Widerspruch, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum) · Genitiv Singular: Widerspruch(e)s · Nominativ Plural: Widersprüche
Aussprache
WorttrennungWi-der-spruch
Grundformwidersprechen
Wortbildung mit ›Widerspruch‹ als Erstglied: ↗Widerspruchsgeist · ↗Widerspruchsverfahren · ↗Widerspruchverfahren · ↗widerspruchsfrei · ↗widerspruchslos · ↗widerspruchsvoll · ↗widersprüchig · ↗widersprüchlich
 ·  mit ›Widerspruch‹ als Letztglied: ↗Grundwiderspruch · ↗Hauptwiderspruch · ↗Klassenwiderspruch · ↗Scheinwiderspruch
eWDG, 1977

Bedeutungen

1.
Gegensatz, etw. Unvereinbares, nicht Übereinstimmendes
Beispiele:
das ist ein krasser, unlösbarer, tiefer, schreiender, unüberbrückbarer, schroffer Widerspruch
es besteht ein Widerspruch zwischen seinem Reden und Handeln, zwischen Worten und Taten, Gefühl und Verstand
in diesem Punkt, hierin befindet er sich in (stärkstem) Widerspruch zu mir
jmd. befindet sich in, im Widerspruch zu seiner Umwelt
ein logischer Widersprucheine gedankliche Verknüpfung logischer Gegensätze, die Verbindung einer Aussage und ihrer Negation
Beispiele:
der Satz vom Widerspruch
Nicht alles, was keinen logischen Widerspruch aufweist, ist auch vernünftig [PlanckWeltbild9]
DDR, Marxismus
Beispiele:
ein dialektischer Widerspruch (= die Einheit von Gegensätzen, die sich gleichzeitig gegenseitig ausschließen und einander bedingen)
ein antagonistischer (= unversöhnliche gesellschaftliche Gegensätze ausdrückender) Widerspruch
zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, Bourgeoisie und Proletariat besteht ein antagonistischer Widerspruch
die antagonistischen Widersprüche im Kapitalismus verschärfen sich, spitzen sich zu
etw. steht zu, mit etw. in, im Widerspruchetw. stimmt mit etw. nicht überein, bildet zu etw. einen Gegensatz
Beispiele:
diese Verhandlungsergebnisse stehen in, im Widerspruch zu den Forderungen
wie er jetzt handelt, steht in, im Widerspruch zu dem, was er versprochen hat
das steht im Widerspruch zum Gesetz (= ist gesetzwidrig)
sich in Widersprüche verwickelnsich in entgegengesetzte Aussagen verwickeln
Beispiel:
der Angeklagte verwickelte sich in Widersprüche
2.
Äußerung, mit der jmd. der Meinungsäußerung eines anderen entgegentritt, um sie zu widerlegen, abzulehnen, mit der jmd. Widerstand leistet
Beispiele:
er verträgt, duldet keinen Widerspruch
keinen Widerspruch zulassen
er nahm alles ohne Widerspruch hin
jeden Widerspruch zurückweisen
das reizt (ja geradezu) zum Widerspruch, fordert jmdn. zum Widerspruch heraus
auf empörten, harten, heftigen Widerspruch stoßen (= keine Zustimmung finden)
der Vorschlag wurde ohne Widerspruch angenommen
erhebt jmd. Widerspruch dagegen?
Einspruch, Protest
Beispiele:
der anfangs energische Widerspruch (während des Vortrags) ist allmählich verstummt
die Mutter reizte den Widerspruch (= Widerspruchsgeist) ihrer Tochter
Heftigen Widerspruch bemerkte ich nur an dem Abend, als Anatol France genannt wurde [H. MannZeitalter266]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

wider · wieder · zuwider · widerlich · widern · erwidern · widrig · Widerhall · widerlegen · widerrufen · widerspenstig · widersprechen · Widerspruch · widerstehen · Widerstand · widerwärtig · Widerwille · widerwillig
wider Präp. ‘gegen, entgegen’. wieder Adv. ‘zurück, abermals, erneut’, mit konjunktionalem Charakter ‘umgekehrt, hingegen, anderer-, seiner-, ihrerseits’ Die seit dem 17./18. Jh. durch gelehrte Regelung orthographisch geschiedenen Wörter haben eine gemeinsame Herkunft. Ahd. widar Präp. ‘(ent)gegen, wider’ (8. Jh.), widar(i) Adv. ‘entgegen, zuwider, zurück, wiederum, abermals’ (um 800), mhd. wider (md. auch widder, weder) Präp. ‘gegen, wider’, wider(e) Adv. ‘(ent)gegen, zuwider, zurück, abermals’, asächs. wiðar Präp. ‘gegen, wider’, Adv. ‘zurück’, mnd. wed(d)er Präp. ‘gegen, wider’, wedder Adv. ‘zurück, abermals, wiederum, entgegen’, mnl. nl. weder, weer Präp. ‘wider, gegen’, Adv. (mnl. auch wēdere) ‘zurück, wieder, gegen’, afries. wither, aengl. wiþer Präp. Adv. ‘gegen’, anord. viðr Präp. ‘bei, gegen, wider’, got. wiþra Präp. ‘gegen, gegenüber’ (germ. *wiþra-) sind wie aind. vitarám ‘weiter, ferner’, awest. vītarəm ‘seitwärts’, vītara- ‘der seitlichere’ Bildungen mit dem Suffix ie. -tero-, setzen also ie. *u̯itero- voraus. Dessen Grundlage ie. *u̯ī̌- ‘auseinander’ findet sich in aind. ‘auseinander, abgetrennt, weg, fort’, awest. vī-, vi-, vy- ‘auseinander, abseits, entgegen’ und in den Weiterbildungen lit. vìsas ‘alle’, aslaw. vьsь, russ. ves’ (весь) ‘all, ganz’ (d. i. ‘nach allen Seiten auseinandergegangen’), lat. vitium (aus *u̯itiom) ‘Fehler, Gebrechen’. Neben den oben angeführten, germ. *wiþra- entsprechenden Bildungen stehen in einigen germ. Sprachen Kurzformen wie asächs. wið Präp., aengl. wiþ Präp., anord. við Präp., die sich in den modernen Sprachen durchgesetzt haben, vgl. engl. with Präp. ‘mit’, schwed. vid Präp. ‘bei, an, neben, auf’, zeitlich ‘gegen’, Adv. ‘etwa, ungefähr’. Die Bedeutungsentwicklung geht aus von räumlich verstandenem ‘auseinander, (ent)gegen’. Die Präposition steht daher für ‘gegen’ (räumlich, dann besonders im Sinne des feindlichen Entgegenwirkens, des Widerstandes) und für ‘im Gegensatz, im Widerspruch zu’; das Adverb steht für ‘zurück’ (d. h. ‘der eingeschlagenen Richtung entgegen’), woraus im zeitlichen Sinne ‘abermals, wiederum’. Alle Verwendungsweisen sind bereits im Ahd. entwickelt. In der Art einer adversativen Konjunktion ‘umgekehrt, hingegen, andrerseits’ (bereits bei Notker) wird wi(e)der besonders in neuerer Zeit gebräuchlich (er war freundlich, dann wieder unausstehlich). Adverbieller Gebrauch im Sinne von ‘(ent)gegen’ (der Wind war jnen wider, Luther) ist erhalten in der Erweiterung zuwider Adv. Präp. ‘entgegengesetzt, feindlich, widerwärtig’ (16. Jh.) und in zahlreichen Verbalkomposita (s. unten). widerlich Adj. ‘ungünstig, schlecht, unangenehm, abstoßend’ (17. Jh.), älter ‘gegnerisch, feindlich’ (16. Jh.). widern Vb. ‘zuwider, unangenehm sein, anwidern’ (17. Jh.), älter ‘zuwider-, entgegenhandeln, ablehnen, unterbinden, sich weigern, widerstreben’, ahd. widarōn, widaren ‘zurückweisen, ablehnen, zu verhindern suchen, sich weigern’ (8. Jh.), mhd. wider(e)n ‘zuwider machen, verleiden, sich widersetzen, rückgängig machen, zurückweisen, verschmähen, vergelten’. erwidern Vb. ‘entgegnen, antworten, reagieren’, mhd. erwideren ‘entgegnen, antworten, ersetzen’, ahd. irwidarōn ‘zurückweisen, verwerfen, mißbilligen’ (9. Jh.). widrig Adj. ‘ungünstig, unangenehm, Widerwillen erregend’, spätmhd. widerig. Widerhall m. ‘reflektierter Schall, Echo’, spätmhd. widerhal. widerlegen Vb. ‘nachweisen, daß etw. nicht zutrifft, etw. als falsch erweisen’ (16. Jh.), mhd. widerlegen ‘erstatten, ersetzen, wiedergutmachen, vergelten, umbiegen, umlegen, Widerstand leisten’. widerrufen Vb. ‘eine Aussage zurücknehmen’, mhd. widerruofen, -rüefen ‘ab-, zurückrufen, zurücknehmen, absetzen, widerlegen’. widerspenstig Adj. ‘widersetzlich störrisch’ (Ende 15. Jh.), nach voraufgehendem mhd. widerspene, widerspān, -spæne; vgl. mhd. span und widerspān ‘Streitigkeit, Zerwürfnis’, eigentlich ‘(gegenseitige) Spannung’, zu der unter ↗spannen (s. d.) dargestellten Wortgruppe. widersprechen Vb. ‘das Gegenteil vertreten, sich gegen etw. äußern’, ahd. widarsprehhan (10. Jh.), mhd. widersprechen ‘sich mit Worten gegen etw. wenden’; seit dem 17. Jh. auch ‘im Gegensatz stehen, nicht übereinstimmen, sich entgegenstehen’. Widerspruch m. ‘Einwand, Protest, (logische) Unvereinbarkeit’ (15. Jh.). widerstehen Vb. ‘Widerstand leisten, einer Neigung nicht nachgeben, zuwider, unangenehm sein’, ahd. widarstān, -stēn (8. Jh.), -stantan (9. Jh.), mhd. widerstān, -stēn. Widerstand m. ‘Gegenwehr, Weigerung, Behinderung’, mhd. widerstant; im Plural ‘Hemmungen, Hindernisse’ (18. Jh.); Widerstand leisten (18. Jh.), passiver Widerstand (Mitte 19. Jh.), nach engl. passive resistance. widerwärtig Adj. ‘abstoßend, unangenehm, ungünstig’, ahd. widarwertīg, -wartīg ‘feindlich, feindselig, entgegengesetzt, ungünstig’ (um 900), mhd. widerwertic, -wartic ‘entgegenstrebend, -gesetzt, widersetzlich, feindlich, unangenehm, zuwider’; zur Herkunft des Grundworts s. ↗-wärts. Widerwille m. ‘Widerstreben, Abneigung’, mhd. widerwille ‘Zwist, Auflehnung, Unannehmlichkeit, Ungemach’. widerwillig Adj. ‘ungern, widerstrebend’, frühnhd. auch ‘sich auflehnend, feindlich entzweit’ (15. Jh.); vgl. mhd. widerwillicheit.

Thesaurus

Synonymgruppe
Gegensätzlichkeit · ↗Unvereinbarkeit · Widerspruch  ●  ↗Antinomie  fachspr. · ↗Falsum  fachspr. · ↗Kontradiktion  fachspr.
Assoziationen
Synonymgruppe
(ein) Aber · ↗Beanstandung · ↗Einspruch · ↗Einwendung · ↗Entgegnung · ↗Gegenargument · ↗Gegenstimme · ↗Protest · ↗Reklamation · ↗Vorbehalt · ↗Widerrede · Widerspruch  ●  ↗Einsprache  österr., schweiz. · ↗Einwand  Hauptform · ↗Rekurs  österr., schweiz. · ↗Intervention  fachspr.
Assoziationen
Linguistik/Sprache
Synonymgruppe
Antinomie · ↗Paradox · ↗Paradoxie · ↗Paradoxon · Widerspruch  ●  Contradictio in adjecto  fachspr., lat. · ↗Oxymoron  fachspr., griechisch
Unterbegriffe
  • Sankt-Petersburg-Lotterie · Sankt-Petersburg-Paradoxon
  • Geburtstagsparadoxon · Geburtstagsproblem
  • Pascalsches Paradoxon · hydrostatisches Paradoxon
  • Drei-Türen-Problem · Monty-Hall-Dilemma · Monty-Hall-Problem · ↗Ziegenproblem
  • Uhrenparadoxon · ↗Zwillingsparadoxon
  • Paradoxa · Paradoxien
  • Condorcet-Paradoxon · Zirkelpräferenz
  • Bildungsparadox · Bildungsparadoxon · Qualifizierungsparadox · Qualifizierungsparadoxon
Assoziationen
Synonymgruppe
Abweichung · ↗Diskrepanz · ↗Misshelligkeit · ↗Missverhältnis · Nichtübereinstimmen · ↗Nichtübereinstimmung · ↗Uneinigkeit · ↗Ungereimtheit(en) · ↗Unstimmigkeit(en) · ↗Unterschied · ↗Verschiedenheit · Widerspruch · ↗Widersprüchlichkeit(en)  ●  ↗Inkonsistenz  geh.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Aussage Bescheid Ungereimtheit auflösen dulden einlegen eklatant entschieden erheben ernten erregen heftig herausfordern hervorrufen inner krass offenkundig offensichtlich provozieren regen reizen scharf scheinbar stehen stoßen unauflösbar unlösbar verstricken verwickeln voll

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Widerspruch‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

In Frankreich war es zur Entwicklung des Landes in Widerspruch geraten.
Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 148
Jetzt klärt sie vor der Presse den vermeintlichen Widerspruch auf.
Die Zeit, 11.03.1988, Nr. 11
Das ist ein Widerspruch, den ich hier gern aufgeklärt haben möchte.
Berliner Tageblatt (Morgen-Ausgabe), 11.03.1924
Übrigens hat sich auch die religiöse Erkenntnis dem Satz des Widerspruchs unterzuordnen.
Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. In: Geschichte der Philosophie, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1913], S. 7698
Kaum braucht aber auf den offenen Widerspruch gegen die vorigen Bestimmungen noch aufmerksam gemacht zu werden.
Natorp, Paul: Platons Ideenlehre. In: Philosophie von Platon bis Nietzsche, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1903], S. 6067
Zitationshilfe
„Widerspruch“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Widerspruch>, abgerufen am 21.03.2019.

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