Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Wehrkraftzersetzung, die

Grammatik Substantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Wehrkraftzersetzung · wird nur im Singular verwendet
Aussprache [ˈveːɐ̯kʀaftʦɛɐ̯ˌzɛʦʊŋ]
Worttrennung Wehr-kraft-zer-set-zung
Wortzerlegung Wehrkraft Zersetzung
DWDS-Vollartikel

Bedeutung

meist historisch Schwächung der militärischen Stärke des Landes, etwa durch Kriegsdienstverweigerung, Selbstverstümmelung, das Nähren (5) von Zweifel am eigenen Sieg o. Ä.
Der in der Zeit des Nationalsozialismus bestehende und während des Zweiten Weltkrieges tausendfach angewandte Straftatbestand Zersetzung der Wehrkraft steht symbolisch für den disziplinierenden Terror gegen die eigene Bevölkerung. Die (in der Gegenwart gelegentlich polemische) Verwendung dieses Begriffes assoziiert unweigerlich das rücksichtslose Vorgehen eines totalitären Regimes gegen Widerspruch und Zweifel.
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: Todesurteile, Verurteilungen, Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung; jmd. wird wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet, verurteilt
in Koordination: Fahnenflucht, Desertion, Feindbegünstigung, Kriegsdienstverweigerung und Wehrkraftzersetzung
Beispiele:
Am 26. August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, war im Dritten Reich die »Kriegssonderstrafrechtsverordnung« in Kraft getreten. Diese Verordnung führte in Paragraf 5 den Straftatbestand der »Wehrkraftzersetzung« ein. Jeder Versuch der Wehrdienstentziehung war demnach mit dem Tode zu bestrafen. [Neue Zürcher Zeitung, 08.09.2009]
Volksgesundheit, das ist kein Rechtsgut von Individuen, zu dessen Schutz das Strafrecht in einer Demokratie üblicherweise allein dienen darf. […] Man kennt diesen ungewöhnlichen Gedanken sonst nur vom Militär: von den Soldaten nämlich, die einst wegen »Wehrkraftzersetzung« bestraft werden konnten, wenn sie sich selbst verletzten (heute heißt der Straftatbestand, trotz Freiwilligenarmee, »Wehrpflichtentziehung durch Verstümmelung«). [Süddeutsche Zeitung, 23.05.2018]
Bei der nächsten Versammlung des Komsomol, des kommunistischen Jugendverbandes, kritisierte G[…] die missglückte Aktion. Deshalb wurde ihm wegen »Wehrkraftzersetzung« und »antisowjetischer Propaganda« der Prozess gemacht. [Der Spiegel, 08.05.2010 (online)]
Nach Angaben der Kampagne [gegen Wehrpflicht] wurden über 46.000 Todesurteile wegen Wehrkraftzersetzung, Desertion und Kriegsdienstverweigerung während des nationalsozialistischen Regimes ausgesprochen und mindestens 20.000 Urteile vollstreckt. [die tageszeitung, 21.07.1998]
Regimekritische Äußerungen oder Witze über Repräsentanten des Regimes (Flüsterwitz) wurden als »Heimtücke« verfolgt. Während des Krieges konnte dies ebenso wie Zweifel am Endsieg als Wehrkraftzersetzung oder wie das Abhören ausländischer Sender als Rundfunkverbrechen mit dem Tode bestraft werden. [Eiber, Ludwig: Verfolgung. In: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1997], S. 676]
Daß die Bundeswehr sowohl den Angriffs‑ als auch den Bürgerkrieg probt, ist längst kein Geheimnis mehr. Wer jedoch darüber aufklärt und dagegen agitiert, muß neuerdings wieder damit rechnen, vor Gericht gestellt und abgeurteilt zu werden. Wegen Wehrkraftzersetzung. [konkret, 2000 [1988]]
Ein Delikt, das in Deutschland noch aus der Kriegszeit her in Erinnerung ist, in Frankreich aber bisher […] ein papierenes Dasein im Strafgesetzbuch fristete, ist mit dem Krieg in Algerien zu einer beängstigenden Wirklichkeit geworden: die Wehrkraftzersetzung. [Der Spiegel, 02.05.1956]

letzte Änderung:

Zitationshilfe
„Wehrkraftzersetzung“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Wehrkraftzersetzung>.

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