristen hat Methode und wird mit dem Appell an das gesunde Volksempfinden, an das Rechthaben der Mehrheit inszeniert. [Die Welt, 13.01.2010]
Partizipation durch Elemente direkter Demokratie gilt seit jeher als probates Mittel, um das Interesse der Bürger zu wecken. In Deutschland jedoch war man damit zurückhaltend. Eingedenk der deutschen Geschichte misstrauten die Väter des Grundgesetzes dem gesunden Volksempfinden hier zu Lande. [Der Tagesspiegel, 06.09.2000]
Männer, die unserem Volk treu gedient und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer andern Rasse angehören! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden – das gesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man nicht darüber zu sprechen wagt. Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen über Deutschland herbeiziehen muß. [Die Zeit, 04.11.1999, Nr. 45]
Lea Rosh [Mitinitiatorin des Holocaust-Mahnmals in Berlin] machte das Feuilleton für ein mögliches Scheitern des Denkmalvorhabens verantwortlich und präsentierte ihren Joker: das gesunde Volksempfinden. Denn ganz im Gegensatz zu den Schreibtischintellektuellen gehe sie dahin, wo »unsere Wurzeln« sind, »beim Volk«, auf die »Straße«. Und das Volk sage: »Mensch, nun macht mal endlich, hört doch auf mit den endlosen Diskussionen«. [die tageszeitung, 12.04.1997]
nazistischGesetze aus der Zeit vor dem 30. Januar 1933 dürften nicht angewandt werden, wenn sie dem heutigen gesunden Volksempfinden ins Gesicht schlagen. [Archiv der Gegenwart, 2001 [1936]]

Typische Verbindungen zu ›Volksempfinden‹

maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Volksempfinden‹.

Zitationshilfe
„Volksempfinden“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Volksempfinden>, abgerufen am 28.10.2020.

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